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Ein Trainerwechsel mit Geschmäckle…

23. März 2015

Eigentlich müsste man heute mal einen Tag lang nur durchatmen und all das auf sich wirken lassen, was beim HSV so gesagt und entschieden wird. Aber so funktioniert’s leider nicht. Ihr habt Anspruch auf den heutigen Blog. Und der kommt hier, wenn auch ein wenig Skepsis-durchsetzt…

Angefangen hatte alles mit der Niederlage am Freitag. Oder besser: Laut Peter Knäbel mit der 81. Minute. Da sah Cléber gelbrot und das Unheil nahm seinen Lauf. Der HSV verlor, die direkte Konkurrenz gewann und der HSV steht (immerhin noch) auf einem Relegationsplatz. Das sei einer der Gründe gewesen, weshalb man von seinem absolut ernsthaften angenommenen Plan, an Zinnbauer bis mindestens Saisonende festzuhalten, abgewichen ist. Wie fest Knäbel überzeugt gewesen ist? „Ich hatte sogar schon Urlaub gebucht.“ Den muss er jetzt aufschieben. Ebenso wie seine Vieraugen-Gespräche mit den Spielern, deren Verträge im Sommer auslaufen.

Für Abendblatt-Blogs

Die wird an seiner Stelle Dietmar Beiersdorfer führen, was auch besser sei, sagte mir heute ein Kollege. Immerhin gerät Knäbel so nicht in die Konfliktsituation, einem Spieler erst sagen zu müssen, dass es im Sommer nicht weitergeht und ihn im nächsten Moment mit allen seinen Qualitäten für den Abstiegskampf mobilisieren zu müssen. Und ich frage: Wirklich nicht?

Doch!

Denn alle Spieler wissen sehr wohl, dass die Sätze – auch wenn sie von Beiersdorfer ausgesprochen werden – letztlich dennoch die Entscheidungen von Knäbel oder zumindest von beiden zusammen sind. Die Bande, die andere Trainer mit ihren Spielern knüpfen können („Nicht meine Entscheidung, ich hätte Dich sehr gern behalten“), fällt auf jeden Fall weg. Wobei ich mich grundsätzlich über derart klare Verhältnisse freue. Denn eines ist klar: Diese Trainerentlassung trägt viele Namen. Auch die von vielen Spielern. Immer wieder werden Namen genannt, die den Trainer angeblich nicht mehr unterstützt hätten. Leider auch von einigen, die in der Stammelf zu finden sind. Ich werde sie hier natürlich ohne endgültigen Beweis nicht nennen, aber ich werde es auch nicht als allzu unnormal dramatisieren. Denn in einem Profikader herrscht kein Deut mehr Selbstreflexion als in unteren Amateurmannschaften. Von daher ist das Motto: „Wenn der Trainer mich nicht mag, mag ich ihn auch nicht und kritisiere“ nur normal. Nicht gut – aber leider normal. Und dass jemand aktiv in einer Bundesligapartie gegen Zinnbauer gespielt haben könnte, vermag ich nicht zu glauben. Ich möchte es schon gar nicht.

Häufiges Bild in der ersten Einheit auf dem Platz: Peter Knäbel erklärt der versammelten Mannschaft, was er erwartet

Häufiges Bild in der ersten Einheit auf dem Platz: Peter Knäbel erklärt der versammelten Mannschaft, was er erwartet

Wie sich die Mannschaft letztlich unter Knäbel verhält, vermag ich nicht zu beurteilen. Auch nicht, wie Knäbel öffentlich angenommen wird. Was man alles liest und hört lässt Böses erahnen. Demnach gab es tatsächlich selten einen Trainerwechsel, der weniger Mut machte. Auch die PK heute konnte nicht restlos vom Gegenteil überzeugen. Peter Knäbel ist zwar zweifellos ein ausgewiesener Fachmann, der als Fußballlehrer mit allen fachlichen Zutaten für den Trainerposten ausgerstattet ist – allein seine praktische Umsetzung kennt keiner wirklich. Und während Jimmy Hartwig dem NDR heute ein Interview gab, indem er sich und seine 83er Kollegen mal vollmundig mit den Worten vertrat, man würde sich für diesen HSV nur noch schämen, kam von Ottmar Hitzfeld eine weitaus dezidiertere Meinung. Der ehemalige Schweizer Nationaltrainer hatte mit Knäbel zuletzt erfolgreich für den Schweizer Fußballverband zusammengearbeitet und gegenüber Sky gesagt: „Es ist ein hohes Risiko, dem Knäbel sich unnötig aussetzt. Er ist glaubwürdig und kann argumentieren. Er hat eine hohe Fachkompetenz, doch ich habe ihn nie als Trainer erlebt. Ich weiß nicht, wie er gegenüber der Mannschaft auftritt, wie er die Taktik bespricht. Er kann sicher die Theorie perfekt, doch die Frage ist, wie er es praktisch umsetzt.“

Und damit hat er recht.

Denn obwohl Dietmar Beiersdorfer heute eine Jobgarantie aussprach („Peter wird auch in der kommenden Saison unser Direktor Profifußball sein“), wäre auch Knäbel mehr als angeschlagen, wenn er die Mannschaft als erster Trainer der Vereinsgeschichte in die zweite Liga führte. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass Knäbel den Kader für den Wiederaufstieg ohne jeglichen Widerstand aus den eigenen Reihen zusammenbasteln dürfte. Aber okay, ich halte es da mal mit Dietmar Beiersdorfer, der heute betonte, den Begriff „Zweite Liga“ gar nicht erst in den Mund nehmen zu wollen und setze auf den Klassenerhalt.

In Leverkusen wird sich zum ersten Mal zeigen, ob der Trainerwechsel mindestens kurzweiligen Erfolg mit sich bringt. Wie der zustande kommt – völlig egal. Hauptsache er kommt. Mir wäre dann sogar egal, dass ich die Logik des Vorstandes nicht nachvollziehen kann. Zuletzt wurde immer wieder betont, wie nah man mit Zinnbauer zusammenarbeiten würde, was für ein tolles Team man miteinander darstellte. Knäbel besprach sich vor jedem Spiel mit dem beurlaubten HSV-Trainer, während Peters als Zinnbauers persönlicher Coach galt. Dass man auf der einen Seite aber Patrick Rahmens Beurlaubung mit der Nähe zu Zinnbauer und dem gewünschten „klaren Schnitt“ begründet und zeitgleich einen anderen, ebenso Nahestehenden zum Chef macht – ich kann es nur so deuten, dass die passende Alternative von außen fehlte. Ich befürchte wie so einige im Umfeld, dass sich der HSV von dem Wunsch leiten ließ, im Sommer vielleicht doch noch Wunschtrainer Thomas Tuchel holen zu können. Und für vorerst acht Spiele wollte sicher keiner übernehmen. Zumal sich das Tuchel-Gerücht auch außerhalb Hamburgs bereits herumgesprochen hat.

 

Kurz vor seiner Rückkehr: Marcelo Diaz (l.) mit Rehatrainer Markus Günther

Kurz vor seiner Rückkehr: Marcelo Diaz (l.) mit Rehatrainer Markus Günther

 

Dieser Trainerwechsel hat zweifellos Geschmäckle. Auf der einen Seite betonen alle Beteiligten, dass jetzt vor allem Mut zu Entscheidungen gefordert ist, auf der anderen Seite wirkt diese Trainerentscheidung – wie die für Slomka zu Saisonbeginn und zuletzt auch für Zinnbauer – eher wie eine Kompromisslösung. Und ich kann nur hoffen, dass sich Peter Knäbel, der von seinen Vorstandskollegen und Bernhard Peters gefragt wurde, nicht selbst überschätzt hat und der Nächste in einer unendlich scheinende Reihe gescheiterter HSV-Trainer wird.

Dafür gilt von meiner Seite: Erst anschauen, wie gearbeitet wird – dann beurteilen. Peter Knäbel ist der neue Trainer – und das wird sich jetzt auch nicht mehr ändern. Von daher gilt: Knäbel muss von uns allen eine faire Chance bekommen, das zu zeigen, was er heute ankündigte.

Heute im Training unterbrach Knäbel oft, versammelte die verbliebenen Nicht-Nationalspieler um sich herum und erklärte, was er sehen wollte. Ein Stilmittel, das alle neuen Trainer anwenden, um sich der Mannschaft auch praktisch vorzustellen. Mutiges, schnelles Spiel nach vorn stand dabei auf dem Plan. In einer vorgegebenen Zeit sollten die Angriffe abgeschlossen werden – beginnend beim Keeper. Am Ende stand dann noch eine kleine Spaßgeschichte mit Elfmeterschießen und Liegestütze als Strafe für die Verlierer an. Nach 87 Minuten war Schluss. Morgen geht es um zehn Uhr mit einem Laktattest weiter. Um 14 Uhr wird auf dem Platz trainiert.

Ebenfalls weiter geht auch die Suche nach einem neuen Cotrainer. In den nächsten Tagen, so könnt Ihr es auf dem PK-Video hören, soll der neue Assistent von Knäbel präsentiert werden. Zlatan Bajramovic schaute sich heute Nachmittag zwar das Training an, ist aber nicht im Gespräch. Ebenso wenig wie Marc Fascher, der heute zufällig auf der Geschäftsstelle auftauchte. Auch der ehemalige Hamburger Amateur- und heutige RWE-Trainer ist daher kein Thema – außer bei seinem aktuellen Arbeitgeber, wo er nicht sonderlich wohl gelitten ist und durch den zeitlich eher unglücklichen gewählten Besuchstermin beim HSV ganz sicher nicht beliebter geworden ist, wie nachzulesen ist.

 

Und obwohl ich (fast) alles geschrieben habe, was mach belastet, habe ich irgendwie Magenschmerzen, wenn ich an den Rest der Saison denke. In diesem Sinne hoffe ich, dass mir Peter Knäbel diese in den nächsten Tagen nehmen kann.

Scholle

P.S.: Joe Zinnbauer , Patrick Rahmen und die HSV-Führung haben sich übrigens darauf verständigt, in zwei Wochen noch einmal zu sprechen. Dabei soll es auch darum gehen, ob Zinnbauer wieder in seine alte Rolle als Cheftrainer der U23 zurückkehrt. Sowohl Verein als auch Zinnbauer und Rahmen erbaten sich dafür eine entsprechende Bedenkzeit.

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