Archiv für das Tag 'Özil'

Wenn Stark Elfmeter gegeben hätte . . .

20. Juni 2012

„Vielen Dank für das große Interesse, das Sie an den Schiedsrichtern zeigen.“
„Die zwölf Schiedsrichter, die hier sind, gehören zu den Besten in Europa.“
„Sie haben recht, der Ball war hinter der Linie. Es war ein menschlicher Fehler, verursacht durch einen Menschen.“
„Wenn wir jetzt über einzelne Fälle von Schiedsrichterentscheidungen sprechen würden, säßen wir Weihnachten noch hier.“
Aussagen von Uefa-Schiedsrichter-Chef Pierluigi Collina am Mittwoch in Warschau.

Das Interesse an den Schiedsrichtern dürfte spätestens nach England gegen die Ukraine sprunghaft angestiegen sein. Wobei ich die Diskussion um dieses nicht gegebene Tor irgendwie auch unfair finde. Ich habe nämlich damals, als diese Torschiedsrichter eingeführt wurden, gleich gesagt habe, dass es auch mit diesen Herrn, denen ich den Spaß an diesen Dienstreisen durchaus gönne, zu Fehlentscheidungen kommen wird. Ist doch klar. Der Mann sieht diese Szene auch nur einmal. Soll der innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde sagen: „Ja dieser Ball war ganz drin.“ Das kann der doch gar nicht. Ich habe Gerd Gottlob, den ARD-Kommentator bewundert, dass der gleich gerufen hat: „Dieser Ball war drin!“ Ich habe es vermutet, aber erst später, nämlich dann, als die Szene angehalten wurde, gesehen, dass das tatsächlich ein Tor gewesen ist. Künstlerpech.

Was hätten wir wohl alle gesagt, wenn dieser Torrichter auf Tor entschieden hätte, die Kugel aber tatsächlich nur zu einem Dreiviertel und damit nicht im vollen Umfang „drin“ gewesen wäre? Das Fernsehen hätte das bewiesen, ganz sicher – aber der arme Kerl da an der Seite? Der sieht das doch auch nur einmal, wäre aber total zerrissen worden. Obwohl er natürlich nicht mal eine Zeitlupe oder ein Standbild da draußen hat. Ich behaupte, dass nur eine Spielunterbrechung und der Kamerabeweis helfen können. Und so viele strittige Szenen, ob nun Tor oder kein Tor, gibt es zum Glück ja auch nicht. Was also würde es wohl ausmachen, wenn eine solche Szene tatsächlich „draußen“ noch einmal durchleuchtet wird? Das ist doch nur eine (Verletzungs-)Pause mehr. Und es ist ja so: In einem solchen EM-Turnier geht es doch um Millionen, da wäre es doch nur okay, wenn man sich einer solchen professionellen Hilfe bedienen würde. Das würde nicht mal eine Minute kosten. Und das hätten nicht nur die Mannschaften verdient, sondern auch die Fans. Zudem wäre es ein zusätzlicher Nervenkitzel (wie beim Eishockey), und alle wären zufrieden. Alle. Denn alle, Freund und Feind, wüssten, dass das tatsächlich auch ein reguläres Tor gewesen ist. Oder auch nicht.

Und komme mir dabei niemand mit der „Gleichbehandlung“ im Fußball. Dass Profis und Amateure gleich zu behandeln wären, und dass es dann auch Torkameras bei den Amateuren geben müsste. Hirnrissig ist ein solches Argument, denn der Profi-Fußball hat sich heutzutage doch schon sehr weit, meilenweit von den Amateuren abgesetzt – das gibt es inzwischen doch viel zu viele Unterschiede. Und auf diese Unterschiede nimmt schon lange keiner mehr Rücksicht oder prangert sie an. Nein, solche umstrittenen Tor-Szenen sind nur durch eine Kamera zu lösen. Und da das Fernsehen ja jetzt schon auf der „Torlinie“ steht, wie gestern bewiesen, wäre es doch ganz leicht gewesen, auf Tor zu entscheiden. Anstatt dieses Männlein, das sich Torrichter nennt, den Fußball-Fans in aller Welt zum Fraß vorzuwerfen.

Aber das ist natürlich Sache der Uefa oder auch der Fifa. Und da dauert es manchmal . . . Weil die Herren inzwischen schon mein Alter erreicht haben – oder noch viel älter sind.

Das gilt übrigens auch für das Thema „Wolfgang Stark“. Den möchte ich bei der Gelegenheit einmal in Schutz nehmen. Wer mag nur auf die Idee gekommen sein, Stark für ein Spiel Spanien gegen Kroatien anzusetzen? Auch das war hirnrissig. Und zwar total. Was wäre wohl gewesen, wenn Stark diesen Elfmeter gegeben hätte – und Spanien wäre dadurch ausgeschieden? Dann hätte ganz Spanien „gejubelt“: „Ein deutscher Schiedsrichter eliminiert Spanien und macht den Weg frei für Deutschland.“ So wäre es doch gewesen. Nun schreit „nur“ Kroatien auf, aber die unterstellen Stark ja auch nur „Blindheit“, nicht aber Parteilichkeit.
Aber wenn Spanien wegen des Elfmeters hätte nach Hause fahren müssen, dann wären die Deutschen ganz sicher ihr 17. Bundesland losgeworden: Mallorca. Die Insel hätten sie uns deswegen, nur wegen des Elfmeters, hundertprozentig wieder weggenommen. Kurz und schmerzlos und ohne großartig die Bürokratie zu bemühen – einfach nur wech! Deswegen war es eigentlich nur logisch, dass Wolfgang Stark nicht auf Strafstoß entschieden hat.

Wobei ich von dieser ominösen Lippen-Ableserin doch schon mal ganz gerne erfahren hätte, was der „28. Mann“ da draußen an der Seite, nämlich Florian Meyer (er war wohl der Torrichter auf dieser Seite!?) unmittelbar nach diesem Foul an dem Noch-Wolfsburger Mandzukic in sein Mikrofon (in Richtung Wolfgang Stark) gesprochen hat. Hat er nun gesagt: „Du musst nicht pfeifen, Wolfgang, diesen Tritt hättest auch du überlebt, alles ganz harmlos. “ Oder hat er gesagt: „Wenn ich du wäre, würde ich nun auf den Elfmeterpunkt zeigen – aber ich bin ja nicht du.“ Vielleicht verrät es mir Florian Meyer ja später mal, wenn er, der Mann aus Burgdorf, mal wieder in Hamburg angesetzt ist, um ein HSV-Spiel zu pfeifen. Vielleicht.

Apropos Schiedsrichter. Es sind nur zwölf (erste) Herren in Polen und der Ukraine zugegen. Also zwölf Männer, die das Ding auch tatsächlich pfeifen. Bei der nächsten EM müssen es zwangsläufig mehr werden, dann wird die EM ja kräftig aufgestockt. Dann starten 24 Länder – man gönnt sich ja sonst nichts, bei der Uefa. Dann wird aus einer Europameisterschaft, die bislang fußballerisch wertvoller als jede Weltmeisterschaft war, doch eher ein verwässertes Turnier. Aber da bin ich ja wohl der letzte Mensch, der sich darüber (viel zu spät) aufregt. Aber es geht ja auch nicht um den Fußball an sich, sondern viel mehr ums Geld. Ist schon okay. . . Geld regiert die Welt.

Womit ich zur deutschen Mannschaft kommen möchte. Speziell zu Mesut Özil. Ich kann nämlich nicht begreifen, wieso dem ehemaligen Schalker unterstellt wird, bislang eine schlechte EM gespielt zu haben. Er war zwar in den ersten drei Spielen nie so überragend, wie er es aufgrund seiner überragenden Fähigkeiten hätte sein könnte, aber dennoch gehörte er für mich stets zu den besseren deutschen Spielern. Was dieser Mann an und in den Beinen hat, ist unfassbar. Und dazu hat er es auch im Kopf, denn er denkt vor, legt vor, hat viele, viele kluge Ideen. Ich könnte mit dem Özil, so wie er sich bislang präsentiert hat, sehr gut leben, hoffe aber auch darauf, dass er noch „ein wenig explodiert“ – so wie es der Bundestrainer in Aussicht gestellt hat. Wäre aber ganz sicher nicht verkehrt, wenn dazu dann andere noch viel mehr explodieren würden. Wenn das passieren sollte, dann wäre Deutschland tatsächlich ein heißer Kandidat auf den Turniersieg. Aber bevor Özil explodieren „muss“, da sollten sich andere (Podolski, Gomez, Müller, Schweinsteiger . . .) doch schon mal etwas eher aufgerufen fühlen, ebenfalls noch kräftig zuzulegen.

Auch Toni Kroos gehört zu diesem Kreis, der noch zulegen sollte. Der Bayern-Spieler ist ja bekanntlich sauer über seine Reservistenrolle, aber in meinen Augen hat er nicht den geringsten Grund dazu. Im Gegenteil, Kroos sollte eher in sich gehen. Was er beim letzten Test vor dem EM, dem Länderspiel in Leipzig gegen Israel, geboten hat, das war gar nichts. Für mich war er bei diesem Kick der schlechteste deutsche Spieler, und mit einer solchen Leistung bietet man sich als ein Spieler, der „auf der Kippe steht“, nicht gerade an. Aber damit sind wir schon wieder bei dem leidigen Thema Selbstkritik. Ist leider schon lange zu einer Seltenheit verkümmert, wird auch immer mehr zu einer absoluten Seltenheit.

So, zum Abschluss dann etwas, was ich bei dieser EM noch nicht gesehen habe. Und irgendwie kann ich es auch immer noch nicht glauben. War es tatsächlich so? Oder habe ich etwas verpasst? Seitenwahl beim Spiel England gegen die Ukraine. Die beiden Kapitäne begrüßen die Schiedsrichter um den Ungar Kassai. Timoschtschuk gibt den Unparteiischen die Hand, dann auch Gerrard. Die Wahl wird vorgenommen, die Münze fällt, die Seiten werden verteilt und wer Anstoß hat. Dann gibt Gerrard den fünf Schiedsrichtern noch einmal die Hand – aber Timoschtschuk nicht mehr! Er drehte ab und ging. Lag es daran, dass Timoschtschuk nur der „Ersatz-Kapitän“ für Schewtschenko war und es nicht besser kannte? Oder hatte der Bayern-Profi einfach keine Lust mehr auf diese ganze „Schüttelei“? Denn, und das konnte und kann man während dieser EM sehr gut beobachten: Schon in den Katakomben der jeweiligen Stadien geben sich die Kapitäne und die Schiedsrichter schon mal zu Begrüßung die Hände. Auf dem Platz dann noch zweimal – bis auf Timoschtschuk. Endlich einmal bringt einer den Mut auf, sich zu verweigern – und deshalb bekommt er auch garantiert keinen „Tennisarm“.

So, einen kleinen, ganz, ganz kleinen Abstecher zum HSV habe ich auch noch. In dieser Woche wird noch etwas in Sachen Vertragsverlängerung passieren – aber neue Spieler sind noch nicht in Sicht.

Dafür gibt es ein „dickes Millionen-Ding“ von einem Ex-Hamburger:
Änis Ben-Hatira soll laut Medienberichten beim Absteiger Hertha BSC vor dem Absprung stehen. Der Club Baniyas SC aus Abu Dhabi soll dem Stürmer angeblich sechs Millionen Euro für einen Vier-Jahres-Vertrag geboten haben.
Sechs Millionen. Und immer fein die schöne Sonne auf dem lockigen Haar. Wer würde da schon nein sagen (wollen)? Man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

In diesem Sinne, einen fröhlichen und ruhigen EM-freien Feierabend.

18.09 Uhr

Wie Thorsten Fink über Gomez denkt

14. Juni 2012

Warte, warte noch ein Weilchen, dann . . . Ja, dann werden wir sehen, ob der HSV noch den einen oder anderen Spieler an einen anderen Verein abtreten kann. Die „Welt“ hat kürzlich von den „Ladenhütern“ des HSV geschrieben. Aber wer will schon „Ladenhüter“ haben? Zumal dann, wenn sie von einem Fast-Absteiger kommen? In der Ersten Liga dürften nur Klub Interesse haben, die unten „mitspielen“, und die haben meistens auch kein Geld. Also dürften sich die Ablösesummen in Grenzen halten, mit denen der HSV kalkulieren könnte. Ein Teufelskreis, denn: „Erst verkaufen, dann einkaufen“ – das funktioniert eigentlich ganz anders. Es wird noch eine Zeit verstreichen, ehe es Bewegungen auf dem HSV-Transfermarkt geben wird. Derweil genießen Spieler und Trainer ihren außergewöhnlich langen Sommerurlaub. Und das ist ja auch ganz gut so, gehen die Profis doch dann völlig erholt und ausgeruht wieder an ihre Arbeit.

Gestern waren ja Dennis Aogo und Jörn Wolf bei „Matz ab live“ zu Gast, und ich möchte jenen „Matz-abbern“ danken, die diese Auftritte gelobt haben. Im neuen „Studio, das „Champs“ in Schnelsen, wirkte es alles großzügiger und auch schon etwas professioneller, auch deswegen kamen diese 34 Minuten vielleicht so gut an. Wobei klar festzuhalten ist, dass unsere beiden Gäste wirklich etwa zu sagen hatten – und das auch sehr gut in die Tat umsetzten. Auch an dieser Stelle noch einmal unser Dank an beide Herren. Das lechzt nach einer Wiederholung.

Aber es ist ja EM. Zum Glück. Und da gibt es ja genügend Dinge, die zu kommentieren sind. Ich habe gerade in der „Sport Bild“ gelesen, warum der frühere niederländische Nationaltorwart Hans van Breukelen „die Deutschen nicht mag“: 1.) Die Schwalbe von Hölzenbein im WM-Finale 1974. Ich habe fast geweint. 2.) Die Arroganz der Deutschen. Die meisten grüßen nicht mal. 3.) Deutsche machen sich über uns lustig mit Witzen wie diesem: Holländische Kinder haben so große Ohren, weil ihre Eltern sie daran hochziehen und sagen: „Schau mal, da drüben wohnen die Weltmeister.“

Okay, ich kann ja verstehen, dass der Stachel immer noch tief sitzt. Aber ich möchte mal die drei Gründe aufschlüsseln. Punkt eins: Selbst wenn Hölzenbein zum 1:1-Eöfmeter ein Schwalbe produziert haben sollte, später, als der Frankfurter im WM-Finale von Jansen tatsächlich umgegrätscht wurde, gab es keinen Strafstoß. Also ausgleichende Gerechtigkeit. Punkt zwei, die Arroganz. Soll ich Hans van Breukelen grüßen, wenn ich ihn sehe? Oder Frau Antje? Oder Harry Wijnvoord? Oder Ruud van Nistelrooy? Natürlich, den würde ich grüßen, aber ich würde doch keinen Menschen grüßen, den ich nicht kenne. Es sei denn, dieser Mensch grüßt mich. Dann grüße ich natürlich zurück. Weil mir Arroganz fremd ist. Und Punkt drei? Ich kenne Niederländer, habe aber die großen Ohren nicht gesehen Und Witze über Holland und Holländer? Ich glaube, das gleicht sich auch alles aus, denn auch die Niederländer machen (nicht gerade freundliche) Witze über die Deutschen.

Und bei der Gelegenheit. 26. April 1989, WM-Qualifikationsspiel in Rotterdam, Niederlande gegen Deutschland. Da wurde in der Stadt am Tag vor dem Spiel und am tag des Spiels alles attackiert, was Deutsch sprach. Und an deutschen Autos wurden Scheiben eingeschlagen und Spiegel abgetreten. Und unser riesiges Hotel, ein Glaskasten mitten in der Stadt, wurde mit schweren Seiten beworfen. Ich sehe noch heute unseren früheren Nationaltorwart Hans Tilkowski mit eingezogenem Kopf von der Rezeption in Richtung Fahrstühle flüchten, weil er richtig viel Angst hatte. Aber der eigentliche Höhepunkt folgte erst im Stadion. Wir waren fünf Kollegen, drei aus Hamburg, einer aus Lübeck, einer aus Frankfurt. Wir waren im inneren Ring des Stadions, kurz vor den Aufgängen zu unseren Plätzen. Draußen tobte eine Schlacht, wie ich sie so noch nie erlebt habe – das war wie Krieg. Und wir hatten die Treppe vor Augen, alles schien bestens, als plötzlich ein niederländischer Polizist mit seinem Pferd auf uns von hinten zuritt. Und ohne Vorwarnung zog dieser ältere Herr (Rundschnitt in Augenbrauenhöhe) seinen Gummiknüppel und drosch damit auf unseren ältesten Kollegen, der bundesweit bekannte Hartmut Scherzer, ein. Wir waren fassungslos. Niemand von uns hatte etwas getan oder gesagt, es war einfach nur ein feiger Angriff von hinten, total unbegründet. Da wollte sich ein älterer Niederländern mal kurz an einem älteren Deutschen „rächen“. Ich habe das damals – mehr aus Zufall – fotografiert, Jahre später erschien dieses Foto (oder Fotos) auch in der „Sport Bild“ – im Zusammenhang mit der „deutsch-niederländischen Freundschaft“. Dieser Vorgang ist mir unvergessen, aber er zeigt auch, dass die Dummen eben noch lange nicht aussterben. Siehe Hans van Breukelen. Manche lernen es nie.

Zum Fußball. Mein Freund Peter, ein Freund der Nationalmannschaft (FdN), rief ich heute an und sagte: „Dass Deutschland auch zu zehnt gegen die Niederländer gewinnt, das ist eine ganz wichtige Erkenntnis für mich.“ Wie, zu zehnt? Er: „Na ja, hat der Karnevalsprinz hat doch nun wirklich nicht teilgenommen.“ Aha, es geht also um Podolski. Haut den Lukas. Recht hat er ja, mein Freund, ich habe Podolski ja auch nicht gesehen. Wir haben uns dann aber gefragt, ob es Jogi Löw nicht auch so ergangen ist? Zweite Halbzeit zumindest. Da turnte der Ex-Kölner, den sie am Rein immer mit der Sänfte ins Stadion und zum Training getragen haben, ja auf der gegenüberliegenden Seite der Trainerbank herum. Deswegen, so schlossen wir daraus, konnte in Löw nicht sehen, folglich auch nicht auswechseln. Wer nicht mitspielt, der kann nicht vom Platz geholt werden. Logisch. Deswegen musste erst Mesut Özil (der dann oft vor der Trainerbank aufkreuzte) runter, dann auch noch Thomas Müller. Rechtsdraußen.

An Müller scheiden sich ja die Geister. Ich gebe zu, dass der Bayern-Profi nicht in Bestform zur EM gekommen ist. Aber er ist auch nicht in absolut schlechter Verfassung. Mir gefällt dieser Müller immer noch, gebe ich zu. Weil er viele gute Dinge mit dem Ball anstellt, weil er den Ball auch bestens unter Kontrolle hat – und weil er fleißig nach hinten arbeitet. Das ist vielleicht der Punkt, der bei Podolski zum springenden Punkt wird. Ihm hat man ja oft vorgeworfen, dass er kaum oder nicht nach hinten arbeitet. Jetzt arbeitet er nach hinten, aber er arbeitet kaum noch nach vorne. Wir er vorne geschickt, geht er kurz ab – bis zu jenem Punkt, an dem er den Ball hat. Früher wäre er dann mit dem Kopf durch die Wand Richtung Tor des Gegners marschiert, hätte alles um und dumm gelaufen und geschubst – heute spielt er den Ball gleich wieder zurück, oder er läuft mit der Kugel am Fuß wieder Richtung eigener Hälfte. Völlig harmlos. Und total wirkungslos. Ein Ausfall.

Apropos. Cristiano Ronaldo. Oliver Kahn spricht ja nur die Wahrheit aus: so schlecht wie nie. Zwei Super-Chancen, kein Tor. Der gute „John-Wayne“-Verschnitt (weil er vor seinen Freistößen immer so breitbeinig steht wie die Hollywood-Legende, bevor er aus der Hüfte schoss) läuft in dieser portugiesischen Mannschaft wie ein Fremdkörper herum. Wie einer, der um Liebe bettelt, den aber keiner wirklich lieb hat. Im Gegenteil. Oft habe ich bislang den Eindruck, als würden ihn seine „Kollegen“ ganz bewusst „außen vor“ lassen. Wenn sie ihm den Ball geben, ist er weg – so oder so. Das will keiner so richtig.

Im Gegensatz dazu Mario Gomez. Zwei Chancen, zwei Tore. Das ist der wahre „John Wayne“. Eiskalt. Auch ohne breitbeinig vor dem Ball zu stehen, ohne auf die Anzeigentafel im Stadion zu blicken, ob auch die Frisur noch gut sitzt. Mich würde ein Typ wie Ronaldo in meiner Mannschaft nerven – wenn er keine Leistung bringt und keine Tore schießt. Nur dann, natürlich. Aber an guten Tagen kann er es ja. Ausgerechnet bei dieser EM kann er es aber (noch) nicht. Zurück zu Gomez. „Ich kann die Kritik an ihm nicht verstehen, jund jetzt hat er mit seinen nunmehr drei Toren den Kritikern das Maul gestopft“, sagt HSV-Trainer Thorsten Fink (mit dem „Scholle“ sprach) über den deutschen Torjäger. Und in der Castrol-Analyse werden die Stärken des Münchner Stürmers noch einmal bestens „entlarvt“:

In der Form seines Lebens? Allerdings. Mit Killerinstinkt vor dem gegnerischen Tor? Keine Frage. Aber lauffaul? In diesem Punkt scheiden sich bei Mario Gomez die Geister. Die Analysen von Castrol, offizieller Partner der „UEFA EURO 2012 Statistik“, belegen, dass die Kritik an Deutschlands Torgarant mit der Nummer 23 nicht auf Fakten, sondern auf subjektiven Eindrücken beruht.

Beim 1:0-Sieg der DFB-Elf gegen Portugal hatte Gomez in 80 Spielminuten 8 797 Meter absolviert und gegen die Niederlande waren es bei seiner Auswechslung in der 72. Minute bereits 8 826 Meter. Hochgerechnet auf die volle Spieldauer käme Gomez auf eine Gesamtlaufleistung von knapp 9 896 Metern (gegen Portugal) bis 11 032 Metern (gegen die Niederlande) – und muss so den Vergleich mit anderen Goalgettern nicht scheuen: Der Ukrainer Andrij Schewtschenko brachte es im Spiel gegen Schweden in 81 Minuten Spielzeit auf 8 826 Meter und Zlatan Ibrahimovic in Diensten der Schweden kam über die volle Distanz auf ganze 9 362 Meter. Beide Angreifer stehen in ihrem Land übrigens außerhalb jeder Kritik.

Deswegen war Gomez im Spiel gegen die Niederlande auch der herausragende Akteur mit einer Wertung von 9,43 Punkten. An seiner Effektivität gibt es keinen Zweifel: seine beiden Treffer erzielte der Münchener mit nur drei Schüssen auf das Tor. Als offizielle Analyse der „UEFA EURO 2012 Statistik“ erfasst der Castrol alle Ballkontakte und Aktionen eines Spielers und bewertet, ob sie die Wahrscheinlichkeit eines eigenen Tores erhöhen oder senken. In gleicher Weise werden Punkte für Defensivaktionen vergeben. Aus den gewonnen Daten ergibt sich eine Rangliste mit einer Bewertung von bis zu zehn Punkten – je höher die Punktzahl, desto besser die Leistung.

Auf Rang zwei der Liste landet Holger Badstuber (9,13 Punkte), der vor allem durch seine Balleroberungen auf sich aufmerksam machte. Der stärkste Niederländer war Robin van Persie mit einer Wertung von 9,08. Er überzeugte als Torschütze und Störfaktor im deutschen Spielaufbau. Er war außerdem der lauffreudigste Akteur seines Teams mit einem Pensum von 10 843 Metern. Beim Sieger war die Doppel-Sechs im Mittelfeld wieder fleißig unterwegs: Bastian Schweinsteiger setzte die Bestmarke mit 11 952 Metern vor Sami Khedira mit 11 336 Metern. Insgesamt absolvierte die deutsche Elf rund 106 Kilometer, Holland dagegen nur 104 Kilometer.

Khedira und Schweinsteiger – das waren zwei riesige Stützen in der Sieger-Mannschaft, die ihren Gegenspieler Mark van Bommel und Nigel de Jong (unser Nigel!) klar an die Wand spielten. Real-Spieler Khedira war in der Balleroberung Weltklasse, Schweinsteiger war Lenker, Denker und Kämpfer – wie (fast) zu seinen besten Tagen. Ich würde es ihm und der deutschen Mannschaft (und auch mir) wünschen, dass er noch während dieser EM zur alten Stärke zurückfindet, gegen die Niederlande war er fast schon wieder an jenem Punkt. Oftmals sieht es nicht sonderlich spektakulär aus, wie er etwas macht, aber fast alles ist enorm wirkungsvoll. Wie bei Khedira. Zwei große Trümpfe auf dem Weg zum Titel? Ich hatte ja vorher auf die Niederländer (Egoland) und als Außenseiter auf die Polen getippt, aber die Sache mit dem Tippen ist so eine Sache. Meistens liegt man daneben – ich total. Deswegen sage ich jetzt: unterschätzt mir die Italiener nicht. Die spielen bislang so gut, wie ich sie kaum zuvor mal gesehen habe. Die laufen, die rennen, die spielen kreativ, die kämpfen, die stehen gut, die treten als Einheit auf – da passt alles. Hätte ich vorher nie geglaubt, aber der Wettskandal scheint null Spuren hinterlassen zu haben. Kompliment!

18.59 Uhr

Sylt steht im Zeichen der Neuen

29. Juni 2011

45 Minuten Laufen am Morgen, 2 Stunden und 15 Minuten beim Training um zehn Uhr auf dem Platz und eine knackige 120-Minuten-Einheit am Nachmittag – Michael Oenning hält, was er versprochen hatte: er macht die Mannschaft fit. Und obwohl es harte Einheiten sind, ist den jungen Spielern (so pauschal darf man inzwischen über diesen verjüngten HSV sprechen) das Lachen noch nicht vergangen. Mit Schuld daran ist auch ein Neuer. Sein Name: Frank „Funny“ Heinemann, seines Zeichens neuer Cotrainer und Bochumer Urgestein. Und ein lustiger, sehr positiver Typ. Zumindest erzählt man sich das über den 46-Jährigen, der 2009 für vier Bundesliga- und ein DFB-Pokalspiel sogar als Cheftrainer des Relegationsverlierers aus dem Ruhrpott agierte.

Uns gegenüber zeigte sich Heinemann zielsicher und selbstbewusst. Dass er seit seinem abrupten Karriereende 1995 (Kreuzbandriss) bislang nicht über die Rolle des Interims-Cheftrainers hinauskam, stört ihn nicht. Im Gegenteil. Heinemann ist zufrieden mit dem, was er gemacht hat – und vor allem mit dem, was er aktuell macht. „Es fühlt sich echt gut an, beim HSV zu arbeiten. Ich bin gern beim HSV.“ Menschlich sei er bereits voll angekommen, „von vielen netten Menschen sehr freundlich aufgenommen“, wie er es selbst formuliert.

Und das, obwohl der neue HSV-Cotrainer zuvor eine herbe Enttäuschung verkraften musste. Nach 35 Jahren beim VfL Bochum, für den er in der Jugend und im Profibereich kickte und arbeitete, wurde ihm im März von der VfL-Führung mitgeteilt, dass er als Jugendchef nicht mehr gebraucht würde. Sechs Jahre lang hatte er zuletzt immer nur Einjahresverträge unterschrieben und ritt demnach durchgehend auf der sprichwörtlichen Rasierklinge in einem Metier, das bekannt ist für viele Personalwechsel. „Aber für mich ist das kein Problem mehr, ich schaue nicht zurück“, sagt Heinemann.

14 Jahre lang hatte er als Cotrainer beim VfL gearbeitet. Er erlebte zuerst Toppmöller und anschließend Middendorp, Dietz, Zumdick, Schafstall, noch mal Dietz, Neururer und Koller mit. „Alles sehr unterschiedliche Typen, von denen ich gelernt habe“, sagt Heinemann und umgeht die Antwort auf die Frage, mit wem er nicht klarkam, sehr gekonnt: „Es war nicht nur leicht, aber Loyalität ist für mich oberstes Gebot.“ Auch deshalb betonte er, dass er nicht nach Hamburg gekommen sei, um irgendwann Oenning zu beerben. „Ich kann mit dem Amt des Cotrainers gut leben“, sagt Heinemann, „auch, weil ich weiß, dass dort meine Qualitäten liegen. Ich brauche keine Öffentlichkeit, selbst wenn mich die Öffentlichkeit als Hütchenaufsteller sieht. Denn die, die nahe dran sind, wissen, dass Fußball mehr ist als die 90 Minuten auf dem Platz und die Trainingseinheiten. Man ist mit dem Cheftrainer mehr zusammen als mit seiner eigenen Frau. Und ich bringe mich ein.“

Auch bei den neuen, jungen Spielern. Als Nachwuchschef des VfL hatte er lange Zeit „von der U9 bis zur U23“, wie er selbst sagt, zu tun. „Dabei habe ich viel über den Umgang mit den verschiedenen Generationen gelernt.“ Eine Erfahrung, die er beim Umbruch zu jungen Spielern auch beim HSV einbringen will. „Ich bin nicht der Spion des Trainers und auch kein Spieler. Ich bin dazwischen und weiß, dass wir nur dann Erfolg haben können, wenn wir eine positive Stimmung reinkriegen. Das muss nicht bedeuten, dass wir zusammen Quatsch machen. Aber wir müssen zusammen Spaß daran haben, zusammen Erfolg zu haben. Und das versuche ich zu forcieren.“

Klingt gut. Und der Gedanke dahinter ist es ganz sicher auch. Ob Heinemann noch mehr Hilfe anbieten kann? Ob er als Ex-Nachwuchschef des VfL nicht vielleicht das eine oder andere Riesentalent aus Bochum nach Hamburg lotsen könnte? Heinemann lacht: „Da sind schon ein paar interessante Spieler dabei, über die wir uns hier auch unterhalten.“

Die wiederum gibt es beim HSV auch. Neben den mitgereisten Amateuren sind das auf Sylt insbesondere die beiden Zugänge vom FC Chelsea, Jacopo Sala und Gökhan Töre. Beide wussten bei den spielerischen Übungen mit ihren überdurchschnittlichen technischen Fähigkeiten zu überzeugen. Und auch anschließend, im Gespräch, gaben sich beide mit überaus gesundem Selbstbewusstsein keine Blöße. Einsätze in der U23 des HSV? „Nee“, so Töre, „ich bin hier, um von Beginn an in der ersten Mannschaft zu spielen.“ Und während Sala nur zustimmend nickte, legte Töre nach. Er habe zwei harte Jahre in England hinter sich, weil er dort allein gelebt hatte. 13 Mal war er für die erste Mannschaft nominiert, saß auf der Bank. Aber eben immerhin im Kader. „Aber nicht zu spielen macht auch keinen Spaß.“ Gleiches gelte für die erste Nominierung für die türkische A-Nationalelf, wo er 90 Minuten zusah. „Viele hatten gedacht und gesagt, ich würde spielen. Aber am Ende war der Druck auf den Trainer zu groß.“ Inzwischen überlegt Töre laut, ob er für die Türkei oder den DFB spielen soll.

Und während Töre Mesut Özil zu seinen Freunden zählt („Mit ihm zusammen habe ich vor ein paar Tagen noch auf Ibiza Urlaub gemacht“), gilt das auch für Sala. Beide HSV-Neuzugänge kennen sich seit zwei Jahren, spielten zusammen bei der zweiten Mannschaft des FC Chelsea zusammen. Heute sind sie beide aus den gleichen Gründen („Frank Arnesen hat uns überzeugt“) in Hamburg, beide planen den sofortigen Start in die erste Mannschaft. Und während Töre schon A-Nationalelf-Ambitionen hegt, hofft der schlaksige Offensivspieler darauf, sich beim HSV und in der italienischen U21 festsetzen zu können.

Egal wie, mit Töre und dem der deutschen Sprache noch nicht mächtigen Sala hat der HSV zwei ambitionierte Jungspieler geholt. Zwei der Sorte, die den arrivierten Spielern nicht nur Druck machen sollen und können, sondern zwei von der Sorte, die Hoffnung machen.

Mehr als Hoffnung verbreiten will indes die neue Nummer eins des HSV, Jaroslav Drobny. Der 31-Jährige ist endlich da, wo er sich schon vor einem Jahr gewähnt hatte. Allerdings blieb Frank Rost damals entgegen aller Erwartungen in der HSV-Führung trotz der Drobny-Verpflichtung beim HSV und erteilte Drobny eine bittere Lehre. „Ein Jahr auf der Bank mache ich nicht noch mal“, sagt Drobny heute und will es damit mit Rückblicken belassen. Zu tief sitzt der Stachel der Enttäuschung darüber, dass er zugesagt hatte, nachdem ihm die Nummer eins beim HSV angeboten – und von Rost sowie Trainer Armin Veh letztlich doch wieder entrissen worden war. „Ich wollte immer nur die Nummer eins sein. Und jetzt bin ich es. Das eine Jahr war schlecht, aber es hat mich stärker gemacht. Jetzt endlich die Eins zu sein, ist auf jeden Fall ein deutlich besseres Gefühl“, so der Tscheche.

In den bisherigen Einsätzen ohne die Sicherheit, dass ihm Trainerteam und Mannschaft zu 100 Prozent vertrauen, fühlt Drobny sich von Oenning voll akzeptiert und gefördert. „Ich werde der Mannschaft helfen. Ich will in den Phasen, wo wir Druck ausstehen müssen, hinten Sicherheit geben. Ich will wieder eine Stütze der Mannschaft sein.“ Indem er die Mannschaft auch verbal führt? Zuletzt wurde dem Rechtshänder vorgeworfen, er sei auf und neben dem Platz zu ruhig. Ob sich das jetzt ändert? „Ich werde auch heute keine Show fabrizieren“, sagt Drobny, „ich rede mit den Spielern. Ich kann auch laut werden. Ich sage auch in der Kabine klar meine Meinung – aber ich schreie nicht auf dem Platz, damit die Kameras es einfangen und mich zum Wortführer machen. Ich erwarte von meinen Mitspielern Respekt und dass jeder versucht, ein Teil einer Mannschaft zu sein. Und genau so verhalte ich mich auch.“

Wie konsequent Drobny sein kann, bewies er zuletzt, als er eine Einladung zur tschechischen A-Nationalelf ablehnte. „Ich wollte nicht zur Nationalmannschaft, weil ich beim HSV nicht die Nummer eins war. Das habe ich dem Nationaltrainer auch so gesagt.“ Eine Situation, die sich verändert hat. „Klar, aber erst einmal will ich ein paar Spiele machen. Gerade der Saisonauftakt ist wichtig. Für mich – und für uns als Mannschaft genauso. Der Rest kommt später.“

Später kommen auch Elia, Pitroipa, Aogo, Petric und Bruma, der heute erfolgreich seinen Medizincheck absolviert hat. Während Petric verletzungsbedingt erst am 6. Juli wieder ins Mannschaftstraining einsteigen soll, werden auch die anderen vier am Sonntag beim ersten Härtetest gegen den VfL Wolfsburg um 17 Uhr in Flensburg noch nicht eingesetzt. Ganz im Gegensatz zu Drobny und vor allem die „Jungstars“ Sala und Töre.

In diesem Sinne, hoffen wir, dass hinter den markigen Worten Salas und Töres auch die entsprechende Qualität für die Bundesligasaison steckt. Zuzutrauen ist es ihnen allemal.

Scholle

19.25 Uhr

P.S.: Im Nachmittagstraining ging es übrigens gut zur Sache. Verbal und körperlich. Dabei mussten sich insbesondere der etwas zu verspielte Ben-Hatira sowie Töre Kritik vom Trainer Oenning gefallen lassen. Und als Töre selbst auf die Aufforderungen Oennings nicht so recht reagieren wollte, nahm sich auch noch Kapitän Heiko Westermann den Deutsch-Türken zur Brust. Auf jeden Fall, das bleibt festzuhalten, ist Töre ein – diplomatisch formuliert – offenbar sehr stolzer Spieler, den es zu führen gilt.

P.P.S.: Dann gab es heute noch ein paar Gerüchte. So soll der HSV angeblich an Hoffenheims David Alaba interessiert sein. Mediendirektor Jörn Wolf maß dem Ganzen null Prozent Wahrheitsgehalt bei. Ebenfalls unwahr ist, dass Aufsichtsrat Jörg F. Debatin nach seinem Aus als UKE-Chef auch aus dem HSV-Aufsichtsrat zurücktritt.

19.25 Uhr

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