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Die Abwehr – Saison-Rückblick Teil III

31. Mai 2014

Weiter geht es in Sachen Saison-Rückblick, da müssen wir durch. Auch wenn es erstens wenig Spaß macht, auf die schlechteste HSV-Spielzeit aller Zeiten zurück zu blicken, und zweitens werden so noch einige Dinge aufgefrischt, die wir eigentlich schon vergessen oder verdrängt hatten, die nun wieder gerade vernarbte Wunden wieder aufreißen. Aber es ist ersten Tradition, dass wir zurückblicken, und zweitens war es der Wunsch vieler „Matz-abber“. Das nannte man früher wohl Selbst-Kasteiung – oder so. Schrecklich genug, das alles. Zum Glück ist das Happy end aber bekannt, letztlich ging alles doch noch (halbwegs) gut aus.

So, wir kommen zur Abwehr des HSV. In 34 Spielen sagenhafte 75 Gegentore, diese Zahl macht fassungslos, und sie reicht normalerweise immer zum Abstieg – nur beim HSV nicht.

Das lag diesmal ganz sicher nicht an Nationaltorwart Rene Adler, der bis vor einem Jahr noch der Überflieger im HSV-Tor war – und dann unglaublich stark abbaute. Acht Riesen-Fehler wurden ihm in dieser Spielzeit nachgesagt, ich glaube, dass diese Zahl noch geschönt war. Adler war mit diesen acht Patzern die Nummer eins in dieser schlimmen Statistik, kein Bundesliga-Schlussmann hat mehr große Fehler gemacht. Warum auch immer das so war, kein Mensch hat eine Erklärung dafür. Wahrscheinlich auch Rene Adler selbst nicht, aber er spricht nicht drüber. Fest steht aber, dass ihm diese Patzer um den Start bei der WM in diesem Sommer gebracht haben, wahrscheinlich haben sie sogar dafür gesorgt, dass die anderen junge, sehr talentierten deutschen Torhüter (Leno, Zieler, ter Stegen, Trapp) damit an ihm vorbeigezogen sind, sodass der HSV-Keeper seine Länderspiel-Karriere wohl als beendet betrachten kann.

Für diese Saison kann Rene Adler, der 2013/14 in 30 Erstliga-Spielen dabei war, nur die Note fünf erhalten. Und diese Fünf scheint noch leicht geschönt.

Anders sieht es da bei Jaroslav Drobny aus. In vier Bundesliga-Spielen stand der Tscheche zwischen den Pfosten des HSV-Tores, aber besonders in den beiden Partien der Relegation stellte er sich in überragender Form vor – er wurde der Retter des HSV, keine Frage. Weil Drobny, der sich der (schreibenden?) Presse seit Jahren verweigert, auch als großartiger Kollege in der HSV-Mannschaft gilt, der für tolle Stimmung sorgt, der auch trotz seiner Ersatzspieler-Rolle ein überragender HSVer ist, gebührt ihm für diese Spielzeit die beste Note – eine glatte Eins.

Ohne Bundesliga-Spiel blieb in dieser Saison Sven Neuhaus, dennoch war er ein wichtiger Bestandteil dieser Mannschaft. Er gab im Training immer alles, er brachte stets eine Super-Einstellung mit in den Volkspark, er kümmerte sich um die jungen Spieler – und trat stets und überall als Vorbild-Profi auf. Deswegen gibt es für ihn die Note drei. Hat Hamburg inzwischen verlassen, weil der HSV keine Verwendung mehr für seine Nummer drei hatte. Rückkehr aber eines Tages nicht ausgeschlossen.

Lange Zeit war Dennis Diekmeier so schwer verletzt, dass er es nur auf 20 Saison-Einsätze gebracht hatte – ohne Tor. Die Leistungen waren auch durchwachsen, seine Vorstellung im Rückspiel gegen den 1. FC Nürnberg war top, blieb aber einzigartig. Diekmeier wäre für mich ein absoluter Kandidat, der von einem Einzeltraining sehr profitieren würde, aber die große Frage bleibt ja auch in der kommenden Spielzeit die, ob sich der HSV und sein Trainer Mirko Slomka zu Individual-Training „hinreißen“ lässt. Wahrscheinlich würde es helfen, wahrscheinlich würde es auch Dennis Diekmeier helfen – aber ob für so etwas tatsächlich Zeit vorhanden ist? Bis jetzt verdient sich Diekmeier die Note vier. Gerade noch.

An Heiko Westermann scheiden sich die Geister – das hat Tradition. Die Experten (nicht die Journalisten, das bitte nicht verwechseln) schätzen seinen Einsatz und seine Einstellung zum Profi-Fußball und zur Mannschaft. Viele Fans dagegen sind entsetzt über die unzähligen Patzer, die sich der (ehemalige?) Nationalspieler immer wieder mal geleistet hat. Praktisch in jedem Spiel stockte einem gewissen Teil des HSV-Anhanges der Atem, der Rest hatte sich schon dran gewöhnt. Ich, das wird niemanden überraschen, halte nach wie vor zu Heiko Westermann, weil er sich nicht nur während der 90 Minuten voll in den Dienst der Mannschaft stellt. So wie kaum ein anderer in diesem Team. Dass er in dieser Saison ganz besonders viele Stockfehler „drauf“ hatte, ist mir natürlich auch nicht entgangen, aber wie wäre es wohl gelaufen, wenn Westermann nicht, zu Saisonbeginn, bei jeder Ballberührung von den eigenen Fans ausgepfiffen worden wäre? Es kann sich vielleicht nicht jeder vorstellen, denn hier gilt ja auch der Spruch, dass nur die Harten in den Garten kommen, aber solche Fan-Aktionen können gelegentlich den selbstbewusstesten Spieler ein wenig verunsichern. Wie gesagt, hier können sich das nicht alle vorstellen, es kann aber was dran sein. Gegen Ende der 51. Bundesliga-Saison hielt Heiko Westermann, der in 30 Spielen drei Tore erzielte (dabei das Traumtor zum 2:1 gegen Leverkusen), nur deshalb durch, weil er mit Medikamenten „vollgepumpt“ war. Aber er wollte die Mannschaft in dieser schlimmen Situation nicht hängen lassen. Die 88. Minute in Fürth, das gebe ich allen meinen Kritikern zu, werde ich trotzdem bis an mein Lebensende nicht vergessen. Dieser Westermann-Fehlpass auf Azemi – unglaublich, dass der nicht zum Abstieg des HSV geführt hat. Seit dieser Szene glaube ich tatsächlich, dass dieser HSV unabsteigbar ist. Heiko Westermann erhält für seine Saison auch die Note vier – auch bei ihm gilt die Einschränkung: gerade noch.

Er war der Aufsteiger der Hinrunde, und dann gab es für Jonathan Tah einen gewaltigen Knacks in der Karriereleiter. Angeblich sollen Indiskretionen (in den Zeitungen) um seinen Vertrag dazu geführt haben, ich glaube das nicht so ganz. Für mich hatte das schon Geschmäckle, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, dass man dem jungen Mann in diesem harten Abstiegskampf nicht so recht über den Weg traute. Schade eigentlich, denn im Herbst gehörte Tah, der es auf 16 Saisonspiel brachte, stets zu den besseren HSV-Spielern, und deswegen erhält er auch als Note eine glatte Vier.

Einer der „Verbannten“ oder „Aussortierten“ ist Michael Mancienne, der seine Rolle stets klaglos gespielt hat – von ihm gab es kein Aufbegehren, keine verbalen Entgleisungen – nichts, null. Vorbildlich. Mancienne trainierte eisern und ohne zu resignieren, und er wartete geduldig auf seine Chance – obwohl es gelegentlich immer weiter nach unten ging. Wie er das durchgestanden hat, das wird wohl sein Geheimnis bleiben, aber er hat sich durchgebissen. Hut ab! Dass er zuletzt (in immerhin noch zwölf Einsätzen) oft auch eine Stütze des Teams geworden ist, das spricht ebenfalls für ihn, deswegen auch für den Engländer die glatte Vier.

Zu Beginn seiner Hamburger Zeit blieb Johan Djourou fast alles schuldig. Er stand bei Arsenal London unter Vertrag, aber das war nicht zu sehen. Völlig ohne Selbstvertrauen stolperte der Schweizer in den ersten Spielen für den HSV über den Rasen, er war was weitaus größere Risiko als Nebenmann Westermann. Djourou, der 22 undesliga-Einsätze für den HSV schaffte, galt schon fast als Fehleinkauf, bis Mirko Slomka kam. Seit dieser Zeit sehen wir den wahren Johan Djourou, er ist jetzt schon fast ein „Mister Zuverlässig“ geworden – so darf er weitermachen. Deswegen auch für ihn, selbst auf die Gefahr hin, dass es langweilig wird – Note vier. Weil er sich immens gesteigert hat.

Zu den „Aussortierten“ gehörte Slobodan Rajkovic, der wahrscheinlich selbst nicht mehr an sein Comeback geglaubt hat – aber es kam. Und wie! Auf Anhieb war der Serbe voll da, brachte fast schon wieder die „alte“ Leistung – und zog sich dann einen Kreuzbandriss zu. Mehr Pech geht nicht. Ob er wiederkommen wird – für den HSV? Zu wünschen wäre es ihm. Note vier.

Komisch gelaufen ist die Saison für Marcell Jansen. Er war gesund, er war auch in den meisten Spielen (er brachte es auf 21) gehörte er zu den besseren Hamburgern – bis es dann dieses dumme Länderspiel gegen Chile gab. Noch heute wird ja gerne geschrieben, dass es ein böser Tritt eines Chilenen war, der Jansen schwer verletzt, aber es war, er hat es mir einst in er Talkrunde von Sky gestanden, ein Fehltritt von ihm selbst. Er wollte den Ball mit dem Außenrist spielen, trat auf die Kugel und knickte böse um. Diese Verletzung warf ihn für Wochen aus der Bahn – und letztlich auch aus der WM in Brasilien. Ganz bitter gelaufen. Noch immer ranken sich die Gerüchte um Mönchengladbach, dass Marcell Jansen im Sommer zu seiner Borussia zurückkehren wird. Ende offen – würde ich sagen. Bis dahin gilt, dass ich Jansen für diese Saison die Note drei gebe.

Innenverteidiger waren oder sind seine große Liebe, die von Thorsten Fink. In der Vor-Saison mussten es acht sein, in dieser waren es sieben. Deswegen wurde Lasse Sobiech noch von Borussia Dortmund geholt. Zehn Einsätze und ein Tor stehen in der Bilanz des ehemaligen St.-Pauli-Profis, aber einen Stammplatz konnte er sich in keiner Phase der Saison erkämpfen – da muss noch viel, viel mehr kommen. Deswegen nur Note fünf.

Auf Verteidiger getrimmt wurde Zhi Gin Lam (von Trainer Fink). Lahm und Lam, da war doch was. So richtig wohl aber fühlte sich der „kleine“ Lam in seiner Rolle nie, er brachte es auch nur auf neun Spiele (ein Tor) und dürfte in der kommenden Saison sein Glück wohl auch etwas weiter vorn versuchen wollen – vielleicht sogar nicht mehr beim HSV? Note fünf für den jungen Mann, der wohl nur aus namenstechnischen Gründen auf die Verteidiger-Position gezwungen worden war.

So, das war die Abwehr. Ziemlich viel die Note vier, aber das spricht vielleicht auch etwas für die These, dass ein gutes Abwehrverhalten schon ganz vorne beginnt. Und mit Sicherheit hat auch die Arbeit des Mittelfeldes damit zu tun – aber dazu kommen wir ja auch noch.

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