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Van Marwijk: “Die Situation ist schlecht”

25. September 2013

Die gute Phase begann für Oliver Kreuzer schon früher. Seit seinem ersten Treffen mit Bert van Marwijk am vergangenen Mittwoch war er sich sicher, dass er den neuen Trainer gefunden hatte. Ebenso van Marwijk, der sich von einer SMS seines Beraters am vergangenen Sonnabend sogar so in die Irre hatte führen lassen, dass er frühzeitig seinen Wechsel nach Hamburg bekanntgab. „Ich habe um 20 Uhr eine SMS bekommen. Er hat mir geschrieben, dass sich der Aufsichtsrat am Mittag vor dem Spiel gegen Werder Bremen getroffen hatte und alles klar ist. Und wenn alles klar ist, ist alles klar – dachte ich“, so der sichtbar gut aufgelegte Bert van Marwijk heute bei seiner Präsentation. Und während der neue HSV-Cheftrainer die Lacher der gefühlt 1000 Journalisten im seit ewiger Zeit mal wieder prall gefüllten HSV-PK-Raum auf seiner Seite hatte, runzelte Kreuzer die Stirn. Mit einem Lächeln im Gesicht sagte er: „Als ich am Sonntag davon gehört habe, habe ich mir schon Gedanken gemacht. Es war ja noch nichts fix. Irgendwie passte das ja rein“, so der Sportchef anschließend.

Rein in die bisherigen Chaos-Tage beim HSV, meinte Kreuzer. Dabei sollen genau die mit der Verpflichtung des knorrigen, erfahrenen, deutsch sprechenden und Bundesliga kennenden Holländers ad acta gelegt werden. „Er wird hier keine Wunder vollbringen“, warnt Kreuzer vor zu hohen Erwartungen. Der Niederländer selbst jedoch freut sich fast darüber, gleich von Beginn an in Hamburg unter Druck zu stehen. „Ich freue mich über Druck. Druck ist gut für die Motivation.“ Allerdings habe er bei diesem HSV zunächst andere Prioritäten. Sein Assistent Roel Coumans (BvM: „Er ist vielseitig, war ein guter Profi, ein Physio, ein Cotrainer und Videoanalyst“) soll in den nächsten Tagen Psychotests mit den Spielern machen, van Marwijk selbst wolle zunächst alles etwas beobachten, ehe es am Donnerstag in einem Geheimtraining um taktische Finessen geht. Welches System er bevorzugt? „Ich spiele das System, das die Qualität der Mannschaft hervorgibt. Ich präferiere das 4-3-3-System, aber ich fand die Aufstellung gegen Fürth gestern schon sehr gut. Kompliment an den Trainer.“

An Cardoso und Otto Addo, die heute schon wieder die U23 trainieren. „Er hat seine Sache richtig gut gemacht“, lobte auch Kreuzer Cardosos zweite Interimsphase in der der einstige Mittelfeldregisseur endlich seinen ersten Heimsieg einfahren konnte. Gegen Fürth habe Kreuzer vor allem die Aufstellung gefallen. Insbesondere, weil Hakan Calhanoglu dabei war. „Ich habe immer gesagt, dass Hakan den Unterschied machen kann.“ Ob er das zuletzt auch gegenüber Fink gesagt hatte? Kreuzer überlegt kurz, zuckt mit den Achseln und legt lieber in Sachen Komplimente nach: „Hakan hat gezeigt, was er kann – und zugleich, was er nicht ist. Er ist kein klassischer Zehner, eher einer, der über die außen kommt, der mit seinen Szenen Spiele verändert. Wie gegen Fürth. Vor dem Tor, das durch seinen Freistoß fiel, hätte er uns fast schon in Führung gebracht mit einem Freistoß an den Pfosten. Hakan kann extrem wichtig für uns werden. Wenn wir ihn richtig einsetzen.“

Zumal ein Rafael van der Vaart nicht jünger wird. Und nicht lauter. Denn einmal dabei, fuhr Kreuzer direkt Wort, Aufklärung zu betreiben: „Rafael ist ein Spieler, der positiv auffällt, wenn eine Mannschaft gut spielt.“ Worte, die van Marwijk eins zu eins bestätigte. Der Niederländer hatte zuletzt 2010 als damaliger Bondscoach van der Vaart in seiner Mannschaft. Einen Disput von damals haben beide inzwischen beigelegt und van Marwijk und van der Vaart freuen sich aufeinander. „Rafael ist ein Liebhaber“, sagt van Marwijk – und wieder hatte der neue HSV-Trainer die Lacher auf seiner Seite – „des Fußballs“, legte der Coach später nach. „Ich mag solche Spieler. Aber wenn es nicht gut läuft in einer Mannschaft ist es schwer für solche Spieler“ Kreuzer ergänzte: „Er ist eben nicht der, der den Hebel umlegt und vorwegmarschert, wenn es nicht läuft. Bei ihm kommt es darauf an, seine Qualitäten herauszukitzeln. Und dafür ist ein Bert van Marwijk sicher nicht falsch bei uns.“

Hoffentlich.

Wobei van Marwijk bei seinem ersten Auftritt einen wirklich guten Eindruck machte. Er wirkte gefasst, nicht zu euphorisch und dabei immer so, als hätte er sich schon etwas länger mit dem HSV beschäftigt. Und er analysierte die Situation deutlich: „Die Situation ist nicht gut. Sie ist sogar schlecht. Wir sind 16. und haben die meisten Gegentore. Das erste Spiel am Sonnabend wird für uns und für mich ganz wichtig sein. Da gewinnen, nur das ist mein kurzfristiges Ziel. Jetzt von Platz eins bis sechs zu reden geht eh nicht.“ Obgleich auch er den HSV mittelfristig dort oben ansiedelt sieht van Marwijk andere Dinge im Vordergrund: „Es kann nur darum gehen: wir müssen da unten weg. Schnell.“

Weg ist per sofort auch Patrick Rahmen. Der Cotrainer von Thorsten Fink wird nicht übernommen von van Marwijk. Dafür aber der Rest des Trainer- und Betreuerteams, zu dem van Marwijk dem Vernehmen nach auch Andy Möller holen wollte. Ob das stimmt? „Ja, ich kenne Andy“, so van Marwijk, „und ich hätte ihn gern dabei gehabt. Aber der Verein hat mir gesagt, dass das im Moment nicht geht.“ Aus finanziellen Gründen, so eine Erklärung, die van Marwijk wenigstens für die fernere Zukunft noch hoffen lassen. Ebenso wie auf seinen Schwiegersohn Mark van Bommel. Warum er den Ex-Bayern-Profi nicht im Schlepptau hat? „Er will noch ein Jahr nichts machen, dann seinen Trainerschein machen. Vielleicht kommt er ja in ein paar Jahren. Dann ja vielleicht schon mit Andy zusammen…“ Wobei die Wahrscheinlichkeit gen null tendiert, dass es so kommt.

Kommen wird der nächste Gegner. Und das etwas schneller als es van Marwijk recht ist. Der Niederländer hätte gern ein paar mehr Tage Zeit gehabt, um sich an die Mannschaft zu gewöhnen, in sie reinzuhören. Auch in die vier Aussortierten. Gut möglich, dass der eine oder andere Verbannte wieder zur Mannschaft stößt. „Es war Berts ausdrücklicher Wunsch, den wir ihm zugestanden haben“, so Kreuzer, der ein Comeback der Geächteten zuvor kategorisch abgelehnt hatte, sogar gegen den Wunsch von Fink. „Es heißt nicht, dass sie wieder dabei sind“, so Kreuzer, „aber es kann passieren.“

Und so sehr ich mich für die Spieler freue, so sehr wundert mich diese Entscheidung. Immerhin war es auch vorher nicht der Trainer, der die Spieler aussortiert hatte sondern Kreuzer, der aus Prinzip auf die Einhaltung seiner Ansage bestanden hatte. „Ein neuer Trainer hat neue Vorstellungen“, so Kreuzers Erklärung, weshalb er von seinem Prinzip abrückt, „und auf die werden wir eingehen.“ Aha.

Nun denn, gut für Rajkovic, Mancienne, Kacar und Tesche. Wobei ich hier eine Wette halten würde, dass van Marwijk lediglich Rajkovic (sobald er fit ist), den er schon aus dessen Zeit in Holland kennt, begnadigen wird. Auch ein Mancienne ist noch im Bereich des Vorstellbaren – die zwei anderen eher nicht.

Interessant auch, weil entscheidend für dessen Verbleib in Hamburg wird sein, wie van Marwijk mit Artjoms Rudnevs umgeht. Der Lette, letzte Serie immerhin mit zwölf Treffern der beste HSV-Schütze neben dem Neu-Leverkusener Heung Min Son, spielte zuletzt weder bei Fink noch bei Cardoso eine große Rolle. Und es steht für ihn fast zu befürchten, dass das zunächst einmal so weitergeht. Immerhin lobte van Marwijk die Startelf-Auswahl Cardosos.

Zurecht, wie ich finde. Denn neben der Hereinnahme Calhanoglus war auch die Kombination des Deutsch-Türken links mit Beister über rechts, Lasogga im Sturm-Zentrum und van der Vaart dahinter belebend, wie ich fand. „Wir haben offensiv schon eine Schritt nach vorn gesehen“, lobte Kreuzer, den das nicht verwundert hatte. Und auch van Marwijk scheint an der Formation nicht viel verändern zu wollen. „Eigentlich spiele ich am liebsten ein 4-3-3-System“, so der Trainer, „ich mag offensiven Fußball, aber ich will eine Ordnung erkennen können.“ Das umzusetzen sei eine besonders große Herausforderung für den Trainer, der unter dem zaghaften Applaus der rund 400 Trainingskiebitze heute um 15.04 Uhr das erste Mal den HSV-Trainingsplatz an der Imtech-Arena betrat. „Gut. Es ist ein gutes Gefühl“, so die Antwort van Marwijks auf die Frage eines Fans, wie er sich gerade fühle.

Ich persönlich fühle mich ganz gut. Endlich mal wieder. Weil van Marwijk einen stabilen Eindruck macht und damit der fragilen HSV-Mannschaft vielleicht genau die Sicherheit verleihen kann, die fehlte. Den gut und verdient herausgespielten Sieg gegen Fürth im Rücken könnte das funktionieren. Besser, als ich es noch in der vergangenen Woche befürchtet hatte…

Nachdem heute 72 Minuten locker mit den Ersatzleuten trainiert wurde, ist morgen Geheimtraining. So geheim, dass auch wir nicht rein dürfen. Das ist ärgerlich für uns – aber ganz ehrlich: Ich find es gut, weil es gut ist für die Mannschaft.

Mehr als Okay ist für mich die Besetzung der „Matz-ab-live-Couch“ im Champs am Sonnabend. Dort treffe ich (leider noch ohne Dieter) auf die beiden Profis Sven Neuhaus und Dennis Diekmeier. Sendebeginn ist um 20.30 Uhr, also 15 Minuten nach dem ersten Auswärtssieg der Saison…

In diesem Sinne, hoffen wir, dass der übliche Effekt bei Trainerwechseln in Hamburg greift, van der Vaart zumindest sportlich wieder Verantwortung übernimmt, Calhanoglu weiter in der Startelf steht und der HSV samt van Marwijk diesen Enthusiasmus in Frankfurt und danach konservieren kann.

Bis morgen!
Scholle

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