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Es geht wieder los – Slomka bittet zum Training

18. Juli 2014

Morgen, genau an diesem Sonnabend, 19. Juli, beginnt die zweite Trainings-Dekade des HSV. Um 15 Uhr bittet Trainer Mirko Slomka seine Mannen im Volkspark zum zweiten Aufgalopp, und wenn ich mich nicht verhört habe, dann spricht der Coach davon, dass es noch härter wird als zum Auftakt. Und was habe ich gemacht, als ich das hörte? Einen Luftsprung! Einen? Drei, vier! Eigentlich springe ich immer noch. Endlich spricht ein Trainer von „Härte“ im Training und in der Vorbereitung. Schluss mit dem Pille-Palle-Training. Mirko Slomka, der von Beginn an die gravierenden Defizite in Sachen körperlicher Fitness seines Teams erkannt und auch sofort reagiert hatte, gibt weiter Gas. Und das ist auch gut so. Der HSV hat doch namentlich eine gute Truppe beisammen, das kann doch keiner bestreiten, diese Truppe muss nur gut oder bestens trainiert werden, um Leistungen zu bringen – und nun ist offenbar ein Trainer am Ruder, der das auch in die Tat umsetzen wird. An diesem Sonnabend werden dann auch die WM-Fahrer Johan Djourou und Milan Badelj wieder ins Training einsteigen. Fehlen eigentlich nur noch zwei, drei, vier neue Spieler, die der HSV noch dringend benötigt. Um in Richtung Mittelfeld durchstarten zu können.

Durchstarten ist das Stichwort. Das gilt ja nicht nur für die HSV-Profis, das gilt im Grunde genommen für den gesamten Verein. Es gibt viel zu tun, sehr viel aufzuholen, und es ist nun endlich mal an der Zeit, dass da vernünftig und mit Plan angepackt wird. Und da habe ich, das schrieb ich gestern bereits, ein wirklich gutes Gefühl. Deswegen werte ich es auch als sehr gutes Zeichen, dass Bernhard Peters, der beim HSV vom 1. August an als Direktor den Nachwuchsbereich unter Kontrolle bekommen soll, heute bereits einmal sein neues Umfeld inspiziert hat. Der Noch-Hoffenheimer sah sich auch die „Talentschmiede“ Ochsenzoll an. Die Meldung (der Bild), dass Peters bis Ende des Jahres noch in beratender Funktion für die TSG 1899 tätig sein wird, schockt übrigens niemand im HSV. Darunter, so die einhellige Meinung im Volkspark, wird die Arbeit von Bernhard Peters für den HSV nicht leiden. Und auch ich gehe davon aus, denn der ehemalige Hockey-Nationaltrainer ist ein Mann, der anpackt und der etwas erreichen will. Halbe Sachen sind seine Sache nicht. Geht davon aus.

Ansonsten hat sich auch heute wieder nicht so wirklich etwas im HSV getan. Die Sache mit den Neuverpflichtungen dauert noch, da müssen wir alle noch ein wenig Geduld aufbringen. Aber sind wir das nicht schon aus den letzten Jahren gewöhnt? Ich meine ja. Laut Mopo soll ja ein „alt-bekannter“ HSVer im Anmarsch sein: David Jarolim. Der Tscheche hat es in seinem Vertrag stehen, dass er irgendwann einmal als Jugendtrainer (oder in ähnlicher Funktion) beim HSV einsteigen kann. Und wird. Wann das so ist, ist allerdings noch offen. Dietmar Beiersdorfer hatte bis vor wenigen Tagen noch nicht mit „Jaro“ gesprochen, ich denke ja auch, dass das dann eher auch in den „Beritt“ von Bernhard Peters fallen dürfte. Gut finden würde ich es natürlich, wenn ein alter Fahrensmann für David Jarolim, der die Raute stets in seinem Herzen trug, wieder nach Hamburg zurückkehren würde.

Dann gab es ja noch das Gerücht, dass Slobodan Rajkovic in ein Tauschgeschäft verwickelt sein soll. Damit habe ich beim HSV nachgefragt – es ist nichts dran. Die Antwort, die ich erhielt, war eher ein wenig schroff: „Totaler Blödsinn.“ Denke ich ja auch, denn welcher verein bemüht sich jetzt um einen Spieler, der nicht vor Ende des Jahres fit ist? Dieser verein dürfte dann wohl aktuell keinerlei Sorgen haben . . . Nein, nein, ich glaube auch, dass das eine Voll-Ente ist. Dazu passend ist auch das Gerücht, das es um den Dribbelkünstler Hiroshi Kiyotake (24) vom 1. FC Nürnberg gibt. Der HSV soll dran sein, der HSV soll Interesse haben. Was ich mir sogar vorstellen könnte, denn bei seinem ersten Auftritt in Hamburg bot der Japaner eine so großartige Vorstellung, dass ich ihn am liebsten hierbehalten hätte. Ging leider nicht. Und nun soll er fünf Millionen Euro kosten, das ist schon hammerhart. Wobei, das muss ich auch zugeben, Kiyotake meiner Meinung nach nie wieder an jene Leistung herangekommen ist, die er einst im Spiel beim und gegen den HSV gezeigt hatte.

Apropos Leistung: Hakan Calhanoglu hat mal wieder etwas zum Besten gegeben. In der Bild. Der junge Mann ist das unermüdlich. Er hat sich über die HSV-Fans beklagt: „Man hat mich beschimpft und gemobbt, obwohl ich so viel für den Verein getan habe . . .“ Mir wären fast die Tränen gekommen. Ehrlich. Er hat so viel für den HSV getan. Und der HSV? Hat der nicht auch etwas für ihn getan? Immerhin pünktlich das Gehalt überwiesen. Und das dürfte mehr sein, als ein Karstadt-Verkäufer, ein Installateur, ein Versicherungsmakler, ein Maler oder ein Bäcker verdient, gewesen sein. Und all diese Leute haben auch so viel für ihren Arbeitgeber getan – weil es ihre Pflicht ist. So funktioniert das mit der Arbeit. Nur so. Und der HSV hat immerhin dafür gesorgt, dass ein Hakan Calhanoglu vom Karlsruher SC in die Erste Bundesliga kommen konnte, und dass dieser junge Mann davon träumen darf (kann ihm ja niemand verbieten), eines Tages ein so großer Fußballer wie Messi oder Cristiano Ronaldo zu sein.

Nein, irgendwann ist auch mal Schluss mit lustig. Irgendwann sollte auch ein Berater, der Millionen verdient, in beratender Funktion einschreiten und seinem Mandanten nahelegen, besser mal den Mund zu halten. Es ist doch wesentlich besser, Taten sprechen zu lassen, als sich immer nur zu beklagen. Dass die HSV-Fans sauer auf einen Spieler sind, der sogar davon sprach, bei einem Abstieg in die Zweiten Liga weiterhin für die Raute kicken zu wollen, ist doch klar. Sonnenklar. So ging es letztlich fast jedem Spieler, der es in Hamburg vorzog, das Weite zu suchen – ein Beispiel von vielen ist der Name Daniel van Buyten. Ob sich ein Jung-Millionär allerdings so weit herunterlassen kann, um sich in die Lage eines kleinen HSV-Fans, der seinen Verein ohne jeden Kompromiss liebt, zu versetzen? Da glaube ich fehlt es dann doch. An allem.

Ein anderes Thema. Der Rücktritt aus der Nationalmannschaft von Kapitän Philipp Lahm. Ich denke ja auch, dass mindetens noch ein weiterer Spieler folgen wird – wenn nicht noch mehr. Ich rechne auch mit dem Abschied von Miroslav Klose. Und dann denke ich sofort auch an den HSV. Wenn Dennis Diekmeier und Pierre-Michel Lasogga (den viele ja schon für die WM 2014 auf dem Zettel hatten) nun ordentlich Gas geben, auch ordentlich Gas geben können, weil sie bestens trainiert werden (ja, ich bohre weiter in dieser Wunde herum!), dann könnten sie doch eines Tages für Deutschland auflaufen. Könnten. Ich will da nicht zu viel hineingeheimnissen – aber möglich wäre es immerhin. Weil es ansonsten ja nicht mehr so viele Kandidaten gibt – bislang jedenfalls nicht. Aber, das stimmt natürlich auch, einige Talente sollten es nicht mehr allzu lange auf ihre Entdeckung warten, denn dann läuft man die Gefahr, als „ewiges Talent“ in die Geschichte einzugehen. Thomas von Heesen, der ja hier mitliest, weiß wovon ich spreche . . . Leider. Ich hätte ihm eine Karriere in der Nationalmannschaft gewünscht und auch zugetraut, allein sie blieb ihm versagt.

Ich komme für heute zum Schluss. Und da kommt mir noch eine wunderschöne und zudem eine etwas andere Fußball-Geschichte in den Sinn. Eine HSV-Geschichte. Die Alt-Liga der Rothosen flog kürzlich zum Saisonabschluss in die Türkei. Mit von der Partie der frühere HSV-Meisterspieler von 1960, Erwin Piechowiak. Der heute 77-Jährige Norderstedter hatte bis weit über 70 Jahre für die Alt-Liga des HSV gespielt (und für die Senioren von TuRa Harksheide), dann aber krankheitsbedingt einige Rückschläge erlitten. Erwin Piechowiak, ein fantastischer Mensch, muss mehrmals in der Woche zur Dialyse – und dann in die Türkei? Es wurde, weil „Old Erwin“ nur Freunde hat, alles von den alten HSVern gemanagt. Piechowiak flog – beinahe möchte ich schreiben natürlich – mit in die Türkei, und wurde dort dann zur Analyse gefahren, wenn es sein musste. So viel Zeit muss sein.
Und ich finde, dass das doch wirklich eine Klasse-Geschichte ist. Was Freundschaft und Kameradschaft im Fußball doch so alles bewirken kann. Herzlichen Glückwunsch allen Beteiligten, die das bewerkstelligt haben – vorbildlich.

Ganz zum Schluss noch ein ganz anderes Thema. Im Moment wohl auch ein wenig (oder ein wenig mehr) aktuell. Es geht um HSVer, die ihrem Verein den Rücken kehren. Aus dem Westen der Republik erhielten wir nun folgende Mail, die wir hier veröffentlichen möchten. Weil ich trotz allem der Meinung bin, dass man zu seinem Club stehen sollte, und dass man erst einmal abwarten sollte, wohin sich der Verein mit der neuen AG tatsächlich bewegt. Und damit meine ich nicht allein den sportlichen Erfolg (oder Misserfolg), sondern die gesamte Situation im HSV. Manche sehen das anders, einige haben es anders gesehen und haben sich davon gemacht – hier nun gibt es ein neues Beispiel davon. Obwohl ich jeden bitten möchte, nicht zu voreilig zu handeln, obwohl ich jedes Mitglied darum bitten möchte, dem neuen HSV wenigstens eine kleine Chance zu geben. In dem nun folgenden Fall ist es wohl zu spät – schade. Sehr schade.

Hier nu die Mail, die vornehmlich an den HSV gerichtet ist:

Ich leite diese Mail an Euch weiter, damit Ihr seht, warum vielleicht noch mehr HSVer austreten, damit vielleicht zu diesem Thema ein kleiner Blog veröffentlich wird. Es dreht sich mir hauptsächlich um den Umgang mit Menschen, die noch einen Vertrag haben, in diesem Fall bis 2016.
Auch Euch einen schönen Gruß aus Bocholt von Klaus W.

Sehr geehrte Herren vom Vorstand der Fußball AG HSV.

Schweren Herzens habe ich mich nach einigen Nächten “Überschlafen” entschlossen, aus ” meinem ” ehemaligen HSV auszutreten! Es kann doch nicht sein, wie man beim HSV mit Menschen umgeht. Erst wurde Herr Kreuzer, weil Er günstig war, vom Drittligisten KSC geholt um dem HSV nach besten Wissen zu dienen. Man kann doch nicht allen Ernstes verlangen, das Er bei 100 Millionen Verbindlichkeiten des HSV z. B. Messi, Ronaldo und Thomas Müller vielleicht für insgesamt 3 Mill. zum HSV holt. Der Mann hat aus Unerfahrenheit den Transfer durch T. Fink (Zoua) und durch B. v Marwijk (Bouy und noch einen Holländer) leider zugestimmt. Das war natürlich ein großer Fehler, den Er auch selber einsieht. Schade. Er hat aber auch den Vertrag mit Calhanoglu im Februar bis 2018 verlängert, sodass der HSV dadurch 14,5 Mill. eingenommen hat. Außerdem hat Er, nach Aussagen von Herrn Lasogga, durch die Verhandlungsführung mit sich und seiner Mutter, den Wunschstürmer des HSV an den Verein gebunden. Nun kommt Herr Beiersdorfer und fängt mit Herrn Kreuzer die Kaderplanung an und von Heute auf Morgen heißt es: Wir brauchen dich nicht mehr! Nee, Leute, so geht man nicht mit Menschen um!!! Im Profifußball vielleicht doch? Ich weiß es nicht. Darum möchte ich zu dem nächstmöglichen Termin meine Mitgliedschaft kündigen.
Ich bin jetzt 72 Jahre alt und war seit 56 Jahren mit ganzem Herzen HSVer. Ob im Volkspark oder im restlichen Deutschland (hauptsächlich im Westen, da ich in Bocholt wohne), Ich war sehr oft dabei. Schade! Mein Verstand sagt zum HSV nein, aber mein Herz sagt weiterhin ja zum HSV.
Mit freundlichen Grüßen aus Bocholt von Klaus W.

Das war es heute von mir, ich wünsche Euch und Euren Lieben einen schönen Feierabend und ein wunderschönes Wochenende.

Dieter

17.54 Uhr

Fink und die Sehnsucht nach Training . . .

27. Juni 2013

„Der Trainer wartet sehnsüchtig auf den HSV-Start.“ So lautete heute der Untertitel zur Geschichte um Thorsten Fink in der Bild. Als ich das las, dachte ich spontan an zwei Dinge. Erstens geht es mir ja wie Fink, ich erwarte dem Start noch etwas sehnsüchtiger, bin ich der Meinung, denn meine Finger sind schon total wund – vom Sommerpausen-Saugen. Und zweitens könnte dem Mann ja sofort geholfen werden, denn ich glaube ja nicht, dass Vereins-Boss Carl-Edgar Jarchow den Trainingsauftakt auf den 1. Juli gelegt hat, ich glaube ferner, dass es auch nicht Vorstandsmitglied Joachim Hilke war, und erst recht nicht, dass das noch Frank Arnesen angeordnet hatte. Dafür ist – wohl – Thorsten Fink selbst zuständig, er hätte seine Sehnsüchte eben nur besser einschätzen müssen . . . Mir reicht es jetzt jedenfalls mit Sommerpause und Sommerloch. Und zwar gewaltig.

Zum Saisonstart am Montag hat Thorsten Fink übrigens meinem Kollegen Florian Heil gesagt: „Die Spieler hatten alle während der Sommerpause einen Trainingsplan bei sich, an den sie sich zu halten hatten – und dann bin ich der Meinung, dass fünf Wochen Vorbereitungszeit ausreichend sind.“ Zumal die Nationalspieler des HSV ohnehin am kommenden Montag noch nicht am Training teilnehmen werden, sie steigen erst im Trainingslager im Zillertal wieder ein. Fink rechnet am Montag mit 14 Spielern, die sich dann um zehn Uhr erstmals über den Rasen im Volkspark bewegen werden.

In Sachen Neuzugängen ist heute ausnahmsweise mal nichts passiert, es bleibt dabei, das bislang mit zwei Spielern, Jacques Zoua und Johan Djourou, Einigung erzielt worden ist. Das Warten auf Roque Santa Cruz dauert an, ebenso ist die Frage offen, ob auch Lasse Sobiech noch kommen wird. Kämen sie noch, dann ist der HSV für die kommende Spielzeit bestens gerüstet – davon bin ich jedenfalls überzeugt. Wenn dann auch noch die „Ladenhüter“ verkauft werden könnten, wäre ich absolut zufrieden. Das wird noch das Meisterstück für Sportchef Oliver Kreuzer.

Ein „Ehemaliger“ hat heute (s)einen neuen Club gefunden. Der SID meldete:
Der niederländische Nationalspieler Jeffrey Bruma (21) wechselt nach zwei Jahren beim HSV zur PSV Eindhoven. Der Innenverteidiger, der zuletzt vom FC Chelsea an den HSV ausgeliehen war, unterschrieb beim niederländischen Vize-Meister und früheren Europapokalsieger für vier Jahre. Zur Ablösesumme an Chelsea, das sich eine Rückkauf-Option für Bruma sicherte, machten die Niederländer keine Angabe. Der HSV, für den Bruma 39 Ligaspiele (drei Tore) bestritt, hatte von einer Weiterverpflichtung abgesehen.

Ich wünsche Bruma mehr (und viel) Glück, er hätte in Hamburg ein Großer werden können, aber er fand nie die richtige Einstellung zu Hamburg und dem HSV. Schade. Aber vielleicht macht er es ja in seiner Heimat nun besser. ER könnte eigentlich alles, nur müsste dazu dann auch der Kopf mitmachen.

Oliver Kreuzer hat sich heute auch mit den Beratern von Marcus Berg getroffen. Nach dem Gespräch waren sich alle drei Herren einig, dass es besser für den Schweden ist, wenn er in der kommenden Saison für einen neuen Arbeitgeber kickt. Aus Hamburger Sicht aber war das ja auch schon lange klar . . . Suchet, dann werdet ihr finden. Einen neuen Club.

Im Sport-Informations-Dienst stand heute auch eine Zusammenfassung über den HSV, aus der ich hier nun einen kurzen Ausschnitt hineinstellen werden:

Die Zeit der hanseatischen Zurückhaltung ist vorbei, der Hamburger SV schaltet in den Angriffsmodus. Wenige Tage vor dem Trainingsstart bläst der HSV zur Attacke auf die internationalen Plätze und gibt auf dem Transfermarkt Gas. Durch die Einigung mit Arsenal-Verteidiger Johan Djourou hat Sportdirektor Oliver Kreuzer nur 16 Tage nach seinem Amtsantritt eine erste Duftmarke gesetzt. Nach tagelangem Tauziehen mit dem Nordrivalen Hannover 96 verständigten sich Kreuzer und der Schweizer Nationalspieler auf einen Wechsel. „Ich bin mir der Sache sicher“, sagte Kreuzer und bezeichnete den gebürtigen Ivorer als „große Lösung für die Abwehr“. Der 26 Jahre alte Djourou kommt zunächst für ein Jahr auf Leihbasis, danach soll der HSV eine Kaufoption erhalten. Der Medizincheck ist für Montag, den offiziellen Start in die Saisonvorbereitung, vorgesehen. Djourou ist nach Stürmer Jacques Zoua (21/vom FC Basel) die zweite Neuverpflichtung Kreuzers in dieser Woche. Unaufgeregt und ohne viel Tamtam fädelte der 47 Jahre alte ehemalige Bayern-Profi seine ersten Deals ein. In den kommenden Tagen sollen Einigungen mit den beiden verbliebenen Wunschkandidaten Roque Santa Cruz (31/Manchester City) und Lasse Sobiech (22/Borussia Dortmund) folgen.

Über Djourou habe ich heute, im Laufe des Tages, einige Gespräch mit Kollegen (von auswärts) und Experten geführt, ihn loben alle. Er soll sowohl in der Defensive als auch in der Spieleröffnung gut sein. Letzterer Punkt ist ja für den HSV nicht ganz unwichtig, denn daran hat es ja oft genug gehapert. Ich lasse mich überraschen.

So, das war es in groben Zügen an HSV-Neuigkeiten am 27. Juni 2013. Ich möchte aber noch einmal auf das Thema Dauerkarten eingehen. Dazu rief mich vorhin der „Matz-abber“ „Friedrich Hebbel“ an, der um eine Klarstellung bat. Er hatte Schwierigkeiten mit seiner Dauerkarten (als Behinderter), die ihm entzogen worden war. Dazu sagt FH: „Ich war zu wenig da, deswegen war sie mir entzogen worden, das habe ich aber geklärt, das war ein Missverständnis – nun habe ich die Dauerkarte wieder, alles ist gut. Und ich gelobe Besserung.“ Es war, so unser User, kein Fehler vom HSV-Ticketing, es hat sich alles aufgeklärt. Und deswegen sollte nun auch hier kein anderer „Matz-abber“ mehr über den HSV und die Ticketing-Abteilung klagen, schimpfen oder meckern. Wie „Friedrich Hebbel“ schon sagte: „Alles ist gut.“

Zum Thema Dauerkarte habe ich heute noch etliche Mails und Anrufe erhalten. Da wurde schon viel Dampf abgelassen. Ich möchte, stellvertretend für die, die sich bei mir gemeldet haben, noch einen weiteren „Matz-abber“ zu Wort kommen lassen – auch anonym, weil ich ihn schützen will. Ich weiß aber, wer dieser HSV-Fan ist:

Hallo Dieter,
ich bin einer derjenigen, der Stein und Bein geschworen hat, sich kein weiteres Jahr eine Dauerkarte zuzulegen. Primär aus sportlichen Gründen, sekundär aber auch aus beruflichen und familiären.

Ich bin der gleichen Meinung wie dein Interviewgast im heutigen Blog. Seit Jahren muss man sich beim HSV lustlosen, charakter- und ideenlosen Fußball ansehen. Spätestens seit den ersten Spielen nach Bruna Labbadia. Irgendwann ist das Maß voll und man muss seine Konsequenzen ziehen. Zumal es keinen Grund gibt, weshalb die kommende Spielzeit besser werden sollte als die alte. Der HSV hat kein Geld und immer noch verderben viele Köche den Brei. Im Team befindet sich derzeit auch kein Spieler, mit dem ich mich identifizieren könnte (abgesehen von Rene Adler), wo ich sage: Geiler Typ!

Seit Jahren kann ich unsere Transferpolitik nicht nachvollziehen. Wieso man nie einen Blick auf die Spieler der Bundesliga- und Zweitligakonkurrenz wirft. Man könnte meinen, neue Spieler würden nach den Kriterien „Bekanntheitsgrad”, „hohe Ablöse” und „hohes Gehalt” verpflichtet werden. Es wird kein junger (deutscher) Spieler aus dem Hut gezaubert. Doch gerade diese Spielertypen braucht der HSV: Fußballer, die sich freuen, wenn der HSV anklopft und sich für den Verein zerreißen. Stattdessen werden bereits satte Profis geholt. Bruma ist ein gutes Beispiel, von mir von Beginn an kritisiert. Der kam nach Hamburg und meinte, er sei der Größte, weil er bereits bei der Reserve vom großen Chelsea F.C. kickte. Für mich fast Elia II.
Wie kann es nur sein, dass der aufmerksame Fan die Nieten einer Mannschaft frühzeitig ausmacht, aber die Vereinsführung blind auf den Augen zu sein scheint? Ich könnte viele Beispiele mehr nennen.

Zurück zur Dauerkarte: Wieso habe ich nun doch auf den letzten Drücker (zum Entsetzen meiner Frau) verlängert?
Nicht, weil ich denke, dass der HSV eine großartige Saison spielen wird, sondern weil ich HSV-Fan bin, die Besuche der Spiele zur Gewohnheit geworden sind und ich meinen angestammten Platz nicht verlieren wollte. Zur Not kann man die DK ja auch eine Saison „verpachten”. Natürlich hat man auch insgeheim die Angst, etwas zu verpassen. Die neuerliche Dauerkarte hat mir jedenfalls daheim schon richtig viel Stunk und Enttäuschung seitens meiner Frau eingebracht. Das erste Spiel gegen Hoffenheim geht schon flöten, da unser Sohn an dem Wochenende getauft werden wird (sein 2. Name ist im übrigen Joris – nach Mathijsen benannt). Mir tut es, im Gegensatz zu früheren Jahren, nicht mal leid, dass ich dem Spiel nicht beiwohnen werde. So weit ist es bereits gekommen.

Realistisch gesehen, wird es der HSV mit dem Abstieg zu tun bekommen in der kommenden Saison. Unteres Tabellendrittel. Hoffnung macht mir unser neuer Sportdirektor, der seine Sache bislang gut macht. Kreuzer war die richtige Wahl, insbesondere weil er sich in den deutschen Ligen auskennt und es gewohnt ist, kleinere „Transferbrötchen” zu backen. Der HSV wird meiner Meinung nach noch Jahre (oder gehöriges Glück) gebrauchen, um sich zu konsolidieren.

Viele Grüße aus . . .

Dann möchte ich mich noch kurz zum Confed Cup (heute Spanien gegen Italien!) äußern. Gestern das Halbfinale zwischen Brasilien und Uruguay (2:1). Dazu gab es von dr DPA heute eine ganz besondere Meldung:

Dafür würden Millionen Mädchen alles geben. Ein Kuss von Neymar und sei er auch nur angedeutet als Luftkuss mit der Hand. Uruguays Ávaro Gonzáles wurde dieses Glück zuteil. Doch der Mittelfeldmann schimpfte wie ein Rohrspatz. Als er raus musste, schickte Neymar ihm die ironisch gemeinte Liebesbekundung hinterher – und guckte nicht wie ein Gentleman. Der Jungstar kann auch anders.

Das sehe ich auch so. Mir geht der junge Mann schon ein wenig auf den Geist. Ein kleiner – oder großer – Schauspieler wächst da heran. Der macht aus jeder Feind-Berührung einen Film. Von Lionel Messi, das muss ich einmal sagen, habe ich solche Sachen nie gesehen. Nie. Da liegen Welten zwischen diesen beiden Stars. Ich denke, dass Neymar in Spanien richtig schön auf die Socken bekommen wird, weil eine solche Art bei keinem Fußballer gern gesehen ist. Entweder ändert er sich dann, oder er bekommt richtig auf die Stöcker. Und dann wird er hoch springen üben und lernen müssen, um weiterhin spielen zu können.

Gegen Uruguay bekam Neymar, das muss ich ihm mal zugestehen, schon reichlich. Er überstand es unverletzt. Glück gehabt. Wobei ich zweierlei zu diesem Spiel anmerken möchte. Erstens fand ich den chilenischen Schiedsrichter Enrique Osses sehr gut. Er erkannte bösartige Dinger, hatte aber ansonsten auch eine großzügige Art, das Spiel laufen zu lassen. Und ich dachte so bei mir, weil die Jungs aus Chile (die Spieler) ja auch stets und ständig mit haken und Ösen und allerlei Dingen spielen, die nicht so richtig zum Fußball gehören: „Mensch, dieser Osses weiß genau, wie Fußball geht, der durchschaut alles – es geht doch.“ Dabei habe ich so an früher gedacht habe, wenn solche Exoten die deutschen WM-Spiele gepfiffen haben, dann hatte ich immer das Gefühl, dass diese Jungs einen etwas anders gearteten Fußball bevorzugen . . .“ Ein bisschen Rugby, ein bisschen Kick-Boxen, ein bisschen Catchen mit Ball. Dieser Osses weiß aber, was im Fußball erlaubt ist – und was nicht. Das macht mir Hoffnung.

Und darüber schreibe ich nicht unbegründet – über die Hoffnung. Denn Brasilien – Uruguay, da ging es ganz schön zur Sache. Beide Teams waren da nicht zimperlich, es wurde ganz schön getreten und ausgeteilt. Und ich dachte so bei mir an das nächste Jahr. Hoffentlich verkraftet die deutsche Nationalmannschaft diesen einen Schuss mehr an Härte. Da bin ich mir wirklich nicht sicher. Irgendwie beschlich mich das Gefühl, dass Deutschland kaum noch so richtig hart, gelegentlich ja auch unfair, zur Sache geht, da wird doch viel mehr Wert auf Fußball spielen gelegt. Ob das sich bei der WM 2014 durchsetzen wird? Ich habe meine Zweifel, ganz ehrlich. Was vielleicht auch daran liegt, dass die deutschen Schiedsrichter dazu angehalten werden, kleinlich und kleinlicher zu pfeifen. Hier wird ja alles geahndet, was nicht ganz sauber aussieht. Ein Bundesliga-Schiedsrichter hätte bei Brasilien – Uruguay so richtig schön Schwierigkeiten bekommen, auch davon bin ich restlos überzeugt. Leider.

Und wo ich gerade bei Schiedsrichter(ei) bin. Die DPA hat heute über die Bundesliga-Unparteiischen berichtet, und ich stelle den Bericht hier nun rein. Nicht deswegen, weil mir noch etwas an Länge fehlt, sondern deshalb, weil mir erstens die Schiedsrichterei am Herzen liegt, und weil zweitens wohl kaum einen Zeitung etwas von diesem „trockenen“ Thema Notiz nimmt, schon gar nicht in dieser Länge. Ich bin aber der Meinung, dass es sehr gut tut, so etwas mal zu erfahren, dann kann mal mitreden, wenn im Freundes-Kreis mal ein wenig heftiger diskutiert wird.
Und es muss auch nicht von jemandem gelesen werden, der mit Schiedsrichtern so gar nichts anfangen kann. Wer aber will, dann bitte:

Mit großer Gelassenheit blickt die deutsche Schiedsrichter-Spitze auf die Modifizierung der Abseitsregel, die von der kommenden Saison an auch in der Bundesliga gilt. „Das trägt zur Klarheit bei. Es ändern sich nur Nuancen, im Grundsatz bleibt alles gleich“, sagte Herbert Fandel, Chef der DFB-Schiedsrichterkommission. „Der mediale Wirbel war völlig unnötig“, konstatierte Fandel am Donnerstag zum Start des alljährlichen Vorbereitungslehrgangs, zu dem sich die Bundesliga- und Zweitligaschiedsrichter noch bis zum Sonntag im oberbayerischen Grassau treffen – direkt am malerischen Chiemsee.

Mit der Regelanpassung will der Fußball-Weltverband Fifa künftig verhindern, dass ein am Angriff unbeteiligter Stürmer einen Vorteil aus einer unglücklichen Abwehraktion des Gegners ziehen kann. In Zukunft sollen die Referees nämlich auch dann abpfeifen, wenn ein näher zum Tor postierter Stürmer durch eine kontrollierte Abwehraktion des Gegners in Ballbesitz gelangt. Bisher galt dies als passives Abseits, was dem Angreifer einen Torschuss erlaubte. Dieser Fall ist künftig nur noch dann gegeben, wenn sich der Abwehrspieler klar im Aufbauspiel befindet und ihm dabei ein Fehlpass unterläuft.

Neben dem klassischen Leistungstest (ein Lauf über zwölf Runden) im Saisonvorfeld und Athletikübungen hat der Deutsche Fußball-Bund für seine besten Referees deshalb jetzt verstärkt Videotrainings angeordnet. „Kurz und bündig“ werde das Thema abgehandelt, sagte Fandel – großen Umschulungsbedarf seiner Mannen erkennt er nicht.

Fifa-Schiedsrichter Deniz Aytekin sprach von einer „klareren Definierung“, die Regelanpassung werde „keine größere Herausforderung für uns darstellen“. Hellmut Krug, Schiedsrichter-Funktionär bei der Deutschen Fußball Liga (DFL), sieht einzig die Assistenten an den Seitenlinien vor etwas Zusatzarbeit. „Sie müssen ganz genau drauf achten, ob ein (abwehrender) Spieler zum Ball gehen will oder eben nicht; ob es eine eigenständige und bewusste Aktion ist.“

Mit Ausnahme der Abseitsfragen wird sich im Schiedsrichterbereich zur neuen Saison wenig ändern. Angedacht sei, bald jedem Referee auch einen persönlichen Coach zur Seite zu stellen, kündigte Krug an; schon jetzt sei pingelige Fehleranalyse wichtig: „Die Spiele werden in einer Form akribisch aufgearbeitet, wie das sicher kein Trainer mit seiner Mannschaft macht“, betonte er. Wie in der Vorsaison werden dieselben 22 Referees auch kommende Saison in der Bundesliga pfeifen, kündigte Fandel an. „Wir sind momentan der Meinung, dass das die richtige Zahl ist. Wir bleiben bei 22“, betonte er. Womit auch klar ist, dass die talentierte Bibiana Steinhaus mindestens ein weiteres Jahr auf eine mögliche Nominierung für die Beletage warten muss.

„Jeder Schiedsrichter in der 2. Liga hat eine Perspektive bei uns“, sagte Fandel. Entscheidend – auch bei Steinhaus – sei für die Zukunft „nicht die Tatsache, dass sie eine Frau ist, sondern allein die Leistung“, urteilte der 49-Jährige. Zu Steinhaus’ internen Beurteilungen wollte er sich öffentlich gleichwohl nicht äußern.

Dafür darf sich auch die einzige Schiedsrichterin im deutschen Profifußball zur kommenden Saison auf mehr Geld freuen. Der erst 2012 eingeführte Grundbetrag wird von Juli an aufgestockt, wie der DFB schon im Mai bekannt gegeben hatte. „Das war ein wichtiger Schritt“, urteilte Fifa-Schiedsrichter Deniz Aytekin. Spitzenmänner wie der Bayer erhalten künftig einen festen Betrag von 60 000 statt bislang 40 000 Euro pro Saison, für all seine Erst- und Zweitligakollegen steigt das Fixgehalt ebenfalls „moderat“, wie Fandel kommentierte.

So, das zum Thema Schiedsrichter, aber zwei habe ich noch.

Erstens dieses Zitat, was ich ganz lustig fand:

„Peter bringt viel Erfahrung mit und hat sehr erfolgreich gearbeitet. Mir würde reichen, wenn wir mit ihm das Double holen.“
Hat Schalkes Cheftrainer Jens Keller schmunzelnd zur künftigen Zusammenarbeit mit Peter Hermann gesagt, der als Cotrainer von Jupp Heynckes in der Vorsaison mit Bayern München das Triple gewann.

Gestolpert bin ich über den Namen Hermann auch deswegen, weil er ja auch einst, und zwar im Jahre 1973, zwei Bundesliga-Spiele für den HSV bestritt. Das wusste ich zwar, aber was ich erst in der vergangenen Woche erfuhr – und zwar vom ehemaligen Assistenten des HSV-Präsidiums, Dieter Roth – war dies: Hermann verließ den HSV und schloss sich wieder seinem Heimat-Verein TuS Neuendorf an, weil er Heimweh hatte. Roth sagte: „Ich habe mich lange um ihn gekümmert, ich wollte ihn zum Bleiben überreden, aber das Heimweh war stärker . . .“ Ja, so etwas gab es früher auch mal. Heute doch undenkbar, oder?

Und dann noch dies. Der „Matz-abber“ Frank Schmidt aus dem Süden der Republik schcikte mir folgende Mail:

Hallo Dieter Matz,
dieses aktuelle Fundstück muss ich Dir schicken. Es ist ein Screenshot des Apple-eigenen Kartendienstes, wenn an als Suchadresse „Hamburg Sylvesterallee 7″ eingibt.

Ihr könnt da mal reinklicken – vielleicht wissen die Apple-Herren ja schon etwas mehr . . .

Und einen habe ich dann doch noch: “Scholle”, unser “Matz-ab-Scholle”, hat auf dem Trainermarkt zugeschlagen. Als Manager des Oberliga-Vereins TSV Niendorf hat “Scholle” den ehemaligen HSV- (und Bayern-) Profi Vahid Hashemian als neuen Liga-Coach verpflichtet, der “Hubscharuber” ersetzt Frank Hüllmann, der um eine Auszeit gebeten hat. Na dann “Scholle”, einen schönen Höhenflug mit Vahid und dem TSV.

17.28 Uhr

Fink, Teil 1: “Mir haben alle vom HSV abgeraten – jetzt wissen sie es besser””

28. Dezember 2012

Ein Weihnachtswunsch hat sich bei mir bereits erfüllt: Dass hier im Blog weiterhin so fleißig Theorien entwickelt werden, wie Dieter und ich arbeiten und arbeiten sollten. Nicht, dass es mich erfreut, wenn mir jemand unsauberen Journalismus unterstellt. Allerdings stört es mich auch nicht mehr, weil ich inzwischen einzuschätzen weiß, warum hier einige die – mal diplomatisch formuliert – „überraschendsten“ Verschwörungstheorien auftischen. Normalerweise wollte ich hier ein „Best of“ machen. Denn davon gab es einige sehr kreative Formen. Aber ich beschränke mich mal auf die Top-Theorie, die da heißt: Dieter und ich schützen alle unsere Informanten mit Hofberichterstattung.

Eine These, die sich klar belegen lässt. Immerhin haben wir über Wochen und Monate die Einkaufspolitik kritisiert, was so gut wie alle Führungskräfte beinhaltet. Deshalb haben wir fast jeden Spieler mindestens einmal heftig für seine Leistungen kritisiert, ebenso wie den kompletten Aufsichtsrat. Wir haben den Vorstand für seinen Sparkurs kritisiert und in Mithaftung bei der zu schlechten Kaderzusammenstellung 20112/2012 sowie bis van der Vaart auch in dieser Saison genommen. Erst am Donnerstag habe ich Jarchow unterstellt, er hätte den Verein fast kaputtgespart und erst nach dem Fehlstart den allseits geforderten Verstärkungen zugestimmt. Dass er am Ende in der Transferabwicklung Rafael van der Vaarts neben Joachim Hilke eine wesentliche Rolle einnahm –Hofberichterstattung! Was sonst?

Wobei, das ebenso schöne wie in diesem Fall schwierige an geschriebenen Texten ist, dass der Leser keine Tonlage definitiv bestimmen kann. Er kann nur mutmaßen. Und das führt zu Missverständnissen. Oft wird so Ironie nicht erkannt oder gar mit Beleidigt sein verwechselt. Und wenn ich das dann nachträglich erkläre, heißt es noch, ich entschuldige mich – womit ich im Fall der Fälle nicht einmal ein Problem hätte.

Aber gut, die auch diesmal von mir nett gemeinte Einleitung werden hier einige verreißen wollen. Sollen sie. Aber den anderen 99 Prozent objektiven Bloggern sei gesagt: ich bin nicht mal einen Hauch beleidigt. Überhaupt nicht, sondern ganz im Gegenteil: Ich mag Diskussionen, vor allem über Fußball – so lange sie zielführend sind. Und das sind sie in diesem Blog eigentlich fast immer. Nur eben manchmal nicht – dann treiben sie die wahnwitzigsten Blüten und sind eher komisch. Im witzigen, unterhaltsamen Sinn. Immerhin wurde uns so schon das eine oder andere nette Verhältnis angedichtet, über das ich schmunzeln konnte.

Heute hätte ich demnach ein besonderes Verhältnis zu Thorsten Fink. Morgen auch noch, da ich das aufgezeichnete Gespräch in zwei Teilen hier reinstellen will, um möglichst wenig Worte des Trainers kürzen zu müssen und Euch trotzdem nicht mit sonst rund 1000 Zeilen sprichwörtlich zu erschlagen.

Aber zurück zum Gespräch. Um 19 Uhr Ortszeit habe ich den HSV-Trainer heute in seinem Dubai-Urlaub erreicht. Dort weilt er mit seiner Familie – und mit Nicholas MacGowan, der sich um die Gestaltung des Trainingslagers Anfang Januar kümmert. „Uns fehlen noch ein paar Testspiele, die ich unbedingt haben möchte“, sagt Fink, der diesen Wunsch vor Wochen auch Joachim Hilkes rechter Hand MacGowan mitgeteilt hatte. Am 2. Januar geht es für acht Tage nach Abu Dhabi. Am 9. Januar geht es an noch unbenannter Stelle gegen Gladbach. Zwei weitere Spiele sind noch nicht fix. „Nicholas wird das schon machen“, ist Fink um Ruhe bemüht, obgleich es nur noch eine Woche bis zum Trainingslager ist.

Zumal der HSV ansonsten früh dran ist. Früher als alle anderen Bundesligisten beginnt der HSV bereits am Sonntag um 15 Uhr mit seiner Vorbereitung. Dann geht es an der Imtech-Arena zu den Laktattests. Warum der HSV vergleichsweise früh beginnt? „Weil ich glaube, dass wir diese Zeit brauchen werden“, sagt Fink. „Wir können so die Laktattests absolvieren und schauen, ob noch Nachholbedarf besteht. Sollte das so sein, können wir auch die entsprechenden Läufe vor dem Trainingslager einstreuen und so ab dem 2. Januar an den Ball. Aber ich halte es generell für sehr gut, wenn man zwei tage früher als alle anderen beginnt. Das ist gut für das Gewissen der Spieler, von uns Trainern und es zeigt, was hier auf dem Plan steht: unsere Weiterentwicklung.“

Immerhin hat der HSV noch große Ziele. Mindestens die Punktzahl aus der Hinrunde soll es werden, hatte Sportchef Frank Arnesen gesagt. 48 Punkte wären das demnach mindestens, was im letzten Jahr immerhin für Platz sieben und somit zur Europa-League-Quali gereicht hätte. Wäre ja nicht das Schlechteste, oder?

Aber zurück zur Realität. Und die sieht den HSV auf dem zehnten Tabellenplatz mit zwölf Punkten Vorsprung zur Abstiegszone und nur zwei Punkten Rückstand auf die internationalen Ränge. Eine Ausgangslage, die zu Träumereien verführt, die aber allemal genug Motivation für die HSV-Profis darstellen sollte. „Das auf jeden Fall, sagt Fink, der sich ansonsten nicht zu großen Zielen äußern will. „Das wurde schon mal falsch gemacht. Es bringt ja auch nichts, viel zu reden. Wir müssen arbeiten. Und das immer etwas mehr als die Gegner. Wenn wir das dann gut machen, dann werden wir uns am Ende tabellarisch belohnen.“

Klar. Dennoch wollte ich von Fink zum bald ablaufenden Jahr 2012 auch ein paar klare Aussagen und formulierte Erkenntnisse. Deshalb habe ich ihn Sätze vollenden lassen. Los geht’s:

Mein schönster Moment 2012 war…
…als endgültig feststand, dass wir die Klasse gehalten hatten. Denn ich wollte hier nicht der Erste sein, der als Trainer mit dem HSV absteigt. Und dieses Risiko war ich bei Amtsantritt eingegangen. Damals hatten mich fast alle meine Bekannten und Freunde gewarnt, dass ich mir meine Zukunft verbaue, wenn ich die schwierige Aufgabe HSV übernehmen und scheitern würde. Alle sagten, ich hätte bei Basel doch alles, was ich brauchte. Vor alle Erfolg und einen sicheren Stand. Aber ich wollte noch nie den Weg des geringsten Widerstandes. Im Gegenteil, die Aufgabe hat mich von Anfang an tierisch gereizt. Ich sage immer: Wasser, das steht, das fault und stinkt irgendwann. Und die Mannschaft und wir Verantwortlichen haben mir am Ende Recht gegeben. Wir haben die Klasse gehalten. Und das war Erleichterung, Glückseligkeit und Genugtuung zugleich. Ein irres Gefühl. Privat hatte ich einige schöne Momente. Aber der schönste war, dass diesmal alle meine Lieben von schweren Krankheiten verschont geblieben sind. Denn das ist und bleibt das Wichtigste in meinem Leben. Nicht zuletzt der tragische Zwischenfall in der Familie Marcus Bergs hat mir gezeigt, wie schnell alles gehen kann und wie unwichtig plötzlich alles wird.

… das überraschendste Spiel 2012 war…
…für mich unser Sieg in dieser Saison gegen Dortmund. Nach 32 Spieltagen waren es ausgerechnet wir mit unseren null Punkten, die sie packen konnten. Das hatte ich bei allem damaligen Optimismus so nicht erwartet. Aber unsere Offensivpower hat uns den Erfolg gebracht. Generell geantwortet würde ich einige Spiele vom BVB nennen, die mich positiv überrascht haben. Eigentlich fast alle, die sie in der Champions-League-Gruppenphase gespielt haben. Nicht, dass ich es ihnen nicht zugetraut hätte, aber ich hätte nicht damit gerechnet, dass der BVB eine so hammerharte Gruppe so dominiert. Respekt! Das hat mir imponiert.

…das beste Spiel 2012 war…
…für mich unser Spiel gegen Schalke. Damals haben wir an der einen oder anderen Stelle taktisch nachjustiert und am Ende ein sehr gutes Spiel abgeliefert. Und obwohl wir Schalke sicher zum richtigen Moment hatten – immerhin haben sie anschließend nichts mehr auf die Reihe bekommen –, aber so abgeklärt und mit Spielfreude stelle ich mir unser Spiel immer vor. An dem Tag hat fast alles perfekt gepasst und nicht nur mir gezeigt, wozu wir schon jetzt in der Lage sind.

…den größten Fortschritt 2012…
…hat sicherlich die Verpflichtung von Rafael van der Vaart bewirkt. Allein sein Kommen hat hier einen allseitigen Positivtrend entfacht. Das war bei meiner Ankunft mit acht Spielen oder Niederlage auch schon so ähnlich, aber eben noch mal eine Stufe krasser. Rafael war eine definitiv sehr bedeutende Verpflichtung. Er hat die Wende maßgeblich mit eingeleitet. Vor allem auch, weil er als Mannschaftsspieler funktioniert. Er integrierte in Millisekunden und wusste bei seinen Kollegen menschlich zu gefallen. Er lebt Teamwork vor und nimmt sich einfach nicht zu wichtig. Obwohl er bekanntermaßen überragende Fähigkeiten besitzt, arbeitet er oft härter als die anderen. Er ist eine rundum positive Erscheinung für die Mannschaft, für den HSV – und natürlich für mich als Trainer.

… die größte Überraschung bei den Spielern war…
…sicherlich Tolgay Arslan im positiven Sinne. Wie er bei Rafas Verletzung nach zuvor guten Leistungen in die Bresche gesprungen ist war aller Ehren wert. Das zeigt mir, was wir von ihm sogar noch erwarten können. Er ist der Shootingstar, während ich bei Milan Badelj weniger von seinen gezeigten Leistungen denn von seinem Tempo beeindruckt war. So schnell wir er sich hier eingefunden und seine Bedeutung für die Mannschaft unter Beweis gestellt hat – damit hatte ich nicht gerechnet. Zumal er vorher schwierige Champions-League-Quali-Spiele hatte und die Anpassung an die deutlich bessere Bundesliga für ihn als Kroaten sicher nicht leicht war. Aber inzwischen ist er so etwas wie das Gehirn im Mittelfeld. Er ist auf jeden Fall der Spieler, der unser Spiel von hinten raus leitet, unsere offensiven Mittelfeldspieler mit exakten Pässen versorgt und unserem Aufbauspiel so neue Qualität verleiht. Von Anfang an.

So, das soll es für den Anfang gewesen sein. Morgen folgt Teil 2 des Fink-Gesprächs, in dem der Coach darüber spricht, wann der HSV wieder Meister wird, was und wer ihn 2012 am meisten enttäuscht hat, was Lionel Messi mit dem HSV zu tun hat und, und, und…

In diesem Sinne, bis morgen! Habt ’nen schönen Restfreitag und schaut Euch doch noch Dieters sehr launige Neujahrsansprache an!

Scholle

Messi ist wieder fit – Uwe Seeler sorgt sich

30. Juli 2012

Messi hat es wieder getan. Er hat gespielt. Tatsächlich. Das Hämatom ist überstanden, das Hämatom ist kein Thema mehr, das Hämatom war offenbar nur für Hamburg und den HSV ein kurzes Thema. Hier der Beweis einer „Wunderheilung“:

„Weltfußballer Lionel Messi hat sich nach einer verletzungsbedingten Pause eindrucksvoll zurückgemeldet. Der 25-Jährige steuerte ein Dreierpack (34./37./45.) zum 8:0-Kantersieg des FC Barcelona gegen den marokkanischen Klub Raja Casablanca bei. Wegen einer Wadenprellung hatte Barca-Coach Tito Vilanova am Dienstag gegen den Hamburger SV (2:1) auf Messi verzichtet.“

Was hat Casablanca, was Hamburg nicht hat? Auf jeden Fall viel Pech für den HSV und für die HSV-Fans. Kurios, dass nur Tage nach der HSV-Pleite auch Hertha BSC von Italienern vorgeführt wurde – denn Juventus Turin schickte zur Hertha-Feier ebenfalls nur sein B-Team in die deutsche Hauptstadt. Ich bin gespannt, wie lange sich die Vereine, die so an der Nase herumgeführt werden, sich das noch gefallen lassen.

Ja, ich gebe zu, der Stachel „FC Barcelona II“ sitzt bei mir immer noch tief. Weil ich auch einige Enttäuschte in meinem Bekannten- und Freundes-Kreis habe, die ebenfalls immer noch sauer sind. Und davon muss es ja in der Stadt ja noch so viele Fans geben, die nach wie vor enttäuscht sind. Ich sprach in diesen Tagen mit Dieter Roth, zweiter Vorsitzender des TSV Wandsetal. Von der Liga hatten sich gleich einige Spieler eine Karte für HSV gegen Barcelona gekauft – weil sie einmal in ihrem Leben Messi live sehen wollten. Einmal. Und dafür verzichteten sie dann auch alle auf ein Testspiel des TSV gegen Börnsen. Die Quittung kam prompt, beim Oddset-Pokalspiel griff TSV-Trainer Mike Breitmeier auf andere Spieler zurück, die „Messis“ blieben außen vor. So kann es dann auch mal gehen . . . Immerhin können alle behaupten: „Ich habe das Spiel gesehen, in dem Messi fast mitgespielt hätte.“

So, anderes Thema, der HSV ist im schwedischen Urwald, kämpft ums Überleben. Bis morgen geht das noch sah, am Abend kehrt die Truppe (hoffentlich vollzählig) zurück. Und weil die Mannschaft unerreichbar ist, habe ich heute mal in meiner Post „gewühlt“. Ich möchte euch heute eines jener Schreiben zugänglich machen, die mich jeden Tag privat erreichen:

„Sehr geehrter Herr Matz!

Mein Name ist Ralf H., ich lebe in Essen und bin HSV-Mitglied!

Schreiben ist ihr Beruf, deshalb müssen sie jeden Tag etwas schreiben. In der nun langsam ablaufenden Sommerpause fällt mir auf, dass sie sich für eine Verpflichtung von R.v der Vaart erwärmen könnten.-Was soll der HSV mit einem Spieler, der den Verein schon mal stehen gelassen hat und der offensichtlich nicht will, oder nur, wenn sein Gehalt den Mangel seiner Begeisterung für den HSV ausgleichen würde! – ?

Im heutigen Blog ist eine hintergründige Stimmung gegen F. Arnesen zu spüren. Was meinen sie, wie viele bessere Sportdirektoren beim HSV in der Warteschleife stehen? Allein, dass er Guerrero losgeschlagen hat, ist eine Erlösung für den HSV. Ein Spieler, der dem Verein, speziell durch seine Tätlichkeit in der letzte Saison schwer geschadet hat, diesbezüglich veharmlosende Äusserungen von sich gegeben hat, der 4,5 Millionen p.A. verschlungen hat…

Ihre vorauseilende Kritik an Rudnevs? In ihrem Artikel steht mit anderen Worten: Der trifft das Tor nicht! Haben sie sich mal den Werdegang der Herren Blasykowsky, Pisczek und Lewandowsky beim BVB zu Gemüte geführt? Nein? Schade! An einem polnischen Torschützenkönig schon im Vorfeld herumzumäkeln…?

Ich lese ihre Blogs sehr gern, aber im Unproduktiven herumzuorakeln, fänd ich nur gut, wenn ich so ein bisschen Stimmung gegen den Verein machen wollte!

Herzliche Grüße aus Essen! Ralf H.“

Lieber Herr H.,

vielen Dank für Ihre kritischen Zeilen. Ich bin auch HSV-Mitglied. Glauben Sie mir bitte, es gibt bei „Matz ab“ viele, viele User, die das genau andersherum sehen. Sie haben Ihre Meinung, und zwar hundertprozentig („So muss es sein, so ist es – ich weiß das ganz genau!“), andere User haben aber genau die gegenteilige Meinung davon. Und sind auch hundertprozentig davon überzeugt, dass sie richtig liegen – und zwar hundertprozentig. Das ist doch mein täglich Brot.

Wenn ich hier zum Beispiel schreibe:
„Der HSV ist der beste Klub der Welt, er hat in der vergangenen Saison nur ein bisschen Pech gehabt, sonst wäre er noch in die Europa League gekommen . . .“ Dann schreien 500 „Matz-abber“ vor Freude auf und feiern mich, und die anderen 500 wünschen mich zum Teufel und vernichten mich.

Nehmen Sie mal allein „Ihren Fall van der Vaart“. Tausende würden den „Raffa“ gerne wieder beim HSV sehen – als Spieler. Sie nicht – das ist Ihre Meinung. Andere wollen van der Vaart auch nicht, aber natürlich gibt es auch hier wieder Hälfte-Hälfte. Und wenn Sie mir unterstellen, dass ich ihn gerne hier haben wollte, so ist das auch nur eine Unterstellung von Ihnen. Wissen Sie ganz genau, was und wen ich will? Ich bin da nämlich völlig neutral. Käme van der Vaart, dann hätte der HSV auf jeden Fall einen „Zehner“ der es kann – es könnte. Kommt er nicht zurück, dann ist auch gut. Dann holt der HSV eben einen anderen „Zehner“, wo ist das Problem? Ich kann es doch ohnehin nicht beeinflussen. Oder glauben Sie, dass F. Arnesen mich erhören würde, wenn ich van der Vaart zurück haben wollte?

Und wenn Sie hier eine Stimmung gegen F. Arnesen spüren, dann kann ich nichts dafür. Sie spüren etwas, was ich nicht so spüren kann. Dass man als Journalist einige Dinge hinterfragt, ist doch logisch. Wo ist der HSV im Sommer 2012 noch gelandet? Wenn ich nicht irre, auf Rang 15. Die schlechteste Platzierung der HSV-Bundesliga-Geschichte. Wenn man da nicht gewisse Dinge durchleuchtet, wann denn dann? So darf es doch wohl nicht weitergehen.

Und zu Rudnevs habe ich zuletzt alles geschrieben. Wenn Sie lesen, dass dort mit anderen Worten „trifft das Tor nicht“, dann ist es wohl so. Wenn ich seine Chancen gegen Norderstedt aufzähle, kann ich die ja nicht nachträglich in Tore ummünzen. Schießt er daneben, dann ist der Ball im Aus. Dann war es offenbar kein Tor. Darf ich das nicht mal aufzählen? Zumal dann, wenn mir vorgehalten wird, ich würde ihn schon jetzt, ohne Bundesliga-Spiel, vernichten. Vorbei ist vorbei, so ist es nun einmal. Oder soll ich es das nächste Mal weglassen? Warten Sie es nun mal ab, wie sich Rudnevs entwickelt – und ich warte auch ab. Dann werden wir bei passender Gelegenheit ein Resümee ziehen. Okay?

Die Frage allerdings, was Sie bislang schon an fußballerischen Dingen von Rudnevs gesehen haben, was Sie kennen oder wissen – die hätte ich schon gerne mal gestellt. Aber gut, manchmal klappt das ja auch vom Sofa aus, auch das gibt es ja zigfach . . .

Und noch zu einem anderen interessanten Thema. Sie, Herr H., schreiben oben:

„Was meinen sie, wie viele bessere Sportdirektoren beim HSV in der Warteschleife stehen?“

Meine Antwort: Tausende. Die wollen alle diesen Job . . .

Und ganz ehrlich: Fragen Sie doch auch einmal, wie viele Vorstands-Vorsitzende den Job von Carl-Edgar Jarchow haben wollen?
Tausende! Wollten den mal haben . . . Jetzt aber, wo der HSV nicht mehr im Geld zu schwimmen scheint, nicht mehr ganz so viele.
Und? Was können Sie hier nicht jeden Tag an Meinungen der User lesen? Allgemeiner Tenor: „Raus mit Jarchow!“ Was für ein Blödsinn! Das ist meine Meinung zu diesem Thema.
Andere wissen es aber viel besser als ich. In der Anonymität des Internets weiß ohnehin jeder mehr und viel – und alle können es selbstverständlich noch viel besser. So ist das nun mal.

Sie können aber ganz sicher sein: Sollte F. Arnesen eines Tages den HSV verlassen (verlassen müssen, sollen, freiwillig gehen), so wird der HSV nicht untergehen, denn dieser Aufsichtsrat wird dann mit Sicherheit eines fernen Tages noch einen neuen Sportchef finden. Mir zum Beispiel würden da schon sofort einige Namen einfallen, will aber gar nicht, dass darüber spekuliert wird – denn F. Arnesen bleibt ja. Ende und aus die Maus.

Anderes Thema:
Von „we are family” kam ein interessanter Beitrag, auf den ich kurz einmal eingehen möchte:

„Schon gestern stand auf der Homepage von UD Las Palmas “….. a costa cero”. Auch auf transfermarkt.de steht “ablösefrei”. Wenn das stimmt, spart der HSV lediglich das Gehalt eines 21-jährigen, der seinen Profivertrag im
Sommer 2008 bekam. Da wird er wohl eher im unteren Viertel der gezahlten Spielergehälter liegen.

Ich kann das nicht nachvollziehen. Chrisantus hatte noch Vertrag bis 2013. Man hätte ihn doch das erste Mal beim HSV eine komplette Vorbereitung machen lassen können. Die U23 soll möglichst aufsteigen und hat mit Bertul
Kocabas den Topscorer an einen türkischen Erstligisten abgegeben. Kelbel ist zur Zeit noch verletzt.

Warum lässt man ihn nicht wenigstens die Hinrunde in der U23 spielen und teilweise bei den Profis mitrainieren, um sich wirklich mal ein Bild vom ehemaligen “Jahrhunderttalent” zu machen?

Ablösefrei hätte man ihn auch im Winter oder im nächsten Sommer abgeben können. Beim KSC und beim FSV Frankfurt hat er immerhin jeweils 8 Tore in der Saison erzielt, obwohl er in 2 Saisons nur auf 25 Spiele über die volle Distanz kam und beide Teams gegen den Abstieg spielten – bei beiden Teams damit sicherlich auch die notwendige Qualität der Mitspieler fehlte. Der Kerl wird im August gerade mal 22 Jahre alt! Da wechselte ein Huntelaar gerade aus der 2. holländischen Liga in die Ehredivisie.

Wann bekommt beim HSV ein junger Spieler wirklich mal das Vertrauen und wird beim HSV weiterentwickelt und nicht in Mainz, Leverkusen, Rennes oder auf den Kanaren?“

Gute Frage. Auf dieses HSV-Talent (oder sogar Talente!) warte ich auch seit Jahrzehnten. Da läuft schon lange, lange ganz sicher sehr viel falsch. Beim FC Bayern spielen in einem Champions-League-Halbfinale (!) neun Spieler mit, die aus der eigenen FCB-Jugend kommen, und beim HSV kann man die Leute, die es gelegentlich mal bis zum Profi-Training bringen, an einer Hand abzählen. Ich bewundere die Geduld, die anscheinend keine Grenzen kennt, aller Beteiligten! Eigentlich kann es doch gar nicht angehen, dass da immer auf die falschen Pferde gesetzt wird, aber offenbar ist es doch so. Oder? Diejenigen Talente, die es beim HSV nicht geschafft haben, kommen doch auch bei anderen Vereinen nicht so zum Zuge, wie sie sich das erhofft haben. Die eine oder andere Ausnahme soll es geben, aber zum Beispiel Änis Ben-Hatira oder Tunay Torun. Haben sie die Rolle in Berlin gespielt, die sie für sich schon beim HSV sahen? Ich wünschte mir schon mal solche Talente wie die der Bayern mit beispielsweise Philipp Lahm, Holger Badstuber, David Alaba und Thomas Müller. Talente solchen Kalibers gibt es beim HSV schon seit Jahr und Tag nicht. Leider, leider.

Allerdings denke ich ja auch, dass sich ein HSV-Coach sehr wohl damit schmücken würde, endlich mal wieder einen jungen Spieler ganz nach oben gebracht zu haben (wie Felix Magath mit Hasan Salihamidzic). Es gab etliche Trainer, die auf dem Wege waren, jemandem zu vertrauen, dann aber den Versuch doch noch abbrechen mussten, weil es eben doch nicht für ganz oben reichte. Zum Beispiel Muhamed Besic, Ben-Hatira, Eric-Maxim Choupo-Moting, Vadis Odjidja-Ofoe (heute belgischer Nationalspieler) , Benny Feilhaber, Andreas Laas. Oder früher auch Mustafa Kucukovic, Stephan Kling und Alex Meier (St. Pauli), heute schon lange Stammspieler bei Eintracht Frankfurt.

Und speziell zu Macauley Chrisantus. Der hat in meinen Augen Chancen genug erhalten. Und wenn er es tatsächlich könnte, dann hätte er es doch mal beim KSC oder beim FSV Frankfurt gezeigt – wie zum Beispiel Maximilian Beister in Düsseldorf. Deswegen ist es gut, dass Chrisantus nun gehen durfte – egal ob mit oder ohne Ablöse. In der jetzigen schwierigen finanziellen Phase des HSV zählt jeder Cent, der eingespart wird – auch der des Chrisantus-Gehalts. Wobei ich nicht verschweigen möchte, dass Chrisantus in diesem Sommer teilweise ganz beachtlich trainiert hat. Er wollte wohl noch einmal, aber er hatte eventuell vergessen, dass er dazu schon zu oft die Gelegenheit gehabt hatte. Irgendwann ist dann eben mal Schicht im Schacht.

Eine andere Frage aber ist in Sachen Stürmern: auf wen will der HSV denn vorne setzen? Das sehe ich im Moment mehr Quantität als Qualität. Und da hätte Chrisantus dann doch eventuell doch mitmischen können. Ich halte es ja immer noch für sehr, sehr gefährlich, dass der HSV nur noch über einen „Zehner“ und einen Innenverteidiger spricht. Mir kommt das Wort Stürmer da überhaupt noch nicht vor. Ob die Verantwortlichen tatsächlich wissen, dass sie da vorne kaum etwas haben? Ich habe meine Zweifel. Aber, und das sage ich gern noch einmal, ich bin ja auch nicht der Trainer und der Sportchef des HSV.

Auch Uwe Seeer ist weder Trainer noch Sportchef des HSV, dennoch hat er viel zu „seinem“ HSV zu sagen. „Uns Matz-ab-Scholle“ war heute am Millerntor, wo „uns Uwe“ einen neuen Werbe-Spot für die PSD-Bank drehte. Zusammen mit den St.-Pauli-Profis Fabian Boll und Florian Kringe. Seeler lobte den Zweitliga-Klub: „Der FC St. Pauli leistet gute Arbeit. Ich hoffe, dass sie ihrer letzten guten Saison eine noch bessere folgen lassen und aufsteigen.“

Um den HSV, um „seinen“ HSV, macht sich Uwe Seeler dagegen schon (und immer wieder) einige Sorgen. Der Ehrenspielführer, bekannt dafür, dass er früher stets den direkten Weg zum Tor suchte, und auch dafür, dass er stets geradlinige Antworten gibt, sagt: „Meine Frau hat letztes Jahr miterlebt, wie mich das Zittern um den HSV verändert hat. Ich hätte richtig abgebaut, sagt sie. Und ganz ehrlich: es wird nicht besser. Ich bin noch nicht zufrieden. Ich hatte gehofft, dass der HSV in der jetzigen Phase schon weiter wäre. Noch muss bei unserem HSV sehr viel passieren.“

Fast alles muss sich ändern – hatte Uwe Seeler unmittelbar nach der verkorksten letzten Saison gesagt. Jetzt spricht er aus, wo er noch Defizite sieht: „Wir brauchen noch mindestens zwei neue Spieler, das ist das Minimum. Im Mittelfeld und in der Abwehr, in der Innenverteidigung. Die brauchen wir, um wenigstens ein wenig Sicherheit zu haben und nicht gegen den Abstieg zu spielen. Hinten müssen wir besser werden. Wir dürfen nicht mehr so viele Tore kassieren. Und ich behaupte sogar, wir bräuchten auch für vorn noch einen richtigen Brecher.“

Ach, lieber Herr Seeler, sie laufen bei mir ja offene Tore ein. Wie sehr wir einen solchen Spieler brauchen, wie sehr! Einen Innenverteidiger hätten wir ja mit Heiko Westermann, aber einen richtigen Brecher? Seeler über den Stürmer-Zugang aus Lettland: „Rudnevs spielt nun in einer neuen, härteren Liga. Das wird hart für ihn und wir sollten ihm Zeit geben.“ Generell befindet Hamburgs größter Fußballer aller Zeiten zur Lage des HSV: „Es reicht nicht, zu hoffen, dass wieder zwei, drei Mannschaften schlechter sind. Das Risiko ist zu groß. Jetzt müssen alle mal in die Socken kommen. Und auch wenn ich weiß, dass es unser Sportchef Frank Arnesen weiß: Je länger die Transferperiode schon andauert, desto schwieriger wird es, die Guten zu bekommen.“ Wobei Uwe Seeler auch noch mit Wehmut an einen Abgang des HSV zurückdenkt: „Ich hätte David Jarolim nicht gehen lassen, denn er war einer, der immer voranging. So einer fehlt uns jetzt noch.“

Als Druck von außen möchte Seeler seine Aussagen nicht verstanden wissen. Im Gegenteil, er sei stets ein Optimist. Dennoch hat er einen Wunsch an die HSV-Verantwortlichen: „Ich wünsche mir nur, dass alle die Situation ausreichend ernst nehmen. Und ich habe das Spiel gegen Barcelona gesehen. Bei allem was man entschuldigen kann, es gab doch noch viele Dinge, die letztes Jahr schon falsch gelaufen sind und die noch immer nicht behoben sind.“

Aber, damit ich auch das noch einmal schreiben kann: Der HSV arbeitet ja jetzt noch ganz intensiv daran, die Lage zu verbessern. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Es soll ja noch alles gut werden, und ich glaube auch fest daran, dass alles noch gut wird, dass es noch jene Verstärkungen gibt, die den HSV wieder stärker werden lassen. Noch ist ja Zeit. Keine Panik.

Und das Überlebens-Camp in Schweden wird den HSV ja auch ganz sicher schon etwas stärker werden lassen – von wegen Teamgeist.

18.11 Uhr

Mein Gott, was gibt es noch alles zu tun!

25. Juli 2012

HSV-Trainer Fink will neue Leute, klar. Wer will die nicht? Die Fans fordern neue Leute, und auch Torwart Rene Adler gab am Dienstag zu verstehen, dass der HSV noch Verstärkungen braucht. Der neue Keeper übernimmt nicht nur während des Spiels Verantwortung, sondern auch außerhalb des Spielfeldes. Adler wird dem HSV ganz sicher sehr gut tun, keine Frage. Und er sagt: „Es ist bestimmt nicht Aufgabe der Spieler, aber wir brauchen noch Leute. Einen Mittelfeldspieler und vielleicht einen Innenverteidiger. Am besten einen Haudegen mit Bundesliga-Erfahrung.“

Ja, das sehe ich ebenso. Obwohl ich speziell darauf erst gegen Ende des Beitrags eingehen möchte. Nur so viel: Adler spricht von Erfahrung, von Haudegen. Und nach dem Vorfall um Slobodan Rajkovic (Faustkampf mit Heung Min Son sowie das Abendblatt-Interview) spricht Trainer Fink von einer neuen Situation, die noch einen neuen Innenverteidiger erfordert. Wir erinnern uns vielleicht noch alle: Vor diesem Rajkovic-Son-Boxkampf wollte der HSV noch einen Zehner und einen Achter, von einem Innenverteidiger war nie die Rede. Aber nun.

Dabei wäre eine andere Lösung für mich viel naheliegender. Auch auf die Gefahr hin, dass es hier wieder einen Sturm der Entrüstung geben sollte, ich schreibe es trotzdem. Denn die schweigende Mehrheit wird auf meiner Seite sein, das weiß ich ganz genau: Holt David Jarolim aus seinem Urlaub zurück, der Tschehche hat noch keinen neuen Verein (soviel ich weiß), und er könnte den Serchser geben – und Heiko Westermann den einen gesuchten Innenverteidiger. Dem HSV wäre damit gedient. Zumal ja auch noch Tomas Rincon ausfallen wird – wie lange, das weiß noch niemand. Und so wie „Jaro“ bei seinem Abschied gefeiert wurde, so weiß der HSV auch auf jeden Fall, dass er einen verdienstvollen Haudegen wieder im Kampf gegen den Abstieg einsetzen kann – und jederzeit zur Verfügung hat.
Da müssen eben nur einige Herren mal über ihre Schatten springen . . .

Auch diejenigen, die nun wieder „Matz ab“ (und mich) zum Teufel wünschen. Ich sage allen, auch meinen (und „Jaros“) Feinden: es kann mit einer solchen Lösung nicht schlechter werden. Und der HSV könnte noch etwas für ganz vorne tun, aber auch dazu noch später.

Erst einmal noch zum Dienstag und zum FC Barcelona. Thorsten Fink war richtig angefressen nach der 1:2-Niederlage. Ganz nüchtern aber stellte er fest: „Wir wollen nicht nach Ausreden suchen, doch bei drei Spielen in drei Tagen und sieben Stunden Zeitunterschied fehlte meiner Mannschaft die Frische. Das ist ganz normal nach einer solchen langen Reise. Und wir sind sehr enttäuscht, dass Messi nicht kam. Barcelona hat trotzdem eine gute Mannschaft, die können alle Fußball spielen, das hat man gesehen. Und alle beherrschen das System. Ich denke aber mal, dass die Fans das Beste aus diesem Spiel gemacht haben“, sagte der HSV-Trainer nach dem Spiel gegen die katalanische Nachwuchself.

Erst am Abend zuvor waren die Hanseaten vom gewonnenen Peace Cup in Südkorea zurückgekehrt und wirkten alles andere als ausgeschlafen. Und die ARD übertrug live! Die Sendeanstalt erreichte mit der Übertragung im Vorabendprogramm 1,27 Millionen Zuschauer bei einem Marktanteil von 8,3 Prozent – und ist richtig schön sauer, denn: Es dürfte einzigartig in der ARD-Geschichte sein, dass ein solcher Kick gezeigt wurde. Eine zweite oder sogar dritte Vertretung des FC Barcelona „hüpft“ da im Volkspark über den Rasen – da dürfte es noch ein tüchtiges Säbelrasseln geben, beim Ersten.

Mit dem Ausfall von Superstar Lionel Messi spart der HSV 400 000 Euro und will mit einem Fanfest im September die enttäuschten Anhänger entschädigen. Zudem prüft der Klub den Vertrag mit dem Champions-League-Sieger von 2011, ob tatsächlich noch 800 000 Euro für den Eintagestrip überwiesen werden müssen. Eigentlich war und ist es ja ein Unding, dieser Tagesausflug des FC Barcelona nach Hamburg. So steril wie diesmal war es wohl noch nie. Dass der Zuckerjung Messi in Zuckerwatte gepackt wird, das war zwar irgendwie zu erwarten (solche Stimmen waren heute doch überall zu hören, oder?), aber das da eine solche Truppe aufläuft, das ist schon ein Stück aus dem Tollhaus.

Wenn das die Zukunft des großen europäischen Fußballs ist, dann gute Nacht. Das ist – sorry, aber es muss so krass gesagt werden – die reinste Verarschung, in der Tat. Da schicken die Katalanen während der Europameisterschaft extra ein vielköpfiges Organisationsteam in den Volkspark, damit alles bis ins letzte und kleinste Detail geklärt ist: Was in der Kabine zu sein hat, der Wachdienst im und vor dem Hotel, was es zu trinken geben muss, wie lang der Rasen in Zentimetern nur sein darf, und, und, und. Und dann kommt da eine solche Vertretung. Und diese wird dann so abgeschirmt, als käme da ein ganz, ganz großer Pop-Star nach Hamburg. Nur ja keine Berührung mit dem Volk: Raus aus dem Flieger, rein ins Hotel, raus aus dem Hotel, rein in den Bus, ab in den Volkspark, rauf auf den Rasen, spielen, gewinnen, rein in den Bus – und weg! Alles kurz und schmerzlos und ohne eine Spur zu hinterlassen.

Das ist das Hinterletzte! Und so wird der internationale Freundschaftsspiel-Fußball nicht nur mit Füßen getreten, sondern auch zu Tode getrampelt!

Immerhin: Der HSV dürfte gelernt haben. Eine solche Geburtstagsfeier mit einem solchen höchst neutralen und unnahbaren Gast wird es wohl nie wieder geben.
Hoffentlich.

Zurück zum Dienstag: Thorsten Fink nahm seine Profis nach dem Spiel aber in Schutz und verteidigte die bisher zurückhaltende Einkaufspolitik. Zufrieden war er mit dem Gezeigten trotz allem nicht. Der 44-Jährige machte unmissverständlich klar, dass er mindestens noch einen Spielmacher, einen dahinter für das Mittelfeld und eigentlich auch einen Innenverteidiger haben will: „Das ist ja aber auch alles bekannt. Jetzt müssen wir nur sehen, welche Mittel vorhanden sind und dann Entscheidungen treffen.“ Zum Stand der Vorbereitung des HSV sagte der Coach: „Wir haben in Südkorea drei gute Spiele gemacht. Und das vom Vorstand ausgegebene Ziel, das Turnier dort zu gewinnen, haben wir auch erreicht . . .“

Zu den noch vorhandenen Mitteln kommen nun auch noch die Millionen, die es aus dem heutigen Verkauf des kräftigen Dribbelkünstlers Gökhan Töre gibt. Der Deutsch-Türke wird, wie erwartet. für etwa sechs Millionen Euro (die Hälfte bekommt Chelsea) zu Rubin Kazan wechseln. Dazu gibt es 1,23 Millionen Euro vom Peace Cup, plus die Einnahmen aus dem Barca-Spiel – es müsste also etwas möglich sein. Obwohl es schwer werden dürfte. Nun droht sogar der Transfer des Kroaten Milan Badelj von Dynamo Zagreb in letzter Minute zu scheitern, weil plötzlich Fenerbahce Istanbul mehr als 3,5 Millionen Euro bietet . . . Sportchef Frank Arnesen hält (und hielt) sich am Mittwoch in Zagreb auf, um noch zu retten, was noch zu retten ist.

„Wir lassen uns nicht reinreden, die Transferperiode dauert noch lange“, verteidigte Fink die verhaltene Vereinspolitik. Das mag ja auch alles stimmen, aber später, im Laufe der Saison, könnte das auch schnell wieder als Ausrede herhalten (müssen): „Wir sind nur deshalb so schlecht gestartet, weil wir die vielen neuen Spieler erst einen Tag vor Saisonbeginn verpflichtet haben. So konnte sich keine Einheit einspielen, darauf müssen wir nun in den nächsten Wochen stark hoffen . . .“

Jawoll, meine Herren, das haben wir in den letzten Jahren zu oft hören müssen. Und ich kann die Fans verstehen, denen diese Ausreden so ganz langsam zum Hals heraus hängen. Mir jedenfalls geht es so.

Aber vielleicht hilft ja auch der „Elch-Test“ ein wenig – der in Schweden. Um die Mannschaft noch enger zusammenrücken zu lassen, fährt der HSV am Sonnabend erstmals in ein Überlebenscamp in den Norden Europas. Auf Nehbergs Spuren. „Wir brauchen auch einmal eine körperliche Pause“, sagt Thorsten Fink, der seine Schützlinge in der Natur mit ganz anderen Gefahren als üblich konfrontieren wird. Zum Teambuilding gehöre, dass einzelne Mannschaftsteile enger zusammenrücken. So wird sich die Abwehrreihe um den Proviant kümmern, die anderen um die Zelte, die andere und die Kajaks. Fink: „Das wird sicherlich eine wertvolle Erfahrung für alle. Die neuen Spieler werden noch mehr integriert, wir müssen dort an unsere Grenzen gehen.“

Um dann später in der Bundesliga in jedem Spiel an die Grenzen gehen zu können. Denn eines steht für mich fest: der HSV wird eine ähnlich schwere Saison haben, wie zuletzt 2011/12. Und wer glaubt, dass es mit einem Achter, einem Zehner und einem Innenverteidiger getan ist, der ist in meinen Augen ein großer Träumer, denn: Der HSV benötigt mindestens noch einen Stürmer. Ich hätte, um mal ein Beispiel zu geben, sogar einen Mann wie Sandro Wagner geholt, der nun bei Werder ausgemustert wurde und dann zu Hertha BSC ging. Ein solcher Mann wäre schon wertvoll für den HSV gewesen. Wer aber diese (jetzige) Sturm-Schwäche nicht erkennt, obwohl sie gegen Barcelona deutlich zu sehen war, oder wer sie ganz einfach nicht sehen will, der muss sich dann eben in der Saison davon negativ überraschen lassen. Aber dann könnte das Kind schon längst in den Brunnen gefallen sein.

Und wer gedacht hatte, dass der HSV (Frank Arnesen) mit Artjoms Rudnevs einen neuen Edin Dzeko (nur als Beispiel – weil den einst Felix Magath aus dem Untergrund hervorzauberte) entdeckt hätte, der konnte sich davon am Dienstag mal selbst ein erstes richtiges Bild davon machen. Da kommt kein neuer Dzeko. Da kam ein neuer Mann, der noch viel, viel zu lernen hat. Und ich denke immer daran zurück, dass mir gegen Saisonende, als der HSV noch einmal mit Lech Posen „nachverhandeln“ musste, drei Polen, die beim HSV spielen, sagten: „Der gute Rudnevs ist keine 3,2 Millionen Euro wert, der ist 3,2 Millionen Zloty wert – wenn es hoch kommt.“ Aber mal abwarten. Immerhin war Rudnevs weitaus billiger, geradezu ein Schnäppchen, gegenüber Marcus Berg. Und der ist ja nun der große Hoffnungsträger im HSV-Angriff.

Apropos: Wie es zurzeit um den HSV bestellt ist, hat auch in Ansätzen dieses Spiel gegen Barcelona gezeigt. Was wäre wohl gewesen, wenn der HSV auf den „echten“ FC Barcelona getroffen wäre, also einen FC Barcelona tatsächlich mit allen Stars? Das wäre wohl eine absolute Vernichtung gewesen – oder geworden. So aber war es so, dass die Spanier insgesamt neun Spieler ein- und auswechselten. Doch selbst die C-Elf, die in der zweiten Hälfte sogar phasenweise in Unterzahl spielte, da Vilanova zunächst niemanden mehr auf der Bank hatte, um den verletzten Marc Muniesa zu ersetzen, konnte mit dem HSV mithalten. Das sollte allen, die es gut mit dem HSV meinen, stark zu denken geben. Trotz des Südkorea-Fluges, trotz der Zeitzonen, trotz der drei Spiele in Asien, trotz der Tatsache, dass die Bundesliga erst in vier Wochen starten wird.

Mein Gott, was gibt es beim HSV noch alles zu tun!

PS: Mir tun natürlich auch die vielen Fans des HSV Leid, die auf die Mogelpackung FC Barcelona hereingefallen sind. Viel Geld für nix. Und dazu dann noch die erhöhten Getränke-Preise – ein Top-Zuschlag für den FC Barcelona. Prost!

Was ein HSV-Fan an diesem Tag so alles erlebt hat, schilderte uns heute ein Mann – per Mail – sehr eindrucksvoll. Vielleicht erkennt sich der eine oder andere HSV-Anhänger ja wieder:

“Guten Tag,

kurz aber dennoch zusammenfassend möchte ich Ihnen den Bericht meines gestrigen Tages zur Kenntnis geben:

Um 16.35 startete ich mit dem Auto von der Hudtwalckerstraße Richtung Volksparkstadion. Gelangweilte Polizisten sperrten Straßen ab, saßen rauchend in ihren Peterwagen und kümmerten sich um alles, nur nicht um den Verkehr. So saß ich 90 Minuten später auf meinem Platz für 32 Euro. Neben mir mein seit Mittag total frustrierter Sohn, der ins Stadion wollte, um Lionel Messi zu sehen.

Die Sitze, Block 18C, Reihe 5, Sitz 17 und 16 waren derart dreckig, dass man sich nicht wirklich setzen mochte. Eine Mischung aus Ketchup, Senf, frischer Zigarettenasche und eine gräuliche Schicht aus nicht mehr wirklich Definierbarem. Lecker! 32 Euro!!!

Sieben Minuten vor Halbzeit machte ich mich auf den Weg, um zwei Bratwürste für mich und meinen Sohn zu organisieren. Die Mannschaft des HSV mühte sich auf dem Feld redlich, lag dennoch 1:2 zurück. Vor mir standen ca. 17 weitere Stadionbesucher, die den gleichen Gedanken hatten wie ich. Der Herr mit den Bratwürsten an der Kasse mühte sich, ähnlich redlich wie die Hamburger Mannschaft, immer wieder aufs Neue drei Euro plus drei Euro, oder drei Euro plus drei Euro plus drei Euro zusammen zu rechnen, was ihm dann auch bei jedem Kunden in der Schlange nach etwa zwei Minuten gelang. So war ich rechtzeitig zehn Minuten nach Beginn der zweiten Halbzeit wieder auf meinem Platz.

Über den Toilettenbesuch mit meinem Sohn möchte ich an dieser Stelle lieber schweigen . . .

Der Trainer des HSV meinte zur Halbzeit wohl etwas tun zu müssen und schickte, von mir zunächst unbemerkt in der Halbzeit auch die zweite Mannschaft auf den Platz. Barcelona spielte nunmehr mit der dritten Mannschaft. 57.000 Zuschauer machten begeistert die La-ola-Welle. Toll!!! Ich fragte mich, ob mein Fußballverstand mich im Stich gelassen hatte und beobachtete ob dieser Begeisterung das Spiel nun noch genauer und entdeckte 22 Männer auf einem Fußballplatz die rumstanden. Für 32, bzw 64 Euro plus 6 Euro für die beiden Bratwürste nicht schlecht.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für die Saison 2012/ 2013 viel Glück und gratuliere zum 125. Geburtstag!

In freudiger Erwartung Ihrer Stellungnahme,

mit freundlichen Grüßen,
Henning B.”

PSPS: Dieser HSV-Fan schrieb nicht mir, sondern ans Hamburger Abendblatt, und, das gebe ich zu, er ist mir bekannt, weil er ein Kollege von uns (Journalisten) ist.

Und, nicht um euch zu quälen, sondern weil es in der Tat so schön war, hier noch einmal die Barcelona-Unterhaltung (vor dem 1:2) mit den HSV-Altmeistern Horst Schnoor und Klaus Neisner.

PSPSPS: Training im Volkspark ist am Donnerstag um 10 und um 15 Uhr.

16.55 Uhr

Der HSV gewinnt – vor allem alte/neue Erkenntnisse ***ergänzt mit Raffael-Interesse***

22. Juli 2012

Der HSV hat gewonnen. Den Peace-Cup mit 1:0 gegen Gastgeber Suwon, insgesamt eine Million Dollar Preisgeld und die Erkenntnis, dass es bis zur Konkurrenzfähigkeit in der Bundesliga noch ein weiter Weg ist. Bis zur Fink’schen Prognose, dass man um Platz sechs bis acht spielen werde, scheint es ein noch zu langer Weg zu sein.

Denn trotz des Turniersieges muss festgehalten werden, dass dieser HSV nur bedingt funktioniert. Wie auch? Nach den Abgängen von Petric und Guerrero im Angriff sowie Jarolim im Mittelfeld ist diese Mannschaft ob fehlender Neuer in meinen Augen qualitativ schwächer als zuvor einzuschätzen. Und der Versuch mit Westermann auf der Sechs schlägt leider weiter fehl. Obleich der Kapitän vom Einsatz und Willen her vorbildlich arbeitet und auf diesem Feld seine große Qualität einbringt, als zentrale Figur im Aufbauspiel ist er nicht geeignet. Dazu kommt, dass die Offensive weiter hakt. Artjoms Rudnevs war bemüht, lief viel – und fast immer ins Leere. Der Lette ist innerhalb des HSV-Spiels noch immer wie ein Fremdkörper, wobei böse Zungen auch behaupten könnten, das sei auch der Ball für den Linksfuß. Denn so oft wie Rudnevs der Ball verspringt, kann man das gar nicht mit „Gewöhnungsphase“ erklären. Vielmehr muss man ihn als das absolute Gegenteil vom technisch versierten Paolo Guerrero, der eigentlich immer (auch in der Luft mit langen Bällen) anspielbar war, bezeichnen – was das bedeutet, vermag jeder selbst zu beurteilen. Für mich ist der logische Schluss aus allem zusammen, dass der HSV weiter niemanden hat, der das Spiel lenkt. Der HSV spielt ideenlos und verliert so schon oft früh im Aufbauspiel die Bälle.

Aber okay, noch ist es ein Monat bis zum ersten Pflichtspiel, vielleicht dreht sich das Blatt ja auf der einen oder anderen Position um 180 Grad. So wie bei Berg. Der Schwede, gegen Groningen noch einer der Ausfälle, stand heute goldrichtig, als Jansens Schuss vom Torhüter der Südkoreaner nur nach vorn abgewehrt werden konnte. Von Bergs Brust sprang der Ball zum 1:0-Siegtreffer ins Tor und sicherte dem HSV nach den 500000 Dollar Antrittsgage, den 500000 Dollar für den Groningen-Sieg nun auch noch die 500000 Dollar Turniersiegprämie. Umgerechnet rund 1,2 Millionen Euro hat der HSV somit mit der einen Woche Südkorea verdient – zuzüglich der hoffentlich noch kommenden neuen Sponsorenverträge aus Fernost.

Ebenfalls positiv ist die Entwicklung von Michael Mancienne und Jeffrey Bruma als Innenverteidigerduo zu bewerten, auch wenn man hierbei Mancienne noch hervorheben muss. Denn der Engländer ist momentan der konstanteste (Abwehr-)Spieler des HSV. Mancienne holt das Maximum aus seinen Möglichkeiten heraus und dürfte momentan der gesetzteste Innenverteidiger sein.

Und auch wenn Trainer Thorsten Fink weiterhin auf eine Wende im Fall David Abraham hofft, zudem der Transfer von Mittelfeldmann Milan Badelj von Dinamo Zagrebs Präsidenten bestätigt worden sein soll – er muss davon ausgehen, dass er mit den aktuellen Spielern in die Saison startet. Und das bedeutet, dass er im Zentrum den zweiten Sechser neben Westermann – Sala spielte es gegen Suwon eher unglücklich, hatte viele Ballverluste und verlorene Zweikämpfe – noch suchen muss. Tomas Rincon fällt aus, Robert Tesche soll verkauft werden und Per Skjelbred hat Ansätze gezeigt – aber beim Trainer einen eher schweren Stand. Da ansonsten noch kein Neuer verpflichtet ist, hat Fink hier noch immer eine riesengroße Baustelle.

Denn trotz der Bestätigung aus Zagreb ist dort noch klarer gesagt worden, das Badelj die Champions-League-Qualifikation für Zagreb bis zum Schluss spielen wird und dem HSV so erst Mitte August zur Verfügung stünde. Zudem muss das finanzielle Paket des Kroaten erst noch vom Aufsichtsrat abgesegnet werden.

Nein, es hakt noch an allen Ecken und Kanten. Sportlich, personell und in Sachen Stimmung. Slobodan Rajkovic hatte gesagt, dass die Stimmung alles andere als gut sei. Zieht man von dieser Pauschalaussage einige Prozente Übermotivation (weil tief frustriert) ab, bleibt ein Rest. Vielleicht nur ein kleiner, aber dieser ist gefährlich. Zumal es intern immer wieder auch zwischen Fink und Sportchef Frank Arnesen knatscht. Der Trainer nennt seinem Sportchef Namen, die dieser immer wieder ablehnt. „Natürlich sind wir oftmals auch unterschiedlicher Meinungen, aber letztlich funktioniert es“, hatte Fink zuletzt beschwichtigend erklärt. Und ich hoffe, den Zusatz hat er nicht nur gesagt, um alle zu beruhigen.

Letztlich wird es von den Zugängen abhängen, ob sich am Ende alle lieb haben. So wie die 1,2 Millionen Euro aus dem beschwerlichen Südkoreatrip eine erfolgreiche Woche gemacht haben. Genau genommen ist es sogar die erfolgreichste Trainingslagerwoche aller Zeiten. Zumindest finanziell.

In diesem Sinne, morgen kehrt die Mannschaft zurück, Dienstag kommt Barcelona. Mit Messi. Freuen wir uns darauf.

Scholle

HSV: Adler – Diekmeier, Bruma, Mancienne, Aogo – Westermann, Sala (90.Steinmann) – Beister (72.Jansen), Tesche (72.Arslan), Ilicevic (46.Son) – Rudnevs (72.Berg). Tor: Berg (80.).

P.S.: Anlässlich des Jubiläumsspiels gegen Barcelona senden wir (Dieter ist aus dem Urlaub zurück!) am Montag gegen elf Uhr eine Live-Sendung “Matz ab” mit den Altstars des HSV, Klaus Neisner und Horst Schnoor, die sich an die legendären Spiele gegen Barca in den Sechzigern erinnern.

P.P.S.: Sobald die Mannschaft gelandet ist, sollen bei Gökhan Töre die letzten Details bezüglich seines Wechsels zu Rubin Kazan geklärt werden. Angeblich sind sich alle Parteien weitgehend einig. Der HSV soll demnach etwas mehr als fünf Millionen Euro Ablösesumme für den Deutsch-Türken kassieren.

P.P.P.S.: Der HSV, das habe ich vorhin verschwiegen, weil ich es nicht glauben konnte/kann, ist nun doch wieder an Hertha-Spielmacher Raffael interessiert. Das erzählte mir vorhin mein Kollege Kai Schiller aus Südkorea – und so berichtet es zumindest die Bild. Obgleich es die HSV-Verantwortlichen noch dementieren. So, wie es Frank Arnesen vor Wochen schon tat. Damals schloss er die Personalie Raffael sogar aus…

Italien kommt – Elm noch nicht

25. Juni 2012

Über Geschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten. Über Fußball auch. Das ist mal sicher. Und wenn ich hier meine Meinung verbreite, dann weiß ich, dass es viele, viele Fußball-Fans gibt, die das total anders sehen als ich. Ist doch klar. Und dass es dafür dann auch die eine oder andere Kritik gibt, ist ebenso eindeutig – und das ist auch gut so. Solange es alles sachlich bleibt. Und das bleibt es ja auch größtenteils. Aber ich gebe hier nur das zum Besten, was ich über den Fußball weiß, was und wie ich über ein Spiel denke. Und wenn ich in diesen Tagen etwas härter mit Schweinsteiger, Podolski, Klose und Co ins Gericht gehe, dann ist es deshalb, weil ich so denke. Das kann ich nicht ändern. Das ist meine Meinung. Sonst würde ich es ganz sicher anders schreiben. Ich weiß nur, dass ich es ja meistens gleich dann schreibe, wenn ich etwas sehe. Nicht erst lange rückversichern, wie andere (Experten) darüber denken. Das ist auch im Falle der EM so. Ich weiß aber von vielen Freunden und Bekannten, dass sie oft ähnlich denken wie ich. Vor allem die Hamburger Amateurtrainer, mit denen ich Kontakt habe, denken meistens ähnlich. Und glaubt mir, es sind keine Leute dabei, die ahnungslos sind. Die verstehen alle viel vom Fach (Fußball), haben oft nur das Pech, dass sie niemals Profis waren – und deswegen nicht bei einem Profi-Klub landen, somit auch nicht „groß“ herauskommen können. Das soll aber nicht heißen, dass sie nicht auch Fußball-Experten sind. Und für diese Leute ist es, genau das ist der Kernpunkt, ebenfalls unverständlich, wie zum Beispiel ein Weltkasse-Fußballer wie Bastian Schweinsteiger ein solches Spiel wie gegen Griechenland abliefern kann. Und damit Ende (von meiner Seite aus) mit diesem Thema. Nur eines noch: Immerhin hat der „Schweini“ ja selbst eingeräumt, über seine Fehlpässe entsetzt gewesen zu sein.

Wo ich gerade bei „Experten“ war. Die, die ich gemeint habe (aus dem Amateurbereich), die sind ähnlich frustriert über die Spielerei der Spanier wie ich. Ballbesitz. Das ist ja heutzutage (auch im Amateurfußball) das Zauberwort. Motto: „Wenn wir den Ball haben, dann kann der Gegner keine Tore schießen.“ Schön und gut, es langweilt halt nur. Vor, zurück, quer, zurück, quer – Schlafwagen-Fußball. Spanien kann diese Art von Fußball perfekt, aber er ist eben nicht gerade dynamisch – und damit nicht immer schön anzusehen.
Dazu schrieb der Sport-Informations-Dienst (SID) heute einen mir aus der Seele sprechenden Bericht. In dem auch die „wahren“ Experten ihren Unmut über diese Spielerei kundtun.

„Tiki-Taka“ als Valiumtablette: „Die Spanier wollen einschläfern“

Mitte der zweiten Halbzeit hatte das Publikum die Nase gestrichen voll. Mit Pfiffen und Buhrufen machte ein Großteil der Zuschauer in der Donbass-Arena in Donezk seinem Unmut Luft. „Die Spanier wollten mit ihrer Spielweise die Franzosen und die Zuschauer einschläfern, das ist ihnen leider gelungen. Das war ein Unspiel mit viel Ballbesitz“, nörgelte hinterher Arsene Wenger, Teammanager des FC Arsenal, ein Fußball-Ästhet und ein Lehrmeister des „One-Touch-Football“.

Spanien gewann gegen Frankreich (2:0), aber die Zuschauer fühlten sich wie Verlierer. Sie hatten sich auf ein unterhaltsames Duell zweier Weltklasseteams gefreut. Stattdessen erlebten sie ein nahezu leidenschaftsloses und ermüdendes Ballgeschiebe des Titelverteidigers gegen seelenlose Franzosen. Der Erfolg gibt den Spaniern Recht, sie stehen im Halbfinale der EM gegen Portugal (Mittwoch, 20.45 Uhr/ZDF). Der Nächste, der die Schlaftablette „Tiki-Taka“ verabreicht bekommen soll, ist das personifizierte Aufputschmittel Cristiano Ronaldo.

„Tiki-Taka“ ist die spanische Bezeichnung für Klick-Klack-Kugeln. Und der Begriff beschreibt den spanischen Stil, der vor nicht allzu langer Zeit noch als revolutionär und Nonplusultra des modernen Fußballs gefeiert wurde. Bei der EM hat „Tiki-Taka“ eine einschläfernde Wirkung. Ein „Hallo-Wach“ war dagegen der torlose Schlagabtausch im Viertelfinale am Sonntagabend zwischen Italien und England mit einer Verlängerung und einem Elfmeterschießen (4:2) als Zugabe.

Es gibt nach wie vor Menschen, die sind von den Spaniern beeindruckt. „Wenn man die Raumaufteilung sieht, dann ist das beeindruckend. Genauso, wie sie gegen den Ball arbeiten. Frankreich hat so gut wie keine Möglichkeit gehabt“, sagte der deutsche Mannschaftskapitän Philipp Lahm anerkennend. Erfolgreich und effektiv, aber keineswegs attraktiv sind die Auftritte des Welt- und Europameisters aus Spanien, dessen Fußball-Philosophie auf schneller Balleroberung und viel Ballbesitz basiert, die Gegner zur Verzweiflung treibt und die Zuschauer zunehmend nervt.

„Ballbesitz und Spielkontrolle“, betont Spaniens Vicente del Bosque, seien das Wichtigste. Pass nach hinten, Pass nach vorn, danach zweimal seitwärts und wieder nach hinten – aber nur selten steil in die Tiefe. Anders ausgedrückt: zu viele Ballkontakte, zu wenig Risiko, zu wenig Tempo, zu wenig Torszenen. Kurzum: zu wenig Attraktivität, zu wenig Flair und Fußball-Zauber. Lahm: „Also, das ist schon beeindruckend, wie sie arbeiten, gegen den Ball, wie sie den Gegner vom Tor weghalten, vom eigenen.“

Dabei ergötzen sich die Fans am Spiel des FC Barcelona, der diesen Stil zur Perfektion entwickelt hat. Doch im Gegensatz zum Nationalteam dient dort das schnelle Passspiel um den Strafraum des Gegners, das oft an einen Angriff im Handball erinnert, primär dazu, den Offensivkünstlern wie Lionel Messi oder Cesc Fabregas die beste Position zum erfolgreichen Abschluss zu eröffnen. Del Bosque hingegen ließ die Furia Roja gegen Frankreich sogar ohne Stürmer mit sechs Mittelfeldspielern auflaufen. Die „Blauen“ waren völlig überfordert.

„Spanien wird die Rivalen spielerisch ermüden“, kündigte der ehemalige Nationaltrainer Luis Aragones 2008 schon vor dem Finale gegen Deutschland an – und gewann. Ein probates Gegenmittel gegen das spanische Narkotikum scheint noch immer nicht gefunden.

Nun gut, Spanien bekommen wir erst im Finale. Erst einmal ist Italien angesagt. Und das wird schwer genug. Fußball ist ja kein Wunschkonzert, aber ich hätte lieber gegen die schlaffen Engländer gespielt. Mein Gott, wie sind die in der zweiten Halbzeit über ihren Hintern abgebrochen! Da hat sie eigentlich nur der überragende Abräumer John Terry gerettet. Ich bin mal gespannt, wie die Italiener die Verlängerung verkraften, denn sie stellen die älteste Mannschaft des Turniers. Obwohl Mehmet Scholl, der ARD-Experte, ja gesagt hat, dass die Erholungsphase drei Tage dauert, mit Verlängerung vier. Und abends wird dann am vierten Tag gespielt. Sollte also kein Problem sein für diese italienische Mannschaft, die ja schon recht feinen Fußball spielt . . .

Die machen mir aber schon ein wenig Angst. Auch deshalb, weil Deutschland in einem Turnier-Spiel noch nie gegen Italien gewonnen hat. Obwohl: Am 23. März 1994 hat die deutsche Mannschaft bei einem Dreiländerturnier in der Schweiz mit 2:0 gegen Italien gewonnen. In Zürich. Aber das zählt wohl nicht so ganz . . .

Hier sind mal alle Länderspiele zwischen diesen beiden Nationen aufgeführt. Wobei ich sagen muss, dass ich zwei frühe Begegnungen live miterlebt habe. Das erste Spiel fand am 13. März 1965 im Volksparkstadion statt, als Deutschland ohne einen Hamburger 1:1 spielte. Ich war damals 16 Jahre alt und ich weiß noch genau: Mein Platz war in der Westkurve, und ich entdeckte in diesem Spiel den Außenristpass. Der Italiener Rivera, damals eine große Nummer im europäischen Fußball, schlug auf der halblinken Position (genau auf meiner Höhe) einen Ball über 30, 40 Meter genau in den Lauf eines italienischen Stürmers. Der Ball hatte so viel Effet, dass ich dachte, er würde ins Seitenaus segeln, aber er drehte dann doch genau in den Lauf des Mitspielers, so wie dieser Pass auch angedacht war. Herrlich. Ich staunte minutenlang. Und noch tagelang. Und habe danach immer und immer wieder versucht, auch solche „langen Dinger“ zu schlagen – mit dem Außenrist.
Für alle Experten, die noch mehr über dieses damalige Spiel wissen möchten: Mönchengladbachs Abwehrmann Klaus-Dieter Sieloff erzielte in der 39. Minute das deutsche 1:0 per Elfmeter, der große Sandro Mazzola glich in der 76. Minute aus, als Italien in Unterzahl spielte (Platzverweis für Burgnich). Bei Deutschland spielten neben anderen Tilkowski, Piontek, Höttges, Weber, Küppers, Brunnenmeier, Konietzka und Hornig.

Mein zweites Italien-Länderspiel war dann ein ganz besonderes, denn es war mein erstes als Reporter für das Hamburger Abendblatt. 18. April 1987, ein 0:0 in Köln. Hinter mir saß Harald „Toni“ Schumacher, es war das erste Länderspiel ohne ihn – weil er damals sein Enthüllungsbuch „Anpfiff“ über den deutschen Fußball und über die Nationalmannschaft auf den Markt „geschmissen“ hatte. Das war für den Kölner Keeper der „Abpfiff“ – Rot!

Hier nun die Länderspiele zwischen Deutschland und Italien:

26.11.1939 Berlin Deutschland – Italien 5:2
05.05.1940 Mailand Italien – Deutschland 3:2
30.03.1955 Stuttgart Deutschland – Italien 1:2
18.12.1955 Rom Italien – Deutschland 2:1
31.05.1962 Santiago Deutschland – Italien 0:0 WM-Gruppenspiel
13.03.1965 Hamburg Deutschland – Italien 1:1
17.06.1970 Mexiko-Stadt Italien – Deutschland 4:3 n. V. WM-Halbfinale
26.02.1974 Rom Italien – Deutschland 0:0
08.10.1977 Berlin Deutschland – Italien 2:1
14.06.1978 Buenos Aires Deutschland – Italien 0:0 WM-2. Finalrunde
11.07.1982 Madrid Italien – Deutschland 3:1 WM-Endspiel
22.05.1984 Zürich Deutschland – Italien 1:0
05.02.1986 Avellino Italien – Deutschland 1:2
18.04.1987 Köln Deutschland – Italien 0:0
10.06.1988 Düsseldorf Deutschland – Italien 1:1 EM-Gruppenspiel
25.03.1992 Turin Italien – Deutschland 1:0
23.03.1994 Stuttgart Deutschland – Italien 2:1
21.06.1995 Zürich Deutschland – Italien 2:0
19.06.1996 Manchester Italien – Deutschland 0:0 EM-Gruppenspiel
20.08.2003 Stuttgart Deutschland – Italien 0:1
01.03.2006 Florenz Italien – Deutschland 4:1
04.07.2006 Dortmund Deutschland – Italien 0:2 WM-Halbfinale
09.02.2011 Dortmund Deutschland – Italien 1:1

Daraus lässt sich wahrscheinlich erahnen, wie schwer dieser Kick am Donnerstag wird. Obwohl der Assistent von „Jogi“ Löw, der Hansi Flick, gestern nicht zu Unrecht bemerkte: „Statistik ist ja schön und gut, diesmal treffen aber zwei Mannschaften aufeinander, die nichts mit dieser Statistik zutun haben.“ Fast nichts, jedenfalls.

Zum HSV. Da hielt sich heute bei „Matz ab“ ja das Gerücht, dass der Schwede Rasmus Elm zum HSV kommen wird, kommen könnte. Der EM-Teilnehmer wäre der Kreativspieler, der ja noch dringend gesucht und benötigt wird. Der Mann spielt in den Niederlanden für AZ Alkmaar, er steht wohl auch auf der Liste des HSV, aber ich glaube, dass er erst dann ein Thema werden wird (werden könnte), wenn sich alle anderen Versuche zerschlagen würden, einen anderen „Klassemann“ zu finden und unter Vertrag zu nehmen.

Dann gab es noch die folgende Zuschrift:

„Moin, Moin,

ich würde gerne mal ein Thema anregen, das in den Blogartikeln leider noch gar keine Erwähnung gefunden hat: das meiner Meinung nach problematische Verhalten einiger deutscher Fans.

Besonders negativ aufgefallen ist es mir zuletzt beim Spiel gegen Griechenland. In der zweiten Halbzeit wurde lauthals “Hurra, Hurra, die Deutschen sind da” gesungen, kurz vor Spielende dann auch noch “Sieg! Sieg!”. Auch wenn das sicherlich Standard-Fußballgesänge sind (beim HSV stört mich das “Sieg! Sieg!” auch), halte ich es schon für ziemlich unangebracht, solche Gesänge in Danzig anzustimmen. Jeder Mensch mit angemessener Bildung und Sensibilität sollte da entsprechende Assoziationen sehen. Umso mehr hat es mich gestört, dass mit keinem Wort in der Berichterstattung, die ich verfolgt habe, darauf eingegangen wurde. Und es scheint ja gerade bei Länderspielen der deutschen Mannschaft im Ausland so zu sein, dass dort “Fans” mit zweifelhaften Ansichten Dinge ausleben können, die in Deutschland verboten bzw. geächtet sind (wie Nazi-Gesänge, Hitlergrüße, eindeutige Kleidung o.ä.) ohne dass etwas unternommen wird.

Ich finde, dass es in der Verantwortung des DFB, des Fanclubs der DFB-Elf und vor allem jedem Einzelnen liegt, hier klare Zeichen zu setzen und zu handeln.

Europa- und Weltmeisterschaften sind tolle Turniere und es macht Spaß, mit den Mannschaften mitzufiebern, aber ich denke, dass man sich auch immer über das bewusst sein sollte, was man so von sich gibt. Ich bin auch gespannt, ob jetzt zum Halbfinale wieder der chronische Italien-Hass von 2006 bei so vielen durchkommt, den ich damals schon sehr bedenklich fand. Wenn ich in der S-Bahn eine Horde aggressiv “Deutschland, Deutschland”-gröhlender, mit zahlreichen Flaggen und schwarz-rot-goldenen Utensilien ausgerüsteten Fans sehe, fühle ich persönlich mich da nicht wirklich zugehörig. Das Gefühl, dass das, was 2006 als etwas fröhliches begann, seitdem immer ernster geworden ist, ist glaube ich nicht ganz unbegründet.

Ich würde es gut finden, wenn ihr das Thema im Blog (oder auch im HA) mal ansprecht!

Viele Grüße.“

Ich gebe zu, dass ich um diese Thema gerne einen ganz, ganz großen Bogen machen würde. Einen riesigen Bogen. Denn man kann (ich kann) nur verlieren dabei. Egal, was man auch immer dazu sagt. Generell möchte ich mal schreiben, wie ich diese EM nun wahrgenommen habe. Vorher war ja viel davon zu hören, zu sehen und zu lesen, dass die Hooligans im Osten Europas viel Angst und Schrecken verbreiten würden. Dass es im Osten noch viel, viel härter zugeht, als bei uns. Davon habe ich nichts mitbekommen. Ich habe es vorher wohl auch befürchtet, weil ich auch einige Mal im Osten unterwegs war (und einiges miterlebt habe), aber erfahren und gelesen habe ich in diesen EM-Tagen nichts. Was aber nichts bedeuten muss, denn ich weiß von diversen Großveranstaltungen, dass da der Ball in Sachen Berichterstattung über Schlägereien und sonstige Auseinandersetzungen total flach gehalten wurde. Einiges davon wurde bewusst verschwiegen, um den Hooligans erstens kein Forum zu bieten, zweitens um den anderen Zuschauern nicht noch zusätzlich Angst zu machen.

Man wird aber, so sehr ich jeden „normalen Fan“ verstehe, niemals eine Atmosphäre schaffen können, in der es zu 100 Prozent friedlich zugeht. Das schafft man nie. Denn sonst hätte man es längst geschafft. Selbst wenn es nur noch Sitzplätze in den Stadien geben würde – das würde nichts ändern. Ich habe nun wirklich viele, viele Länderspiele erleben dürfen, und ich habe dabei unglaublich viele handgreifliche und höchst brutale Auseinandersetzungen erlebt. Immer wieder wurde im Vorfeld versucht, all das zu unterbinden. Mit Einreiseverboten, mit einem riesigen Polizeiaufgebot, mit „Fan“-Betreuern und, und, und. Und was hat es bis heute gebracht? Kaum etwas. Ich will bewusst nicht von „nichts“ schreiben, aber der entscheidende Punkt ist doch, dass sich das niemals hundertprozentig unterbinden lässt.

Leider sind da auch immer viele Trittbrettfahrer mit von der Partie, die oftmals gar nicht wissen, was sie machen, was sie da schreien. Sie machen einfach nur mit, weil es in der Gruppe natürlich viel mehr Spaß macht, zu provozieren. Und was machen denn auch schon die Vereine gegen solche „Randalierer“? Stadionverbote! Lächerlich. Das hat doch kürzlich erst Frankfurts Boss Heribert Bruchhagen im Fernsehen erklärt: „In Frankfurt brüsten sich die jungen Fans damit, erst dann ein richtiger Eintracht-Fan zu sein, wenn man mindestens einmal ein Stadionverbot hatte . . .“

Wobei ich einst anmerken muss: „Deutschland, Deutschland“ zu grölen, das finde ich okay. Das sehe ich so wie „HSV, HSV“. Schlimm wird es erst, wenn da gewisse Lieder gesungen werden – aber die werden auch (fast) bei jedem Bundesliga-Spiel gegrölt. Und wird das unterbunden? Nein. Ich durfte mal in einem Zug (nach einem HSV-Spiel) Richtung Hannover fahren, was da gesungen wurde – unfassbar. Aber niemand schritt dagegen ein. Wer auch? Die Polizei? Die kann nicht überall sein. Und die Bahn-Mitarbeiter werden sich hüten, denn die würden so etwas von auf die Glocke bekommen, wenn sie etwas dagegen machen würden.

Und noch eines: Schwarz-rot-goldene Fahnen, Spiegelschoner, Schals, deutsche Trikots und, und, und – was ist daran schlecht? Das hat doch nichts mit „nationalem Denken“ zutun. Da sind so viele Frauen mit ihren schwarz-rot-goldenen Autos unterwegs – alles national denkende Frauen? Da machen wir uns doch lächerlich. In Berlin sollen ja Spiegel abgetreten worden sein, Fahnen an Autos umgeknickt, weil sie angeblich „nationales Denken“ schüren. Das ist doch nur arm und engstirnig, wer so denkt. Ich habe in Hamburg auch viele ausländische Bürger (mit eventuell einem deutschen Pass) gesehen, die deutsche Flaggen an ihren Autos haben. National Denkende? Bestimmt nicht. Da sollte man die Kirche schon mal im Dorf lassen, das ist die Freude pur über eine erfolgreiche Nationalmannschaft. Mehr nicht.

Aber nun bin ich doch ein wenig abgedriftet – was ich gar nicht wollte. Denn diese Thema ist eigentlich viel zu heiß (und zu schwer), um es hier in einigen Zeilen abzuhandeln.

18.41 Uhr

Trochowskis Leben in Spanien

30. Dezember 2011

Um 14.52 Uhr klingelt es an der Tür. „Einen Moment bitte mal, ich muss kurz zur Tür“, sagt mein Gesprächspartner, dann legt er sein Handy zur Seite. Ich kann nichts sehen, kann nur zuhören. Und bin begeistert. Vor der Tür steht ganz offensichtlich eine Spanierin, und die spricht schnell und ohne Pause mit Piotr Trochowski. Ich denke so bei mir: „Ob diese Frau schon mitbekommen hat, dass sie mit einem Deutschen spricht?“ Plötzlich die Antwort an die Dame. Spanisch. Nein, es kommt mir nicht Spanisch vor, es ist Spanisch. So, wie es sich anhört, ist es perfekt. „Troche“ spricht fließend wie die Dame, er spricht ohne Pause, er spricht voller Selbstbewusstsein. Unglaublich. Ich staune nur. Und als er der Dame erklärt hat, dass er gerade ein Telefonat mit Hamburg führt, als er die Tür wieder geschlossen hat und sein Handy wieder in die Hand nimmt, da sagt er: „Sorry. Aber ich habe mich beeilt.“ Ich halte mit meiner Begeisterung nicht zurück: „Troche, das ist ja unglaublich. Du sprichst ja perfekt Spanisch – wie geht das?“ Er: „Ich wollte es anders machen, als die Spieler, die aus dem Ausland zum HSV gekommen sind. Oft können sie nach einem halben Jahr oder noch länger kein Deutsch. Das wollte ich mir nicht zum Vorbild nehmen, also habe ich, als der Vertrag mit dem FC Sevilla im April perfekt war, sofort damit begonnen, Spanisch zu lernen. Im Auto habe ich immer nur spanische CD’s gehört. Und inzwischen unterhalte ich mich mit jedem hier auf Spanisch, gebe auch Interviews auf Spanisch – alles kein Problem mehr.“ Er fügt noch hinzu: „Ich wusste, dass sie hier alle kein Englisch sprechen, also blieb mir nichts übrig, als Spanisch zu lernen.“ Das hätte ich, das gebe ich zu, niemals erwartet. Großes Kompliment, Piotr Trochowski!

Über Weihnachten war er mal wieder in Hamburg. Bei seiner Familie, seinen Freunden – in seiner Wohnung, die er immer noch hier hat. „Es war einfach nur schön. Aber zu kurz. Nur fünf Tage. Es war schnell, intensiv, aber es hat Spaß gebracht. Und wenn ich schon mal hier bin, dann muss ich eben alle sehen, die Familie und die Freunde, das ist dann ein volles Programm. Zudem musste ich ja für Weihnachten Geschenke einkaufen und einpacken, dafür ging auch eine Menge Zeit drauf. Insgesamt war es schön, aber auch anstrengend.“

Im Sommer hat er Hamburg verlassen. Ich habe lange überlegt, wie diese Geschichte, die ich jetzt schreibe, heißen soll. Lange hatte ich den Gedanken: „Der kleine Dribbelkünstler setzt sich durch.“ Das habe ich schnell verworfen. Dann: „Von einem der auszog . . .“ Und weiter war mein Gedanke: „ . . . weil sie ihn beim HSV nicht mehr wollten.“ Oder: „. . . weil sie ihn hier vom Hof gejagt haben.“ Das klang mir aber dann doch zu hart. Obwohl doch viel Wahrheit dran ist. An beiden Versionen. Ich erinnere mich noch ganz genau: Im Frühjahr bahnte sich sein Wechsel zum FC Sevilla an. Damals bat mich ein HSV-Verantwortlicher, nichts mehr davon zu schreiben, dass Trochowski keine Zukunft mehr beim HSV hätte. Die Begründung wurde mir gleich mitgeliefert: „Dann könnte sich der Deal mit Sevilla vielleicht doch noch zerschlagen, denn was sollen die mit einem Spieler, den der HSV nicht mehr will . . ?“ Gebeten, geschwiegen – Wechsel geklappt.

Obwohl ich es bis heute nicht verstehen kann, noch immer nicht verstehen kann, wieso in Hamburg mit einem deutschen Nationalspieler so verfahren wurde? Und zwar von allen. Nicht nur vom HSV. 35 Länderspiele hat Trochowski gemacht, er wurde mit 2010 Deutschland WM-Dritter – sein bislang letztes Länderspiel hat er im WM-Halbfinale ausgerechnet gegen Spanien bestritten. Warum? Warum gerät ein solcher Spieler so in die Kritik? Wegen seiner Kringel, die er auf den Rasen hinlegte? Wegen seiner offenen Worte, wenn er gelegentlich über Ziele und andere Klubs sprach? Das allein kann es nicht gewesen sein, irgendetwas muss es aber gewesen sein – doch das ist für ihn längst abgehakt. Und für mich jetzt auch. Er fühlt sich wohl in Sevilla, sauwohl sogar. Er hat nichts falsch gemacht, als er im Frühjahr bei einem in Europa sehr angesehenen spanischen Spitzen-Klub für gleich vier Jahre unterschrieb. Damals wurde diese Zeremonie von vielen mit einem süffisanten Lächeln begleitet. Heute sagte er: „Ich habe alle Spiele, die ich mitmachen konnte, auch mitgemacht. Und das in der besten Liga der Welt.“ Stolz klingt mit, in seinen Worten, und dieser Stolz ist in meinen Augen auch völlig berechtigt.

In den Länderspielpausen hatte Trochowski immer frei, weil Jogi Löw ihn nicht mehr anruft. In diesen Zeiten flog der dreimal nach Hamburg. Weil er Hamburg immer noch im Herzen hat. Und alle unliebsamen Sachen, die er hier erlebt hat: „Abgehakt.“ Sagt er. Und weiter: „Weil ich doch viele, sehr viele schöne Zeiten in den sechseinhalb Jahren hier hatte. In der Europa League im Halbfinale, im DFB-Pokal im Halbfinale, das war doch was. Ich denke an das Positive, denke nicht an das Schlechte. Und beim HSV wurde ich ja auch Nationalspieler. Hamburg ist meine Heimat, daran wird sich nichts ändern. Wenn ich hier bin, dann blühe ich auf. Dann freue ich mich einfach, wieder hier zu sein. Egal ob es regnet, egal was für ein Wetter gerade ist.“ Von Sevilla schwärmt er: „Das ist der Gegensatz zu Hamburg. Eher klein, ein wenig verträumt, viele alte Gebäude – und immer Sonne. Das ist einfach traumhaft. Ich habe eine Stunde zum Strand. Und im Winter trainiert man hier bei 16 Grad, das ist doch super.“

Er fährt in Sevilla noch immer seinen Mercedes mit deutschem Kennzeichen, und er bewohnt mit Ehefrau Melanie eine Wohnung in der Stadt. „Ich wollte nicht an den Rand, so wie in Hamburg Henstedt-Ulzburg oder Norderstedt, ich wollte mittendrin sein, wenn ich vor die Tür gehe. Noch wohnen wir aber nicht in der richtigen Wohnung, denn es ist schwer, hier eine passende Wohnung zu finden“, sagt er. Weil Melli zum ersten Mal in ihrem jungen Leben von zu Hause weg ist, fliegt sie noch öfters heim. „Mir ist der Gang von Hamburg nach Sevilla leichter gefallen, weil ich das als Fußballer ja gewohnt war“, sagt er und ergänzt: „Der Wechsel hat sich absolut gelohnt, ich habe nichts, wirklich nichts zu bereuen.“

Gleich zu Saisonbeginn wurde Piotr Trochowski vom Platz gestellt. Eine Erfahrung, die er in Hamburg nie machen musste. Aber wieso? Er erklärt: „Zweimal Gelb. Ich bin zweimal zu hart eingestiegen.“ Wie ist das überhaupt? Wie erlebt er es, in Spanien zu spielen? Ist es härter? „Nein, härter ist es ganz sicher nicht. Es ist aber schneller. Der Unterschied zu Deutschland ist, dass sie hier alle, von vorne bis hinten, sogar bis zum Torwart, eine solide Grundtechnik haben, hier wird technisch anspruchsvoller gespielt. Hier sind sie alle zierlicher, quirliger, alle können sie super mit dem Ball umgehen. Härter aber ist es hier nicht, ich werde hier nicht anders als in Deutschland attackiert.“

Gibt es denn noch andere Unterschiede zum deutschen Fußball? Er sagt: „Ja. Das Training zum Beispiel.“ Und was? „Unser Trainer ist in allen Übungen unheimlich präzise, er ist ein Perfektionist. Und dazu haben wir in der Vorbereitung kaum Läufe absolviert. Wir haben alles mit dem Ball gemacht, wenn Läufe, dann beschränkte sich das auf eine kurze und intensive Zeit. Monotones Laufen, wie es in Deutschland in der Vorbereitung so oft gemacht wird, das gibt es in Spanien nicht. Das hat ja auch nicht wirklich etwas mit Fußball zu tun. Hier ist alles auf das Spiel ausgelegt.“

Sätze, wie sie mir einst auch Ruud van Nistelrooy gesagt hat – als er staunte, wie hier in Deutschland vor Beginn einer Saison trainiert wird.

Gleich im ersten Punktspiel gab es für „Troche“ das Wiedersehen mit van Nistelrooy und Joris Mathijsen. In Sevilla wurde der FC Malaga mit 2:1 besiegt. Nach dem Spiel flogen Ruud und „Troche“ gemeinsam nach Hamburg, weil es dort noch etwas zu erledigen gab.

Die Nationalmannschaft ist immer noch sein Ziel: „Davon träumt doch jeder Spieler. Und ich werde wieder angreifen und versuchen, wieder auf den Zug aufzuspringen.“ Über die Chancen sagt er: „Ich habe oft gespielt, bin jetzt ja erst ein halbes Jahr hier. Es ist noch ausbaufähig, mein Spiel kann auch – ganz klar – noch besser werden, aber bislang läuft es ganz gut.“ Der FC Sevilla ist Tabellensechster, hat eine gute Mannschaft, die Konkurrenz für Piotr Trochowski ist groß. Er sagt über die Ziele: „Wir sind bislang nicht zufrieden mit Platz sechs, unser Ziel ist die Champions League. Wir sind besser als wir zurzeit stehen, aber wir hatten zwischendurch auch eine schlechtere Phase, als wir in vier Spielen nur zwei Punkte gemacht haben. Das muss besser werden.“

Zum HSV hat er hin und wieder noch Kontakt. Per Telefon. Mit Dennis Aogo und Marinus Bester, den Jürgen Ahlert habe ich hier mal getroffen.“ Deutsches Fernsehen hat er nicht, hat deshalb auch nur einmal ein HSV-Spiel in einer Sportsbar live gesehen, die Heimniederlage gegen Schalke: „Da hat der HSV ganz gut gespielt, das hätten sie nicht verlieren müssen.“ Da hat er auch seinen „Nachfolger“ gesehen, den jungen Zhi Gin Lam. Trochowski: „Der gefiel mir gut, er hat viele sehr gute Sachen gemacht, hat mit Tempo nach vorne gespielt, hat ohne Scheu aufgespielt – das war schon okay.“ Obwohl er ja ein kleiner Spieler ist. Wie Trochowski auch. Der reklamiert aber sofort: „Wenn du hier Xavi und Messi siehst, die wiegen gerade mal 60 Kilo, das sind Fliegengewichte und sind dennoch die besten Spieler der Welt. Die Größe hat nichts damit zu tun, wie man Fußball spielt, man muss nur Fußball spielen können.“

Apropos Weltstars. Wie ist es, wenn er gegen Barcelona oder Real Madrid spielt? „Das ist schon etwas Besonderes, ganz klar, wenn man sich mit solchen Stars messen kann. Gegen Real haben wir kürzlich ja 2:6 auf den Kopf bekommen, das war ganz bitter, denn wir hatten in Halbzeit eins mehr Spielanteile und die besseren Chancen. Real hatte drei Möglichkeiten und macht daraus drei Treffer. Daran kann man erst einmal die Effektivität solcher Stars sehen, das war unglaublich. Die machen nicht viel, die machen aber das meiste richtig. Das ist der Unterschied.“

Und Barcelona? Am 22. Oktober hat der FC Sevilla – mit Piotr Trochowski – 0:0 bei der zurzeit weltbesten Mannschaft gespielt. Wie war das? Trochowski: „Unfassbar. Barcelona ist noch besser, noch extremer als Real. Unsere Leistung an diesem Tag war super, wir waren nur defensiv eingestellt – und kamen nur ganz selten an den Ball. Den hält Barcelona fast perfekt. Und wenn du den Ball tatsächlich einmal hast, dann ist der Weg bis zum Tor so weit, da liegen dann 60, 70 Meter vor dir. Und du bist von den defensive Aktionen schon so kaputt, dass du die Aktionen gar nicht mehr voll konzentriert zum Abschluss bringen kannst. Das merken die Gegenspieler sofort, die attackieren dich sofort – da ist es sehr, sehr schwer, überhaupt mitspielen zu können. Barcelona ist wirklich unglaublich, eine solche Mannschaft habe ich noch nie erlebt.“

Und wie feiert dann der „kleine“ FC Sevilla ein 0:0 bei einer solchen Übermannschaft? Piotr Trochowski: „Gar nicht groß. Von einem 0:0 in Barcelona kann man sich ja nicht viel kaufen. Das ist genauso wie in Hamburg, wenn wir gegen den FC Bayern gewonnen haben. Dann kommt der nächste Gegner, und wenn du die Punkte nicht holst, dann ist ein 0:0 gegen den großen Klub schlicht vergessen – so ist das.“

Zum Schluss, das ist nicht vergessen, frage ich noch eine Frage zum HSV. Steigt der HSV ab? „Troche“ wie aus der Pistole geschossen: „Niemals. Das wird nicht passieren. Die werden diese Saison überstehen, und dann wird es darauf ankommen, was sie draus machen. Aber Abstieg wird in dieser Saison kein Thema sein, denn die Mannschaft ist ja wieder im Kommen, und die Fans werden schon richtig gut helfen. Und ich vertraue Thorsten Fink, mit dem ich ja schon beim FC Bayern gespielt habe – ein guter Typ, er wird es schon richten, keine Angst.“

Okay, „Troche“ das wollen wir Dir dann mal so glauben. Und alles Gute weiter in Spanien. Bereist am 5. Januar geht es ja weiter, dann spielt der FC Sevilla beim FC Valencia – gleich ein Hammer-Auftakt. Wie der des HSV.

18.03 Uhr

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