Archiv für das Tag 'Mennschenn'

Es passiert endlich Nennbares ***ergänzt***

30. Mai 2011

***Ergänzung/Erklärung: Mitnichten bin ich Frank Arnesen gegenüber negativ eingestellt. Sollte es sich so für Euch lesen, täuscht der Eindruck. Vielmehr wollte ich sagen, dass es normal ist, dass ein neuer Sportchef bei Amtsantritt seinen Stempel aufdrücken will. Und das ist – zumal wenn es eine ganze zeitlang bescheiden lief im Klub – auch gut so. Dennoch muss der Verein in Person des Vorstandes bzw. des Aufsichtsrates ein Auge darauf haben, dass sich die Struktur nicht zu sehr an einer Person orientiert. Denn so könnte der Verein in eine falsche Abhängigkeit geraten und dadurch künftig bei seinen Entscheidungen nicht mehr komplett frei sein. Ich wollte lediglich präventiv darauf hinweisen, dass ein gewisses Gleichgewicht beachtet werden muss. In diesem Sinne: ich freue mich auf Arnesens Neuerungen!****

Zuallererst muss ich mich entschuldigen! Eigentlich sollte dieser Blog schon um 17.30 Uhr online stehen. Allerdings habe ich mich da mit dem wunderbaren Betriebssystem „apple“ getäuscht – denn das hat mich bitterlich im Stich gelassen, als ich dem Wetter angemessen im Freien diese Zeilen schreiben wollte….

Egal wie, es gibt ja wenigstens gute Nachrichten dieser Tage zu vermelden: „Menntschenn“, wie der Nachname von Chelsea-Profi Michael Ian Mancienne ausgesprochen wird, kommt zum HSV. Genau genommen ist er morgen kurz zum Medizincheck in Hamburg und reist anschließend wieder ab. Die englische U-21-Nationalmannschaft ruft. Zeit für uns Journalisten hat er leider nicht – insofern kann ich Euch keine persönlichen Eindrücke versprechen. Aber ich habe mich umgehört. Und was ich zu hören bekommen habe, klingt besser, als es die Vita des 23-Jährigen U-21-Nationalspielers (das schreib ich nur, weil ich diese U-21-Regelung bis heute nicht nachvollziehen kann…) zunächst vermuten lässt.

Der Defensiv-Allrounder, der alle englischen Jugendnationalmannschaften durchlaufen hat, steht bereits seit sechs Jahren bei Chelsea unter Vertrag, davon aber gerade mal 15 Monate im Kader – und das auch noch „nur“ in Etappen. Ansonsten spielte er die meiste Zeit als Leihspieler bei den Wolverhampton Wanderers, die es gerade noch geschafft haben, den Abstieg aus der Premier League zu vermeiden. 16 Einsätze konnte der junge HSV-Bald-Zugang in dieser Spielzeit in Englands höchster Liga verbuchen, 50 (davon vier für Chelsea) insgesamt. Nicht zu viel für einen rund zwei Millionen Euro teuren Spieler, der seit drei Spielzeiten auf höchstem Niveau vertreten ist.

Dennoch schwört insbesondere der neue Sportchef Frank Arnesen auf den Verteidiger. Der Rechtsfuß gilt nicht nur als talentiert sondern als Erstligaspieler, der zuletzt Verletzungspech (Patellasehnenreizung) hatte und dem lediglich zu starke Konkurrenz vorgesetzt ist. Ähnlich wie Jeffrey Bruma ist Mancienne nur übrig. Ein Opfer der Abramowitsch-Milliarden, die fertige Weltklasseleute ermöglichen und die dazu verleiten, das Risko zu meiden, ein junges Talent aufzustellen. Egal wie gut es ist. So seltsam das auch klingen mag.

Aber wen stört es, solange wir beim HSV davon profitieren? Gleich für vier Jahre soll der Mann mit englischem Pass und dem Geburtsort Sychellen in Hamburg unterschreiben. Eine Investition, die schwer abzuschätzen ist, die aber alle Profilpunkte eines Umbruchs zu jungen Spielern mit Talent beinhaltet. Und eine Investition, die – die Verpflichtung von Bruma vorausgesetzt – dem HSV Spielraum in der Verteidigung verschafft. Denn wie Bruma hat auch Mancienne seine größten Stärken als Innenverteidiger, kann aber auch als defensiver Mittelfeldspieler und als Rechtsverteidiger eingesetzt werden.

Zumal dort ein Platz auf sicher frei wird: Guy Demels. Der Ivorer hat bei Trainer Michael Oenning bekanntermaßen keine Zukunft mehr und verhandelt derzeit mit französischen Klubs ebenso wie mit Vereinen in London (mehr wollte man mir nicht sagen, außer, dass es nicht Arsenal ist). Zudem steht am Mittwoch um 15 Uhr der große Gipfel mit Vorstandsboss Carl Edgar Jarchow sowie Frank Arnesen an, in dem Demel um seine möglichst kostengünstige Freigabe bitten will. Zwar ist der HSV alles andere als gewillt, für den Ivorer auf Geld zu verzichten. Aber egal wie, bei Demel wie auch beim ersten Neuzugang (und zweiten gleich hinterher?) stehen Entscheidungen an. Es passiert tatsächlich etwas Nennbares – der HSV kauft ein.

Und das mal wieder beim FC Chelsea. Nicht, dass es mich verwundert, immerhin kennt sich Arnesen dort am besten aus. Allerdings, und das Gefühl beschleicht mich langsam, wird beim HSV zu viel in Richtung Arnesen-Wunsch umgebaut. Zuerst wollte der Däne lange Zeit seinen Wunschtrainer Solbakken durchdrücken, scheiterte aber am HSV-Vorstand und den finanziellen Möglichkeiten in Hamburg. Dann wurde die medizinische Abteilung aufgelöst und durch Arnesens Leute vom FC Fulham ersetzt. Gleiches passiert jetzt – wobei das mit Sicherheit das Normalste an dieser Umgestaltung ist – auf Spielerseite. Das „System Arnesen“ wird umgesetzt. Worüber ich mich auf der einen Seite freue, weil es etwas Neues ist. Andererseits aber: was passiert, wenn die Neuerungen nicht greifen und sich der HSV von Arnesen lossagen will? Dann stünde erneut ein langwieriger, großer Umbruch an allen Ecken bevor, weil neben dem Sportchef auch viele seiner mitgebrachten und neu eingesetzten Spezis den Verein verlassen würden/müssten/wollten.

Nein, der HSV muss aufpassen, dass er sich nicht zu sehr den Vorstellungen und Wünschen einer einzelnen Person unterwerfen. Es darf nie eine Abhängigkeit von einer Person entstehen, wie sie einst beim FC Kaiserslautern vorgekommen sein soll, als mehr als die Hälfte der Mannschaft den selben Berater hatte und der angeblich Einfluss genommen haben soll auf sportliche Entscheidungen. Das Ergebnis: Abstieg in die Zweite Liga.

Aber okay, ich will nicht zu negativ denken. Im Gegenteil, bislang gibt Arnesen dazu wenig Anlass. Der Däne ist immer höflich, spricht von Teamgedanken und das nicht nur uns ggenüber sondern auch ggenüber dem Vorstand, der Mannschaft und den sonstigen Angestellten des HSV gegenüber. Am wichtigsten aber ist, Arnesen genießt fachlich einen sehr guten Ruf und – er beginnt, dem Kader neue Konturen zu verleihen. So soll er am Wochenende in London nicht nur Mancienne und Bruma verhandelt haben, sondern parallel auch den verkauf einiger Spieler forciert haben. Unter ihnen steht – kein Wunder bei den Neuverpflichtungen – Joris Mathijsen ganz oben auf dem Zettel. Intern gilt der Abgang des 31-Jährigen, der von Ajax Amsterdam und einem spanischen Klub umworben wird, als beschlossene Sache.

Als offener denn je gilt indes die angedachte Verpflichtung von Eintracht Frankfurts Pirmin Schwegler. Immerhin pokern alle Seiten. Neben dem HSV und Frankfurt, die den Schweizer halten wollen ist auch der VfB Stuttgart. Und während die Hessen so tun, als seien sie nicht gewillt, den Spieler abzugeben, um so den Preis in die Höhe zu treiben, setzt der HSV darauf, keine existenziellen Nöte preis zu geben. Ebenso der VfB, der laut Trainer Bruno Labbadia im defensiven Mittelfeld keine leidet. Selbst Schwegler sagt nicht alles, was er weiß: „Ich habe einen laufenden Vertrag, der ach in der zweiten Liga Gültigkeit besitzt“, so der Umworbene am Rande des Zusammentreffens mit der Schweizer Nationalmannschaft, „und Eintracht Frankfurt hat mir mitgeteilt, dass man mit mir plant.“ Mehr konnte und wollte er aus Respekt dem aktuellen Arbeitgeber gegenüber auch nicht sagen. Denn, und das scheint klar, Schwegler selbst strebt einen Wechsel an, hat diesen Wunsch auch bei der Vereinsführung seines Noch-Arbeitgebers hinterlegt. Sein großes Ziel ist die Teilnahme an der EM im kommenden Jahr – und dafür wäre ein Jahr Zweite Liga sicher nicht die beste Empfehlung.

Empfehlen werde ich allerdings jetzt mich. Denn, und das ist das Motto an diesem schönen Tag, ich will Euch keine Sekunde länger als nötig stehlen. Im Gegenteil, genießt den schönen Tag und die durchaus guten Nachrichten vom HSV.

Bis morgen!

Scholle
19.46 Uhr