Adler: „Wir haben noch Potenzial nach oben.“
13. März 2013
Liebe “Matz-abber”, aus trauigem Anlass ist es heute etwas später geworden – sorry, ich war bei der Trauerfeier von HSV-Ur-Gestein Horst Eberstein (darüber berichte ich zum Ende dieses Beitrags).
Zuletzt haben die HSV-Fans wieder jenen Adler zwischen den Pfosten des HSV-Tores hin und her fliegen sehen, wie zu Saisonbeginn. Der beste Neueinkauf des HSV seit Jahren rettete seiner Mannschaft in dieser Spielzeit schon viele Zähler, einige Experten haben acht Punkte errechnet – aber das war vor dem Sieg in Stuttgart. Gegen den VfB hatte Rene Adler wieder einmal eine Weltklasse-Partie gezeigt und dem HSV die Punkte gerettet. Nun also wären es zehn . . . Mindestens, sage ich. Von zurzeit 38. Heute sprach Rene Adler mit uns über sich, den HSV und diese Saison.
Rückblickend verriet er: „Gerade zu Beginn hatten wir uns noch nicht so gefunden, da waren noch einige Positionen vakant. Und dass man da als Torhüter zwangsläufig einige Aktionen mehr hat, das ist normal. Man hat viel mehr zu tun, bekommt zudem auch mehr Rückpässe und man steht mehr im Fokus, mehr im Brennpunkt. Im Lauf der Hinrunde haben wir uns dann aber stabilisiert, und trotzdem gab es natürlich Spiele, in denen du als Torhüter in den entscheidenden Situationen die Weichen stellen musst. Und da ist es immer schlecht, wenn man, wie gegen Fürth, durch eine Unachtsamkeit schnell mit 0:1 zurück liegt. So etwas prägt das ganze Spiel. Und da ist es wichtig, als Torhüter in den wichtigen Situationen präsent zu sein, damit die Mannschaft nicht in Rückstand gerät.“ In Stuttgart hat das ganz hervorragend geklappt – die Null stand hinten.
So gesehen ist die Saison ja fast perfekt für Rene Adler gelaufen. Er hatte immer gut zu tun – und konnte sich, bis auf das 1:5-Debakel in Hannover, immer auszeichnen. Adler: „Für mich ist es das Schönste, wenn wir gewinnen, und wenn wir dann zu null spielen, dann ist es sogar perfekt. Wenn man kein Gegentor kassiert hat, dann hat man einen guten Job gemacht, dann hat man nicht so viel verkehrt gemacht.“ Generell befindet er zu seiner Mannschaft: „Man erkennt eine Gesamt-Entwicklung. Wir machen das, was der Trainer verlangt. Unser Spiel ist sehr, sehr stark auf Ballbesitz ausgelegt, wir sind darauf bedacht, nicht die Ruhe zu verlieren, dass wir den Ball oft zirkulieren lassen und die Lücke zu suchen, um uns Möglichkeiten zu erspielen. In der Hinrunde sind wir manches Mal noch zu hektisch gewesen, da haben wir manches Mal einen Ball gespielt, wo wir besser noch einmal hinten herum gespielt hätten. Um einfach die perfektere Lücke zu finden. Das machen wir inzwischen schon sehr gut, in Stuttgart zum Beispiel hat das sehr gut geklappt, da haben wir das schon ganz gut gemacht.“
Rückblickend auf den 1:0-Sieg in Stuttgart befand der Nationaltorwart noch. „Ich bin kein Freund von Vergleichen zwischen den Spielen, aber wie wir auswärts in Dortmund aufgetreten sind, von der Bewegung her, von der Kompaktheit, vom Nachpressen her, wo wir sofort attackiert haben – da konnte sich kein Stürmer der Dortmunder drehen, ohne einen Gegenspieler von uns im Nacken zu spüren. Das sind die elementaren Dinge, die wir gegen jeden Gegner beherzigen müssen – und da denke ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Die Aufs und Abs, die es bei uns noch gibt, die sind dadurch bedingt, dass wir eine junge Mannschaft haben. Und dass wir in einer Saison sind, von der keiner so genau wusste, wohin es mit uns geht. Und das muss man uns als Mannschaft und als Verein auch zugute halten, dass wir uns aus eigener Kraft stabilisiert haben – und jetzt auf Platz sechs stehen. Mit Blick nach vorne. Das ist eine Geschichte, zu der man sagen kann, dass bei uns jetzt und auch deswegen keiner abhebt, denn wir wissen, dass wir noch Potenzial nach oben.“
Um „sein“ Hannover-Spiel zu verdrängen, hat Rene Adler einige Dinge ganz bewusst gemacht. Er sagt: „Ich habe mir Zeit für mich genommen, mehr Raum für Erholung und Regeneration genommen. Einfach mal einen Spaziergang mit Frau und Hund zu machen, weniger Fußball im Fernsehen angucken – das habe ich mir gegönnt. Ich schaue mir Spiele der Champions League an, aber ich bin weit entfernt davon, mich zu Hause vom Fußball berieseln zu lassen. Da konzentriere ich mich dann doch komplett auf unser Spiel, und ich habe meinen Fokus auch komplett auf das Training gelegt.“ Und was da speziell? Adler: „Ich habe viele Sachen ganz bewusst gemacht. Hab die Bälle bewusst gefangen, habe Bewegungsabläufe ganz bewusst gemacht, habe Krafttraining ganz bewusst gemacht, habe mich bewusst ernährt. Das ist einfach eine Sache, dass man sich mal irgendwie überprüft – auch gerade jetzt im Erfolg.“
Dann ergänzt Rene Adler noch: „Es ist immer schade, dass man ein solches Spiel wie dieses 1:5 in Hannover braucht, auch als Mannschaft. Aber ich habe schon gesagt, dass ein solches Erlebnis für die Entwicklung einer Mannschaft oftmals reicher im langfristigen Ertrag, als mal ein 1:1, mal ein 2:1 oder wenn man zwei Spiele in Folge 1:2 verliert. Man kann das noch so oft betonen: Wenn wir nicht 100 Prozent spielen, der einzelne, dann haben wir Probleme gegen jeden Gegner. Wir sind nicht eine Mannschaft wie Bayern München, die mit 70 oder 80 Prozent die Spiele gewinnt. Aber das ist auch okay, nur muss das auch jeder von uns wissen, damit er am Wochenende auch 100 Prozent abruft.“
Ich bitte sehr darum. Schon an diesem Sonnabend. Alle bei 100 Prozent. Das wäre doch was. Dann hätte der FC Augsburg hier nicht viel zu lachen. Und erst recht nicht zu feiern . . .
Kurz noch einig positive Dinge der personellen Art:
Michael Mancienne hat heute erstmalig wieder mit der Mannschaft trainiert. Der Innenverteidiger sagte: „Ich fühle mich gut und möchte mich für das Bayern-Spiel in 14 Tagen nicht nur anbieten, sondern auch mit guten Trainingsleistungen anbieten.“
Marcus Berg soll am Donnerstag wieder ins Training einsteigen, Jaroslav Drobny war heute schon wieder dabei, laufend im Volkspark unterwegs waren Ivo Ilicevic und Zhi Gin Lam, der an diesem Donnerstag wieder mal auf dem Trainingsplatz zu sehen sein wird – allerdings nur mit Reha-Trainer Markus Günther. Gelaufen sind heute auch nur Heiko Westermann und Milan Badelj (Fußprellung), beide Spieler aber sollen auch an diesem Donnerstag wieder im Mannschaftstraining zu finden sein.
Nun ein Break.
Das Thema Regionalliga, HSV und Abstieg wurde in den letzten Tagen ja (von einigen) diskutiert, und dazu habe ich nun auch Thorsten Fink gefragt. Was denkt der Profi-Trainer über einen eventuellen Abstieg der Zweiten? Fink: „Es ist klar, dass mir ein Abstieg natürlich nicht gefallen würde, aber trotz der prekären Lage glaube ich, dass die Mannschaft da unten aus der Abstiegszone noch rauskommen wird. Die Zweite hat ein Trainerteam, das ruhig und sehr gut arbeitet – und natürlich bekommen sie in Zukunft von uns auch mal den einen oder anderen Spieler, denn es wäre schon wichtig, dass wir die Klasse halten.“ Warum ist es wichtig, dass die Regionalliga erhalten bleibt? Fink: „Weil sonst der Unterschied zwischen den Klassen zu groß wird. In der Regionalliga wird auf einem höheren Niveau als in der Oberliga gespielt, das ist doch klar, und da oben werden die Spieler natürlich mehr gefordert. Und das käme ihnen dann zugute, wenn sie bei uns integriert werden sollen.“ Wer das ist, konnte Fink nicht verraten: „Wir müssen mal schauen. Es dürfen ja auch nur drei ältere Spieler mitmachen, und dann müssen wir sehen, wer in der nächsten Woche hier ist, und wer bei seiner Nationalmannschaft.“ Michael Mancienne aber könnte dort demnächst Spielpraxis sammeln. Fink: „Das müssen die Profis nur annehmen. Das machen die Leute bei Bayern München zum Beispiel auch. Die gehen da nach Verletzungen auch hin, um sich wieder in Form zu bringen.“ Gojko Kacar aber könnte zum Beispiel auch bei Rodolfo Cardoso spielen.
Thorsten Fink: „Eines aber ist unerlässlich, die Spieler müssen es annehmen, dass sie da spielen wollen. Dass sie wissen, dass sie sich dadurch wieder in Form bringen können. Sonst bringt das nichts.“ Ganz genau. Da ist das Parade-Beispiel, wie man es nicht machen soll, immer noch Muhamed Besic, der eher lustlos seinen Stiefel bei der Zweiten herunterspielte. Fink: „Natürlich werden wir vorher mit den Spielern reden. Wir werden ihnen klar machen, dass es besser für den Verein ist, und dass es auch besser für sie ist. Es ist ja besser, dass sie dort ein Spiel haben – bevor sie keinen Einsatz haben.“ Dann fügt der Trainer noch hinzu: „Spiele in der Zweiten sind ja auch noch etwas anders, als unsere Testspiele, wie zuletzt gegen Oslo. In der Regionalliga geht es ja wenigstens noch um etwas.“
Nebenbei bemerkt: Obwohl (oder gerade?) die Regionalliga-Truppe abstiegsgefährdet ist, wurde in der vergangenen Woche Einigung darüber erzielt, den Trainervertrag mit Rodolfo Cardoso zu verlängern. Per Handschlag ist es besiegelt, demnächst wird es auch die Unterschriften geben.
Nun noch zu einem traurigen Thema:
Heute fand die Trauerfeier für Horst Eberstein in Ohlsdorf statt, der am 1. März im Alter von 83 Jahren verstorben ist. Es waren über 250 Menschen gekommen, und drei davon möchte ich explizit einmal hervorheben: Aus St. Petersburg angereist war der ehemalige HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer (morgen spielt sein Club Zenit in der Europa League gegen den FC Basel!), der „Didi“ kam extra wegen dieser Feier. Aus Frankfurt war FSV-Trainer Benno Möhlmann, einer der besten Freunde des Verstorbenen, angereist, und auch Uwe Seeler war dabei.
Zudem habe ich gesehen: Carl-Edgar Jarchow, Oliver Scheel, Klaus Neisner, Gerda und Horst Schnoor, Jochen Meinke, Richard und Natascha Golz, Rodolfo Cardoso und die gesamte Regionalliga-Mannschaft des HSV, Holger Hieronymus, Jürgen Stars, Stefan Schnoor, Horst Becker, Ronny Wulff, Rudi Kargus, Jürgen Hunke, Heini Deininger, Reinhard Rietzke, Michael Schröder und viele, viele mehr. Neben Bestatter Erwin Jürs sprach auch der frühere HSV-Präsident Dr. Wolfgang Klein, der einst als 19-jähriger Leichtathlet von Eberstein aus Hannover zum HSV gelockt worden ist – und in der kleinen Wohnung der Ebersteins (im Lattenkamp) ein Zimmer (das Zimmer von Eberstein-Tochter Heike!) bewohnte. Klein: „Wir trauern heute nicht über ein HSV-Ur-Gestein, sondern über das HSV-Ur-Gestein.“ Seit 1958 war der gebürtige Berliner Eberstein für den HSV, nein für seinen HSV, tätig – er kannte alle und wusste alles – und er half allen, stand immer mit Rat und Tat parat. Sein Motto: „Da wo andere Menschen ihr Herz haben, da schlägt bei mir die Raute in der Brust.“ Wenn es niemals zutreffend war – auf Horst Eberstein traf es zu. Er wird am Freitag auf dem HSV-Friedhof in Bahrenfeld, in Sichtweite zum Stadion, neben seiner Ehefrau Elfriede beigesetzt.
Mach es gut, Horst, Du warst ein unheimlich feiner Mensch, ein freundschaftlicher und auch oft kritischer Begleiter der journalistischen Szene, mit dem man trefflich streiten und diskutieren konnte – aber stets mit Niveau, immer fair. Dafür danke ich Dir nicht nur, sondern verspreche Dir, dass ich immer nur Positives denke, wenn ich mich an Dich erinnere. Weil es auch nichts Negatives von Dir gibt – da warst ein stets ehrlicher Mensch, der kerzengerade seinen Weg ging. Hut ab vor Deiner großen Lebensleistung – ich vermisse Dich schon jetzt. Du warst einfach nur großartig. Und der Vollblut-HSVer schlechthin – für alle ein Vorbild!
19.21 Uhr