Archiv für das Tag 'Otto'

Ertel: “Es ist Zeit für einen Neuanfang”

22. Januar 2013

Heute war frei. Zumindest für Trainer und Mannschaft. Allein der Vorstand sowie die elf neuen Aufsichtsräte treffen sich heute Abend in der Imtech-Arena. Dabei sollen die Vorstände den Kontrolleuren aufzeigen, wie der Stand der Dinge ist und wird. Wirtschaftlich wie sportlich eine Prognose abgebe, wobei sich finanziell durch ausbleibende Verkäufe entsprechend auch noch nicht viel verbessert hat. Zudem geht es darum, dass der Aufsichtsrat samt seiner vier neuen Mitglieder Katrin Sattelmair, Ali Eghbal, Jens Meier und Christian Strauß den Vorstand kennenlernt – und andersrum. Vorab hatte ich die Möglichkeit, mit dem neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrates, dem 62-jährigen Spiegel-Journalist Manfred Ertel, zu sprechen. Aber lest selbst. Das erste Interview mit dem neuen Aufsichtsratsboss:

Herr Ertel, der Aufsichtsrat hat noch bis 22.15 Uhr getagt. Wie war die Nacht für Sie? Konnten Sie ganz normal einschlafen oder hat Sie die Wahl noch lange beschäftigt?
Manfred Ertel: „Ich habe tatsächlich nicht so gut geschlafen. Aber das kann ich jetzt nicht mit der Wahl in Verbindung bringen. Im Gegenteil, ich habe am Abend noch lange mit meiner Frau telefoniert, die sich sehr für mich gefreut hat.“

Allerdings kommt eine schwierige Aufgabe auf Sie zu. Der Verein steckt sportlich im Umbruch und finanziell im Minus. Der Druck des Vorstandes lastet auch auf dem Aufsichtsrat, der den Großteil der Transfers in den letzten Jahren abgesegnet hat. Warum wollten Sie das Amt trotzdem?
Ertel: „Natürlich spüre ich den neuen Druck. Aber andererseits bin ich auch kein Newcomer in derartigen herausgehobenen Positionen. Zudem freue ich mich sehr über das sehr große Vertrauen der Kollegen und die Zusammensetzung der Führung mit Jens Meier und Eckart Westphalen und Christian Strauß als Finanzausschussvorsitzenden. Wir sind ein sehr gutes Team als Gesamt-AR aber auch in den neuen „Führungspositionen“, verstehen uns auch menschlich sehr gut. Allein das nimmt schon einmal einen Teil des Drucks von mir. Sollten wir so gut weiterarbeiten wie zuletzt mit Alexander Otto und Eckart Westphalen, sind wir richtig gut. Bauen wir das noch aus, wären wir sogar sehr gut.“

Gemessen werden aber auch Sie in und nach Ihrer einjährigen Amtszeit an den Zahlen und Ergebnissen.
Ertel: „Die finanzielle Konsolidierung des Vereins ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit, die wir mit vorantreiben wollen. Dabei müssen wir auch, so hart das klingt, den Vorstand überwachen. Das verlangt die Satzung, das müssen wir im Interesse des Vereins und unserer Mitglieder ernst nehmen. Allerdings verstehen wir diese Kontrolle so, dass wir den Vorstand unterstützen und ihm helfen, den Weg freizuräumen. Das Vertrauen in unseren Vorstand ist sehr groß, was schon die zuletzt getätigten Vertragsverlängerungen unserer Vorstände Carl Jarchow und Joachim Hilke dokumentieren. Der Aufsichtsrat will nicht mit steuern, sondern helfen und seiner satzungsgemäßen Aufgabe als Kontrollgremium nachkommen.“

Der Aufsichtsrat war zuletzt sehr auffällig – ist aber eher als Verhinderer der Entwicklungen wahrgenommen.
Ertel: „Wir haben aus den letzten Monaten, in denen der Aufsichtsrat in Teilen der Öffentlichkeit deutlich schlechter dargestellt wurde als er tatsächlich gearbeitet hat, eine wichtige Lehre ziehen können: Wir wollen vereinspolitische Debatten und Streitereien aus dem Aufsichtsrat heraushalten. Unser Ziel ist es, uns streng auf unsere satzungsgemäßen Aufgaben zu konzentrieren. Ich werde auch definitiv nicht alle vier Wochen öffentlich etwas kommentieren. Im Gegenteil. Denn wenn wir still, leise und effektiv arbeiten und möglichst weit im Hintergrund bleiben, haben wir ein wichtiges Ziel erreicht.“

Allerdings wurden auch die 6,4 Millionen Euro, die Sportchef Frank Arnesen im Winter durch Verkäufe einnehmen und einsparen muss, öffentlich. Von einem Aufsichtsrat…
Ertel: „Die Sparauflage kommt ja nicht aus der Mitte des Aufsichtsrates, sondern vom Vorstand selbst. Wir unterstützen dieses Vorhaben, von dem der Vorstand sehr überzeugt ist, ausdrücklich. Und wir warten ab, bis die Transferperiode beendet ist und ein Ergebnis vorliegt.“

Was passiert den, wenn Frank Arnesen das interne Ziel von 6,4 Millionen Euro nicht erreicht?
Ertel: „Ich halte nichts von einer „Wenn-Dann-Pädagogik“. Wir warten ab und hören uns die Schlussfolgerungen des Vorstandes ganz in Ruhe an: Wir sehen den aktuellen Stand nicht als ein halbleeres, sondern als ein halbvolles Glas.“

Die Ziele der Mannschaft sind mit den Top-Ten relativ konservativ formuliert. Marcell Jansen hingegen hat zuletzt kritisch angemerkt, dass der HSV bei seinen Investitionen höhere Ziele haben muss. Er sagte, dass es nicht angehen könne, dass Mannschaften mit deutlich geringeren Etats vor dem HSV stehen.
Ertel: „Man sollte nicht allein auf die Zahlen schauen. Ich finde es gut, dass Marcell als Führungsspieler einen Anspruch an sich selbst und seine Mitspieler formuliert. Das spricht für ihn. Ich glaube auch, dass die Mannschaft gezeigt hat, was sie kann. Mannschaft, Trainer und Vorstand sind auf einem guten Weg.“

Den hatte zuletzt auch der Aufsichtsrat unter der Führung Alexander Ottos eingeschlagen, der trotz etlicher Überredungsversuche nicht von seinem Rücktritt abzubringen war. Wie viel Otto steckt in Ihnen, was haben Sie sich bei Alexander Otto abschauen können?
Ertel: „Von Herrn Otto kann man sich einiges abgucken. Er besitzt beispielsweise eine Autorität, Gelassenheit und ein Geschick für vermittelnde Moderation bei Kontroversen, an der man sich – auch ich – orientieren kann. Sein Motto ‚Vermitteln statt Spalten’ gilt auf jeden Fall auch weiterhin, auch für mich.“

Sie werden öffentlich noch oft als Fan im Aufsichtsrat wahrgenommen. Insbesondere im Blog „Matz ab“ wurde Ihre Wahl sehr kritisch beurteilt. Wie begegnen Sie den Kritiken an Ihrer Person?
Ertel: „Es ist Zeit, jetzt mal einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Via Internet können mit großer Leichtigkeit Behauptungen aufgestellt werden. Und gegen derartige üble Nachrede im Internet und den Blogs kann ich mich schlecht bis gar nicht wehren. Aber ich kann von mir behaupten, dass ich noch immer im Einverständnis mit Leuten auseinandergegangen bin, die mir sehr kritisch begegnet sind und das Gespräch mit mir gesucht haben. Daher kann ich auch nur hoffen, dass mich meine Kritiker nicht anonym via Internet kritisieren, sondern persönlich ansprechen.“

Wie lösen Sie das Kommunikationsproblem?
Ertel: Wir werden allen anbieten, mit uns Kontakt aufzunehmen. Wir überlegen gerade, wie man das am besten umsetzen kann. Da werden wir uns in den nächsten Wochen was einfallen lassen.“

Trotz aller Widerstände haben Sie sich für das höchste Amt im HSV beworben. War Ihnen schon länger klar, irgendwann den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden bekleiden zu wollen? Oder haben Sie gezögert?
Ertel: „Ich bin in letzter Zeit von sehr vielen Leuten aus dem Verein gebeten worden, mich um das Amt zu bewerben. Ich selbst habe aber lange gezögert und mich erst am Sonntag dazu entschlossen, zu kandidieren. Meine zwei engsten Freunde und meine Frau hatten mir sogar davon abgeraten – und sich am Ende sehr mit mir gefreut. Für mich zählt jetzt, dass mir meine Kollegen im Aufsichtsrat einen riesigen Vertrauensvorschuss entgegengebracht haben.“

Das war das erste Interview mit dem neuen Aufsichtsratsboss des HSV. Und ich finde, dass Manfred Ertel entgegen der hier vorherrschenden Meinung sehr wohl einige positive Ansätze liefert. Natürlich sind es bislang auch nur Ansätze, die erst noch mit Taten belegt werden müssen. Klar! Aber so ist es am Anfang doch bei jedem. Von daher halte ich es wie immer und gebe Manfred Ertel zusammen mit seinen Stellvertretern Jens Meier, Eckart Westphalen sowie allen anderen Kontrolleuren die faire Chance, die sie verdient haben. Wer weiß, wie sich die neue Zusammensetzung des Rates auf dessen Arbeit auswirkt?

In diesem Sinne, ich hoffe, dass der Aufsichtsrat den Otto’schen Handlungsstil beibehält und ausbaut. Ich melde mich morgen wieder. Dann wieder mit Fußball, denn da wird um 10 und um 15 Uhr an der Imtech-Arena trainiert.

Euch allen einen schönen Rest-Dienstag,
Scholle

P.S.: Eljero Elia ist heute im Training in Bremen übel umgegrätscht und anschließend mit Schmerzen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Dort allerdings gab es schnell Entwarnung: nur eine Fußprellung. Der ehemalige HSV-Profi kann somit am Sonntag bei Bremens 1:3-Niederlage gegen den HSV dabei sein. Gut so!

Ein Tag voller Harmonie beim HSV

13. Januar 2013

Die Mannschaft war da, sogar vollzählig, und auch die beiden Geburtstagskinder waren mit von der Partie: Tomas Rincon und Artjoms Rudnevs. Es gibt sicherlich besser Anlässe, solche Feiertage zu verbringen, aber watt mutt, datt mutt. Dann geht es eben auch mal – für ein, zwei Stunden – zur HSV-Mitgliederversammlung ins CCH. Der HSV ist ja ein ganz besonderer Verein. Und für einen solche Klub geht Mann eben auch mal besondere Wege. „Ich gebe zu, dass ich noch nie bei einer Mitgliederversammlung bei den Vereinen gewesen bin, für die ich gespielt habe“, sagte Paul Scharner, aber er dürfte jetzt einen noch feineren Blick in das Innere des HSV haben, als er es vorher hatte. Und das gilt sicher nicht nur für Scharner, bei dem ich mich auch an dieser Stelle noch einmal bedanke, dass er am Tag zuvor – und unmittelbar nach Spielschluss – Gast bei „Matz ab live“ war. Dank auch deshalb an die Gäste Harry Bähre und Manfred Kaltz – um es mit Paul Scharner zu sagen: „Es war mir eine Ehre . . .“

Zurück zur Mitgliederversammlung. Zwischendurch waren 940 stimmberechtigte Mitglieder anwesend. In seinem Bericht für den Aufsichtsrat schilderte der scheidende Boss Alexander Otto seine Sicht der Dinge. Er lobte den Einkauf und die Verpflichtung von Rafael van der Vaart („Er war psychologisch enorm wichtig für die Mannschaft“) – und dazu explizit auch den neuen HSV-Torwart Rene Adler. Dafür gab es viel Applaus. Es wurde dann ohnehin eine Rede, die viel Beifall erhielt. „Die Mannschaft hat uns im Jahre 2012 allen viel Nerven und Leidensfähigkeit abverlangt“, sagte Otto, der auch den HSV-Gönner und –Sponsor Klaus-Michael Kühne für den Van-der-Vaart-Transfer dankte – und lobte. Nach seiner Rede gab es standing ovations für Alexander Otto, es erhoben sich fast alle Mitglieder im Saal.

Anschließend folgten viele kritische Sätze einiger sprachgewandter HSVer, es wurde polemisiert wie eh und je, eine bekannte HSV-Führungsperson dazu: „Wir kennen unsere Pappenheimer, wir ertragen sie ja nun schon Jahr für Jahr und kennen ihre Meinungen schon zur Genüge. Das erträgt man schon mit einer gewissen Gelassenheit.“ So ist es. Dass Dr. Peter Krohn in seinem Beitrag die Strukturen des HSV verteidigte, das ist ebenfalls seit Jahren bekannt und hat nun wirklich niemanden mehr vom Hocker gehauen. Das fast alle anderen Sprecher, die an diesem Sonntag auf der Bühne auf aufkreuzten, auch für die bestehenden Strukturen plädierten – okay, es ist so wie es ist. Sie alle werden wohl doch den besseren Überblick haben, als sämtliche Fußball-Experten, die sich seit Jahr und Tag dafür einsetzen, dass der HSV seine Strukturen ganz dringend ändern sollte.

„Strukturen schießen keine Tore.“ Das war zu diesem Punkt und an diesem Sonntag im CCH immer wieder zu hören.
Meine Gegenfrage wäre: Verhindern Strukturen denn Gegentore? Auch nicht? Na dann! Tomaten schießen auch keine Tore, Wagenheber auch nicht. Nur zwei Beispiele. Aber Strukturen schießen selbst beim FC Bayern oder auch bei Borussia Dortmund keine Tore. Das machen in den Vereinen Leute wie Müller, Ribery, Lewandowski oder auch gelegentlich Götze. Mitunter auch andere Spieler. In Basel traf nun für die Bayern der Spieler „Schweinsgruber“. Was viel wichtiger ist in dieser Frage: Wie kommt ein Verein (in diesem Falle wäre der HSV nun einzufügen!) in die Lage, Spieler wie Müller, Ribery, Lewandowski oder auch Götze in seinen eigenen Reihen zu haben? Und dabei helfen dann sehr wohl die Vereins-Strukturen. Wohl gemerkt: Ich weiß auch sehr wohl, dass Strukturen keine Tore schießen, denn ich habe in meinen bislang 64 Jahren genügend Spiele des HSV gesehen, nie schoss dabei ein Spieler namens Struktur oder Strukturen ein Tore.
Grundsätzlich meine ich: Wer aber immer noch so weitermachen will wie bislang, der soll. Einfach die Stimmen, die sich ja stetig mehren und die dem HSV andere Strukturen empfehlen, ignorieren. Und sich davon einlullen lassen, dass Strukturen ja keine Tore schießen. Es lebe der E. V. – es lebe die Mitbestimmung der Mitglieder, die den Profis schon den rechten Weg weisen werden. Und dass der HSV nur die Strukturen eines „Kaninchen-Züchter-Vereins“ hätte, das wies AR-Kandidat Christian Strauß energisch zurück: „Eine Frechheit.“ Jawoll!

Die ausscheidenden fünf Aufsichtsratsmitglieder wurden dann mit Blumen und viel Beifall verabschiedet: Alexander Otto, Horst Becker, Ian Karan, Ernst-Otto Rieckhoff und Jörg F. Debatin.

1002 stimmberechtigte Mitglieder waren dann bei der Wahl der vier neuen Aufsichtsratsmitglieder zugelassen. Im ersten Durchgang schafften es zwei Männer, gewählt zu werden: Der gefeierte „Ausziehkünstler“ Ali Eghbal (er zog seine Anzugjacke und sein weißes Hemd und den Schlips aus, um sein rotes HSV-Trikot, das er drunter trug, zu zeigen!) erhielt 535 Stimmen, und der vielleicht beste Redner des Sonntags, Jens Meier, brachte es auf die Rekordzahl 749.

Im zweiten Wahldurchgang ging es für fünf Leute um die letzten beiden freien Plätze: Ralf Bednarek, Cord Wöhlke, Christian Strauß. Kathrin Sattelmair und Stephan F. Rebbe. Um 15.56 Uhr brandete dann riesiger Jubel im Saal auf, denn Kathrin Sattelmair (496 Stimmen) und Strauß (447) waren gewählt. Der große Favorit, Ralf Bednarek, scheiterte knapp, er erhielt nur 433 Stimmen. Das war die große Überraschung des Tages. Fast eine Sensation. 15 Stimmen haben Bednarek gefehlt . . .

„Ich erwarte eine harmonische Versammlung“, hatte Vorstandsmitglied Oliver Scheel vorher prophezeit – er lag damit genau richtig. Ich habe niemanden gehört, der sich über Ärger oder Pöbeleien beklagt hätte. Im Gegenteil, selbst die kritischen Beiträge wurden gelobt, weil dort viele, viele wahre Sätze gelassen ausgesprochen worden sind. Ohne polemisch oder zynisch zu werden, das war wohltuend zu vernehmen.

Nach den Wahlen, die übrigens erstmalig per elektronischen Geräten stattfand (ein großer Gewinn! Ganz hervorragend!), sprachen die Vorstandherren über ihre Bereiche. Wobei Joachim Hilke nicht sprechen konnte, der lag daheim mit einer schweren Erkältung im Bett.

Carl-Edgar Jarchow hatte bei diesen Reden vielleicht den härtesten Part, denn er musste sowohl über die sportliche als auch über die wirtschaftliche Entwicklung des HSV Auskünfte geben. Ich versuche hier einmal, die Jarchow-Rede und voller Länge aufzuzeigen:

„Ich freue mich, dass wir heute diese Versammlung in so hervorragender Art und Weise hinter uns gebracht haben.“ Dann begrüßte Jarchow die vier neuen Aufsichtsratsmitglieder und fuhr fort: „Es ist heute schon von verschiedener Seite das eine oder andere auch hinsichtlich der wirtschaftlichen Situation des HSV geäußert, dazu möchte ich nun Stellung nehmen. Wir reden heute über den Abschluss 2011/12, wir haben dieses Jahr mit einem Fehlbetrag von 6,6 Millionen Euro abgeschlossen – 4,8 Millionen davon sind effektiver Verlust. Und 1,8 Millionen sind Rechnungsabgrenzung durch den Verkauf des Spielers Guerrero. Und, um das an dieser Stelle zu sagen, natürlich ist das unser Verlust, nämlich der Verlust dieses Vorstandes – dazu stehen wir, dafür sind wir auch verantwortlich, keine Frage.“

Dafür erhielt Jarchow Beifall, der weiter sagte: „Was ich nicht ganz nachvollziehen kann ist die Tatsache, dass diese Zahlen als Überraschung gelten. Es ist bei den letzten Mitgliederversammlungen stets ganz klar gesagt worden, wie die Lage im letzten Jahr war, das haben wir immer schon publiziert. Deswegen kann das keine Überraschung mehr gewesen sein. Die Gründe für dieses Ergebnis haben wir auch immer genannt, es gab verschiedene Gründe. Einmal hatten wir sportlich keinen Erfolg hatte, das führte dazu, dass TV-Gelder und andere Erträge rückläufig waren. Auch weil wir einmal mehr nicht europäisch gespielt haben. Und weil wir überdurchschnittliche Transferzahlungen aus früheren Verträgen zu leisten haben.“

Dann stellte Jarchow klar: „Kurz zum Eigenkapital, das hier als negativ hingestellt wurde. Das Eigenkapital ist aber nicht negativ, sondern mit 15,6 Millionen Euro durchaus positiv. Nichts desto weniger kann es nicht unser Ziel sein, immer weiter Verluste zu produzieren, sondern muss es das Ziel sein, ein ausgeglichenes Ergebnis zu präsentieren. Und das ist auch unser Ziel – ich hatte auch für das laufende Jahr eine schwarze Null angepeilt.“ Das aber wird wohl nichts: „Anfangs dieser Saison, vor dem Hintergrund der sportlich schlechten Leistungen, musste wir abwägen, gehen wir weiter Risiko und laufen damit Gefahr, abzusteigen, oder nehmen wir Geld in die Hand und gehen wir das kalkulierte Risiko ein, vielleicht kein ausgeglichenes Ergebnis zu haben, aber im Falle eines Abstiegs sicherlich sehr viel größere, nicht nur sportliche, sondern auch wirtschaftliche Schäden in Kauf zu nehmen. Diese Überlegungen haben dazu geführt, den Kraftakt zu wagen – mit den Verpflichtungen der Spieler Jiracek und van der Vaart. Weil wir glaubten, diese junge, durchaus bewusst verjüngte, Mannschaft dahin zu bringen, wieder sportlichen Erfolg haben können.“


Carl Jarchow dann weiter: „Für uns war die einzige Möglichkeit, als Konsequenz aus dem schlechten Jahr vorher und dem schlechten Jahr davor, zu analysieren, woran es liegt? Zwei Dinge haben wir dabei klar gesehen: Eine zu sehr verjüngte Mannschaft, ohne die nötige Erfahrung, wird es sportlich schwer haben. Und sie wird sicherlich nicht in die Bereiche kommen, in die wir kommen wollen – nämlich im oberen Drittel der Tabelle. Und zweitens werden wir uns auf Dauer nicht leisten können, immer wieder hohe Summen für Transfers zu bezahlen, deshalb müssen wir mehr auf die Jugendarbeit setzen. Und wir müssen uns ganz klar auseinandersetzen, was in den letzten Jahren in Sachen Nachwuchsarbeit falsch gelaufen ist, warum es zu wenig Spieler aus dem Nachwuchsbereich geschafft haben, in die Profi-Mannschaft zu kommen.“ Jarchow weiter: „Das hatte dazu geführt, dass wir die Mannschaft zwar verjüngt haben. Und, um auch das noch einmal zu sagen: Als dieser Vorstand begonnen hat mit seiner Arbeit, da lagen die Kosten für unseren Bundesliga-Kader über 50 Millionen Euro, wir haben das innerhalb eines Jahres um zehn Millionen Euro reduziert. Das war schon deshalb ein Kraftakt, weil viele Verträge ja über einen längeren Zeitplan laufen und man sie gar nicht verändern kann. Dieser Kraftakt war ein großes Risiko, denn wir hatten sportlich große Schwierigkeiten und sind in Abstiegsnot geraten. Konsequenz daraus war: Wir brauchen mindestens zwei erfahrene Spieler, die diese Mannschaft führen, um die jungen Spieler zu entlasten. Und wir haben, dafür hatte sich Frank Arnesen sehr stark gemacht, dann auch Rene Adler nach Hamburg geholt, dazu kamen andere Verpflichtungen wie Beister und Badelj.“

Bei dem Namen Adler brandete schon großer Beifall auf. Jarchow fuhr fort: „So ist das im Fußball, entweder man ist der größte Depp, weil man etwas falsch macht, oder man ist auf einmal der beste Einkäufer, weil man drei, vier Sachen richtig gemacht hat. So schnell geht es eben manchmal. Wir versuchen, und das ist die Maxime unseres Vorstandes, perspektivisch und auf Zukunft zu arbeiten. Und nicht davon auszugehen, von heute auf morgen den großen Schritt machen zu können, das halten wir für unrealistisch.“

Dann sprach Carl-Edgar Jarchow noch über den HSV-Campus („Die Konzentration aller Leistungs-Mannschaften im Volkspark“) und sagte, weil auch das voran als Vorwurf gekommen war: „Wir haben die Anleihe, die man durchaus kritisieren kann, in der Tat nicht gemacht, um uns Liquidität zu sichern, denn wir waren liquide. Wir haben die Anleihe deshalb gemacht, wie wir als HSV bis 2015 nach wie vor in größeren Beträgen und danach bis 2021 in kleineren Beträgen unser Stadion abzubezahlen haben. Und da wir das haben, ist es nicht so ohne Weiteres möglich, weitere Darlehen zu bekommen, deswegen haben wir uns zu dem Schritt mit der Anleihe entschlossen. Dieses Geld, das dafür in Rekordzeit eingesammelt worden ist, wird ausschließlich für den Campus ausgegeben, das ist vorgeschrieben, davon können alle ausgehen.“

Carl Jarchow war damit noch nicht ganz am Ende: „Ab 2015 verändert sich die Einnahme-Situation des HSV, dann kann Arbeit aus einer entspannteren finanziellen Situation heraus geleistet werden von uns. Denn eines ist uns allen klar, und da bin ich ganz bei Peter Krohn, wir haben einen Anspruch an den HSV. Die Mitglieder, die Fans, die Hamburger haben den Anspruch, und der heißt nicht Platz zwölf in der Tabelle. Sondern der Weg ist, mittelfristig europäisch zu spielen. Und wir wollen es mittelfristig schaffen, nicht mit einem Hau-ruck-Verfahren, indem wir viel Geld in teure Stars stecken, sondern wir wollen uns entwickeln. Der Name Borussia Dortmund ist hier schon einige Male gefallen, der Klub ist ein gutes Beispiel dafür, dass man aus einer Mischung aus bestehenden Spielern, aus Nachwuchstalenten und dann noch dazu verpflichteten Spielern eine Spitzen-Mannschaft aufbauen kann. Das ist unser Ziel, daran arbeiten wir.“

Zum Van-der-Vaart-Transfer sagte Jarchow noch etwas ganz Wichtiges: „Es ging hier vorhin in Sachen Kühne-Verträgen etwas drunter und drüber. Wir haben im Zusammenhang mit dem Van-der-Vaart-Transfer erreicht, dass der erste Kühne-Vertrag aufgelöst wurde. Das heißt, der Herr Kühen hat auf seine Anteile an sechs HSV-Spielern verzichtet und hat dem HSV damit elf Millionen Euro geschenkt. Dass Herr Kühne bei einem Weiterverkauf von Rafael van der Vaart beteiligt ist, das ist richtig, aber Rafael wird demnächst 30 Jahre alt, er hat einen Drei-Jahres-Vertrag und hat uns gegenüber immer deutlich gemacht, dass er hier seinen Vertrag auch erfüllen wird – und auch darüber hinaus beim und für den HSV tätig zu sein.“ Ja, das klingt doch gut!

Carl-Edgar Jarchow sprach danach auch einige Eckpunkte für den erkrankten Kollegen Joachim Hilke an – und wurde mit großem Beifall verabschiedet.

Um 17.43 Uhr wurde der Vorstand (bei zwei Gegenstimmen und einigen Enthaltungen) entlastet. Bei allen anderen Entlastungen gab es keinerlei Probleme, sie gingen ratz-fatz über die Bühne.

Einen aber hatte Frank Arnesen noch. Der Sportchef präsentierte den Mitgliedern noch einen kleinen und besonderen Leckerbissen, denn am Sonnabend hat der HSV ein Talent von Borussia Dortmund verpflichtet: Kerem Demirbay (18) ist ein hoffnungsvolles Talent, ist ablösefrei und ist Linksfuß. Der Mann wurde für vier Jahre unter Vertrag genommen. Nach Hakan Calhanoglu (KSC) nun also ein weiteres Talent für den HSV. Es geht bergauf!

Um 18.03 Uhr beendete Manfred Ertel die Mitgliederversammlung.

18.07 Uhr

Favorit Bednarek hat es nicht geschafft!

13. Januar 2013

Die Mannschaft war da, sogar vollzählig, und auch die beiden Geburtstagskinder waren mit von der Partie: Tomas Rincon und Artjoms Rudnevs. Es gibt sicherlich besser Anlässe, solche Feiertage zu verbringen, aber watt mutt, datt mutt. Dann geht es eben auch mal – für ein, zwei Stunden – zur HSV-Mitgliederversammlung ins CCH. Der HSV ist ja ein ganz besonderer Verein. Und für einen solche Klub geht Mann eben auch mal besondere Wege. „Ich gebe zu, dass ich noch nie bei einer Mitgliederversammlung bei den Vereinen gewesen bin, für die ich gespielt habe“, sagte Paul Scharner, aber er dürfte jetzt einen noch feineren Blick in das Innere des HSV haben, als er es vorher hatte. Und das gilt sicher nicht nur für Scharner, bei dem ich mich auch an dieser Stelle noch einmal bedanke, dass er am Tag zuvor – und unmittelbar nach Spielschluss – Gast bei „Matz ab live“ war. Dank auch deshalb an die Gäste Harry Bähre und Manfred Kaltz – um es mit Paul Scharner zu sagen: „Es war mir eine Ehre . . .“

Zurück zur Mitgliederversammlung. Zwischendurch waren 940 stimmberechtigte Mitglieder (unter ihnen auch Bernd Hoffmann!) anwesend. In seinem Bericht für den Aufsichtsrat schilderte der scheidende Boss Alexander Otto seine Sicht der Dinge. Er lobte den Einkauf und die Verpflichtung von Rafael van der Vaart („Er war psychologisch enorm wichtig für die Mannschaft“) – und dazu explizit auch den neuen HSV-Torwart Rene Adler. Dafür gab es viel Applaus. Es wurde dann ohnehin eine Rede, die viel Beifall erhielt. „Die Mannschaft hat uns im Jahre 2012 allen viel Nerven und Leidensfähigkeit abverlangt“, sagte Otto, der auch den HSV-Gönner und –Sponsor Klaus-Michael Kühne für den Van-der-Vaart-Transfer dankte – und lobte. Nach seiner Rede gab es standing ovations für Alexander Otto, es erhoben sich fast alle Mitglieder im Saal.

Anschließend folgten viele kritische Sätze einiger sprachgewandter HSVer, es wurde polemisiert wie eh und je, eine bekannte HSV-Führungsperson dazu: „Wir kennen unsere Pappenheimer, wir ertragen sie ja nun schon Jahr für Jahr und kennen ihre Meinungen schon zur Genüge. Das erträgt man schon mit einer gewissen Gelassenheit.“ So ist es. Dass Dr. Peter Krohn in seinem Beitrag die Strukturen des HSV verteidigte, das ist ebenfalls seit Jahren bekannt und hat nun wirklich niemanden mehr vom Hocker gehauen. Das fast alle anderen Sprecher, die an diesem Sonntag auf der Bühne auf aufkreuzten, auch für die bestehenden Strukturen plädierten – okay, es ist so wie es ist. Sie alle werden wohl doch den besseren Überblick haben, als sämtliche Fußball-Experten, die sich seit Jahr und Tag dafür einsetzen, dass der HSV seine Strukturen ganz dringend ändern sollte.

„Strukturen schießen keine Tore.“ Das war zu diesem Punkt und an diesem Sonntag im CCH immer wieder zu hören.

Meine Gegenfrage wäre: Verhindern Strukturen denn Gegentore? Auch nicht? Na dann! Tomaten schießen auch keine Tore, Wagenheber auch nicht. Nur zwei Beispiele. Aber Strukturen schießen selbst beim FC Bayern oder auch bei Borussia Dortmund keine Tore. Das machen in den Vereinen Leute wie Müller, Ribery, Lewandowski oder auch gelegentlich Götze. Mitunter auch andere Spieler. In Basel traf nun für die Bayern der Spieler „Schweinsgruber“. Was viel wichtiger ist in dieser Frage: Wie kommt ein Verein (in diesem Falle wäre der HSV nun einzufügen!) in die Lage, Spieler wie Müller, Ribery, Lewandowski oder auch Götze in seinen eigenen Reihen zu haben? Und dabei helfen dann sehr wohl die Vereins-Strukturen. Wohl gemerkt: Ich weiß auch sehr wohl, dass Strukturen keine Tore schießen, denn ich habe in meinen bislang 64 Jahren genügend Spiele des HSV gesehen, nie schoss dabei ein Spieler namens Struktur oder Strukturen ein Tore.
Grundsätzlich meine ich: Wer aber immer noch so weitermachen will wie bislang, der soll. Einfach die Stimmen, die sich ja stetig mehren und die dem HSV andere Strukturen empfehlen, ignorieren. Und sich davon einlullen lassen, dass Strukturen ja keine Tore schießen. Es lebe der E. V. – es lebe die Mitbestimmung der Mitglieder, die den Profis schon den rechten Weg weisen werden. Und dass der HSV nur die Strukturen eines „Kaninchen-Züchter-Vereins“ hätte, das wies AR-Kandidat Christian Strauß energisch zurück: „Eine Frechheit.“ Jawoll!

1002 stimmberechtigte Mitglieder waren dann bei der Wahl der vier neuen Aufsichtsratsmitglieder zugelassen. Im ersten Durchgang schafften es zwei Männer, gewählt zu werden: “Ausziehkünstler” Ali Eghbal, der unter seinem Anzug und dem weißen Hemd ein rotes HSV-Trikot trug und es auf der Bühne auch präsentierte, erhielt 535 Stimmen, der vielleicht beste Redner des Tages, Jens Meier, erhielt 749 Stimmen. Im zweiten Wahldurchgang ging es für fünf Leute um die letzten beiden Plätze: Ralf Bednarek, Cord Wöhlke, Christian Strauß. Kathrin Sattelmair und Stephan F. Rebbe. Um 15.56 Uhr brandete dann riesiger Jubel im Saal auf, denn Kathrin Sattelmair (496 Stimmen) und Strauß (447) waren gewählt. Der große Favorit, Ralf Bednarek, scheiterte knapp, er erhielt nur 433 Stimmen. Das war die große Überraschung des Tages. Fast eine Sensation. 15 Stimmen haben Bednarek gefehlt . . .

Die Mitgliederversammlung wird fortgesetzt, ich melde mich noch einmal vom Ort des Geschehens – das war nun Teil eins.

16.07 Uhr

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