Archiv für das Tag 'Milewski'

Calhanoglu erstmals für den HSV am Ball

17. Juli 2013

Und plötzlich stand er da. In kurzen Hosen – okay, die hatte er auch sonst an. Aber mit Fußballschuhen und auf dem Trainingsplatz. Dabei hatte es bis dahin geheißen, dass Hakan Calhanoglu pausieren würde. Rückenprobleme bereiten dem Deutsch-Türken Probleme. Deshalb konnte der 19-Jährige auch nicht an der U19-EM teilnehmen. Wobei allein der Gedanke, dass Calhanoglu in der Sommerpause zwei Endturniere spielen soll unfassbar ist. Zumindest hierzulande.

Erstmals im HSV-Training: Hakan Calhanoglo

Erstmals im HSV-Training: Hakan Calhanoglo

Fotos mit dem iPhone sind auf längere Distanz schwierig. Aber den Versuch wert...

Fotos mit dem iPhone sind auf längere Distanz schwierig. Aber den Versuch wert…

Aber egal, Calhanoglu war dabei. Früher als geplant. „Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten, nur zuzuschauen“, sagt der Mittelfeldmann und grinst. Dass er nur ein dosiertes Programm absolvierte – klar. Calhanoglu soll langsam aufgebaut werden. In der Vorbereitung ebenso wie letztlich auch in der Saison. Am Sonnabend, beim Telekom-Cup spielt der Mittelfeldmann, von dem sich alle erhoffen, er könne mal die Van-der-Vaart-Nachfolge antreten, noch nicht. „Er wird am Wochenende natürlich nicht eingesetzt“, sagt HSV-Trainer Thorsten Fink, der such am Dienstag das erste Mal dazu hinreißen ließ, Calhanoglu neben van der Vaart eine Chance einzuräumen. Bisher hatte Fink immer wieder betont, Calhanoglu für die Fälle einzuplanen, dass van der Vaart verletzt oder gesperrt – oder ausgewechselt werden muss. Nach dem sehr ordentlichen Testspielsieg gegen Anderlecht weichte Fink diesen Entschluss auf. Endlich. „Rafael ist und bleibt mein Kapitän, er ist gesetzt. Aber natürlich wehre ich mich nicht dagegen, wenn es eine andere Möglichkeit gibt. Wenn Hakan gut drauf ist, werde ich schon eine Position für ihn finden.“

Genau so muss es auch sein.

Denn Calhanoglu hat die Portion Potenzial, die man fördern muss, wenn man sich selbst auferlegt hat, eine Verjüngungskur zu machen. Der von Frank Arnesen mit Michael Oenning einst gestartete Umbruch hat noch lange nicht die Dimension erreicht, mit der man sich zufrieden geben darf. Im Gegenteil. Ein Maximilian Beister ist noch weit entfernt von seinem Leistungspotenzial, ein Tolgay Arslan hat es in Ansätzen gezeigt, kann aber auch noch nicht als Stammkraft bezeichnet werden. Zu den beiden gesellen sich jetzt eben Kerem Demirbay Hakan Calhanoglu und Lasse Sobiech. Jonathan Tah lasse ich noch ein wenig außen vor, da der 17-Jährige sicher noch länger brauchen wird als die zuvor genannten – ohne dass ich dem bulligen Innenverteidiger damit etwas absprechen will. Im Gegenteil.

Klar wird aber, dass der HSV jetzt die junge Garde hat, mit der man zumindest perspektivisch größere Ziele anpeilen kann. Und der HSV hat einen Trainer, der vermittelt, worauf gesetzt wird: auf Perspektive. „Diese Stimmung transportiert der Trainer sehr gut“, sagt Lasse Sobiech, „es herrscht eine super Mischung aus jungen Spielern und einigen Erfahreneren. Hier passiert etwas.“ Und wenn nicht in der nächsten Saison, dann danach. „Die Voraussetzungen sind super“, führt Sobiech, mit dem ich heute ein sehr nettes Gespräch führen durfte, aus. Alle werden gleich behandelt, der Trainer macht keinen Unterschied. Und die Spieler nehmen es an. Hier nimmt sich kein Spieler zu wichtig.“

Der Eindruck, den Sobiech als Jugendlicher vom HSV hatte, hat sich zumindest nicht bestätigt. „Ich mochte den HSV immer. Aber für mich war der HSV durch seine Wucht, die Größe und den Stars immer ein Verein, der etwas weiter weg war, der manchmal etwas steril wirkte. Das habe ich jetzt revidiert. Der HSV ist für mich nur noch ein großer, wuchtiger Verein mit riesiger Tradition und großem Potenzial – aber persönlich. Hier nimmt sich keiner zu wichtig, die Fans sind nahe dran. Hier gibt es keine Allüren, wie man vielleicht denken könnte.“

Wobei ich glaube, dass es beim HSV auch wenige Spieler gibt, die weiter weg sind von Allüren als Sobiech selbst. Der junge Innenverteidiger wirkt extrem sympathisch, weil er klar ist. Er weiß, dass er einen großen Schritt machen kann, er will es auch – aber er nimmt nicht als selbstverständlich. „Ich habe den traditionellen Weg genommen, bin über die Jugend beim BVB in die Zweite der Dortmunder, habe dann bei den Profis mitgemacht. Und als ich merkte, dass ich nicht allzu viele Spiele dort bekommen würde, bin ich gewechselt, habe über den FC St. Pauli und Greuther Fürth Bundeligaerfahrungen sammeln können. Ich mache einen Schritt nach dem anderen.“

Fürwahr. Hektisch ist Sobiech sicher nicht. Der in Schwerte bei Dortmund geborene Rechtsfuß ist der eher bodenständigere, vernünftige Typ. Denn obwohl ihm Oliver Kreuzer schon vor Wochen garantieren wollte, dass der Wechsel zum HSV klappen würde, obgleich dafür noch Spieler verkauft und Gremien ihr Okay geben mussten, hielt sich Sobiech an das, was er hatte. „Ich bin keiner, der zu früh träumt, ich nehme das, was ich Schwarz auf Weiß habe. Und deshalb habe ich im Training bei Borussia Dortmund Gas gegeben, als würde ich dort spielen.“ Ob er gern weiter beim BVB spielen würde, jetzt wo erneut eine Champions-League-Saison ansteht? „Klar ist das ein toller Klub, und ich kenne die meisten Spieler schon lange. Ich weiß, dass da richtig gute Kicker sind. Aber ich bin zu realistisch. Für mich ist es wichtig, dass ich Spiele bekomme. Und das sehe ich beim HSV.“ Und obgleich bei Sobiech der Verstand die Oberhand hat, sagt er: „Vom Herzen her war ich schon in Hamburg. Der HSV ist mein Wunschverein, für mich ist dieser Wechsel ein Riesending.“

Bei 196 Zentimetern Körperlänge – ich bin 1,94 m und hatte eher das Gefühl, Sobiech sei an die zwei Meter – ist es auch für den HSV ein Riesentransfer. Bei der U21-EM hatte Kreuzer das Gespräch mit dem Innenverteidiger gesucht, und schnell dessen vertrauen gewonnen. „Ich bin eigentlich nicht leichtgläubig. Ich bin keiner, der zu schnell vertraut“, sagt Sobiech, „aber das, was Herr Kreuzer gemacht hat, hat mir imponiert. Er hat mir ein extrem gutes Gefühl vermittelt und – was noch viel wichtiger ist – er hat bei allem, was er gesagt hat, Wort gehalten. Das ist mir sehr wichtig.“

Ebenso wie die Familie und sein Berater – Jürgen Milewski, der ihm den Wechsel nach Hamburg mit eigener Erfahrung schmackhaft machen konnte. „Das sind die Leute, auf die ich höre, deren Urteil mir wichtig ist.“ Nebst dem des Trainers wohlgemerkt, wie Sobiech anfügt. Zeitungsmeldungen, also uns Journalisten, misst Sobiech eher wenig Gewicht bei. Und selbst das weiß der Liebling aller Schwiegermütter gut zu verkaufen. „Es wird nie so sein, dass alles gut ist. Irgendwer findet immer etwas, was ich verbessern kann oder besser hätte machen können. Aber das weiß ich selbst. Ich weiß, woran ich arbeiten muss und ich verlasse mich auf diejenigen, auf die ich auch in den letzten Jahren immer verlassen konnte.“

Gut so!

Wo denn seine Qualitäten und seine größten Baustellen sind? „Ich glaube, dass mein Kopfballspiel und mein Aufbauspiel recht gut sind“, sagt Sobiech, der sich allerdings noch an die neuen Mannschaftskameraden und deren Laufwege gewöhnen muss. „Noch halt es hier und da, aber das kommt mit der Zeit.“

Was mit seiner Torgefahr sei? Die wurde von Kreuzer wie von Fink immer genannt, wenn es darum ging, Sobiech zu beschreiben. „Ich dachte auch immer, ich sei einigermaßen torgefährlich“, sagt Sobiech und lacht dabei, „aber ich habe in Fürth leider nur zwei Tore in der Rückrunde gemacht. Das ist dann doch ausbaufähig.“

Stimmt. Und ich würde nur zu gern zusehen, wie das Double von Per Mertesacker beim HSV die Karriere hinlegt, die der Arsenal-Profi hingelegt hat. Zusammen mit Calhanoglu. Und Demirbay. Und Arslan. Und Beister. Einfach so, dass der vor zwei Jahren eingeläutete Umbruch Erfolge aufzuweisen hat. Doe Möglichkeit dazu ist sehr groß. Zumal jetzt, wo der HSV eine sehr schleppend begonnene Vorbereitung in eine sehr gute verwandelt. „Die Mannschaft macht mir Spaß“, sagt Fink, der seinen Kickern am Mittwochnachmittag frei gegeben hat. Weil sie gut gearbeitet haben. Auch am Mittwoch bei gefühlt 80 Grad im Schatten. Ein Kraftzirkel der Marke „Schmerzhaft“ wurde eingeschoben – und selbst Rafael van der Vaart gefiel es: „Gegen Anderlecht war es das erste Mal so, dass wir 90 Minuten gut waren. Da müssen wir weitermachen.“ Mit einer gelungenen Mischung aus Konditionsbolzen und Spaß. „Die Einheit war schon extrahart. Aber wir brauchen nicht nur Spaß, wir brauchen auch das.“ Vor allem, wenn man am Sonnabend dem Deutschen Meister und Champions-League-Sieger Bayern München etwas abtrotzen will. „Wenn wir so gut und diszipliniert wie gegen Anderlecht spielen, können wir was schaffen“, sagt van der Vaart und Fink ergänzt: „Bayern ist der Favorit – aber wir sind gut drauf. Wir fahren dahin und wollen versuchen, das Turnier zu gewinnen.“

Klingt gut. So gut, dass ich den Blog für heute damit abschließen will. Mit einem kleinen Zwischenfazit: Dieses Trainingslager ist zwar arm an großen Ereignissen, aber reich an hoffnungsvollen Erkenntnissen. Eine gute Mischung, wie ich finde…

Bis morgen.

Scholle

P.S.: Auf unserer Facebookseite (www.facebook.com/groups/matzab) gibt es weiterhin Fotos und hoffentlich auch bald Videos. Ich arbeite noch mit unserem Hotel daran, dass die gewünschte Datenmenge von meinem Handy via WLAN übertragen werden kann… Auf jeden Fall aber werde ich Euch über Facebook weiterhin mit schnellen Infos aus dem Trainingslager versorgen und abends hier den Blog reinstellen.

P.P.S.: Johan Djourou absolvierte heute leichtes Lauftraining, soll in den kommenden Tagen wieder einsteigen. Paul Scharner rechnet noch mit rund sieben Tagen Pause.

P.P.P.S.: Viele hätten jetzt erwartet, dass ich hier auf die neuerliche Posse des Aufsichtsrates eingehe. Allerdings ist die Tatsache, dass ein Brief des Vorstandes an den Aufsichtsrat öffentlich wird, nicht einwandfrei einem zuzuordnen. Und obwohl ich mich über diese unfassbaren Vorgänge stundenlang echauffieren könnte bis ich mein Mageninneres preisgebe – ich ignoriere den neuerlichen Tiefschlag. Weil derjenige, der dem Verein diesmal schaden wollte, einfach möglichst wenig – nein, am besten gar keine Beachtung verdient hat. Punkt.

Glückwunsch, ihr Helden von 1983!

25. Mai 2013

Und es begab sich zu jener Zeit, als Borussia Dortmund seinen Trainer Jürgen Röber vor die Tür setzen wollte. Fußball-Deutschland schrieb damals das Jahr 2007, es lief der dritte Monat des Jahres. Der frühere HSV-Profi Thomas von Heesen verhandelte geheim und total im Verborgenen mit Hans-Joachim Watzke, dem BVB-Macher. Beide Herren wurden sich einig, die Borussia setzte einen Vertrag auf, den Watzke unterschrieb und den von Heesen noch heute in seiner Schreibtischschublade zu liegen hat. Der frühere Hamburger hätte nur unterschreiben müssen, dann wäre er BVB-Trainer geworden, aber er wollte noch ein, zwei Tage abwarten. Und las dann zu seinem Entsetzen, dass das Geheimtreffen zwischen ihm und Watzke in aller Ausführlichkeit in der „Bild“ stand. Da von Heesen nichts verraten hatte (das wusste er hundertprozentig!), konnte das nur von der „anderen Seite“ gekommen sein – und Thomas von Heesen sagte der Dortmunder Borussia ab. Weil er einen solchen Vertrauensmissbrauch nicht ganz so gut ertragen konnte. Thomas Doll wurde dann vom BVB geholt – auch ein Hamburger.
Warum ich das aber schreibe? Wer nun schon eins und eins zusammenzählen kann, der weiß jetzt schon mal Bescheid.

Und es begab sich zu jener Zeit, als der HSV auf Sportchef-Suche war. Fußball-Deutschland schrieb das Jahr 2013, es lief (und läuft) gerade der fünfte Monat im Jahr. Da traf sich der HSV – ganz, ganz geheim – im Flughafen-Hotel mit zwei seiner aussichtsreichen Sportchef-Kandidaten, nämlich Oliver Kreuzer und Jörg Schmadtke. Und diese beiden Herren erlebten auch etwas höchst Seltsames. Zu ihren Geheimtreffen waren auch zwei Reporter von „Bild“ „geladen“ worden. Natürlich nicht von Kreuzer, auch nicht von Schmadtke. Diese beiden Herren hatten geglaubt, dass ein Geheimtreffen auch geheim verlaufen würde. „Bild“ aber war dabei. Gut recherchiert, die Herren. Wobei gleich zwei „Bild“-Herren in einem Hotel warteten. Das war schon ein Volltreffer. Und ich als Kollege kann den „Bild“-Kollegen nur gratulieren, sie haben wieder einmal eine Super-Nase bewiesen – und gehabt. Glückwunsch dazu. Soll nun aber niemand damit kommen, dass dieses Geheimtreffen auf irgendeine Art und Weise vom HSV, vermutlich sogar vom Aufsichtsrat, verraten worden ist. So war es bestimmt nicht. Ich frage mich allerdings, ob sich nun der „Fall von Heesen“ wiederholt? Charakterstarke Menschen mit Prinzipien würde wahrscheinlich denken, dass dieses Geheimtreffen verraten worden ist, und wenn sie dann, diese charakterstarken Menschen, noch viel mehr Charakter haben, dann verzichten sie wie einst Thomas von Heesen darauf, die Nachfolge von Frank Arnesen anzutreten. Ich bin mal gespannt, wie sich das noch entwickeln wird, wie stark die Charaktere der Herren Kandidaten sind . . .

Ansonsten wird heute, am Sonnabend, wohl nichts passieren – in Sachen Sportchef. Fußball-Deutschland denkt und lebt heute englisch. Da ich schon mehrfach gefragt worden bin, was ich bei Bayern – Dortmund tippe, will ich damit nicht hinterm Berg halten. Ich würde mich sehr über einen BVB-Sieg freuen, vor allen Dingen für Jürgen Klopp, dessen größter Fan ich bin, aber ich tippe auf einen lockeren 4:0-Sieg der Münchner. Die werden so abgezockt sein, dass sie schneller und besser Herr ihrer Nerven werden. Denke ich jedenfalls. Mal abwarten.

Heute vor 30 Jahren hat ja auch der Außenseiter gewonnen. Zum Glück. Das war fantastisch, dieser 1:0-Erfolg des HSV in Athen über Juventus Turin. Natürlich war das fantastisch, was denn sonst? Stein, Kaltz, Hieronymus, Jakobs, Wehmeyer, Groh, Rolff, Milewski, Magath, Hrubesch, Bastrup und von Heesen (kam in der 56. Minute für den verletzten Bastrup) werden auf ewig die HSV-Helden sein, und das 1:0 von Felix Magath hat sich längst für immer in die Köpfe von Millionen Fußball-Fans „eingebrannt“. Eine herrliche Zeit. Der HSV ganz oben in Europa.

Dass der HSV danach noch zwei Bundesliga-Spiele zu bestreiten hatte, nur drei Tage nach dem Triumph von Athen im Volkspark gegen Dortmund anzutreten hatte, das ist wahrscheinlich nicht mehr jedem HSV-Fan gegenwärtig. Die Borussia vom Borsigplatz wurde mit 5:0 besiegt (zweimal Horst Hrubesch, Jürgen Milewski und zwei Elfmetertore von Manfred Kaltz sorgten für diesen Erfolg), und dann ging es auf Schalke, wo der HSV durch Tore von Hrubesch und Wolfgang Rolff 2:1 gewann und Deutscher Meister wurde. Dank des besseren Torverhältnisses vor Werder Bremen. Irritiert war und bin ich immer noch, dass Ernst Happel, der Meistertrainer, damals sagte: „Die Meisterschaft bedeutet mir mehr als der Europapokal.“

Mir wäre heute beides lieber, aber das steht auf einem anderen Stück Papier.

Als im Sommer 1983 dann Horst Hrubesch den HSV verlassen musste (Standard Lüttich), begann der Abstieg dieser großartigen Mannschaft. Das „Kopfball-Ungeheuer“ war der Kopf dieses Teams, er hatte alle und alles im Griff, als er ging, entstand ein Vakuum, dass nie zu schließen war. Leider. Zumal die „Ersatzleute“, die dann verpflichtet worden waren, nämlich Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke, sich bedauerlicherweise nur als „Rohrkrepierer“ erwiesen.

Abschließend sei gesagt: Herzlichen Glückwunsch, ihr Helden von 1983, ihr habt den Namen HSV noch größer und populärer gemacht, ihr habt das größte Stück Vereinsgeschichte geschrieben – und dafür danke ich euch immer wieder.

Ich weiß ja, dass der eine oder andere Held hier mitliest (sogar die Kommentare!), wenn er Zeit hat, wenn er auf Reisen ist und im Hotelzimmer im Bett liegt. Dann wird „Matz ab“ gelesen. Vielleicht ja auch heute. Gestern sagte mir auf jeden Fall (vielleicht hat es ja jemand beobachtet, als wir uns im Block House trafen?) ein Held von 1983: „Dieter, Du müsstest eigentlich das Verdienstkreuz Erster Klasse und am Bande erhalten, weil du . . .“ Aber den Rest schenke ich mir lieber.

Bei der Gelegenheit: Vielen Dank jenen Usern, die mir privat wieder viele, viele Mails zukommen ließen. Einige haben sich die allergrößte Mühe gegeben und haben viel mehr geschrieben, als ich es mit den längsten „Matz-ab“-Berichten jemals getan habe – danke. Da steckt viel Arbeit drin. Ich weiß das sehr zu schätzen, auch wenn ich (gelegentlich auch Scholle) darin durchaus mal nach allen Regeln der Kunst und nach Strich und Faden „vernichtet“ werde. Egal, die Mühe, die sich einige machen, die ist schon bemerkenswert.

Ein netter Zeitgenosse endet in seiner Mail an mich (er schickte es anonym über das Abendblatt) wie folgt:

Neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin, natüüürlich nicht, du Witzfigur.
Armselig ist das. Einfach nur armselig.

Mit diesen interessanten, lieben, netten, höflichen, freundschaftlichen, versöhnlichen und natürlich nur gut gemeinten Buchstaben möchte ich heute dann auch enden. Danke, wie geschrieben, danke für alles und an alle. Ich schließe diesen netten Mitmenschen und natürlich alle „Matz-abber“ mit in mein heutiges Gute-Nacht-Gebet ein, ich liebe euch alle – ihr seid schon klasse. Eine Klasse für sich!
Bevor ich dieses Gute-Nacht-Gebet aber sprechen werde, gibt es noch einen heißen Fußball-Abend in und aus London, und zu diesem fußballerischen Höhepunkt wünsche ich euch und euren Lieben viel, viel Spaß und Freude – vertragt euch, auch wenn der „Falsche“ gewinnt, habt euch lieb, das Leben ist viel zu kurz, um sich ständig zu ärgern. Ganz sicher: Irgendwann kommt ein jeder mal an diesen Punkt, wo er so denkt. Und sich dabei fragt: Warum war ich damals nur so . . ?
Lasst mal wieder Ruhe einkehren.

PS: „Scholle“ hatte endlich einmal wieder eine angenehme Nacht, denn sein TSV Niendorf hat am letzten Spieltag die Rettung und den Klassenerhalt in der Oberliga Hamburg geschafft. Glückwunsch, Digger! Ein wenig traurig bin ich, dass der USC Paloma nun doch noch baden ging – denn die Vormittags-Grandspiele an der Brucknerstraße werde ich nun vermissen. Hoffentlich hören die blauen Tauben nicht auf zu fliegen, denn dann müssten sie doch im nächsten Jahr wieder da sein – oder?

15.59 Uhr

Von Zebec, Ristic und Happel

7. Juni 2011

Marcelino García Toral ist der neue Trainer beim FC Sevilla, der 45-jährige Spanier darf sich ab sofort darin versuchen, den deutschen Nationalspieler Piotr Trochowski wieder in die Spur zu bekommen. Und: Der Niederländer Martin Jol ist neuer Trainer beim englischen Erstliga-Klub FC Fulham. Der 55 Jahre alte ehemalige HSV-Coach unterschrieb einen Zweijahresvertrag mit Option auf ein Verlängerungsjahr bei jenem Klub, der dem HSV einmal empfindlich wehtat. Und die Sache mit Jeffrey Bruma, der ja noch zum HSV kommen soll, nähert sich der Entscheidung. Eine positiven Entscheidung, so glaube ich. Das sind sie aber schon, die Neuigkeiten, die heute, am 7. Juni 2011, so aus der HSV-Richtung und aus dem Volkspark auf uns “einprasselten”. Da aber der nächste Chelsea-Spieler, den der HSV verpflichten wird, leider noch ein paar Tage auf sich warten lässt, herrscht Ruhe im Karton. Zeit für mich, mit der angekündigten Trainer-Runde zu beginnen.

Mit Branko Zebec kann ich leider noch nicht dienen. Zu seiner Zeit war ich noch kein Schreiberling. Dennoch habe ich ihn mehrfach erlebt, denn ich machte damals, als er HSV-Trainer war, meinen Trainerschein in Ochsenzoll. Wir zogen uns in jenem Hause um, in dem auch die HSV-Profi-Mannschaft beheimatet war, wir trainierten auch parallel auf einem Nebenplatz, wenn sich die HSV-Profis nach der Pfeife von Branko Zebec bewegen mussten. So habe ich am Rande auch mitbekommen, dass er seine Spieler Runde um Runde drehen ließ. Zebec saß am Rande im Gras, legte Stöckchen um Stöckchen vor sich, um so mitzählen zu können, wie viele Runden schon gedreht worden sind. Dass sich der eine oder andere Profi bei diesen Dauerläufen gern einmal ausklinkte (und sich hinter einem ganz dicken Baum versteckte), das bekam Zebec nicht mit. Weil er auch vor dem Training schon gelegentlich Alkohol zu sich genommen hatte.

Eines Tages stand Zebec in den Umkleideräumen in Ochsenzoll vor mir, die Gelegenheit, mir ein Autogramm geben zu lassen. Es war nicht geplant, deswegen hielt ich ihm ein Lehrgangsbuch (über die Trainerlehre) hin. Er sah sich das Buch an, sah mich an, dann sagte er: „Dann wünsche ich mal viel Erfolg, vielleicht sind Sie eines Tages mein Nachfolger . . .“ Das hat dann aber doch nicht so ganz geklappt, denn er war schneller weg beim HSV, als ich die B-Lizenz hatte. Dass ich später tatsächlich einmal ein Angebot des HSV bekommen sollte (was mir Gerd-Volker Schock unterbreitete), das war sicherlich reiner Zufall. Ist ja aber auch nichts geworden. Das nur am Rande.

Nachdem Zebec entlassen worden war, übernahm am 1. Januar 1981 Aleksandar Ristic als Interim-Coach. Da war ich dann schon Schreiberling bei einer kleinen Zeitung in Schleswig-Holstein, und ich durfte (oder musste) auch über den HSV berichten. Mit einem kleinen Fotoapparat bewaffnet musste ich auch Fotos „knipsen“. Weil das nicht so leicht war (damals), mogelte ich mich oft ein paar Meter auf den Platz. Sah das Ristic, so kam er leise fluchend auf mich so und schmiss mich mit unfeinen Worten vom Acker. Dazu muss man wissen: Es gab damals ja keine großen „Tüten“, mit denen die Fotografen auch aus der Ferne die tollsten Fotos schossen. Das war einfach nur schwer. Und weil das so war, durfte der Bild-Fotograf Boris Heller stets „mitspielen“. Der ältere Herr durfte, im Gegensatz zu mir, auf den Rasen, um seine Fotos zu machen. Oft stand er den Spielern im Wege, aber es wurde geduldet. Was ich damals irgendwie doch ungerecht empfand, aber es wurden eben gewisse Unterschiede gemacht.

„Aleks“ Ristic war mir aber allein deswegen immer nicht so geheuer. Das war ein unheimlich scharfer „Hund“, der nicht nur böse knurren und „bellen“ konnte, sondern auch sehr, sehr böse guckte. Wenn Blicke töten könnten . . . Ich würde heute garantiert nichts mehr schreiben können. Mit seiner Art setzte Ristic aber nur das fort, was Zebec ihm offenbar mit auf den Weg gegeben hatte. Disziplin ging über alles, Härte war gefragt, auch die Härte gegen sich selbst. Um einmal einen Vergleich zu wagen: Der später zum HSV kommende Egon Coordes war eigentlich ein Waisenknabe gegen Ristic.

Ein kleines Erlebnis noch am Rande: Als mein damals kleiner Sohn Andre einmal mit zum Training war, ging er den langen Gang von oben bis zum Trainingsplatz hinunter – Aleksandar Ristic hinter ihm. Weil es dem Trainer nicht schnell genug ging, oder weil es dem Trainer gerade mal in den Sinn kam, stellte er dem kleinen Knaben ein Bein. Andre kam ins Straucheln, Ristic konnte überholen – und freute sich über seinen „Geniestreich“ diebisch. Ja, er konnte schon giftig und auch ein wenig zynisch sein, der Mann vom Balkan.

Jahre, viele Jahre später hatte dann auch ich ein Aha-Erlebnis der besonderen Art. Der HSV weilte zu einem Turnier in Porec (Kroatien). 1999 muss das gewesen sein, ein Turnier mit Sturm Graz und Varteks Varazdin. Wir Hamburger Journalisten saßen abends im Hotel und sahen in der großen Halle an der Rezeption deutsches Fernsehen, als mich plötzlich jemand von hinten am „Schlawittchen“ packte – und mich dazu anraunzte: „Wenn du noch einmal etwas Böses im Doppelpass über Aleksandar Ristic sagst, dann lebst du nicht mehr lange . . .“ In Kroatien sah man ganz offenbar auch das DSF, und in der Tat hatte ich Wochen zuvor in München sitzend nicht gerade gut über den Trainer Ristic gesprochen. Und das sah man in seiner Heimat wohl nicht ganz so gern . . . Zum Glück für mich endete dieser Zwischenfall friedlich.

Was seinerzeit für Ristic sprach: Als im Sommer 1981 Ernst Happel verpflichtet wurde, ging Ristic wieder klaglos zurück ins zweite Glied, er blieb als Co-Trainer in Hamburg. Das macht ja nicht jeder. Einmal am Chef-Posten „gerochen“, dann gibt es eigentlich kein Zurück. Das war bei Ristic anders.

Aber ganz offensichtlich hatte dieser Aleksandar Ristic auch zwei Gesichter. Die meisten Spieler sprechen heute noch voller Respekt über ihn. So wie der damalige HSV-Torwart Jupp Koitka: „Menschlich war der Aleks voll in Ordnung, der war in seinen Entscheidungen einwandfrei. Klar, sachlich, kurz, hart und diszipliniert. Wenn man ihm auf diesem Weg folgte, hatte man es gut bei ihm.“

So, über den legendären Ernst Happel habe ich an dieser Stelle schon genügend geschrieben. So u. a. am 30. September 2009 – wer nachsehen will. Happels Verhältnis zu seinen Spielern war einmalig. Jeder, wirklich jeder von ihnen stand stramm, wenn der „Alte“ etwas gesagt hat. Mir war Happels großer Erfolg immer ein wenig schleierhaft, denn vom Training her machte er nichts anderes, als seine Vorgänger oder Nachfolger. Aber bei jeder Einheit von ihm lag etwas in der Luft. Das kann man nicht beschreiben. Als Zuschauer sah man nur, dass alle parierten, dass niemand wagte, aufzumucken. Wenn bei einem Trainer hundertprozentig konzentriert gearbeitet wurde, dann bei Happel. Der musste im Grunde genommen nur einmal scharf blicken, schon wusste jeder, was er zu tun und zu lassen hatte. Und wenn Happel mit dem Mund pfiff, ganz kurz, nicht besonders laut, dann war Gefahr im Verzuge. Der Pfiff war so, als wenn man mit zwei Finger im Mund pfeifen würde, aber Happel schaffte es ohne einen Finger! Dreimal pfiff er stets, ganz kurz, ganz knapp: „Pffft, pffft, pffft.“ Und schon blicken alle auf ihn. Voller Ehrfurcht.

Jeder Spieler, der heute über Happel spricht, gibt zu Protokoll, dass der Wiener einfach jene Ausstrahlung hatte, die ihn als unfehlbar erscheinen ließ. Happel sagte etwas, und niemand von seinen Jungs zweifelte an der Richtigkeit seiner Worte. Er sprach leise, aber immer eindringlich. Unerreicht. So einen gab es nie wieder beim HSV. Wird es wohl auch nie wieder geben. Wobei ich mich frage, ob ein Ernst Happel, so wie er sich in jenen HSV-Zeiten gab, heute noch in die Bundesliga passen würde? Ich habe meine Zweifel.

Wie ich ihn damals kennen gelernt habe, warum er damals (zum Schluss seiner HSV-Zeit) nicht mehr mit Journalisten sprach – das alles habe ich schon ausführlich geschrieben. Die „rote Zora“ und so. Mein Verhältnis zu Ernst Happel war aber besser, als zum Beispiel mein Verhältnis zu Huub Stevens. Happel, der nachts auch vor dem eingeschalteten Fernseher dass und sich das Testbild ansah (er sah einfach alles!), sprach auch in jenen Zeiten mit mir, als er offiziell schon schwieg. Er wusste genau, dass ich davon nichts schreiben würde. Und daran habe ich mich auch stets gehalten.
Man konnte schon auch nett plaudern mit ihm – wenn er bei Laune war. Und er hatte, was ihm viele nicht zutrauten, unheimlich viel Witz, er konnte auch herzhaft lachen – aber alles zu seiner Zeit. Oft genug grantelte er auch wirklich, diesem Ruf wurde er oft gerecht. Dann waren alle Luft für ihn. Und eines steht auch fest: So richtig nah ran an sich ließ er niemanden. Nur zwei, drei, vier Leute aus seinem näheren Umfeld hatten es immer gut bei ihm: Die Zeugwarte zum Beispiel. Oder auch Busfahrer Willi Meier. Und vor allem sein Kartenspiel-Partner Rudi Guthmann (eine Art Hilfszeugwart). Den nannte er fast liebevoll den „G’stauchten“, weil er so klein war.

Was Ernst Happel vor allen Dingen ausmachte, das war seine große Erfahrung, seine großen Erfolge im europäischen Fußball – und seine einmalige Konsequenz. Die zog er ohne große und ohne laute Worte eisern durch, ohne Rücksicht auf Verluste. Manni Kaltz schickte er vor einem Training nach hause („Bring’ erst deine privaten Dinge in Ordnung, dann kannst du wiederkommen“), Jürgen Milewski nannte er einen „Parasiten“, Peter Lux, Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke stauchte er regelmäßig zusammen, und, und, und.

Aber er blieb stets gerecht. So auch im Kampf der Torhüter: Uli Stein und Jupp Koitka. Die hatten beide so ihre „Schreiberlinge“, die für sie Partie ergriff – öffentlich. Diese beiden Kollegen waren sogar bei einer Zeitung. Einer schrieb pro Stein, der andere pro Koitka. Also holte sich Happel beide Keeper zu sich in die Kabine und sprach: „Derjenige, der als nächster quatscht, der kann seine Koffer packen.“ Und Ende.

Dann passierte folgendes: Der Pro-Stein-Schreiber kramte ein altes Koitka-Zitat hervor, stellte es in die Zeitung. An jenem Tag klingelte bei Jupp Koitka das Telefon: „Hier Günter Netzer. Jupp, du trainierst ab sofort bei den Amateuren und kannst dir auch einen neuen Verein suchen.“ Das war hart. Koitka war wie vom Blitz getroffen, denn er hatte nach Happels Warnung „natürlich nichts mehr gesagt“. Aber es half alles nichts, er musste zu den Amateuren.

Allerdings klingelte in dieser Sache nach drei Wochen noch einmal das Telefon bei Koitka. Am anderen Ende der Leitung Ernst Happel: „Jupp, du kommst wieder zurück zu uns, ich habe nun erfahren, wie und was da gelaufen ist . . .“ Koitka heute: „Das fand dich natürlich hoch anständig von ihm, dass er da so über seinen Schatten springen konnte.“

Ja, so war Ernst Happel. Eine absolute Persönlichkeit. Und ich wiederhole mich gerne: So einen wird es nie wieder geben in Hamburg.

So, die Trainer-Galerie (meine HSV-Trainer-Galerie) wird fortgesetzt.
Eine kleine Kuriosität am Rande: Am Sonnabend schrieb ich ja, dass der HSV am Montag einen Deutsch-Türken verpflichten würde. Am Montag rief mich erst ein Kollege der Mopo an und sagte: „Danke für den Tipp, das war leichtes Arbeiten.“ Eine halbe Stunde rief mich ein Kollege der Welt an und fragte: „Wieso steht im Abendblatt-Internet, dass nach Mopo-Informationen Gökhan Töre zum HSV kommt?“ Gute Frage. Aber in allen Videotexten stand auch: „Nach Mopo-Informationen verpflichtet der HSV Gökhan Töre.“ So spielt das Leben. Aber auf das „Dankeschön“ des Mopo-Kollegen bin ich trotzdem stolz . . .

17.17 Uhr

Jörgs Sommergeschichte

2. August 2010

Die Sommergeschichten werden rarer, aber der Sommer schleicht sich ja auch auf leisen Sohlen davon – wie es scheint. Heute kommt ein Beitrag von “Jörg1967″, den wir in Längenfeld kennen gelernt – und animiert haben, seine Geschichte aufzuschreiben. Was er auch prompt gemacht hat – vielen Dank, lieber Jörg, eine sehr schöne Story. Ich gebe zu, ich als “Wessi” inhaliere solche Beiträge sehr, sehr gerne, denn ich habe nie geglaubt, dass ich es noch einmal erlebe, dass die Mauer fallen würde. Ich war 1989 und 1990 ja bei Bild, da musste ich als Reporter in die DDR, zwei Monate lang berichtete ich über die DDR-Oberliga, ganz speziell über Dynamo Dresden und den Chemnitzer FC. Es war, das muss ich sagen, eine großartige Zeit, die viel zu schnell vorüber ging, aber die ich heute noch genieße. Auch deshalb, weil ich viele, viele nette Menschen treffen durfte, vor allen Dingen natürlich Fußballer. Mit einigen stehe ich noch heute in Kontakt. Ganz nebenbei: In meinem Schrank daheim liegen noch zwei Original-Trikots von der DDR-Nationalmannschaft, die mir damals Rico Steinmann (Chemnitz) und Frank Lieberam (Dresden) schenkten. So, genug geschwafelt, jetzt geht es mit “Jörg1967″ weiter. Er schrieb:

Hallo Dieter,

bevor ich mit meiner kleinen Sommergeschichte beginne, möchte ich mich nochmals für den Matz-ab-Blog bedanken.
Durch diesen bin ich ganz nah an meinem HSV dran. Die Vielfalt an Informationen (Beiträge, Fotos) hat mich veranlasst, auch das Trainingslager in Längenfeld zu besuchen. Dort habe ich echt nette HSV-Fans und viele Matz-abber aus unserem Blog kennenlernen dürfen. Bedanken möchte ich mich vor allem bei Jacek Dembinski, er hat mich immer auf dem Laufenden gehalten und hat mir und meinem Sohn Timmi es sehr leicht gemacht, uns in die HSV Fan-Familie einzugewöhnen.

Meine Sommergeschichte beginnt vor cirka 31 Jahren. Damals ich war gerade zwölf Jahre (Jörg1967), dass ist mein Baujahr, wie Ihr es Euch ja denken könnt. Ich bin in Altenburg, Thüringen, geboren und in der DDR aufgewachsen. Von klein auf gab es für mich nur Fußball. Mein Vater verfolgte mehr die Bundesliga, statt „unsere” DDR-Oberliga. Er ist Fan des 1.FC Kaiserslautern und schwärmte immer von seinem “Fritz” (Walter), das nur so nebenbei. Mein Vater kommt deswegen ins Spiel, da er immer mein wichtigster Bezugspunkt im Leben war und ist.

1980 besuchte der Cousin meines Vaters mitsamt Familie das erste Mal die DDR, und natürlich uns. Zur Familie, die übrigens aus Wolfsburg stammt, gehört auch Sohn Jens. Der war damals schon HSVer, die Grünen spielten da noch keine Rolle. Er brachte mir eine HSV-Tasse, einen HSV-Bademantel und HSV-Bettwäsche mit. Das habe ich alles noch immer! So etwas gab es im Osten nicht, dass war für mich so besonders – es bedeutete für mich: Ich bin jetzt HSV-Fan!

Da ich zu dieser Zeit um die 13 Jahre alt war, durfte ich leider nie die Europapokalspiele schauen. Zu spät. Mein Vater legte mir dann immer einen Zettel neben das Bett, worauf alle Ergebnisse der deutschen Mannschaften standen. Nur bei den HSV-Spielen standen noch die Torschützen und die Minuten, wann die Tore gefallen waren, mit drauf. Ich freute mich jedes Mal so sehr, dass ich begann Buch, zu führen. Ich notierte von allen HSV-Spielen Datum, Ergebnis, Zuschauerzahl, Torschützen und die Mannschaftsaufstellung.

Am 15. September 1982 war es dann so weit: Europapokal der Landesmeister, BFC Dynamo Berlin gegen „meinen“ HSV. IRRE! Karten gab es keine, der Mielke-Verein hat nur seine Stasimitarbeiter und eine Handvoll HSV-Fans ins Stadion gelassen. 13 000 Zuschauer, es wurde aber offiziell ein ausverkauftes Stadion gemeldet. In das Stadion passen 30 000 Fans.
Zum Glück hatte mein Vater einen Kumpel, der Ende der siebziger Jahre Stammtorhüter beim BFC war: Jürgen Bräunlich, so ist sein Name, er bekam von meinem Vater einen Anruf – ja wir hatten schon Telefon!

„Jürgen, mein Sohn will zum HSV!“ Und der Keeper und Freund meines Vaters besorgte uns tatsächlich drei Eintrittskarten. Mein Vater, Jürgen B. und ich zu „meinem“ Verein. Da gab es nur noch eine Sache: Jürgen Bräunlich sagte zu meinem Vater: „Dein Sohn darf sich nicht regen oder bei einem Tor für den HSV jubeln, dass geht nicht, das ist verboten.“ Das Spiel endete 1:1, „unser“ Tor schoss Jürgen Milewski (das Rückspiel haben wir mit 2:0, dank Jimmy Hartwig und Horst Hrubesch, gewonnen). In der Halbzeitpause, wir saßen in der Kurve unterhalb zweier Imbissbuden, drehte ich mich gerade dorthin – und staunte. Ich sah, wie Franz Beckenbauer, Günter Netzer und „unser“ Präsident Wolfgang Klein dort entlangliefen. Keiner nahm Notiz den Prominenten, nur ich. Als ich aufstehen wollte, um zu den drei Herren zu gehen, hielten mich zwei große Hände fest: Jürgen B. und mein Vater mussten es verhindern, dass ich zu meinen Idolen
gehen konnte, man durfte ja zum Klassenfeind keinen Kontakt haben. Ich weiß nicht, was da gerade in mir vorging, aber es waren Momente die ich nie vergessen werde.

Jimmy Hartwig kam wie alle Spieler ins Stadion gelaufen, nur er machte sich nicht so warm wie die anderen HSV-Spieler. Er lief eine Ehrenrunde, und zwar noch vor Spielbeginn, und er winkte allen zu. Das interessierte außer die paar HSV-Fans nur niemanden. Heute sehe ich das als reine Provokation – der Jimmy war halt schon immer einen kleinen Tick verrückter!

Dass ich seit der Wende schon viele HSV-Spiele gesehen habe, kann sich ja jeder denken. Längenfeld war jetzt noch das I-Tüpfelchen – mit „meinem“ HSV.

15.37 Uhr

Verlängerung der Sprechstunde

5. Oktober 2009

Nun geht es weiter, etwas später als versprochen, aber jetzt  folgt die Verlängerung der dritten Sprechstunde. Eine DIN-A-Seite mit offenen Fragen habe ich noch zum Abschluss der 40. Woche. Los gehts:
„Mama Calypso“ fragte, warum der HSV damals nicht mit Ivica Olic verlängert hat? Ich war leider nicht dabei, als sich Bernd Hoffmann und Dietmar Beiersdorfer darüber unterhielten. Das, was ich (hinter vorgehaltener Hand) hörte, war so: Olic spielte zu Beginn der vergangenen Saison nicht unbedingt gut, wollte aber mit dem HSV verlängern. Beiersdorfer, so war zu hören, wollte, Hoffmann wollte nicht so recht. Und dann wurde Olic besser und besser, bekam Angebote von Juventus Turin, aus England und von den Bayern – und war weg. Weil mehr Geld eben doch mehr zieht.

„Basti 1303“ wollte wissen, ob der HSV-Vorstand bei „Matz ab“ mitliest? Keine Ahnung. Das wird sich auch jetzt zeigen, mit der Antwort zu „Mama Calypso“. Es lesen auf jeden Fall Spieler mit – und der Trainer.
„HSVIngo“ fragte zu Petric: „Will er mehr Geld?“ Wer will das nicht? Ich auch, aber ich bekomme es nicht. Petric hätte (etwas) mehr haben können, aber es war offensichtlich nicht genug. Obwohl ihm der HSV mehr geben wollte, angeblich freiwillig. Das, obwohl der Vertrag gerade einmal (vor einem halben Jahr) verlängert worden war. Da Mladen Petric aber ja selbst sagt, das alles halb so wild sei, warten wir mal ab, wie sich die Sache entwickelt. Er hat Vertrag bis 2012, sollte er im nächsten Jahr weg wollen, wird das sehr, sehr teuer für den kaufenden Klub. Vorteil HSV, würde ich sagen.
Und viel Pech für Petric, er flog, nachdem ihm ein Berliner den Fuß poliert hat (und der nette Herr Schiedsrichter dem am Boden liegenden Herrn Petric beschied, aufzustehen), am Montag nach Basel. Dort folgt nun eine Untersuchung bei Professor Bernhard Segesser, um die Schwere der Verletzung feststellen zu lassen. Allein aber die Tatsache, dass Petric nach Basel flog und das Länderspiel absagen musste, spricht dafür, dass es etwas länger dauern könnte. Wobei ich in erster Linie nur total sauer auf Perl bin, und erst dann die schlimme Situation sehe, in die der HSV nun kommen könnte.
„Stefan“ fragte zu den Ausbaumaßnahmen in der Nordtribüne. Es gibt noch nichts Neues. Es ist alles beantragt, aber ich denke, dass diese Maßnahmen erst mit Beginn der nächsten Saison Auswirkungen haben werden.
„Martin“ wollte wissen, warum die Trainer und Spieler den Medien immer zur Verfügung stehen müssen? Ja, warum? Weil es hier immer so war. Eine ziemlich dünne Erklärung, finde ich selbst. In England reden sie alle in der Woche nicht, und es geht auch. Irgendwann, so denke ich, wird es auch in Deutschland so sein, dass das große Schweigen einsetzen wird, daran wird wohl kein Weg vorbei führen. Wobei ich kurz mal auf das Beispiel Martin Jol kommen muss. Der kam aus England, sprach dort kein Wort – und musste hier nun fast täglich. Und konnte damit sehr gut leben, denn er war ein Mann, der die Medien auch für sich lenken konnte. Er hat es beherrscht, Huub Stevens zum Beispiel nicht. Er war, und ich betreue den HSV schon mit dem Wechsel von Zebec auf Ristic, der erste HSV-Trainer, der mir den Händedruck verweigerte – und nicht nur mir, sondern allen Journalisten. Ich bin selbst gespannt, wie es auf diesem Gebiet weitergeht.
„Volker Schindler“ glaubte, dass Hertha-Spieler bei „Matz ab“ mitlesen könnten – von wegen der mangelnden Qualität. Ich glaube wirklich, dass damit der Blog überschätzt wird. Und ich denke ernsthaft, dass garantiert kein Berliner Profi hier mitlesen wird. Kann mich aber natürlich auch irren.
„strandadonis“ will wissen, ob Jürgen „Joschi“ Groh noch immer als Postbote unterwegs ist. Er ist es. Im vergangenen Jahr telefonierte ich mit ihm, er lebt im Südwesten der Republik, ihm geht es gut, er schafft immer noch bei der Post, hat aber mit Fußball nichts mehr am Hut.
„JtFrom Hamburg“ fragt: Kann David Jarolim schießen? Er hat es auch in Berlin in der 11. Minute gezeigt. Er kann es EIGENTLICH nicht. Und er weiß es. Und wenn es ein Spieler weiß, dann denkt er darüber auch während der 90 Minuten nach. Er grübelt, zweifelt – und schießt schlecht. Oder erst gar nicht. Jarolim hat mir mal zugegeben, dass er schon in der Jugend ein „Schlumpfschütze“ war. So sehr er auch trainierte, so sehr sein Vater mit ihm übte, er bekam es einfach nicht hin. Und ich glaube, er weiß es auch, dass er es in diesem Leben nicht mehr richtig schaffen wird. Allerdings bestimmen ja Ausnahmen die Regel. Das 2:1 in Berlin schoss Jarolim aus immerhin 36 Metern. Es musste in diesem Falle nur weit sein, nicht sonderlich platziert. Trotzdem großes Kompliment, David Jarolim, der auch wieder ein sehr gutes Spiel gemacht hat!
„rautenträger“ erkundigte sich nach Albert Streit. Warum eckt er immer wieder an? Weil er in meinen Augen ein eigenartiger Mensch ist. Er kam mir vor wie „Schmidtchen Schleicher“, Kopf nach unten, nichts sehen, nichts sagen, nichts hören. Das allein macht es nicht schlimm. Schlimm ist es nur deswegen, weil er offenbar von keinem Trainer der Welt etwas annehmen will – und wollte. Streit hatte immer nur ein Tempo, er war offensichtlich auch nicht bereit, einmal einen Schritt schneller zu machen, er war auch nicht bereit, die Ärmel hoch zu krempeln und zu kämpfen. Mein Resümee: Albert Streit lebt in seiner eigenen Welt, er verdient auch ohne zu spielen Millionen – was ist schlecht daran (für ihn)?

„Benno Hafas“ fragte, ob Chemnitz 1990 nicht noch Carl-Marx-Stadt hieß? Ich bin eindeutig in Chemnitz gewesen, nur so hieß die Stadt während meiner kurzen DDR-Zeit.
„de Jong“ erkundigte sich nach der Beliebtheit von Piotr Trochowski im HSV-Team. Offenbar hat er ja bei Euch jeglichen Kredit verspielt, Ihr bezeichnet ihn als Selbstüberschätzer, als abgehobenen Überflieger und, und, und. Das alles kann ich nicht bestätigen. Und ganz sicher wird er auch innerhalb der Mannschaft von den Kollegen nicht so wahrgenommen. Er ordnet sich ein, ist kein Selbstdarsteller. Dass Ihr ihm übel nehmt, weil er in jede Kamera lächelt und in jedes Mikrofon beißt, finde ich unfair. Trochowski hat genau das jahrelang nicht gemacht, erst als er „richtiger „Nationalspieler wurde, stellte er sich – und zwar bei Sieg und bei Niederlage. Das macht nicht jeder. Von den Journalisten wurde „Troche“ ob seiner Professionalität gelobt, von Euch wird er deswegen fast vernichtet – Mann kann es eben nicht allen recht machen.
“Nordisch“ wollte wissen, wie ich zu Spielerberatern stehe? Nicht so gut, gebe ich zu. Wobei das noch leicht untertrieben ist. Weil die meisten von ihnen als Haie unterwegs sind, sie immer dann gnadenlos zubeißen, wenn sie ein kleines Bündel Geldscheine wittern. Es gibt einige Ausnahmen, die ich nicht alle nennen möchte. Mein Favorit ist Jürgen Milewski, eindeutig. Der ehemalige HSV-Spieler ist seriös, ruhig und vertraut seinem Können. Er ist für mich ein Spieler-Berater, die anderen sind eher Spieler-Vermittler, die liebend gerne sehen, wenn ihre Schützlinge jedes Jahr den Arbeitgeber wechseln. Denn das bedeutet viel, viel Kohle in der eigenen Tasche.

„Friedrich Hebbel“ dachte beim 1:0 der Berliner Hertha sofort an mich: Eckstoß, Verlängerung am ersten Pfosten, dann wird eingenetzt. So habe ich es mir in der Tat vorgestellt – vom HSV! Allerdings, wer genau aufgepasst hat in diesem Spiel: Eckstoß von rechts (Dennis Aogo), Kopfballverlängerung am ersten Pfosten durch Joris Mathijsen, danach drohte den Berliner Gefahr (zum Schluss schoss sogar Tunay Torun, glaube ich) – das war schon mal schön anzusehen. Es geht doch. Es kommt auf jeden Fall etwas Hoffnung auf.
„mazda“ unterstellte mir nun, ich möchte mal wieder in den Doppelpass. Wer möchte das nicht? Im Ernst: Glaubt tatsächlich jemand von Euch, ich würde über den Doppelpass herfallen? Ich habe beim DSF schon so viele schöne Sendungen miterlebt, habe viel Spaß gehabt, habe vor allem tolle und nette Menschen kennen gelernt – auch wenn oft und viel über Bayern gesprochen wurde. Um es noch deutlicher zu sagen: Ich habe in meinem Leben bislang 64 Doppelpässe mitgemacht, ich könnte deswegen auch ganz locker auf eine erneute Einladung verzichten – aber ich freue mich schon heute auf jede weitere „Sitzung“ in München. Aber, auch das ganz deutlich: Ich werde sicher niemals darum betteln, Herr „mazda“, das habe ich noch nie getan – das überlasse ich gerne anderen.

Allgemein möchte ich noch festhalten, dass sich niemand genötigt fühlen sollte, „Matz ab“ zu lesen.
„Dylan 1941“ muss ich enttäuschen (war ja wohl  auch nur als Scherz gedacht!!), es wird hier keine Editfunktion geben.

Allgemein möchte ich zu dem Gewinnspiel noch sagen: Was haltet Ihr davon, wenn ich es abwechselnd mache: Eine harte Frage, eine weiche Frage, mal gibt es für Hart ein Trikot, mal für Weich. Nur ein Vorschlag zur Güte.

„Janigol“ fragt, was ich von Joachim Löw halte? Sehr viel. Er ist ein netter Mensch, und er hat Ahnung von seinem Job als Bundestrainer, denn in der Tat hat er während der WM 2006 mehr gemacht, als das bei einem Assistenten von Jürgen Klinsmann vermutet werden könnte. Wenn Löw damals in Berlin zu uns Journalisten sprach, hatte das – natürlich – immer Hand und Fuß. Er verfolgt seine Linie konsequent, man sieht es jetzt mit Torsten Frings, das zeichnet den Bundestrainer aus. Und er gilt als Taktik-Fuchs.
„Nordbert“ wies mich darauf hin, dass Spiegel, Stern, Zeit und Co ja in Hamburg gemacht werden und deswegen ja auch hamburg-lastig sein müssten. Sehe ich nicht ganz so, denn diese Zeitschriften laden ja keine Gäste nach Hamburg ein. Der Doppelpass aber sehr wohl, da sitzen oft genug Münchner Kollegen, allein aus Kostengründen (von wegen der Flüge nach Bayern).

Und zu „HSVboerni“ gesagt: Sollte es mal eine Chance geben, gemeinsam mit Lotto King Karl, dann versuche ich es. Lotto würde das bestimmt mal mitmachen.
So, nun ist es vollbracht, ich bin geschafft – ich wünsche Euch eine erfolgreiche und gute Woche.

15.56 Uhr

Die Super-Anstoßzeit

30. September 2009

Selbst wenn die Hertha-Profis bei „Matz ab“ mitlesen würden, hätte ich keine Bange. Durch dieses Mitlesen würden sie auch nicht mehr Qualität in ihr Team bekommen, denn die Qualität fehlt ganz einfach. Und wenn sie jetzt damit beginnen würden, zu kratzen, zu beißen, zu treten, dann wäre da ja immer noch ein Schiedsrichter auf dem Platz. Was mich allerdings bedenklich stimmt ist die Tatsache, dass Trainer Lucien Favre wohl deshalb gehen musste, weil die Chemie zwischen ihm und dem Team nicht mehr stimmte. Mit anderen Worten: Die Spieler hatten keinen Bock mehr auf den unbeliebten Coach. Deshalb stünden – und stehen – sie natürlich jetzt, gegenüber ihrem Präsidium und den Fans, in der Pflicht, ab sofort alles und noch mehr zu geben. Aber das würde ja auch schon in der Europa League am Donnerstag bei Sporting Lissabon beginnen – warten wir also mal ab. Übrigens: In der TV-Zeitschrift „Hör zu“ von diesem Wochenende hat Jerome Boateng das Ergebnis zwischen Hertha und dem HSV auf 0:3 getippt. Hoffentlich lesen die Berliner Profis nicht gerade die „Hör zu“. . .

Wobei ich doch sehr erstaunt bin, dass sowohl die Berliner als auch der HSV ihre EL-Spiele jeweils um 21.05 Uhr anstoßen werden (oder lassen). 21.05 Uhr? Warum nicht 21.07 Uhr? Oder 21.11 Uhr? Oder warum nicht gleich um 23.46 Uhr? Es ist wahrlich ein Jammer, was inzwischen mit den Anstoßzeiten geschehen ist. Ich kann mich noch erinnern, als Gerhard Mayer-Vorfelder DFB-Präsident war (bitte jetzt keine gehässigen Kommentare!). Bei jedem Länderspiel, dass zwischen 20.30 Uhr und 20.45 Uhr Anstoß hatte, versprach er stets vollmundig: „Ich werden mich dafür einsetzen, dass die nächsten Spiele wieder früher beginnen, denn die Jugend will doch auch etwas davon sehen. Es blieb aber beim Vorhaben. Heute ist es unmöglich, die Spiele wieder vorzuverlegen. Es sei denn, das Fernsehen bittet aus Kollisionsgründen mit anderen EL-Spielen darum und überzeugt den jeweiligen Klub mit einer Handvoll Dollar mehr. . .

Aber noch einmal zurück zu 21.05 Uhr? Das Spiel ist also gegen 23 Uhr beendet. Dann wird der Heimweg angetreten. Geht es nach außerhalb, fährt eventuell schon kein öffentliches Verkehrsmittel mehr, wenn man erst kurz nach Mitternacht am Hauptbahnhof eingetrudelt ist. Dann sollte ein solches Spiel vielleicht doch lieber erst (oder schon?) um 3.49 Uhr angepfiffen werden, denn wenn es dann beendet wäre, beginnt gerade ein neuer Tag. Jeder Fan, der mit der Bahn in die Arena gekommen ist, könnte bequem den Morgen-Zug in die Firma besteigen – und den lieben Kollegen, die während des Spiels noch selig geschlafen haben, aus erster Hand erzählen, wie und warum es so gelaufen ist. Und wenn um 3.49 Uhr doch nicht die passende Zeit für den Anstoß sein sollte, weil dann gerade noch dringend ein Werbeblock Millionen einspielen und deshalb gezeigt werden muss, dann eben um 4.03 Uhr. Irgendwas geht immer, ganz sicher.

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich auf „21.05 Uhr“ einen wirklich ganz dicken Hals habe. Kinder und Jugendliche müssen eventuell nicht nur früh ins Bett, sondern können schon gar nicht mehr ins Stadion kommen. Aber wie heißt es so schön in dieser Welt? Schwund ist überall.

Wie komme ich nun von Schwund auf die harten und die weichen Bundesliga-Trainer? Auf den Schleifer und den Kumpel? Weiß ich auch nicht genau, aber jetzt bin ich schon da. Ihr habt das Thema ja leicht vorangetrieben. Zu Ernst Happel muss ich Euch sagen, dass ich mich eher der Meinung von „Eiche Nogly“ anschließe. Ich glaube auch – ist natürlich hypothetisch und nie beweisbar -, dass der „gute Ernst“ heute große, große Schwierigkeiten hätte, eine Mannschaft (wie damals den HSV) zu stolzen Erfolgen und zu vielen Titeln zu führen. Natürlich war er ein großer Fachmann, natürlich hat jeder Spieler beim ihm pariert, aber er hatte auch genügend Ecken und Kanten, die heute in der Medienlandschaft natürlich ihr (nicht immer positives) Echo gefunden hätten.

Happel nannte Stürmer Jürgen Milewski einst „einen Parasiten“. Er stellte Manfred Kaltz frei, weil der private Probleme hatte („Komm’ erst wieder, wenn du die geregelt hast“), und er behandelte Peter Lux eben mal wie Peter Lux und Wolfram Wuttke wie Wolfram Wuttke. So war er, der Happel Ernst. Er sprach ja auch das letzte halbe Jahr in Hamburg nicht mehr mit den Zeitungen – mit keiner! Weil er sich verraten gefühlt hat. Bei einem Hallenturnier in Berlin saß nämlich im HSV-Bus ganz vorn nicht nur Happel, sondern plötzlich auch die „rote Zora“. Jetzt darf man es ja schreiben. Happel merkte, dass das auch die Hamburger Journalisten bemerkt hatten, er stieg aus dem Bus und bat kurz und grantelnd darum, keine Zeile über die Dame zu verbreiten. Daran hielten sich aber nicht alle, und schon war der Bruch zwischen Trainer und Medien da. Weil bei Happel daheim in Norderstedt seine Freundin wartete. Und ganz daheim in Wien brachte seine Ehefrau auch nur wenig Verständnis für die Dame aus Berlin auf.

Also schwieg Ernst Happel nach diesem Vorfall beharrlich: “I geb koan Kommentar!” Könnte er sich das heute noch erlauben? Ich behaupte nein. Auch wenn Ihr (oder einige von Euch) ganz offensichtlich nicht die beste Meinung von uns „Pressefuzzis“ habt. Sie – oder wir – sind in der heutigen Landschaft aber unentbehrlich. Auch wenn Ihr es nicht so richtig wahrhaben wollt.

Aber, und da wären wir wieder bei den unmöglichen Anstoßzeiten: Warum beginnen heute die Spiele um 21.05 Uhr? Genau, weil es die Medien so bestimmen. Und die Vereine bekommen dafür einiges an Geld in die oft leere Kasse. Die Zeichen der Zeit stehen so, da lässt sich auch nichts mehr zurückdrehen, denn die Spieler benötigen vor allem eines: Geld, Geld und nochmals Geld. Und das kommt eben nicht mehr (nur) von den Zuschauern, sondern aus anderen Quellen. Wie zum Beispiel die Medien. Mit ihren oft so ungeliebten Pressefuzzis.

Und noch ein Wort zu User „Lars“. Natürlich zählt auch bei einem 1:0-Sieg über die Bayern die Mannschaft und der Teamgeist, aber was wollt Ihr lesen: Die Mannschaft hat sich zerrissen, sie hat alles gegeben, sie hat gegrätscht, hervorragend gepasst, großartig geflankt, super geschossen, die Mannschaft wirkte 90 Minuten konzentriert, sie hat diszipliniert gespielt, ging geschlossen zu Werke, und zwar von vorne bis hinten, und sie hat ordentlich dagegen gehalten. Spannend, was?

Ich weiß, ich weiß, auch ich kann es  in diesem Punkt ganz sicher niemandem recht machen, aber warum darf ich nicht schreiben, dass Ze Roberto hervorragend war, dass Mladen Petric in der Form seines Lebens ist? Wenn Ihr dann anderer Meinung seid, schreibt Ihr es mir und beweist das Gegenteil. Ist doch ganz einfach.

Mein alter (und erster) Chefredakteur „Kuddl“ Dwinger hat mir einst bei Dienstantritt gesagt: „Denken Sie dran, Herr Matz, in die Zeitung gehören Namen, Namen, Namen.“ Weil der Nachbar diesen Namen kennt, weil die Freunde und auch die Familie diesen Namen lesen – und es dadurch einen Wiedererkennungswert gibt. Darüber wird dann gesprochen. Und, auch das sagte mir der Chef noch, wer will denn wissen, ob der Ball vom Winde verweht wurde, dass gegen die Strömung schwer zu spielen war, dass es eine falsche Wende an der 25-Meter-Marke gegeben hat? Wer?

Aber wer war es? Genau das ist doch die entscheidende Frage, und dann auch wie und warum? Deswegen lobe ich mir hier die Geschichtchen um Ze Roberto und Mladen Petric. Oder zum Beispiel auch die Labbadia-Story. Obwohl der zum Beispiel gegen die Bayern ja gar nicht gespielt und demzufolge nicht gewonnen hat – sondern das ganze Team des HSV.

Ich wünsche Euch einen schönen Europa-League-Abend – und einen erfolgreichen.

22.25 Uhr

In eigener Sache
Pfeil
0  00 : 00 : 00
Tage  Std.  Min.  Sek.