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Calhanoglu erstmals für den HSV am Ball

17. Juli 2013

Und plötzlich stand er da. In kurzen Hosen – okay, die hatte er auch sonst an. Aber mit Fußballschuhen und auf dem Trainingsplatz. Dabei hatte es bis dahin geheißen, dass Hakan Calhanoglu pausieren würde. Rückenprobleme bereiten dem Deutsch-Türken Probleme. Deshalb konnte der 19-Jährige auch nicht an der U19-EM teilnehmen. Wobei allein der Gedanke, dass Calhanoglu in der Sommerpause zwei Endturniere spielen soll unfassbar ist. Zumindest hierzulande.

Erstmals im HSV-Training: Hakan Calhanoglo

Erstmals im HSV-Training: Hakan Calhanoglo

Fotos mit dem iPhone sind auf längere Distanz schwierig. Aber den Versuch wert...

Fotos mit dem iPhone sind auf längere Distanz schwierig. Aber den Versuch wert…

Aber egal, Calhanoglu war dabei. Früher als geplant. „Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten, nur zuzuschauen“, sagt der Mittelfeldmann und grinst. Dass er nur ein dosiertes Programm absolvierte – klar. Calhanoglu soll langsam aufgebaut werden. In der Vorbereitung ebenso wie letztlich auch in der Saison. Am Sonnabend, beim Telekom-Cup spielt der Mittelfeldmann, von dem sich alle erhoffen, er könne mal die Van-der-Vaart-Nachfolge antreten, noch nicht. „Er wird am Wochenende natürlich nicht eingesetzt“, sagt HSV-Trainer Thorsten Fink, der such am Dienstag das erste Mal dazu hinreißen ließ, Calhanoglu neben van der Vaart eine Chance einzuräumen. Bisher hatte Fink immer wieder betont, Calhanoglu für die Fälle einzuplanen, dass van der Vaart verletzt oder gesperrt – oder ausgewechselt werden muss. Nach dem sehr ordentlichen Testspielsieg gegen Anderlecht weichte Fink diesen Entschluss auf. Endlich. „Rafael ist und bleibt mein Kapitän, er ist gesetzt. Aber natürlich wehre ich mich nicht dagegen, wenn es eine andere Möglichkeit gibt. Wenn Hakan gut drauf ist, werde ich schon eine Position für ihn finden.“

Genau so muss es auch sein.

Denn Calhanoglu hat die Portion Potenzial, die man fördern muss, wenn man sich selbst auferlegt hat, eine Verjüngungskur zu machen. Der von Frank Arnesen mit Michael Oenning einst gestartete Umbruch hat noch lange nicht die Dimension erreicht, mit der man sich zufrieden geben darf. Im Gegenteil. Ein Maximilian Beister ist noch weit entfernt von seinem Leistungspotenzial, ein Tolgay Arslan hat es in Ansätzen gezeigt, kann aber auch noch nicht als Stammkraft bezeichnet werden. Zu den beiden gesellen sich jetzt eben Kerem Demirbay Hakan Calhanoglu und Lasse Sobiech. Jonathan Tah lasse ich noch ein wenig außen vor, da der 17-Jährige sicher noch länger brauchen wird als die zuvor genannten – ohne dass ich dem bulligen Innenverteidiger damit etwas absprechen will. Im Gegenteil.

Klar wird aber, dass der HSV jetzt die junge Garde hat, mit der man zumindest perspektivisch größere Ziele anpeilen kann. Und der HSV hat einen Trainer, der vermittelt, worauf gesetzt wird: auf Perspektive. „Diese Stimmung transportiert der Trainer sehr gut“, sagt Lasse Sobiech, „es herrscht eine super Mischung aus jungen Spielern und einigen Erfahreneren. Hier passiert etwas.“ Und wenn nicht in der nächsten Saison, dann danach. „Die Voraussetzungen sind super“, führt Sobiech, mit dem ich heute ein sehr nettes Gespräch führen durfte, aus. Alle werden gleich behandelt, der Trainer macht keinen Unterschied. Und die Spieler nehmen es an. Hier nimmt sich kein Spieler zu wichtig.“

Der Eindruck, den Sobiech als Jugendlicher vom HSV hatte, hat sich zumindest nicht bestätigt. „Ich mochte den HSV immer. Aber für mich war der HSV durch seine Wucht, die Größe und den Stars immer ein Verein, der etwas weiter weg war, der manchmal etwas steril wirkte. Das habe ich jetzt revidiert. Der HSV ist für mich nur noch ein großer, wuchtiger Verein mit riesiger Tradition und großem Potenzial – aber persönlich. Hier nimmt sich keiner zu wichtig, die Fans sind nahe dran. Hier gibt es keine Allüren, wie man vielleicht denken könnte.“

Wobei ich glaube, dass es beim HSV auch wenige Spieler gibt, die weiter weg sind von Allüren als Sobiech selbst. Der junge Innenverteidiger wirkt extrem sympathisch, weil er klar ist. Er weiß, dass er einen großen Schritt machen kann, er will es auch – aber er nimmt nicht als selbstverständlich. „Ich habe den traditionellen Weg genommen, bin über die Jugend beim BVB in die Zweite der Dortmunder, habe dann bei den Profis mitgemacht. Und als ich merkte, dass ich nicht allzu viele Spiele dort bekommen würde, bin ich gewechselt, habe über den FC St. Pauli und Greuther Fürth Bundeligaerfahrungen sammeln können. Ich mache einen Schritt nach dem anderen.“

Fürwahr. Hektisch ist Sobiech sicher nicht. Der in Schwerte bei Dortmund geborene Rechtsfuß ist der eher bodenständigere, vernünftige Typ. Denn obwohl ihm Oliver Kreuzer schon vor Wochen garantieren wollte, dass der Wechsel zum HSV klappen würde, obgleich dafür noch Spieler verkauft und Gremien ihr Okay geben mussten, hielt sich Sobiech an das, was er hatte. „Ich bin keiner, der zu früh träumt, ich nehme das, was ich Schwarz auf Weiß habe. Und deshalb habe ich im Training bei Borussia Dortmund Gas gegeben, als würde ich dort spielen.“ Ob er gern weiter beim BVB spielen würde, jetzt wo erneut eine Champions-League-Saison ansteht? „Klar ist das ein toller Klub, und ich kenne die meisten Spieler schon lange. Ich weiß, dass da richtig gute Kicker sind. Aber ich bin zu realistisch. Für mich ist es wichtig, dass ich Spiele bekomme. Und das sehe ich beim HSV.“ Und obgleich bei Sobiech der Verstand die Oberhand hat, sagt er: „Vom Herzen her war ich schon in Hamburg. Der HSV ist mein Wunschverein, für mich ist dieser Wechsel ein Riesending.“

Bei 196 Zentimetern Körperlänge – ich bin 1,94 m und hatte eher das Gefühl, Sobiech sei an die zwei Meter – ist es auch für den HSV ein Riesentransfer. Bei der U21-EM hatte Kreuzer das Gespräch mit dem Innenverteidiger gesucht, und schnell dessen vertrauen gewonnen. „Ich bin eigentlich nicht leichtgläubig. Ich bin keiner, der zu schnell vertraut“, sagt Sobiech, „aber das, was Herr Kreuzer gemacht hat, hat mir imponiert. Er hat mir ein extrem gutes Gefühl vermittelt und – was noch viel wichtiger ist – er hat bei allem, was er gesagt hat, Wort gehalten. Das ist mir sehr wichtig.“

Ebenso wie die Familie und sein Berater – Jürgen Milewski, der ihm den Wechsel nach Hamburg mit eigener Erfahrung schmackhaft machen konnte. „Das sind die Leute, auf die ich höre, deren Urteil mir wichtig ist.“ Nebst dem des Trainers wohlgemerkt, wie Sobiech anfügt. Zeitungsmeldungen, also uns Journalisten, misst Sobiech eher wenig Gewicht bei. Und selbst das weiß der Liebling aller Schwiegermütter gut zu verkaufen. „Es wird nie so sein, dass alles gut ist. Irgendwer findet immer etwas, was ich verbessern kann oder besser hätte machen können. Aber das weiß ich selbst. Ich weiß, woran ich arbeiten muss und ich verlasse mich auf diejenigen, auf die ich auch in den letzten Jahren immer verlassen konnte.“

Gut so!

Wo denn seine Qualitäten und seine größten Baustellen sind? „Ich glaube, dass mein Kopfballspiel und mein Aufbauspiel recht gut sind“, sagt Sobiech, der sich allerdings noch an die neuen Mannschaftskameraden und deren Laufwege gewöhnen muss. „Noch halt es hier und da, aber das kommt mit der Zeit.“

Was mit seiner Torgefahr sei? Die wurde von Kreuzer wie von Fink immer genannt, wenn es darum ging, Sobiech zu beschreiben. „Ich dachte auch immer, ich sei einigermaßen torgefährlich“, sagt Sobiech und lacht dabei, „aber ich habe in Fürth leider nur zwei Tore in der Rückrunde gemacht. Das ist dann doch ausbaufähig.“

Stimmt. Und ich würde nur zu gern zusehen, wie das Double von Per Mertesacker beim HSV die Karriere hinlegt, die der Arsenal-Profi hingelegt hat. Zusammen mit Calhanoglu. Und Demirbay. Und Arslan. Und Beister. Einfach so, dass der vor zwei Jahren eingeläutete Umbruch Erfolge aufzuweisen hat. Doe Möglichkeit dazu ist sehr groß. Zumal jetzt, wo der HSV eine sehr schleppend begonnene Vorbereitung in eine sehr gute verwandelt. „Die Mannschaft macht mir Spaß“, sagt Fink, der seinen Kickern am Mittwochnachmittag frei gegeben hat. Weil sie gut gearbeitet haben. Auch am Mittwoch bei gefühlt 80 Grad im Schatten. Ein Kraftzirkel der Marke „Schmerzhaft“ wurde eingeschoben – und selbst Rafael van der Vaart gefiel es: „Gegen Anderlecht war es das erste Mal so, dass wir 90 Minuten gut waren. Da müssen wir weitermachen.“ Mit einer gelungenen Mischung aus Konditionsbolzen und Spaß. „Die Einheit war schon extrahart. Aber wir brauchen nicht nur Spaß, wir brauchen auch das.“ Vor allem, wenn man am Sonnabend dem Deutschen Meister und Champions-League-Sieger Bayern München etwas abtrotzen will. „Wenn wir so gut und diszipliniert wie gegen Anderlecht spielen, können wir was schaffen“, sagt van der Vaart und Fink ergänzt: „Bayern ist der Favorit – aber wir sind gut drauf. Wir fahren dahin und wollen versuchen, das Turnier zu gewinnen.“

Klingt gut. So gut, dass ich den Blog für heute damit abschließen will. Mit einem kleinen Zwischenfazit: Dieses Trainingslager ist zwar arm an großen Ereignissen, aber reich an hoffnungsvollen Erkenntnissen. Eine gute Mischung, wie ich finde…

Bis morgen.

Scholle

P.S.: Auf unserer Facebookseite (www.facebook.com/groups/matzab) gibt es weiterhin Fotos und hoffentlich auch bald Videos. Ich arbeite noch mit unserem Hotel daran, dass die gewünschte Datenmenge von meinem Handy via WLAN übertragen werden kann… Auf jeden Fall aber werde ich Euch über Facebook weiterhin mit schnellen Infos aus dem Trainingslager versorgen und abends hier den Blog reinstellen.

P.P.S.: Johan Djourou absolvierte heute leichtes Lauftraining, soll in den kommenden Tagen wieder einsteigen. Paul Scharner rechnet noch mit rund sieben Tagen Pause.

P.P.P.S.: Viele hätten jetzt erwartet, dass ich hier auf die neuerliche Posse des Aufsichtsrates eingehe. Allerdings ist die Tatsache, dass ein Brief des Vorstandes an den Aufsichtsrat öffentlich wird, nicht einwandfrei einem zuzuordnen. Und obwohl ich mich über diese unfassbaren Vorgänge stundenlang echauffieren könnte bis ich mein Mageninneres preisgebe – ich ignoriere den neuerlichen Tiefschlag. Weil derjenige, der dem Verein diesmal schaden wollte, einfach möglichst wenig – nein, am besten gar keine Beachtung verdient hat. Punkt.

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