Archiv für das Tag 'Pegelow'

Im Angebot: Wüste oder Achterbahn

5. Januar 2013

„Na, Herr Matz . . .“ So begrüßte mich der Kollege Kai Schiller am Handy, als ich ihn heute in Abu Dhabi anrief. Die Medien-Kollegen saßen gerade im Bus und wurden zum zweiten Training gefahren. Als der eine oder andere Journalist mitbekommen hatte, mit wem Kai Schiller da telefoniert, wurde im Bus sofort gesungen. Wieso, weshalb, warum? Und vor allem was? Das erzähle ich in dieser kleinen und nun folgenden Geschichte, die wohl so schnell nicht in Vergessenheit geraten wird. Es war im Januar 2007, HSV-Trainer war (in seinen letzten Wochen) Thomas Doll. Wir Journalisten saßen in einem kleinen Bus, der uns beim Trainingslager in Dubai zum Training kutschierte. Es hatte sich mit den Tagen so ergeben, dass jeder im Bus stets auf seinem Platz saß. Ich zum Beispiel nahm immer hinten links, ganz in der Ecke meinen Sitz ein. Bei jeder Tour. Nur einmal nicht. Da setzte ich mich vorne neben den Fahrer. Weil ich am Tag zuvor von „Hamburg 1“ gebeten worden war, ein paar Takte zum Trainingslager im Frühstücksfernsehen zu erzählen. Ich wartete also während der Fahrt auf den Anruf aus Hamburg, und in dieser Zeit begann der Kollege Lars Pegelow damit, sich laut darüber Gedanken zu machen, „warum der Matz auf einmal ganz vorne sitzen“ würde? Er grübelte und grübelte, bis ich den Anruf von „HH1“ erhielt. Da fiel es dem Kollegen Pegelow wie Schuppen aus den Haaren: „Dieter Matz ist live auf Sendung, bei welchem Sender auch immer.“ Und das war dann das Zeichen. Es wurde von einer Sekunde zur anderen lautstark gesungen. Alle im Bus grölten munter drauf los, nur der Fahrer und ich nicht: „Dieter Matz ist homosexuell, homosexuell, homosexuell. Dieter Matz ist homosexuell . . .“ Immer und immer wieder. Und so laut wie es nur ging. Der Moderator in Hamburg bemerkte zwischendurch: „Mensch, Herr Matz, bei ihnen im Bus herrscht ja eine Super-Stimmung.“ Ich zu ihm: „Ja, das ist immer so, das ist hier wie ein Schulausflug der fünften Klasse . . .“ Ja, ja, die lieben Kollegen. Nein, im Ernst, sie sind schon in Ordnung. Und man muss ja auch mal über sich selbst lachen können.

Als Kai Schiller aber heute im Bus meinen Namen nannte, da wurde – natürlich – sofort wieder gesungen: „Dieter Matz ist homosexuell . . .“
Ja, das ist man nun ganz weit weg von der Front, und doch allgegenwärtig, so kann es gehen. Die damalige Busfahrt vom Januar 2007, ich schrieb es bereits, wird wohl so schnell nicht in Vergessenheit geraten.

So, zum Fußball von heute. Wobei ich mich bei allen, die kein Verständnis für die nun eingangs geschilderte Geschichte haben, schnell und in aller Form entschuldigen möchte. Es wird in Abu Dhabi, so hatte es Thorsten Fink ja vorher angekündigt, fast alle mit dem Ball gemacht (Standards allerdings wurden bislang noch nicht geübt!). Spielerisch und taktisch wird viel gemacht – und am Nachmittag gab es auch ein langes Spiel, das 40 Minuten dauerte. Und das für alle Zuschauer, inzwischen sind auch zehn VIP-Fans des HSV in Abu Dhabi eingetroffen, sehr schön anzusehen war. Es ging heftig zur Sache, da wurde sich nichts geschenkt. Es war allerdings nicht erkennbar, wer nun im A- und wer im B-Team spielte, es war bunt durcheinander gewürfelt.

Am Ende stand ein 2:0 für das „Team Orange“ fest. Artjoms Rudnevs hatte einen Elfmeter (!) verwandelt, und als Heiko Westermann Zweikampfsieger gegen Rafael van der Vaart geblieben war, zog der Kapitän mit dem Ball auf und davon und schoss ihn aus rund 18 Metern flach ins Netz – eine sehr schöne Aktion, ein sehr schöner Schuss.
Bei der Gewinner-Mannschaft gefiel meinem Kollegen Schiller besonders Ivo Ilicevic, über den sehr viel lief, der die Fäden fest und gut in der Hand hatte. Dazu konnte auch Neuzugang Valmir Nafiu (oder auch Nafju – wie ihn zwei Kollegen schreiben würden!) gefallen, der viele gute und sehr gute Szenen hatte. Der Junge (er wurde während des Spiels kurz an den Rand zu Thorsten Fink und zu einem Vier-Augen-Gespräch gebeten) mischt in Abu Dhabi frech, frisch und unbekümmert mit – er macht Spaß.

Wobei ich in diesem Moment an den 30. Dezember denke, als wir in der Mix-Zone in der Arena auf Thorsten Fink warteten. Da trainierte nämlich Nikola Vidovic mit Nafiu allein, beide spielten Fußballtennis. Und als Fink kam, war der Stand der Dinge jener: es hieß 12:1. Für den Co-Trainer. Der ansonsten ja draußen mit Artjoms Rudnevs oft schon Fußballtennis gespielt hat – um die technischen Fähigkeiten des Letten zu verbessern. Mir ist nun aber bislang nicht aufgefallen, dass Nafiu auch ähnliche Probleme in Sachen Technik hat,
sodass die behoben werden müssten. Ich werde es aber weiter beobachten.

Nicht an diesem Trainingsspielchen beteiligt war Maximilian Beister, der wegen (leichter?) Oberschenkelproblemen nur zuschauen konnte. Darüber hinaus fehlte auch Marcell Jansen, der nach seiner Schulter-OP (ausgekugelte Schulter) immer noch ein wenig geschont wird, der noch nicht alle Übungen mitmachen kann – oder auch soll. Ebenfalls nicht mitgespielt hat Petr Jiracek, der aber auch noch nicht mit der Mannschaft trainieren konnte. Der Tscheche läuft nach wie vor oft mit Reha-Coach Markus Günther, und ab und an schnappt er sich auch einen Ball und jongliert damit. Das war es dann aber auch schon. Jiracek sagt zu seiner Situation: „Mein Ziel ist es, nach der Rückkehr in Hamburg wieder mit der Mannschaft zu trainieren, und dann hoffe ich, dass ich gegen Nürnberg spielen werde.“

Das allerdings dürfte Utopie sein, denn er verpasst so die gesamte Vorbereitung in Abu Dhabi, und ob er dann innerhalb einer Woche alles aufholen kann? Zumal Thorsten Fink am 12. Januar, wenn es in der Bundesliga-Generalprobe im Volkspark gegen Austria Wien geht, wohl die für den Club angedachte Formation spielen lassen wird . . . Schade, schade, ich hatte mir das ganz anders erhofft, und wohl auch die HSV-Verantwortlichen, denn eigentlich hieß es doch bei der „Bestandsaufnahme“ am 30. Dezember, dass wieder alle Spieler fit sind – also auch Jiracek.

Übrigens: Gojko Kacar, dessen Wechsel zu Hannover 96 geplatzt ist (obwohl ich schlimmer Finger ja geunkt hatte, dass das mit 80:20 Prozent wohl klar gehen würde! Sorry!), wird nicht nach Abu Dhabi nachreisen, sondern in Hamburg mit der Regionalliga-Mannschaft von Rodolfo Cardoso trainieren. Eines steht fest: Kacar wird es in Zukunft schwer haben, zu Einsätzen in der Bundesliga zu kommen. Weil es ja beim HSV ein Über-Angebot an Mittelfeldspielern gibt, und weil hinter der vorgehaltenen Hand erzählt wird, dass weder der HSV noch Hannover 96 die Schuld an diesem geplatzten Wechsel haben. Kacar und sein Onkel Milan sollen sich verpokert haben. Sportchef Frank Arnesen sagt in diesen Tagen immer wieder: „Die beiden Vereine waren sich einig . . .“ Obwohl mir da ein Zitat von 96-Manager Jörg Schmadtke (gelesen in der Mopo) in den Sinn kommt, der ehemalige Bundesliga-Torwart sagte da nämlich (vor dem Scheitern der Verhandlungen), dass er den großen Optimismus, der beim HSV bezüglich des Wechsels von Kacar an die Leine herrsche, so nicht ganz teilen kann. Und so kam es dann ja auch.

Grundsätzlich denke ich ja über solche (angedachten) Wechsel, dass das so lange wie es nur irgendwie geht, geheim gehalten werden sollte. Im „Fall Kacar“ aber war von Beginn an eigentlich jeder Schritt – hüben wie drüben – öffentlich. Und das kann, auch wenn ich damit natürlich (es ist mir bewusst) gegen die Medien argumentiere, die ja stets und ständig alles wissen müssen und wollen, nicht gut im Interesse des Spielers und der Klubs sein. Aber gut, das ist meine unmaßgebliche Meinung, es gibt ja offensichtlich Herren, die es anders wollen und dann auch in die Tat umsetzen. Mit wäre es grundsätzlich lieber, wenn der HSV morgen zum Beispiel verkünden würde: „Kacar hat heute für drei Jahre beim FC Augsburg unterschrieben.“ Zum Beispiel. Kurz und schmerzlos, und dann könnte immer noch sehr viel an Reaktionen auf und über diesen Transfer in den Zeitungen stehen.

Für Frank Arnesen dürfte dieser verhinderte Wechsel arge Probleme bedeuten, denn er sollte ja eigentlich durch Spieler-Verkäufe 6,4 Millionen Euro bis zum Beginn der Rückrunde eingespart haben. Ob das noch etwas wird? Es darf zumindest stark bezweifelt werden. Und wieder stellt es sich mir so dar, dass beim HSV eben gut bis sehr gut bezahlt wird, da nimmt ein Fußball-Profi dann auch schon mal in Kauf, einige Monate mal auf der Bank oder auf der Tribüne zu sitzen. Mann gönnt sich ja sonst nichts. Und das Geld fließt und fließt und fließt, und fließt. Besser so sein Geld verdienen, als mit einem Erstliga-Klub eventuell abzusteigen, oder bei einem Zweitliga-Klub auf die Knochen zu bekommen – und dazu noch weniger Geld zu verdienen.

So, am Sonntag wird es nur eine Einheit geben – am Vormittag. Nachmittags gibt es dann für die Spieler zwei unterschiedliche Freizeitangebote. Es kann an einer Wüsten-Rallye teilgenommen werden, oder es geht in die „Ferrari-World“, wo es die schnellste Achterbahn der Welt gibt. Letzteres wäre ja nichts für mich, aber nicht wegen der Schnelligkeit. Oder weil es zu gefährlich wäre. Mal ehrlich, Achterbahn wäre doch langweilig. Weil: Achterbahn fährt der HSV doch schon seit einigen Jahren. Zwar nicht ganz so schnell, aber stetig. Und weil das so ist, gibt es auch noch ein drittes Freizeit-Angebot: Im Hotel bleiben und einfach mal Beine und Seele baumeln lassen.
Würde ich machen.

17.03 Uhr

Ein Nähkästchen der etwas anderen Art

4. Juni 2012

So weit ist es nun schon gekommen. Hoelzenbein. Kelsterbach. Müller. Da wird bei Matz ab schon ein Nähkästchen von mir reingestellt – von fremder Hand. Das gibt es doch gar nicht. Wer es noch nicht mitbekommen hat: Eintrag Hoelzenbein heute um 7.05 Uhr. Das Schlimme an dieser Aktion ist, dass es alles stimmt. Der Herr Hoelzenbein hat eben – ich wusste es schon immer – ein gutes Gedächtnis. Und ein netter Kerl ist er obendrein. Und, um das auch noch vollständig zu machen: ein Elfmeterschinder auch. Jan Christian Müller kam einst als Fußballer vom FC Mahndorf (Bremen) zum 1. SC Norderstedt – und ich durfte über ihn berichten. Auch über den Elfmeterschinder, denn keiner fiel so schön und so schnell wie er. Und die Schiedsrichter mit ihm – nämlich auf ihn rein. Aber das steht hier nicht zur Debatte. Es geht um sein und mein Nähkästchen. Ihr müsst es eigentlich lesen, bevor ihr hier nun tiefer einsteigt. Was für ein Doppelpass, was Janny? Den hätten wir uns doch nie träumen lassen – damals . . .

Okay, zur Sache. Ich hatte also 2002 zur WM meinen Pass nicht dabei. Ich muss, um der Wahrheit die Ehre zu geben, sagen, dass ich ihn nicht vergessen hatte. Ich ließ ihn wissentlich zu Hause, weil ich Angst hatte, ihn in der Fremde zu verlieren. Denn ich hatte vor der Abreise in den Unterlagen der FIFA gelesen, dass die Akkreditierung als Ausweis für die Reisen innerhalb der WM-Länder Japan und Südkorea gelte. Ein schwerer Denkfehler, denn: Die Akkreditierung hatte ich ja noch gar nicht, die musste ich mir erst in Japan holen. Das war mein Fehler. Ich hatte Angst, dass ich dort meinen Pass verlieren würde, also ließ ich ihn vorsichtshalber zu hause. Perso musste reichen – für alle Fälle.

Erschwerend kam hinzu, dass die Boden-Stewardess der Lufthansa in Hamburg eigentlich hätte danach fragen müssen. Da ich sie aber, wegen meines Übergepäcks, „rund um die Uhr“ zuquatschte, kam sie gar nicht erst zu Wort. Sie fragte weder nach meinem Pass – noch nach dem Übergepäck. Und durch. Und wech. Und tschüs.

Das Weitere hat dann Herr Hoelzenbein (Müller ist lange schon kultiger Redakteur bei der Frankfurter Rundschau) genau und eindrucksvoll beschrieben. Obwohl es noch einige Dinge nicht geschrieben hat. Zum Beispiel, dass alle Redakteure, die von diesem Pass-Ding erfahren hatten, ein Schweigegelübde abgelegt hatten: „Kein Wort darüber in den Zeitungen, nicht mal als Splitter!“ Daran hielten sich eisern auch alle. Nein, doch nicht so ganz. Eine Zeitung musste es dann doch noch schreiben. Eine, die damals kaum in Hamburg gelesen wurde: die Mopo. Dem Redakteur, der schon lange nicht mehr in Hamburg ist, bin ich heute noch „dankbar“. Das war doch sehr kollegial. Obwohl. Auch das muss ich sagen: Da ich in Japan große Schwierigkeiten hatte, mit meinem alten Computer „ins Netz“ zu kommen, half mir der Mopo-Redakteur sehr – wie auch der Herr Hoelzenbein, was nicht verschwiegen werden darf.

So, zur Nacht in Kelsterbach. Kein Auge zugemacht. Und oft geheult – gebe ich zu. Am nächsten Tag dann der Flug – mit dem zweitgrößten Jet (nach dem Jumbo) der LH. Und mit Pass! Die Boden-Stewardess sagte beim Einchecken zu mir: „Herr Matz, Sie sind einziger Europäer an Bord, ich setze Sie an Fenster, und den Sitz neben Ihnen blockieren ich . . .“ Danke, danke, danke. An Bord dann nur Japaner und Matz. Und es entstand eine Geschichte, die tags darauf auf der Seite eins des Abendblattes erschien – und zu der ich später viele Leserbriefe erhielt (alle, wirklich alle nur positiv – ihr werdet es ändern können). Die Geschichte habe ich heute noch einmal „ausgegraben“, sie hat wirklich nichts mit Fußball zu tun, deswegen warne ich alle, die wenig bis keinen Humor haben, sie zu lesen. Wie gesagt, ganz Ende. Und wer sie liest, obwohl er keinen oder gar keinen Humor hat, und mich dann dennoch vernichtet – der hat selber schuld.

Problematisch wurde auch die Einreise in Japan. Da kommt ein Redakteur aus Deutschland angeflogen – und hat keinen einzigen Koffer mit. Das musste schiefgehen. Ich wurde von Zoll, Polizei und Geheimdienst nett, höflich und unverbindlich, nein, unverbindlich nicht ganz, in ein separates Zimmer gebeten. Eröffnungsfrage: „Wo ist Ihr Gepäck?“ Das ist schon in Mayazaki. Dort, wo sich die deutsche Mannschaft während der Zeit in Japan aufhielt. Die Japaner schüttelten den Kopf und antworteten: „Es kann ja gar nicht in Miyazaki sein, weil Sie noch hier sind. Und Gepäck fliegt nie allein – auch ihres nicht. Oder es fliegt jedenfalls nur dann allein, wenn etwas schiefgegangen ist.“ Dann erzählte ich von meiner Nacht in Kelsterbach. Unklar ist mir bis heute, ob die Japaner das alles, was ich ihnen erzählte, auch verstanden haben. Aber es ging alles glatt, sie ließen mich dann doch, nach einer langen Stunde, einreisen. Auch ganz ohne Gepäck. Nur mit Laptop „bewaffnet“.

In Miyazaki war ich dann natürlich nicht nur das Tagesgespräch, sondern auch das Wochen-Gespräch. Wer den Schaden hat . . . Und, das sei mir auch noch gestattet: Zwei, die sehr, sehr laut gelacht haben, die heute sogar Chefs beim Fernsehen und einer großen deutschen Tageszeitung sind, die haben bei den später folgenden Länderspielen auch ihre Pässe vergessen. Das war denen natürlich sehr, sehr peinlich . . . Während alle anderen auch aut gelacht haben. Nun gut, Japan und Südkorea habe ich damals ganz gut überstanden – und die deutsche Mannschaft ja auch. Wobei ich noch ein ganz kleines Nähkästchen loswerden muss. Als ich in Miyazaki meinen Koffer auspackte, stieß ich nach dem ersten Drittel auf einen Zettel. Den hatte mir mein damals 16-jähriger Sohn „reingeschmuggelt“: „Lieber Papa, Du musst ab hier jetzt nicht weiter auspacken. Das bisherige langt für die Vorrunde, dann fliegt Deutschland ohnehin wieder nach Hause . . .“ Es kam, wir wissen es alle, ganz anders.

Und Japan und die vielen Japaner dort, die sind mir in dieser zeit total ans Herz gewachsen. Ein tolles Land, super freundliche Menschen dort, und unheimlich höflich. So etwas hatte ich noch nie erlebt, werde es wohl auch nie wieder erleben. Es sei denn, ich fliege noch einmal nach Japan. Mit Reisepass natürlich.
Weil ich damals so nett über meine neue Liebe Japan geschrieben und berichtet hatte, lud mich übrigens der damalige japanische Konsul in Hamburg zu einem Essen in einem japanischen Restaurant ein – mich und Frau M. Und die Frau Konsul war auch dabei. Toll.
Ja, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was . . .

Ja, das war ein ganz besonderes Nähkästchen, eingebrockt und aufgeschrieben von Herrn Hoelzenbein. Zu diesem (globalen) Thema kam übrigens am Sonntag ein Leserbrief, den ich hier einmal veröffentlichen möchte:

Moin Dieter,

in der letzten Nacht wurde auf N3 eine Reportage über die Deutsche
Nationalmannschaft während der EM1996 gesendet. Wirklich sehr sehenswert !

Du bist in der Reportage auch zu Wort gekommen (den Bericht kennst du
wahrscheinlich schon). Habe dich erst nicht mit deiner „hübschen” Brille von damals erst nicht
erkannt ;) .

Für die Zeit während der EM und der Sommerpause wünsche ich mir im Blog
wieder mehr deiner lesenwerten Nähkästchen, anstatt ständige Lobhudeleien auf die
HSV-Geschäftsführung.

Ich kann nach wie vor als Außenstehender viele Entscheidungen überhaupt
nicht verstehen (Vertragsverlängerung mit M. Jansen und den Umgang mit Drobny, um nur
einmal zwei Beispiele zu nennen, die mir spontan eingefallen sind).

Viele Grüße, Sieverdinger Raute

Nett. Und ich finde es ja auch ganz gut, wenn ein „Matz-abber“ die Nähkästchen gut findet – und sie lesen möchte. Allerdings gebe ich jedem zu bedenken, dass so vielleicht, wenn es hoch kommt, ein Drittel der Matz-ab-User so denken. Vielen hängen die Dinger zum hals heraus. Und dann gibt es Mails wie diese: „Was soll der Scheiß, das will hier keiner lesen, ich will hier aktuell informiert werden, Fakten, Fakten, Fakten.“

Natürlich, ist klar, wird alles gemacht. Selbstverständlich, stets zu Diensten.

Um dann auch gleich aktuell werden zu wollen: es ist ja Sommerpause. Das ist Fakt. Und in der tut sich meistens, gelegentlich und auch oft, nicht so sehr viel. Auch Fakt. Beim HSV tut sich im Moment gerade davon sehr viel – nämlich kaum etwas. Ebenfalls Fakt – also Fakten, Fakten, Fakten. Da ich aber im Erfinden von solchen brandaktuellen Nachrichten eigentlich sehr schlecht bin (es gibt aber natürlich auch liebe Mitmenschen hier, die das Gegenteil behauten – ist schon klar!), beschränke ich mich auf die wenigen kleinen Geschichtchen, die es dennoch hier und dort mal gibt. So gibt es morgen (Dienstag) zum Beispiel eine Aufsichtsrat-Sitzung, bei der der neue AR-Boss bestimmt werden soll. Es soll ja, so hieß es zuletzt immer wieder, alles auf den Herrn Alexander Otto zulaufen. Aber ob er es dann auch wird? Da habe ich meine Zweifel. Obwohl es einer ja eigentlich auch werden und machen muss. Alle wollen angeblich nicht. Nicht so recht, jedenfalls. Ich tippe mal darauf, dass Manfred Ertel den verwaisten Vorsitz (von Herrn Ernst-Otto Rieckhoff) übernimmt. Mein bauch. Ertel will bislang auch nicht, aber einer muss ja . . .

Dann zum „Fall Abraham“. Nicht der Trödler, sondernd er Basler. Der Basler in Getafe quasi. Mein Bauchgefühl hat ihn gestern eigentlich schon unmöglich gemacht, heute verdichten sich diese Gefühle immer mehr. Deswegen behaupte ich einmal ganz frech: zu 99,9 Prozent könnte ihr (und natürlich auch der HSV) den Herrn Abraham vergessen. Oder auch abhaken. Und wo ich gerade dabei bin. Ich sprach gestern noch mit einem weiteren Spielerberater, um mal zu horchen, was sich so in der Szene tut. So kamen wir dann auch auf den Namen Rafael van der Vaart. Ich sagte, dass ich diesen Namen gerne wieder in Hamburg zurück hätte, und zwar mehr den Namen Rafael als den Namen Sylvie. Da hörte ich zurück: „Matz, hast du eigentlich Ahnung vom Fußball? Der van der Vaart hilft dem HSV doch nicht mehr, der ist viel zu langsam geworden. Hast du dich mal gefragt, warum der bei Tottenham schon oft nicht mehr von Anfang an gespielt hat? Nein? Das solltest du aber mal. Nein, nein, bei van der Vaart ist der Lack ab – jedenfalls das Beste davon.“ Oha. Dann muss ich mich wohl mal schlau machen. Oder wir werden es bei dieser EM nun erleben, in welcher Verfassung sich dort der „kleine Engel“ vorstellt.

Übrigens hat „Scholle“, „uns Scholle“, mit jenem HSV-Spieler gesprochen, der nicht mehr mit dem Abendblatt sprechen will. Das lässt sich wahrscheinlich doch wieder irgendwie einrenken. Da dieser HSV-Spieler ja bei Matz ab mitliest, und da dieser HSV-Spieler auch gesagt hat (zu „Scholle“), dass er das Gefühl hätte, ich (also Matz) hätte etwas gegen ihn (so sein Gefühl), so muss ich einmal ganz deutlich klarstellen:

Liebe HSV-Profis,
ich habe gegen keinen von euch etwas persönlich. Glaubt es mir. Glaubt es mir einfach mal. Der HSV ist mein Verein, schon seit Jahrzehnten, und ich kann ehrlichen Gewissens sagen, dass ich nie etwas gegen einen HSV-Spieler hatte. Nie. Niemals. Da bin ich anders als so mancher HSV-Fan, wenn ich so an die Zeiten von Trochowski, Jarolim und Drobny (zu seinen schlechten Zeiten) denke. So etwas käme für mich nie in Frage. Ich freue mich über jeden Spieler, der HSV-Profi wird, ich freue mich auf ihn und ich freue mich mit ihm, dass er es zum HSV geschafft hat. Ich akzeptiere jeden Spieler. Und ich halte auch zu ihm, weil ich – natürlich – auch zum HSV halte. Nur weil er mal schlechte Leistungen bringt, würde ich niemals einen Spieler verdammen, ihn hassen oder zum Teufel wünschen. Für mich ist ein HSV-Spieler ein besonderer Fußballer, denn er hat etwas geschafft, was ich zum Beispiel auch mal wollte, ich aber nie auch nur im Ansatz hätte erreichen können.

Deswegen, um es noch einmal ganz deutlich zu machen, ich habe gegen keinen HSV-Spieler etwas Böses. Allerdings, und das ist meine Aufgabe schon seit nunmehr 32 Jahren: Spielt ein HSV-Spieler schlecht, oder ist ein HSV-Trainer nicht in der Lage, sein Amt vernünftig auszuüben, oder ist eine HSV-Führung grottig, dann schreibe ich das. Denn das ist meine Aufgabe. Komme ich der nicht nach, dann bin ich schnell weg vom Fenster – und das will ich seit nunmehr 32 Jahren nicht. Deswegen schreibe ich das, was ich sehe und höre – mehr nicht. Natürlich, das gebe ich zu, kann ein Spieler, der lange schlecht spielt, der das von mir auch immer Schwarz auf Weiß zu lesen bekommt, dann mal auf den Gedanken kommen, dass ich böse auf ihn bin – bin ich aber nicht. Nur bleiben schlechte Leistungen bei mir immer schlecht. Tut mir Leid, so ist das schon lange, daran wird sich auch nichts mehr ändern.

Zwei Beispiele: Willi Reimann, der Trainer, hat einst gesagt: „Kritik ist okay, Kritik ist willkommen, aber sie muss oberhalb der Gürtellinie sein.“ Irgendwann habe ich dem Herrn Reimann dann gesagt: „Es kommt dabei auch immer darauf an, wo Mann den Gürtel trägt. Sie, so mein Gefühl, tragen ihn immer um den Hals . . .“ Und, inzwischen kennt sie jeder, zur Kober-Geschichte. Carsten Kober, mit dem ich eineinhalb Jahre lang keine einziges Wort wechselte, kam einst lange vor dieser Geschichte mal zu mir und sagte: „Dieter, diesmal hast du mich zu gut gesehen und beurteilt. Ich war diesmal ganz, ganz schlecht.“ Meine Antwort: „Carsten, ich habe dich eben so gesehen, trage es wie ein Mann, irgendwann sehe ich dich schlecht – und du siehst dich dann besser – es gleicht sich im Fußball doch alles immer wieder aus.“ So einigten wir uns – und dann kam es später doch zum dem (langen) Bruch.

Eines muss ich schnell noch einmal loswerden – das Ding mit der Brille (weil ich dieser Tage so oft darauf angesprochen werde). Früher trug ich eine Brille. Ich war kurzsichtig. Dann kam jener Tag, als der HSV mit einem neuen Trainer sein erstes Auswärtsspiel der Saison in Wolfsburg austragen musste (durfte). Es war der 23. August 2009, ich durfte mit meinem sehr geschätzten Kollegen Lars Pegelow (NDR 90,3) mitfahren – und legte meine Brille vor der Abfahrt das Autodach. Da lag sie am Ende der Fahrt dann – völlig überraschend – nicht mehr. Und weil ich ohnehin das Gefühl hatte, dass ich diese Brille nicht mehr benötigen würde, weil meine Augen besser geworden waren, verzichtete ich darauf, eine neue zu kaufen. Ich laufe seit diesem Tag „oben ohne“ herum, also auch ohne Kontaktlinsen (ich „höre“ sie jetzt schon schreiben: „Ich wusste es doch schon immer, es musste doch einen Grund haben, warum der Matz so schlecht sieht . . .“) . Jetzt ist es allerdings so, dass ich bei dem ganz, ganz Kleingedruckten eine Lesehilfe brauche – eine Brille. Jetzt aber, am Computer in der Redaktion, benötige ich sie noch nicht.
Alles klar?

Dann noch zu einem künftigen “Matz-ab-Treffen” – mit dem Herrn Jarchow. Noch gibt es, weil es schon viele Nachfragen gab, keinen Termin dafür. Ich werde auf den Spielplan der Saison warten, und dann einen Termin mit dem HSV-Boss absprechen. Und dann werde ich euch diesen Termin mitteilen. Eines habe ich allerdings schon versprochen – wir treffen uns vor (!) dem 1. November. Für die grobe Planung.

So, und nun der eingangs angekündigte Ohne-Fußball-Artikel von damals, als ich in Kelsterbach kurz auf der Strecke geblieben bin. Habe ich aus dem Archiv gekramt. So erschien der Bericht auf Seite eins:

Wenn das Oma sähe . . .
Was einem Hamburger im Weltmeisterschaftsland Japan auffällt
„Andere Länder, andere Sitten.” Deutsches Sprichwort

Dieter Matz

Miyazaki

Fußball-Weltmeisterschaft in Asien. Plötzlich ist Oma Margarethe allgegenwärtig. Gott habe sie selig. Aber sie dürfte nicht in Japan sein. Nicht, dass sie etwas gegen Land und Leute hätte, sie hatte es aber mit der Etikette. Stichwort Esskultur. Und so eine wie Margarethe hatte nach dem Krieg so manche Familie in ihren Reihen.
Wenn Oma, Tochter des ehemaligen Hamburger Senators und Ehrenbürgers Henry Everling, im In-Café der Konditorei Kaul in der Mönckebergstraße saß, dann hatte sie nicht nur ihren eigenen Tisch bestens unter Kontrolle. Sie beobachtete jeden und alle.

Es gab entsetzte Blicke in Richtung Nachbar: Einen Löffel mit Eis durfte keiner im Munde wenden. Erst recht nicht den halbvollen Löffel wieder ans Tageslicht bringen. Oder wenn der Ellenbogen auf dem Tisch lag oder wenn die Gabel bereits nach dem nächsten Bissen suchte, während der Mund noch mit dem Kauen beschäftigt war. Wenn sie ihre Enkel außerhalb der Etikette erwischte, gab ihnen Margarethe kurz, aber heftig einen an die Backen. Das saß. In jeder Beziehung.

Nun geht es zwar mit der deutschen Esskultur seit Jahrzehnten bergab. Ellenbogen auf den Tisch, einhändig essen, Messer ablecken – alles ist drin. Mit den Japanern aber hätte Oma Margarethe allergrößte Mühe gehabt. Denn die dürfen, was bei uns verpönt ist: schlürfen und schmatzen.

Im Land der aufgehenden Sonne nimmt das niemand übel, im Gegenteil. Nichts ist schöner, als wenn die Japaner ein Gläschen Wein trinken. Oder auch Tee. Stundenlang zelebrieren sie das. Tschiiiiiiep. Und wieder: Tschiiiiiiep. Tschiiiiiiiep. Unüberhörbar. Sie stülpen ihre Lippen wie zu einem Strohhalm, lassen die Zähne geschlossen und saugen. Wahre Minischlucke saugen sie auf, und lassen sie dann auf der Zunge zergehen: Tschiiiiiiiep. Immer und immer wieder. Sogar alte Leute sehen sich wie Frischverliebte an, wenn einem von ihnen wieder einmal ein besonders schönes Tschiiiiiiep gelungen ist.

Nein, nein, es ist schon gut, dass Oma es nie bis nach Japan geschafft hat. Bei St. Peter-Ording war damals für sie Schluss. Ein Tschiiiiiep also auf diese Weltmeisterschaft.

16.19 Uhr

Viel Lob für den netten Herrn Benjamin

17. Oktober 2010

An der Torwand hatte er nur einen Treffer – bei sechs Versuchen, es gab einen glatten 1:3-Gang gegen einen Mainzer Jugendfußballer, aber: Ansonsten war der Auftritt von HSV-Trainer Armin Veh im ZDF-Sportstudio nachhaltig und äußerst gelungen. Mein Freund Peter aus dem Westen der Republik, der im Sommer eher gegen die Verpflichtung des Trainers war, rief mich heute recht früh an, um mir seine Begeisterung mitzuteilen: „Jetzt weiß ich auch, warum du so von Veh schwärmst. Der Mann ist ja unglaublich authentisch, der ist geradeaus, der sagt was er denkt, der hat die HSV-Mannschaft in Mainz super eingestellt, der hat ganz einfach Klasse.“ Sag ich ja schon lange . . . Danke, Peter. Wobei Armin Veh ja nicht nur einen großen Auftritt in Sachen HSV hatte, sondern auch in einer ganz besonderen Hinsicht: Der HSV-Coach rügte seinen neuen Stuttgarter Trainerkollegen Jens Keller wegen dessen Kritik am ehemaligen VfB-Coach Christian Gross. Veh rügte sogar in ganz scharfer Form. „Das geht ja gar nicht“, sagte Veh gleich zweimal und mochte seinen Ärger so gar nicht verbergen.

Veh weiter: „Wenn Keller als Gross-Assistent einige Sachen angesprochen hat, die nach seiner Meinung falsch liefen, und wenn Keller dann nicht gehört worden sei, dann hätte er seinen Posten aufgeben müssen. Und nicht jetzt nachkarten.“ Dazu regte sich Veh auch über Kellers angebliches Eingeständnis auf, er habe schon lange darauf hingearbeitet, Cheftrainer zu werden. Keller hatte nach seinem Aufstieg zum Cheftrainer (erstes Spiel: 2:2 auf Schalke) bemängelt, dass Gross sehr dominant gewesen sei, weshalb ihm „in gewissen Bereichen die Hände gebunden“ gewesen waren. Er habe zwar einige Dinge angesprochen, aber „nicht immer das Gehör gefunden“, betonte er und warf Gross damit mangelnde Teamarbeit vor. Ein Co-Trainer könne aber nur so weit eingreifen, wie dies der Chef zulasse . . .

Ich muss sagen: Armin Veh hat mit seiner Kritik an Keller völlig Recht. So weit hat sich ein Co-Trainer noch nie (meines Wissens) oder nur höchst selten mal aus dem Fenster gelehnt. Und deswegen tut es mir sehr gut, wenn ein Mann wie Veh seine Meinung dazu ganz geradeaus sagt – und dazu noch vor einem Millionen-Publikum. Kompliment, Herr Veh!
Dass der VfB-Manager Fredi Bobic Partei für Keller ergriff (heute im Sport-1-Doppelpass), das ehrt den ehemaligen Nationalstürmer zwar, aber viel retten konnte er in meinen Augen damit nicht.

So, nun aber zu einem viel erfreulicherem Thema: HSV.
Ich gehörte zum (großen?) Lager der Skeptiker. Ein Sieg in Mainz? Der war für mich fast unmöglich. Aber dann endlich einmal konzentriert, diszipliniert und mit dem ersten Auge in der Defensive. Da möchte man sagen: „Na bitte, es geht doch!“ Die Null stand erstmalig – und erst im achten Spiel. Armin Veh, das muss noch gesagt sein, lobte im Zweiten Mainz 05 und gab zu, dass der Tabellenführer auch hätte gewinnen können. Das zeichnet den Realisten Veh eben auch aus, er erkennt auch die guten Sachen an, die beim Gegner passieren. Im Gegensatz zu 05-Trainer Tuchel, der meinte, dass seine Mannschaft die Mehrzahl an besseren Chancen gehabt hätte. Die habe ich aber nicht erkennen können.

Wo fange ich an? Mit dem Duo der Innenverteidigung? Heiko Westermann und Joris Mathijsen waren vielleicht zum ersten Mal in dieser Saison ein Pärchen, das eingespielt und harmonisch wirkte. Beide ergänzten sich wunderbar, bauten kaum einmal einen Fehler, lagen auch in Sachen Aufbauspiel nicht so oft daneben wie schon in einigen Spielen zuvor gesehen. Das war eine runde Vorstellung des Abräumkommandos, daran sollten sich beide Spieler künftig orientieren. Motto: Gemeinsam sind wir stark.

Anfangen möchte ich aber doch erst mit Collin Benjamin. Der dienstälteste HSV-Profi, seit zehn Jahren im Verein, hatte in der vergangenen Saison nicht einen Bundesliga-Einsatz. Nach dem 3:1-Sieg gegen Guingamp am 27. August 2009 musste er wegen eines Kreuzbandrisses pausieren. Über ein Jahr dauerte diese Durststrecke, dann, am 2. Oktober 2010, der erste klitzekleine Einsatz, vier Minuten im Spiel gegen den 1, FC Kaiserslautern, eingewechselt für Jonathan Pitroipa. Und danach fragte nicht wenige Hamburger: „Warum hat Benjamin nicht eigentlich für Ze Roberto hinten links verteidigt? Damit der Brasilianer dann ins Mittelfeld aufrücken könne?“ Gute Frage.

Gegen (und in) Mainz durfte „Collo“ dann tatsächlich ran. Zur Halbzeit wurde er für den formschwachen Guy Demel eingewechselt. Und überzeugte. Armin Veh lobte den 32-Jährigen aus Namibia: „Er hat seine Sache wirklich gut gemacht, zumal wenn man bedenkt, dass er ja kaum Spielpraxis hat. Ich hatte aber keine Bedenken, ihn zu bringen, denn im Training gibt er immer 100 Prozent. Das geht auch gar nicht anders, denn sonst kann man solche Sachen wie nun in Mainz gar nicht abliefern.“ Dann verteilte der Coach noch ein Extra-Lob: „Collin gehört zu jenen Spielern, bei denen man weiß, was man bekommt. Er leistet ehrliche und anständige Arbeit.“ Und Veh ergänzte dann noch ein nicht unwichtiges Detail: „Er ist kein Spieler, der hinter dem Rücken des Trainers arbeitet.“ Was man ja sehr, sehr oft vor allem den Ersatzleuten nachsagt.

Collin Benjamin war nach den 45 Minuten am Bruchweg natürlich zufrieden. Er stellte fest: „Natürlich fehlt mir die Spielpraxis, aber ich bin wie ein kleines Kind. Ich freue mich auf jedes Training und erst recht über jeden Einsatz.“ Dann bekannte der Routinier aber auch: „Natürlich ist die Situation nicht einfach, das ist doch klar, aber ich halte mich immer bereit und hoffe auf meine Chance.“ Die Mini-Chance, die er gegen Kaiserslautern erhielt, wurde bekanntlich mit einem 2:1-Sieg für den HSV gekrönt. Schelmisch lächelnd sagte der bei vielen HSV-Fans unglaublich beliebte „Collo“ in Mainz: „Wenn Benjamin kommt, dann ist immer etwas los.“

Zum „Dreier“ in Mainz befand der Abwehrspieler: „Wir haben darauf gehofft, dass wir dieses Signal setzen können. Der Sieg beim Tabellenführer bringt uns allen ein gutes Gefühl – und er gibt Selbstvertrauen. Der FC Bayern kann kommen.“

Übrigens, eine nette kleine Geschichte am Rande, wie der Mensch Collin Benjamin „tickt“. Wurde mir kürzlich von meinem lieben Kollegen Lars Pegelow (NDR 90,3) erzählt: Nach dem Spiel in Bremen rief ihn seine Frau (also Frau P.) an und bat darum, dass er noch schnell einige Windeln kaufen müsse. Das in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag! Leichter gesagt als getan. Lars P. klapperte kurz vor Mitternacht diverse Möglichkeiten (wie Tankstellen) ab, aber nirgendwo gab es Windeln. Holland in Not! An einer weiteren Tankstelle traf er den gerade tankenden „Collo“. Das „Unternehmen Windeln“ kam zur Sprache, und „Collo“ sagte zu Pegelow: „Ich glaube, wir haben zu Hause die richtige Größe, die ihr benötigt, fahr’ mir mal hinterher.“ Gesagt, getan, Windeln übergeben – das Kind war gerettet, und die Nachtruhe der Familie P. ebenfalls. Ja, so ist er, der Herr Benjamin, einfach ein netter Kerl, unkompliziert, ehrlich, freundlich und hilfsbereit. Er passt einfach.

Und er dürfte wohl recht gute Chancen haben, in der Mannschaft zu bleiben. Gegenüber Guy Demel hat er nun auf jeden Fall einen Vorsprung herausgespielt. Zumal Armin Veh zur Leistung Demels befand: „Es war nicht sein Tag.“ Nett umschrieben.

Einen sehr guten Tag hatte dagegen in Mainz Paolo Guerrero erwischt. Ich berichtete es Euch schon in der Woche zuvor: Paolo war einfach super drauf im Training, er sprühte vor Spiellust, und er schoss Tore, Tore, Tore. Diese Form rettete er nun ganz offenbar mit in das Sonnabend-Spiel, nicht von ungefähr war er zur Stelle, als Ze Roberto den Ball in der 89. Minute zur Mitte legte. Da kam schon Freude auf. Kann Guerrero diese Form konservieren, dann dürfte es Mladen Petric schwer haben, auf Anhieb wieder einen Platz in der Mannschaft zu finden. Apropos Petric: Der Kroate trainierte an diesem Sonntag mit Ball (und Reha-Trainer Markus Günther). Zum Spiel am Freitag gegen die Bayern könnte es durchaus mit einem Comeback klappen. Gleiches gilt für David Jarolim, der heute am Vormittag ebenfalls mit Günther (und mit Ball) trainierte (danke Benno Hafas).

Letzter Punkt von mir ist heute Ze Roberto. „Er ist unsere Lebensversicherung, denn er ist entscheidenden Momenten immer da“, lobte Collin Benjamin den HSV-Oldie (ältester Feldspieler) nach dem Mainz-Spiel. Ich habe den „großen Ze“ ebenfalls gelobt, was mir die Frage eines Users einbrachte, ob das mein Ernst sei? War er. Kann ich nur noch einmal bekräftigen. Armin Veh hat in der vergangenen Woche gesagt, dass er liebend gerne „drei Ze“ hätte – mir wäre lieber, der HSV hätte elf (Ze). Der 36-jährige Brasilianer hat nicht nur die nötige und vorbildliche Einstellung zu seinem Beruf, er hat die Erfahrung, er spielt clever, mit Auge, arbeitet sehr gut nach vorne und (!) nach hinten, und er ist immer noch super schnell und dazu äußerst elegant am Ball. Siehe das Tor in Mainz. Das ist Extraklasse. Und das ist ebenfalls mein voller Ernst.

Am Montag wird übrigens um 16 Uhr im Volkspark trainiert.

16.15 Uhr (als Frankfurt 1:0 in Lautern in Führung ging)

Kleine Anmerkung: Ich beuge mich, ich nehme die “Ze’s” zurück. Und bin auf diesem Wege froh, dass mein “Jawoll” von gestern nicht ebenso kritisiert wurde wie einige “nix” (statt nichts) und, und, und. Ich hatte mir erlaubt, “salopp” zu sein, aber habe dabei nicht an den lieben Axel Springer gedacht. Der große Verleger, den ich einmal noch persönlich im Hamburger Verlagsgebäude sehen durfte, möge mir verzeihen. Und die vielen User, die sich durch meine Schreibe gestört fühlten, ebenfalls.
Das habe ich am Sonntag um 22.16 Uhr ergänzt. Ich wünsche allen “Matz-abbern” einen wunderschönen Wochenbeginn.