Son und Rudnevs beginnen beim “Auftakt der Finalspiele”
2. Mai 2013
Und plötzlich war sie wieder da, die Personalnot. Dachte ich. Denn nachdem Milan Badelj heute gar nicht erst auf dem Platz mittrainieren konnte, musste sein Vertreter Dennis Aogo das Training früher abbrechen. Zudem fehlte Marcell Jansen, den muskuläre Probleme im Rückenbereich heute kürzertreten ließen. Personalnot vor dem Spiel gegen Wolfsburg?
Mitnichten. Glücklicherweise.
Denn alle drei Spieler wurden vorsorglich geschont. „Wir haben alle Mann dabei“, freut sich Trainer Thorsten Fink, dem lediglich der Langzeitverletzte Marcus Berg nicht zur Verfügung stehen wird. Ansonsten aber sind alle dabei. Auch Maximilian Beister wieder, der bis Mittwoch noch Antibiotika schlucken musste. „Man darf bei Maxi nicht vergessen, dass er jetzt fünf, sechs oder sieben Wochen raus war. Aber auf jeden Fall sehr lang. Da ist es schwer, gleich wieder das nötige Tempo zu haben.“ Allerdings spräche nicht viel gegen einen Teileinsatz des zuletzt Rotgesperrten. „Damit hätte ich keine Probleme“, so Finks Worte, die auch für Ivo Ilicevic zählen. Denn selbst der Kroate, bei dem sich Fink vor ziemlich genau einer Woche noch sehr skeptisch bezüglich einer Kadernominierung geschweige denn eines Kurzeinsatzes zeigte, ist plötzlich näher dran, als erwartet. „Ivo ist ein Typ Spieler, den wir so nicht haben“, zählt Fink die Vorzüge des Offensivmannes auf. „Gut möglich, dass er für 20 Minuten am Schluss kommt.“
Es sind noch drei Endspiele. So ist die einhellige Meinung von Verantwortlichen, Trainerteam und Spielern. Drei Endspiele, in denen es nur noch um ein großes, inzwischen auch vom Trainer laut formuliertes Ziel geht: die Europa League. Ein Ziel, das der Mannschaft bis vor kurzem „zu viel Druck“ auferlegen würde, wie Fink sagte. Ob der Druck jetzt anders oder gar geringer ist? „Der Druck ist gar nicht so das Problem, das ist eh nur Gerede“, sagt Marcell Jansen, der sich mit guten Leistungen auch für die USA-Reise der Nationalelf nach Saisonende (19 Mann fehlen wegen CL-Endspiel etc.) empfehlen will, „es ist eine Kopfsache. Es werden im Moment bei uns auf dem Platz einfach zu viele falsche Entscheidungen getroffen. Uns fehlt es an Cleverness. Das ist weniger der Druck – das ist eher fehlende Konzentration.“
Ein Problem, das der HSV nicht exklusiv hat. „Keiner will so recht“, nennt Marcell Jansen den Kampf um die Europa-League-Plätze, „das ist eine Qualitätsfrage. Bei uns – und bei den anderen. Klar ist aber auch, dass wir etliche große Gelegenheiten liegengelassen haben, zuletzt sogar Platz vier auf Schalke. Das darf uns jetzt nicht mehr passieren.“ Schon deshalb geht Jansen noch einen Schritt weiter und macht aus dem „Finalspiel“ ein Charakterspiel. „Wir müssen jetzt sehen, was wir falsch gemacht haben und alles deutlich besser machen. Immerhin haben wir auch auf Schalke nicht durch einen überstarken Gegner sondern durch eigene Fehler das Spiel verloren. Durch Unkonzentriertheiten.“
Ebenso wie durch fehlenden Glauben und Leidenschaft für das Ziel. Nicht selten wirkt das HSV-Spiel sehr agil, die Spieler topfit und das Laufpensum höher als beim Gegner. Allein eine Schlüsselszene – von einem Gegentor bis hin zu einer banalen Gelben Karte – recht oft aus, um das komplette HSV-Spiel aus den Angeln zu heben. Plötzlich geht kaum noch was, es werden Fehler gemacht und der Gegner gewinnt Oberhand. Manchmal führt das zu kleinen Katastrophen wie auf Schalke – andere Male zu bitterbösen Niederlagen wie das 2:9 in München oder die unnötigen Punktverluste gegen Fürth, Freiburg und Augsburg. „Wir können fast jeden schlagen“, sagt Jansen, „aber das komische an dieser Saison ist – wir können auch gegen fast jeden verlieren.“
Das Problem: Es darf jetzt nicht mehr verloren werden, der HSV braucht aus den letzten drei Spielen drei Siege, um so gut wie sicher international dabei zu sein. Auch gegen den VfL Wolfsburg am Sonntag, der laut Fink vielleicht das Team der Stunde in der Bundesliga ist. Seit sieben Spielen ist das Team von Trainer Dieter Hecking, den ich persönlich für einen sehr guten Trainer halte, ungeschlagen. Wesentlichen Anteil daran hat auch einer, den ich am liebsten nie aus Hamburg hätte ziehen lassen: Ivica Olic. Der Kroate ist trotz seiner offenkundig ramponierten Kniegelenke (Knorpelschäden auf beiden Seiten) ein Vorbild an Einsatz. Mit weniger Talent als die meisten Kicker ausgestattet, weiß Ivi mit unfassbarer Laufbereitschaft und Einsatz zu überzeugen. Er hat nicht die besseren Szenen, weil er sie besser ausspielt, sondern weil er einfach nie aufgibt und so pro Spiel immer mehr Szenen als alle anderen hat. Und bei der hohen Anzahl von Szenen ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass dabei Tore rumkommen. So wie in den letzten acht Spielen, in denen der Linksfuß sieben mal traf und sogar den zuvor hoch gefeierten Angreifer Bart Dost zum Bankdrücker degradierte. Sein Saisonziel hat er dennoch verpasst. „Anfang der Saison habe ich gesagt, dass ich 15 Tore machen möchte, aber jetzt ist es etwas zu spät. Es läuft gut. Ich versuche, in den restlichen drei Spielen Gas zu geben. Für mich ist wichtig, dass die Mannschaft gewinnt, aber wenn ich meine Chancen bekomme, versuche ich noch ein paar Tore zu machen.“
Letztes Jahr hat der sympathische Angreifer mit dem FC Bayern in beiden Spielen gegen den HSV getroffen. Sollte er diesmal wieder treffen, will er still feiern. Aus Respekt „seinem HSV“ gegenüber. „Groß jubeln werde ich aus Respekt vor den Fans nicht. Aber jetzt bin ich in Wolfsburg und wir brauchen auch Punkte. Dem HSV drücke ich dann in den nächsten zwei Spielen die Daumen.“
Olic selbst denkt noch gern an seine zweieinhalb Jahre beim HSV zurück, die ihn und seine Familie entscheidend geprägt haben. „Es ist immer schön, hier wieder her zu kommen. Ich hatte eine super Zeit in Hamburg. Eppendorf war mein Pflaster, auch als ich später in Flottbek gewohnt habe, zog es mich immer in diesen Stadtteil zurück. Zudem ist die Atmosphäre im Stadion toll, die Fans sind einmalig. So wie in Hamburg wurde ich noch nie geliebt“, gesteht der 33-Jährige, dessen jüngster Sohn Luka immer noch im HSV-Trikot rumläuft. „Er hat das HSV-Blut in sich, das wird sich wohl auch nicht mehr ändern.“ Ob er sich ärgert, dieses Jahr nicht mehr beim FC Bayern zu spielen, der so gut wie alles gewinnen kann, was es für eine Vereinsmannschaft zu gewinnen gibt? Nein, Olic setzt andere Prioritäten: „Ich bin kein Typ, der sich längere Zeit ruhig auf die Ersatzbank setzen kann. Ich muss zu den ersten zwölf, 13 Spielern des Teams gehören und das war in München leider nicht mehr der Fall.“
Das Duell bei seinem Ex-Klub ist für Olic tatsächlich noch etwas Besonderes. Er verfolge den Werdegang des HSV noch sehr intensiv und fühle sich dem Klub sehr verbunden, sagt Olic. Worte, die von den meisten Spielern über ihren Exklub kommen können und oft nicht mehr als hohle Phrasen sind. Aber in diesem Fall sind es Worte, die ich glaube. Weil sie von Olic kommen. So auch über den HSV. „Der HSV spielte zuletzt mal gut, mal etwas schlechter. Ich denke, es wird ein gutes Spiel von beiden Mannschaften. Wir brauchen beide die Punkte, aber es wird nicht einfach dort.“
Hoffentlich. Zumal der HSV am Sonntag mit Heung Min Son und Artjoms Rudnevs vermehrt auf die eigene Offensive setzen will. Beide werden von Beginn an auflaufen, kündigte Fink heute an. Allein, ob er mit zwei Spitzen oder mit dem Südkoreaner Son auf der rechten Außenbahn spielen will, ließ Fink offen.
In diesem Sinne, bis morgen. Da wird wieder um zehn Uhr trainiert und es sollen alle Feldspieler bis auf Marcus Berg dabei sein können. Dieter wird ebenfalls dort sein und Euch an gewohnter Stelle berichten.
Scholle
P.S.: Ein Video von der PK – Danke dafür ganz herzlich an Benjamin Protz, der mit meinem Handy gefilmt hat, während ich mitgeschrieben habe – ist wieder auf unserer neuen Facebook-Seite (www.facebook.com/groups/matzab) zu sehen. Viel Spaß dabei!