Archiv für das Tag 'Meinke'

van der Vaarts leiser Abschied

12. Juni 2015

Während die Meldungen über Spielerwechsel in der Bundesliga nur so reintrudeln, gibt es vom HSV keinen Vollzug zu melden. Das ist nicht überraschend, und selbst die Personalie Süleyman Koc könnte sich noch einige Zeit hinziehen. Dessen Berater hat Druck gemacht und von einer grundsätzlichen Einigung mit dem HSV berichtet. Allerdings ist die Ablöse (zwischen 1,5 Millionen und 2 Millionen Euro) noch recht hoch. Nun also baut der Berater Druck auf den SC Paderborn auf, um von den Forderungen herunterzukommen. Ein nicht unübliches Spielchen, schließlich wollen alle Seiten Klarheit.
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Herzlich willkommen, lieber Mats!

10. September 2014

Mats ab! Aus ganz besonderem Grund heute etwas früher. Mats ab!

Jawoll, Mats ab! Mit „s“. Unser „Scholle“ ist heute zum dritten Mal Papa geworden, dazu ihm und der Mutter Sandra alles, alles Gute. Und dem neuen Erdenbürger „Mats Niklas“ möchte ich zurufen: „Viel Erfolg und viel Spaß auf dieser Welt, hau rein, mein Junge, werde ein Super-Fußballer und setze Dich durch in oder auf dieser doch manchmal auch ungemütlichen und ungerechten Kugel. Und werde natürlich HSV-Fan, wie Dein Papa.“ Der teilte übrigens mit, dass es Mutter und Knabe gut gehe – Mats kam heute um 11.33 Uhr zur Welt, fast eine Punktlandung, denn der 9. September war der Stichtag, der Neu-HSVer wog bei seiner Ankunft 3760 Gramm, verteilt auf 53 Zentimeter.
Also, der jungen Familien noch einmal einen ganz besonders herzlichen Glückwunsch, und die „Matz-ab“-Gemeinde sollte heute mal zu einer etwas anderen Feier aufgelegt sein – Prost!

 

Zum Fußball-Alltag:

Das ist leider ein wenig untergegangen, was ich sehr, sehr schade finde: Bei der Feier und der Erweiterung des HSV „Walk of fame“, 2005 erfunden und seitdem organisiert und finanziert vom rührigen Unternehmer Andreas Maske, hielt der Kapitän der HSV-Meistermannschaft von 1960, Jochen Meinke, eine brillante Rede für den posthum geehrten Erwin Seeler. Das Besondere an dieser Rede: Meinke, im HA-Video versehentlich als „Meine“ vorgestellt (sorry!), sprach „freihändig“. Das heißt, ohne jede Unterstützung durch ein Manuskript oder einem Zettel. Frisch, frei und fromm von der Leber weg, der 83-jährige ist immer noch in Weltklasse-Form. Unglaublich, und er erntete für diesen Auftritt nicht nur viel Beifall, sondern Schulterklopfer und von allen Seiten höchstes Lob. Was Jochen Meinke – bescheiden wie er ist – immer weit wegschob von sich: „Ich habe nur das erzählt, was ich mit Erwin Seeler und der gesamten Familie erlebt habe, ich wohnte doch um die Ecke. Und wenn ich ehrlich bin, dann wollte ich noch so viel mehr erzählen, aber ich habe das denn doch weggelassen.“

 


Wie gesagt, sehr schade. Denn für mich, und sicher nicht nur für mich, war dieser Meinke-Auftritt aber ein besonderes Erlebnis und wird es immer bleiben. Weil er einzigartig ist.

 

Die Stimmung ist und soll auch nach Auskunft der Promis in diesem Jahr wieder super gewesen sein. Der frühere Aufsichtsrats-Chef Udo Bandow lobte: „So harmonisch und stimmungsvoll war es lange nicht mehr, das war eine der schönsten HSV-Versammlungen der vergangenen Jahre.“
Von den „alten Herren“ waren Willi Schulz, Horst Schnoor (mit Ehefrau Gerda), Erwin Piechowiak (mit Ehefrau Mienchen), Klaus Neisner, Harry Bähre, Vereins-Manager Bernd Wehmeyer, Aufsichtsratsmitglied Peter Nogly und der heutige Marketing-Mitarbeiter Sven Neuhaus gekommen, ferner die HSV-Größen Carl-Edgar Jarchow, Oliver Scheel, Dieter Horchler und viele, viele mehr. Zudem natürlich Uwe Seeler (mit Ehefrau Ilka und den Töchtern mit Schwiegersöhnen!), der die Ehrung für seinen Papa „old Erwin“ entgegennahm, und Laudator Rudi Kargus, der seinen Vorgänger und Freund Arkoc Özcan ehrte. Holger Hieronymus ist nun ebenfalls neu verewigt, und auch Bernd Hollerbach, der leider absagen musste, da er daheim in Würzburg an einer schweren Magen-und-Darm-Grippe leidet. Gefehlt hat, neben anderen, diesmal Dr. Peter Krohn. Das Wetter war wohl zu schlecht, denn vorher hatte es lange kräftig geschüttet . . .
Für alle HSVer, die anwesend waren, das muss erwähnt werden, gab es erfreulicherweise keine Diskussion darüber, ob sich hier nun die HSV-AG oder der HSV e.V. getroffen hat – es ging einzig und allein um den HSV. Wie schön. Am Rande sei noch bemerkt, dass sogar zwei Bremer bei der Zeremonie dabei waren: Max Lorenz, seit Jahrzehnten ein ganz, ganz dicker Freund von Uwe Seeler, und der frühere Verteidiger Dieter Zembski, der von der Feier wusste und zufällig (Arbeit) in der Nähe war.

 

Erfreulich an diesem Tag:

Eine Trainer-Diskussion gab es am Rande der Veranstaltung nicht. Die meisten vertraten diese Auffassung: „Wie oft hat der HSV in den letzten Jahren schon den Trainer gewechselt? Das ist doch schon nicht mehr zu zählen. Gebracht hat es nie etwas – nie. Das sollten sich einmal alle überlegen. Es hat dem HSV nur immer viel Geld gekostet. Jetzt sollten die Spieler mal etwas dafür leisten, dass es dem HSV wieder besser geht. Und da ist dann auch der Club gefordert, der sollte endlich mal etwas weniger hohe Gehälter zahlen, dafür ordentliche Prämien, wenn tatsächlich etwas erreicht worden ist. Und zudem sollte nun endlich damit angefangen werden, auf den Nachwuchs zu setzen – die U23 hat ja einen erstaunlichen Weg eingeschlagen.“ Das war so oder so ähnlich an allen Ecken und an den meisten Tischen zu hören.

 

Natürlich waren auch die Kollegen aus der Medienbranche zugegen. Es wurden viele, viele Interviews geführt – das hat Tradition. Am Abend sah und hörte ich dann:
„Der Trainer braucht keine Leute die ihm sagen, wen er aufstellen soll . . .“ Das sagte Holger Hieronymus beim TV-Sender „Hamburg1“. Das war offenbar eine Antwort darauf, dass zuvor in einer Hamburger Zeitung zu lesen gewesen war, dass es aus dem Aufsichtsrat Tipps für Mirko Slomka gegeben hatte, dass nun die „Neuen“ gegen Hannover spielen sollten und müssten. Aber wie bereits geschrieben, es wurde dann keine Trainer-Diskussion vom Zaume gebrochen . . .

 

Zum Sportlichen, und da gibt es aus meiner Sicht recht Erfreuliches zu berichten.
Während die Mannschaft heute frei bekommen hat (nicht weil „Scholle“ Papa geworden ist!), trainierten einige zuletzt angeschlagene Spieler, um doch noch rechtzeitig für das Hannover-Spiel am Sonntag fit zu werden. Rafael van der Vaart ging mit Reha-Trainer Markus Günther zu einer Sonderschicht auf den Platz, Ivo Ilicevic arbeitete im Kraftraum. Auch Slobodan Rajkovic (nach Kreuzbandriss) und Gojko Kacar (nach Außenbandanriss im Knie) schufteten weiter für ein Comeback, Neuzugang Nikolai Müller sowie der erkältete Marcell Jansen fanden sich zur Pflege ein. Dafür, dass das ein freier Tag war, war doch relativ viel im Volkspark los – was mir ausnahmslos gut, nein sehr gut gefällt.

 

Dann las ich heute im Hamburger Abendblatt:
„Dennis Diekmeier lebt seinen Traum“. Und in den verschiedenen Video-Texten eine Aussage von Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw, der über die schlechte Defensive seiner Mannschaft befand: „Wir können uns leider noch keinen Philipp Lahm aus dem Hut zaubern. Die jungen Verteidiger sind sicher talentiert, aber sie brauchen noch ein wenig Zeit, um sich zu verbessern, das wird wohl dauern bis zur nächsten WM. . . .“ Aber dann. Oder: und dann?

 

Das wäre doch genug Ansporn für Dennis Diekmeier. Von dem nach dem Paderborn-Spiel ein großer HSVer mir gegenüber gesagt hat: „Diekmeier war der einzige Hamburger, der auf mich einen absolut fitten Eindruck gemacht hat. Der beackert die rechte Seite fast allein, rast 80 Meter rauf und 80 Meter runter, und das immer wieder. Der scheint mir wirklich voll im Saft zu stehen, vielleicht so wie gut noch nie . . .“

 

Kann schon sein. Aber zu einem Nationalspieler gehört dann doch ein wenig mehr. Unter anderem auch, dass man eine gewisse Defensivstärke besitzt, dass man zweikampfstark ist, dass man weiß, wie man sich in bestimmten Situationen zu verhalten hat, dazu gehört ferner auch eine gewisse Kopfballstärke. All das ist zu erlernen. Wir hatten beim HSV einst einen talentierten Spieler wie Christian Rahn. Der wurde sogar Nationalspieler (unter Rudi Völler). Aber „Rahner“ hatte ähnliche Schwächen wie Diekmeier nun. Ich empfahl Rahn damals, sich privat einen Trainer zu nehmen, damit er sich verbessert, aber es geschah nichts. Und der HSV-Profi hatte schnell seine Nationalmannschafts-Karriere beendet – und dann auch seine Erstliga-Karriere. Schade drum. Rahn war talentiert, hatte einen sensationellen linken Fuß, konnte gut flanken und super schießen. Nur nach hinten war er verbesserungsfähig, doch weder er noch irgendeiner beim HSV haben daran gearbeitet. Ich sage und behaupte noch heute: „Eine verschenkte Profi-Karriere.“

Heute würde ich auch Dennis Diekmeier einen Privat-Trainer empfehlen, wenn der HSV-Abwehrspieler noch etwas werden will. Und die Chance, dass er noch etwas werden könnte, ist ja so groß wie nie. Nur wird beim HSV wurde daran so gut wie nie gearbeitet, und ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass daran noch einmal explizit gearbeitet wird. Vormittags Training mit der Mannschaft, nachmittags mit einem Trainer (und vielleicht sogar einem „Gegenspieler“, der die Zweikämpfe führt!) auf den Acker. Des wäre ein Anfang. Diekmeier würde sich defensiv bestimmt verbessern, wenn sein Auge, sein Kopfball- und sein Stellungsspiel geschult werden würde.

 

Aber da Individual-Training in der Bundesliga und für die Trainer kaum ein Thema ist, sollte er nun selbst handeln – wenn er noch die ganz große Karriere starten will. Ich kann nur daran erinnern, dass zwei mir bekannte Profis einst „eigenhändig“ Privat-Trainer engagiert – und davon absolut profitiert haben. Dennis Diekmeier wird im Oktober 25 Jahre alt, noch würden ihm alle Türen offen stehen, aber er sollte jetzt wissen, dass er ziemlich bald damit anfangen müsste, etwas für sich zu tun. Andere werden es nicht für ihn erledigen. Die sind alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, so ist das im heutigen Profi-Geschäft.

 

So, bevor ich zum Ende komme, schnell noch einmal der Hinweis in eigener Sache:

Jeden Montag kann man sich künftig ab 4 Uhr morgens über ikiosk.de oder über die ikiosk App das Sonderheft „HSV KOMPAKT“ herunterladen. Die Ausgabe mit jeweils zwölf Seiten startet jeweils mit den Berichten zum aktuellen Bundesliga-Spiel. Dann folgen die Artikel, die wir unter der Woche über den HSV veröffentlicht haben.

Für treue Leser unseres HSV-Blogs „Matz ab“ gibt es noch einen besonderen Service. In gekürzter Form erscheinen auf einer Doppelseite die Kolumnen unserer Experten Dieter Matz, Marcus Scholz und Lars Pegelow. Jede „HSV KOMPAKT“-Ausgabe schließt mit einer historischen Seite, wo wir Triumphe und Dramen der langen HSV-Geschichte Revue passieren lassen.

„HSV KOMPAKT“ kostet nur 0,89 Cent pro Ausgabe im Einzelverkauf über ikiosk.de oder die ikiosk App (gibt es für iPhone, iPad (iOS) und für Geräte mit Googles Android). Natürlich kann man sich die zwölf Seiten einfach ausdrucken. Während der Winter- und der Sommerpause der Bundesliga erscheint „HSV KOMPAKT“ nicht.

 

PS: Morgen, am Donnerstag, wird beim HSV wieder im Volkspark trainiert, und zwar um 10 Uhr.

 

17.05 Uhr

Entsetzen und Ratlosigkeit

19. August 2013

Der HSV ist in aller Munde. Das hat ein Auftritt geschafft – dieses unglaubliche 1:5 gegen Hoffenheim. In der Stadt gibt es nur dieses eine Thema: HSV. Der HSV und die 1:5-Klatsche, die 1:5-Katastrophe. Ich bin immer noch total entsetzt, und mir fliegen die Mails nur so um die Ohren. Wobei ich eines einmal klarstellen muss: Ich habe hier gestern einen Brief und dazu einige Mails, die schon im Blog als Beiträge liefen, veröffentlicht. Es muss mir also niemand schreiben, um so einmal zitiert zu werden – es genügt der Blog. Und da rauscht es zurzeit ja ordentlich im Karton – kein Wunder. Und ein Thema spielt dabei bislang nur am Rande eine noch unterschätzte Nebenrolle: Zuschauer. Beziehungsweise keine Zuschauer. 47 483 Fans waren beim Hoffenheim-Spiel – noch. Club-Chef Carl-Edgar Jarchow hat es heute bei den Kollegen der Mopo richtig gesagt: „Wenn wir weiterhin so spielen, werden wir Probleme mit unseren Zuschauern bekommen.“ Das stimmt – und stimmt nicht, denn die Probleme gibt es schon. Und die, die am Sonnabend nach dem 1:4 aufstanden und die Arena verließen, die werden so schnell ganz sicher nicht wiederkommen. Das ist die Gefahr: Diese Mannschaft, das sollte sich jeder einmal vergegenwärtigen, diese Mannschaft spielt die treuesten und besten Fans aus dem Stadion! Aufwachen, HSV, und aufwachen, ihr HSV-Profis!

Dass es nun jede Menge bester Ratschläge für den HSV gibt, ist klar – das war in Krisenzeiten immer so – aber wir haben ja noch keine Krise. Wir haben jetzt erst zwei Spieltage hinter uns. Bedenklich ist es trotz allem.

Sky Experte Stefan Effenberg hat über die Situation beim HSV gesagt: „Van der Vaart ist schon derjenige, der die meiste Last auf den Schultern trägt. Aber es ist ja auch kein anderer da. Man braucht im Team eine Achse, an die sich jeder anlehnt, aber die ist nicht da. Du spielst gegen den HSV, nimmst van der Vaart aus dem Spiel und schon hast du das Spiel im Griff.“

Aber das ist ja nicht das einzige Problem. Es drückt doch überall der Schuh. Überall. Es liegt doch nicht nur an Rafael van der Vaart, ob der nun gut oder schlecht drauf ist – es liegt doch dann auch an den anderen zehn Leuten, die mit ihm auf dem Rasen stehen. Stehen. Fußball ist ein Laufspiel, und es wird mir beim HSV einfach zu wenig gelaufen. Andere Mannschaften, da liege ich mit vielen meiner Freunde, Bekannten und auch befreundeten Experten auf einer Linie, viele Mannschaft laufen ganz einfach viel mehr. Und schneller. Da müssen wir gar nicht so weit suchen, da genügt es, wenn man sich das Hoffenheim-Spiel noch einmal ansieht. Wie die Jungs gelaufen sind, gesprintet sind, wie sie von Angriff auf Abwehr umgeschaltet haben, wie sie die Räume zugestellt haben, wie sie sich auch gegenseitig geholfen haben ständig Anspielstationen für den Nebenmann gebildet haben, das war eine Augenweide. Und ist in dieser Form beim HSV nicht zu sehen. Null. Oder auf jeden Fall viel, viel zu wenig.

Ich habe heute mit einigen Altmeistern des HSV gesprochen, die jedes Spiel ihres Vereins sehen. Da hörte ich oft das blanke Entsetzen oder totale Ratlosigkeit heraus.

Horst Schnoor, Torwart der Meistermannschaft von 1960, sagte mir: „Nach einer solchen Niederlage muss man sich schon Sorgen machen. Wir haben alle etwas anderes erwartet, aber das 3:3 von Schalke wurde ja nun in Wolfsburg mit dem 0:4 relativiert. Wir waren viel zu optimistisch. Nun müssen wir aufpassen, dass wir in den nächsten Spielen genügend Punkte holen, sonst geht der Abstiegskampf wieder los.“ Woran aber liegt es, dass der HSV so schlecht spielt? Schnoor: „Wir spielen zu Hause immer nach dem gleichen Muster – und verlieren auch immer nach dem gleichen Muster: Wir fangen uns ein schnelles Tor ein, und dann rennen wir offen hinterher – und dann knallt es.“

Horst Schnoor weiter: „Ich will jetzt nichts gegen Thorsten Fink sagen, darauf lege ich großen Wert, der hat jetzt genügend Sorgen. Aber wir müssen vielleicht mal anders stehen, getreu dem Huub-Stevens-Motto: die Null muss stehen. Wir haben offensichtlich Schwierigkeiten, gegen gut gestaffelte Mannschaft das Spiel zu machen. Das dauert alles zu lange und ist viel zu umständlich.“ Und was sagt ein Torwart zu Rene Adler: „Er tut mir leid, denn er wurde gegen Hoffenheim absolut allein gelassen. Dann kann kein Torwart der Welt etwas halten. Nein, nein, an Adler liegt es nicht.“

Woran dann? Schnoor über den HSV ganz allgemein: „Wie hat sich den Dortmund wieder gefangen? Die waren schon tot, lagen am Boden – und dann? Dann haben drei Männer das Ding wieder belebt: Watzke, Zorc und Klopp. Drei Männer. Aber beim HSV wollen sie alle mitreden, das ist unser großes Problem. Und ich weiß nicht, wie das jemals geändert werden soll. Ich weiß es nicht.“

Und sportlich, Herr Schnoor: „Neue Spieler können wir nicht mehr kaufen, es gibt kein Geld. Da muss gearbeitet, gearbeitet und nochmals gearbeitet werden. Zu den zwei Tagen, die nun frei gegeben worden sind, möchte ich nichts sagen, der Trainer wird wissen, warum er das so getan hat.“

Apropos neue Spieler. Im Sturm ging Heng Min Son verloren, dafür wurde Jacques Zoua geholt. Wie urteilt Horst Schnoor über den Mann aus Basel? „Er soll ja ganz billig gewesen sein, aber wenn er nur einigermaßen gewesen wäre, dann wäre da ja nicht nur der HSV dran gewesen. So doll kann der also beim FC Basel nicht gewesen sein. Und wenn ich mir dann den Modeste, den Stürmer von Hoffenheim ansehe, dann muss ich sagen: da liegen Welten dazwischen. So einen haben wir weit und breit nicht. Maximilian Beister ist ein Konter-Stürmer, Artjoms Rudnevs kämpft und rennt 90 Minuten, macht wenigstens ab und zu mal ein Tor – den würde ich immer spielen lassen. Wir haben keinen besseren Stürmer, auch wenn er technisch Schwächen hat.“ Und der HSV nun in Berlin? Wie wird das? Schnoor: „Ich möchte wetten, dass der HSV dort nicht verliert. Die werden sich alle den Hinter aufreißen – wenn sie Charakter haben.“

Klaus Neisner, Rechtsaußen der Meistermannschaft von 1960 und immer noch (ein) Chef der Altliga des HSV, sagt zum 1:5: „Ich mache mir große Sorgen um den HSV, denn ich glaube, dass in dieser Mannschaft zu wenig Substanz steckt. Ein Rafael van der Vaart ist nicht mehr das, was er früher mal war, er kann nicht mehr der große Leader dieser Mannschaft sein. Das hat er schon seit Beginn dieses Jahres gezeigt, er hat für mich teilweise Alibi-Fußball gespielt. Er lässt sich nach hinten fallen, wird angespielt und spielt den Ball dann dem Nebenmann über sechs, sieben Meter wieder in die Füße.“ Ist denn das Thema Abstieg für den HSV ein Thema – in dieser Saison? Neisner: „Ich glaube nicht, dass der HSV absteigen wird, aber der HSV ist und bleibt für mich eine Wundertüte. Immer wieder mal gute Spiele, aber dann auch solche unbegreiflichen Auftritte wie jetzt am Sonnabend. Es wird sicherlich eine schwere Saison. Ich weiß auch nicht, ob die Spieler wirklich zu 100 Prozent austrainiert sind . . .“

Gert „Charly“ Dörfel, Linksaußen der Meistermannschaft von 1960, befindet zur aktuellen Lage: Das war desolat, keine Frage, aber der HSV hat immer noch mit den Ausläufern der Hoffmann-Ära zu kämpfen – kein Geld, um noch mal vernünftige Spieler kaufen zu können. Und die bräuchte der HSV jetzt dringend, es gibt davon zu wenige. Gegen Hoffenheim ist die Mannschaft wie ein Hühnerhaufen über den Rasen gelaufen. Dennoch glaube ich, dass sich die Spieler fangen werden, die spielen schon in Berlin wieder sehr viel besser. Auch van der Vaart wird noch in Bestform kommen, davon bin ich überzeugt. Und Thorsten Fink wird alles dafür tun, dass seine Mannen nicht wieder wie ein Sauhaufen über den Rasen laufen werden.“

Der Kapitän von 1960, Jochen Meinke (der Stopper), kam am Sonnabend nach dem 1:5 nach Hause und sagte zu seiner Frau: „So spielt ein Absteiger.“ Meinke weiter: „Ich war bedient. Es ist mir unbegreiflich, wie man auf Schalke so gut spielen kann, und dann so etwas. Die haben alle gespielt, als wären sie im Tran. Die waren ja alle viel langsamer als die Hoffenheimer. Und dann die Abwehr – eine Katastrophe. Da werden ja haarsträubende Fehler gemacht, vor allen Dingen von Heiko Westermann.“ Dann ergänzt Jochen Meinke: „Zum Glück ist ein solches Debakel gleich im zweiten Spiel passiert, das öffnet hoffentlich allen die Augen, jetzt weiß jeder, woran er ist. Gegen Hoffenheim haben ja alle versagt.“ Dann sagt Meinke noch: „Wir haben uns im Stadion fragend angesehen, als Thorsten Fink den Milan Badelj ausgewechselt hat – aber da hat wohl jeder Trainer seine eigene Ansicht. Ich aber hätte Badelj niemals ausgewechselt, da gab es doch genügend andere, die viel, viel schlechter waren.“

Und nun? Wie geht es weiter? Jochen Meinke: „Der Trainer darf jetzt keine Rücksicht mehr auf Namen nehmen. Dann nimmt er eben mal den jungen Jonathan Tah rein, oder den jungen Kerem Demirbay – schlechter wird es mit ihnen ganz sicher auch nicht laufen, denn schlechter kann man ja gar nicht mehr spielen. Und die jungen Leute haben vielleicht die viel bessere Einstellung, die wollen, die sind hungrig.“ Und zerreißen sich bestimmt. Meinke: „Ich bin heute noch entsetzt, wie unsere Leute neben hren Gegnern hergelaufen sind – vor allen Dingen bei den Toren. Unfassbar, wie wir immer nebenher trabten, so, als ginge es niemandem etwas an . . .“

Und noch ein Stopper sah dieses 1:5 – Ditmar Jakobs. Macht er sich jetzt schon Sorgen? Der frühere Nationalspieler sagt: „Warum soll ich mir Sorgen machen? Das gab es doch früher auch, dass man mal eine Klatsche bekam. Gegen den KSC haben wir mal 0:4 im Volkspark verloren. Grundsätzlich aber steht fest, dass wir Schwierigkeiten bekommen in dieser Saison. Und wer auch immer gesehen haben mag, dass wir im Sommer 2014 international spielen werden – ich sehe das auf keinen Fall. Da kann man nur sagen: ‚Leute, ihr habt noch 32 Spiele vor euch, wacht auf, reißt euch zusammen.’ Und dann hoffe ich, dass wir alle schon in Berlin am Sonnabend einen ganz anderen HSV sehen werden. Gut war an diesem 1:5, dass diese Niederlage im Kollektiv geschah, denn es waren alle schlecht, da kann sich keiner rausnehmen – außer dem Torwart.“

Ditmar Jakobs sieht allerdings auch nicht nur die Abwehr als schwach an, denn ein Abwehrverhalten beginnt schon wesentlich früher. Und weil nun auch die Führungsspiele, die „älteren Herren“ gefragt sind (und kritisiert worden sind), sagt „Jako“: „Die Jungen müssen genauso mitmachen, und wenn sie abtauchen, dann bekommt jeder erfahrene Spieler ebenfalls große Schwierigkeiten. Da muss schon ein Rad in das nächste greifen, da kann es nicht nur Jung und nicht nur Alt geben – du brauchst elf Leute, die Gas geben und sich einig sind.“ Aber es gibt wohl doch noch Licht am Ende des Tunnels: „Zu Hause tun wir uns schwer, auswärts sind wir besser. Obwohl es gegen den Aufsteiger nicht einfach wird – aber wir müssen das Spiel nicht machen, da wird die Hertha kommen.“

Dann sagt Ditmar Jakobs auch: „Die Medien haben auch eine Mitschuld an diesem Dilemma. Ihr habt sie doch alle aufgebaut, ihr habt sie zu Weltmeistern gemacht – nach diesem grandiosen 3:3 auf Schalke. Als wäre der HSV schon wieder deutscher Meister. Weil er doch auf Schalke wie der FC Barcelona gespielt hat. Eine Woche wurde in Hamburg gefeiert, weil der HSV doch wie Barcelona spielt. Sensationell. Was sollen die Spieler denn glauben? Die laufen dann so gegen Hoffenheim auf, als wären sie der FC Barcelona . . .“ Dann ergänzt Jakobs noch: „Alle wurden sie nach dem 3:3 nach oben gejubelt. Der HSV ganz oben, endlich haben es die Spieler begriffen, nun können sie es – und so haben wir Schalke ausgetrickst . . . Und dann trickst hier Hoffenheim. Und das hat eines gezeigt: Wir sind weiterhin so instabil, wie wir zuletzt immer waren. Das ist Tatsache.“

Und zur Erinnerung fügt „Jako“ noch an: „Wir haben am 26. September 1987 mal 2:8 in Mönchengladbach verloren. Das war auch grausam. 2:3 hieß es, und plötzlich sind alle nach vorne gelaufen. Ich stand dahinten teilweise allein gegen vier Borussen – und Tor. Aber solche Tage gibt es. Der Unterschied zu heute ist aber der, dass wir damals Qualität in der Mannschaft hatten. Wir hatten einen Manfred Kaltz, Dietmar Beiersdorfer, Thomas Kroth, Thomas von Heesen, Uwe Bein und zum Beispiel einen Bruno Labbadia. Solche Leute fehlen doch heute. Und auch ein Uwe Seeler ist ja mit dem HSV einst 1:8 in Oberhausen untergegangen.“ Der Rat von Jakobs: „Man darf sich jetzt nicht ins Höschen machen, man muss mutig und mit Herz auftreten, als wäre nichts gewesen. Man darf keinen Schiss haben, ganz klar. Und nun harren wir der Dinge, die da auf uns zukommen werden.“

Das macht auch ein weiterer HSV-Nationalspieler von einst, nämlich Holger Hieronymus. Der frühere DFL-Geschäftsführer war beim 1:5 live dabei – und ging, gemeinsam mit Jakobs, etwas früher. Hieronymus will sich eigentlich gar nicht äußern, sagte aber immerhin: „Jeder, dem der HSV nicht egal ist, und dazu zähle ich mich auch, macht sich schon seine Gedanken. Und das sind schon recht ernste Gedanken, das muss ich schon sagen. Dieses 1:5 war schon überraschend, das muss ich schon sagen – mehr aber auch nicht.“

In der DPA aber hat Deutschlands Mittelstürmer-Idol Nummer eins noch zum HSV Stellung bezogen:

Fußball-Idol Uwe Seeler hat den Hamburger SV vor vorschnellen Aktionen nach der hohen Niederlage gegen 1899 Hoffenheim gewarnt. Nach dem zweiten Spieltag der Fußball-Bundesliga sei noch nicht die Zeit gekommen, alles in Frage zu stellen. „Natürlich bin ich bedröppelt und niedergeschlagen. Mit dem 1:5 habe ich in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet“, sagte der 76-Jährige am Montag der Nachrichtenagentur dpa: „Das ist so im Fußball, jetzt muss man aufstehen und neu angreifen.“ Er glaube, dass sich die Mannschaft am kommenden Samstag bei Hertha BSC zusammenraufen werde.

Zur Kritik von Sportdirektor Oliver Kreuzer an der fehlenden Verantwortung der Führungsspieler bei den Norddeutschen sagte der ehemalige Stürmer: „Das ist immer so, dass die Erfahrenen die Mannschaft führen müssen. Ich hoffe, dass sie nun das Zepter übernehmen“.

Verstärkungen will Seeler angesichts der schwierigen finanziellen Lage nicht fordern: „Natürlich müssten noch neue Leute kommen, wenn wir oben mitmischen wollten. Aber wir wissen um die Situation und müssen uns durchwurschteln.“ Er lasse sich überraschen, was bis Ende des Monats und der Wechselfrist in der Bundesliga passiere. „Es wird für Kreuzer immer schwieriger, alle wissen, dass der HSV Not hat“, betonte Seeler. Um neu zu investieren, müssen die Hamburger zunächst einige ihrer fünf aussortierten Spieler von der Gehaltsliste bekommen.

Und dann gibt es auch etwas von Felix Magath, der nun wieder in fast aller Munde ist weil er zum HSV zurückkehren soll. Über Facebook meldete sich der „Held von Athen“ zu Wort:

Von „www.magath.net”:

„Nach meiner ersten Karriere als Spieler habe ich die zweite Karriere als Trainer gemacht und bin am überlegen, ob es Zeit für eine dritte Karriere ist oder ob ich die Trainerkarriere noch fortsetze. Bei dieser Entscheidung will ich mir Zeit lassen, aber natürlich bin ich offen für interessante Möglichkeiten. Sicher ist: Ich will noch was machen! Das Fußballgeschäft boomt und es gibt um den Fußballsport so viele Möglichkeiten.“

Zum Thema HSV: „Ich habe versucht, im Frühjahr hinter die Kulissen zu schauen und zu sehen, wer da welche Entscheidungen trifft – das war mir aber nicht möglich. Momentan ist das Bild, das der HSV in der Öffentlichkeit abgibt, nicht so schön. Natürlich ist der HSV der Verein, der mir am nächsten steht. Dort war ich zehn Jahre als Spieler, habe große Erfolge gefeiert. Wenn man zehn Jahre bei einem Verein ist, hat man schon was hinterlassen und ist emotional anders gebunden.“

So, dann möchte ich noch auf das morgige Dienstag-Training hinweisen. Es soll um 10 Uhr gelaufen werden, ob die Spieler überhaupt auf den Trainingsrasen kommen werden, entzieht sich meiner Kenntnis.

19.03 Uhr

Adler: „Wir haben noch Potenzial nach oben.“

13. März 2013

Liebe “Matz-abber”, aus trauigem Anlass ist es heute etwas später geworden – sorry, ich war bei der Trauerfeier von HSV-Ur-Gestein Horst Eberstein (darüber berichte ich zum Ende dieses Beitrags).

Zuletzt haben die HSV-Fans wieder jenen Adler zwischen den Pfosten des HSV-Tores hin und her fliegen sehen, wie zu Saisonbeginn. Der beste Neueinkauf des HSV seit Jahren rettete seiner Mannschaft in dieser Spielzeit schon viele Zähler, einige Experten haben acht Punkte errechnet – aber das war vor dem Sieg in Stuttgart. Gegen den VfB hatte Rene Adler wieder einmal eine Weltklasse-Partie gezeigt und dem HSV die Punkte gerettet. Nun also wären es zehn . . . Mindestens, sage ich. Von zurzeit 38. Heute sprach Rene Adler mit uns über sich, den HSV und diese Saison.

Rückblickend verriet er: „Gerade zu Beginn hatten wir uns noch nicht so gefunden, da waren noch einige Positionen vakant. Und dass man da als Torhüter zwangsläufig einige Aktionen mehr hat, das ist normal. Man hat viel mehr zu tun, bekommt zudem auch mehr Rückpässe und man steht mehr im Fokus, mehr im Brennpunkt. Im Lauf der Hinrunde haben wir uns dann aber stabilisiert, und trotzdem gab es natürlich Spiele, in denen du als Torhüter in den entscheidenden Situationen die Weichen stellen musst. Und da ist es immer schlecht, wenn man, wie gegen Fürth, durch eine Unachtsamkeit schnell mit 0:1 zurück liegt. So etwas prägt das ganze Spiel. Und da ist es wichtig, als Torhüter in den wichtigen Situationen präsent zu sein, damit die Mannschaft nicht in Rückstand gerät.“ In Stuttgart hat das ganz hervorragend geklappt – die Null stand hinten.

So gesehen ist die Saison ja fast perfekt für Rene Adler gelaufen. Er hatte immer gut zu tun – und konnte sich, bis auf das 1:5-Debakel in Hannover, immer auszeichnen. Adler: „Für mich ist es das Schönste, wenn wir gewinnen, und wenn wir dann zu null spielen, dann ist es sogar perfekt. Wenn man kein Gegentor kassiert hat, dann hat man einen guten Job gemacht, dann hat man nicht so viel verkehrt gemacht.“ Generell befindet er zu seiner Mannschaft: „Man erkennt eine Gesamt-Entwicklung. Wir machen das, was der Trainer verlangt. Unser Spiel ist sehr, sehr stark auf Ballbesitz ausgelegt, wir sind darauf bedacht, nicht die Ruhe zu verlieren, dass wir den Ball oft zirkulieren lassen und die Lücke zu suchen, um uns Möglichkeiten zu erspielen. In der Hinrunde sind wir manches Mal noch zu hektisch gewesen, da haben wir manches Mal einen Ball gespielt, wo wir besser noch einmal hinten herum gespielt hätten. Um einfach die perfektere Lücke zu finden. Das machen wir inzwischen schon sehr gut, in Stuttgart zum Beispiel hat das sehr gut geklappt, da haben wir das schon ganz gut gemacht.“

Rückblickend auf den 1:0-Sieg in Stuttgart befand der Nationaltorwart noch. „Ich bin kein Freund von Vergleichen zwischen den Spielen, aber wie wir auswärts in Dortmund aufgetreten sind, von der Bewegung her, von der Kompaktheit, vom Nachpressen her, wo wir sofort attackiert haben – da konnte sich kein Stürmer der Dortmunder drehen, ohne einen Gegenspieler von uns im Nacken zu spüren. Das sind die elementaren Dinge, die wir gegen jeden Gegner beherzigen müssen – und da denke ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Die Aufs und Abs, die es bei uns noch gibt, die sind dadurch bedingt, dass wir eine junge Mannschaft haben. Und dass wir in einer Saison sind, von der keiner so genau wusste, wohin es mit uns geht. Und das muss man uns als Mannschaft und als Verein auch zugute halten, dass wir uns aus eigener Kraft stabilisiert haben – und jetzt auf Platz sechs stehen. Mit Blick nach vorne. Das ist eine Geschichte, zu der man sagen kann, dass bei uns jetzt und auch deswegen keiner abhebt, denn wir wissen, dass wir noch Potenzial nach oben.“

Um „sein“ Hannover-Spiel zu verdrängen, hat Rene Adler einige Dinge ganz bewusst gemacht. Er sagt: „Ich habe mir Zeit für mich genommen, mehr Raum für Erholung und Regeneration genommen. Einfach mal einen Spaziergang mit Frau und Hund zu machen, weniger Fußball im Fernsehen angucken – das habe ich mir gegönnt. Ich schaue mir Spiele der Champions League an, aber ich bin weit entfernt davon, mich zu Hause vom Fußball berieseln zu lassen. Da konzentriere ich mich dann doch komplett auf unser Spiel, und ich habe meinen Fokus auch komplett auf das Training gelegt.“ Und was da speziell? Adler: „Ich habe viele Sachen ganz bewusst gemacht. Hab die Bälle bewusst gefangen, habe Bewegungsabläufe ganz bewusst gemacht, habe Krafttraining ganz bewusst gemacht, habe mich bewusst ernährt. Das ist einfach eine Sache, dass man sich mal irgendwie überprüft – auch gerade jetzt im Erfolg.“

Dann ergänzt Rene Adler noch: „Es ist immer schade, dass man ein solches Spiel wie dieses 1:5 in Hannover braucht, auch als Mannschaft. Aber ich habe schon gesagt, dass ein solches Erlebnis für die Entwicklung einer Mannschaft oftmals reicher im langfristigen Ertrag, als mal ein 1:1, mal ein 2:1 oder wenn man zwei Spiele in Folge 1:2 verliert. Man kann das noch so oft betonen: Wenn wir nicht 100 Prozent spielen, der einzelne, dann haben wir Probleme gegen jeden Gegner. Wir sind nicht eine Mannschaft wie Bayern München, die mit 70 oder 80 Prozent die Spiele gewinnt. Aber das ist auch okay, nur muss das auch jeder von uns wissen, damit er am Wochenende auch 100 Prozent abruft.“

Ich bitte sehr darum. Schon an diesem Sonnabend. Alle bei 100 Prozent. Das wäre doch was. Dann hätte der FC Augsburg hier nicht viel zu lachen. Und erst recht nicht zu feiern . . .

Kurz noch einig positive Dinge der personellen Art:

Michael Mancienne hat heute erstmalig wieder mit der Mannschaft trainiert. Der Innenverteidiger sagte: „Ich fühle mich gut und möchte mich für das Bayern-Spiel in 14 Tagen nicht nur anbieten, sondern auch mit guten Trainingsleistungen anbieten.“
Marcus Berg soll am Donnerstag wieder ins Training einsteigen, Jaroslav Drobny war heute schon wieder dabei, laufend im Volkspark unterwegs waren Ivo Ilicevic und Zhi Gin Lam, der an diesem Donnerstag wieder mal auf dem Trainingsplatz zu sehen sein wird – allerdings nur mit Reha-Trainer Markus Günther. Gelaufen sind heute auch nur Heiko Westermann und Milan Badelj (Fußprellung), beide Spieler aber sollen auch an diesem Donnerstag wieder im Mannschaftstraining zu finden sein.

Nun ein Break.
Das Thema Regionalliga, HSV und Abstieg wurde in den letzten Tagen ja (von einigen) diskutiert, und dazu habe ich nun auch Thorsten Fink gefragt. Was denkt der Profi-Trainer über einen eventuellen Abstieg der Zweiten? Fink: „Es ist klar, dass mir ein Abstieg natürlich nicht gefallen würde, aber trotz der prekären Lage glaube ich, dass die Mannschaft da unten aus der Abstiegszone noch rauskommen wird. Die Zweite hat ein Trainerteam, das ruhig und sehr gut arbeitet – und natürlich bekommen sie in Zukunft von uns auch mal den einen oder anderen Spieler, denn es wäre schon wichtig, dass wir die Klasse halten.“ Warum ist es wichtig, dass die Regionalliga erhalten bleibt? Fink: „Weil sonst der Unterschied zwischen den Klassen zu groß wird. In der Regionalliga wird auf einem höheren Niveau als in der Oberliga gespielt, das ist doch klar, und da oben werden die Spieler natürlich mehr gefordert. Und das käme ihnen dann zugute, wenn sie bei uns integriert werden sollen.“ Wer das ist, konnte Fink nicht verraten: „Wir müssen mal schauen. Es dürfen ja auch nur drei ältere Spieler mitmachen, und dann müssen wir sehen, wer in der nächsten Woche hier ist, und wer bei seiner Nationalmannschaft.“ Michael Mancienne aber könnte dort demnächst Spielpraxis sammeln. Fink: „Das müssen die Profis nur annehmen. Das machen die Leute bei Bayern München zum Beispiel auch. Die gehen da nach Verletzungen auch hin, um sich wieder in Form zu bringen.“ Gojko Kacar aber könnte zum Beispiel auch bei Rodolfo Cardoso spielen.

Thorsten Fink: „Eines aber ist unerlässlich, die Spieler müssen es annehmen, dass sie da spielen wollen. Dass sie wissen, dass sie sich dadurch wieder in Form bringen können. Sonst bringt das nichts.“ Ganz genau. Da ist das Parade-Beispiel, wie man es nicht machen soll, immer noch Muhamed Besic, der eher lustlos seinen Stiefel bei der Zweiten herunterspielte. Fink: „Natürlich werden wir vorher mit den Spielern reden. Wir werden ihnen klar machen, dass es besser für den Verein ist, und dass es auch besser für sie ist. Es ist ja besser, dass sie dort ein Spiel haben – bevor sie keinen Einsatz haben.“ Dann fügt der Trainer noch hinzu: „Spiele in der Zweiten sind ja auch noch etwas anders, als unsere Testspiele, wie zuletzt gegen Oslo. In der Regionalliga geht es ja wenigstens noch um etwas.“

Nebenbei bemerkt: Obwohl (oder gerade?) die Regionalliga-Truppe abstiegsgefährdet ist, wurde in der vergangenen Woche Einigung darüber erzielt, den Trainervertrag mit Rodolfo Cardoso zu verlängern. Per Handschlag ist es besiegelt, demnächst wird es auch die Unterschriften geben.

Nun noch zu einem traurigen Thema:

Heute fand die Trauerfeier für Horst Eberstein in Ohlsdorf statt, der am 1. März im Alter von 83 Jahren verstorben ist. Es waren über 250 Menschen gekommen, und drei davon möchte ich explizit einmal hervorheben: Aus St. Petersburg angereist war der ehemalige HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer (morgen spielt sein Club Zenit in der Europa League gegen den FC Basel!), der „Didi“ kam extra wegen dieser Feier. Aus Frankfurt war FSV-Trainer Benno Möhlmann, einer der besten Freunde des Verstorbenen, angereist, und auch Uwe Seeler war dabei.

Zudem habe ich gesehen: Carl-Edgar Jarchow, Oliver Scheel, Klaus Neisner, Gerda und Horst Schnoor, Jochen Meinke, Richard und Natascha Golz, Rodolfo Cardoso und die gesamte Regionalliga-Mannschaft des HSV, Holger Hieronymus, Jürgen Stars, Stefan Schnoor, Horst Becker, Ronny Wulff, Rudi Kargus, Jürgen Hunke, Heini Deininger, Reinhard Rietzke, Michael Schröder und viele, viele mehr. Neben Bestatter Erwin Jürs sprach auch der frühere HSV-Präsident Dr. Wolfgang Klein, der einst als 19-jähriger Leichtathlet von Eberstein aus Hannover zum HSV gelockt worden ist – und in der kleinen Wohnung der Ebersteins (im Lattenkamp) ein Zimmer (das Zimmer von Eberstein-Tochter Heike!) bewohnte. Klein: „Wir trauern heute nicht über ein HSV-Ur-Gestein, sondern über das HSV-Ur-Gestein.“ Seit 1958 war der gebürtige Berliner Eberstein für den HSV, nein für seinen HSV, tätig – er kannte alle und wusste alles – und er half allen, stand immer mit Rat und Tat parat. Sein Motto: „Da wo andere Menschen ihr Herz haben, da schlägt bei mir die Raute in der Brust.“ Wenn es niemals zutreffend war – auf Horst Eberstein traf es zu. Er wird am Freitag auf dem HSV-Friedhof in Bahrenfeld, in Sichtweite zum Stadion, neben seiner Ehefrau Elfriede beigesetzt.

Mach es gut, Horst, Du warst ein unheimlich feiner Mensch, ein freundschaftlicher und auch oft kritischer Begleiter der journalistischen Szene, mit dem man trefflich streiten und diskutieren konnte – aber stets mit Niveau, immer fair. Dafür danke ich Dir nicht nur, sondern verspreche Dir, dass ich immer nur Positives denke, wenn ich mich an Dich erinnere. Weil es auch nichts Negatives von Dir gibt – da warst ein stets ehrlicher Mensch, der kerzengerade seinen Weg ging. Hut ab vor Deiner großen Lebensleistung – ich vermisse Dich schon jetzt. Du warst einfach nur großartig. Und der Vollblut-HSVer schlechthin – für alle ein Vorbild!

19.21 Uhr

“Dittsche”: “Adler ist ein reiner Titan!”

30. September 2012

„Wir sind alle sehr dankbar, dass unser Verein nicht zwei Wochen früher gegründet wurde . . .“ Bei seiner Begrüßungsansprache in der 02 World-Arena scherzte der HSV-Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow über die aktuelle Punktausbeute seines Klubs – denn vor einer Woche hatten viele Skeptiker noch befürchtet, dass der Klub ohne einen Punkt in die Feierlichkeiten zum 125. Geburtstag gehen würde. Dieses Horror-Szenario aber blieb dem HSV zum Glück erspart. Nach dem glücklichen 1:0-Sieg gegen Hannover 96 war „ganz Hamburg“ in Partylaune. Fast 12 000 Zuschauer waren nur ein, zwei Stunden nach dem zweiten „Dreier“ der Saison gekommen, um den Ehrentag des Bundesliga-Dinos zu feiern. Ganz sicher gab es spät in der Nacht, das will ich nicht verheimlichen, auch manche kritische Stimme, weil bestimmt nicht alles so rund gelaufen war, wie gedacht oder geplant. Es gab auch manche kritische Stimme, weil das Jubiläums-Programm nicht jedermanns Geschmack war – aber ich kann für mich sagen: Ein toller und gelungener Abend, es waren großartige Künstler dabei, die mir alle uneingeschränkt sehr gefallen haben. Die Geschmäcker sind eben verschieden.

Für mich war es wunderschön – und fast unglaublich, wie viele prominente HSV-Persönlichkeiten zu diesem Festtag mal wieder nach Hamburg gekommen waren. Das war ein Klassentreffen XXXL. Ganz, ganz hervorragend. Wo soll man anfangen, wo soll man aufhören? Als Uwe Seeler vorgestellt wurde, erhoben sich alle Gäste von ihren Sitzen. Und donnernden Beifall gab es, als „uns Uwe“ sagte: „Für mich ist der HSV schon immer alles – das war mein Leben: Erst Schule und Sport – das war der HSV. Nachher Beruf und Sport – das war auch der HSV. Und jetzt als Passiver auch der HSV. Der HSV wird immer der HSV bleiben und in meinem Herzen verankert sein.“

Die Spieler der Meistermannschaft von 1960, Horst Schnoor, Jochen Meinke, Klaus Neisner, Gert Dörfel und Franz Klepacz (der nicht spielte) waren zu diesen Feierlichkeiten gekommen, der schwer erkrankte Erwin Piechowiak fehlte. Ich hatte den Verteidiger noch am Vormittag getroffen, er ist am Freitag aus dem Krankenhaus entlassen worden, es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Für dieses Fest aber wäre er noch nicht wieder fit gewesen.

Ansonsten waren die meisten Größe anwesend: Günter Netzer war da, Manfred Kaltz, Horst Hrubesch, Ditmar Jakobs, Holger Hieronymus, Thomas von Heesen, Wolfgang Rolff, Felix Magath, Dieter Schatzschneider, Benno Möhlmann, Hans-Jürgen „Dittschi“ Ripp, Helmut „Ratte“ Sandmann, Rolf Fritzsche, Jörg Butt, Uli Stein, Jimmy Hartwig, Bernd Wehmeyer, Jürgen Milewski, Michael Schröder, Richard Golz, Harry Bähre, Nico Hoogma, Erik Meijer, Harald Spörl, Carsten Kober, Mehdi Mahdavikia, Sergej Barbarez, Peter Lux, Tobias Homp, Stig Töfting, Thomas Doll, Rodolfo Cardoso (wurde er als Bruno Cardoso vorgestellt? Mir war fast so), Caspar Memering, Uwe Hain, Manfred Kastl, Borisa Djordjevic, Ralf Brunnecker und, und, und. Ich habe ganz sicher etliche HSV-Spieler vergessen zu erwähnen, aber es waren ganz einfach zu viele dabei. Ein traumhafter Abend für jeden HSVer.

Kleine aber nicht unbemerkte Begebenheit am Rande: Als in der Halle große und ganz große sowie verdienstvolle HSVer, die inzwischen verstorben sind, auf den Leinwänden gezeigt wurden, da gab es, als das Foto von Werner Hackmann aufleuchtete, viel und herzlichen Beifall. Welch eine große Geste für den Mann, der maßgeblich (neben Uwe Seeler) mitgeholfen hatte, aus dem kalten Volksparkstadion eine neue Arena zu bauen. Hackmanns Ehefrau Ulla war (mit ihrer Tochter) zu dieser Feier gekommen, sie registrierte den Applaus mit stiller Freude. Wie schön, das es im so coolen Profi-Sport auch noch eine solche Herzlichkeit gibt.

Das Gegenteil musste DFB-Präsident Wolfgang Niersbach erfahren, der oft lautstark ausgepfiffen wurde. Dafür habe ich mich geschämt, gebe ich zu. An einem solchen Abend hätten die Fans, die schlecht auf den Deutschen Fußball-Bund zu sprechen sind, besser einmal geschwiegen . . . Ganz nebenbei kenne ich Niersbach schon ganz lange, er war einst ein Kollege (vom Sport-Informations-Dienst SID) und ist ein fabelhafter Mensch. Dazu auch noch ein absoluter Fußball-Experte, der in der ganzen Welt höchste Anerkennung genießt.
Schade, schade, dass es diese Pfiffe gab.

Nicht nur die Pfiffe waren störend, auch der Wechsel von einer Arena in die andere. Zum Einlass der After-Show-Party hatten die Organisatoren eine halbe (!) Tür geöffnet, die Schlange (der VIP’s) wurde lang und länger – mir taten vor allem die frierenden Frauen Leid. Und wer es dann in die Räumlichkeiten geschafft hatte, der war nicht nur geschafft, sondern auch überrascht. Weil Frau und Mann eigentlich keine Chance hatten, umzufallen. Wer irgendeine Schwäche gezeigt hätte, vielleicht ohnmächtig geworden wäre, der hätte keine Möglichkeit gehabt, zu Boden zu gehen. So übervoll war das. Da muss dem HSV irgendein Planungsfehler unterlaufen sein, da waren ganz sicher viel zu viele Gäste geladen worden – aber der Verein braucht eben jeden Euro. Das war massenweise Aufbauhilfe HSV. Aber man kann eben nicht alles haben . . .

Dafür war die Show in meinen Augen gelungen. Die drei Moderatoren Judith Rakers, Alexander Bommes und Johannes B. Kerner, dazu zeitweise Sylvie van der Vaart (sie soll gedacht haben, dass sie den ganzen Abend mitmoderieren sollte?), Carlo von Tiedemann und Dieter Thomas Heck, machten ihre Sache gut. Hamburgs Perle „Lotto King Karl“ hatten einen überragenden Auftritt, dazu der hervorragende Rea Garvay, auch Scooter (ebenfalls super!) war dabei und der einfach nur großartige Olli „Dittsche“ Dittrich, dazu auch Otto Waalkes (der nur langsam in Fahrt kam . . .) und der Kinderchor „Alsterspatzen“ (heißen sie so?). Nein, das alles hatte was und konnte sich sehen und hören lassen. Auch wenn die Show gegen Ende ein wenig an Stimmung einbüßte. Das Bubble-Footballspiel war absolut überflüssig.

Ganz zum Schluss wurde die von der „Bild“ (den Lesern) gewählte 125-Jahr-Mannschaft vorgestellt. Das sind folgende Spieler: Uli Stein, Jupp Posipal, Peter Nogly, Willi Schulz (er fehlte an diesem Abend), Manfred Kaltz, Ditmar Jakobs, Gert „Charly“ Dörfel, Uwe Seeler, Kevin Keegan (er fehlte leider auch – sehr), Karsten Bäron, Mehdi Mahdavikia, Thomas Doll, Thomas von Heesen, Felix Magath, Rafael van der Vaart, Horst Hrubesch, dazu Trainer Ernst Happel (für den Sohn Ernst junior aus Wien erschienen war) sowie Kult-Masseur Hermann Rieger, der an diesem Abend mehrfach stürmisch gefeiert wurde.

Der unumstrittene Star der gesamten Feierlichkeiten aber war ein anderer Mann: Rene Adler, der mit der gesamten Mannschaft zum Geburtstag gekommen war – samt Spielerfrauen (die sogar auch noch ihren Auftritt hatte). Der HSV-Torwart, der zuvor Hannover 96 an den Rande des Wahnsinns gebracht hatte, wurde geradezu enthusiastisch umjubelt und gefeiert. „Wenn Rene so weitermacht, dann wird er bald wieder in der Nationalmannschaft spielen“, prophezeite Uli Stein. Aber zu diesem Thema gab es kürzlich im Hamburger Abendblatt einen Artikel meines Kollegen Alexander Laux:

„Bundestrainer Joachim Löw macht Torhüter Rene Adler Hoffnungen auf ein Comeback in der Nationalmannschaft nach fast zweijähriger Pause. „Bei Rene Adler muss man jetzt mal nach seiner langen Verletzung abwarten. Aber auch ihn werden wir beobachten”, sagte Löw im Interview des Sportmagazins „Kicker”. Für die nächsten vier Länderspiele habe er sich aber auf Manuel Neuer, Marc-Andre ter Stegen und Ron-Robert Zieler festgelegt, während Bernd Leno die Rolle bei der U21 übernehmen soll.“

Löw müsste also, falls sich nicht noch ein Torhüter verletzten sollte (was niemand hofft!), im Hinblick auf die Spiele gegen Irland und Schweden wortbrüchig werden, und das ist kaum anzunehmen. Adler muss sich also noch ein wenig in Geduld üben – aber er wird ganz sicher bald wieder für Deutschland zwischen den Pfosten stehen. Ganz sicher. In dieser Form, in dieser Über-Form gibt es nämlich keinen besseren Torwächter, als ihn. Obwohl der HSV-Keeper absolut und total bescheiden bleibt – in all der Jubelarien: „Es ist ja mein Job, Bälle zu halten, das mache ich nur. Ich spiele ja nicht allein. Alle haben sich gegen Hannover den Arsch aufgerissen. Und ich mag solche heiß und hart umkämpften Siege viel lieber, als wenn man klar und deutlich gewinnt. Die Stimmung im Stadion war hervorragend.“

Eine ganz besondere Lob-Rede hielt an diesem Abend “Dittsche” auf den HSV-Helden zwischen den Pfosten: “Rene Adler ist ein reiner Titan – er ist der neue reine Torwart-Titan.” Und Torhüter-Legende Horst Schnoor befand: “Ich habe Rene kürzlich beim Abendblatt-Interview kennengelernt, er ist ein ganz feiner Kerl. Und als Torwart sowieso überragend, er wird bald wieder bei Jogi Löw sein.”

Solche Sätze sorgten für Super-Stimmung in der Halle natürlich auch. Besonders zu Beginn der Veranstaltung brodelte es auf den Rängen. Aber da schwebten ja auch alle Zuschauer noch auf Wolke sieben, denn sieben Punkte in einer Woche – die sorgten schon für eine besondere Befreiung.

Die gab es auch für Trainer Thorsten Fink: „Ich bin natürlich überglücklich, denn wir haben ja eine recht schwierige Zeit hinter uns.“ Der HSV-Coach lobte nach dem 1:0-Sieg nicht nur Adler, sondern auch den Kapitän: „Heiko Westermann hatte sich beim 2:2 in Mönchengladbach einen fünf Zentimeter langen Muskelfaserriss zugezogen, aber er wollte unbedingt spielen, und er hat gespielt und durchgehalten. Wie er das gemacht hat, das ist mir schleierhaft, aber der Heiko muss eine Art von Ur-Mensch sein. Wie er das trotz aller Schmerzen hingekriegt hat, mit welcher Leidenschaft er gespielt hat, das ist schon sensationell. Und deswegen habe ich ihn diesmal extra mal gelobt.“

Lob verdienten sich diesmal viele HSV-Spieler. Tolgay Arslan zum Beispiel, der ein riesiges Spiel gemacht hat. Fink über den neuen „Sechser“: „Tolgay hat gelernt, den Ball mal abzuspielen. Das muss er jetzt machen, wenn er neben Rafael van der Vaart spielt. Dieses Spiel tut ihm gut, er sieht nun auch, dass man mit ein, zwei Kontakten viel besser spielen kann, als wenn man zu viel dribbelt. Ich habe vorher auch nicht gedacht, dass er defensiv so gut arbeiten kann, aber er kann es, und deswegen bin ich sehr zufrieden mit ihm.“

Für mich etwas überraschend hatte Fink Petr Jiracek auf der Bank gelassen. Der Tscheche war in Frankfurt mit der Witz-Karte des Jahres (von Wolfgang Stark gegeben!) vom Platz gestellt worden, völlig zu Unrecht, und deswegen hatte ich eigentlich erwartet, dass er gleich wieder in der Anfangsformation stehen würde. Denkste. Fink setzte ein Zeichen. Für den Nachwuchs, für die Jungen, für die Talente. Auch das hat ein Lob verdient. Für Jiracek aber tat es mir Leid, denn ohne diese Rote Karte hätte ja wohl er immer noch gespielt . . . „Wenn ein Mann wie Arslan so gut einschlägt, dann sollte man nicht gleich wieder alles auseinander reißen. Es ist doch schön, dass wir mit Petr Jiracek noch einen so guten Mann auf der Bank hatten, dass wir noch so viele starke Spieler in der Hinterhand haben – aber Jiracek ist genau so wichtig für uns wie alle anderen Spieler.“

Zur Leistung von Rene Adler befand der Trainer: „In Mönchengladbach hat er so gehalten, wie er normal halten muss, diesmal hat er uns den Sieg festgehalten. Er hält im Moment top. Und er ist wichtig für die Mannschaft, denn er sagt mal was. Das ist auch wichtig, dass man nicht nur Spiele hat, die stumm wie Fische sind. Er redet mit seinen Vorderleute, er motiviert sie, und er scheißt sie auch manchmal an, wenn es sein muss. Rene ist ein großartiger Führungsspieler.“

Viel Lob vom Trainer erhielten auch die Fans: „Sie haben hier vier Wochen jeden Tag gearbeitet, das ist sensationell, auch deswegen freut mich der Sieg über Hannover besonders, denn sie hätten nichts anderes verdient. Ich habe hier einige Anhänger jeden Tag gesehen, die müssen Urlaub genommen haben, das nenne ich mal einen leidenschaftlichen Einsatz für den HSV.“

Aber das gilt wohl für viele HSVer an diesem Wochenende. Auf dem Rasen und nebenbei, dazu die vielen, vielen fleißigen Hände bei der Gala und danach – vielen Dank.

Ein Satz noch zu Rafael van der Vaart. Er spielte eine sehr gute erste Halbzeit (für mich), dann tauchte er gelegentlich ab. Die Kraft. Drei Spiele in einer Woche, dass war für ihn, der stets ein riesiges (Lauf-)Pensum erledigt, wohl zu viel. Fink über die „23“: „Rafael hat dem Spiel diesmal nicht seinen Stempel aufgedrückt, aber er fightet und geht immer voran.“ Und van der Vaart bekannte: „Das war kein gutes Spiel von uns, Hannover war spielerisch besser. Ab er das ist mir heute egal, es zählt nur der Sieg.“ Über den Fink sagte: „Es war ein dreckiger Sieg, aber auch muss man mal gewinnen können.“

Und zu Artjoms Rudnevs sei gesagt: Der Lette wird immer besser, auch wenn ihm noch lange nicht alles gelingt. Aber er trifft, und das haben einige Experten (des HSV) prophezeit. Macht er erst ein Tor, dann werden andere folgen. Stimmt. So darf der „Rudi“ weitermachen. Was man ihm aber auf jeden Fall attestieren muss: Rudnevs läuft viel, geht weite Wege, geht auch dorthin, wo es weh tut – deswegen ist er schon jetzt sehr wertvoll geworden.

Alles wird gut.

PS: Es gibt noch einen prächtigen Nachschlag in Sachen 125-Jahr-Feierlichkeiten: Der Fernsehsender “HH1″ überträgt am Montag von 20.15 Uhr an über 90 Minuten auch eine HSV-Geburtstags-Gala. An ihr werden viele namhafte HSV-Größen von einst teilnehmen, so sind dabei Horst Schnoor, Jochen Meinke, Thomas Doll und Richard Golz, Horst Hrubesch und Holger Hieronymus, dazu Klub-Chef Carl-Edgar Jarchow, Kult-Masseur Hermann Rieger und “Ober-Fan” Johannes “Jojo” Liebnau. Es wäre schön, wenn ihr einschalten würdet.

PS PS: Am Montag ist trainingsfrei. Sie haben es sich verdient.

16.31 Uhr

Kühne und die Sorgen der “Matz-abber”

9. September 2012

Die Zeiten ändern sich. Alles ist im Fluss. Ständig. Und gelegentlich ist alles auch mit einem leicht dramatischen Hauch garniert. Letzteres allerdings gibt mir von Tag zu Tag mehr zu denken. In meinem Kopf steckt noch immer das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC. Was dabei auf den Tribünen und später auf dem Platz abging. Dann werde ich in meinen Gedanken nicht los, dass gewisse Teile des HSV-Anhangs (im Stadion) ihre eigenen Spieler auspfeifen. Angefangen bei Piotr Trochowski, weiter über David Jarolim, dann zu Heiko Westermann und Dennis Aogo. Was sind das für Fans, die ihre „eigenen“ Spieler so dermaßen kritisieren? Und der „Fall Pezzoni“ rundet dieses Bild in diesen Tagen noch ab: Kevin Pezzoni ist von Kölner FC-Hooligans an seiner Haustür und im Internet bedroht worden. Der 23 Jahre alte Abwehrspieler verließ daraufhin seinen Klub und erklärte, dass er gehofft habe, „dass sich die FC-Verantwortlichen hinter mich stellen und versuchen, mich zu schützen. Eigentlich sollte ein Verein dazu in der Lage sein, seine Spieler vor den Fans zu schützen. Das war in diesem Fall nicht so.“

Es ging nach diesem Vorfall ein Aufschrei durch die Fußball-Republik. Wer hat sich nicht dazu alles geäußert? Sie alle haben ihren Senf dazu abgegeben, nur ändern wird sich wohl kaum noch etwas. Der Karren scheint mir schon viel zu festgefahren. Wobei ich mich noch genau daran erinnern kann, wie ich einst, uns zwar im Jahre 1959, HSV-Fan geworden bin. Dass der Klub damals von Carl-Heinz Mahlmann geführt wurde, dem Bruder des Liga-Trainers Günther Mahlmann, das wusste ich erst einige Jahre später. Schatzmeister des Klubs war Karl Mechlen, mehr wusste ich von der damaligen Klub-Führung nicht. Das war mir auch zu unwichtig. Ich wollte Uwe Seeler, Gert „Charly“ Dörfel, Horst Schnoor, Klaus Stürmer, Jochen Meinke und Co Fußball spielen sehen. Für sie habe ich am Rothenbaum „HSV, HSV, HSV“ gebrüllt, oder „Uwe, Uwe, Uwe“ geschrien. Ich habe den HSV angefeuert, weil ich ihn siegen sehen wollte. Und weil sie alle meine Vorbilder waren, wenn ich als Straßenfußballer von morgens bis abends „gedaddelt“ habe.

An die Vereinsführung habe ich nie gedacht. Das lief. Ich war kein Mitglied, ich hatte absolutes Vertrauen in die Präsidenten-Etage – wenn ich überhaupt mal daran gedacht habe.
Gepfiffen habe ich gegen meinen HSV nie. Das kann ich beschwören. Natürlich gab es mal den einen oder anderen Spieler, der in Sachen Leistung ein wenig hinterher hinkte, aber ausgepfiffen? Deswegen? Nie! Was vielleicht, das will ich nicht verheimlichen, auch daran lag, dass der HSV ja meistens auch gewonnen hat. Er war im Norden die Nummer eins, wenn man an den Rothenbaum pilgerte, dann wusste man doch zu 95 Prozent, dass man mit einem Heimsieg nach Hause fahren würde. Deswegen waren Pfiffe natürlich auch nicht an der Tagesordnung.

Wobei ich auch ganz klar sagen möchte, dass ich keine unmündigen Fans haben möchte. Alle sollen, sollten und dürfen natürlich ihre Meinung sagen, aber dabei muss die Form gewahrt bleiben. Pöbeleien unterhalb der Gürtellinie, Drohungen usw. – das gehört niemals dazu, schon gar nicht in den Sport. Und wer etwas partout verändern möchte, der sollte sich dann doch mal anschicken, sich in ein Amt wählen zu lassen.

Grundsätzlich aber möchte ich noch zwei, drei Sätze zu dieser Fan-Problematik sagen:

Bitte lasst den Hass weg! Sobald Hass im (Fußball-)Spiel ist, ist die Sache total verdorben. Hass passt nicht, Hass geht gar nicht!

Warum ich das alles schreibe? Weil mir die jüngste Entwicklung Sorgen bereitet. Die Fans werden immer bestimmender, mitbestimmender, sie werden auch aggressiver gegenüber jenen Leuten, die den Klub führen. Passt einem Fan heutzutage die Nase des Vorstandsvorsitzenden nicht, so wird heftig kritisiert, gemeckert, gepöbelt, sogar gedroht. Eine ganz schlimme Phase, die der Profi-Fußball im Moment durchleben muss. Und ob dies alles nur eine Entwicklung des Internets ist, das wage ich noch zu bezweifeln. Sicherlich unterstützt die Anonymität des Netzes ein gewisses Fan-Un-Verhalten, aber damit ist das längst noch nicht alles erklärt. Trotz allem bin ich der Meinung, dass vieles in den Vereinen zu lange unter den Tisch gekehrt wurde, anstatt diese teilweise gefährlichen Entwicklungen mit dem nötigen Ernst zu betrachten – und ihnen zu begegnen. Ob es dazu nun schon zu spät ist? Ich glaube beinahe ja.

Es gibt aber auch Gegen-Beispiele. Oder Parade-Beispiele. Und über einen solchen Fall möchte ich heute berichten. Wir alle erinnern uns vielleicht noch an den „Fall Ruud van Nistelrooy“. Damals, als der Niederländer zum HSV kam, wussten es zwei „Matz-abber“ (und zwar „Eiche Nogly“ und „Jacek Dembinski“) schon zweieinhalb Tage eher als die Öffentlichkeit. Als der HSV davon erfuhr, baten sie diese beiden Herren, weiterhin Stillschweigen zu bewahren, um den Transfer nicht zu gefährden. Sie schwiegen. Und zwar so lange, bis es nicht mehr ging – dann stand es bei „Matz ab“ zuerst.

Über einen ähnlichen „Fall“ möchte ich heute schreiben. Vier „Matz-abber“ haben sich in den zurückliegenden Wochen nicht nur Sorgen um den HSV gemacht, auch nicht nur sehr, sehr große Sorgen um den HSV – sie haben auch gehandelt. Sie haben in meinen Augen etwas ganz Großes gemacht. Und etwas total Vorbildliches. Nachahmenswertes. Bilderbuchartiges. Nein, wirklich, vor diesen vier HSV-Fans ziehe ich den Hut. Werde es auch immer tun. Sie haben sich nämlich nicht nur um die drei großen Hamburger Buchstaben gesorgt, sie haben auch die Initiative ergriffen – sie haben gehandelt. Und wie! Bravo, kann ich da nur sagen, so sieht in meinen Augen das Verhalten eines echten HSV-Fans aus.

Diese vier „Matz-abber“ haben sich beraten, wie man den HSV vor dem Sturz in die Zweitklassigkeit bewahren könnte – und sie kamen zu folgender Lösung. Da sie wussten, dass das Verhältnis zwischen Vorstand und dem Mäzen, Gönner oder Sponsor Klaus-Michael Kühne ein wenig lädiert war, schrieben sie den Herrn Kühne kurzerhand (per Mail) an. Eine Bravourleistung!

Und die sah so aus:

Sehr geehrte Frau Lauble-Meffert,

ich wende mich an Sie, da Sie bei der Pressemitteilung von Herrn Kühne vom 13.07.12 bzgl. Rafael van der Vaart als Ansprechpartnerin genannt waren.
Wir hatten lange überlegt, ob wir an Herrn Kühne schreiben sollen, da wir ja nur ganz normale HSV-Fans/Mitglieder sind, aber da der aktuelle Vorstand unserer Meinung hier einen falschen Weg einschlägt und seit dem 13.07.12 nichts weiter passierte (zumindest wurde nichts öffentlich) wagen wir es doch, uns direkt an Herrn Kühne zu wenden.

Bestimmt erhalten Sie sehr viel Post für Herrn Kühne, aber wir möchten Sie trotzdem bitten, den angehängten Brief an Herrn Kühne weiterzuleiten und bedanken uns schon vielmals im Voraus.

Bei Rückfragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Die Mail der „Matz-abber“ werde ich nun nicht veröffentlichen. Die Antwort des Herrn Kühne (der die Mail der „Matz-abber“ auch an den HSV-Vorstand weiter geleitet hatte) kam postwendend – sie kam eigentlich sofort. Auch das ist in meinen Augen super und eine Klasse-Aktion. Herr Kühne schrieb den vier „Matz-abbern“ zurück:

Sehr geehr. . . ,

über Frau Lauble erhielt ich Kenntnis von Ihrer heutigen E-Mail, wofür ich Ihnen vielmals danke. Ich bin in der Tat auf der Suche nach geeigneten Wegen, um den HSV unterstützen zu können. Das Management macht es mir in seiner Entschlusslosigkeit nicht leicht; dennoch gebe ich nicht auf und wir sind uns darin einig, dass ein erstklassiger Mittelfeld-Regisseur gefunden werden muss, um das HSV-Spiel entscheidend zu verbessern. Es gibt mir Hoffnung, dass Sie das Interesse und Engagement der Mitglieder so deutlich dokumentieren. Eine möglichst zielführende „Mitgliederbewegung“ würde bei mir auf volle Sympathie stoßen.

Der Vereinsleitung habe ich des Öfteren vorgeschlagen, die Mitglieder dazu zu bewegen, wenn auch kleinste Beiträge für neue Spielerkäufe zu leisten, die ich dann von meiner Seite verdoppeln könnte. Leider hat der Vorstand diese Anregung nicht aufgegriffen; sie sollte vielmehr aus der Mitte der Mitglieder kommen. Eine entsprechende Initiative von Ihrer Seite würde ich sehr begrüßen.

Mit freundlichen Grüßen,

Klaus-Michael Kühne

Zeitgleich, fast zeitgleich, schrieben die „Matz-abber“ auch an den Boss des HSV-Aufsichtsrates, Alexander Otto. Dieses Schreiben ist nachstehend zu lesen:

Sehr geehrter Herr Otto,

mit Argwohn betrachten wir schon sehr lange die Entwicklung beim HSV. Als Außenstehender, der man als Mitglied trotz allem zwangsläufig ist, kann man all die Entscheidungen, die in den letzten Jahren getroffen wurden, nur mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen.

Obwohl auch Sie seit Jahren dem Aufsichtsrat angehören, habe ich zu Ihnen sowie zu Ernst Otto Rieckhoff das meiste Vertrauen, weil sie beide nach vorn schauen und den HSV wieder dahin bringen wollen, wo er hingehört.

Ich habe Sie trotz Ihrer außerordentlichen Position im Geschäftsleben, sowohl letztes Jahr im Zillertal aus der Nähe erleben dürfen, wo Sie als Urlauber und sympathischer „Zeitgenosse“ anwesend waren, wie auch im Mai auf der Mitgliederversammlung, wo wir oben im Restaurant miteinander gesprochen haben, wie auch auf dem Podium, wo Sie ein ums andere mal, uns, rechts von Ihnen sitzend, Applaus gespendet haben für unsere Beiträge. Mit großer Ernttäuschung haben wir auch den Ausgang zu der Abstimmung bzgl. Verkleinerung des Aufsichtsrats aufgenommen und die daraus resultierenden Folgen.

Es ist schon hervorragend wie Sie sich, trotz Ihrer ganzen Ämter und den internen Querelen, um den HSV verdient machen, Campus, Ochsenzoll etc. und somit die eigene Familie vernachlässigen, das kann man nicht hoch genug anrechnen.

Wir, eine kleine „Clique“ von dem OFC „Matz ab“, möchten Sie mit diesem Schreiben darum bitten, das Sie mit Ernst Otto Rieckhoff, wenn es noch nicht passiert ist, das „leckgeschlagene Schiff“, Kühne/ Jarchow wieder „seetüchtig“ machen, weil wir es nur Ihnen zutrauen, in dieser verzwickten Situation klaren Kopf zu bewahren.

Sicher ist auch von Seiten Herrn Kühnes diese Sache etwas eskaliert, worauf man beim HSV verärgert reagiert hat, denn nicht jeder macht es mit dem Engagement so geräuschlos wie Sie. Trotz allem soll und darf man nicht so fahrlässig mit einem Gönner umgehen, egal wer und wen es betrifft.

Wir alle machen uns große Sorgen um den Einfluss des SC, der in diesem Fall, wie wir vermuten die Fäden zieht, wogegen auch Sie allein machtlos sind, hier muss ein Umdenken her. Sicher sollte ein Mäzen keinen Einfluss auf Spielerkäufe ausüben, aber die Festlegung von Herrn Kühne war ja nicht nur auf die Nr. 23 positioniert.

Wenn Sie, Herr Otto, diese Sache im Sinne von über 70.000 Fußball Mitgliedern in die Hand nehmen würden, von denen bestimmt über ? nichts mit dem Universalsportverein, noch mit dem SC am Hut haben, sondern ausschließlich nur guten und attraktiven Fußball in der ersten Bundesliga sehen wollen, dann würden sicher auch Ihre und die Vorstellungen von Ernst Otto Rieckhoff, für den HSV in die Tat umgesetzt werden. Wenn Sie das in den Griff bekommen, dann sind wir die ersten, die Ihrer Frau als Dank einen großen Blumenstrauß nach Hause bringen würden, als Dank für Ihren tollen Einsatz, im Sinne aller HSVer. Gerne würden wir uns auch in einem Gespräch mit Ihnen austauschen, falls Sie daran Interesse haben um evtl. auch zu erfahren, wie wir Sie unterstützen können.

Zu ihrer Kenntnisnahme, wir haben auch einen Brief an Herrn Kühne geschickt, um auch hier, wieder eine positive Resonanz für den (seinen/unseren) HSV zu erreichen – und haben auch sofort eine Antwort von Herrn Kühne persönlich erhalten. Gerne lassen wir Ihnen die entsprechende Korrespondenz bei Interesse zukommen.

Besten Dank schon einmal im Voraus.

Mit sportlichen Grüßen.

Auf die Antwort von Herrn Otto verzichte ich in diesem Fall, aber sie gab es, und zwar recht ausführlich. Sie gab es vielleicht auch deshalb, weil sich zu jener Zeit wirklich alle und jeder große Sorgen um den HSV machten. Zum Glück. Entweder haben die Herren noch ein spätes Einsehen gehabt, oder sie konnten dem druck der Anhängerschaft, der Experten und der Medien nicht mehr ganz so gelassen gegenüber stehen.

Es kam, was viele HSV-Fans erfreute – noch immer erfreut. Petr Jiracek wurde verpflichtet, und auch der „kleine Engel“, Rafael van der Vaart.
Nach diesem Transfer schrieben die vier „Matz-abber“ erneut an Herrn Kühne:

Sehr geehrter Herr Kühne,

mit riesengroßer Freude haben wir gestern Vormittag die Meldung verfolgt, dass Rafael van der Vaart beim HSV einen Vertrag unterschrieben hat und er wieder in Hamburg gelandet ist. Was ein Glückstag für den HSV!

Wir möchten Ihnen vielmals danken, dass sie während der schwierigen Zeit trotzdem das Gespräch mit den Herren vom HSV weiter geführt haben. Desweiteren natürlich, dass Sie dem Verein so tatkräftig finanziell zur Seite stehen.

Ihr Engagement, Ihre Geduld und Ihre Fokussierung zur Umsetzung des Transfers von Rafael van der Vaart werden wir Ihnen niemals vergessen und der Dank dafür kann gar nicht groß genug sein.

Herr Kühne, unserer Einschätzung nach haben Sie den HSV wieder den richtigen Weg gewiesen, VIELEN DANK!

Hochachtungsvoll . . .

Auch ich sage vielen Dank. Allen Beteiligten. Und vor allen Dingen den vier „Matz-abbern“, die nicht (nur) gemeckert haben, sondern die handelten. Aus Sorge um die Zukunft des HSV. So sollte es eigentlich sein.
Danke.

Den vier „Matz-abbern“ habe ich diesen Bericht vorab zum Lesen gegeben, damit sie wissen, dass ihre Namen dabei nicht erscheinen. Das wollten sie nicht, weil es, wie sie mir sagten und schrieben, „hier nicht um persönliche Eitelkeiten oder Selbstbeweihräucherung geht“.

So sehe ich das auch.

Zum guten Schluss noch eine Meldung in Sachen HSV-Finanzen, von denen ich zuletzt ja schon berichtet hatte, dass der Klub durch den Van –der-Vaart-Transfer mächtig unter Druck gerät. Es wäre normal nicht mehr eine Million in der Kasse gewesen, nun aber – das darf sich jeder selbst ausrechnen – sind gleich „Millionenden“ aktiviert worden. Dazu gab der Vorstands-Vorsitzende ein Radio-Interview:

Der Vorsitzender Carl-Edgar Jarchow vom HSV sieht die hohen Transferausgaben in dieser Saison als Risiko an. „Das belastet mich, damit tue ich mich auch nicht leicht“, sagte Jarchow dem Radiosender NDR 90,3. Rund 24 Millionen Euro hat der Verein in neue Spieler investiert, obwohl er seit zwei Jahren rote Zahlen schreibt. Der Unterschied zu den Vorjahren sei jedoch, dass alle Spieler – außer vielleicht Rafael van der Vaart – in einem Alter seien, „wo sie zukünftig auch noch einen Wert für den Verein haben werden“.

Der Klubchef bestätigte, dass die Verpflichtung van der Vaarts für 13 Millionen Euro den HSV tief in die roten Zahlen reißen werde. „Das fürchte ich, ja. In der Tat“, meinte Jarchow.

Den in den vergangenen Tagen heftig kritisierten Sportchef Frank Arnesen nahm Jarchow in Schutz. Arnesen war unter anderem vorgeworfen worden, durch die Hinzuziehung eines weiteren Beraters eine überhöhte Ablösesumme für den Kroaten Milan Badelj von Dinamo Zagreb gezahlt zu haben. Jarchow: „Aber wir haben den Spieler, und, da sind wir uns im Vorstand einig, zu absolut vertretbaren Konditionen.“ Der Kroate soll 3,5 Millionen Euro gekostet haben. Mit Arnesen hatte sich der Aufsichtsrat in einer neunstündigen Mammutsitzung beschäftigt.

Vorwürfe an Arnesen, die Jarchow unterstellt werden, seien ein Missverständnis. Die Kritik an der Transferpolitik der vergangenen Wochen betreffe den gesamten Vorstand, meinte Jarchow. „Insofern habe ich mich auch selbst gemeint. Ich habe bestimmt nicht Kritik an Frank Arnesen üben wollen, das ist eine reine Interpretation.“

Dann war da noch das Legenden-Spiel Hamburg gegen Deutschland. Die Hanseaten verloren auch in diesem Jahr, zwar nicht so hoch wie im Vorjahr (1:6), sondern nur 1:2, aber eben wieder eine Niederlage. Daran hat sich Hamburg offenbar schon gewöhnt. Das Tor der Elb-Auswahl erzielte Sergej Barbarez, 1:2 stand es bereits zur Pause. „Es war wie ein Klassentreffen“, befand Lothar „Loddar“ Matthäus.

PS: An diesem Montag wird im Volkspark nicht trainiert.

17.27 Uhr

Die besten Wünsche zum Jahr 2012

1. Januar 2012

Willkommen im neuen Jahr, alles Gute für Euch, Glück, Erfolg und vor allem beste Gesundheit. Und ganz speziell wünsche ich Euch, dass sich der HSV 2012 wieder von seiner besten Seite zeigt. Am Dienstag geht es ja wieder mit dem Training los, am Mittwoch fliegt die Mannschaft ins Trainingslager nach Marbella, dann erfolgt der Feinschliff erstmals unter der Regie von Thorsten Fink. Ich kann es, das gebe ich zu, kaum erwarten, den „neuen“ HSV dann am 22. Januar im Heimspiel gegen Meister Borussia Dortmund zu sehen, irgendwie erwarte ich schon ein bisschen mehr – als zuletzt. Aber mal abwarten, wie sich das dann alles entwickelt.

Ohne Fußball geht es ja auch im neuen Jahr nicht, während ich das schreibe, sehe ich mir Sunderland gegen Manchester City an. Der englische Spitzenreiter mit einem ganz starken Kapitän namens Vincent Kompany. Der Bursche hat sich schon gemacht. Kann aber auch nicht verhindern, dass es nach einer Stunde immer noch 0:0 heißt. Nigel de Jong spielt auch mit, hat sich in der siebten Minute bereits Gelb abgeholt –Blutgrätsche. Was mir auffällt: Schon in der Vorwoche taten sich die Spitzenklubs sehr schwer, das setzte ich auch diesmal fort, denn ManU verlor daheim gegen den Tabellenletzten Blackburn 2:3. Und Chelsea verlor zu Hause gegen Aston Villa 1:3. Hat sich mal gelohnt, dieser Ausflug, denn die englische Liga gilt ja bei vielen Experten als die beste der Welt. Aber mich erinnerte das ein wenig an Italien von früher. Und an Riegel-Rudi. Was in England von den „Kleinen“ gemauert (und dann gekontert) wird, das ist sagenhaft. Da stehen zehn Spieler im und am eigenen Strafraum – und es ist schon kurios zu sehen, dass die „Großen“ keine Lücken finden. Das ist wirklich einfallslos, dieses Gekicke, irgendwie hat England nachgelassen. Oder es ist nur eine schlechte Momentaufnahme. Übrigens hat Rafael van der Vaart für Tottenham getroffen, per Seitfallzieher (abgefälscht) zum 1:0 gegen Swansea, Endstand 1:1.

Zum HSV. Am 1. Januar. Da denke ich – wahrscheinlich geht es Euch ebenso – unwillkürlich an die Rückrunde und ganz allgemein an die Zukunft der Raute. Natürlich habe ich Hoffnungen und Wünsche. Der Klub will ja künftig verstärkt auf den eigenen Nachwuchs setzen, weil die Summen, die neue Spieler kosten, bald nicht mehr zu bezahlen sein werden. Deswegen hoffe ich, dass vor allem das Team um Frank Arnesen den Nachwuchsbereich so auf die Beine stellen kann, dass dieses Rezept dann auch funktioniert. Natürlich hat der HSV im Moment eine sehr junge Mannschaft, aber ich wünschte mir schon, dass da mehr Spieler dabei wären, die – wie zum Beispiel Heung Min So und Zhi Gin Lam – aus der eigenen Jugendarbeit kämen. Immerhin aber hat sich das gegenüber der Zeit vor ungefähr zehn, 15 Jahren schon verbessert. Aber es kann eben auch noch viel besser werden, es muss sogar besser werden, wenn der HSV mit diesem Konzept überleben und auch wieder nach oben kommen will.

Dann würde ich mir schon wünschen, wenn die Verantwortlichen das wahr machen würden, was sei vor Beginn der Saison schon verkündeten, nämlich die Zusammenarbeit mit den „Ehemaligen“ intensivieren und verbessern. Manfred Kaltz ist ein solcher Name. Als ich ihn in der Anfangszeit dieser Saison traf, da war er frohen Mutes, dass er in irgendeiner Form „eingebunden“ wird in die HSV-Arbeit. Ist aber bei der Hoffnung geblieben.

Ferner würde ich mir wünschen, dass Uwe Seeler stärker Gehör im Klub findet, und dass mit einem Mann wie Horst Hrubesch, der immerhin schon seit Jahren als DFB-Trainer fast alle deutschen Talente kennen gelernt hat, den aber bis zu dieser Saison niemand einmal um einen Rat (oder um einen Spieler-Tipp) gefragt hat. Jedenfalls kein Hamburger. Was ich für wenig professionell halte – aus HSV-Sicht.

Für das Klub-Leben ganz allgemein würde ich mir wieder mehr miteinander als gegeneinander wünschen, schon allein im Hinblick auf die Jahreshauptversammlung am 15. Januar. Dass es da nicht eskaliert oder auf die Spitze getrieben wird, denn im Moment hat der HSV doch ganz andere Sorgen – sportliche nämlich.

Ganz nebenbei: In der 93. Minute schießt Sunderland das 1:0 gegen Manchester City. Welch ein englisches Wochenende. . .

Zurück zum HSV. Ich wünsche dem Romeo Castelen, dass er es in diesem Jahr schafft, in der Anfangsformation zu stehen. Ich weiß, ein sehr frommer Wunsch, aber ihm würde ich es so sehr gönnen. Und freuen würde ich mich, wenn David Jarolim doch noch in Hamburg bleiben würde, könnte, dürfte. Dass er auf der Abschussliste steht, das soll auch den Hintergrund haben, dass sich der HSV von einem Spieler trennen möchte, der zu den besser verdienenden Profis gehört. Und Geld ist, das wissen wir schon lange, knapp im Klub. Und wenn „Jaro“ dann doch gehen muss (wird), dann fände ich es schon schön, wenn er nach seiner Spielerkarriere wieder zurück zum HSV kommen könnte, um seine Erfahrung an die jungen Spieler zu vererben.

Ich würde mir auch wünschen (und mich freuen, wenn es gelänge), dass der Vertrag mit Gökhan Töre schon jetzt verlängert werden könnte. Ich weiß, so denken nicht alle in Hamburg (Eiche Nogly zum Beispiel), aber für mich ist dieser junge Mann ein riesiges Juwel, den würde ich noch sehr gerne ganz lange in Hamburg sehen wollen. Aber daran wird ja auch schon intensiv gearbeitet – ich drücke Frank Arnesen die Daumen.

Zum Fußball ganz allgemein habe ich mir auch während dieser Winterpause meine Gedanken gemacht. Und, da ich schon ein paar Tage länger auf dieser Welt bin, auch mal verglichen. Fußball damals, Fußball heute. Da hat sich doch sehr, sehr viel verändert.

Das beginnt schon vor dem Spiel – auch das ist oft sehr gut im Fernsehen zu sehen. Bevor die Mannschaften auf den Rasen kommen, begrüßen sich die meisten Spieler schon per Handschlag. Dann die Seitenwahl. Schieds- und Linienrichter bekommen von den Kapitänen die Hände geschüttelt, die Kapitäne begrüßen sich jetzt auch für die Fans im Stadion noch einmal per Handschlag – dann segelt die Münze durch die Luft. Ball oder Seite? Unmittelbar danach geben sich die Herren alle noch einmal die Hände. Absolut hygienisch, zumal dann, wenn sich die Spieler vorher mit Salben ihre Muskeln eingerieben haben . . . Das ist schon alles sensationell. Irgendwann macht aber, so denke ich, mal ein Kapitän schlapp und scheidet schon vor dem Anpfiff wegen des „Dauerschüttelns“ mit einem „Tennisarm“ aus. Wetten, dass . . ?

Was mir auch aufgefallen ist: Beim Anstoß steht oft schon der Spieler, der den Ball nach dem Anstoß in Empfang nimmt, in der gegnerischen Hälfte. Früher haben die Schiedsrichter darauf geachtet, heute nicht mehr. Zudem wird der Anstoß selbst oft falsch ausgeführt – oder ist da etwas an mir vorbeigegangen? Es hieß doch einst, dass der Ball nach vorne gespielt werden muss – das geschieht oftmals nicht mehr, er wird nur quer gespielt. Wie zum Beispiel in der Enjoy-Werbung mit Jürgen Klopp. Hat wohl Schule gemacht.

Kurios ist ja auch jene Anstoßzeremonie, wenn die Mannschaft den Ball immer nur zurückspielt – bis hin zum Torwart. Und der muss die Kugel dann mit einem weiten Schlag möglichst in die gegnerische Hälfte befördern – unkontrolliert. Die Frage, die ich mir stelle: können das die Feldspieler nicht auch? Und sollte diese Frage nicht auch ein Trainer stellen, nämlich an seine Mannschaft?

Früher, ist ja ganz auffällig, wurden ja auch noch falsche Einwürfe (ein Bein in der Luft, Ball mit einer Hand geworfen, und, und, und) abgepfiffen, heute erst, wenn ein Spieler mit der Kugel mit beiden Beinen abhebt wie ein Frosch . . .

Aber das ist ja auch wohl egal, es geht ja in erster Linie um Fußball. Obwohl: Wenn ich teilweise sehe, wie ein Spieler nach dem Schiedsrichter-Pfiff den Ball in die Hände nimmt, um dann mit ihm einige Meter weg zu laufen, dann finde ich das höchst unfair. Der Ball wird dann meistens im hohen Bogen zum „Tatort“ geworfen, Motto: „Jede Sekunde Verzögerung zählt.“ Ich frage mich, warum ein Spieler den Ball überhaupt in die Hände nimmt? Soll er die Kugel doch liegen lassen – so wie beim Handball. Da muss der Ball dort liegengelassen werden, wo das Foul geschah, ansonsten gibt es (wohl) schnell mal eine Zeitstrafe. Im Fußball würde ich dafür Gelb verteilen – und statt dessen auf Gelbe Karten nach dem Torjubel (Sprint zur Fan-Kurve, Trikot über den Kopf ziehen) verzichten. Aber das werden die alten Herren der Fifa wohl kaum für mich ändern, ich weiß, ich weiß.

Dafür sollten sich die Herren – auch die Schiedsrichter – mal überlegen, wie es mit der Nachspielzeit ist. In der Schlussphase dieser Hinserie habe ich einige Live-Spiele im Fernsehen erlebt, die auf die Sekunde pünktlich abgepfiffen wurden – sowohl die erste als auch die zweite Spielhälfte. Und dann erinnere ich mich immer gerne an den 19. Mai 2001. An diesem Tag wurde in Hamburg der Meister der Herzen gekürt – und zwar im fernen Gelsenkirchen. Weil der FC Bayern in der 94. Spielminute im Volkspark noch zum 1:1 gegen den HSV gekommen war. Schiedsrichter Dr. Markus Merk hatte, weil es (wie er später sagte) insgesamt sechs Auswechslungen in der zweiten Halbzeit gegeben hatte. Diese Ein- und Auswechslungen hätten für die lange Nachspielzeit geführt.

Hamburg war es egal, wer Meister wurde – Bayern oder Schalke. Aber in den folgenden Jahren habe ich sehr wohl beobachtet, dass es Spiele mit sechs Ein- und Auswechslungen gab, die pünktlich (oder fast pünktlich) abgepfiffen worden sind. Und da frage ich mich schon: was denn nun? Die Schiedsrichter sprechen immer davon, dass es kein „Fingerspitzengefühl“ im Fußball zu geben hat. Das mag ja sein, aber ist es Mitleid? Oder was ist es, wenn einmal so (lange) verlängert wird, oder einfach – piepe-schnurz-egal – pünktlich abgepfiffen wird? Deshalb mein Vorschlag: Jeder wüsste, ob Spieler, Trainer, Fans und Schiedsrichter: Gibt es sechs Einwechslungen, wird pro Spieler um eine halbe Minute verlängert. Sechs Mal eine halbe Minute, das wären drei Minuten insgesamt. Und dazu käme dann noch die eine oder andere Verzögerung, wenn es die dann gegeben hätte. Auf jeden fall wüssten alle Beteiligten: Hat es hier soundso viele Auswechslungen gegeben, wird soundso lange nachgespielt – und Ende. Dann entscheidet nicht mehr der Zufall, auch nicht das Fingerspitzengefühl, auch nicht die Willkür eines Schiedsrichters. Wäre meines Erachtens mal nachdenkenswert.

Was mir auch ein- und auffiel: Hand hoch – bevor der Eckballschütze schießt. Sehen wir ja immer wieder. Gab es früher nie. Nie! Aber warum heute? Warum hebt der ausführende Eckballschütze den Arm? Achtung, jetzt schieße ich! Oder: Dieser Ball fliegt besonders hoch zur Mitte? Oder ist es auch nur eine Warnung für tieffliegende Vögel? Oder, wie früher bei Mehdi Mahdavikia, eine Entwarnung für Maulwürfe, weil dieser Ball ausnahmsweise nicht flach zur Mitte gedroschen wird? Ich habe noch kein Tor gesehen, dass nach einem Eckstoß erzielt wurde, als der Spieler die Hand anhob. So nach dem Motto: Denen haben wir es aber mal (an-)gezeigt, und trotzdem haben die nichts gemerkt.

Früher hieß es ja auch von so manchem Spieler (und Trainer): „Hätte er den Ball doch nur einfach auf die Tribüne geballert, dann wäre dieses letzte Tor nicht mehr gefallen.“ So hieß es übrigens auch am 19. Mai 2001 als, als es den HSV-Rückpass auf Torwart Matthias Schober gegeben hatte: „Hätte der doch den Ball nur einfach auf die Tribüne gedroschen.“ In diesem Fall hätte es wohl geholfen, ansonsten aber wohl kaum noch, denn heute liegen so viele Bälle draußen bei den Balljungs, so dass es immer gleich weiter geht, ohne darauf zu achten, ob sich da noch eine Kugel auf der Tribüne befindet.

Und was auch weiterhin zunimmt: spucken. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, dass früher so viel gespuckt wird. Ich gehe seit 1959 zum HSV, ich habe Horst Schnoor, Jochen Meinke, Jürgen Werner, Horst Dehn, Uwe Seeler und auch Gert Dörfel nie spucken gesehen. Weil es damals nicht vom Fernsehen entlarvt wurde? Ich glaube nicht. Es war damals einfach nur nicht „angesagt“. Heute rotzen sie alle naselang auf den Rasen und merken nicht, wie ekelhaft es ist. Ist wahrscheinlich auch egal, müssen sich ja Freund und Feind drin herumwälzen . . .

Und noch eines ist mir aufgefallen. Wie oft haben wir von Spielern und Trainern schon folgende Floskel gehört: „Kein Spieler verletzt einen anderen mit Absicht, da gibt es einen Ehrendkodex.“ Natürlich. Der Fall „Jones gegen Reus“ zeigt es doch eindrucksvoll. Niemand will einen anderen absichtlich verletzen. Wer glaubt, dass das ein Einzelfall ist, der glaubt auch daran, dass sechs Ein- und Auswechslungen drei Minuten Nachspielzeit bedeuten – und zwar in jedem Fall.

Was mir, und damit bin ich dann auch am Ende, positiv aufgefallen ist: Bei den Spielen der Dortmunder geht BVB-Trainer Jürgen Klopp meistens sofort auf den Rasen. Einige Mal hat er das schon gemacht, um dem Schiedsrichter-Gespann seine Meinung zu geigen, das ist natürlich nicht gut. Und es ist auch gar nicht gemeint. Vielmehr ist zu beobachten, dass „Kloppo“ nicht nur seinen Spielern die Hände drückt (oder ihnen einen Klaps auf die Schultern gibt), sondern auch den Spielern des Gegners. Das sollte in der Tat Schule machen, denn das halte ich für nachahmenswert – weil es eine schöne sportliche Geste ist. Klopp macht es auch dann, wenn sein Team nicht gewonnen hat. Und er macht es schon seit vielen, vielen Jahren. Erstmalig habe ich es beim Zweitliga-Spiel Mainz 05 gegen St. Pauli beobachten können – und war schon damals fasziniert davon. Für mich heißt das dann: „Jungs, alles in Ordnung, egal was war, wir geben uns die Hand und bleiben Freunde . . .“ Toll. Oder bin ich einfach nur ein unverbesserlicher Romantiker?

Egal, das war es für heute – mal ein etwas anderer „Matz-ab“-Beitrag, aber es ist ja auch ein etwas anderer, außergewöhnlicher Tag, dieser 1. Januar 2012. Dieser Tag soll der Aufbruch zu wieder besseren HSV-Zeiten stehen. Soll. Bleibt nur zu hoffen, dass er das auch sein wird.

19.03 Uhr

Zum Wechsel: Zwei Fragen – zehn Antworten

31. Dezember 2011

Ob es das auch in 50 Jahren noch gibt? Sie sitzen bei jedem Heimspiel auf der Tribüne im Volkspark und verfolgen „ihren“ HSV ganz genau. Sie – das sind die Meisterspieler von 1960. Fast alle der Altmeister sind immer da, wenn es um Bundesliga-Punkte geht. Sie tragen die Raute fest im Herzen, sie sind damals alle Hamburger gewesen, und sie sind es bis heute geblieben. Und sie machen sich natürlich auch ihre Gedanken, warum der HSV so steht, wie er im Moment steht. Und sie machen sich ihre Gedanken, wie es wieder nach oben gehen könnte.
Ich habe Verteidiger Erwin Piechowiak, Rechtsaußen Klaus Neisner, Torwart Horst Schnoor, Mittelläufer und Kapitän Jochen Meinke sowie Linksaußen Gert „Charly“ Dörfel jeweils zwei Fragen zum aktuellen HSV gestellt, und sie haben mit ihren Antworten gezeigt, dass sie immer noch voll auf Ballhöhe sind.

Herr Schnoor, was hat Ihnen in 2011 an Ihrem HSV nicht gefallen?

Horst Schnoor: „Es war uns ja klar, dass es einen Umbruch wird geben müssen, aber dass dieser dann so riesig ausfallen würde, das hat mich doch ein wenig verwundert. In dieser Form war das wohl einzigartig. Wie alle hoffe ich natürlich auch, dass der HSV 2012 nicht absteigen wird. Dass es überhaupt dazu gekommen ist, das ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass es zu lange dieses Chaos um den fehlenden Sportchef gegeben hat. Das war Punkt eins. Punkt zwei war das große Hick-Hack um den designierten Sportchef Urs Siegenthaler. Mein Gott, war das ein großer Zirkus. Und dieses Theater passte nun mal so gar nicht zum HSV, das war einfach unmöglich. Und hat dem Klub zudem viel, viel Geld gekostet. Da ist Geld zum Fenster hinausgeworfen worden, für nichts und wieder nichts – schlicht eine Katastrophe.

Und zudem hatte ich von Trainer Armin Veh immer den Eindruck , dass er gar keine rechte Lust hatte, hier Trainer zu sein. Der wollte, so hatte es den Anschein, immer nur weg. Als dann Michael Oenning kam, da hatte ich die Hoffnung, dass es wieder bergauf gehen würde, aber das hielt nur ein paar Wochen an. Leider.“

Und, Herr Schnoor, gab es denn auch noch etwas Positives, was Sie mit in das neue Jahr nehmen werden?

Horst Schnoor: „Ja, das gibt es. Ich bin doch angetan vom neuen sportlichen Duo Frank Arnesen/Thorsten Fink. Die arbeiten doch sehr vielversprechend miteinander. Arnesen gefällt mir außerordentlich gut, der wirkt auf mich immer freundlich und ruhig, strahlt aber Fußball-Sachverstand aus, und er weiß offenbar was er will. Und Fink ist selbstbewusst und schwungvoll, der packt die Sachen mutig an – der passt sehr gut zum HSV.

Und dann der Jahresabschluss. Mein Gott, wie wäre es gewesen, wenn wir das Pokalspiel in Stuttgart gewonnen hätten – und wir hätten es ja gewinnen müssen. Dieser Sieg hätte dem Verein – nicht nur finanziell – sehr gut getan. Aber immerhin hat die Mannschaft gezeigt, wie gut sie spielen kann, sie war ja die meiste Zeit überlegen, sodass man für das neue Jahr durchaus guter Hoffnung sein kann, dass es wieder in Richtung gesichertes Mittelfeld geht.“

Herr Meinke, was hat Ihnen in 2011 an Ihrem HSV nicht gefallen?

Jochen Meinke: „Die Einstellung einiger Spieler. Das muss ich sagen, die hat mir nicht gefallen. Einige waren mir einfach zu lahm, zu wenig engagiert. Die haben nach dem Motto gespielt: ‚Komm ich nicht heute, dann komm ich eben morgen.’ So geht es nicht. Das war in meinen Augen Lari-Fari-Fußball. Ich war, nach der Entlassung von Armin Veh, auch dafür, dass Michael Oenning eine Chance erhalten sollte, aber als ich dann gesehen habe, dass er gegen Mönchengladbach zu Hause nur eine Spitze aufbietet, da war ich einfach nur bedient und entsetzt. Das geht doch gar nicht.

Als dann Thorsten Fink übernahm, da gab es zwar auch nicht auf Anhieb einen Sieg, es gab daheim nur ein 1:1 gegen Wolfsburg, aber da stand dann doch plötzlich eine ganz andere HSV-Mannschaft auf dem Rasen. Die Spieler haben sich bewegt, die wollten, hatten Biss – es hatte sich über Nacht vieles geändert. Das hat mir gezeigt, dass es doch anders, doch besser geht. Ich frage mich nur, warum ging es nicht schon früher? Jetzt sehe ich eine HSV-Mannschaft, die mit Begeisterung spielt – unter Veh und Oenning habe ich viel zu viele schlechte Spiele gesehen.

Eigentlich habe ich jetzt keine Befürchtungen mehr in Sachen Abstieg, auch wenn der Start 2012 schwer werden wird – aber ich traue dieser Mannschaft durchaus zu, auch gegen Dortmund und in Berlin etwas zu holen.“

Und, Herr Meinke, gab es denn auch noch etwas Positives, was Sie mit in das neue Jahr nehmen werden?

Jochen Meinke: „Ja, die Entwicklung unter Fink, habe ich gerade schon gesagt. Dazu dann auch die neue Ruhe im Verein – diese Entwicklung ist erstaunlich. Ebenso erstaunlich ist für mich, dass ich schon seit Wochen nichts mehr aus dem Aufsichtsrat gehört habe. Was ist da passiert?

Zudem finde ich, dass Carl-Edgar Jarchow einen sehr guten Job macht. Er wird natürlich auch gut unterstützt von Frank Arnesen und Thorsten Fink. Die Entwicklung der letzten Monate zeigt mir insgesamt, dass der HSV wieder auf dem richtigen Weg ist – bis auf die Ergebnisse. Da waren natürlich einige überlegen geführte Spiele dabei, in denen wir große und tolle Torchancen hatten, die mussten ganz einfach gewonnen werden. Immerhin aber haben wir gezeigt, dass wir wieder Fußball spielen können.“

Herr Piechowiak, was hat Ihnen in 2011 an Ihrem HSV nicht gefallen?

Erwin Piechowiak: „Dieses lange Theater um Bernd Hoffmann. Dadurch ist eine enorme Unruhe in den Verein gekommen, die den gesamten Klub zu lange beschäftigt hat. Es gab in der Klub-Führung zu viele selbstherrliche Entscheidungen, und da muss ich auch dem Aufsichtsrat eine Mitschuld geben, denn er hat das alles mitgetragen oder abgesegnet. Zum Beispiel der Sturz von Dietmar Beiersdorfer. Der Sportchef hatte ja gut mit Hoffmann zusammengearbeitet, und als der Boss dann zu viel Einfluss wollte, da hat Beiersdorfer Hilfe beim Aufsichtsrat gesucht, doch der ließ ihn eiskalt abblitzen. Die haben ihn hängen lassen, einfach hängen lassen. Ich weiß, dass das schon lange her ist, aber es hat sich auch immer noch, bis in dieses Jahr hinein, ausgewirkt.
Im Aufsichtsrat sitzen Männer, die dort nach dem Motto mitmachen: ‚Mehr Schein als sein.’ Da sind mir zu viele Eitelkeiten im Spiel, das passt nicht zum HSV.

Dann auch diese ständigen Trainerwechsel, die haben sich auch ganz sicher auf die Leistungen der Mannschaft niedergeschlagen. Der Umbruch musste sein, keine Frage, aber er ist mir ein wenig zu groß geworden. Ich habe, muss ich außerdem gestehen, meine Zweifel an Mladen Petric. Ich habe ihn nicht gesehen, als die Mannschaft schlecht spielt, da hätte er mal Verantwortung übernehmen können, ja sogar müssen. Das erwarte ich von einem Führungsspieler ganz einfach. Oder sollen das die jungen Leute machen? Mir war Petric auch in einigen Spielen zu faul. Und wo ich gerade dabei bin: Marcell Jansen wird überschätzt, oder er überschätzt sich selbst. Der kann doch mehr, als er zuletzt gezeigt hat. Da ist noch jede Menge Luft nach oben. Auch auf der Sechser-Position hat mich bislang keiner überzeugt, weder Gojko Kacar noch Robert Tesche. Schade ist es um Jarolim, aber er hat natürlich auch oft genug keinen ganz klaren Ball nach vorne gespielt.

Auch von Dennis Aogo erwarte ich mehr. Der hat zwar eine positive Ausstrahlung, keine Frage, aber erst aktueller deutscher Nationalspieler, da muss schon noch etwas mehr kommen.

Und, Herr Piechowiak, gab es denn auch noch etwas Positives, was Sie mit in das neue
Jahr nehmen werden?

Erwin Piechowiak: „Ja, gibt es. Mir gefällt Frank Arnesen, der hat eine positive Ausstrahlung, der ist null überheblich, der strahlt nur Positives aus, der Däne ist ein ganz großer Gewinn für den HSV. Endlich haben wir auf dieser Position Ruhe. Und im Zusammenspiel haben Carl-Edgar Jarchow und Arnesen auch Ruhe in den gesamten Verein gebracht. Sie setzen, ich beziehe da auch den Trainer mit ein, positive Signale nach aus. Zu den Fans, zu den anderen Bundesliga-Klubs, zu allen. Diese drei Herren sind meine Hoffnungsträger.

Thorsten Fink vermittelt mir den Eindruck, dass er sehr harmonisch mit der Mannschaft umgeht, dass er und das Team eine Einheit sind. Das passt, weil er auch weiß, dass er trotzdem immer wieder Leistungen sehen will, sehen muss. Ich glaube, dass der HSV am Saisonende einen guten Mittelfeldplatz belegen wird. Trotz des schwierigen Starts, den wir 2012 haben werden. Aber letztlich sind jetzt alle Spieler wieder stabiler geworden. Wenn ich so an Jaroslav Drobny erinnern darf, dieser arme Kerl. Der spielet ja zunächst hinter einer Abwehr, die keine Abwehr war. Das war ja der reinste Schweizer Käse, Loch an Loch. Jetzt sind alle besser geworden – und Drobny auch.

Zudem muss ich die jungen Leute mal loben. Jeffrey Bruma und Gökhan Töre, die gefallen mir sehr. Und Tomas Rincon ohnehin, den fand ich früher schon gut, weil der so schön bissig und giftig war. Nur dass er jetzt den Spielmacher macht, das gefällt mir nicht so gut – aber auf dieser Position hat der HSV ja ohnehin Schwierigkeiten, ein solcher Mann fehlt. Rincon kann das nicht.“

Herr Neisner, was hat Ihnen in 2011 an Ihrem HSV nicht gefallen?

Klaus Neisner: „Die Spieler, das habe ich von Anfang an moniert, laufen mir zu wenig, und es wurde mir auch zu wenig Fußball gespielt. Die vielen langen Bälle, die einfach planlos nach vorne gedroschen werden, die kommen doch immer gleich wieder zurück in die Hälfte des HSV. Das verstehe ich nicht, so sieht doch kein erfolgreicher Fußball aus.
Was mir ebenso nicht gefiel: Es wurde mir viel zu früh in dieser Saison von Abstieg gesprochen. Was sollte das? Man kann doch in Dortmund und in München verlieren, was hat das mit Abstieg zu tun? Das verunsichert nur eine Mannschaft, die Spieler begehen individuelle Fehler – und genau das haben wir dann auch gesehen. In den Spielen gegen Hertha und Köln waren schon einige Klopse dabei, die sonst nicht zu sehen gewesen wären – wahrscheinlich jedenfalls. Und wenn der HSV zum Beispiel diese beiden Spiele gewonnen hätte, dann stünde er wesentlich besser in der Tabelle – und seinerzeit hätte niemand vom Abstieg erzählt.“

Und, Herr Neisner, gab es denn auch noch etwas Positives, was Sie mit in das neue Jahr nehmen werden?

Klaus Neisner: „Thorsten Fink hat der Mannschaft schnell Selbstvertrauen eingeimpft. Das war wichtig und gut. Wir kennen das doch alle die Situation, wenn es mal schlecht läuft. Dann will doch kaum einer den Ball haben, das wird dann ein Versteckspiel. Nach dem Motto: ‚Kamerad, mach du den Fehler – ich mache ihn liebe nicht.’ Das aber ist jetzt deutlich besser geworden, es wird von einigen Spielern jetzt deutlich mehr Verantwortung übernommen. Das war in Hannover so gut zu sehen, da hat der HSV sehr gut gespielt, ist nur durch ein Jahrhundert-Tor um den Sieg gebracht worden. Und auch in Stuttgart war das Spiel sehr gut, dass wir da nicht gewonnen haben, das tat sehr weh.

Viel wird nun vom Start in die Rückrunde abhängen Drei Klatschen zu Beginn wären nicht so sehr hilfreich, aber daran glaube ich auch nicht. Ich habe sogar eine Wette laufen, dass der HSV am Ende noch einen Platz in der Europa League innehaben wird. Das sind doch nur acht Punkte, die uns bis dahin fehlen . . .“

Herr Dörfel, was hat Ihnen in 2011 an Ihrem HSV nicht gefallen?

Gert Dörfel: „Viele Köche verderben den Brei, sagt man ja, und das war beim HSV auch so. Mir ist das ein wenig zu viel Vettern-Wirtschaft, deswegen ist der Klub nie auf einen Nenner gekommen. Die vielen Aufsichtsräte haben dem HSV nicht gut getan, der Klub wurde früher mit weniger Leuten geführt – aber besser. Einst mit den Brüdern Mahlmann und Mechelen, später mit Klein, Happel, Netzer. Jetzt ist der HSV zuletzt nach unten durchgestartet, und zwar mit allen Facetten – und dabei haben alle von ganz oben geträumt. So waren ja auch die Ziele ausgegeben worden. Da waren aber zu viele Leute am Werk, die im Fußball eigentlich nichts zu suchen haben. Weil sie ganz einfach keine Ahnung davon haben. Und die, die Ahnung im Verein haben und hätten, die werden seit Jahren untergebuttert. Das ist schlechter Stil. Erfahrene Leute wie Seeler, Meinke oder auch Schnoor, auf die hätte man besser mal hören sollen, oder solche Leute wie Magath und Nogly, die wüssten wie es geht, werden aber nicht gehört, weil sich andere mit ihren Eitelkeiten stets durchgesetzt haben.

Und sportlich muss ich dem HSV vorwerfen, dass er im Mittelfeld einfach zu schlecht aufgestellt ist. Daran vor allem krankt das Spiel – schon viel zu lange. Ich finde ja auch, dass gute Leute wie zuletzt van der Vaart zu schnell verkauft werden. Und früher auch schon: Mussten so gute Leute wie von Heesen, Bein, Doll und viele andere wirklich immer verkauft werden? Das war tödlich.

Und, Herr Dörfel, gab es denn auch noch etwas Positives, was Sie mit in das neue Jahr nehmen werden?

Gert Dörfel: „Das Trio Jarchow, Fink und Arnesen finde ich gut, dieses Dreieck funktioniert offenbar. Ich glaube zwar nicht daran, dass diese Herren noch die ganz große Sause im Jahr 2012 starten werden, aber der HSV wird wohl auf einem gesicherten Mittelfeldplatz enden. Fink versucht ja emsig, wieder eine Linie in den Laden zu bekommen, und es ist ja auch Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Ein, zwei Leute aus dieser Mannschaft sind ja auch recht ordentlich, ich finde den Gökhan Töre zum Beispiel gut, der hat gute Ansätze.

Aber der beste Mann steht für mich ja zwischen den Pfosten: Jaroslav Drobny. Der kam zurück wie Phönix aus der Asche. Zu Beginn hatte er sich von seiner schlechten Abwehr anstecken lassen, und zwar vom allgemeinen Abwärtstrend im HSV. Jetzt aber ist Drobny ganz groß, und ich drücke ihm die Daumen, dass er auch 2012 seine überragende Form bestätigen kann.“

So,
Prost Neujahr!

Es kamen noch einige Beiträge von Euch, und das ist auch gut so. Vielen Dank für Eure Treue und Mitarbeit. Drei Sachen hat das Moderatoren-Team noch einmal herausgepickt:

Von „altona”:

@Dieter und Scholle !

Ich wünsche Euch beiden einen guten Rutsch und einen erfolgreichen Start ins neue Jahr. Ich persönlich wünsche mir genau so viel Aktualität für 2012
wie bisher, viel besser geht’s nicht. An den Inhalten scheiden sich bekanntlich die Geister. Das ist gut so und muss auch so bleiben. Ihr werdet es
nicht schaffen, es allen Recht zu machen. Mögen sich auch im kommenden Jahr 2012 möglichst viele Fans und Leser an Euren Beiträgen reiben und diese
durch kluge und witzige Kommentare bereichern. Immer wieder werden ja auch aus dem Leserkreis News gepostet, die – weil gerade frisch im Internet
gefunden – zuerst nur hier und nirgendwo anders zu finden sind. Dies ist ein Zeichen großer Akzeptanz und sicher auch ein Alleinstellungsmerkmal des
Matz-Ab-Blogs. Bitte behaltet auch Eure “Dickfelligkeit” bei, die ihr Euch in den letzten Monaten erarbeitet habt, denn nichts wäre schlimmer, als
wenn ihr in Euren Beiträgen Stellung zu Kommentaren einiger Leser beziehen würdet, in denen den Verfassern mehrfach der Finger auf der Tastatur
verrutscht ist. Nimmt es mit Humor, hier hilft manchmal auch ein wenig Lockerheit und Toleranz, manche Auswüchse der Verbitterung zu ertragen. Bitte
bewahrt Euch – wie bisher auch – eine gewisse Neutralität und Objektivität und lasst Euch auch in 2012 nicht vor den Karren Einzelner, insbesondere
aus dem Kreis der “Zwölf” zur Durchsetzung ihrer Einzelinteressen spannen. Was wäre die HSV-Welt ohne Euch? Der Blog hat sich seit seinem Bestehen zu
einer festen Instanz des HSV etabliert und gäbe es ihn nicht, bestünde so eine Art Vakuum und man müsste ihn schnellstens erfinden. In diesem Sinne –
macht weiter so, herzliche Neujahrsgrüße auch an das “Moderatorenteam”.

Und dann zum Jahreswechsel noch etwas zum Schmunzeln:

von „Bernado Romeo MS“:

„tja Dieter; mit Troche ist es doch so, wie bei vielen anderen: Nicht konstant genug!!!!!!! Da jagt man solche halt schnell vom Hof. Nicht zu vergessen
sein 2:2 aus leicht abseitsverdächtigter Position, welches uns zur Teilnahme am internationalen Wettbewerb berechtigte…leider aber zu wenig von
solchen Aktionen. Spielte selten durch bei diversen Trainern. Das sagts doch.“

Darauf „Eiches“ Antwort:

Bernado Du Lappen;-)
1. Nicht schnell vom Hof, sondern nach 6 Jahren!
2. Nicht 2:2, sondern 2:3
3. Nicht abseitsverdächtig, sondern total und absolut Abseits!
.
Weitere Fragen? Keine?
.
Guten Rutsch und Gruß an die Holde daheim.

Dem kann ich mich nur anschließen. Nicht dem Lappen, sondern den Gruß an alle „Matz-abber“ und den guten Rutsch. „Scholle“ hat mich angerufen und ausdrücklich darum gebeten, auch in seinem Namen ein herzliches Dankeschön an alles auszurichten, und gleichzeitig alles Gute für 2012 zu wünschen.
Beide tun wird das jetzt. Es war ein turbulentes Jahr, für den HSV, für Euch, für uns. Es ging teilweise drunter und drüber, nicht immer wurde guter oder bester Fußball geboten, nicht immer wurde hier der beste Ton getroffen.
Nun ist 2011 gelaufen, und wir bedanken uns trotz allem recht herzlich. Weil es hier so viele gute Menschen gibt, die diesen Laden auch mit Menschlichkeit unterstützen, ihn damit auch am Leben erhalten.
Danke, danke, danke dafür. Ich weiß, wir wissen es, zu schätzen.

Feiert schön, treibt es nicht zu bunt (Alkohol!) – und dann auf ein Neues in 2012. Ich hoffe mit Euch, dass es mit dem HSV wieder (oder weiter) bergauf gehen wird – und dass auch „Matz ab“ weiterhin bestehen bleibt und von Euch weiter so gut angenommen wird.
Wir, „Scholle“ und ich, werden unser Bestes geben.

Darauf trinken wir. Einen!

Prost Neujahr!

16.09 Uhr

Die Sache mit Skoblar und Pralija

11. Juni 2011

Alles im Fluss, aber nichts ist entschieden. Und so wie es aussieht, wird davon auch Pfingsten nichts. Mit Jeffrey Bruma gibt es Gespräche, aber unterschriftreif ist ganz offenbar noch ist nichts. Ähnlich sieht es mit David Rozehnal aus, der vom französischen Doppelmeister Lille gekauft werden soll. Nebenbei? Wer hätte das gedacht? Und wer hätte dem Tschechen denn eine solche Karriere zugetraut? Und, was ich mich frage: Was läuft da falsch? Der französische Meister holt mit David Rozehnal zwei „Pötte“, aber für den HSV war der Abwehrspieler zu schlecht? Da stimmt doch etwas nicht. Aber gut, darüber werden sich andere Herren Gedanken machen müssen.

Und noch eine Nachricht gibt es vom HSV: Der Meisterspieler von 1960, Gerhard Krug, der seit Wochen schwer erkrankt ist, legte seine Aufsichtsratsmitgliedschaft nieder. Es gibt im Moment also nur elf Räte. Die HSV-Senioren werden demnächst eine Wahl vornehmen – und den Gewinner dann neu in den Aufsichtsrat entsenden.

So, und wo ich gerade beim Aufsichtsrat bin: Jürgen Hunke hatte vor einigen Tagen eine schwere Operation zu überstehen, heute geht es ihm aber schon wieder den Umständen entsprechend gut. Im Krankenhaus, so sagte mir der ehemalige HSV-Präsident, hat er sich ausführliche Gedanken über den HSV gemacht. Viele wissen es, er weiß es auch, dass nämlich die Zeiten für den Klub schwieriger werden. Und genau deswegen haben wir uns auch an diesem Tag über ein besonderes Thema unterhalten. Zensur im Blog. In allen Blogs.
Jürgen Hunke sagt: „Ich bin gegen Zensur, aber ich bin auch gegen jegliche Denunzierungen, Diffamierungen und gegen jegliche Unwahrheiten. Wir sollten alle aber im Interesse des HSV sportlich-fair miteinander umgehen, deshalb reich ich jedem die Hand – weil es nur gemeinsam geht, den HSV wieder in die Spur zu bringen.“

Insider wissen es: Jürgen Hunke hatte im „Matz-ab-“Blog seinen Namen sperren lassen, weil oftmals Unwahrheiten über ihn verbreitet worden waren (er hat intern mit Eidesstattlichen Versicherungen reagiert, einige seiner Gegner wissen es!). Nun aber sagt Hunke, dass diese Sperre aufgehoben werden soll, weil er – wie gesagt – gegen eine Zensur ist. Und für eine gemeinsames Miteinander zum Wohle des Vereins.

Dazu muss ich zwei Dinge anführen: Die Sperre wird aus technischen Gründen erst nach Pfingsten aufgehoben werden können. Und zweitens: Ich weiß natürlich, dass sich nun gleich einige Hunke-Gegner wieder aufgerufen fühlen, gegen ihr „Feindbild“ zu wettern, zu schreiben, zu schimpfen, Dampf abzulassen. Diejenigen möchte ich aber bitten, ein wenig zurückhaltender damit zu sein, denn Hunke hat sich im Krankenbett dazu entschlossen, allen HSVern seine Hand zu reichen. Weil er möchte, dass nun alle gemeinsam an einer erfolgreichen Zukunft des HSV arbeiten sollten.
Das sollten, so meine ich, auch die Hunke-Feinde respektieren. Und vielleicht ist es ja auch möglich. Vielleicht. Und ich bitte darum.

So, nun zu einem „Trainer-Nähkästchen“. Ich bin zuletzt bis Ernst Happel gekommen, heute ist sein Nachfolger Josip Skoblar dran. Kein ruhmreiches Kapitel der HSV-Vereinsgeschichte. Als Happel 1987 gegangen war, wollte Dr. Wolfgang Klein, der damalige HSV-Präsident, unbedingt einen klangvollen, internationalen und großen Namen. Er kam auf Skoblar. Ich weiß noch genau, was in jener Zeit in unserer Redaktion los war. Auf dunklen Pfaden hatte ein Kollege herausbekommen, dass Dr. Klein in einem kleinen Privat-Jet ins Ausland fliegen würden. Es ging nach Split. Im Flieger (getrennt) hinter ihm her – und irgendwie früher da: Bild und Abendblatt.

Mein Kollege Rainer Grünberg sprach als erster Hamburger Journalist mit dem künftigen Trainer, dieses Interview wurde auch veröffentlicht, obwohl es von Seiten des HSV verhindert werden sollte. Alles sollte noch geheim bleiben. Aber da die Bild auch vor Ort war, gingen beide Geschichten so raus. War ja auch nicht schlimm, denn Skoblar war es nicht nur, Skoblar wurde es ja auch.

Ein Fehler. Denn der Coach holte Torwart Mladen Pralija nach Hamburg. Ein noch größerer Fehler. Ich weiß es noch wie heute: Erstes Training in Ochsenzoll von Pralija. Ich dachte ich träume. Der Keeper fing fast keinen Ball. Er hatte eine seltsame Technik: Er hielt die Hände immer so fünf Zentimeter vor (!) seiner Brust, wollte so jeden noch so harten Schuss fangen – was natürlich schiefging. Schiefgehen musste. Jeder zweite Ball flutschte durch die Hände, prallte gegen die Brust des Torhüters – und von dort den Stürmern wieder vor die Füße . . .

Als ich das sah, flitzte ich aufgebracht zum damaligen Jugendleiter des HSV, Jochen Meinke (Kapitän von 1960). Der saß in seinem Arbeitszimmer und ich sagte ihm – unvergessen: „Herr Meinke, so einen Torwart haben Sie noch nie gesehen. Den müssen sie sich mal ansehen – das ist unglaublich, ein echter Fliegenfänger . . .“ Das bewahrheitete sich ja auch dann auf grausame Art und Weise.

Ich war schon damals mit Felix Magath, dem HSV-Manager, befreundet, fragte ihn: „Felix, wieso kannst du das mitansehen, dass der Trainer einen solchen schlechten Torwart verpflichtet?“ Magaths Antwort: „Wenn Skoblar mir sagt, dass das der beste Mann ist, den er sich vorstellen kann, dann muss ich ihm vertrauen. Oder ich muss den Trainer gleich wieder entlassen. Ich habe ihm vertraut.“ Und Felix Magath lag damit daneben. Aber das konnte er wirklich nicht ahnen . . .

Ich habe Skoblar von seinem ersten Tag an beim HSV kennen gelernt. Ein netter Kerl. Nett, höflich, still, zurückhaltend – irgendwie ein Typ graue Maus. Er bekam kaum einmal seinen Mund auf. Und er gestattete den Spielern beim Essen das Rotwein-Trinken. Das war schon eine große Überraschung. Und ich hatte mein persönliches Aha-Erlebnis mit Skoblar beim Vorbereitungsturnier in Marseille. Er hatte sich dort im Mannschaftshotel mit einem Freund getroffen, ein französischer Profi-Fußballer aus Nizza – der gleichzeitig auch ein alter Jugendfreund von mir war. Ja, so klein ist die Welt, stimmt aber.

Als wir vor der Abfahrt zum ersten Spiel des Turniers (es ging gegen den FC Santos – 0:1 verloren) vor dem Bus standen, befahl uns Skoblar: „Einsteigen!“ Einsteigen? Das war schon lange kein Thema für uns Journalisten. Wir durften gar nicht mit in den Mannschaftsbus. Skoblar aber wurde eindringlicher und lauter: „Du steigst jetzt mit ein.“ Ich stieg natürlich nicht – mein (und sein) Freund schon. Und Skoblar war sauer auf mich, weil ich ihm einfach nicht gehorchen wollte.

Das mit dem Gehorchen war dann auch während des Turniers ein großes Thema. Es ging um Thomas von Heesen. Im System von Josip Skoblar sollte er Linksdraußen spielen. Das sah sich von Heesen einmal an, aber kein zweites Mal. Im Spiel gegen Toulon (2:2) begehrte der gute „Tommy“ auf, er wollte zur Pause ausgewechselt werden, so er denn weiter „links draußen“ spielen sollte. Es wurde laut in der Kabine, und es wurde hektisch. Die Stimmung, das ist nicht übertrieben, war total im Eimer.

Und es kam noch schlimmer. Die große deutsche Sonntags-Zeitung schrieb auf der Seite eins (riesig): „Meuterei beim HSV!“ Das lasen die HSV-Jungs bei der Zwischenlandung in Paris – und waren total sauer. Sauer deswegen, weil es offenbar einen „Verräter“ gegeben hatte, denn die so genannte „Meuterei“ hatte sich ja lediglich in der von innen abgeschlossenen Kabine abgespielt. Der Verräter wurde nie entlarvt, aber von Heesen musste fortan nie wieder Linksaußen spielen – und Josip Skoblar war schon vor der Saison auf eine kuriose Art „enteiert“ worden. So kann es gehen.

Josip Skoblar bekam nie ein Bein (in Hamburg) an den Boden, er musste scheitern – nicht nur wegen des Flops Pralija. Skoblar war einfach zu nett, zu unentschlossen, zu lieb, zu menschlich – und Härte schien ihm ein absolutes Fremdwort zu sein. Daran ist er letztlich früh gescheitert. Als der HSV am 7. November 1987 mit 0:2 verloren hatte, zog die HSV-Führung die Reißleine und befahl das jähe Ende des Skoblar-Gastspiels in Hamburg.

Über die Nachfolge werde ich beim nächsten Mal berichten.

Jetzt folgt, Ihr müsst ganz tapfer sein, das ausführliche Abendblatt-Interview, das mein Kollege Alexander Laux und ich mit Uwe Seeler und Carl-Edgar Jarchow geführt haben. Ich weiß sehr wohl, dass es schon viele „Matz-abber“ gibt, die dieses Gespräch schon in der Zeitung gelesen haben, aber es gibt sicher auch etliche User, die diese Möglichkeit noch nicht hatten. Und da die Redaktions-Leitung darum gebeten hat, hier dieses Doppel-Interview zu veröffentlichen, komme ich dieser Bitte selbstverständlich nach.
Es geht mir dabei nicht um irgendwelche Platzfüll-Arbeiten, sondern nur darum, der Bitte zu entsprechen – also nicht ausflippen bitte (gilt für die, die schon alles wissen).

Es geht los:

Abendblatt: Herr Jarchow, Herr Seeler, wie lange kennen Sie sich?

Carl-Edgar Jarchow: Ich kenne ihn natürlich länger als er mich.

Er war ihr Idol, sagt man.

Jarchow: Ohne Uwe wäre ich glaube ich nicht zum Fußball und zum HSV gekommen. Meine beiden älteren Brüder haben mich früh mit zum HSV genommen, da war ich sechs oder sieben Jahre alt. Damals gab es für uns in Hamburg doch nur einen: Uwe Seeler. Und mein großer Traum war, ein Autogramm von ihm zu bekommen. Da mein Vater gute Beziehungen zur Holsten-Brauerei hatte, brachte er mir zu Weihnachten einen Ball mit Uwes Unterschrift.

Wo ist der heute?

Jarchow: Den Ball haben wir natürlich jahrelang nicht benutzt, bis es eines Tages dann doch eng wurde. Uwe, leider habe ich den Ball heute nicht mehr . . .

Uwe Seeler (lacht): Mein Vadder hatte auch beste Verbindungen zur Holsten-Brauerei. Von denen hat er zum Schluss jede Woche einen Kasten Bier gratis nach Hause geliefert bekommen…

Jarchow: Persönlich kennengelernt haben wir uns 1973, da gab es die erste Trikot-Werbung beim HSV. Das war Campari, dafür hatte mein Vater gesorgt, er hatte damals auch die Mannschaft zum Essen eingeladen – und Uwe war dabei. Er wird es nicht mehr erinnern, aber für mich war das ein großer Moment.

Seeler: Zu der Zeit hatte der HSV viele junge Küken. Und Willi Schulz, der den Laden geführt hat. Damals war der HSV schon auf dem aufsteigenden Ast mit vielen jungen Leuten wie Kaltz, Kargus oder Hidien.

Jarchow: Das ist genau jene Phase, die wir heute wieder brauchen. Mit jungen Leuten einen neuen Start wagen. Das ist ein gutes Beispiel, denn damals klappte das ja ganz hervorragend.
Damals gab es aber auch einen Talentspäher namens Gerhard Heid, der offenbar einen guten Blick für Talente hatte.

Seeler: Genau. Wie man ja weiß, sind die meisten durchgekommen. Obwohl man das am Anfang nicht wissen konnte. Die Jungs brauchten schon ihre Zeit.

Ist das mit der heutigen Zeit vergleichbar?

Seeler: Das werde ich in diesen Tagen immer wieder gefragt, und ich sage immer, dass es der HSV für meine Begriffe genau richtig macht. Es ist ein Neuaufbau erforderlich. Nur: Es ist unheimlich schwierig, genau die richtige Mischung für eine neue Mannschaft zu finden, denn es besteht ja auch die Gefahr, dass es einen Rückschlag geben kann. Gerade die letzte Saison hat uns ja gezeigt, wie gefährlich das ist, wie schnell man da unten reinrutschen kann.

Jarchow: Das ist nicht ohne Risiko, keine Frage.

Was hat dem HSV denn vor allem zuletzt gefehlt, was muss dringend rein in die neue Mannschaft?

Seeler: Das war ja keine Mannschaft, das ist eigentlich der Hauptgrund. Mehr braucht man eigentlich nicht zu sagen.

Jarchow: Die Struktur fehlte.

Seeler: Man hat immer wieder geglaubt, dass sich die Spieler mal zusammenraufen. Aber das passierte nicht. Es gab nie Kontinuität in der sportlichen Leistung, die Mischung stimmt nicht. Diese braucht man aber, wenn man Erfolge haben will. Das wird auch noch in 50 oder 100 Jahren so sein. Das beste Beispiel ist doch der FC Barcelona. Die spielen nicht nur Traumfußball, da steht eine Mannschaft auf dem Platz, jeder weiß, was der Nebenmann macht, da läuft einer für den anderen. Da ist das Spiel ohne Ball perfekt.

Jarchow: Und da versteht sich jeder blind. Und das auch im Champions-League-Endspielgegen Manchester United, das ist ja wahrlich keine Dorf-Mannschaft.

Hat dieses Konzept Vorbildcharakter?

Jarchow: Das ganze Konzept des FC Barcelona basiert ja auch darauf, dass sie erst einmal eine gute Jugendarbeit haben, denn es kommen ja eine Menge talentierte Spieler nach oben, die früh langfristig an den Klub gebunden werden. Das haben wir in den vergangenen Jahren vernachlässigt bei uns.

Seit Jahrzehnten.

Jarchow: Man könnte auch Jahrzehnte sagen. Und dazu gehört auch, dass ein Spielsystem von oben bis nach ganz unten gespielt wird. Dass dementsprechend auch trainiert wird, bis hin zur letzten Jugend-Mannschaft. Wer dann oben ankommt, weiß ganz genau, was dort gespielt wird, was er zu tun hat.

Beim FC Barcelona spielen aber auch viele Spanier, oder auch viele spanisch sprechende Spieler. Der HSV geht gerade einen anderen Weg, es kamen gerade viele Spieler aus England.

Jarchow: Das stimmt. Die Neuzugänge deuten nicht darauf hin, dass wir auf elf deutsche Spieler in der Mannschaft aus sind, aber das werden wir auch nicht von heute auf morgen hinkriegen.

Seeler: Wenn ich eine Mannschaft habe, dann habe ich eine Mannschaft, egal wer dort in der Mannschaft steht. Es ist alles eine Einstellungsfrage.

Jarchow: Dortmund hat uns das ja auch gezeigt, und die haben durchaus auch unterschiedliche Nationalitäten.

Seeler: Nehmen Sie noch Mainz dazu. Unser Potenzial war doch weitaus höher anzusiedeln, aber bei diesen Mannschaften wurde marschiert und marschiert. Und das kann man nur, wenn man eine intakte Einheit auf dem Platz hat. Auch in der Mannschaft, die dahinter steht. Man muss miteinander, nicht gegeneinander a

Jarchow: Man kann nicht alle elf Monate den Trainer wechseln, Kontinuität muss schonsein.

Seeler: Völlig richtig.

Wieso kommt denn aber beim HSV kaum einer mal aus der Jungend nach oben?

Seeler: Dazu sage ich lieber nichts. Das bespreche ich mit dem Herrn Jarchow in einem kleinen Raum mal unter vier Augen . . . Ich hoffe aber, dass er es schon weiß, was da draußen passiert und was da los ist.

Aber Sie würden schon sagen, dass da noch Luft nach oben ist.

Seeler: Das würde ich unterschreiben.

Jarchow: Auch in diesem Bereich hat die Kontinuität gefehlt, die man zwingend benötigt. Wir aber haben dort im Jahresrhythmus die Leitung gewechselt, ein Konzept fehlte.

Seeler: Gut ist ja, dass wir zurzeit ja in Deutschland wieder viele gute junge Spieler haben, das muss man nutzen. Ich bin ja ein Verfechter des Handelns. Man lernt Fußball nicht vom Reden, sondern auf dem Platz.. Man muss in guten Trainern investieren, gerade in Jugendliche.

Jarchow: Eines der Grundprobleme in Ochsenzoll.

Seeler: Ich sag’ jetzt fast schon wieder zu viel, aber mit diesen Computern habe ich ein Problem. Fußball lernt man auf dem Platz, da erlernt man das Zweikampfverhalten, da erlernt man die Torschüsse und Kopfbälle. Wenn ich an meine Zeit als kleiner Bengel bei Dettmar Cramer denke. Der hat mir gezeigt, wie man einen sauberen Pass spielt. Wenn die bei Barcelona einen hätten, der nur verquatschte Pässe spielt, würde das Spiel auch leiden. Aber die spielen alle sauber, so dass der Mitspieler notfalls auch direkt weiter spielen kann. Angeschnittene Bälle? Fehlanzeige. Das ist das Geheimnis. Aber jetzt guckt nur mal, wo unsere Jugendlichen stehen . . . Mehr möchte ich zu diesem Thema nicht sagen.

Wie stellen Sie sich den HSV in zwei, drei Jahren vor?

Jarchow: Ich wünsche mir ein strukturiertes Konzept, von der Jugendarbeit bis hin zur Bundesliga. Mit einer Philosophie, einer Abstimmung untereinander. Da muss Hand in Hand gearbeitet werden. Und mittelfristig muss der HSV immer auf einem Champions-League-Platz stehen. Das Potenzial dafür haben wir, die Stadt dafür haben wir, wir haben doch alle Möglichkeiten. Wir haben sie nur in den letzten Jahren nicht genutzt.

Das Potenzial hat der HSV?

Jarchow: Als Region, als Stadt, als Wirtschaftskraft, als Stadion – vom ganzen Umfeld her. Von der Mannschaft her natürlich im Moment nicht. Aber wir müssen jetzt eine Mannschaft formen, die dort hinkommt. Als Uwe damals aufhörte, als die jungen Leute kamen, haben wir es doch auch geschafft. Mit einem Horst Heese als Retter vor dem Abstieg.

Seeler: Der hat für die bisschen weicheren Spieler die nötige Luft geschaffen.. Er hat uns geholfen, konnte die Mannschaft puschen.

Stichwort Hilfe. Beim HSV hat Kapitän Heiko Westermann angeprangert, dass niemand dem Nebenmann hilft. Ist in
Wahrheit der moderne Fußball Marke Barcelona nichts weiter als das Betonen der alten Tugenden?

Jarchow: Der Fußball hat sich ein bisschen weiterentwickelt, aber die Grundtugenden haben sich ja nicht verändert.

Seeler: Nee.

Jarchow: Tempo und Laufleistung haben sich schon verändert. Wir haben einen Vergleich mit Dortmund vorgenommen: Was laufen wir, was der BVB? Das ist schon enorm, was die körperlich leisten.

Seeler: Die Laufbereitschaft, in jeder Mannschaft müssen alle mitmachen. Auch so ein alter Spruch, der noch in 50 Jahren Gültigkeit haben wird. Lass’ es schneller geworden sein, aber die Grundprinzipien bleiben! Du musst eine Mannschaft sein, jeder muss für jeden bereit sein zu laufen, ohne Ball muss sich bewegt werden. Ja, und dann geht die Post ab. Achten Sie mal darauf bei Spielen: Wenn Bewegung in der Mannschaft ist, läuft das Spiel auch gut. Wenn aber zwei, drei schon nicht mehr mitmachen, dann läuft das nicht. Ich schaue doch auch, ob mein Mitspieler mal einen schlechten Tag erwischt hat oder er tut sich schwer, dann muss ich ihm helfen.

Jarchow: Dann musst du als Mannschaft funktionieren, das hat Heiko (Westermann, d. Red) ja gesagt damals. Er kommt rein in die Truppe, da arbeitet keiner zusammen, du kannst nicht mal abends zusammen weggehen.

Ist das nicht aber auch eine Frage der Führung, der Arbeit des Trainers? Muss ein Klub nicht mehr Geduld mitbringen?

Seeler: Da sind wir doch einer Meinung, oder? Das, was bei uns beim HSV in den vergangenen acht Jahren passiert ist, ist eine Katastrophe

Jarchow: Ja, absolut.

Seeler: Jedes Jahr ein neuer Trainer…

Jarchow: …wobei nicht jeder Trainer eine Katastrophe war.

Seeler: Ja, ja.

Jarchow: Obwohl, einige schon.

Seeler: Einfach eine Katastrophe!

Jarchow: Wir haben uns ja fest vorgenommen, nicht nach drei, vier verlorenen Spielen an den Trainer zu denken. Da sind wir als Vorstand gefordert, ein bisschen Geduld zu beweisen.

Seeler: Ich werde häufig gefragt, was ich vom HSV erwarte. Wissen Sie, was ich dann antworte? Ich würde mich riesig über einen gesicherten Mittelfeldplatz hätten.

Jarchow: Ich auch.

Seeler: Alles, was oben drauf kommt…

Jarchow: …wäre Zugabe.

Seeler: Eine Riesenfreude. Dass eine Mannschaft nicht alles gewinnen kann, wenn du sie mit Jungen umbaust, ist logisch. Dortmund hat auch zwei Jahre gebraucht.

Jarchow: Ein gesicherter Mittelfeldplatz wäre mir fast lieber, als wenn wir vier Spiele gewinnen und sofort die Erwartungen hoch schnellen und wir gleich wieder Meister werden sollen.

Seeler: Aber die vier Siege würde ich trotzdem gerne nehmen. Als Polster.

Jarchow: Sie müssen nicht direkt hintereinander kommen.

Herr Jarchow, Sie hatten angekündigt, den Rat von Uwe Seeler zu suchen. Werden Sie ihn auch mal zur Mannschaft dazu holen?

Jarchow: Ja natürlich, das ist auch geplant.

Seeler: Nee, das bringt glaube ich nix.

Jarchow: Warte, wir werden uns schon was einfallen lassen.

Wäre doch nicht schlecht, damit die Spieler wissen, für welchen Klub sie eigentlich spielen.

Seeler: Ach Gott, das wissen einige schon. Glaube ich jedenfalls.

Jarchow: Wir haben ja auch einige vernünftige Jungs dabei, das darf man nicht verkennen.

Seeler: Aber wenn du ein paar hast, die nicht mitziehen, die bringen den Haufen durcheinander.

Jarchow: Das hatten wir ja gerade.

Seeler: Früher haben wir das geregelt, wenn ein Querkopf dabei war.

Beim HSV fällt auf, dass über Jahre immer wieder neue Spieler kamen, aber immer ein Tick zum großen Erfolg fehlte. Das kann doch nicht immer an den Spielern liegen. Wie wollen Sie sich besser aufstellen?

Jarchow: Wir machen ja jetzt ganz bewusst im Umfeld ein bisschen was anders, wir wollten auch die Mentalität im Umfeld verändern, indem man neue Personen und neue Abläufe reinbringt.

Einige Personen hat Frank Arnesen mitgebracht. Wurden Sie von ihm zu diesen Wechseln gezwungen?

Jarchow: Nein, diese Idee ist schon vor seinem Dienstantritt entstanden. Was ich beim HSV vorgefunden habe , waren häufig Vielfachbesetzungen, das heißt ohne eine genaue Regelung, wer was zu sagen hat. Das haben wir geändert.

Von außen entsteht der Eindruck, der HSV hat sein Wohl in die Hände von Arnesen gelegt.

Jarchow: Im sportlichen Bereich der Bundesligateams immer so, dass sie sich sehr stark in die Hände des sportlichen Chefs begeben. Aber alles wird letztlich im Vorstand entschieden, es gibt eine Gesamtverantwortung.

Seeler: Aber wir müssen schon aufpassen. Den HSV, so wie er gestaltet ist, kennt ja nicht jeder in seinen Bestandteilen. Es wäre schon ganz gut, wenn der HSV selbst einige Vorgaben macht.

Jarchow: Das wollen wir ja auch.

Seeler: Arnesen hat ja den Nachteil , dass er Vieles aufarbeiten muss und versuchen soll, die Dinge in die richtige Bahn zu lenken.

Jarchow. Absolut. Für mich ist die Leitlinie der Verein. Ich bin seit 40 Jahren überzeugter HSVer, der Verein steht über den Personen. Der Verein darf nicht auf wenige Personen fixiert sein.

Und wer kontrolliert Arnesen?

Jarchow: Seine Vorstandskollegen und der Aufsichtsrat. Wir haben dort einen Finanzausschuss, regelmäßige Sitzungen und Budgets. Herr Arnesen kann nicht durch die Welt reisen und nach Gütdünken Geld ausgeben.

Seeler: Zu jeder Zeit hat es Bestimmungen gegeben, und an die ich mich halten muss. Bumms, aus. Auf dem Platz muss eine funktionierende Mannschaft stehen und dahinter auch. Wer Theater hat, wird seine Ziele nicht erreichen. So einfach ist das. Aber das ist zugleich ganz schwer.

Sie haben damals als Vorsitzender den Aufsichtsrat des HSV installiert. Bereuen Sie das heute?

Seeler: Wir erhofften uns damals auch ein bisschen Unterstützung, was das Finanzielle angeht. Denn man darf ja nicht vergessen: Wir waren pleite hoch drei. Wir haben ja selbst Geld in die Portokasse gelegt, und die ersten Reisen selbst bezahlt. Für das Benzin in meinem Auto habe ich ein Jahr nicht einen Cent gesehen. Es war nichts da. Dass wir mit der damaligen Mannschaft die Bundesliga gehalten haben, war alleine schon ein Wunder.

Und heute?

Seeler: Vielleicht wäre es einfacher mit nur fünf, sechs Aufsichtsräten, aufgeteilt in einen sportlichen und einen Finanz-Bereich. Aber das ist nun mal nicht. Das kriegen wir nicht hin als HSV.

Ist der HSV schwerer zu führen als andere Klubs?

Jarchow: Weiß ich nicht, ich habe noch keinem anderen Klub den Vorsitz gehabt. Mir kommt vielleicht zugute, dass ich selbst drei Jahre im Aufsichtsrat gesessen habe und diese Seite kenne. Ich glaube, dass man auch in unserer Struktur erfolgreich arbeiten kann. Man sollte sich nicht hinter Strukturen verstecken und behaupten, deshalb habe der eine oder andere Erfolg gefehlt. Das waren nicht die Strukturen.

Seeler: Glaube ich auch nicht.

Vielfach wurde auch bemängelt, dass der Verein nach Gutsherrenart geführt wurde. Von einem Herrn und einer Dame.

Jarchow: Aber das widerspricht ja dem, was man auch sagt. Nämlich, dass der HSV nicht zu führen sei, weil so viele verschiedene Gremien beteiligt seinen. Auf der anderen Seite sagt man, dass der HSV nach Gutsherren-Art geführt wurde. Von zwei Personen.

Und was ist richtig?

Jarchow: Da antworte ich allgemein: Grundsätzlich halte ich Kontrolle für wichtig.

Her Seeler, was muss passieren, dass Sie mal wieder zu einer Mitgliederversammlung kommen?

Seeler: Ich muss da nicht sein. Ob ich da sitze oder meine Großmutter wackelt mit dem Kopf. Das war nie meine Welt.

Wann wird Uwe Seeler Ehrenpräsident?

Jarchow: Ich schätze, der Antrag kommt im Januar wieder auf die Tagesordnung.

Würden Sie sich wünschen, dass Herr Seeler noch eine andere Funktion…

Seeler: ….nein. Nein!

Jarchow: Das würde ich Uwe nicht zumuten wollen, er soll schließlich entspannt ins Stadion gehen.

Seeler: Ich bitte darum.

Was hat sich in den ersten drei Monaten als Vorsitzender für Sie geändert?

Jarchow: Meine Frau würde sagen: Vieles. Geändert hat sich tatsächlich, wie man ein Spiel erlebt.

Seeler: Darauf könnte ich vielleicht besser antworten.

Jarchow: Gut, sag’ du mal.

Seeler: Die Lockerheit ist weg. Man glaubt ja gar nicht, zu welchen Gesichtsausdrücken man in der Lage ist. Da
fragst du dich: Bist du das oder nicht?

Jarchow: Man wird ja auch beobachtet. Als ich mich beim Torjubeln sah, dachte ich: Das muss ich mir noch abgewöhnen, so durfte ich früher jubeln, als ich noch drüben im Westen saß.

Fühlen Sie sich so, als ob Sie vor einem großen Berg stehen?

Jarchow: Nein. Wir haben schon in den drei Monaten gut sortiert, was wir zu bewältigen haben, da habe ich keine Sorge. Dass schwere Situationen kommen können, ist mir bewusst. Zum Beispiel, wenn man mal in der Tabelle schlecht steht.

Seeler: Das würde dich stoppen. Wer seine Spiele gewinnt, hat die nötigen Freiräume, um weiter aufzubauen.

Wie sehr ist der HSV privat ein Thema?

Jarchow: Das hat sich erhöht. Der HSV war zwar immer ein großes Thema, weil viele meiner Freunde HSVer sind. Die habe ich allerdings nicht danach ausgesucht, das hat sich so ergeben. Jetzt ist es anstrengender, weil alle die Insider-Informationen haben wollen. Jeder will wissen: Wen holt ihr, von wem trennt ihr euch? Was hat der verdient? Da muss man schon ein bisschen zurückhaltender sein.

Seeler: Ich bekomme immer diese köstliche Frage gestellt: Wann werden wir Deutscher Meister?

Gar nicht schlecht, die Frage. Hoffen Sie immer noch?

Seeler: Das gibt man nicht auf.

Jarchow: Ich habe das meinen Söhnen versprechen müssen. Die sagten: Du hast das erlebt als Jugendlicher, dass die da oben auf dem Rathaus standen, wir wollen das auch noch mal erleben. Aber das steht ja nicht unmittelbar ins Haus.

Seeler: Ich gebe den Leuten immer das Versprechen: Ja, der HSV wird deutscher Meister. Nur das Jahr kann ich Ihnen noch nicht sagen. Dann sind die zufrieden. Und dann kommt immer: siehe Dortmund. Da hat auch keiner geglaubt, dass es so schnell geht.

Jarchow: Ich finde, wir müssen mal eine Entwicklung Schritt für Schritt machen. Wir springen immer von ganz nach oben zum Abstiegsrang.

Seeler: Kontinuität ist das Zauberwort. Fußball ist im Grunde so einfach, aber auch unheimlich schwierig. Denken Sie nur an die Serie von Frankfurt.

Kontinuität ist ein gutes Stichwort, Herr Jarchow. Denken Sie gelegentlich dran, dass Sie nur kommissarisch im Amt sind?

Jarchow: Nein, der Gedanke beschäftigt mich nicht. Ich hätte es mir nie träumen lassen, Vorsitzender zu werden. Jetzt möchte ich für den HSV was leisten, den Verein in die richtige Richtung bringen. Wenn das nach drei Jahren andere machen, ist das auch in Ordnung. Ich mache das jetzt so gut ich kann, mit vollem Einsatz. Ich fühle mich unabhängig und bin nicht in einem Alter, in dem ich noch 20 Jahre Berufsleben vor mir habe. So lange Uwe nicht meinen Rücktritt fordert, bin ich im Amt.

Seeler: Das würde ich nie machen. Ich glaube, für den HSV ist es wichtig, dass mal ein Mann gekommen ist, der wirklich mit dem HSV lebt und das Beste für den Verein will und sich auch mal in den Hintergrund stellt. Er kann natürlich nicht alles machen. Aber ich glaube, es ist sehr gut, jemanden wie Carl zu haben, der den Verein, den Sport kennt und mit Finanzen umgehen kann.

Jarchow: Reicht, Uwe.

Seeler: Er macht das mit Liebe, das ist für alle HSVer beruhigend. Sicher, alles muss heute hochprofessionell sein. Aber jedes Geschäft, wenn es denn gut laufen soll, muss mit Spaß, Freude und Liebe gemacht werden. So einfach ist das. Jetzt bin ich schon wieder bei einfach. Aber ich bin ja auch ein einfacher Mann, das gebe ich ehrlich zu. Auf Dauer hast du nur mit diesen Dingen Erfolg.

So, nun wünsche Euch und Euren Lieben ein schönes Pfingstfest, alles Gute und – bleibt dem HSV gewogen.

PS: Bedanken möchte ich mich bei allen „Matz-abbern“ die mir zum Interview mit Manfred Kaltz gratulierten. Es kamen tatsächlich sehr, sehr viel Mails an, so dass ich mich auf diesem Wege dafür bedanken möchte. Tat sehr gut. Danke!

18.57 Uhr

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