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Petric verhindert die Pokal-Blamage

30. Juli 2011

Eine schlechte Generalprobe ergibt meistens eine gelungene Premiere. So gesehen kann der HSV am nächsten Freitag ganz beruhigt nach Dortmund fahren – es kann nur besser werden. Gegen den Fünftliga-Vertreter VfB Oldenburg mühte, nein, quälte sich der große HSV zu einem enttäuschenden 2:1-Erfolg. Es war ein Kick wie kürzlich das Testspiel gegen Al-Ahli Doha, ein Muster ohne jeglichen Wert, diese 90 Minuten müssen ganz schnell abgehakt werden – von den Fans. Trainer und Mannschaft aber sollten diese grausame Vorstellung doch noch einmal in aller Ruhe aufarbeiten, denn es lief einfach zu viel falsch. Letztlich gab es einen Pflichtsieg, weil Mladen Petric mit seinem Tor die Pokal-Blamage verhinderte, aber dieser Erfolg wird die Skeptiker im Lager des HSV nicht allzu sehr beruhigen. Es muss bis Dortmund noch hart geackert werden – packt es wie die Profis an, HSV!

Der HSV wollte. Von Beginn an. Es wurde schnell nach vorne gespielt, es wurde druckvoll gespielt, es wurde nachgerückt – aber am VfB-Strafraum war meistens schon Endstation. Vorne wurden kaum Bälle „festgemacht“, so dass es lange, lange Zeit kaum mal eine gefährliche Aktion im Oldenburger Strafraum gab. Zumal die Amateure eine harte, gelegentlich sogar überharte, bissige, aggressive Gangart an den Tag legten, die nicht allen Hamburgern „schmeckte“. Natürlich ist Härte erlaubt, natürlich wird auch in der Bundesliga härter, vielleicht noch härter gespielt, dennoch ließ sich der HSV wohl auch von dieser „Spielweise“ des VfB beeindrucken.

Der HSV hatte naturgemäß mehr vom Spiel, hatte mehr Ballbesitz, selbstverständlich auch die besseren Einzelspieler, aber ein altes Pokalgesetz bewahrheitete sich auch hier wieder einmal: Kampfgeist kann Berge versetzen. Und wenn man nicht richtig dagegenhält, dann kann der Schuss auch schnell einmal nach hinten losgehen. Aber, wie schon gesagt, der HSV wollte schon. Nur war das Spiel in der Offensive zu harmlos, zu durchsichtig, teilweise auch zu pomadig. Motto: Wenn nicht jetzt, dann eben ein, zwei Minuten später.

Highlights in der ersten Halbzeit? Raritäten. Ein erstes war sicherlich eine viel zu hohe Rückgabe von Dennis Diekmeier auf Jaroslav Drobny. Und wer sagt, dass der Tscheche nicht mit dem Ball umgehen kann, der wurde eines Besseren belehrt. Drobny jonglierte mit der Kugel – und spielte sie im Dropkick auf Diekmeier zurück. Riskant, aber gut (17.). Übrigens hatte der HSV-Keeper Sekunden zuvor das 0:1 verhindert, indem er rasch sein Tor verließ und den Winkel geschickt verkürzte.

Ein Höhepunkt auch die 26. Minute. David Jarolim wurde von Ferrulli gefoult. Klar gefoult, um das einmal zu betonen. Gelbwürdig. Doch Schiedsrichter Peter Gagelmann „verzichtete“ auf die Gelbe Karte, es wäre Gelb-Rot für den Oldenburger gewesen. Den anschließenden Freistoß hob Dennis Aogo vor das Tor, dort stand Heiko Westermann (leicht im Abseits?) und köpfte zur 1:0-Führung für den großen Favoriten ein. Standesgemäß.

Die Weichen zum HSV-Sieg gestellt? Denkste.

Westermann ließ sich in der 34. Minute überraschen. Er glaubte offensichtlich, einen Ball ganz sicher am Fuß zu haben, doch von hinten kam Ferrulli, der eigentlich schon hätte draußen sein müssen (Gelb-Rot), und der nahm dem HSV-Kapitän den Ball vom Fuß, lief auf und davon – und tunnelte auch noch einmal Jaroslav Drobny. 1:1. Welch eine Ernüchterung.

Zwei Möglichkeiten gab es noch bis zur Pause. Gojko Kacar blieb bei seinem Sechs-Meter-Schuss zu harmlos, dann verzog Aogo aus zehn Metern. Wer Sekunden vor dem Pausenpfiff in das Gesicht von HSV-Trainer Michael Oenning blickte, der wird trotz dieses 1:1 eine gewisse Ruhe ausgemacht haben. Von Panik jedenfalls keine Spur, er strahlte Ruhe und Gelassenheit aus.

Hatte ich, gebe ich zu, zur Pause auch. Irgendwann, so meine Überlegungen, werden die Oldenburger schon noch nachlassen.

Erst einmal aber musste Hamburg zittern. Als der Kopfball in der 62. Minute am HSV-Tor vorbeiflog (und nicht, was eigentlich hätte passieren müssen, drin war!), da war Eppingen plötzlich wieder gegenwärtig. Zumal dann, aös Mladen Petric in der 68. Minute das vermeintliche 2:1 für den HSV erzielt hatte, doch der Treffer nicht zählte. Warum nicht? Es ist mir schleierhaft. Aber so etwas gibt es im Fußball (immer mal wieder), der Unparteiische hatte ein Foul eines Hamburgers gesehen, aber es gab in dieser Szene keines. Nicht mal im Ansatz war etwas Verbotenes erkennbar. Schade, schade.

Zum Glück für den HSV wurde diese Fehlentscheidung nicht bestraft. Vier Minuten später traf Petric tatsächlich zum 2:1. Jarolim hatte den Torjäger prächtig bedient, und der Kroate bewies einmal mehr seine Kaltschnäuzigkeit. Auch wenn er nicht so oft gesehen wurde, so zeigt er doch immer wieder dann, wenn es darauf ankommt, seine Vollstreckerqualitäten. Kompliment. Wenn ich Trainer des HSV wäre, dann hätte ich wohl schon gelegentlich häufiger weniger Geduld bewiesen . . . Zu Unrecht. Natürlich. Petric-Tore beweisen mir immer wieder das Gegenteil.

Der Beste Hamburger, um zu diesem Punkt zu kommen, war ein 20-jähriger Neuzugang: Gökhan Töre. Wenn mir einer sagt, dass der Deutsch-Türke zu ballverliebt sei, dass er sich viel, viel zu spät vom Ball trennt, dann werde ich nur noch lachend davonrennen. Töre dribbelt – und das ist auch gut so. Er ist einer, der es wenigstens versucht. Er spielt nicht nur Rasenschach, er spielt nicht nur gradlinig, er bringt Ideen ins Spiel des HSV, er schafft mit seinen Dribblings auch Räume, die die anderen nutzen könnten. In Oldenburg haben sie sie nicht genutzt, aber das lag nicht an Töre. An ihm werden wir alle noch viel, viel Freude haben – garantiert.

Gut war auch Diekmeier, über den auf der rechten Seite vor allem zu Beginn sehr, sehr viel lief. Westermann war bis auf seinen schweren Patzer beim 1:1 gut, ganz sicher gut – und 90 Minuten vorbildlich. Michael Mancienne war absolut okay, es war ja für jeden Abwehrspieler ein undankbares Spiel, der Engländer machte seine Sache gut. Das gilt auch für Aogo links, der sich diesmal in der Offensive sehr austoben konnte – und für meine Begriffe das eine oder andere Mal zu viel schoss.

Kacar und Jarolim vor der Abwehr – solide. „Jaro“ oft am Ball, beging auch einige Fehler, dennoch war er „einen Tick“ besser – weil bestimmender – als sein Nebenmann. Heung Min Son blieb blass, zu blass (es war wohl zu hart für ihn), Eljero Elia ließ seine Gefährlichkeit nur viel zu selten aufblitzen – dass ist gegen eine Amateur-Mannschaft zu wenig. Ja, und über Töre und Petric ist alles gesagt. Zum Schluss kamen noch Robert Tesche (für Kacar) und Marcell Jansen (für Son), aber es blieb alles in allem enttäuschend.

“Wir haben uns sehr schwer getan, es war ein kompliziertes Spiel – aber wir haben gewonnen. Es war aber sicher nicht so einfach, wie wir es uns vorgestellt haben”, sagte HSV-Trainer Michael Oenning. Er versprach, dass er sich diese 90 MInuten noch einmal in aller Ruhe anschauen wird. Und: “Einige Bundesliga-Klubs sind schon rausgeflogen, wir sind noch dabei.” Richtig. Und gut so. Und wie gesagt: Es kann nur besser werden. Sagt auch Oenning: “Ich bin mir sicher, dass wir in der Bundesliga eine ganz andere HSV-Mannschaft sehen werden.” Auch gut so.

17.36 Uhr