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Lasogga will mehr Verantwortung übernehmen

27. März 2014

Der Tag danach tut in dieser Saison fast immer weh. Mehr noch als das Spektakel an sich zum Zeitpunkt des Abpfiffes. Denn wie so oft wurde mir auch heute noch mal klar, wie groß die Chance war, sich einiger Sorgen zu entledigen. Oder besser: Sich dem Klassenerhalt zu nähern. Und nachdem HSV-Trainer Mirko Slomka die vergebene Chance ebenso klar erkannt hatte wie Freiburgs Trainer Christian Streich dem HSV eine sportlich deutliche Überlegenheit attestiert hatte, setzte heute auch Kreuzer an. „Wir waren die bessere Mannschaft und hätten den Sieg sicherlich verdient gehabt“, so der HSV-Sportchef, der nach eigenen Angaben versuchte, das Positive aus der gefühlten Niederlage zu ziehen: „Man hat gesehen, dass die Mannschaft unter Mirko den Kampf angenommen hat – sie belohnt sich nur noch nicht. Aber das wird passieren.“

Nur wann?

Denn viel Zeit bleibt nicht mehr und mit Werder Bremen, Eintracht Frankfurt, dem 1. FC Nürnberg, VfB Stuttgart und jetzt dem SC Freiburg hatte der HSV es zuletzt gegen direkte Konkurrenten in der Hand, sich abzusetzen. Mehr als der Aufstieg auf einen Relegationsplatz – zudem punktgleich mit dem 17. und nur noch drei Punkte vor dem 18. aus Braunschweig – wurde es nicht. Und jetzt kommen mit Gladbach, Leverkusen, Hannover und Wolfsburg vermeintlich größere Kaliber auf den HSV zu, beginnend auf dem Bökelberg am Sonntag beim Ex-(und bald-wieder-?)Klub von Marcell Jansen, der die HSV-Situation kurz und knackig mit „sehr beschissen“ umschreibt. „Wir müssen jetzt vielleicht die Größeren schlagen. Wir haben noch so viele Schlachten. Wir haben die Qualität, Dreier zu holen.“ Wann er wieder dabei sein kann, ist noch unklar. Ebenso wie seine persönliche Situation. Im Sommer könnte der Linksfuß für die festgeschriebene Ablösesumme von fünf Millionen Euro wechseln – beim Abstieg ein mehr als wahrscheinliches Szenario.


Oliver Kreuzer, seit Juni 2013 Sportchef des HSV

Aber auch das ist momentan nebensächlich. Das große Ganze schlägt das Einzelschicksal. Und das Ziel Klassenerhalt erlaubt keine Ablenkungen. So sieht es auch Kreuzer: „Für uns muss es unerheblich sein, ob eine Mannschaft wie Freiburg oder Leverkusen kommt. Es darf uns nicht mal interessieren, ob wir auswärts auf den Achten oder den 17. treffen. Und genau so bereitet unser Trainer die Mannschat vor“, sagt Kreuzer, dem eine gewisse Ratlosigkeit anzumerken ist. Denn wenn selbst die Spiele nicht mehr gewonnen werden, in denen man – wie gegen Freiburg – die aktivere, bessere Mannschaft ist, dann frustriert das. Und dieser Frust raubt Selbstvertrauen. Ich glaube, jeder, der mal mit aller Kraft gegen etwas angekämpft hat und nicht so recht voran kam, der weiß, was ich meine.

Allein es auszusprechen lohnt nicht. Ebenso wenig wie über die oft zitierte Auswärtsschwäche zu sprechen. Immerhin liegt der letzte Sieg in der Fremde nunmehr eine halbe Saison zurück. Am zehnten Spieltag wurde 3:0 gewonnen – in Freiburg. „Das wissen wir sehr wohl“, so Kreuzer, „aber immer wieder darüber zu sprechen macht das Ganze nur unnötig wichtig und präsent in den Köpfen der Spieler. Das ist wie eine selbsterfüllende Prophezeiung, daher meiden wir hier den Blick zurück. Denn der Glaube ist definitiv da. Wir konzentrieren alles auf das, was wir im Moment anstellen und erreichen können.” Und dauf die positiven Aspekte der letzten Wochen. Kreuzer: “Wir nehmen mit, dass wir defensiv stabiler geworden sind und inzwischen nur noch ein Tor pro Spiel im Schnitte kassieren. Das gibt der Mannschaft unglaublich Sicherheit. Und wir nehmen mit, dass wir gegen Freiburg über 20 Torschüsse hatten, davon allein zehn von Pierre-Michel Lasogga.“

Ohne die nötigen Punktgewinne bleiben Kreuzers Worte unbestätigte Theorie, ganz klar. Frei nach dem Motto „der Veranstalter lobt die eigene Veranstaltung“ versucht sich der HSV-Sportchef in Zweckoptimismus. Und man mag es ihm noch nicht einmal übel nehmen. Immerhin wird auch Kreuzer am Saisonende für alles Geschehene eine Hauptverantwortung übernehmen müssen. Und das weiß er auch. Auch deshalb freut sich der Sportchef besonders über die Rückkehr Lasoggas. Denn wie wichtig der ist, hat das Freiburg-Spiel erneut gezeigt. Gleich alle ersten sieben (!) Chancen des HSV hatte der aus Berlin geliehene Angreifer, der zuletzt drei Spiele in Folge ausgefallen war. Und Lasogga hatte es auch auf dem Fuß, den HSV in Führung zu bringen. Via Bundesliga.de sagte er: „Wir haben das Spiel gemacht, aber verpasst, unser Tor in der ersten Hälfte zu machen. Die Freiburger haben eine Torchance und nutzen sie. Wir konnten uns erst nach dem Rückstand belohnen, doch nicht den verdienten Sieg einfahren. Aber wir haben gezeigt, dass wir den Kampf annehmen. Ich glaube an die Mannschaft“, so der Angreifer.

Als sehr gut möglich gilt, dass Slomka in Gladbach erneut mit zwei Angreifern agiert. Das hatte gegen Freiburg nach Anfangsschwierigkeiten gut geklappt. Jacques Zoua verstand es, Wege für Lasogga zu gehen, die diesem Freiräume schafften. Zoua war es auch, der meines Erachtens nach den größeren Anteil am Ausgleich hatte, obgleich die Statistik Rafael van der Vaart den Assist zuschreibt. Dabei war es Zoua, der den Ball festgemacht und für den Abschluss aufgelegt hatte. „Jacques und Pierre zusammen war eine gute Variante“, befindet Kreuzer und ich gebe ihm Recht. Denn obgleich Zoua vor jeder Saison in einer Kaderplanung einer guten Mannschaft keinen Platz finden darf, ist er jetzt da und offenbar besser als die anderen Alternativen Slomkas. Zoua haut sich inzwischen zweifellos rein und liefert all das ab, was er abliefern kann: Er macht die Bälle fest, er verlängert sie per Kopf und er legt Torschüsse auf. Und er hat es sich so tatsächlich verdient, dabei bleiben zu dürfen.

Selbst jetzt, wo der HSV durch die fünfte Gelbe von Milan Badelj erneut umbauen muss, ist die Raute im Mittelfeld mit zwei Spitzen davor für Kreuzer eine mehr als denkbare Variante. „Milan ist schon extrem wichtig für uns, er ist unser Spielmacher aus der Defensive heraus. Wir wissen schon ganz genau, was wir an ihm haben. Aber Tolgay kann die Sechs auch allein spielen und Hakan ihn auf rechts ersetzen. Es ist am Ende natürlich die Entscheidung des Trainers. Aber ich bin mir sicher, dass er es ähnlich sieht.“

Zumal sich Lasogga sichtbar wohler fühlte mit Zoua neben sich und van der Vaart dahinter. „Es war auch eine gute Variante, dass Jacques neben mir gespielt hat“, so Lasogga, „dadurch hatte ich viele zweite Bälle und konnte oft zum Abschluss kommen. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich gar nicht weggewesen. Das hat mir gut getan und hat sicherlich auch der Mannschaft gut getan.“

Und wer auch immer jetzt hier anfängt, eine Grundsatzdiskussion über die aktuelle Kaderzusammenstellung zu führen, dem sei gesagt: Sobald der Klassenerhalt gesichert ist, MUSS das ein Thema werden. Und das wird es auch – mit allen Konsequenzen. Aber tatsächlich auch erst dann. Bis dahin kann es nur den Weg geben, die vorhandenen Spieler so zu stärken, wie es hur irgendwie möglich ist, um den GAU noch abzuwenden. Von daher ist für mich bis dahin auch das zweifellose Schönreden der Offiziellen nachzuvollziehen. Es ist zweckmäßig. Auch in Sachen Rafael van der Vaart. Dem versuchten Slomka, Kreuzer und Co. Den Assist anzudichten, um auch statistisch mal wieder was Gutes zu haben außer weite Laufwege (in gleichbleibendem Tempo). „Rafael wird von Spiel zu Spiel besser“, so Slomka.

Das ist für mich ehrlich gesagt nicht erkennbar. Im Gegenteil, in meinen Augen stagniert van der Vaart auf schwachem Niveau. Leider. Allerdings unterscheidet ihn eine ganz wesentliche Sache von den anderen HSV-Spielern im Offensivbereich – Lasogga mal ausgenommen: Bei van der Vaart weiß man, dass er es vor nicht allzu langer Zeit noch konnte. Und das lässt hoffen. Den Fan, den Mitspieler und ganz offensichtlich auch den Trainer, der weiter an seinem Kapitän festhält und ihn starkredet.

Van der Vaart hat den Fuß für den entscheidende Pass oder bestenfalls sogar ein entscheidendes Tor. Das sagt auch Slomka und ich will ihm einfach glauben. Weil uns nicht viel sonst bleibt. „Rafael bekommt von uns alle Hilfe. Er hat keine einfache Zeit. Er war verletzt, krank und braucht Rhythmus. Er muss weiter hart trainieren und an sich glauben – dann platzt auch bei ihm irgendwann mal der Knoten“, prophezeit Kreuzer. Wie das passieren soll? „Entweder über einen entscheidenden Pass oder ein Freistoßtor. Klar ist aber, wir lassen ihn jetzt nicht fallen.“ Natürlich nicht. Warum auch?

Wobei glücklicherweise in Sachen Hoffnungsträger Ersatz da ist. Denn sollte van der Vaart seiner zugedachten Führungsrolle weiterhin nicht gerecht werden können, ist ja immer noch Lasogga da. Und der freut sich über die ihm zugeschriebene Wichtigkeit für den HSV: „Es heißt ja immer, dass die älteren, erfahrenen Spieler die Verantwortung übernehmen müssen. Aber auch wenn ich erst 22 Jahre alt bin, so macht es mir Spaß, vorne weg zu gehen. Das ist für mich kein negativer Druck, sondern positiver. Ich freue mich, dass die Mannschaft und vor allem die Fans an mich glauben.“

Der Typ ist einfach erfrischend! Lasogga sieht den Fußball so herrlich einfach. Der 22-Jährige ist ja auch bekannt dafür, sich Dinge nicht übermäßig kompliziert zu denken, sondern einfach zu machen. „Seine fußballverrückte Art steckt an“, sagt beispielsweise Heiko Westermann und ich hoffe nur, dass das in den kommenden Wochen auch für van der Vaart gilt. Vielleicht wird er dann ja tatsächlich zu dem Garanten für den Klassenerhalt, der er vor zwei Jahren schon ob seiner Präsenz gewesen sein soll.

In diesem Sinne, die letzten sieben Spiele stehen vor der Tür und die Mannschaft braucht jede erdenkliche Hilfe. Oder besser gesagt: Rückendeckung. Nicht nur vom Vorstand und dem Trainerteam sondern ganz sicher und vor allem auch von den Fans. Zusammenhalten, durchmarschieren, zusammen die Klasse halten und meinetwegen auch kurz feiern, um anschließend gnadenlos abzurechnen und diesen Verein neu zu gestalten – dieser Plan ist ein in meinen Augen alternativloser Plan.

Und der wird morgen weiter verfolgt. Um 15 Uhr wird an der Arena trainiert. Ich melde mich danach bei Euch! Bis dahin,

Scholle

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