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Das große Jarchow-Interview, Teil eins

29. Mai 2012

Na, bitte, es geht doch! Mit Ivo Ilicevic vom HSV nimmt Kroatiens Nationalmannschaft die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine in Angriff. Der 25 Jahre alte Flügelflitzer wurde am Dienstag von Nationaltrainer Slaven Bilic in den endgültigen EM-Kader berufen. Der Coach, der im Vorfeld den bisherigen HSV-Akteur Mladen Petric und den Ex-St. Paulianer Ivan Klasnic ausgemustert hatte, traf die Entscheidung pro Ilicevic in Bad Tatzmannsdorf in Österreich. Dort bereitet sich das kroatische Team derzeit auf die EM vor. Neben Feldspieler Ilicevic ist in Torhüter Jaroslav Drobny (Tschechien) ein weiterer HSV-Profi bei der am 8. Juni beginnenden kontinentalen Endrunde dabei. Er ist die Nummer 2 hinter Petr Cech von Champions-League-Sieger FC Chelsea.
Glückwunsch den beiden HSV-Spielern.

So, am Anfang stehen heute diese und drei weitere Meldungen – und danach wird es lang. Ich durfte und konnte heute ein Interview mit Carl-Edgar Jarchow, dem Vorstands-Vorsitzenden des HSV, das folgt nach diesen drei Spots.

Der geplante Transfer von David Abraham (FC Basel) zum HSV droht für den Fußball-Bundesligisten zur Hängepartie zu werden. Nach SID-Informationen hat der 25 Jahre alte Innenverteidiger bereits vor fünf Monaten beim spanischen Erstligisten FC Getafe einen Vorvertrag unterschrieben. Nach intensiven Gesprächen mit Trainer Thorsten Fink will der Argentinier jetzt aber unbedingt zum HSV wechseln.

„David hat sich klar zum HSV bekannt. Nun versuchen wir, den Vorvertrag irgendwie wieder aufzulösen. Getafe hat da allerdings Vorstellungen, die denen des HSV noch nicht entsprechen“, sagte Abrahams Berater Renato Cedrola. Der HSV müsste für Finks Wunschspieler an Getafe also eine Ablösesumme zahlen, obwohl der Vertrag von Abraham in Basel eigentlich ausläuft. „Ich bin optimistisch, dass wir das hinkriegen“, sagte Cedrola, „es kann sich aber etwas hinziehen.“ Allerdings scheint der FC Getafe auf den Vorvertrag zu bestehen. Der Klub vermeldete den Transfer Abrahams bis 2016 auf seiner Internetseite als perfekt.
Abraham hatte in der abgelaufenen Saison in 32 Einsätzen drei Tore für den Ex-Klub von HSV-Trainer Fink erzielt. (SID)

Erfolgstrainer Bernd Schröder hat den Deutschen Fußball-Bund (DFB) wegen des Rückzugs des HSV aus der Frauen-Bundesliga scharf kritisiert. „Da sieht man, welchen Stellenwert Frauenfußball im DFB hat“, sagte Schröder am Pfingstmontag nach dem erneuten Gewinn der deutschen Meisterschaft seines 1. FFC Turbine Potsdam. Schröder bezeichnete die Abmeldung des HSV-Teams für die kommende Saison als „Schande für den deutschen Frauenfußball“. Der DFB dürfe nicht zulassen, „dass man einfach eine Mannschaft abmeldet“, sagte er. Schröder, der für seine kritischen Worte bekannt ist, legte noch nach: „Wo ist die Führung des DFB? Theo (Zwanziger) hat das Schiff verlassen, und nun sind alle weg hier“.

Der HSV hatte jüngst bekannt gegeben, aus wirtschaftlichen Gründen seine Mannschaft weder für die erste noch für die zweite Liga zu melden. Sportlich hätten die HSV-Frauen den Verbleib als Tabellenneunter klar geschafft. So steigt sportlich nur Schlusslicht Lok Leipzig ab. Schröder warf dem Verband vor, sich einseitig auf die Frauen-Weltmeisterschaft in Deutschland im vergangenen Jahr konzentriert und darüber die Bundesliga vernachlässigt zu haben. „Die Nationalmannschaft ist die eine Seite. Sie ist das Ei – und die Clubs sind die Henne. Doch wenn die Liga nicht funktioniert, können die Hennen auch keine Eier legen“, sagte Schröder. (dpa)

Am 24. Juli, 18 Uhr, in der Imtech-Arena gibt es das Jubiläumsspiel:

HSV gegen den FC Barcelona

Der Ticketverkauf für Mitglieder läuft seit dem heutigen Dienstag. Bis zu sechs Tickets erhalten HSV-Mitglieder hier:
- im Internet unter www.hsv.de/tickets
- im HSV Service Center in der Imtech Arena
- im HSV City Sore in der Innenstadt
- im HSV Fanshop im Herold-Center
Eine Preisübersicht erhalten Sie hier: Preisliste
Für weitere Fragen rund um den HSV und Ihre Ticketbuchung stehen wir Ihnen unter der Hotline 01805 / 478 478* zur Verfügung. Bitte beachten Sie, dass der telefonische Ticketkauf erst im freien Ticketverkauf (ab dem 5. Juni 2012) möglich ist.

Und nun zu dem Gespräch mit Carl-Edgar Jarchow:

Matz ab:
Herr Jarchow, das ist das erste Interview mit Matz ab in diesem Jahr. Es ist seit März 2011 viel passiert, ist das Amt des Vorstands-Vorsitzenden schwerer als Sie es ursprünglich erwartet hatten?

Carl Jarchow: „Nein, ich hatte ja schon feste Vorstellungen davon, ich hatte ja sowohl in meiner Zeit als Abteilungsleiter als auch im Aufsichtsrat mit dem Vorstand zu tun gehabt, wusste also, was auf mich zukommen wird. Da hatte ich schon genügend Einblicke, das alles hat mich nicht so wahnsinnig überrascht – nein.

Matz ab:
Wie begegnet man Ihnen im Alltag, in der Öffentlichkeit?

Jarchow: Ich kann mich da überhaupt nicht beschweren. Das ist alles durchweg positiv. Allerdings muss ich zugeben, dass ich niemals in Internet-Foren lese oder solche Geschichten, das würde mich nur von meiner Arbeit ablenken. Ich lese natürlich Matz ab, aber nicht die Kommentare, die es zu den jeweiligen Beiträgen gibt. Habe ich noch nie gemacht. Und das mit der Öffentlichkeit – da kann ich mich nicht beschweren, obwohl es ja ein stetes Auf und Ab gab, so gab es aber auch immer viel Zuspruch für mich und den HSV.

Matz ab:
Sie hatten doch sicherlich Vorstellungen von dem, was Sie in Ihrem neuen Amt . . .

Jarchow (unterbricht): Nein. Dazu hatte ich gar keine Zeit. Ich hatte ja nur einen Tag Zeit, mir das zu überlegen, es war ja ganz überraschend für mich, dass mir dieses Amt angetragen wurde. Ich hatte mich darauf nicht vorbereitet, so nach dem Motto: Dieses Amt bekommst du nun irgendwann, was willst du dann machen? Diese Zeit hatte ich ja nie.

Matz ab:
Wann glauben Sie ist es wieder einmal so weit, dass der HSV eine größere Rolle im deutschen, vielleicht auch europäischen Fußball spielen kann?

Jarchow: Wenn Sie sagen, wieder eine Rolle spielt, woran denken Sie da? An die Zeit von 1977 bis 1987? Ich bin ja schon so lange dabei, genau seit 1964, und in der Rückbetrachtung höre ich immer wieder, dass der HSV immer eine große Rolle in der Bundesliga gespielt hat. Große Erfolge, große Tradition. Aber ich habe das bewusst erlebt, dass die großen Erfolge der kleinere Teil der HSV-Bundesliga-Geschichte ist. Nach 1987 sah es ja doch teilweise ganz düster aus, insofern finde ich nicht, dass der HSV nur große Zeiten in der Bundesliga erlebt hat. Natürlich wollen wir den Zuschauern etwas bieten. natürlich haben wir Zielen, wollen wir den Zuschauern bieten, wollen so schnell wie möglich einen klaren Leistungsanstieg den Leuten bieten – und manchmal geht es im Fußball schnell, manchmal auch weniger – ich bin aber überzeugt davon, dass wir es schon in der kommenden Saison schaffen werden, einen Schritt nach vorne machen werden. Dieser Schritt muss aber auch kommen. Wann wir aber den nächsten Titel erringen werden, da möchte ich mich nicht festlegen. Solche Prognosen gehen einfach ins Blaue, das ist nicht mein Ding.

Matz ab:
Lag es in dieser abgelaufenen Saison nur am fehlenden Geld, dass der HSV so schlecht war?

Jarchow: Nur am Geld liegt es sicherlich nicht. Zu diesen Schwierigkeiten finanzieller Art, die uns gezwungen haben, einen riesigen Schnitt zu machen, kamen sicherlich auch andere Probleme hinzu. Zum Beispiel dass die Mannschaft auch schon ohne diesen Schnitt in ihrer Zusammensetzung schwierig war. Im März, April 2011 hat der neue Vorstand ja schon bemerkt, dass etwas mit dieser Mannschaft nicht stimmt. Trotz aller großen Namen und aller Großverdiener, man hat gemerkt, dass es keinen Zusammenhalt gibt, keine Hierarchie. Die gesamte Mentalität der Truppe stimmte ganz einfach nicht, es gab viele schwierige Charaktere, man merkte einfach, dass auch die älteren und erfahrenen Spieler nicht die Wortführer waren, wie man sich das im positiven Sinne gewünscht hätte. Und es gab zum Beispiel jemanden, der neu in diese Mannschaft gekommen war, der mir unter vier Augen gesagt hat, dass er eine solche Mannschaft, die so wenig zusammenhält, noch nie erlebt habe. Wenn zum Beispiel ein Spieler zu einem Grillabend einlud, und von 19 Spielern kommen nur vier, dann spricht das eine deutliche Sprache. Das war symptomatisch für diese Mannschaft.

Matz ab:
Aber in der abgelaufenen Saison ist es auch nicht gelungen, einen verschworenen Haufen aus der Truppe zu formen . . .

Jarchow: Der Not geschuldet haben wir uns von einigen Spielern trennen müssen, natürlich auch durchaus wollen, keine Frage, auf der anderen Seite nur begrenz Möglichkeiten gehabt, neue Spieler zu verpflichten.

Matz ab:
Was an der schlechten Finanzsituation lag?

Jarchow: Das lag eindeutig an der finanziellen Situation. Klar. Nun wollen wir ja gar nicht jedes Jahr daran gehen, die Mannschaft total auf den Kopf zu stellen, das kann es nicht sein, aber 2011 musste das aufgrund der vielen Abgänge geschehen, und dann bestand schon die Notwendigkeit, den einen oder anderen Spieler mehr dazu zuholen. Und daran lag es wohl auch ein wenig.

Matz ab:
Sie haben eben gesagt, dass Sie optimistisch in die Zukunft blicken, womit begründen Sie das?

Jarchow: Damit, dass ich zum einen glaube, dass wir in Sachen Trainer sehr gut aufgestellt sind. Thorsten Fink hat jetzt mit seinem Team die Chance, die komplette Vorbereitung durchzuführen. Mit einer dann neuen Mannschaft, denn drei Spieler sind schon gegangen, drei sind schon da – die Mannschaft wird also durchaus ein verändertes Gesicht bekommen. Und die Transferperiode hat ja erst begonnnen, es gibt sicher noch die eine oder andere Veränderung mehr. Dann glaube ich zweitens, dass Frank Arnesen die Bundesliga noch besser kennt als in seinem ersten Jahr. Er wurde ja im letzten Jahr, als er im Februar verpflichtet worden ist, unter ganz anderen, völlig anderen Voraussetzungen verpflichtet. Man hatte ihm gesagt, dass er genügend finanzielle Mittel hätte, die Mannschaft entscheidend zu verändern. Die hatte er aber nicht, und ich musste ihm das sagen. Aus der Not heraus haben wir dann die fünf Chelsea-Spieler verpflichtet, wobei wir immer gesagt hatten, dass diese Spieler erst einmal für die U 23 sein wollten. Das darf man alles nicht vergessen. Ich glaube, dass dieses Jahr die Voraussetzungen ganz andere sein werden.

Matz ab:
Fiel es Ihnen schwer, damals und eventuelle auch noch heute, nicht offen über die gesamte finanzielle Schieflage des HSV Auskunft geben zu dürfen, zu können?

Jarchow: Nein, das fiel mir nicht schwer. Ich habe mich immer auf die Position zurückgezogen, dass ich hier Mitte März 2011 eingestiegen bin, mir sofort einen Überblick über den Status quo verschafft, ich habe gesehen, was uns in der neuen Saison droht. Das heißt, wie viele wir noch an feststehenden Verbindlichkeiten haben, wie die Laufzeiten der Spielerverträge aussehen, wie die Kaderzusammenstellung ist – daraus hat sich dann alles ergeben. Ich bin also sehenden Auges in dieses Amt gegangen. Und das alles habe ich auch Frank Arnesen mitgeteilt, und der hat das sehr professionell aufgenommen.

Matz ab:
Nun gibt es auch Menschen, Experten, an erster Stelle wohl Schalkes Boss Clemens Tönnies, der im Doppelpass einst geäußert hatte, dass sich der HSV „kaputt spart“, dass der HSV nicht bereit ist, „Risiko zu gehen“. Wie stehen Sie dazu?

Jarchow: Das teile ich nun gar nicht. Ich finde schon, dass der HSV Risiken eingegangen ist. Unsere Situation ist vielleicht eine andere als die von Schalke, weil wir auch eine andere Vorstellung haben von solider Finanzpolitik. Schalke handhabt das ein wenig anders, Schalke arbeitet auch viel mit staatlicher Unterstützung. Das heißt, wenn es finanziell eng wird, dann springt irgendeine Gelsenkirchener Institution ein. Schalke arbeitet mit einer Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen was das Stadion angeht, diese Situation haben wir nicht. Wir sind ein großes Risiko eingegangen, als wir dieses Stadion gebaut haben, wie ich finde völlig zu recht. Und das darf man nicht vergessen, dass uns dieses Stadion immer noch jedes Jahr einen zweistelligen Millionen-Betrag kostet an Abzahlung, und all dem, was damit zusammenhängt. 2015 ist der größte Batzen davon abbezahlt, dann geht es uns besser. Aber bis dahin geht es uns nicht gerade gut. Die anderen Klubs stecken von ihrem Gesamtumsatz 40 bis 45 Prozent in ihre Bundesliga-Mannschaft, und wir stecken 30 Prozent in die Mannschaft. Und das ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass wir diesen zweistelligen Millionen-Betrag erst einmal erwirtschaften müssen, um dann das Stadion bezahlen zu können.

Matz ab:
Es gab ja mal die Bestrebungen, diese Zahlungen etwas zu strecken und nach hinten zu verschieben. Wie sieht es damit aus?

Jarchow: Die gibt es immer noch. Wir sind mittendrin, das wird sich in Kürze entscheiden, ich bin ganz optimistisch, dass uns das ein bisschen Luft verschaffen wird. Aber da reden wir dann auch nicht von den ganz großen Beträgen, wie es der Herr Tönnies vielleicht machen wird, wir müssen ja auch immer sehen, dass wir auch jedes Jahr die Lizenz ohne Auflagen zu bekommen, und ich denke, Schalke hatte da in der Vergangenheit durchaus schon die eine oder andere Schwierigkeit, aber wir haben den Ehrgeiz, es weiterhin so schaffen zu wollen.

Matz ab:
Herr Jarchow, es gibt durchaus Fans und Mitglieder, die Ihnen ein Teil Schuld daran geben, dass es so schlecht in der vergangenen Saison lief. Wie stehen Sie dazu, tut das weh?

Jarchow: Nein, das tut mir ganz und gar nicht weh. Ich sehe das ganz realistisch. Wenn man Vorstands-Vorsitzender des HSV ist, und man hat ein Jahr hinter sich, dann trägt man in gewissen Bereichen auch die Verantwortung. Natürlich. Und deswegen übernehme ich nicht die Verantwortung für den Status quo, den ich hier einst vorgefunden habe, aber ich kann mich ja nicht vor der Verantwortung drücken vor den verschiedensten Entscheidungen, die wir hier in diesem Jahr getroffen haben. Diese Entscheidungen waren gewiss nicht alle richtig, aber warum sollen ausgerechnet wir alle Entscheidungen immer richtig getroffen haben? Ich bin zwar der Meinung, dass wir vieles richtig gemacht haben, dass wir auch generell auf dem richtigen Weg sind, aber auch ich habe mich natürlich mal geirrt.

Matz ab:
Wobei zum Beispiel?

Jarchow: Ich habe mich zum Beispiel bei Michael Oenning geirrt. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass er hier Chef-Trainer wird, aber ich habe mich, wie viele meiner Vorgänger in Sachen Trainer, auch geirrt und musste ein Konsequenz ziehen, die mir nicht leichtgefallen ist. Verantwortung aber für das, was wir hier tun, übernehme ich aber schon.

Matz ab:
Oenning war ja aber auch vielleicht der Situation geschuldet, dass der HSV kein Geld hat, dass der Trainer deshalb die billigste Lösung war – oder?

Jarchow: Nein, daran lag es nicht, das ist so nicht ganz richtig. Oenning war einen Tag bevor wir antraten schon installiert worden, den haben wir hier vorgefunden, und wir haben dann gedacht, dass er für diese junge und neue Mannschaft der richtige Mann ist. Das hatte keine finanzielle Aspekte.

Matz ab:
Im Matz-ab-Blog werden Sie gelegentlich mit Frau Merkel verglichen, das heißt, Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie gewisse Sachen einfach nur aussitzen – wie die Bundeskanzlerin. Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?

Jarchow: Diejenigen würde ich fragen, welche Probleme sie denn meinen, welche Probleme ich denn hier aussitze? Wir haben ganz viele Probleme schon versucht zu lösen, und das auch sehr schnell, deswegen weiß ich nicht, welche Probleme das denn seien sollen? Das würde mich schon mal interessieren. Aussitzen? Das sehe ich völlig anders. Ich glaube, dass wir in personellen Bereichen, in strategischen Bereichen schon jede Menge entschieden haben – und auch noch weiter entscheiden werden. Wir haben schon einiges verändert, sogar den Frauen-Fußball habe ich nicht ausgesessen. Das Problem mit solchen Meinungen ist ja, dass es oft auch anonyme Stimmen sind, die so etwas behaupten. Wenn es mal wieder ein Matz-ab-Treffen gäbe und Sie mich einladen würden, dann käme ich dahin und würde mich den Leuten, die mir Fragen stellen, selbstverständlich auch stellen. Ich würde diesen Leuten ins Gesicht gucken und mich mit ihnen sachlich auseinandersetzen. Verstehe ich ihren Ansatz – oder verstehe ich ihn nicht. Aber von den anonymen Stimmen halte ich absolut nichts, da lassen Leute Aggressionen raus, und so etwas kann ich nicht ernst nehmen. Ernst nehme ich Leute, die sich mit Namen und Ihrer wahren Identität bei mir melden, die bekommen auch immer eine Antwort.

Matz ab:
Eine Frage, die mir aufgetragen wurde – aus dem Matz-ab-Forum: Sie werden hin und wieder – ich finde das böse und auch despektierlich – mit der „Herr Schnarchow“ tituliert, wie reagieren Sie darauf, wie gehen Sie damit um?

Jarchow (laut lachend): So wurde mein Sohn früher beim Hockey genannt. Nein, ich gehe damit gar nicht um, es interessiert mich nicht – so einfach ist das.

Matz ab:
Fehlt Ihnen nicht auch der eine oder andere Fußball-Experte in der Führung des HSV?

Jarchow: Das kann ich nicht erkennen. Die Fußball-Fachleute sind insbesondere wichtig in ihrer Abteilung. Da haben wir Frank Arnesen, da haben wir Lee Congerton, dann haben wir diverse andere Leute, dann haben wir ein Trainerteam mit Thorsten Fink, Patrick Rahmen, Frank Heinemann und anderen – das ist doch genug. Oder meinen Sie den Aufsichtsrat? Da ist es ja die Frage, ob man da noch einen Sportfachmann haben muss, aber da bin ich sehr zurückhaltend in meinen Äußerungen, denn der Aufsichtsrat ist das Kontrollgremium, da maße ich mir nicht an, mal eben so über den Aufsichtsrat zu urteilen.

Matz ab:
Auf die Mannschaft war zuletzt nur hin und wieder Verlass, auf die Fans immer – was sagen Sie zu dieser Unterstützung?

Jarchow: Davon war in begeistert, bin es immer noch, die Fans haben uns in Hamburg und auswärts immer zu 100 Prozent unterstützt, sind nie ausfallend geworden – eine ganz große Leistung, das muss ich sagen, ein dickes Kompliment an unsere Anhänger. Se waren ein ganz entscheidender Faktor dafür, dass wir letztlich doch nicht ganz unten hineingeraten sind.

Matz ab:
Haben Sie nicht dennoch die Sorge, dass der HSV für die kommende Saison weniger Dauerkarten verkaufen wird, weniger Logen und Businesssitze?

Jarchow: Die Tendenz sieht nicht so aus. Bei den Logen sind wir gegenüber dem Vorjahr ein wenig hinterher, aber wir hatten dabei nicht mehr Kündigungen, sondern es verkauft sich eben ein wenig schleppender als noch 2011. Bei den Dauerkarten gibt es aber kaum Unterschiede gegenüber den Vorjahren.

Matz ab:
Mich haben die Durchhalteparolen im Abstiegskampf immer ein wenig auf die Palme gebracht. Vor den Spielen hieß es stets: Wir müssen gewinnen, und wir werden gewinnen. Oder: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir besser sind, deshalb werden wir gewinnen. Oder: Unsere Mannschaft hat das Potenzial und die Qualität, um dieses Spiel zu gewinnen. Nervt Sie das nicht auch?

Jarchow: Ja, das hat mich auch genervt. Nicht die positiven Äußerungen, nein, man muss schon in ein Spiel gehen, um es zu gewinnen, sonst kann man es ja gleich lassen. Aber das mit dem Potenzial hat mich auch genervt, das gebe ich zu. Ebenso die Sache mit dem Dino.

Matz ab:
Wieso Dino?

Matz ab:
Dass man uns nur damit in Verbindung bringt, dass wir am längsten in der Bundesliga sind. Das reicht mir auf Dauer nicht. Ich möchte schon mal wieder mit anderen Bezeichnungen in Verbindung gebracht werden. Aber zum Potenzial zurück, es geht ja nur darum, ob man bei allem Potenzial auch Abstiegskampf kann, nur darum ging es am Ende.

Matz ab:
Gab es einen Sturm der Entrüstung, als Sie die Frauen-Bundesliga-Mannschaft abgemeldet haben?

Jarchow: Sturm der Entrüstung ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber es gab auf jeden Fall ein überraschend großes Presse-Echo. Das hat mich schon verwundert. Wenn dieses Interesse schon vorher vorhanden gewesen wäre, dann hätten wir vielleicht die Chance gehabt, die Frauen in der Bundesliga zu halten.

Matz ab:
Weil Sie die Frauen besser hätten vermarkten können?

Jarchow: Die Situation ist doch ganz einfach. Wir haben es uns doch nicht einfach gemacht. Im letzten Jahr haben wir den Zuschuss etwas gekürzt, haben dann, weil es eine Notsituation gegeben hat, noch ein wenig nachgebessert. In diesem Jahr haben wir frühzeitig gesagt, dass wir in allen Bereichen des Vereins sparen müssen, und dabei können wir die Frauen nicht ausnehmen. Der Betrag, der da nachbliebt, ist immer noch der höchste Zuschussbetrag, den wir leisten – und die Damen haben gesehen, ob sic die Lücke dazu, nämlich zu ihrem Etat, selbst schließen können. Da hat sich aber leider Gottes sehr schnell gezeigt, dass es da keinerlei Vermarktungsmöglichkeiten gab – das war in den letzten Jahren schon so. Der HSV hat in den letzten fünf, sechs Jahren in die Frauen-Bundesliga einen mehr als siebenstelligen Betrag hineingesteckt, und wir müssen einfach sehen, dass das nicht dazu geführt hat, dass die Frauen-Bundesliga in Hamburg richtig angenommen wurde. Die Frauen spielen im Schnitt vor 300 Zuschauern, von denen noch 100 Ehrenkarten haben. Es gibt keinerlei Möglichkeiten, Trikot- oder Banden-Werbung zu bekommen, immer wenn es die gab, dann waren es Beiprodukte von der Männer-Fußball-Bundesliga. Das heißt, diese Abteilung trägt sich nicht, und im Gegensatz zu allen Breitensport-Abteilungen muss sich eine Abteilung, die sich professionell beteiligt, ganz überwiegend selbst tragen. Und diese Tendenz gibt es seit zehn Jahren, dass die Bundesliga-Frauen das nicht schaffen. Es

Matz ab:
Wie geht es mit dieser Abteilung weiter?

Jarchow:
Wir werden weiter Frauen-Fußball in Hamburg haben. Wir haben gerade die B-Mädchen zur gerade eingeführten Bundesliga angemeldet, wir haben eine Regionalliga-Mannschaft – aber wir müssen sagen, dass sich eine Erstliga-Bundesliga-Mannschaft auf Dauer in dieser Stadt nicht trägt. Wir sind ein Verein, der ein Universellsportverein bleiben will, aber der muss auch erkennen, dass dies nur möglich ist mit den Erträgen aus der Bundesliga.

So, da ich jetzt gerade bemerke, dass ich zurzeit die „HSV-Bibel“ verfasse, unterbreche ich für heute. Dieses Interview wird fortgesetzt – schön ist ja, dass wir bei Matz ab den Platz dafür haben, während alle Zeitungen ja doch genau abwägen müssen, was sie weglassen können, dürfen oder müssen. Ich sprach mit Carl-Edgar Jarchow auch noch über die letzte Mitgliederversammlung und einige andere Themen – lasst euch überraschen.

Guten Abend!

18.34 Uhr

Boateng trauert seinem Abgang nach – und erwartet einen starken HSV

1. Februar 2012

Viel wärmer ist es in München auch nicht. Sagt mir mein iPhone-App. Im Gegenteil, heute waren es tagsüber zwei Grad weniger. „Beim Training schon manchmal kritisch “, umschreibt mir ein alter Bekannter, der sich bei diesen eisigen Temperaturen auf dem Fußballplatz herumschlagen muss, die Witterung im Süden. Dort trainiert er seit dieser Saison zusammen mit dem wohl besten Kader der Bundesliga. Das glaubt zumindest Marcell Jansen: „Bayern hat gegenüber Dortmund das einheitlichere Konzept mit den bessern Individualisten in der Mannschaft“, so der Linke Mittelfeldspieler, der sich auf ein Wiedersehen mit meinem sowie noch mehr seinem alten Bekannten freut: auf Jerome Boateng.

Der ehemalige Rechtsverteidiger des HSV hat eine beachtliche Karriere für seine gerade mal 23 Jahre hingelegt. Hertha BSC, HSV, Manchester City und jetzt Bayern München – das sind große Namen, die noch beachtlicher werden, wenn man überlegt, dass sich der Defensivspieler überall durchgesetzt hat. Bis hin in die Nationalmannschaft, in der er auch gern den HSV weiterhin vertreten hätte. „Es tat schon weh, damals gehen zu müssen“, sagt Jerome heute und lässt mich ein wenig verwundert zurück. Warum „gehen müssen“? Er hatte sich doch selbst dazu entschlossen, gen Manchester City zu wechseln, oder nicht? „Das stimmt. Aber grundsätzlich wollte ich bleiben und hatte das auch so kommuniziert. Leider wurden damals einige Zeitpunkte für Vertragsverlängerungen versäumt, die alles leichter gemacht hätten.“

Das alte Thema: die fehlende Konstanz beim HSV. Die sieht auch Boateng. Mehr noch, der Vater von Zwillingen wirkt ehrlich traurig darüber, dass in Hamburg eine große Chance liegen gelassen wurde. „Ich war ja nicht der einzige, der ging. Damals ging vorher schon ein Vincent Kompany. Und auch ein Ivica Olic, der eine riesen Serie hingelegt hatte und enorm wichtig war. Ivica wollte eigentlich bleiben, aber dazu kam es aus verschiedenen Gründen nicht. Und wer sich die Namen der letzten Jahre und deren heutige Positionen in ihren Klubs ansieht, der kann erahnen, was für den HSV drin gewesen wäre.“

Konjunktive. Eine interessante Perspektive des sympathischen, ruhigen und fast introvertiert wirkenden Ex-HSVers – aber eben auch Vergangenheit. Denn ich glaube, dass der HSV in diesem Winter ein gutes Zeichen gesetzt hat, niemanden zu holen. Und wenngleich für gute Leute immer Platz sein sollte, blieben zumindest Panikkäufe der Marke Tavares, Ndjeng etc. aus. Dass das schon mangels finanzieller Mittel schwierig war, überhaupt jemanden zu holen – egal. Fakt ist, es wurde niemand geholt und Trainer Thorsten Fink hat seinen Worten („Der Kader ist gut genug, ich vertraue der Mannschaft“) Taten folgen lassen.

Und überhaupt, am meisten Respekt haben die HSV-Gegner derzeit vor dem Einfluss Finks. Der ehemalige Bayern-Profi hat selbst bei den Leuten einen ungemein guten Ruf, die ihn gar nicht persönlich kennen. Wie eben Jerome, der weder als Spieler noch als Trainer jemals irgendwas mit Fink zu tun hatte. Trotzdem sagt er: „Ganz klar, der HSV hat sich langsam eingespielt und hat vor allem einen Trainer, der super ist. Mit Thorsten Fink ist in Hamburg noch einiges möglich.“ Wie er sich davon überzeugt hat? „Nur durch das, was ich aus der Ferne sehe und was mir die Leute berichten. Aber das alles klingt sehr vielversprechend, alle sind begeistert.“ Der HSV hätte endlich wieder einen Trainer, der was erreichen will. Ob das nicht immer so war? Boateng vorsichtig: „Das müssen andere beurteilen. Ich bin dem HSV sehr dankbar für drei tolle Jahre. Ich freue mich auf das Wiedersehen mit Freunden wie beispielsweise Dennis Aogo, Marcell Jansen, Paolo und Tomas Rincon – auch wenn ich versprechen kann, dass das auf dem Platz sicher anders aussehen wird.“

Es war ein sehr nettes Gespräch mit Jerome (das Interview könnt Ihr morgen im Print-Teil lesen), für den ich mich freuen würde, wenn er von den HSV-Fans mit Respekt empfangen würde. Zumal er selbst daran glaubt. Obwohl er beim FC Bayern spielt, der in Hamburg für Bundesligaverhältnisse zusammen mit Werder (oder schon kurz dahinter) als Staatsfeind Nummer eins gilt (Pauli bleibt als Zweitligist hier unerwähnt). „Ich glaube aber trotzdem, dass es ein warmer Empfang für mich wird. Die Hamburger Fans haben mich in den Jahren beim HSV immer großartig unterstützt und mir auch einen tollen Abschied bereitet.“ Mal sehen wie der erste Empfang seit 2010 für ihn wird.

Sportlich erwartet Boateng Schwerstarbeit gegen seinen Freund Paolo („Der haut seinen Körper ordentlich rein“) und Mladen Petric („Ein Schlitzohr“). Und auch der HSV gibt sich optimistisch. Verhalten zwar – aber das ist nach dem 1:5 zum Auftakt gegen Dortmund mehr als logisch. „Wir brauchen uns nicht lange unterhalten, brauchen keine Konzepte erarbeiten – das einzige Konzept gegen Bayern muss sein, kompakt zu sein. Von der ersten bis zur 90. Minute “, sagt Marcell Jansen, der einst vom FCB nach Hamburg wechselte. „Wir hatten gegen Dortmund das Problem, dass der BVB gepresst hat und wir zu schnell Fehler gemacht haben. Das müssen wir gegen Bayern ändern, indem wir es uns durch Einsatz erarbeiten. Wie Gladbach, die haben nie ein eins gegen eins zugelassen, haben die entscheidenden Positionen gedoppelt und schnell gekontert. Das war taktisch das Beste, was man machen konnte.“

Gladbach ist das Vorbild für den HSV – zumindest am Sonnabend. Dass es allerdings nur defensiv auch nicht geht, das hat das Hinspiel (0:5) gezeigt. Da hatte der ehemalige Trainer Michael Oenning eine sehr defensive Taktik ausgerufen, wollte möglichst lang die Null halten. „Aber wir haben früh das 0:1 bekommen“, erinnert sich Dennis Diekmeier, „und damit war das schnell über den Haufen geworfen. Damals gingen schnell unsere Köpfe runter und es ging nix mehr. Da sind wir unangenehm vorgeführt worden.“ Wie das am Sonnabend zu vermeiden ist? „Indem wir selbstbewusst auftreten und uns an die Basics erinnern. Erst wenn wir in den Zweikämpfen aggressiv gegenhalten und uns gegenseitig unterstützen, haben wir eine Chance.“ Wobei ich das Konterspiel angesichts der nicht wirklich zur Sprinterkategorie zu zählenden Mladen Petric und Paolo Guerrero nicht als bestes Stilmittel erachte. Es sei denn, die Konter gehen über Diekmeier, den vielleicht schnellsten Außenverteidiger der Liga, der in Berlin seine ersten Torvorlagen bejubeln durfte.

Ich hätte nichts dagegen, wenn er am Wochenende eine weiter folgen lässt – und auf der anderen Seite dafür sorgt, dass der FC Bayern, den beim HSV fast alle als den Meisterschaftsfavoriten Nummer eins nennen, kein Tor in der Imtech-Arena schießt. Das kann ganz sicher hässlich werden – aber das wäre mir sch…egal…

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird um zehn Uhr trainiert.

Scholle

P.S.: Im heutigen Training fehlte neben den Langzeitverletzten nur Zhi Gin Lam (Muskelfaserriss). Während der eisigen 65-Minuten-Einheit ließ Fink nach dem Aufwärmprogramm zunächst ein Spiel ohne Tore absolvieren, danach den üblichen Kreis, bevor es zum Abschluss ein Dreier-Turnier gab, bei dem die jeweils aussetzende Mannschaft einen Kraftzirkel absolvierte, um nicht komplett zu erfrieren.

Frank Arnesen privat: “Ich musste erst mal lernen, meinen Kindern Komplimente zu machen”

7. Januar 2012

Heute ist ein ruhiger Tag. Es wird nur einmal vormittags trainiert, der Nachmittag ist für alle Spieler frei. Runden mit Spielern (oder einem aus dem Trainerstab) gibt es heute nicht. Deshalb stelle ich Euch ein aus meiner Sicht sehr interessantes Interview hier rein, das ich zusammen mit meinem Kollegen Kai Schiller hier mit Frank Arnesen geführt habe. Sollte zusätzlich noch etwas passieren, melde ich mich selbstverständlich. Spätestens natürlich morgen. Dann unter anderem mit einem kurzen Bericht vom Spiel Malaga (wahrscheinlich ohne Ruud, dafür mit Mathijsen) gegen Atletico Madrid, das wir heute Abend um 22 Uhr live sehen werden. Zudem werde ich bis morgen ein Gespräch mit Christoph Daum gehabt haben, der mit dem FC Brügge in Marbella gastiert und morgen um 18 Uhr zudem der nächste Testspielgegner des HSV ist.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Sonnabend und bis morgen!
Scholle (10.50 Uhr)

Und hier das Interview:

Hamburger Abendblatt: Herr Arnesen, Sie wirken so erholt und jung wie schon lange nicht mehr. Liegt das an der spanischen Sonne oder an Ihren Enkeln Nummer fünf und sechs, die Ihnen Tochter Brit kurz vor Weihnachten beschert hat?
Frank Arnesen: Ein bisschen von beidem. Das tolle Wetter hier tut mir gut, aber die Geburt von den Zwilligen Kaj und Jesper war ein echter Jungbrunnen für mich.

Fühlen Sie sich als sechsfacher Opa nicht manchmal auch ganz schön alt?
Arnesen: Überhaupt nicht. Ich liebe es, Opa zu sein. Und ehrlich gesagt fühle ich mich überhaupt nicht wie ein 55-Jähriger. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich täglich mit jungen Leuten zu tun habe, da kann man gar nicht so richtig alt werden.

Haben Sie mal drüber nachgedacht, ob und wann Sie in Rente gehen wollen?
Arnesen: Natürlich muss auch ich daran denken, früher oder später etwas kürzer zu treten. Irgendwann muss ich weniger an mich und mehr an meine Familie denken. Allerdings weiß ich ganz genau, dass es mir sehr schwer fallen wird, einfach aufzuhören.

Gerade erst wurde das Rentenalter auf 67 Jahre festgelegt. Können Sie sich vorstellen, noch zwölf Jahre als Sportchef des HSV zu arbeiten?
Arnesen: Im Fußballgeschäft kann man eigentlich nicht in so großen Zeiträumen denken, man kann ja kaum für die nächsten sechs Monate planen. Natürlich will ich noch lange beim HSV bleiben. Aber ob das bis zur Rente sein wird, weiß ich noch nicht.

Ist das Fußballgeschäft sehr kräftezehrend?
Arnesen: Man reibt sich schon sehr auf, weil man eigentlich nie so richtig abschalten kann. Man muss ab und zu ganz genau in sich selbst reinhorchen, ob man nicht irgendwann eine Pause braucht. Vor zehn Jahren war auch bei mir einmal der Moment gekommen, wo ich einfach nicht mehr konnte. Ich habe damals ein Sabbatjahr genommen, um meine leeren Akkus wieder aufzufüllen. Besonders für meinen Kopf war das sehr wichtig. Danach konnte ich dann tatsächlich mit neuer Kraft wieder so richtig loslegen.

Trauern Sie manchmal Ihrer Spielerkarriere hinterher, die Sie wegen einer hartnäckigen Knieverletzung frühzeitig beenden mussten?
Arnesen: Ich bin kein Mensch, der lange verpassten Möglichkeiten hinterher weint. Natürlich war es sehr schwer für mich, als ich mir diese Knieverletzung zugezogen hatte. Ich war gerade 25 Jahre alt, spielte eine überragende Saison beim FC Valencia und stand vor einem Wechsel zu einem der ganz großen Vereine. Johann Cruyff sagte mir damals, dass auch der FC Barcelona großes Interesse habe und mit Juventus Turin hatte ich sogar konkrete Verhandlungen in Kopenhagen geführt. Und von einem auf den anderen Moment war die große Karriere vorbei. Das tat weh, aber ich habe dieses Schicksal schnell akzeptiert.

Sie sollten in der Sommerpause vor der Saison 1982/83 zu Juventus wechseln. Überlegen Sie mal, was passierte wäre, wenn Sie tatsächlich gewechselt wären…
Arnesen: …dann hätte Turin das Finale 1983 in Athen gegen den HSV wahrscheinlich gewonnen und ich hätte niemals hier arbeiten dürfen (lacht). Juventus hat dann aber statt meiner Person Zbigniew Boniek verpflichtet, der ja auch kein Schlechter war.

Der Traum von der großen Karriere war nach der Knieverletzung vorbei, aber so ganz konnten Sie die Fußballschuhe ja auch nicht an den Nagel hängen.
Arnesen: Ich habe noch für Anderlecht und für Eindhoven gespielt, war aber nie mehr der Alte. Sobald es Winter wurde, tat mir das Knie weh. Als ich mir dann auch noch das linke Bein gebrochen hatte, war es endgültig vorbei. Ich habe den ganzen Weg ins Krankenhaus geweint. Aber wie schon nach meiner Verletzung in Valencia habe ich schnell akzeptiert, dass nun ein neuer Lebensabschnitt wartet. Ich erinnere mich noch, wie ich im Krankenhaus auf dem Operationstisch lag. Ich sagte dem Arzt, dass er mein Bein nur einigermaßen wieder flicken muss, weil ich ab jetzt viel Zeit habe, um Golf zu spielen.

Beim Golfspielen blieb es dann aber nicht. Hat Ihre Frau mal geschimpft, dass das Familienleben zu kurz kommt?
Arnesen: Nie. Ich weiß genau, dass es ohne sie nicht funktionieren würde. Wir sind jetzt seit 35 Jahren verheiratet und ich genieße noch immer jeden Tag mit ihr. Ich bin der Sportchef beim HSV, aber sie ist der Sportchef in der Familie. Und bei vier Kindern und sechs Enkelkindern gibt es jede Menge zu organisieren.

Eines Ihrer Kinder ist in Ihre Fußstapfen getreten. Sohn Sebastian arbeitet in der Scoutingabteilung des HSV. Sind Sie stolz auf ihn?
Arnesen: Sogar sehr. Ehrlich gesagt habe ich ihm diesen Karriereweg am Anfang gar nicht zugetraut. Als er 22 Jahre alt war hat er mir erstmals gesagt, dass er gerne als Scout arbeiten würde. Damals war ich schon beim FC Chelsea. Ich habe Sebastian dann gesagt, dass er mit Hans Gillhaus sprechen muss. Das war unser Chefscout, der in Eindhoven lebte. Sie haben dann den Deal gemacht, dass Sebastian ein halbes Jahr umsonst für ihn arbeiten würde. Ich habe mich bewusst zurückgehalten, weil ich nicht wollte, dass er nur als Arnesen-Sohn eingestellt wird. Nach einem halben Jahr habe ich dann Hans gefragt, was er von Sebastians Arbeit ehrlich hält. Und er war begeistert.

Welche Fußballstars hat er entdeckt?
Arnesen: Sebastian war der erste, der das große Talent von Romelu Lukaku bereits im Alter von 14 Jahren erkannte. Im gleichen Alter hat er auch schon Gökhan Töre für Chelsea gesichtet und auch Jeffrey Bruma ist Sebastians Entdeckung. Chelsea hat insgesamt fünf Spieler verpflichtet, die mein Sohn vorgeschlagen hat. Spätestens dann wusste ich, dass er wirklich ohne Papas Hilfe zurecht kommt.

Waren Sie ein strenger Vater?
Arnesen: Ja. Ich muss gestehen, dass ich sogar sehr streng war. Früher war ich nie zufrieden, ich habe immer gesagt, dass es noch besser geht. Ich musste erst lernen, dass es manchmal auch wichtig ist, Komplimente zu geben und jemanden aufzubauen.

Waren Sie als Sportchef mit Ihren Spielern auch so kritisch?
Arnesen: Zu Anfang. Ich komme ja aus der Ajax-Schule, da wurden nie Komplimente verteilt. Das hat mich zunächst geprägt. Irgendwann habe ich aber sowohl als Vater als auch als Sportchef gemerkt, dass man viel schneller als Ziel kommt, wenn man nett ist und auch mal lobt.

Wie kann man einem Spieler auf nette Art und Weise sagen, dass man seinen Vertrag nicht verlängert?
Arnesen: Das wichtigste ist, immer ehrlich zu sein. Die Jungs merken schnell, wenn man ihnen etwas vormacht. Aber ein Fußballverein ist auch keine Sozialstation.

Fiel Ihnen die Entscheidung schwer, sich im September von Michael Oenning zu trennen?
Arnesen: Persönlich tat mir das sehr weh. Es war die schwierigste Entscheidung, die ich in meiner Amtszeit beim HSV zu fällen hatte. Aber es war wohl die richtige Entscheidung. Wir waren an einen Moment angekommen, an dem es so einfach nicht mehr weiter ging. Das lag natürlich nicht nur an Michael, aber als Trainer muss man die Verantwortung übernehmen. So ist nun mal das Geschäft, das kann auch ich nicht ändern.

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