Archiv für das Tag 'Otto'

Didis Plan – erst Erfolg, dann Kohle

12. November 2014

Blühende Landschaften – die sind beim HSV im November 2014 tatsächlich nicht zu erkennen. Sechs Monate nach der richtungsweisenden Entscheidung, den Profi-Fußball-Bereich aus dem e.V. aus- und in eine Fußball AG einzugliedern, steht es sportlich und finanziell noch immer schlecht um den HSV. Die Bundesliga-Mannschaft ist enttäuschender Siebzehnter, die wirtschaftlichen Zahlen des Vereins sind dunkelrot. Der Kollege Kai Schiller hat in der heutigen Abendblatt-Ausgabe eine Übersicht über den aktuellen Zustand der AG-Zahlen gegeben.

Wie geht es aber weiter? Zunächst wird in den kommenden Wochen der Geschäftsjahresabschluss der Saison 2013/14 erscheinen. Er wird erneut, zum vierten Mal in Folge, ein sattes Minus aufweisen. Wie die Zahl aber genau zu lesen sein wird, ist noch etwas unklar. Denn da die Eintragung der HSV Fußball AG am 7. Juli 2014 erfolgt ist, wird dessen wirtschaftlicher Beginn an den Anfang dieses Jahres – also auf den 1. Januar – gesetzt. So ist es vorgeschrieben, und das hat zur Folge, dass der erzielte Verlust in Teilen beim e.V., in anderen Teilen in der AG ausgewiesen wird. Klar ist nur, dass der e.V. zum 31. Dezember 2013 einen Jahresabschlussbericht vorlegen musste, der dann die Basis war für die Berechnungen bis zum Saisonende.

Aber egal ob das Minus nun mit fünf oder acht Millionen Euro ausgewiesen wird: es war erneut ein katastrophales Jahr für den HSV. Das Überleben, so wissen wir inzwischen, wurde insbesondere durch eine vorweggenommene Inanspruchnahme der Sponsoring-Gelder von adidas (sechs Millionen Euro) sowie durch den Verzicht von Klaus-Michael Kühne auf ihm zustehende Kreditrückzahlungen, resultierend aus dem van-der-Vaart-Transfer (zwei Millionen) erzielt. In beiden Bereichen lebt der HSV auf Pump – das adidas-Geld fehlt in späteren Jahren, und die Kühne-Millionen werden evtl. später fällig.

Mit eben jenem Klaus-Michael Kühne hat sich der HSV samt des neuen Vorstands-Vorsitzenden Dietmar Beiersdorfer dann im Sommer über Wasser gehalten durch ein weiteres Darlehen über 17 Millionen Euro. Dies, mit vier Prozent verzinst, wird allerdings in diesem Jahr noch nicht fällig. Stattdessen muss der HSV Kühnes van-der-Vaart-Millionen im kommenden Jahr bedienen.

Es sei denn, und hier beginnt eine große Unbekannte für die Betrachtung und die Berechnungen der kommenden Monate und Jahre, Unternehmer Kühne zieht seine Option fristgemäß zum 31. Dezember 2014 und wandelt den Gesamtbetrag seiner Kredite in Höhe von 25 Millionen Euro in AG-Anteile um. Ob er es tut, ist im Moment nicht abzusehen. Wasserstandsmeldungen in die eine oder andere Richtung wechseln sich ab. In Wahrheit wagt niemand beim HSV Kühne in dieser Frage zu 100 Prozent einzuschätzen. Wahr ist in jedem Fall, dass Kühne mit der aktuellen Bewertung des HSV nicht glücklich ist. Das Wertgutachten der KPMG hat bekanntermaßen einen Betrag von 330 Millionen Euro ergeben. Daraus leitet sich ein Kühne-Anteil von 7,6 Prozent am HSV ab, den der milliardenschwere Reeder also bis Silvester einsacken könnte.


Aber, wie gesagt, die 330 Millionen kommen Kühne doch arg hoch vor – und seine Bedenken in diesem Punkt sind aus wirtschaftlichen Blickwinkeln sicher nicht von der Hand zu weisen. Das Gutachten der KPMG arbeitet mit Werten, die es bei der „normalen“ Bewertung eines Wirtschaftsunternehmens außerhalb des Fußball-Geschäfts so nicht gibt. So wird in dem HSV-Gutachten überproportional der Markenwert berücksichtigt und auf mögliche Erlöse verwiesen. Die Tatsache, dass der HSV nun vier Mal in Folge Minus-Zahlen schreibt, wäre in der Wirtschaft schon fast ein Ausschluss-Kriterium für eine hohe Bewertung. Im Fußball, für den sicher auch andere Maßstäbe gelten, ist das etwas anders.

Schließlich hat ein strategischer Partner eines Bundesliga-Vereins, erfolgreich oder nicht, eine große mediale Verbreitung und damit eine Steigerung seiner Bekanntheit, die weit über Gewinn- und Verlustrechnungen hinausgeht. Ich habe hier in diesem Blog Ende 2013 mit Hilfe eines Wirtschaftsfachmanns eine mögliche HSV-Bewertung unter streng wirtschaftlichen Regeln durchgespielt. Am Ende waren wir bei einem Wert von etwa 125 Millionen Euro, also deutlich unter der ermittelten KPMG-Zahl. Sicher hat auch Kühne eher herkömmlich gedacht und nicht die spezielle Fußball-Dynamik einkalkuliert.

Der HSV-Wert mag auch deswegen durchaus marktüblich sein, wenn man sich vergleichsweise bei Hertha BSC umschaut. Der Vergleich hat Tücken, zugegeben, denn die Berliner haben mit ihrem Partner KKR vor allem eine große Umschuldung alter Verbindlichkeiten abgewickelt. Davon abgesehen deutet die reine Beteiligung der KKR auf einen Hertha-Wert von ca. 270 Millionen Euro hin. Und da scheinen die 330 Millionen des HSV doch schon einigermaßen realistisch. In Stuttgart, so wird gemunkelt, geht man von einem Wert des VfB in Höhe von ca. 300 Millionen Euro aus.

Wie auch immer – wir sind immer noch beim möglichen Kühne-Anteil von 7,6 Prozent. Zieht er also seine Option, dann hätte das Vor- und Nachteile für den HSV. Zum einen fielen dann kurzfristige Kredit-Rückzahlungen aus, was dem HSV Handlungsspielraum vielleicht schon für das Winter-Transferfenster schaffen würde. Dass der Direktor Profi-Fußball Peter Knäbel nach einer Alternative für den Sturm sucht (Josip Drmic, Bayer Leverkusen?), ist kein Geheimnis. Darüber hinaus wäre der HSV-Gürtel im Sommer ein kleines Stück weniger eng, zumal der erste Mega-Transfer mit den 6,5 Millionen Euro Ablöse für Lewis Holtby an Tottenham Hotspur ja schon abgeschlossen ist.

Sollte Kühne seine Option nicht ziehen, hätte der HSV im kommenden Sommer also hohe Zahlungsverpflichtungen. Andererseits wird gemunkelt, dass die Bereitschaft anderer Investoren an einer Beteiligung am HSV durchaus steigen könnte, wenn der nach außen unberechenbare und schwer einzufangene Kühne nicht mit an Bord wäre. Wie es kommt, wird jedenfalls die Zukunft zeigen.

Ein dicker wirtschaftlicher Brocken ist der „Campus“. Unterschrieben ist bekanntlich noch nichts, aber der HSV hofft natürlich ganz stark darauf, dass Alexander Otto mit acht Millionen Euro für den Bau einsteht. Geht alles gut, dann erfolgt die Einigung im Dezember. Dessen ungeachtet muss auch der HSV Kosten tragen. Zunächst für die Umplanung des ursprünglichen Modells, die im Moment vorgenommen wird, und außerdem soll zeitnah mit dem Bau neuer Trainingsplätze begonnen werden. Dies ist nicht im Otto-Paket, sondern HSV-Verpflichtung.

Alles in allem wird kräftig geflickt am HSV – und gleichzeitig versucht der Vereins-Vorsitzende Dietmar Beiersdorfer mit seinem Team, ein neues Fundament einzuziehen. Dass in einigen Jahren auf jeden Fall alles besser wird, ist lange nicht gesagt. Zwar laufen die Stadionkredite, die der HSV immer voll beglichen hat, in den kommenden Jahren aus. Doch steigende Tilgung hat in den vergangenen Jahren nicht dazu geführt, dass sich die gesamten Verbindlichkeiten des HSV verringert hätten. Was auf der einen Seite gezahlt wurde (Stadion, Sportfive), das musste auf der anderen Seite wieder reingeholt werden (Fan-Anleihe, Kühne-Millionen), so dass sich an der wirklichen wirtschaftlichen Lage des Vereins kaum etwas verbessert hat.

Der ehemalige Vorsitzende des HSV-Aufsichtsrates, Udo Bandow, hat vor einigen Wochen in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ klipp und klar gesagt, wie der HSV aus dem Teufelskreis entfliehen kann.

„Der wirtschaftliche Bereich folgt dem sportlichen. Dietmar [Beiersdorfer] muss sich am Anfang auf den sportlichen konzentrieren, eine andere Chance gibt es nicht. Der sportliche Bereich muss in Gang kommen. Wenn das geschafft ist, folgt der wirtschaftliche Teil.“

Das sieht offenkundig auch Beiersdorfer so, und so sind auch seine Maßnahmen bisher zu verstehen, die ja eine deutliche Konzentration auf den sportlichen Bereich zeigen. Dass die Maßnahmen bislang noch nicht gefruchtet haben – das ist die Besorgnis erregende Bestandsanalyse im Moment.

Doch welche Wahl gibt es? Natürlich benötigt Beiersdorfer auch für den kommenden Sommer wieder Kapital, um die Mannschaft zu verstärken. Mit der Aussicht allein, dass zehn teure Spielerverträge auslaufen und entsprechend hohe Gehaltskosten eingespart werden können, ist es nicht getan. Es muss auch ein neues Team entstehen, das durch höhere Bundesliga-Platzierungen mehr TV-Gelder erspielt, auf Sicht internationale Perspektive besitzt und ganz allgemein einen höheren Marktwert besetzt. Hier ist eine hohe Trefferquote Beiersdorfers bei Verpflichtungen gefragt sowie erfolgreiche Nachwuchsarbeit. Ganz ehrlich: Nach elf Spieltagen lässt sich sicher noch kein endgültiges Urteil über die meisten Neuen fällen. Sie kamen vom sicheren Land auf ein Schiff in unruhiger See und müssen mit allen Kräften ruhige Fahrwasser finden. Eine Alternative zu diesem Weg gibt es nicht. Dietmar Beiersdorfer hat den HSV im Sommer von seinen Vorgängern in einem denkbar schlechten Zustand vorgefunden.

Gedanken mache ich mir allerdings über einen neuen – Cleber. Der Brasilianer wird demnächst das erste Mal Schnee sehen. Land, um im Bild zu bleiben, hat er sportlich beim HSV noch nicht erspäht. In der „Bild“ hat er nun berichtet, dass er seinen Sohn nicht sehen kann. Clebers Helfer Edson Büttner ist gefragt, dem drei Millionen Euro teuren Innenverteidiger über schwere Tage hinwegzuhelfen – dass dies nicht bei allen Brasilianern in der Bundesliga-Geschichte, auch beim HSV, geklappt hat, ist bekannt.

Bei der Trainingseinheit der Profis heute Morgen waren viele U-23-Spieler mit dabei. Derflinger, Marcos, Gouaida, Philip Müller, Mende, Jung, Brüning mischten bei den Profis mit. Auffälligste Aktion war ein harter Pressschlag zwischen Matthias Ostrzolek und Lewis Holtby, nach dem Linksverteidiger Ostrzolek mit einem lauten Schrei zusammenbrach. Er wurde mit dem Golf-Car vom Platz gefahren, einen dicken Eisbeutel auf dem Schienbein. Es soll sich allerdings nur um eine Prellung handeln – nichts Schwerwiegendes. Holtby ist mit einer Schramme davon gekommen. „Das passiert im Fußball, es war aber keine Absicht“, so der Ex-Londoner.

Ansonsten musste Trainer Joe Zinnbauer auf die angeschlagenen Tolgay Arslan (Oberschenkel), Nicolai Müller (Hüfte) und Heiko Westermann (Adduktoren) verzichten. Letzterer will morgen wieder ins Training einsteigen, Müller vielleicht auch. Bei Arslan dauert es wohl noch ein paar Tage länger.

Viele von Euch haben sicher die Video-Interviews gesehen, die Dieter gestern im HSV-Museum anlässlich der Buch-Vorstellung von Uwe Seeler geführt hat. Eine Aussage von Dietmar Beiersdorfer, dem Vereins-Vorsitzenden, möchte ich hier noch einmal aufgreifen. Dieter hat ihn nach Joe Zinnbauer gefragt und der Vereins-Boss hat dem Trainer, der nach den schwankenden Leistungen der vergangenen Wochen samt Offensiv-Armut gestützt. „Ich glaube, dass Joe das gerade sehr gut macht“, so Beiersdorfer im Hinblick aufs Werder-Spiel. „Gerade wie er die Mannschaft motiviert und versucht in Stimmung zu bringen für solch ein Spiel. Das hat er beim HSV in den vergangenen Wochen auch schon nachgewiesen. Ich glaube, dass er es sehr gut hinbekommt. Und Peter Knäbel ist ja auch noch da. Wenn es dann noch den Funken braucht, der überspringt, bin ich auch noch bereit.“

Das Buch „Uns Uwe – ein Hamburger mit Herz“ von Abendblatt-Redakteur Jens Meyer-Odewald kostet übrigens € 16,95 und ist über das Hamburger Abendblatt zu beziehen. Das beste Lob über die 263 Seiten sprach vielleicht Uwes Frau Ilka aus. „Ich kenne mein Mäuschen ja nun schon sehr lange“, so Ilka Seeler gestern Abend in Richtung ihres „Dicken“, „und ich bin stolz, dass es jetzt solch ein Buch gibt mit so schönen Erinnerungen.“

Ich melde mich gegen 20.30 Uhr noch einmal mit einem sportlichen Nachtrag. Der HSV hat nämlich kurzfristig einen Testkick verabredet – Näheres dann also später am Abend.

Lars

17.25 Uhr

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Kurzfristig hat der HSV ein Trainingsspiel gegen den Tabellen-Sechsten der Oberliga Hamburg, den SC Victoria, vereinbart. Bei Nieselregen auf dem Trainingsplatz am Volkspark gewann die Elf von Trainer Joe Zinnbauer am Abend standesgemäß mit 8:0. Schon in der ersten Halbzeit war der HSV, ergänzt um einige U-23-Spieler, hoch überlegen und hätte höher als 2:0 führen können. Joe Zinnbauer war mit der recht schwungvollen Leistung recht zufrieden. “Das war ordentlich. Wir wollten viel Ballbesitz haben, das ist uns gelungen”, so Zinnbauer. Slobodan Rajkovic stand erstmals seit seinem Kreuzbandriss Anfang März in Bremen wieder bei einem Spiel auf dem Rasen.
So spielte der HSV in der 1. Halbzeit: Drobny – Götz, Kacar, Cleber, Marcos – Mende, van der Vaart – A. Arslan, Holtby, Gouaida – Lasogga.
So spielte der HSV in der 2. Halbzeit: Brunst – Diekmeier, Cleber, Rajkovic, Jansen – Jung, Kacar (77. Derflinger) – P. Müller, Brüning, Ilicevic – Lasogga.
Tore: 1:0/2:0 Holtby (16./17.), 3:0 Brüning (52.), 4:0 Kacar (58.), 5:0 Ilicevic (65.), 6:0 P. Müller (69.), 7:0 Brüning (88.), 8:0 P. Müller (90.)
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