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Die U23 begeistert auf dem Platz – und daneben fast noch mehr

16. November 2014

Sie haben einen Lauf. Und er besonders: Ahmet Arslan ist der Führende in der Scorerliste der Regionalliga Nord. Auch am gestrigen Sonnabend beim 2:2 gegen den VfB Lübeck steuerte er mit der Flanke zum 1:0 von Francis Adomah wieder einen Assist bei. Zufrieden war er aber trotz eines neuen Regionalligarekordes (17 Spiele ungeschlagen gab’s noch nie, wurde mir berichtet) nicht. „Ich war nicht gut. Das war eines meiner schwächeren Spiele für den HSV“, so der Rechtsfuß, den ich heute bei seiner Familie in Lübeck erreicht habe. Mutter kochte gerade Abendbrot, Ahmet wartete auf selbiges. „In Hamburg gibt’s zu Hause in meiner WG nicht wirklich abwechslungsreiches Essen“, lacht der Youngster, der mit seinem U23-Kollegen Ronny Marcos zusammenwohnt. Nudeln seien da schon die fortgeschritteneren Gerichte. Umso wertvoller sind da Heimatbesuche.

Und dafür hat Arslan heute Zeit. Erst am Dienstag geht es wieder ins Mannschaftstraining. „Die Pause tut echt gut“, sagt der Deutsch-Türke nach der intensivsten Woche seiner Karriere, wie er sagt. Zwei Testspiele bei den Profis, ein Laktattest am Montag, zweimal Doppelschichten und am Sonnabend das Spiel gegen starke Lübecker – das schlaucht. „Ich war tatsächlich schon im Spiel nicht mehr so frisch, wie ich es gewohnt war“, so Arslan selbstkritisch. Das liege daran, dass er bei den Profis noch mehr Gas gibt. „Ich habe nie Motivationsprobleme. Aber man will sich bei den Profis natürlich noch mehr profilieren und ist entsprechend noch mal 10 oder 20 Prozent heißer. Leider gab es die Quittung für mich am Sonnabend gegen Lübeck.“ Zum Assist hat’s dennoch gelangt.

13 Tore und 13 Assists – der Bestwert aller Regionalliga-Nord-Kicker. Aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, wenn es nach Arslan geht. Der 20-Jährige hat (s)eine Karriere geplant. Wie der Plan aussieht? „Es gibt einfach keinen. Das ist er. Ich bin einfach kein Überflieger. Wo der eine oder andere mit seinem außergewöhnlichen Talent einige Karrierestufen überspringt, gehe ich langsam die Treppe hoch. Stufe für Stufe. Das dauert zwar länger – aber das Ziel erreiche ich eben nur so.“

Vernünftige Worte, die ich vor vier Jahren von seinem Namensvetter Tolgay Arslan gehört und aufgeschrieben habe. Insgesamt war ich sehr erstaunt, wie bodenständig und vernünftig der aktuell gefeierte Rechtsaußen der U23 ist. „Dafür kann ich nichts. Daran sind meine Eltern schuld“, lacht Arslan, der einen steinigen Weg hinter sich hat. „Ich war nie das Toptalent. In keiner meiner Mannschaften. Im Gegenteil, ich hatte früher Übergewicht und war nicht allzu schnell.“ Ein Zustand, den er sichtbar verbessert hat. Mit Sondertraining und einer Menge Disziplin. Aber auch mit viel Hilfe. „Mein Berater ist ein sehr guter Ratgeber, ihm vertraue ich. Als der HSV vor einem Jahr bereits anfragte, hat er gesagt, dass ich das noch nicht packe und lieber mit Lübeck in der Oberliga spielen soll. Und im Nachhinein war das sicher die richtige Entscheidung. Ich habe ein fantastisches Fußballjahr mit dem VfB, wo ich einen ganz wichtigen Schritt hinter mir und habe parallel mein Abi gemacht.“

Über die Durchschnittsnote schweigt Arslan. Aber er hat die schulische Ausbildung erfolgreich hinter sich und just mit seiner mündlichen Prüfung am 18. Juni ging es nach Hamburg. „Ich hatte am selben Tag Trainingsauftakt. Und seither lerne ich jeden Tag mehr über Fußball. Der HSV war und ist für mich die absolut richtige Wahl.“ Dass er jetzt schon bei den Profis mittrainiert sei ein Traum, der war wird. Auf die Pauke hauen will er dennoch nicht. Im Gegenteil, Arslan ist eher der Typ Leisetreter. Vom Aufstieg und Meisterschaft mit der U23 würde er noch nicht reden wollen. Dafür schwärmt er lieber von den hiesigen Bedingungen für junge Talente. „Wir bekommen von allen Seiten nützliche Tipps. Erst von Joe Zinnbauer, der alles andere ist, nur kein Regionalligatrainer. Ihn als Trainer gehabt zu haben und aktuell wieder zu haben, ist ein Glücksfall. Dazu kommen so erfahrene Leute wie Peters, Knäbel, Rahmen und Beiersdorfer, die nichts sagen, was nicht Hand und Fuß hat.“

Nach dem Derbysieg gegen St. Paulis U23 seien Patrick Rahmen, Zinnbauer und Bernhard Peters in die Kabine gekommen, hätten gratuliert. „Und dann gab es noch ein paar Tipps, was wir nach dem guten Spiel noch besser machen können und sollen“, erinnert sich Artslan, „und beim Perspektivspieler-Training taucht der Boss (Peters, Anm. d. Red.) persönlich auf und motiviert uns. Ich weiß von einigen Freunden, die in den letzten Jahren hier gespielt haben, dass das früher nicht so war. Da hörte man immer, der HSV würde Spieler auf einen Haufen schmeißen und so lange sieben, bis ein Talent gefunden ist. Heute hat man in Hamburg einen nachvollziehbaren und für uns alle erkennbaren Plan. So groß wie heute war die Chance noch nie für Talente, sich beim HSV zu entwickeln.“

Mit sieben Jahren zog Arslan zusammen mit seinen Eltern aus Bayern in den hohen Norden nach Lübeck. Er wechselte vom TSV Ottobeuren zu Phönix Lübeck, ehe er mit 17 Jahren in die U19 des VfB Lübeck wechselte. „Auch da musste ich mich gedulden und anderen den Vortritt lassen. Ich habe erst in meinem zweiten A-Jugend-Jahr bei der Liga mittrainieren dürfen. Und da war der VfB in die Oberliga abgestiegen“, so Arslan, der gleich bei seiner ersten Einheit mit den VfB-Profis einen Schlüsselmoment erlebte. „Damals nahm mich ein erfahrener Spieler auf dem Weg zum Trainingsplatz kurz zur Seite und sagte mir: ‚Verpiss dich sofort in die Kabine oder ich trete dich aber sowas von um’. Das werde ich nie vergessen. Zumal er keine fünf Minuten im Abschlussspiel brauchte, um seine Drohung in die Tat umzusetzen. Das war eine schmerzhafte Erfahrung für mich – zumal ich mir eh nie zu schade war, die Bälle und sonstiges Trainingsmaterial zu tragen. Aber sie war auch lehrreich.“

Bei den HSV-Profis sei das allerdings anders gewesen. „Die Spieler hier sind cooler, sie gönnen es uns. Man merkt den Spielern an, dass sie uns helfen wollen. Und dass sie sich für uns freuen, wenn wir gut spielen und trainieren.“ Vor allem sein Namensvetter sei hier hervorzuheben. „Er ist für uns Junge da. Er hilft überall, wo er kann. Als ich ihm von einem guten Freund und HSV-Fan berichtet habe, der im Sommer vor einem Jahr einen tragischen Unfall hatte und seither querschnittsgelähmt ist, hat er sich sofort ein Trikot geschnappt, es unterschrieben und ist mit mir zu ihm gefahren, um es meinem Kumpel zu schenken. Der war völlig baff u d hat sich tierisch gefreut. Aber auch Lewis Holtby ist unfassbar. Vor dem möchte ich den Hut ziehen. Er kommt immer wieder zu uns, spricht viel mit uns. Er gibt uns Tipps und motiviert uns mit Worten wie ‚Macht so weiter! Ihr seid kurz davor, den Durchbruch zu schaffen!’. Das ist schon einmalig, so intensiv und gut hätte ich die Aufnahme oben bei den Profis nie erwartet.“ Motivationsspritzen, die fruchten. „Ich habe immer schon nebenbei geackert, aber hier macht das Schinden auch noch richtig Spaß.“

Ein Jahr hat sich der 20-Jährige ausschließlich dem Fußball verschrieben und sein eigentlich angedachtes Studium der Wirtschaftswissenschaften noch mal ausgesetzt. „Ich will die Zeit nutzen, um noch mehr als sonst zu trainieren. Ich will es hier schaffen“, sagt Arslan und ich muss zugeben, dass mich die U23 nicht nur auf dem Platz begeistert, sondern fast noch mehr daneben. Kapitän Sven Mende und Gideon Jung hatten wir bei uns in der Sendung und beide bestachen mit Sachlichkeit und Bodenständigkeit, während parallel etliche Mannschaftskameraden zusammen die Profis über Großbild verfolgten und dies auch regelmäßig machen. „Wir haben einen sehr guten Teamgeist“, sagt Arslan, „weil wir wissen, dass wir über den Erfolg auch alle einzeln besser zur Geltung kommen. Keiner nimmt sich zu wichtig. Dieses aus Nachwuchsteams oft sehr typische Individualisten-Gehabe gibt es bei uns nicht. Vielleicht ist das einer der Schlüssel zum Erfolg.“

Auf jeden Fall ist zu sehen und herauszuhören, dass sich der HSV im Nachwuchsbereich stark entwickelt. Zumindest auf oberster Ebene. Mit vernünftigen, extrem ehrgeizigen, talentierten und aussichtsreichen Nachwuchsspielern wie Ahmet Arslan, dem ich den Durchbruch tatsächlich gönne.

In diesem Sinne, morgen ist trainingsfrei. Dennoch melde ich mich gegen 19 Uhr wieder bei Euch! Bis dahin!

Scholle

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