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Zinnbauers neuer Weg – vielleicht nicht mutig, aber richtig

23. Februar 2015

Das, was da heute auf dem Trainingsplatz zu finden war, lief in den letzten Monaten zum gleichen Zeitpunkt eigentlich gemütlich durch den Volkspark. Vom Stamm zum Reservisten – ein Schicksal, das derzeit nicht nur Rene Adler trifft. Auch Heiko Westermann und Kapitän Rafael van der Vaart mussten gegen Gladbach zunächst auf die Bank – und dabei zusehen, wie der HSV eine gute Reaktion auf die 0:8-Pleite gegen Bayern München zeigte. Nein, mehr noch: Der HSV zeigte ein gutes Spiel. Mit einem Nackenschlag in der Nachspielzeit – aber mit vielen lachenden Gesichtern am Montag. Außer bei denen auf dem Trainingsplatz natürlich…

 

Wobei, über Heiko Westermann hatten wir hier schon oft geschrieben. Der ehemalige Kapitän ist mit Sicherheit genauso enttäuscht über seine Rolle als Reservist, wie er der Mannschaft die Daumen drückt und sie unterstützt. Aber er hat momentan einfach keinen Lauf. Gestern erst vier Minuten vor Schluss eingewechselt, musste er den Ausgleichstreffer mit ansehen. Schuldlos. Und dennoch machen viele den Innenverteidiger als Mitschuldigen aus. Wahnsinn. Aber gut, Fan kommt von fanatisch – das hat mit Objektivität und Vernunft wenig zu tun.

 

Und damit hier nicht gleich wieder eine falsche Schublade geöffnet wird, auch ich war mit der Startaufstellung mehr als einverstanden. Auch ich hätte in dieser Phase auf Westermann wie auch auf van der Vaart verzichtet. Zum einen, weil sich in der Mannschaft andere Spieler zuletzt im Training (sowie Rajkovic auch in den Spielen) in den Vordergrund spielen konnten. Zinnbauer hat endlich sein Leistungsprinzip 1:1 umgesetzt – und er wurde dafür belohnt. Das war nach einem 0:8, wo jeder ausgewechselt werden kann und sich lächerlich machte, würde er pöbeln, nicht außergewöhnlich mutig, okay. Aber es war eben die richtige Entscheidung. FussballRajkovic spielte hinten (fast schon gewohnt) stark, die Außen (Ostrzolek für Marcos und Diekmeier für Götz) waren sicher, und im defensiven Mittelfeld sorgten Gojko Kacar und Petr Jiracek für Ordnung. Bis zum körperlichen Ende. Bei Kacar reichte es bis zur 86. Minute, wo er mit Krämpfen ausgewechselt werden musste. Leider. Jiracek hielt sogar bis zum Schluss durch und hatte danach noch immer so viel Feuer in sich, sich so massiv beim Schiri über die Eckstoßentscheidung aufzuregen, dass er von Mitspielern weggezogen werden musste.

Dennoch, bis zur Ecke hatte das Spiel des HSV für mich lange nicht gesehene Ordnung. Zwei Chancen zu Beginn und zwei am Ende – dazwischen stand man defensiv äußerst sicher, oftmals tatsächlich mit allen elf in der eigenen Hälfte. Dennoch schaltete die Mannschaft immer wieder schnell um, attackierte zwischendurch auch immer wieder mal offensiv. Die Mannschaft machte tatsächlich immer wieder das, was der Trainer unter der Woche so ausgiebig hatte trainieren lassen. „Ich habe lange nicht mehr so intensiv verschieben geübt“, lachte der Fast-Matchwinner Zoltan Stieber über den ungewöhnlichen Zeitpunkt für das Basistraining, „aber es hat geholfen. Wir wussten auf dem Platz alle, was wir machen mussten.“

Vor allem auch, weil Kacar und Jiracek viel sprachen, ihre Mitspieler stellten und selbst alles wegarbeiteten, was ihnen vor die Füße kam. Und während Kacar die beachtliche Leistung nach fast drei Jahren nicht in der Startelf absolvierte (Chapeau!) muss ich bei Jiracek eingestehen, dass ich mich weder an ein Spiel noch an eine Trainingseinheit erinnere, in der er mir so imponieren konnte wie gestern. Und das von Minute zu Minute mehr.

Von Beginn an war der Tscheche präsent. Zweikampfstark – und endlich auch sicher im Spielaufbau. Nachdem auch ich kaum noch daran glaubte, meine einstige Begeisterung bei seiner Verpflichtung bestätigt zu bekommen, schöpfe ich neue Hoffnung. Ich betone das, weil ich nicht übertreiben will. Es war jetzt nach Paderborn (da fand ich ihn schon gut) ein erster richtig guter Auftritt. Jiracek harmonierte mit Kacar, der aus seine Emotionen keine Mördergrube machte.

 

Wie wurde er verrissen, sogar fürs Training zu den Amateuren degradiert und von den Fans als geldgeiler Spieler abgestempelt, als er nicht wechselte, obwohl ihm der Verein selbiges immer wieder nahelegte? „Ich habe immer an meine Chance geglaubt“, so der Serbe, der in Hamburg vielleicht mehr Tiefschläge hinzunehmen hatte als ein Profiboxer in seiner gesamten Karriere. Aufgegeben hat der introvertiert wirkende Rechtsfuß dennoch nicht. Jetzt hofft er auf ein Happyend: „Ich habe immer an meine Chance geglaubt“, so der Serbe, der in Hamburg vielleicht mehr Tiefschläge hinzunehmen hatte als die meisten Boxer im Laufe ihrer Karrieren, „und das war ein sehr emotionaler Moment für mich.“


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Im Gegensatz zum Print kann ich in diesem Blog ganz persönliche Meinungen vertreten und daher sagen, dass mich das Comeback von Kacar außergewöhnlich freut. Weil er trotz aller (auch unfairen) Tiefschläge nie aufgegeben hat. Weil er ein absoluter Teamplayer ist. Weil er in jedem Training Vollgas gibt und eine Einstellung auf den Platz bringt, die vorbildlich ist. Und weil er bei allem immer fair geblieben ist. Kacar hat nie gejammert, nie gepöbelt. Stattdessen hat er jetzt bewiesen, dass er mehr kann als ihm Armin Veh, Michael Oenning, Rodolfo Cardoso, Thorsten Fink, Bert van Marwijk, Mirko Slomka zugestanden haben: Kacar kann dem HSV helfen.

 

Aber zurück zu Jiracek, dem in meinen Augen besten Mann des 1:1. Der Linksfuß, dessen Marktwert in Hamburg bislang von fünf auf gerade noch zwei Millionen Euro gefallen ist, hat sich zunächst einmal fest ins Team gespielt – da lege ich mich fest. Sofern er gesund bleibt, kann Zinnbauer für das nächste Spiel in Frankfurt nicht an ihm vorbei. Selbst wenn Valon Behrami zurückkommt.Fussball „Mit den beiden hat das richtig gut geklappt“, freute sich auch Torschütze Stieber, der von Kacar und Jiracek durchgehend gestellt und auf dem Platz gecoacht wurde. „Jira hat mir schon in der Vorbereitung viel geholfen. Das Zusammenspiel mit ihm ist für mich super, weil er mir viele gute Tipps gibt. Das passt.“ Wobei man insgesamt das Gefühl gewinnen konnte, dass es insgesamt mit dieser vergleichsweise weniger prominenten Mannschaft homogener wurde.

 

Letztlich aber möchte ich noch mal auf Rafael van der Vaart zurückkommen. Mein netter Kollege Matthias Sonnenberg forderte heute zur Ehrlichkeit ihm gegenüber auf. Ein Abschied auf Raten dürfe es nicht geben. Und ich gebe dem Sportchef der „Bild Hamburg“ in diesem Punkt auch absolut Recht für den Punkt mit der Ehrlichkeit. Denn ich glaube, dass Ehrlichkeit in diesem Fall bedeutet, dass van der Vaart zwar mit seiner Erfahrung noch sehr wichtig sein kann. Sogar entscheidend. Aber ich glaube eben – und damit schließt sich für mich an dieser Stelle der Kreis zur Diskussion am Beginn dieser Saison -, dass man mit van der Vaart besprechen sollte, dass er zumindest partiell noch gebraucht wird. In ausgewählten, besonderen Situationen. Aber ansonsten sollte man langsam den Umbruch an seiner Sollbruchstelle ansetzen. Ob letztlich mit Jiracek, und Kacar oder nach deren Rückkehr mit Behrami (trainierte heute normal mit) oder Diaz in der Zentrale – das muss Zinnbauer von Spieltag zu Spieltag entscheiden. Aber aktuell ist van der Vaart nicht mehr DER Spielgestalter.

 

Wobei, diese Rolle gibt es in der Form auch gar nicht mehr. Stattdessen setzt Zinnbauer auf Lauf- und zweikampfstärke. Stieber war auf der Zehn mit gut 13 Kilometern wieder der laufstärkste HSVer (vor Jiracek mit 12,08 km) – und er traf. „Ich hatte nicht viel Zeit nach dem schönen Pass von Rudnevs – und dann hat’s gepasst. Aber das Tor hat letztlich auch nur einen Punkt gebracht und ich habe noch einiges zu verbessern“, so der Ungar, der sich in Sachen Kritik insbesondere von seinem Bruder (selbst Profi in Ungarns erster Liga) sowie seinem Vater beraten lässt. Und obwohl er eigentlich auf der Außenbahn beheimatet war, freut er sich über die neue Rolle. Und nicht nur er. „Stiebi ist ein richtig guter Spieler, wenn er Vertrauen bekommt. Als Nummer Zehn kann er sogar Tore schießen“, lobte ihn Interimskapitän Johan Djourou nach dem Gladbach-Spiel.

 

Vieles deutet darauf hin, dass van der Vaart zum Joker avanciert. Zu einem der teuersten der Vereinsgeschichte. Die Frage ist, ob der um den HSV zweifellos außergewöhnlich verdiente Spieler diese Rolle dauerhaft annehmen kann und will. Schon deshalb hat Mathias Sonnenberg Recht: Der HSV(-Trainer) wäre sicherlich gut beraten, ehrlich mit seinem Kapitän darüber zu sprechen. Verdient hat es der Niederländer – und vielleicht wird es ja gar zu einer Win-Win-Geschichte. Zuzutrauen wäre es van der Vaart – ebenso wie Westermann – allemal…

 

In diesem Sinne, bis morgen. Da ist übrigens trainingsfrei.

 

Scholle

 

P.S.: Ivica Olic hat nur einen “kleinen Faserriss” erlitten und soll schon gegen Dortmund wieder voll dabei sein können. Das ergab eine Untersuchung in München.

Van der Vaart will aufholen – HSV will Angreifer Pinilla

26. Juni 2014

Ok, der Wille zählt. Auch wenn das Wetter mal nicht so mitmacht. Denn nachdem am Vormittag eine lockere Einheit Fußball-Tennis (oder war es ob des hohen Netzes schon Fußball-Volleyball-) gespielt worden war, sollte es nach dem heftigen Kraft- und Ausdauerzirkel vom Mittwoch heute zum Segeln gehen. Allerdings fiel diese nett gemeinte Abwechslung ins Wasser. Buchstäblich. Denn ebenso wie in Recife, dem Spielort der deutschen Nationalelf heute gegen die USA, schüttete es in Glücksburg wie aus Eimern. Konsequenz: Statt zu segeln, gab Trainer Mirko Slomka seinen Jungs frei. Und ich habe mich gehütet, einen zu stören…


In Ruhe gelassen wurde bis heute, wo er nach Glücksburg nachreiste, auch Rafael van der Vaart, der eine Woche länger als der Rest pausieren durfte. Verletzungsbedingt hieß es. Auch zuvor von Hollands Nationaltrainer Louis van Gaal. Allerdings habe ich am Montag einen Anruf eines niederländischen Kollegen der „voetbal international“ bekommen, dem „kicker“ der Niederlande. Und der Kollege, der zugleich auch die Nationalmannschaft der Niederlande betreut, war sich sicher, dass van der Vaart von van Gaal mit einem „Gentlemen’s Agreement“ aus der Nationalelf entlassen worden war. „Es ist hier kein Geheimnis mehr, dass van der Vaart einfach nicht fit genug war und man mit der vorgeschobenen Verletzung nur sein Gesicht wahren wollte“, so der Kollege, der mich bat, das Thema hier für ihn zu recherchieren.

Allerdings ist das für mich kein Thema. Denn was ändert es im Nachhinein noch? Dass van der Vaart – wie alle seine Kollegen auch – in der abgelaufenen Saison nicht fit genug war, ist bestätigt. Und angesichts des temporeichen Spiels der Niederlande bei hohen Temperaturen muss man kein lizenzierter Fußballlehrer sein, um zu wissen, dass van der Vaart dafür nicht die körperliche Verfassung hat. Insofern: Er ist nicht dabei. Punkt.

Und dieses „hat nicht die Verfassung“ ist bewusst im Präsenz gewählt, weil „hatte“ eine Besserung voraussetzen würde. Und die ist nicht da. Wie auch? Bislang durfte der Kapitän ja wie eingangs beschrieben, pausieren. Und er nutzte die Zeit für einen Mallorca-Trio, während die Kollegen in Hamburg und jetzt in Glückstadt gequält werden. Und ich frage mich: Warum? Warum darf gerade der vermeintlich unfitteste Spieler pausieren, während die anderen ackern? Und vor allem: Warum ist es nicht van der Vaarts höchsteigenes Interesse, den Fitnessteil komplett mitzumachen. „Weil er den nicht durchhalten und sich outen würde“, scherzte mein Kollege Alexander Laux – und hat Recht.

Dass van der Vaart seinen Körper „selbst am besten“ kennen würde, gilt nicht mehr. Denn die Erklärung für etwaige Sonderpausen van der Vaarts fruchtete nicht, im Gegenteil: Van der Vaart verpasste es, sich spielfit zu bekommen. Und ganz ehrlich: „Ein Trainingsweltmeister war ich nie – und werde ich wohl auch nicht“, hatte van der Vaart schon als Jungspund bei seinem ersten HSV-Engagement 2005 zugegeben. Und das hat sich eben nie geändert. Von daher wäre ich – und vielleicht er selbst auch am Ende – sehr froh, wenn Slomka ihn künftig etwas enger führen würde. Mit weniger Pausen. Denn ansonsten wird das wieder nichts. „Wir haben noch sechs intensive Wochen vor uns“, sagt Trainer Mirko Slomka, der dem Vernehmen nach weiter auf van der Vaart als Führungsspieler setzen will. Und das, obwohl genau für die Position des Halbstürmers hinter Lasogga noch ein Spieler gesucht wird.

Wobei natürlich zuallererst die Personalie Lasogga geklärt werden muss. Noch immer beharrt Hertha BSC auf der Fabel-Ablöseforderung von 12 Millionen Euro, sagte mir mein stets top informierter Berliner Kollege Uwe Bremer heute. Und in den Gesprächen mit Uwe mischt sich inzwischen immer mehr Parteilichkeit. Ich sage beispielsweise, Lasogga sei nicht mehr als sechs Millionen Euro Ablösesumme zuzüglich etwaiger Erfolgsprämien wert. Er hält dagegen und behauptet, Hertha hätte ja keine Not einen so guten Stürmer abzugeben. Dass er dabei vergisst, dass Hertha-Coach Jos Luhukay Lasogga gar nicht als Ramos-Ersatz sieht und auf der Position gern noch jemanden holen will – egal. „Ihr Hamburger seid Euch immer ’nen Tick zu früh sicher, alles zu durchblicken“, konterte mich Bremer – und brachte mich kurz zum Nachdenken. Allerdings nur sehr kurz – dann durchblickte ich seine Taktik…

Aber im Ernst: Bremer ist ein sehr netter Kollege, der aus der Hauptstadt über Hertha BSC für die Berliner Morgenpost bloggt. Und er hat guten Kontakt zur Familie Lasogga, die ihm mitteilte, dass eine Einigung noch nicht in Sicht sei, obwohl Pierre Michel Lasogga nur zu gern zum HSV stoßen würde. „Sollte es bis Dienstag keine Einigung geben, wird er hier aber trainieren“, so Bremer, der selbiges aus der Geschäftsführung der alten Dame gehört hatte.

Apropos gehört: Heute hört und seht Ihr – sofern denn gewollt – wieder eine Live-Sendung „Matz ab“ aus dem Champs. Kurz vor dem Spiel, in der Halbzeit und natürlich ausführlich nach dem Spiel werden wir heute mit dem ehemaligen Profi Jürgen Stars (spielte unter anderem in den USA) sowie dem ehemaligen HSV-Trainer Michael Oenning über das letzte Gruppenspiel der Deutschen, die für mich absolut nicht zu hoch angesetzte Neun-Spiele-Sperre für Beißer Suarez sowie natürlich auch über den HSV sprechen.

So, das soll der etwas verkürzte Blog für heute gewesen sein. Ich hoffe, wir sehen uns nachher (als Gruppensieger)! Viel Spaß beim Spiel! Deutschland!!!!

Scholle

P.S.: Angeblich ist der HSV an Mittelstürmer Mauricio Pinilla (Chile) von US Cagliari interessiert. „Ich werde ins Ausland gehen“, kündigte Pinilla in Brasilien, wo er mit der Nationalmannschaft bislang für Furore sorgt, an. Der 30-Jährige soll allerdings neben dem HSV auch bei Eintracht Frankfurt auf dem Wunschzettel stehen.

Zwischen Intervall-Läufen und Segeltörn

25. Juni 2014

Co-Trainer Nestor El Maestro hatte es ja angekündigt: jeder zweite Trainingstag an der Flensburger Förde wird hart für die Spieler. Entsprechend mussten sie heute wieder ordentlich schwitzen. Nachdem der Vormittag auf dem Trainingsrasen noch sehr Ball-dominiert war, ging es am Nachmittag richtig ab.

Erneut mussten 1000-Meter-Tempoläufe gestartet werden. Und zwar noch schnellere als zuletzt. Unter vier Minuten hatten die Profis die zweieinhalb Laufrunden auf der Leichtathletik-Bahn zu absolvieren. Und das taten sie auch, selbst wenn die Leidensmiene beim einen oder anderen zunahm. Mit Petr Jiracek und Tolgay Arslan, aber auch Dennis Diekmeier, Matti Steinmann, Zoltan Stieber , Jacques Zoua, Marcell Jansen und Gojko Kacar haben sich jedenfalls schon einige Mittelstrecken-Experten hervorgetan. Aber ganz sicher: Morgen werden ihnen die Oberschenkel immer noch wehtun.

Dann hat der Trainer auch eine ruhige Einheit angesetzt, ganz ohne Laufschuhe und Ball – nämlich auf dem Wasser. In sieben oder acht Booten geht es zum Segeltörn. Und den Wind wollen sie dann so gut lesen, die Skipper in den HSV-Booten, dass sie auf jeden Fall wieder um 18 Uhr an Land sind, um das deutsche Vorrunden-Finale gegen die USA vor dem Fernseher zu verfolgen.

Erfreulich am Rande: bislang gibt es in Glücksburg noch keine verletzungsbedingten Ausfälle. Das muss ja auch mal als positiv und beim HSV gar nicht selbstverständlich herausgehoben werden.

Am Dienstagabend hat der alte Aufsichtsrat ein letztes Mal getagt. Ein Kernthema war die künftige Finanzierung bzw. der Status Quo des e.V. nach Ausgliederung des Profifußball-Bereichs. Ehe die AG im Handelsregister eingetragen ist, gibt es hier offenbar noch einigen Klärungsbedarf. So gibt es immer noch einige Einspruchsfristen, die abgewartet werden müssen, ehe ein solider und belastbarer Etat steht.

In jedem Fall dankte der Vorsitzende Jens Meier seinen Kollegen ausdrücklich für die Arbeit insbesondere der letzten Monate und den Übergangsprozess. Vermutlich wird es in den kommenden Wochen auch noch eine symbolische Übergabe an den neuen Aufsichtsrat der AG und dessen designierten Vorsitzenden Karl Gernandt geben.

Interessant ist diese Formalie: Natürlich müssen auch die Arbeitsverträge aller Angestellten, die bislang im e.V. unter Vertrag standen, auf die AG umgeschrieben werden. Carl Jarchow hat diese Papiere mittlerweile vorbereitet, er war gestern mit einer Mitarbeiterin aus der Personalabteilung in Glücksburg, um den Profis entsprechende Schreiben auszuhändigen. Nach dem Mittagessen ist Jarchow wieder zurückgefahren nach Hamburg. Jedenfalls hat jeder Angestellte, dessen Vertrag nun umgewandelt werden soll, eine vierwöchige Einspruchsfrist. In den allermeisten Fällen wird diese Frist sicher verstreichen. Aber ich sage mal ganz vorsichtig: Es soll ja auch Arbeitnehmer beim HSV in der höheren Gehaltsklasse geben, die aktuell etwas unzufrieden mit ihrem Standort sind. Was geschieht, wenn einer von ihnen die Einspruchsfrist nutzt und juristisch dagegen vorgeht? Das wäre erneut höchst unerfreulich. Wobei es inhaltlich wohl kein allzu großes Problem darstellen würde, denn dann könnte der entsprechende Spieler einfach für den e.V. weiterspielen (und dies würde dann den e.V.-Etat beeinflussen, s.o.).

Was die Meldung der „Sport-Bild“ von heute angeht, wonach Sportchef Oliver Kreuzer definitiv gehen muss, ist offiziell alles beim Alten. Nichts Genaues weiß man nicht. Dietmar Beiersdorfer sucht nach einer Alternative, Thomas von Heesen und Nico Hoogma sind im Gespräch, aber nach wie vor ist Kreuzer in Amt und Würden.

Und nur noch einmal zur Klarstellung für den korrekten Ablauf der nächsten Wochen. Ende dieses Monats oder Anfang des nächsten wird die HSV AG von den Richtern des Registergerichts ins Handelsregister eingetragen. Einen genauen Termin dafür gibt es nicht, das hängt von Tag zu Tag auch immer nach dem Arbeitsaufkommen der Richter ab. Dann ist der Wechsel sozusagen offiziell vollzogen und die neue HSV-Vorstands-AG ist im Amt.

Dazu gehören Joachim Hilke und Carl Jarchow sowie dann auch der neue „Hauptverantwortliche Sport“, wie Carl Jarchow ihn im Abendblatt-Interview nannte, nämlich Dietmar Beiersdorfer. In Wirklichkeit ist Beiersdorfer natürlich mehr als das, er soll der Chef des Ganzen werden. Welche Rolle Jarchow einnehmen wird, ist schwer vorherzusagen. Ursprünglich sollte der AG-Vorstand ja nur aus zwei Personen bestehen (Beiersdorfer, Hilke – Joachim Hilke hat übrigens, im Gegensatz zu Beiersdorfer, bis vergangene Woche noch keinen Vertrag unterzeichnet). Jarchow kommt in diesem Konstrukt nicht vor, er müsste entsprechend abberufen werden. Da er allerdings in diesem Fall Präsident des e.V. werden würde, hätte er einen Sitz im AG-Aufsichtsrat garantiert. Und irgendwie wollen das die AG-Betreiber ja eigentlich auch nicht – klingt irgendwie verzwickt. Es scheint also eine Übergangslösung in welcher Richtung auch immer zu werden, die sich bis zu Jarchows Vertragsende im Sommer 2015 hinziehen könnte.

Was nun den geplanten Einstieg von Klaus-Michael Kühne angeht, ist auch noch nicht das letzte Wort gesprochen. Mit Sicherheit wird sich Kühne in den vergangenen Wochen intensiv mit Karl Gernandt über dieses Thema ausgetauscht und verschiedene Modelle diskutiert haben. Auch Dietmar Beiersdorfer ist in die Gespräche involviert. Generell müsste jedenfalls nach Inkrafttreten der AG eine Bewertung der HSV AG vorgenommen werden. Wieviel ist der HSV eigentlich wert? Wieviel Geld ist theoretisch zu erlösen, wenn die AG ihre zunächst maximalen 24,9 Prozent veräußern würde? Ist die von Kühne ins Spiel gebrachte Summe von 25 Millionen Euro, mit denen er sich einbringen möchte, realistisch?

Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft wie die KPMG, die seit Jahren beim HSV die Unterlagen prüft, könnte solch eine Bewertung zunächst vornehmen. Möglichst schnell kann nicht schaden. Pierre Michel Lasogga sitzt auf gepackten Koffern und will endlich beim HSV loslegen.

Die Kollegen der „Bild“ hatten heute von zwölf Millionen Euro berichtet, die Hertha in einer Verhandlungsrunde mit dem HSV (Jarchow und Beiersdorfer waren gemeinsam in der Hauptstadt) aufgerufen habe. Da der HSV nur die Hälfte davon zahlen möchte, könnten sich die Gespräche noch weiter hinziehen.

Zu guter letzt noch diese Meldung, die seit heute Mittag auf abendblatt.de zu lesen ist:

Diese Nachricht kommt überraschend: Ex-St.-Pauli-Trainer Holger Stanislawski und Ex-HSV-Profi Alexander Laas werden neue Geschäftsführer des Rewe-Centers an der Dorotheenstraße in Hamburg-Winterhude.
Ab dem 1. Juli werden die beiden Ex-Fußball-Profis dort eine dreimonatige Einarbeitungsphase durchlaufen, um die Abläufe kennenzulernen. Ende des Jahres wird dann offiziell Stanislawski & Laas GmbH auf der Ladentür zu lesen sein. Am Freitag stellt Rewe die beiden in Winterhude auf einer Pressekonferenz vor. Stanislawski und Laas waren vorher zu keiner Stellungnahme bereit.
Doch wie kam es überhaupt zu dieser Geschäftsidee? Ex-HSV-Aufsichtsratsmitglied Bernd Enge ist ein gemeinsamer Freund der beiden. Der Unternehmer betrieb als Franchisenehmer schon mehrere Edeka-Läden in Hamburg. Enge soll Stanislawski und Laas zusammengebracht und mit ihnen die Geschäftsidee entworfen haben.
Ob Stanislawski damit endgültig seine Trainerkarriere beendet, ist nicht bekannt. Der 44-Jährige war erst vor einem Monat beim Bundesliga-Absteiger 1. FC Nürnberg als Coach im Gespräch gewesen, ehe die Verhandlungen aus nicht genannten Gründen scheiterten. Stanislawski hatte offenbar noch weitere Angebote von Profi-Clubs, die er für sein neues Geschäft ausschlug.
Der Ex-St.-Pauli-Trainer ist seit Mai 2013 ohne Job. Damals legte er nach dem verpassten Aufstieg mit dem 1. FC Köln seinen Trainerposten nieder. Zuvor trainierte er sechs Monate lang die TSG 1899 Hoffenheim. Alexander Laas hatte erst Anfang des Jahres einen Vertrag bis 2017 beim Niendorfer TSV unterschrieben.

Morgen wird in Glücksburg am Vormittag einmal trainiert, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wie der Verein sagt. Nachmittags geht’s dann aufs Wasser. Auch Rafael van der Vaart soll morgen übrigens nach Glücksburg kommen, nachdem ihm Trainer Mirko Slomka zunächst noch ein paar freie Tage mehr gegönnt hatte.

Und wir melden uns bei Euch nach dem dritten Vorrunden-Spiel der deutschen Mannschaft gegen die USA. Wie von Scholle bereits gestern angesprochen, freuen wir uns auf Michael Oenning, den ehemaligen HSV-Trainer, als unseren Gesprächspartner.

Bis morgen
Lars

Zum Auftakt gegen die Neuen

24. Juni 2014

Der Spielplan ist raus. Und der HSV hat es zu Beginn der Saison gleich mit beiden Aufsteigern zu tun. Ein leichtes Programm? „Nein“, sagt Ex-Kapitän Heiko Westermann. „Das ist sicher kein schlechtes Los – aber keiner weiß am Anfang, wo man steht. In Köln werden wir die ersten Punkte einfahren wollen. Das wird ein schönes Spiel – aber da wird uns eine euphorische Stimmung begegnen, nachdem sie wieder in die erste Liga zurückgekehrt sind.“ Und so ähnlich sehe ich das auch. Ich hätte die Aufsteiger lieber am achten, neunten Spieltag, wenn sich die erste Euphorie ob erdender Niederlagen etwas gelegt hat. So aber ist es schwer. Zumal nach aktuellem Stand, also mit dem jetzt vorhandenen Kader, jeder Gegner sehr schwer wäre. Das Programm:

1. 22.-24.08.2014 1. FC Köln – HSV
2. 29.-31.08.2014 HSV – SC Paderborn
3. 12.-14.09.2014 Hannover 96 – HSV
4. 19.-21.09.2014 HSV – Bayern München
5. 23./24.09.2014 Borussia M’gladbach – HSV
6. 26.-28.09.2014 HSV – Eintracht Frankfurt
7. 03.-05.10.2014 Borussia Dortmund – HSV
8. 17.-19.10.2014 HSV – 1899 Hoffenheim
9. 24.-26.10.2014 Hertha BSC – HSV
10. 31.10.-02.11.2014 HSV – Bayer Leverkusen
11. 07.-09.11.2014 VfL Wolfsburg – HSV
12. 21.-23.11.2014 HSV – SV Werder Bremen
13. 28.-30.11.2014 FC Augsburg – HSV
14. 05.-07.12.2014 HSV – 1. FSV Mainz 05
15. 12.-14.12.2014 SC Freiburg – HSV
16. 16./17.12.2014 HSV – VfB Stuttgart
17. 19.-21.12.2014 FC Schalke 04 – HSV

Dennoch, das war in dem Gespräch heute mit Westermann herauszuhören, innerhalb der Mannschaft ist die Hoffnung auf deutliche Veränderungen noch lange nicht erloschen. Und während sich im Umfeld (auch und vor allem hier) schon erste Enttäuschung breit macht, weil „tabula rasa“ bislang nur eine Position (Dietmar Beiersdorfer) betrifft, setzt Westermann weiter auf einen Neuanfang. „Es muss ja was passieren“, so Westermann, „und es passiert ja was. Mal abwarten, was da noch kommt.“

Ruhig bleiben ist in Glücksburg indes nicht. Während die sportliche Leitung weiter am Kader bastelt (Lasogga, Ostrzolek), lässt Trainer Mirko Slomka seine Jungs mächtig hart ackern. Freizeit wird zum Schlafen genutzt. „Rausgehen ist nicht. Das Training ist hart, aber notwendig. Das hat die alte Saison gezeigt. Das wissen auch wir Spieler. Wir müssen unser Kernproblem beheben. Dafür ist dieses Training nötig.“

Nur zu gern wieder voll angreifen würde Maxi Beister, der gestern seinen ersten Jogginglauf absolvierte. „Nach fünfeinhalb Monaten mal nicht Laufband sondern draußen – das ist schon ein richtig schöner Schritt Richtung Comeback“, so Beister freudestrahlend. Wann er an den Ball wieder darf? „Es kribbelt in den Füßen, aber in den nächsten Wochen ist das noch nicht vorgesehen. Da mache ich mir auch keinen großen Druck und warte ab, wie das Knie jetzt reagiert. Bisher ist alles gut verlaufen – und so soll es auch bleiben.“

Beister, der in Hamburg von allen Seiten (HSV, Fans, Medien) übermäßig gehypt wurde, lernt momentan auf die harte Tour. In der ersten Saison musste er sich vom Shootingstar zum Bankdrücker wandeln sehen und hatte seine erste Sinnkrise. In der vergangenen Saison sollte alles besser werden – wurde es aber nicht. Im Winter, in dem völlig unnützen und letztlich kontraproduktiven Indonesien-Trio riss sein Kreuzband. Die bisher schwerste Verletzung des noch jungen Außenstürmers. „Ohne Fußball ist es sehr hart. Aber auch jetzt lerne ich viel dazu. Über mich, über meinen Körper und sogar neue Trainingsmethoden.“

Und er will dabei sein. Mit nach Glücksburg zu fahren war für ihn keine Frage. Zusammen mit Rene Adler schuftet er im Kraftraum – wenn er nicht gerade laufen ist. Und er plant seine Rückkehr in eine Mannschaft, ohne Abstiegsnöte: „Da sind sich doch alle einig, dass wir nie wieder in so eine Situation geraten dürfen.“ Trotz des schwierigen Startprogramms (Beister: „Das ist alles andere als einfach gegen Aufsteiger – gerade zu Beginn“) glaubt Beister an Deutschland als kommenden Weltmeister – aber vor allem an den HSV: „Wir haben eine Saison hinter uns, die viel gelehrt hat. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir daraus gelernt haben und es anders machen.“ Alles muss anders – würde ich sagen.

Aber das wird es nicht. Noch nicht. Und zugegebenermaßen habe ich auch Probleme damit, wenn ein Neuanfang gleich mit Kompromisslösungen auf verantwortlichen Positionen begonnen wird. Und ganz ehrlich: So, wie ich Dietmar Beiersdorfer kennengelernt habe, ist das auch nicht seine Philosophie. Von daher bin ich noch immer sehr gespannt, wie im Vorstand in Zukunft zusammengearbeitet wird. Dass alles gleich bleibt, halte ich für ausgeschlossen. Aber vielleicht ist da der Wunsch mehr Vater des Gedankens…

In diesem Sinne. Heute ist in Sachen Transfers nichts passiert. Ich habe bis eben telefoniert, weil ich es nicht glauben wollte, nachdem frohlockt wurde, Lasogga könnte schon am Mittwoch beim HSV auflaufen. Oder spätestens am Sonnabend Nicht einmal eine Beschwerde bei der DFL, die von sich aus schon lange ermitteln müsste, wie ich finde. Von daher heute alles kurz und bündig – ich will Fußball gucken. Sollte noch etwas passieren, melde ich mich natürlich noch bei Euch.

Scholle

P.S.: Am Donnerstag haben wir wieder eine Live-Sendung. Diesmal begrüßen Lars und ich einen alten Bekannten und absoluten Fußballfachmann: Michael Oenning. Dazu gesellt sich noch ein zweiter Gast, den wir aber leider noch nicht als fix verkünden können.

Vier Wochen nach dem 25. Mai – jetzt ENDLICH nach vorn gucken!

22. Juni 2014

In den vergangenen Tagen, insbesondere bei der Debatte um die Äußerungen von Klaus-Michael Kühne, waren hier in den Kommentaren heiße Diskussionen entbrannt. Wer ist wofür verantwortlich? Fehlstart von HSV-Plus oder berechtigte Kritik der neuen Macher? Welche Rolle spielen Jarchow und Co. aktuell und behindern sie den Neustart?

 

In ganz großem Maße kommt darüber hinaus immer wieder der Wunsch auf nach Abrechnung mit dem aktuellen Vorstand und Aufsichtsrat. Diese Abrechnung wird hier stark eingefordert, um wirklich einmal Ross und Reiter zu nennen, um mit dem Grundübel aufzuräumen und reinen Tisch zu machen, so dass die Basis gelegt ist und die neuen Leute um Dietmar Beiersdorfer am 1. Juli dann auch offiziell anfangen können.

 

Offensichtlich gibt es ein paar unterschiedliche Wahrnehmungen was die Inhalte des Blogs in den vergangenen Monaten angeht. Man kann es wertfrei auf den vereinfachten Nenner bringen: Wir, die Blogschreiber, sind der Ansicht, die Missstände genannt zu haben und auch die dahinter stehenden Namen; kritische Blog-Kommentierer bestreiten dies und bemängeln zu weichen Umgang mit den Protagonisten. Soweit, mehr oder weniger, der Status Quo.


 

Gerade die momentane Übergangsphase sorgt für Nervosität. Mal abgesehen von den Äußerungen des designierten Aufsichtsrats-Vorsitzenden Karl Gernandt sowie dem Interview von Klaus-Michael Kühne ist wenig an die Öffentlichkeit gedrungen. Dietmar Beiersdorfer beispielsweise hält sich komplett zurück. Ansprechpartner sind nur die alten Macher, in erster Linie der Vereins-Vorsitzende Carl Jarchow und Sportchef Oliver Kreuzer. Von ihnen hören wir, dass sie eng mit Beiersdorfer und Co. in Kontakt sind und alles abgesprochen wird. Aus dem Kühne-Interview ist eine andere Perspektive herauszulesen – demnach kleben die „Alten“ an ihren Sesseln und geben ihre Positionen nicht vorzeitig auf, obwohl sie seit dem 25. Mai faktisch einer aussterbenden Spezies angehören. Wo die Wahrheit genau liegt, enge Absprache oder Dissenz, ist im Moment nicht objektiv zu bewerten.

 

Zurück zum Thema „Abrechnung“. Am Ende haben Carl Jarchow und Oliver Kreuzer die Beinahe-Katastrophe der vergangenen Saison zu verantworten, daran führt kein Weg vorbei. Es ist einfach, sie an den Pranger zu stellen, denn sie haben dafür ja auch eine Menge Angriffsflächen geboten.

 

Aber: Die Probleme des HSV liegen viel tiefer und sind mit der Opferung zweier Verantwortlicher doch nicht behoben. Das wurde in den vergangenen Jahren auf verschiedenen Positionen immer wieder punktuell versucht.

 

Der Aufsichtsrat war schuld. Also folgte auf Udo Bandow dessen Stellvertreter Horst Becker. Die Wirtschaftsweisen kamen in das Gremium, besser wurde es nicht. Irgendwann übernahm Otto Rieckhoff das Amt, dann Alexander Otto, Manfred Ertel, Jens Meier. Die „Supporters“ schienen in der Mehrheit zu sein. Und jeder war auf seine Weise erfolglos in dem Sinn, den Niedergang des Vereins in den vergangenen Jahren nicht verhindert zu haben.

 

Auch die Vorstands-Personalien, die vom Aufsichtsrat angegangen wurden, haben keine Besserung gebracht. Das Ende von Bernd Hoffmann unter großem Tohuwabohu, der regelmäßige Wechsel auf dem Sportchef-Posten. Nach zu langer Phase der Vakanz, die durch das Ende der Ära Beiersdorfer begann, sowie den Herren Siegenthaler, Reinhardt, Sammer, Arnesen und letztlich Oliver Kreuzer, die teilweise im Amt, teilweise nur Kandidaten waren, steht der HSV immer noch nicht besser da.

 

Im Bemühen, den Verfall zu stoppen, wurde immer nur ein Mann entlassen, an dessen Stelle ein anderer kam, der sich dann wie sein Vorgänger aufrieb und verbrauchte. Natürlich waren es auch immer wieder individuelle Entscheidungen und Fehler, die die Arbeit des einen oder anderen kennzeichneten. Als Quintessenz blieb doch immer nur eins: das Scheitern.

 

Ebenso auf der Trainerposition. Stevens, Jol, Labbadia, Moniz, Veh, Oenning, Fink, van Marwijk, Slomka. Das sind die Namen seit 2007. Der jeweilige Neue würde den Laden in den Griff bekommen – diese Hoffnung blieb bis heute ebenso unsterblich wie unerfüllt. Dazu passt die stete Abwärtsentwicklung im Nachwuchs-Bereich in Norderstedt. Die U-Mannschaften des HSV hinken der Konkurrenz hinterher. Viele gute Trainer haben den Verein in den vergangenen Jahren verlassen, weil die übergeordneten Sportchefs sich diesem Bereich entweder nicht richtig widmen wollten oder konnten.

 

Im Sommer 2014 ist der HSV an einem Punkt angelangt, an dem sich endlich eine Erkenntnis durchgesetzt hat, die sich durch die Ausgliederung in eine Fußball-AG dokumentiert. Es muss ein radikaler Kurswechsel des ganzen Schiffs her, nicht nur diese ständige punktuelle Verändern dieser oder jenen misslichen Personalie. Das alte Modell der Flickschusterei, des Übeltäter-Suchens, des Messias-Verpflichtens, ehe man erkennt, dass sich hinter jedem Messias doch wieder ein gescheiterter Fehlerteufel verbarg, sollte zu einem Ende kommen. Es ging und geht HSV-Plus und sicher auch den 86,9 Prozent, die sich für die Ausgliederung ausgesprochen haben, nicht mehr um den nächsten Trainerwechsel, der die Wende zum Guten nach sich ziehen müsste. Es ging ihnen nicht um die Fortsetzung des personellen Austauschs nach altem Muster, sondern um einen grundlegenden Wandel des HSV.

 

Der alte HSV war lahm und schwach geworden. Er hat sich in inneren Kämpfen aufgerieben und produzierte keine Führungskräfte, die die Kraft und Fähigkeit besaßen, alle Lecks zu schließen. Das lag in dem einen Fall an der Schwäche des Einzelnen, im anderen Fall an der Größe des Lecks, dessen Stopfung manch erfahrenen Kapitän vor eine unlösbare Aufgabe gestellt hätte. Gleichsam gaben schwache Vorstände und Aufsichtsräte gern das Alibi an, in DIESEM HSV nicht besser arbeiten zu können und sowieso vorwiegend an den Altlasten zu leiden. Auch diese Haltung wurde zu einem Teil der Abwärtsspirale.

 

Es gibt wohl keinen anderen Bundesliga-Verein, der in den vergangenen Jahren derart viele Angriffsflächen bot und der auch derart heftig angegriffen wurde. Die Schwäche der Handelnden hat gleichsam dafür gesorgt, dass kleinste Störfeuer aus dem Umfeld für einen Schlingerkurs des gesamten Gebildes sorgen konnten. Ich erinnere mich an eine Mitgliederversammlung Anfang 2010. Der Verein hatte gerade mal wieder Schlagseite und zu diesem Zeitpunkt keinen Sportdirektor. Vereins-Boss Bernd Hoffmann war schwer angeschlagen, als plötzlich Bruno Labbadia im CCH ans Rednerpult ging. Labbadia hat dort in einer Grundsatzrede versucht, den Vereins-Vorstand zu stärken. Ein einmaliger Vorgang, soweit ich weiß. Ein Angestellter versucht seinen Vorsitzenden und damit den ganzen HSV auf Kurs zu halten, weil er die Gefahr des Auseinanderdriftens erkennt. So löblich Labbadias Versuch war, so sehr zeigte er auch damals die Schwäche der Verantwortlichen im Vorstand und Aufsichtsrat, die zu einer solchen Rettungsaktion nicht in der Lage waren.

 

Im Frühjahr dieses Jahres hat Bert van Marwijk nach wenigen Monaten im Amt seine Beobachtung in Worte gefasst: „Dieser Verein ist dabei, sich selbst zu zerstören.“ Van Marwijk erhielt für diesen Satz viel Zustimmung – und es steht auf einem anderen Blatt, dass er in seiner eigentlichen Aufgabe, gelinde gesagt, nicht gerade überzeugen konnte. Die Beobachtung jedenfalls, die saß.

 

Die Idee von den Initiatoren von HSV-Plus, allen voran Otto Rieckhoff, aus dem HSV e.V. eine HSV AG zu machen, ist an sich nicht revolutionär. Ein Dutzend anderer Bundesligisten hat vor den Hamburgern seine Struktur geändert, und sich wahlweise als AG oder KG ins Handelsregister eintragen lassen. Dies ist gewissermaßen der äußere Rahmen, der womöglich klug und zeitgemäß ist, der aber vor allem die innere Neuordnung des HSV in die Wege leitet. Ein anderes Denken, keine Klüngelei mehr, Einigkeit in den Zielen – kurz gesagt alles, was der HSV in den vergangenen Jahren in seiner Gesamtheit hat vermissen lassen. Beim HSV hat all das eine ungeheure Öffentlichkeit nach sich gezogen – viel mehr als anderswo. Oder haben die „Tagesthemen“ von der Ausgliederung bei Werder Bremen berichtet? Hat „Die Zeit“ sich Eintracht Frankfurt gewidmet? Beim HSV, so die bundesweite Einschätzung, hat die gesamte Debatte eine ganz andere Dimension – es ging und geht um das Überleben des Dinos.

 

Dahinter verschwanden Bedenken in Detailfragen. Mitglieder-Rechte, die Nutzung der Raute als Marke, einzelne Paragrafen im Übernahme-Vertrag, über die vor kurzer Zeit noch ausgiebig in der Mitgliederversammlung gestritten worden wäre, wurden von der Minderheit zwar angesprochen. Doch das Bedürfnis, und auch die Notwendigkeit, nach einer Veränderung des großen Ganzen war übermächtig.

 

Jeder Einzelne der in der Vergangenheit handelnden Personen wird übrigens Professionalität, das beste Bemühen für den HSV, personelle Verbesserung für sich beanspruchen und als Ziel gesetzt haben wollen – in seiner Gänze hat sich der Verein allerdings immer mehr zerrissen. Fehlentscheidungen summierten sich und zogen sich wie in einer Todesspirale immer weiter abwärts. Somit war aus meiner Sicht fast jeder Verantwortliche des HSV in den vergangenen Jahren gleichfalls Täter, weil natürlich nicht jeder Fehler mit den Strukturen zu entschuldigen ist, und Opfer, weil dieser gesamte Verein einfach kaum steuerbar war.

 

Welche Rolle Ihr Carl Jarchow, Joachim Hilke, Oliver Kreuzer, Oliver Scheel, Jens Meier und all die anderen in diesem Zusammenhang gebt – bitte bildet Euer eigenes Urteil. Sie alle sind hier und anderswo häufig zu Wort gekommen, ebenso wie ihre Kritiker. Die Karten liegen auf dem Tisch. In diesem Sinne waren auch die Aussagen von Klaus-Michael Kühne aus meiner Sicht „too much“. Was soll diese Ungeduld? In zehn Tagen weht ein anderer Wind, und zwar auch nach Kühnes Vorstellungen. Was die Ungeduld angeht, wird Kühne übrigens ziemlich sicher noch die eine oder andere harte Probe bestehen müssen. Geduld ist nämlich mit Sicherheit gefragt, wenn es um den HSV der Zukunft geht. Rom ist nicht an einem Tag erschaffen worden, und die Aufwärtsentwicklung des HSV, die sich alle erhoffen, ganz sicher nicht. Es wird dauern, ehe tragfähige Ergebnisse zu sehen sein werden. Dietmar Beiersdorfers Eigenschaft, für Nachhaltigkeit sorgen zu können, kann dem HSV dabei helfen. Aber mal eben husch-husch im Vorbeigehen wird hier nix besser – es ist ein langer Weg zurück für den HSV.

 

Inzwischen ist eine andere Zeitrechnung angebrochen. Und zwar die von Dietmar Beiersdorfer und Karl Gernandt. Natürlich ist es irritierend, wenn in den ersten Tagen nach der Entscheidung für die AG eine Reihe diskussionswürdiger Statements Gernandts zu lesen sind und sein Chef, Klaus-Michael Kühne, im Abendblatt vom Leder zieht. Beim Trainingsstart am Mittwoch, als die Berichte über die Krankschreibung Calhanoglus sowie das Kühne-Interview in aller Munde waren, habe ich mich mit einem langjährigen HSV-Mitarbeiter unterhalten. Wir waren uns einig, dass wir darauf keine Lust mehr haben. Dass sich die ständigen Störfeuer, die mit Fußball oder einem Aufbruch nichts zu tun haben, ohne Ende nerven. Gerade dies sollte mit dem 25. Mai beendet sein, umso größer die Verwunderung, dass durch genannte Äußerungen der neuen Macher scheinbar die alte Schablone wieder sichtbar wird.

 

Aber in den kommenden Wochen, beginnend mit dem 1. Juli, werden wir klarer sehen was die Intentionen der neuen starken Männer angeht. Die größten Hoffnungen ruhen dabei natürlich auf Beiersdorfer. Es besteht nach wie vor die große Chance, dass er mit den richtigen Weichenstellungen für den Umschwung sorgt. Und die Äußerungen von Gernandt und Kühne könnten, wenn sie auch nicht vergessen werden, in einem anderen Zusammenhang erscheinen und betrachtet werden.

 

Dass Karl Gernandt sich beispielsweise seit knapp zwei Wochen öffentlich aus dem Verkehr zieht, ist ja schon als erste Reaktion auf das Echo seiner Äußerungen zu werten. Doch halt: eine große Kritik bleibt. Trainer Mirko Slomka infrage zu stellen und dies nicht klarzustellen, ist ein Riesenfehler. Slomka geht angeschlagen in die Vorbereitung, und das ist schlecht. Dass der Coach selbst sich dann noch im ersten Interview vor den Kameras schützend hinter Kühne stellt, ähnelt vom Muster her dem Auftritt Bruno Labbadias. Und dieses Muster ist das falsche. Die HSV-Mannschaft ist nach wie vor instabil, sie hat sich ja auch gegenüber der Vorsaison bislang kaum verändert. Insofern benötigt sie dringend einen starken Trainer, der nicht von oben geschwächt werden darf. Es sei denn, man will ihn wirklich kurzfristig austauschen. Überspitzt formuliert ist Slomka bereits jetzt zum Abschuss freigegeben worden.

Zuletzt hat der ehemalige HSV-Präsident Wolfgang Klein heftige Kritik an Klaus-Michael Kühne geübt. Dessen Äußerungen seien Vereins schädigend, so Klein. Sicher gibt es nicht wenige, die Kühne deswegen am liebsten zum Mond schießen würden. Doch es ist heute wir vor dem 25. Mai: Der HSV befindet sich auch in wirtschaftlicher Abhängigkeit von seinem Gönner. So gesehen herrscht eine gewisse Hassliebe zwischen HSV und Kühne – und zwar von beiden Seiten. Auch diese Hassliebe in die richtige Richtung zu lenken, ist eine Aufgabe von Dietmar Beiersdorfer. Und es wird sicher nicht seine einfachste sein.

 

Heute Mittag ist die HSV-Mannschaft Richtung Schleswig-Holstein aufgebrochen. In Bredstedt hat um 17 Uhr ein erstes Testspiel begonnen – zur Halbzeit steht es 9:0. Nachher gibt es eine sportliche Aktualisierung dieses Fußball-Abends an der Küste.

 

Der HSV jedenfalls fährt später weiter nach Glücksburg, wo eine Woche Station gemacht wird.

 

So, und WM-technisch ruhen nachher alle deutschen Hoffnungen auf Klinsi und den USA.

Sportlicher Gruß von Lars
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Erster Test viele Tore. Das ist die Kurzfassung des HSV-Spiels in Bredstedt in Schleswig-Holstein vor 1.500 Zuschauern gegen eine Nordfriesland-Auswahl. Endergebnis: 16:0.
So spielte der HSV in der 1. Halbzeit: Drobny – Diekmeier, Tah, Westermann, Jansen – Kacar, Demirbay, Jiracek – Stieber, Rudnevs, Ilicevic
Und so in der 2. Halbzeit: Brunst – Westermann, Tah, Mancienne, Jiracek – Steinmann, Arslan – Zoua, Cigerci, Derflinger – Rudnevs
Tore: 1:0 Demirbay (4.), 2:0 Kacar (13.), 3:0 Demirbay (18.), 4:0 Demirbay (20.), 5:0 Demirbay (23.), 6:0 Stieber (29.), 7:0 Demirbay (30.), 8:0 Rudnevs (36.), 9:0 Rudnevs (37.), 10:0 Tah (47.), 11:0 Cigerci (66.), 12:0 Rudnevs (70.), 13:0 Zoua (80.), 14:0 Derflinger (84.), 15:0 Steinmann (88.), 16:0 Arslan (90.)
Trainer Mirko Slomka hat vor dem Spiel kurz sein Programm fürs Trainingslager in Glücksburg in der kommenden Woche erläutert. Zwei Einheiten pro Tag stehen an der Förde an, ehe es am kommenden Sonnabend auf der Rückreise zum zweiten Test kommt gegen den ETSV Weiche Flensburg. Was seine einschneidenden Personalien angeht, berichtete Slomka von vergeblichen Versuchen, Hakan Calhanoglu am Telefon zu erreichen. Mutmaßlich, so Slomka, habe Calhanoglu seine Handynummer gewechselt. Außerdem wusste Slomka davon zu berichten, dass Pierre Michel Lasogga einige Mal das Gespräch mit dem HSV-Trainer gesucht habe. Demnach wollte sich Lasogga erkundigen, was los sei mit seinem endgültigen Wechsel zum HSV. Eine Einigung ist bis dato noch nicht zu vermelden, aber einmal mehr dokumentiert die kleine Anekdote, dass es Lasogga offenbar kaum erwarten kann, zum HSV zurückzukehren.
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Die letzte Chance – in allen Bereichen

13. Mai 2014

Jetzt mal im Ernst: Wen überrascht ein solches Saisonfinale außerhalb des Platzes beim HSV? Mich wirklich nicht. Irgendwas musste ja kommen. Obgleich ich nur zu gern an die Worte Calhanoglus geglaubt hätte, als er da sagte, er würde beim HSV bleiben und zur Not auch in die Zweite Liga gehen. Und ganz ehrlich: Der 20-Jährige mag das sogar zum Zeitpunkt der Aussage geglaubt haben, also nicht wissentlich gelogen haben. Dennoch war schon zu dem Zeitpunkt klar, dass es höchstwahrscheinlich anders kommen würde. Weil der Fußball eben doch vom Geld bestimmt wird. Von der Spitze der Fifa bis hin zum Bundesliga-Abstiegskandidaten. Warum sollte es ausgerechnet bei einem so umworbenen Talent wie Calhanoglu anders sein?

Der HSV sei in der Position des Entscheiders und Hakan würde seinen Vertrag erfüllen, wenn er bleiben müsse, sagt jetzt Calhanoglus Berater Bektas Demirtas im typisch unsäglichen berater-Deutsch. Nett von ihm!! Denn auch er weiß, dass er gerade im Begriff ist, seinen Mandanten für den HSV unhaltbar zu machen. Und damit meine ich allein den Umstand, dass er Hakans Worte verkehrt und den naiven Jungstar als Lügner opfert – für etwas mehr Handgeld? Nein, für eine Menge mehr Handgeld.

Dem Berater – und ich unterstelle ihm einfach mal, dass das Ganze nicht einfach nur eine unfassbar unüberlegte Dummheit ist – ist es schlichtweg sch…egal. Er macht jetzt den bösen, unehrlichen Part, Hakan kann derweil nicht leugnen, dass Bayer eine Option ist. Das logische und vom Berater wie Bayer gewünschte Ergebnis: Calhanoglu ist bei den HSV-Fans unten durch und der Verein überlegt dreimal, ob er auf viel Geld verzichtet und den Spieler zum Bleiben zwingt.


Nein, es ist immer wieder dasselbe Drecksspiel. Verträge werden gemacht, bringen Spieler und Berater Provisionen und zählen anschließend nichts mehr, wenn irgendwoher ein noch besser dotiertes (und natürlich „sportlich perspektiverisches“…!!) Angebot kommt. Wer gehen will, der provoziert. Und damit es nicht der Spieler als Vertragsunterzeichner selbst macht, gibt’s die Berater. Siehe Demirtas.

Dass jetzt Klaus Michael Kühne beim HSV als Bürge für zehn Millionen Euro (siehe Pressemitteilung weiter unten) einspringt und hofft, dass der HSV dadurch nicht mehr seine Hoffnungsträger abgeben muss, ehrt ihn zweifellos. Und es hilft dem HSV, der zuletzt über den Vorstandsboss Carl Jarchow sowie Sportchef Kreuzer immer wieder hatte verlauten lassen, Calhanoglu „definitiv nicht“ abzugeben, an seiner Position festzuhalten. Und trotzdem wird am Ende das Geld bestimmen.

Das weiß auch Rafael van der Vaart. Er kennt es, wenn ein Wechsel forciert wird, aus eigener Erfahrung. Und er hat sich inzwischen dafür entschuldigt. Rafael van der Vaart wollte einst seinen Wechsel nach Valencia mit aller Macht durchdrücken und avancierte vom Publikumsliebling zum Buhmann – und zurück. Ein Schicksal, dass jetzt auch Hakan Calhanoglu droht. Der 20-Jährige, elffache Torschütze in dieser Saison hat verschiedene, bekannte Angebote aus der Bundesliga – aber eben auch seinen Vertrag jüngst bis 2018 verlängert. „Wenn mein Berater zwei Tage vor so einem wichtigen Spiel sowas rausgehauen hätte“, fasste van der Vaart zusammen, „dann hätte ich ganz sicher einen schlechten Berater.“ Stimmt.

Schlecht beraten ist auch der HSV. Das ist nichts Neues. Neu ist aber, dass der HSV schon vor der Wahl von HSVPlus Gelder von Kühne entgegennimmt. Um die Lizenz nicht zu gefährden, bürgt der Speditionsmilliardär für zehn Millionen Euro. In der Pressemitteilung heißt es:

Kühne sichert dem HSV entscheidenden Schritt im Lizenzierungsverfahren zu:

Vor einigen Wochen wurde durch Medienberichte öffentlich bekannt, dass der Hamburger Sport-Verein die Lizenz für die kommende Bundesliga-Saison nur nach Erfüllung finanzieller Bedingungen erhalten wird.

Unabhängig vom Erfolg des HSV in den Relegationsspielen hat Klaus-Michael Kühne großes Engagement bewiesen und dem Vorstand des Hamburger Sport-Vereins zugesichert, eine Bürgschaft in Höhe von 10 Mio Euro zu übernehmen und darüber hinaus einen Zins- und Tilgungsaufschub für die Saison 2014/15 in Höhe von mehr als 2 Mio Euro zu gewähren. Dies in der Erwartung, dass die HSV Gläubiger – Banken und Sportfive – in der kommenden Saison ebenfalls einen Zahlungsaufschub gewährleisten.

Damit sollte einerseits die Lizenzierung durch die DFL, als auch der Neuanfang des HSV nach einer Mitgliederentscheidung für HSVPLUS sichergestellt sein. Karl Gernandt, der nach Vorstellung von HSVPLUS zukünftig dem Aufsichtsrat angehören soll und diese finanziellen Problemlösungen erst durch seine Verhandlungen ermöglicht hat, wurde von Klaus-Michael Kühne gebeten, die ihn betreffenden Verträge bei Vorliegen aller Voraussetzungen umzusetzen.

„Dieser Beitrag ist ein klares Signal, dass ich an den Neuanfang mit HSVPLUS glaube und meinem HSV gerade in schwierigen Zeiten die Tür für einen Neuanfang öffnen möchte, ohne, dass die Hoffnungsträger einer neuen Mannschaft jetzt verkauft werden müssen,“ erklärt Klaus – Michael Kühne.

Eine Ansage, der ich nur zu gern glauben möchte. Es wäre mal ein Zeichen, wenn der HSV allen finanziellen Verlockungen anderer Klubs widerstehen kann und Stärke zeigt. Wobei es langsam auch dem letzten Träumer in diesem Klub klar geworden sein sollte, dass es sowas wie „Idealismus statt Geld“ im Profifußball nicht mehr gibt. Auch nicht – und da können mir noch so viele Traditionalisten widersprechen wollen – beim HSV. Im Gegenteil. Dieser Verein hat sich wirtschaftlich und sportlich in eine Schieflage gebracht, die es anderen vereinen leicht macht, zu fleddern. Der HSV ist aktuell nicht mehr als ein kleiner Bundesligist, dem die großen Klubs regelmäßig die Spieler wegkaufen – weil der HSV das Geld braucht. Der HSV ist – ganz neudeutsch im Straßenslang – nicht mehr als ein Opfer.

Und das wird auch so bleiben – sofern man der neuen Struktur die Chance verweigert, das zu ändern. Denn, und da bin ich mir sicher, ein Klaus Michael Kühne will hier kein Unternehmen erwerben, mit dem er auf lange Sicht Profite macht. Es sei denn, es hilft ihm und dem Verein. Nein, der Milliardär will großen Fußball in Hamburg sehen. Schnellstmöglich. Und obgleich ich die Nachhaltigkeit dieses Wunsches nur annehmen kann – es ist die einzige Chance für diesen Klub. HSVPlus und Klaus Michael Kühne sind die letzte Chance für diesen Klub.

Glauben möchte ich aber vor allem daran, das der HSV trotz der unsäglichen Unruhen von außen die Klasse hält. Zu null müsse man das Hinspiel bestreiten, dann hätte man eine gute Ausgangsposition für das Rückspiel, sagte van der Vaart heute und ich wollte wissen, wie es ist, Relegation zu spielen. „Ich habe die Relegation als Nervenschlacht kennengelernt, die mit zunehmender Spielzeit nicht leichter wird. Und gerade deshalb müssen wir nicht nur auf dem Papier, sondern vor allem auf dem Rasen als klarer Favorit von Beginn an für klare Verhältnisse sorgen“, sagte Dennis Diekmeier, der mit Nürnberg über die Relegation die Bundesliga schaffte.

Damals übrigens mit Michael Oenning als Trainer. Und der hat für seinen Exklub HSV ein paar Erfahrungswerte parat: „Wenn es dem HSV gelingt, in Führung zu gehen, wird es eine klare Angelegenheit. Die Mannschaft hat sich zuletzt besser präsentiert, auch taktisch klüger gespielt. Sie dürfen aber nicht den Fehler machen, als Erstligist blind in ihr Verderben zu rennen. Das Ziel sollte es sein, möglichst ohne Gegentor zu bleiben. Cottbus zum Beispiel war sehr offensiv und hat uns viele Kontersituationen ermöglicht.“

Immer wieder wird die Null betont – eben jene, die dem HSV so schwer fällt. Und das gefällt mir gar nicht, da es diese fragile Truppe verkrampfen lassen könnte. Oder besser gesagt: Was passiert in den Köpfen, wenn es tatsächlich 0:1 steht, weil irgendwer mal wieder pennt? Sprechen dann alle wieder von selbsterfüllenden Prophezeiungen? Gehen dann wieder alle Köpfe runter, weil man sich wieder soooo viel vorgenommen und es nicht umgesetzt hat? Verliert bdiese Mannschaft dann wieder ihren Glauben an sich? Ich befürchte es. Dabei hat der HSV jetzt das ebenso schwierig zu spielende wie simpel zu betrachtende Erlebnis vor sich, in einem Hin- und einem Rückspiel die Klasse gegen einen Zweitligisten zu schaffen. Oenning glaubt daran: „Ich bin auch überzeugt, dass sich der HSV die Chance, den Klassenerhalt auf diesem Wege zu schaffen, nicht nehmen lassen wird“, so der Ex-HSV-Trainer, der glaubt, „Fürth wird sicher mit Respekt in Hamburg auftreten.“

Na dann. Zumindest mal wieder Worte, an die ich nur zu gern glauben würde.

Bis morgen. Da wird übrigens unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert.

Scholle

P.S.: Tolgay Arslan und Ivo Ilicevic pausierten heute ob muskulärer Probleme. Und während Arslan wohl ausfallen wird, hofft Slomka auf den Kroaten. „Stand jetzt, wird Ivo einsetzbar sein“, so Slomka.

Es weihnachtet noch immer sehr

26. Dezember 2013

Es passt nicht ganz zum festlichen Anlass, denn es weihnachtet ja noch immer sehr – aber was Wahrheit ist, das soll auch Wahrheit bleiben.

„Das tut mir leid, die Fans zahlen für eine solche Scheiße auch noch Geld.“

Mit diesem Spruch hat es Rene Adler in die ZDF-Sprüche-Sammlung der Hinrunde geschafft. Der Nationalkeeper, der diesen Satz nach dem 1:5-Debakel gegen Hoffenheim gesagt hatte, ist damit der einzige Hamburger, der in diesem „erlauchten“ Kreis aufgenommen worden ist – auch eine Ehre. Anderweitig sind HSV-Profis oder die „Rothosen“ allgemein ja kaum einmal ganz vorne zu finden. Mal abgesehen davon, dass der HSV in der Statistik „Rückpässe“ bereits nach nur 17 Spielen die Deutsche Meisterschaft errungen hat – keine andere Mannschaft kann in diesem Punkt den Hamburgern das Wasser reichen. Oder den Titel abspenstig machen. Ja, von dieser Hinrunde bleiben einmal mehr viele, viele „großartige“ Eindrücke.

Kurz vor dem Heiligabend hatten wir, die Hamburger Medien-Vertreter, ja noch die Weihnachtsfeier mit dem HSV. Vorstand, Trainer-Team und die Presse-Abteilung waren anwesend, und was mir jetzt gerade einfällt, was ich an dieser Stelle eigentlich gar nicht schreiben wollte, was aber nun doch raus muss: Ich habe bei meiner Rede, die ich als Dienstältester halten durfte (oder musste), ganz vergessen, mich im Namen der Kollegen bei der Presse-Abteilung um Medien-Direktor Jörn Wolf herum für die Zusammenarbeit in diesem Jahr zu bedanken. Das hole ich hiermit nach. In der Hoffnung, dass mir ein solcher Fauxpas im nächsten Jahr, so ich dann noch immer Dienstältester sein sollte, nicht wieder passiert.

Was ich aber hauptsächlich von der Weihnachtsfeier schreiben wollte war dies: Irgendwann zu vorgerückter Stunde kamen wir auf Trainer zu sprechen. Trainer, die sich in Hamburg versucht haben. Davon gibt es ja enorm viele. Dass wir uns über diese Fußballlehrer unterhielten, lag vielleicht auch daran, dass Bert van Marwijk, der im Gegensatz zu seinem Kollegen und Landsmann Louis van Gaal kein „Feier-Biest“ sein soll, immer noch „da war“ – womit wir (fast) alle gar nicht gerechnet hatten. Der Niederländer hörte allerdings nicht zu, als wir an unserem Tisch (und auch am Nebentisch) über eine besondere Spezies von Menschen sprachen und diskutierten: „Wer war eigentlich der schlechteste HSV-Trainer in der Bundesliga-Geschichte?“

Nach einigen Minuten hatten wir „ihn“. Und es herrschte Einigkeit. Nachdem zuvor einige Namen „gehandelt“ wurden: Michael Oenning (3/11 – 9/11), Bruno Labbadia (7/09 – 4/10), Klaus Toppmöller (10/03 – 10/04), Kurt Jara (10/01 – 10/03), Egon Coordes (3/92 – 9/92) und Josip Skoblar (7/87 – 11/87), das waren die Kandidaten, aber „gekrönt“ wurde dann doch ein anderer: Rudi Gutendorf, vom 1. Juli 1977 bis 27. Oktober 1977 HSV-Trainer, weil Dr. Peter Krohn es so wollte. Nur einer von vielen, vielen Irrtümern. Mein persönlicher Tipp aber wäre Labbadia gewesen, das gebe ich zu. Jörn Wolf, den ich hiermit schon das zweite Mal erwähne (und er will es überhaupt nicht!), behauptet ja bis heute und bis übermorgen, dass ich deswegen auf Labbadia so schlecht zu sprechen bin, weil er mir seine Telefonnummer nicht gegeben hat – aber das ist Blödsinn. Labbadia war zwar der erste HSV-Coach seit Ernst Happel (von dem ich die Festnetz-Nummer aus seiner Wohnung im Lütjenmoor in Norderstedt hatte – er hatte sie mir gegeben), der mir die Handy-Nummer nicht gegeben hatte, aber das war mir wurscht, weil eine solche Aktion ganz einfach zu ihm passte.

Ich kam aus einem anderen, nein, zwei anderen Gründen nicht mit ihm klar. Erstens redete, redete, redete und redete er beim Training so viel, dass es denen drinnen und den draußen auf den Geist ging. Selbst bei minus sechs, sieben oder mehr Grad, es wurde geredet. Weil Labbadia alles ganz genau wusste – obwohl er Nationalspieler trainierte (Ze Roberto, Mladen Petric zum Beispiel), die wesentlich mehr erlebt hatten, als ihr Trainer. Es gab Spieler, die die Augen verdrehten – ob der Reden. Und die hinterher mit uns darüber sprachen (hinter der vorgehaltenen Hand), dass wir ja selbst sehen würden, was da läuft, was da nicht läuft, wie es eigentlich laufen müsste. Nein, die großen Reden des Bruno L. trieben mich an den Rand des Wahnsinns.

Und dann gab es da eine Geschichte, über die ich bisher geschwiegen habe – eine Art Nähkästchen. Viele von Euch werden sich an einen der wenigen großen Tage erinnern, die der HSV in den vergangenen Jahren doch hatte – tatsächlich. Das war am 23. August 2009, das Auswärtsspiel in Wolfsburg. Es war der vierte Spieltag der Saison, der HSV war immer noch ungeschlagen – und führte in Wolfsburg nach sieben Minuten durch Tore von Paolo Guerrero und Eljero Elia 2:0. Als es in Halbzeit zwei plötzlich 2:2 hieß, legte der HSV wieder zu und gewann nach Treffern von Mladen Petric und Romeo Castelen 4:2. Ganz Hamburg lag sich in den Armen. Das war Fußball! Das war endlich einmal wieder ein Spiel, in dem Super-Fußball geboten worden ist, und zwar vom HSV. Das war ein Wahnsinns-Spiel, das war Spitzenklasse.

Wir warteten danach in Ruhe und Freude im Presseraum des VfL auf die Pressekonferenz. Wow, dieses Spiel – traumhaft! Plötzlich stand – oh, schon wieder – dann Jörn Wolf neben mir und sagte: „Kommst du mal bitte mit, Bruno möchte dich sprechen.“ Oha, das musste ja ganz etwas Besonderes gewesen sein, wenn mich der HSV-Trainer nach einem solchen Titan-Spiel sprechen will. Vorbei an allen Ordnern (an denen ich sonst natürlich nie vorbeigekommen wäre) nahm mich der HSV-Mediendirektor mit bis vor die HSV-Kabine: „Warte kurz hier.“ Natürlich. Drinnen hörte ich fröhliche und laute Stimmen, die Freude über den Sieg und dieses tolle Spiel war bis draußen zu vernehmen – und zu spüren. Und dann kam er, Bruno Labbadia.

Und es haute mich um, was er von mir wollte: „Dieter, du hast heute einen Artikel über mich im Abendblatt gehabt, in dem du mich mit Felix Magath vergleichst. Schreibe so etwas nie wieder. Weil das Mist ist. Ich möchte nie mit Felix Magath verglichen werden, weil ich ein ganz anderer Typ bin. Also, klar? Nie wieder mit Felix Magath vergleichen.“

Wie bitte?

Aber klar, natürlich klar.

Ich war fassungslos. Das blieb so auf der Rückfahrt, das blieb so in den nächsten Tagen – im Prinzip hält das bis heute an. Da hat ein Trainer ein solches Erfolgserlebnis, da spielt die Mannschaft eines Mannes so guten Fußball, wie man ihn lange nicht mehr gesehen hatte – und dann hat dieser Trainer nur Minuten nach einem solchen Triumph nichts anderes zu tun, als zu sagen, dass er nie wieder mit Felix Magath verglichen werden wolle. Oha. Dieser Stachel muss wohl tief gesessen haben. Aber egal, ich kann so etwas bis heute nicht verstehen. Wenn Labbadia es mir in den folgenden Tagen gesagt hätte – alles okay, aber nur Minuten nach einem solchen Super-Auftritt, und selbst dann, wenn er nur jubelnde Spieler um sich herum hat . . . Mir fehlen die Worte. Immer noch. Aber so ist er.
Obwohl ich das Ganze nun auch nicht wieder so hochsterilisieren möchte . . .

Ganz anderes Thema. Lars hat ja schon aus der neuesten „supporter news“ zitiert, Ausgabe Dezember. Da geht es, wie zuletzt überwiegend, um die Strukturen des HSV. Diesen Pass möchte ich jetzt aber nicht aufnehmen, ich glaube ohnehin, dass wer jetzt nicht weiß, wie er sich am 19. Januar entscheiden muss, der wird es dann auch nicht wissen. Das wäre dann die Sache mit Hopfen und Malz . . . Nein, ich möchte mich mit zwei Artikeln von Ulie Liebnau auseinandersetzen. Beziehungsweise, ich möchte sie loben. Als ich das gelesen habe, dachte ich auf Anhieb: „Aber hallo, so etwas hast du ja in diesem Blatt noch nie gelesen.“ Das nie mag nicht stimmen, aber es kam auf jeden Fall sehr überraschend für mich. Und nochmals: Kompliment.

Auf Seite 51 geht es unter der Überschrift „Zurechtgerückt“ und „Scheinheilig. Die Dritte“ auch um die Strukturen, über die Ulie Liebnau in der sn-Ausgabe 74 geschrieben hatte: „Wir brauchen keine Strukturveränderungen und auch keine scheinheiligen, eitlen Selbstdarsteller!“ Das brachte, neben anderen, auch Jürgen Hunke auf den Plan, der darauf antwortete: „Wer mich richtig kennenlernt weiß, dass ich alles zum Wohle des Vereins mache.“

Daraufhin trafen sich Ulie Liebnau und Jürgen Hunke – und das Fazit nach diesem Treffen lautete (U. L.): „Ich habe Jürgen Hunke als Menschen kennengelernt, der sich in der Vergangenheit erfolgreich für den HSV eingesetzt hat und der sich auch heute noch hoch motiviert für das Wohl des Vereins engagiert. Dass seine dynamischen, wortreichen und immer auf Überzeugung ausgerichteten Auftritte auch Verwunderung, Widerstand und vielleicht auch Neid, erzeugen können, ist nachvollziehbar, ihn aber in die Gruppe der „scheinheiligen, eitlen Selbstdarsteller“ zu stecken, wird ihm nicht gerecht. Auf mich wirkte Jürgen Hunke authentisch.“

Das, lieber Ulie Liebnau, zeugt von menschlicher Klasse, das ist einfach nur gut. Trotz allem möchte ich mich noch einmal überrascht äußern, so etwas hätte ich in den „sn“ nicht erwartet. Ulie Liebnau schreibt dann noch weiter: (Nachtrag in Klammern: Mein Urteil über Jürgen Hunke habe ich revidiert. Offen bleibt für mich die Beurteilung derer, die sich zur Zeit um den HSV Sorgen machen und mit großem Einsatz öffentlich für eine radikale Struktur-Änderung einsetzen. Aber das ist ein anderes Thema.)

In der Tat.

Der Sinneswandel in Sachen Jürgen Hunke aber ist immer noch großartig. Hier wurde erst etwas in den Raum gestellt (vielleicht auch auf Jürgen Hunke bezogen, vielleicht), dann zog sich ein Mann (Jürgen Hunke) den Schuh an – und es wurde miteinander gesprochen. Ich wette, dass es den meisten Leuten, die teilweise so blindwütig auf Jürgen Hunke eindreschen und ihn ins Abseits stellen (teilweise sogar vernichten), nach einem persönlichen Gespräch (mit J. H.) ganz anders denken würden. So wie Ulie Liebnau jetzt. Dass Ulie Liebnau das so offen zugibt – hervorragend. Ganz, ganz stark. Ich jedenfalls, da bin ich auf der Linie von Liebnau, habe Jürgen Hunke schon vor Jahrzehnten so kennengelernt. Der Mann geht seinen Weg, der kennt mitunter auch nicht links und rechts – aber der HSV steht in seinem Fokus. Jürgen Hunke ist gewiss nicht einfach, aber er selbst hat es sich auch nie einfach gemacht. Er ging auch dann seinen Weg, wenn er genau wusste, dass es höchst unangenehm für ihn werden könnte. Das habe ich stets an ihm geschätzt – und werde es auch immer schätzen. Unabhängig einmal davon, ob er mit seinem Struktur-Veränderungs-Modell nun richtig liegt – oder nicht. Mir wäre in diesem Fall wohler, und mehr sage ich zu dieser Struktur-Vielfalt auch nicht, wenn sich HSVPlus und Hunke am Ende einigen und dann auch vereinigen könnten. Damit es nicht noch eine weitere Spaltung in und zu diesem Thema gibt, dann die könnte letztlich alles zunichte machen.

Und noch einmal Ulie Liebnau. Und auch dafür ein dickes Kompliment. Auf Seite 66 der „sn“-Dezember-Ausgabe schreibt er unter der Überschrift: „Scheiß Sankt Pauli?“, dass beim gemeinsamen Feiern mit der Mannschaft und den Fans der Nordtribüne (nach dem 3:1-Sieg über Hannover 96) auch jemand etwas nicht so sehr Freundliches gerufen hätte. Nämlich „Scheiß Sankt Pauli!“ Und dass die Nordtribüne zurückgebrüllt hätte: „Scheiß Sankt Pauli!“

Liebnau schließt seinen Kommentar wie folgt ab: „Nun gut, ich bin schon etwas älter als der Durchschnitt der Brüller und hab’ mal gelernt, dass bei Hunden der Kleinere den Großen ankläfft, nicht umgekehrt. Und darum frag ich euch HSV-Begeisterte: Habt ihr das nötig, den kleineren Hamburger Verein zu beleidigen?“

Wenn das keine Realsatire ist, und davon gehe ich in diesem Moment einmal aus, dann ist auch das klasse. Weil ein solcher (kleiner) Beitrag auch zum Nachdenken anregt. Was hat, das habe ich mich schon immer gefragt, Sankt Pauli bei einem HSV-Spiel zu suchen, wenn Sankt Pauli gar nicht beteiligt ist?

Dass Ulie Liebnau dazu anregt, sich einmal zu hinterfragen, passt bestens in diese Tage – vor dem 19. Januar. Wir alle sollten uns einmal hinterfragen, ob dieses oder jenes (im Streit der Strukturen) nötig ist, nötig wird? Letztlich muss der Verein, unser HSV, eine demokratische Wahl (und nicht nur die eine, hoffentlich) überstehen, ohne Schaden zu nehmen, ohne auseinander zu brechen. Darüber sollten sich spätestens jetzt einmal alle Gedanken machen, die bislang ganz scharfe Geschütze aufgefahren haben.

Ich frage jeden, der in diese Richtung tendiert:

Habt Ihr das nötig?

So, nun werde ich mir in Ruhe den englischen Fußball ansehen, West Ham United (ohne Guy Demel) gegen Arsenal (mit Mertesacker und Özil) – ganz ohne Fußball geht es ja nicht . . .
Lasst das Weihnachtsfest schön, ruhig und stressfrei ausklingen, dann haben diese Tage ihren Sinn erfüllt.

16.15 Uhr

Van Marwijks Kampf gegen Windmühlen

13. Dezember 2013

Ganz schön viel Rauch heute, der abziehen musste über dem Volkspark. Es war zwar nur eine kleine „Wutrede“ gestern von Trainer Bert van Marwijk, aber doch immerhin viel größer als erwartet. Als generell von ihm erwartet, als zu diesem Zeitpunkt erwartet. Gestern hat Dieter hier schon im Wortlaut alles wieder gegeben, was der niederländische Trainer loswerden musste. Auch die Zeitungen waren voll. Kritik an der Mannschaft, an der Mentalität, Disziplin soll Einzug halten, seine erste Abrechnung und so weiter.

Klar, dass van Marwijks Worte in erster Linie auf die Mannschaft treffen. Sie setzen ja auch um, bzw. setzen eben gerade nicht um, was vorgegeben ist. Auf dem Platz ist allwöchentlich sichtbar, in Toren messbar, wie gut und schlecht sie arbeiten. Schon seit Jahren, habe ich heute wiederholt gehört, stecke ja solch eine Sch…-Mentalität in der HSV-Mannschaft, die wir dann alle vergangenen Sonnabend beim 0:1 gegen Augsburg bewundern konnten. Wohlfühlgesellschaft, Gucci hier, Gucci da. Mag sein.
Matz_ab_ankuendigung_1730_Uhr
Ich habe jetzt aber nicht schon wieder Lust, mich mit dieser oder jener Schwäche eines Spieler oder einen Trainers zu beschäftigen. Wie viele Trainer will der HSV noch verschleißen, wie viele Spieler kaufen, weil gedacht wird, hier kommt der richtige für eine goldene Zukunft, um sie dann irgendwann wieder zu verscherbeln und einen nächsten Umbruch zu starten? Ich behaupte: die Trainer und Spieler, die der HSV in den vergangenen Jahren durchgeschleust hat, sind und waren im Schnitt nicht schlechter als bei vergleichbaren Bundesliga-Vereinen. Sportlich nicht, aber auch nicht von der Einstellung und Bereitschaft, sich für den Beruf und den Verein zu opfern.


Aber: das Ganze funktioniert nicht einseitig. Nie und nimmer. Es muss immer auch eine Instanz geben, die darüber steht und entsprechende Leistung einfordert. Diese Führung muss vorhanden sein, es muss eine Leitlinie geben, einen Gedanken, für den der Verein steht. Identifikation muss geschaffen werden. Es genügt nicht, nach desaströsen Leistungen auf die Gehaltsabrechnung zu verweisen und zu meinen, mit ihren Millionen-Gagen sei den Profis Motivation genug an die Hand gegeben. Das Problem ist: fehlt die Führung, dann treten die Schwächen in den Menschen, in diesem Fall den Profis, hervor. Dann werden aus Musterprofis beim FC XY bequeme Profis beim HSV. Automatisch.

Die großen Gagen gibt es nämlich anderswo auch. Es muss mehr dazu kommen. Zumindest ein bisschen von dem, was die Fans und Anhänger des Vereins mit ins Stadion tragen, wenn sie ein Spiel des HSV sehen. Eine HSV-Identität muss mit dabei sein, ein Ziel – jenseits vom schnöden Mammon – für das sich der Einsatz lohnt. Ein Bundesligaspieler ist nicht dann besser als sein Gegenspieler, wenn er statt 1,2 nun 1,3 Millionen Euro verdient. Begeisterung, Motivation, Identifikation – das muss da sein.

Die Erfolgsgeschichte eines jeden Clubs, der gerade obenauf ist, besitzt Puzzleteile dieses Phänomens. In Freiburg war es so (auf andere Art, weil der Verein kleiner ist), in Dortmund ist es so im großen Rahmen, bei Werder war es so jahrelang, und bei den Bayern klappt es in Blockbuster-Manier.

Es ist ein jahrelanges Missverständnis beim HSV, dass immer der jeweilige Trainer verantwortlich gemacht wird, wenn die Vermittlung dieser Werte nicht gelingt. In diesen Tagen habe ich von hohen Herren auch wieder gehört, van Marwijk habe keine große Zukunft beim HSV, wenn er sich abkanzelt und im Hotel wohnt. Wenn er die Mannschaft, den Verein kritisiert wie gestern, und dadurch Distanz zeigt. Dieser Gedanke, denke ich, greift zu kurz. Auch der Trainer muss als Teil begriffen werden, in den Begeisterung von oben, von Führungsseite, vom Verein eingepflanzt wird. Pathetisch gesagt ein Ideal, für das es sich zu kämpfen lohnt, und das alle beim HSV haben müssen.

Wann hat der HSV in den letzten Jahren mal richtige Begeisterung entfacht? Mir fällt da die Zeit ein von 2004 bis 2005, als Thomas Doll das Traineramt übernommen hat. Hier war plötzlich eine Figur, die den HSV gelebt hat. Er hat den Club, die Stadt mitgerissen. Emotional war das die heißeste Phase des Clubs in den letzten 20 Jahren. Natürlich – es gab Herzkasper-Spiele zu anderen Zeiten. Es gab ein 4:4 gegen Juventus, es gab europäische Halbfinals. Aber die große Aufbruch-Stimmung, die Freude am HSV, die gab es durch begeisterte und dadurch begeisternde Figuren oben. Doll war als Trainer solch eine Figur (abgesehen davon auch noch ein sehr guter Coach), und hat damit im Prinzip eine Aufgabe übernommen, die eine Etage über ihm noch stärker hätte gelebt werden müssen. Aber: er ist auch von einer anderen HSV-Figur, Dietmar Beiersdorfer, eingesetzt worden. Mit anderen Worten: hier war die Vereins-Verbundenheit durchlässig und hat sich schließlich auf die Mannschaft übertragen.

Bert van Marwijk hat nun erkannt, dass dieser Verein eine bestimmte Krankheit hat. Er nannte es Zufriedenheit, man könnte es auch eine Schlafkrankheit nennen. Das „Erfolglos-Syndrom“. Es kommt nicht vom Trainer, und ich fürchte, auch van Marwijk könnte sich daran überheben – so wie sich Fink, Veh und andere überhoben haben. Ja aber, werden jetzt viele sagen, der Fink hat dies und das falsch gemacht. Der Veh hat doch gar kein Feuer gehabt. Der Labbadia sich nicht mit der Mannschaft verstanden.

Ich habe mit Armin Veh einmal, es war kurz vor seinem freiwilligen-unfreiwilligen Ende beim HSV, über die Situation des Clubs gesprochen. Wir sind alles durchgegangen, von oben bis unten. Vor allem oben natürlich, denn da setzen die Schwächen an. „Es ist ein Wahnsinn“, hat der Veh immer wieder gesagt, wenn es zum Aufsichtsrat kam. Unter diesen Bedingungen hat er Fehler gemacht, die Mannschaft ist ihm aus der Hand geglitten. So hat auch Thorsten Fink sein Feuer mitgebracht nach Hamburg – und als es erloschen war, sind ihm ebenfalls Fehler unterlaufen. Der HSV hat sie alle geschafft.

Zurück zu Veh. Als er dann entlassen wurde, habe ich damaligen Amtsinhabern empfohlen, einmal das Gespräch mit Veh zu suchen. Es bestand ja nun kein Anstellungsverhältnis mehr, vielleicht hätte ein unabhängiger Austausch ja mal geholfen, die Augen zu öffnen. Das Interesse von HSV-Seite war gering, denn Veh wurden immer nur und immer wieder seine Unzulänglichkeiten vorgeworfen.

Alle nicht gut genug für den HSV. Der Veh zu faul. Der Fink nur auf dem Weg zur Familie nach München. Der Jol hatte immer seine holländischen Freunde in der Kabine, und der Oenning war ja nur ein Nachwuchs-Trainer. Ich kann das alles nicht mehr hören und sehen.


Vor ein paar Monaten, es war ausgerechnet nach dem 2:9 bei den Bayern, habe ich einmal einen Kommentar zur Lage des HSV gemacht. Ein Vorschlag für eine bessere Spitze war: Beiersdorfer zum Präsident, Hoogma ins Management, Rost und Barbarez dazu, Uli Stein als Torwarttrainer – und guckt doch mal, was der Beinlich macht und wie man den Hrubesch doch noch mal endlich kriegen kann. Der Text wurde damals auch bei einer Veranstaltung der HSV-Senioren vorgelesen. Mir wurde von höhnischem Gelächter berichtet.

Klar, kann man drüber lachen – wie soll das auch gehen? Und überhaupt: dieses ewig-gestrige mit den 83ern, oder wie? Mir ging es und geht es jetzt um den Gedanken, der dahinter steckt. Um den HSV. Um Figuren, die diesen Verein verkörpern und nach außen tragen und die eine emotionale Bindung mitgeben, die – richtig vorgelebt – dann auch irgendwann mal auf dem Rasen ankommt.

Jeder kann sich selbst überlegen, ob im aktuellen Vorstand und Aufsichtsrat diese Figuren sind, und ob sie kommen würden bei den aktuellen Strukturen. Oder ob von Heesen, Hieronymus, Jakobs und andere mit ihren Verbindungen mehr davon bieten. Oder Hunke. Oder ob Ertel, Liebnau und Co. für den richtigen Weg stehen. Die Frage, ob ein strategischer Partner am 20. Januar, am Tag nach der Mitgliederversammlung, unter „HSV-PLUS“-Voraussetzungen da steht und mit einem Scheck wedelt, ist da erstmal zweitrangig. Es braucht ein Modell, in dem Leistungsfußball mit HSV-Identität gefördert wird. Mit all seinen Gesichtern und Geschichten. Alles in eine Richtung. In eine Richtung!!!

Damit nämlich Calhanoglu, Beister und Tah ihre erfolgreiche Zukunft in Hamburg haben werden, und nicht anderswo. Auch und gerade diese Jungs brauchen etwas, woran sie sich halten können – das Verbindende des HSV. Wenn sie merken, dass der Trainer – im Moment van Marwijk – wie sie selbst in dem wackeligen Boot sitzt und nach Orientierung sucht, dann sind sie so schnell verschwunden wie einige andere vor ihnen.

Zum Training heute. Personell hat sich nicht viel getan. Der Kader ist wie erwartet, so dass van Marwijk morgen in München folgende Elf aufbieten könnte:
Drobny – Rincon, Tah, Djourou, Jansen – Badelj, Arslan – Zoua, van der Vaart, Calhanoglu – Lasogga.

Jacques Zoua steht also mal wieder in der Startelf und vertritt den Gelb-gesperrten Maxi Beister. In der heutigen, kurzen Presserunde hat Zoua verraten, dass er schon zwei Mal gegen den FC Bayern gespielt hat. In der Champions-League-Saison 2011/2012 wurde er jeweils eingewechselt – beim Hinspiel in Basel (1:0) und beim Rückspiel in München (0:7). Heute sagte der Kameruner: „Ich versuche, das Spiel gegen die Bayern wie jedes andere Bundesliga-Spiel zu sehen. Natürlich wird es schwer, aber wir versuchen alles.“

Die Bayern müssen auf Boateng (fünfte Gelbe Karte) verzichten, und nach wie vor auf Robben und Schweinsteiger. Alaba, so heißt es aus München, könnte auf der linken Verteidiger-Position durch Contento ersetzt werden. Das wäre dann der Gegenspieler von Jacques Zoua.

Hoffnung für den HSV: Claudio Pizarro kommt wohl zunächst von der Ersatzbank. Im März schoss er vier Tore gegen den HSV. Insgesamt hat er in 21 Spielen gegen Hamburg 18 Tore erzielt. Eine unfassbare Quote.

Für den HSV geht es darum, sich anständig aus der Affäre zu ziehen. Das wäre völlig okay. An den Bayern haben sich dieses Jahr auch Barca und andere die Zähne ausgebissen. Dieser Fußball-Sonnabend, denke ich, bietet unabhängig vom Ausgang des Spiels keinen Anlass für Hohn und Spott.

Bei Oliver Scheel sind inzwischen die ersten Anträge eingegangen für die Mitgliederversammlung. „HSV-PLUS“ von Otto Rieckhoff, „Tradition mit Zukunft“ von Jürgen Hunke, „Rautenherz“ liegen vor. Außerdem viele Einzelanträge, unter anderem die Idee, eine Stiftung zu gründen. Die Anträge der „HSV-Reform“ werden bis zum Fristende am Sonntagabend auf der Geschäftsstelle des HSV erwartet.

Dieter und Scholle erwarten Euch nach dem Abpfiff des Bayern-Spiels zu „Matz ab live“. Ein Gast wird der Niendorfer Ex-HSV-Profi Alexander Laas sein.
Bis dahin
Lars

P.S.: Das DFB-Pokalspiel gegen Bayern München steigt am Mittwoch, 12. Februar 2014, um 20.30 Uhr und wird sowohl in der ARD als auch auf Sky gezeigt. Und: In der Vorbereitung auf die Fußball-WM in Brasilien spielt die deutsche Nationalmannschaft am 13. Mai in der imtech-Arena gegen Polen.

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