Archiv für das Tag 'Moniz'

99,58 Millionen Euro Schulden – und die Folgen

30. Dezember 2013

„Der HSV hat kein Schuldenproblem. Wir haben, wenn überhaupt, ein Liquiditätsproblem.“
HSV-Aufsichtsratschef Manfred Ertel am 11. November auf Hamburg 1

„Unsere Liquidität ist gesichert.“

HSV-Vorsitzender Carl Jarchow am 14. November im Hamburger Abendblatt

„In der bestehenden Struktur können die hohen Schulden den HSV ins Verberben reißen.“

HSV-PLUS-Homepage

Es gibt diese und eine Reihe weiterer Aussagen rund um den HSV, die sich mit der wirtschaftlichen Lage des Vereins beschäftigen. Drei Mal in Folge tiefrote Zahlen, daran hat der Verein zu knabbern. Für diese Saison arbeiten die Verantwortlichen daran, eine schwarze Null hinzuzaubern. Wird es ihnen gelingen? Ist das nur ein Zwischentief? Oder steckt der HSV viel tiefer in der Tinte, als die Offiziellen es zugeben wollen?

Die gerade veröffentliche Bilanz des Geschäftsjahres 2012/13 gibt allen Kritikern und Skeptikern recht. Genau genommen sind die Zahlen verheerend. Wir sind hier bereits ausführlich auf die Zahl unter dem Strich eingegangen. 9,8 Millionen Minus erwirtschaftete der HSV in der vergangenen Saison. Der Betrag wäre auf 22,2 Millionen Euro gestiegen, wenn nicht noch ein neuer Vertrag mit dem Vermarkter „Sportfive“ geschlossen worden wäre.

Absolut legitim, dieser Vermarktervertrag. Genauso legitim wie das Erzielen einer Ablösesumme für einen Spieler oder das Geld, das ein potenter Sponsor gibt. Aber es bleibt dabei: aus seinem laufenden Geschäft hat der Verein 22,2 Millionen Euro zu wenig erwirtschaftet, um die Kosten zu decken. Ein Alarmsignal. Als im Frühjahr einmal darüber berichtet wurde, dass der HSV mit einem entsprechenden Minus von etwa 24 Millionen kalkuliert, wurde diese Berichterstattung vom HSV-Vorstand kritisiert. Nun haben wir schwarz auf weiß, dass die Zahl so ziemlich den Tatsachen entsprach.

Aber kommen wir zu den einzelnen Zahlen oberhalb des Strichs. Auffällig in der Aufstellung von Erträgen und Aufwendungen ist, dass der HSV unverändert hohe Einnahmen hat. Spielerträge, Werbeerträge, TV-Rechte – hier gab es überall leichte Steigerungen, so dass der HSV 145,4 Millionen Euro eingenommen hat – gegenüber 141,1 Millionen in der Saison zuvor.

Doch dagegen stehen die erheblichen Aufwendungen, die nicht zu decken waren, nun schon zum dritten Mal in Folge. Im Vorstandsbericht werden dafür Gründe genannt. Die Transfersummen, die Ende August 2012 aufgewendet werden mussten (van der Vaart und Jiracek), bilden demnach den größten Teil.
Die Besorgnis erregende Zahl schlechthin verbirgt sich in der HSV-Konzernbilanz bei den „Passiva“. Unter Punkt D. Verbindlichkeiten wird ein Betrag von 99,58 Millionen Euro ausgewiesen. Der HSV hat fast 100 Millionen Euro Schulden! Aus dem ursprünglichen Stadionvertrag sind dabei nur noch 31 Millionen abzutragen. Der Rest setzt sich aus weiteren Schulden zusammen, und es ist schwer abzusehen, wie die abzutragen sein sollen. Als Bert van Marwijk vor einigen Jahren das erste Mal in der Bundesliga war, bei der verschuldeten Borussia aus Dortmund, äußerte er einmal seinen Unglauben darüber, dass der Club 100 Millionen Euro Schulden haben soll. Nun ist er in Hamburg – neuer Verein, altes Spiel.

Die Verbindlichkeiten des HSV sind im Einzelnen genannt. Gegenüber Kreditinstituten sind es 42,1 Millionen (Stadionkredit zuzüglich eines weiteren Kredits für Umbauten), 24,1 Millionen aus Lieferungen und Leistungen (Transfers), sonstigen Verbindlichkeiten von 15 Millionen (hierin ist auch der Acht-Millionen-Kredit von Unternehmer Kühne für Rafael van der Vaart enthalten) sowie der Campus-Anleihe mit 18,2 Millionen.

In diesem Zusammenhang ein kurzer Exkurs zum Campus. Die Planungen für dieses Nachwuchszentrum laufen weiter, auch wenn der Spatenstich noch auf sich warten lässt. Bis Mitte Januar läuft zunächst noch die Ausschreibungsfrist für die Bau-Unternehmen. Ende März, so die aktuelle Planung des HSV, sind dann entsprechende Verhandlungen abgeschlossen, die Verträge mit dem General-Unternehmer werden unterzeichnet. Geht alles glatt, dann wird ab Mitte des Jahres gebaut.

Parallel laufen die Verhandlungen mit der Stadt, es geht um den Erbbaurechtsvertrag für das Grundstück. „In den Verhandlungen mit der Stadt Hamburg und den betroffenen Behörden und Ämtern besteht Einigkeit in wesentlichen Detailfragen”, teilte der HSV seinen Anleihen-Zeichnern mit.

Hier sind nun ein paar neue Zeichnungen, zur Verfügung gestellt von der ECE, die die Planungen für den HSV gemacht hat (bitte draufklicken, dann werden die Bilder größer). Auf einer Info-Veranstaltung für HSV-Mitglieder vor einigen Wochen war die Beteiligung unverhältnismäßig kläglich. Daher die Idee, hier zumindest ein bisschen von dem Projekt darzustellen. Immerhin handelt es sich (nach dem Stadion) um das zweitgrößte Bauprojekt in der Vereinsgeschichte.

Visual HSV Campus

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Im Jahr 2015, so der momentane Stand, soll der „Campus” mit Leben gefüllt werden. Klar, solange dort keine Steine und Bagger zu sehen sind, muss sich der HSV auch dem Vorwurf ausgesetzt sehen, dieses Projekt zur Liquiditätssicherung zu benutzen. Am Ende aber bleibt es dabei: der Verein ist verpflichtet, jeden Cent, den er durch die Anleihe eingenommen hat, auch für den „Campus” zu verwenden.

Parallel soll dann der gesamte Volkspark vom Erlebniswert aufgewertet werden. Denn es gibt ja den Einwand, dass in dem HSV-Internat zwar junge Fußballer bestens betreut werden können, ihnen drumherum aber wegen fehlender Infrastruktur aber nichts geboten wird. Keine Geschäfte, schlechte Anbindung ans öffentliche Bahn- und Busnetz – (fast) nur der Park. Immerhin haben sich Stadt und HSV dieses Thema auf die Fahnen geschrieben.

Wie viel der HSV am Ende zurückzahlen muss für seine Anleihe, ist offen. Es ist realistisch vorherzusagen, dass eine große Gruppe der Anteils-Zeichner auf Rückzahlung verzichten wird – und lieber die Schmuck-Urkunde daheim an der Wohnzimmerwand hängen lassen wird. Für genaue Zahlen ist es aber noch zu früh.

Jedenfalls, um auf die Verbindlichkeiten zurückzukommen, ist es die Zahl von knapp 100 Millionen Euro, auf die Otto Rieckhoff und seine Partner von „HSV-PLUS“ hinweisen, wenn sie die Entschuldung des Vereins ansprechen. Ein oder mehrere strategische Partner, so die Theorie, sollen auf einen Schlag zur Entschuldung beitragen und damit wieder Handlungsspielraum schaffen.

Denn gerade dieser Handlungsspielraum ist extrem eingeschränkt. Wir hören es immer wieder – zuletzt durch Trainer van Marwijk oder Sportchef Oliver Kreuzer. Beide weisen mit Blick auf die aktuelle Finanzlage jeden Gedanken, im Winter sportlich nachzurüsten, von sich. Dabei wäre es sportlich durchaus geboten.

In einer Finanzanalyse hat Marco Mesirca ( www.offensivgeist.de ) sich die Zahlen des HSV aus den vergangenen Jahren zur Brust genommen. Er spricht in seiner umfassenden Untersuchung von einer „erheblichen finanziellen Instabilität“ des HSV. Und dabei hat er die Zahlen von 2012/13 noch nicht einmal eingerechnet.

Höhere Einnahmen wären zum Beispiel zu generieren aus dem internationalen Fußball. So ist es dem Verein zwischen 2000 und 2010 immer wieder gelungen. Auch in diesem Zeitraum war der HSV wirtschaftlich nicht auf Rosen gebettet, konnte seine hohen Kosten aber fast jedes Jahr decken und eine positive Bilanz aufweisen. „Der sportliche Stellenwert des Traditionsclubs ist weit gesunken“, sagt nun Marco Mesirca. „Der Club spielt nur noch national eine Rolle, die allerdings zunehmend an Bedeutung verliert.“ Zu dieser Einschätzung ist kein weiterer Kommentar notwendig.

Auch in den Jahren unter Bernd Hoffmann hatte der HSV häufig einen „nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag“ in der Bilanz. Dies ist eine weitere Schlüsselstelle der aktuellen HSV-Zahlen. Unterschied zwischen Gegenwart und Vergangenheit: früher konnte dieses Defizit durch Transfereinnahmen und Europapokal geschlossen werden. Das ist im Moment kaum möglich. Der HSV bleibt in den Miesen. Bei 17,1 Millionen Euro steht der Fehlbetrag am Stichtag 30. Juni 2012 – etwa doppelt so hoch wie im Vorjahr.

Neben dem vereinseigenen Stadion hat der HSV vor allem Spielerwerte auf der „Aktiva“-Seite. 37 Millionen waren es laut Bilanz in der Vorsaison. Wenn wir den Schritt in die aktuelle Serie wagen, dann ist dieser Wert um Son zu reduzieren und um Calhanoglu und Tah zu erhöhen. Somit landen wir vielleicht bei 40 Millionen – gut geschätzt. Wobei Spieler wie Rene Adler oder Rafael van der Vaart, fürchte ich, derzeit keinen hohen Marktwert besitzen. Mit anderen Worten: Was seine Rücklagen und Werte angeht, kann der HSV keinesfalls aus dem Vollen schöpfen.

Man könnte das Spiel jetzt weitertreiben und noch mehr Zahlen heraussuchen, die exemplarisch zeigen, wie der HSV kämpfen muss. Entscheidend ist nun aber auch, den Blick nach vorn zu richten. Kann sich der HSV aus der aktuellen Umklammerung befreien? Was ist dazu notwendig?

In der laufenden Saison kann der Verein zumindest mit noch höheren Einnahmen aus den Fernsehgeldern rechnen (mehr als zehn Millionen Euro), außerdem schlägt der Verkauf von Heung Min Son nach Leverkusen (davon erhielt der HSV knapp acht Millionen Euro) dick zu Buche. Das bedeutet, dass die Bilanz 2013/14 von Haus aus nicht annähernd so schlecht ausfallen wird die die vorige. Zubrote wie das Erreichen des Viertelfinales im DFB-Pokal inklusive.

Bleibt die hohe Kostenseite, die Abfindungen für Thorsten Fink und Frank Arnesen, die nach wie vor hohen Personalkosten, die im Winter durch die Abgabe hier schon so häufig genannter Spieler verringert werden sollen. Dummerweise reduziert das die Schulden noch nicht nennenswert. Wie gesagt: die Erfahrung hat gezeigt, dass dies insbesondere durch die Teilnahme am internationalen Geschäft gelingen kann. Leider, leider ist das nur Wunschdenken.

Der HSV befindet sich mit seiner finanziellen Lage in großer Nähe zu Werder Bremen. Auch in Bremen blieben die Kosten noch lange auf Europapokal-Niveau, während sich die Mannschaft davon schon einige Zeit verabschiedet hatte – allerdings nur was den sportlichen Erfolg, nicht aber das Gehalt anging. Ein schwacher Trost ist dies allerdings für den HSV.

Für den 19. Januar gibt es aus diesen Zahlen zwei Möglichkeiten. Entweder dem HSV in seinen Strukturen trauen, auf langen Atem und die Jugend setzen. Und darauf vertrauen, dass es dieses Jahr gutgeht mit dem Klassenerhalt. So wie vor zwei Jahren. Denn klar ist nach dieser Hinrunde: vor Sommer 2015 wird es garantiert keinen internationalen Fußball mit entsprechenden Mehr-Einnahmen geben. Bei der aufklaffenden Lücke zwischen den Spitzenvereinen der Bundesliga und dem Dino aus Hamburg ist sogar mit einer noch längeren Durststrecke zu rechnen. Alles andere ist Augenwischerei. Durchhalten, HSV?

Oder der HSV wagt die Veränderung und die Ausgliederung. Wobei: was ist das größere Wagnis? Sich aufmachen zu neuen Ufern, noch nicht genau abschätzend, wie weit es bis dahin ist – oder einfach abwarten und auf die Selbstheilungskräfte bauen?

Aus welchem Holz sind die HSV-Mitglieder mehrheitlich geschnitzt?

Zum Tagesaktuellen: Ricardo Moniz, 2010 für einige Spiele Trainer des HSV, ist ein heißer Kandidat auf die Nachfolge von Mirko Slomka als Coach von Hannover 96. Sportdirektor Dirk Dufner bestätigte Kontakte mit dem 49 Jahre alten Niederländer.

Und der “kicker” hat seine Halbjahres-Bewertungen vorgenommen. Bei Torhütern, Innen- und Außenverteidigern taucht nur ein Name auf vom HSV: Marcell Jansen auf Platz fünf der Außenverteidiger. Torwart Rene Adler schaffte es nicht unter die ersten elf, die ordentlich bewertet wurden. Bei den Innenverteidigern hätte, so meine ich, Jonathan Tah es verdient gehabt, zumindest “Im weiteren Kreis” Erwähnung zu finden. Hat er aber nicht.

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins neue Jahre. Ich hoffe, wir schreiben hier am Jahresende 2014 über einen anderen, einen besseren Hamburger Sport Verein.
Lars

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