Archiv für das Tag 'Meinke'

van der Vaarts leiser Abschied

12. Juni 2015

Während die Meldungen über Spielerwechsel in der Bundesliga nur so reintrudeln, gibt es vom HSV keinen Vollzug zu melden. Das ist nicht überraschend, und selbst die Personalie Süleyman Koc könnte sich noch einige Zeit hinziehen. Dessen Berater hat Druck gemacht und von einer grundsätzlichen Einigung mit dem HSV berichtet. Allerdings ist die Ablöse (zwischen 1,5 Millionen und 2 Millionen Euro) noch recht hoch. Nun also baut der Berater Druck auf den SC Paderborn auf, um von den Forderungen herunterzukommen. Ein nicht unübliches Spielchen, schließlich wollen alle Seiten Klarheit.
Den ganzen Beitrag lesen »

Herzlich willkommen, lieber Mats!

10. September 2014

Mats ab! Aus ganz besonderem Grund heute etwas früher. Mats ab!

Jawoll, Mats ab! Mit „s“. Unser „Scholle“ ist heute zum dritten Mal Papa geworden, dazu ihm und der Mutter Sandra alles, alles Gute. Und dem neuen Erdenbürger „Mats Niklas“ möchte ich zurufen: „Viel Erfolg und viel Spaß auf dieser Welt, hau rein, mein Junge, werde ein Super-Fußballer und setze Dich durch in oder auf dieser doch manchmal auch ungemütlichen und ungerechten Kugel. Und werde natürlich HSV-Fan, wie Dein Papa.“ Der teilte übrigens mit, dass es Mutter und Knabe gut gehe – Mats kam heute um 11.33 Uhr zur Welt, fast eine Punktlandung, denn der 9. September war der Stichtag, der Neu-HSVer wog bei seiner Ankunft 3760 Gramm, verteilt auf 53 Zentimeter.
Also, der jungen Familien noch einmal einen ganz besonders herzlichen Glückwunsch, und die „Matz-ab“-Gemeinde sollte heute mal zu einer etwas anderen Feier aufgelegt sein – Prost!

 

Zum Fußball-Alltag:

Das ist leider ein wenig untergegangen, was ich sehr, sehr schade finde: Bei der Feier und der Erweiterung des HSV „Walk of fame“, 2005 erfunden und seitdem organisiert und finanziert vom rührigen Unternehmer Andreas Maske, hielt der Kapitän der HSV-Meistermannschaft von 1960, Jochen Meinke, eine brillante Rede für den posthum geehrten Erwin Seeler. Das Besondere an dieser Rede: Meinke, im HA-Video versehentlich als „Meine“ vorgestellt (sorry!), sprach „freihändig“. Das heißt, ohne jede Unterstützung durch ein Manuskript oder einem Zettel. Frisch, frei und fromm von der Leber weg, der 83-jährige ist immer noch in Weltklasse-Form. Unglaublich, und er erntete für diesen Auftritt nicht nur viel Beifall, sondern Schulterklopfer und von allen Seiten höchstes Lob. Was Jochen Meinke – bescheiden wie er ist – immer weit wegschob von sich: „Ich habe nur das erzählt, was ich mit Erwin Seeler und der gesamten Familie erlebt habe, ich wohnte doch um die Ecke. Und wenn ich ehrlich bin, dann wollte ich noch so viel mehr erzählen, aber ich habe das denn doch weggelassen.“

 


Wie gesagt, sehr schade. Denn für mich, und sicher nicht nur für mich, war dieser Meinke-Auftritt aber ein besonderes Erlebnis und wird es immer bleiben. Weil er einzigartig ist.

 

Die Stimmung ist und soll auch nach Auskunft der Promis in diesem Jahr wieder super gewesen sein. Der frühere Aufsichtsrats-Chef Udo Bandow lobte: „So harmonisch und stimmungsvoll war es lange nicht mehr, das war eine der schönsten HSV-Versammlungen der vergangenen Jahre.“
Von den „alten Herren“ waren Willi Schulz, Horst Schnoor (mit Ehefrau Gerda), Erwin Piechowiak (mit Ehefrau Mienchen), Klaus Neisner, Harry Bähre, Vereins-Manager Bernd Wehmeyer, Aufsichtsratsmitglied Peter Nogly und der heutige Marketing-Mitarbeiter Sven Neuhaus gekommen, ferner die HSV-Größen Carl-Edgar Jarchow, Oliver Scheel, Dieter Horchler und viele, viele mehr. Zudem natürlich Uwe Seeler (mit Ehefrau Ilka und den Töchtern mit Schwiegersöhnen!), der die Ehrung für seinen Papa „old Erwin“ entgegennahm, und Laudator Rudi Kargus, der seinen Vorgänger und Freund Arkoc Özcan ehrte. Holger Hieronymus ist nun ebenfalls neu verewigt, und auch Bernd Hollerbach, der leider absagen musste, da er daheim in Würzburg an einer schweren Magen-und-Darm-Grippe leidet. Gefehlt hat, neben anderen, diesmal Dr. Peter Krohn. Das Wetter war wohl zu schlecht, denn vorher hatte es lange kräftig geschüttet . . .
Für alle HSVer, die anwesend waren, das muss erwähnt werden, gab es erfreulicherweise keine Diskussion darüber, ob sich hier nun die HSV-AG oder der HSV e.V. getroffen hat – es ging einzig und allein um den HSV. Wie schön. Am Rande sei noch bemerkt, dass sogar zwei Bremer bei der Zeremonie dabei waren: Max Lorenz, seit Jahrzehnten ein ganz, ganz dicker Freund von Uwe Seeler, und der frühere Verteidiger Dieter Zembski, der von der Feier wusste und zufällig (Arbeit) in der Nähe war.

 

Erfreulich an diesem Tag:

Eine Trainer-Diskussion gab es am Rande der Veranstaltung nicht. Die meisten vertraten diese Auffassung: „Wie oft hat der HSV in den letzten Jahren schon den Trainer gewechselt? Das ist doch schon nicht mehr zu zählen. Gebracht hat es nie etwas – nie. Das sollten sich einmal alle überlegen. Es hat dem HSV nur immer viel Geld gekostet. Jetzt sollten die Spieler mal etwas dafür leisten, dass es dem HSV wieder besser geht. Und da ist dann auch der Club gefordert, der sollte endlich mal etwas weniger hohe Gehälter zahlen, dafür ordentliche Prämien, wenn tatsächlich etwas erreicht worden ist. Und zudem sollte nun endlich damit angefangen werden, auf den Nachwuchs zu setzen – die U23 hat ja einen erstaunlichen Weg eingeschlagen.“ Das war so oder so ähnlich an allen Ecken und an den meisten Tischen zu hören.

 

Natürlich waren auch die Kollegen aus der Medienbranche zugegen. Es wurden viele, viele Interviews geführt – das hat Tradition. Am Abend sah und hörte ich dann:
„Der Trainer braucht keine Leute die ihm sagen, wen er aufstellen soll . . .“ Das sagte Holger Hieronymus beim TV-Sender „Hamburg1“. Das war offenbar eine Antwort darauf, dass zuvor in einer Hamburger Zeitung zu lesen gewesen war, dass es aus dem Aufsichtsrat Tipps für Mirko Slomka gegeben hatte, dass nun die „Neuen“ gegen Hannover spielen sollten und müssten. Aber wie bereits geschrieben, es wurde dann keine Trainer-Diskussion vom Zaume gebrochen . . .

 

Zum Sportlichen, und da gibt es aus meiner Sicht recht Erfreuliches zu berichten.
Während die Mannschaft heute frei bekommen hat (nicht weil „Scholle“ Papa geworden ist!), trainierten einige zuletzt angeschlagene Spieler, um doch noch rechtzeitig für das Hannover-Spiel am Sonntag fit zu werden. Rafael van der Vaart ging mit Reha-Trainer Markus Günther zu einer Sonderschicht auf den Platz, Ivo Ilicevic arbeitete im Kraftraum. Auch Slobodan Rajkovic (nach Kreuzbandriss) und Gojko Kacar (nach Außenbandanriss im Knie) schufteten weiter für ein Comeback, Neuzugang Nikolai Müller sowie der erkältete Marcell Jansen fanden sich zur Pflege ein. Dafür, dass das ein freier Tag war, war doch relativ viel im Volkspark los – was mir ausnahmslos gut, nein sehr gut gefällt.

 

Dann las ich heute im Hamburger Abendblatt:
„Dennis Diekmeier lebt seinen Traum“. Und in den verschiedenen Video-Texten eine Aussage von Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw, der über die schlechte Defensive seiner Mannschaft befand: „Wir können uns leider noch keinen Philipp Lahm aus dem Hut zaubern. Die jungen Verteidiger sind sicher talentiert, aber sie brauchen noch ein wenig Zeit, um sich zu verbessern, das wird wohl dauern bis zur nächsten WM. . . .“ Aber dann. Oder: und dann?

 

Das wäre doch genug Ansporn für Dennis Diekmeier. Von dem nach dem Paderborn-Spiel ein großer HSVer mir gegenüber gesagt hat: „Diekmeier war der einzige Hamburger, der auf mich einen absolut fitten Eindruck gemacht hat. Der beackert die rechte Seite fast allein, rast 80 Meter rauf und 80 Meter runter, und das immer wieder. Der scheint mir wirklich voll im Saft zu stehen, vielleicht so wie gut noch nie . . .“

 

Kann schon sein. Aber zu einem Nationalspieler gehört dann doch ein wenig mehr. Unter anderem auch, dass man eine gewisse Defensivstärke besitzt, dass man zweikampfstark ist, dass man weiß, wie man sich in bestimmten Situationen zu verhalten hat, dazu gehört ferner auch eine gewisse Kopfballstärke. All das ist zu erlernen. Wir hatten beim HSV einst einen talentierten Spieler wie Christian Rahn. Der wurde sogar Nationalspieler (unter Rudi Völler). Aber „Rahner“ hatte ähnliche Schwächen wie Diekmeier nun. Ich empfahl Rahn damals, sich privat einen Trainer zu nehmen, damit er sich verbessert, aber es geschah nichts. Und der HSV-Profi hatte schnell seine Nationalmannschafts-Karriere beendet – und dann auch seine Erstliga-Karriere. Schade drum. Rahn war talentiert, hatte einen sensationellen linken Fuß, konnte gut flanken und super schießen. Nur nach hinten war er verbesserungsfähig, doch weder er noch irgendeiner beim HSV haben daran gearbeitet. Ich sage und behaupte noch heute: „Eine verschenkte Profi-Karriere.“

Heute würde ich auch Dennis Diekmeier einen Privat-Trainer empfehlen, wenn der HSV-Abwehrspieler noch etwas werden will. Und die Chance, dass er noch etwas werden könnte, ist ja so groß wie nie. Nur wird beim HSV wurde daran so gut wie nie gearbeitet, und ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass daran noch einmal explizit gearbeitet wird. Vormittags Training mit der Mannschaft, nachmittags mit einem Trainer (und vielleicht sogar einem „Gegenspieler“, der die Zweikämpfe führt!) auf den Acker. Des wäre ein Anfang. Diekmeier würde sich defensiv bestimmt verbessern, wenn sein Auge, sein Kopfball- und sein Stellungsspiel geschult werden würde.

 

Aber da Individual-Training in der Bundesliga und für die Trainer kaum ein Thema ist, sollte er nun selbst handeln – wenn er noch die ganz große Karriere starten will. Ich kann nur daran erinnern, dass zwei mir bekannte Profis einst „eigenhändig“ Privat-Trainer engagiert – und davon absolut profitiert haben. Dennis Diekmeier wird im Oktober 25 Jahre alt, noch würden ihm alle Türen offen stehen, aber er sollte jetzt wissen, dass er ziemlich bald damit anfangen müsste, etwas für sich zu tun. Andere werden es nicht für ihn erledigen. Die sind alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, so ist das im heutigen Profi-Geschäft.

 

So, bevor ich zum Ende komme, schnell noch einmal der Hinweis in eigener Sache:

Jeden Montag kann man sich künftig ab 4 Uhr morgens über ikiosk.de oder über die ikiosk App das Sonderheft „HSV KOMPAKT“ herunterladen. Die Ausgabe mit jeweils zwölf Seiten startet jeweils mit den Berichten zum aktuellen Bundesliga-Spiel. Dann folgen die Artikel, die wir unter der Woche über den HSV veröffentlicht haben.

Für treue Leser unseres HSV-Blogs „Matz ab“ gibt es noch einen besonderen Service. In gekürzter Form erscheinen auf einer Doppelseite die Kolumnen unserer Experten Dieter Matz, Marcus Scholz und Lars Pegelow. Jede „HSV KOMPAKT“-Ausgabe schließt mit einer historischen Seite, wo wir Triumphe und Dramen der langen HSV-Geschichte Revue passieren lassen.

„HSV KOMPAKT“ kostet nur 0,89 Cent pro Ausgabe im Einzelverkauf über ikiosk.de oder die ikiosk App (gibt es für iPhone, iPad (iOS) und für Geräte mit Googles Android). Natürlich kann man sich die zwölf Seiten einfach ausdrucken. Während der Winter- und der Sommerpause der Bundesliga erscheint „HSV KOMPAKT“ nicht.

 

PS: Morgen, am Donnerstag, wird beim HSV wieder im Volkspark trainiert, und zwar um 10 Uhr.

 

17.05 Uhr

Entsetzen und Ratlosigkeit

19. August 2013

Der HSV ist in aller Munde. Das hat ein Auftritt geschafft – dieses unglaubliche 1:5 gegen Hoffenheim. In der Stadt gibt es nur dieses eine Thema: HSV. Der HSV und die 1:5-Klatsche, die 1:5-Katastrophe. Ich bin immer noch total entsetzt, und mir fliegen die Mails nur so um die Ohren. Wobei ich eines einmal klarstellen muss: Ich habe hier gestern einen Brief und dazu einige Mails, die schon im Blog als Beiträge liefen, veröffentlicht. Es muss mir also niemand schreiben, um so einmal zitiert zu werden – es genügt der Blog. Und da rauscht es zurzeit ja ordentlich im Karton – kein Wunder. Und ein Thema spielt dabei bislang nur am Rande eine noch unterschätzte Nebenrolle: Zuschauer. Beziehungsweise keine Zuschauer. 47 483 Fans waren beim Hoffenheim-Spiel – noch. Club-Chef Carl-Edgar Jarchow hat es heute bei den Kollegen der Mopo richtig gesagt: „Wenn wir weiterhin so spielen, werden wir Probleme mit unseren Zuschauern bekommen.“ Das stimmt – und stimmt nicht, denn die Probleme gibt es schon. Und die, die am Sonnabend nach dem 1:4 aufstanden und die Arena verließen, die werden so schnell ganz sicher nicht wiederkommen. Das ist die Gefahr: Diese Mannschaft, das sollte sich jeder einmal vergegenwärtigen, diese Mannschaft spielt die treuesten und besten Fans aus dem Stadion! Aufwachen, HSV, und aufwachen, ihr HSV-Profis!

Dass es nun jede Menge bester Ratschläge für den HSV gibt, ist klar – das war in Krisenzeiten immer so – aber wir haben ja noch keine Krise. Wir haben jetzt erst zwei Spieltage hinter uns. Bedenklich ist es trotz allem.

Sky Experte Stefan Effenberg hat über die Situation beim HSV gesagt: „Van der Vaart ist schon derjenige, der die meiste Last auf den Schultern trägt. Aber es ist ja auch kein anderer da. Man braucht im Team eine Achse, an die sich jeder anlehnt, aber die ist nicht da. Du spielst gegen den HSV, nimmst van der Vaart aus dem Spiel und schon hast du das Spiel im Griff.“

Aber das ist ja nicht das einzige Problem. Es drückt doch überall der Schuh. Überall. Es liegt doch nicht nur an Rafael van der Vaart, ob der nun gut oder schlecht drauf ist – es liegt doch dann auch an den anderen zehn Leuten, die mit ihm auf dem Rasen stehen. Stehen. Fußball ist ein Laufspiel, und es wird mir beim HSV einfach zu wenig gelaufen. Andere Mannschaften, da liege ich mit vielen meiner Freunde, Bekannten und auch befreundeten Experten auf einer Linie, viele Mannschaft laufen ganz einfach viel mehr. Und schneller. Da müssen wir gar nicht so weit suchen, da genügt es, wenn man sich das Hoffenheim-Spiel noch einmal ansieht. Wie die Jungs gelaufen sind, gesprintet sind, wie sie von Angriff auf Abwehr umgeschaltet haben, wie sie die Räume zugestellt haben, wie sie sich auch gegenseitig geholfen haben ständig Anspielstationen für den Nebenmann gebildet haben, das war eine Augenweide. Und ist in dieser Form beim HSV nicht zu sehen. Null. Oder auf jeden Fall viel, viel zu wenig.

Ich habe heute mit einigen Altmeistern des HSV gesprochen, die jedes Spiel ihres Vereins sehen. Da hörte ich oft das blanke Entsetzen oder totale Ratlosigkeit heraus.

Horst Schnoor, Torwart der Meistermannschaft von 1960, sagte mir: „Nach einer solchen Niederlage muss man sich schon Sorgen machen. Wir haben alle etwas anderes erwartet, aber das 3:3 von Schalke wurde ja nun in Wolfsburg mit dem 0:4 relativiert. Wir waren viel zu optimistisch. Nun müssen wir aufpassen, dass wir in den nächsten Spielen genügend Punkte holen, sonst geht der Abstiegskampf wieder los.“ Woran aber liegt es, dass der HSV so schlecht spielt? Schnoor: „Wir spielen zu Hause immer nach dem gleichen Muster – und verlieren auch immer nach dem gleichen Muster: Wir fangen uns ein schnelles Tor ein, und dann rennen wir offen hinterher – und dann knallt es.“

Horst Schnoor weiter: „Ich will jetzt nichts gegen Thorsten Fink sagen, darauf lege ich großen Wert, der hat jetzt genügend Sorgen. Aber wir müssen vielleicht mal anders stehen, getreu dem Huub-Stevens-Motto: die Null muss stehen. Wir haben offensichtlich Schwierigkeiten, gegen gut gestaffelte Mannschaft das Spiel zu machen. Das dauert alles zu lange und ist viel zu umständlich.“ Und was sagt ein Torwart zu Rene Adler: „Er tut mir leid, denn er wurde gegen Hoffenheim absolut allein gelassen. Dann kann kein Torwart der Welt etwas halten. Nein, nein, an Adler liegt es nicht.“

Woran dann? Schnoor über den HSV ganz allgemein: „Wie hat sich den Dortmund wieder gefangen? Die waren schon tot, lagen am Boden – und dann? Dann haben drei Männer das Ding wieder belebt: Watzke, Zorc und Klopp. Drei Männer. Aber beim HSV wollen sie alle mitreden, das ist unser großes Problem. Und ich weiß nicht, wie das jemals geändert werden soll. Ich weiß es nicht.“

Und sportlich, Herr Schnoor: „Neue Spieler können wir nicht mehr kaufen, es gibt kein Geld. Da muss gearbeitet, gearbeitet und nochmals gearbeitet werden. Zu den zwei Tagen, die nun frei gegeben worden sind, möchte ich nichts sagen, der Trainer wird wissen, warum er das so getan hat.“

Apropos neue Spieler. Im Sturm ging Heng Min Son verloren, dafür wurde Jacques Zoua geholt. Wie urteilt Horst Schnoor über den Mann aus Basel? „Er soll ja ganz billig gewesen sein, aber wenn er nur einigermaßen gewesen wäre, dann wäre da ja nicht nur der HSV dran gewesen. So doll kann der also beim FC Basel nicht gewesen sein. Und wenn ich mir dann den Modeste, den Stürmer von Hoffenheim ansehe, dann muss ich sagen: da liegen Welten dazwischen. So einen haben wir weit und breit nicht. Maximilian Beister ist ein Konter-Stürmer, Artjoms Rudnevs kämpft und rennt 90 Minuten, macht wenigstens ab und zu mal ein Tor – den würde ich immer spielen lassen. Wir haben keinen besseren Stürmer, auch wenn er technisch Schwächen hat.“ Und der HSV nun in Berlin? Wie wird das? Schnoor: „Ich möchte wetten, dass der HSV dort nicht verliert. Die werden sich alle den Hinter aufreißen – wenn sie Charakter haben.“

Klaus Neisner, Rechtsaußen der Meistermannschaft von 1960 und immer noch (ein) Chef der Altliga des HSV, sagt zum 1:5: „Ich mache mir große Sorgen um den HSV, denn ich glaube, dass in dieser Mannschaft zu wenig Substanz steckt. Ein Rafael van der Vaart ist nicht mehr das, was er früher mal war, er kann nicht mehr der große Leader dieser Mannschaft sein. Das hat er schon seit Beginn dieses Jahres gezeigt, er hat für mich teilweise Alibi-Fußball gespielt. Er lässt sich nach hinten fallen, wird angespielt und spielt den Ball dann dem Nebenmann über sechs, sieben Meter wieder in die Füße.“ Ist denn das Thema Abstieg für den HSV ein Thema – in dieser Saison? Neisner: „Ich glaube nicht, dass der HSV absteigen wird, aber der HSV ist und bleibt für mich eine Wundertüte. Immer wieder mal gute Spiele, aber dann auch solche unbegreiflichen Auftritte wie jetzt am Sonnabend. Es wird sicherlich eine schwere Saison. Ich weiß auch nicht, ob die Spieler wirklich zu 100 Prozent austrainiert sind . . .“

Gert „Charly“ Dörfel, Linksaußen der Meistermannschaft von 1960, befindet zur aktuellen Lage: Das war desolat, keine Frage, aber der HSV hat immer noch mit den Ausläufern der Hoffmann-Ära zu kämpfen – kein Geld, um noch mal vernünftige Spieler kaufen zu können. Und die bräuchte der HSV jetzt dringend, es gibt davon zu wenige. Gegen Hoffenheim ist die Mannschaft wie ein Hühnerhaufen über den Rasen gelaufen. Dennoch glaube ich, dass sich die Spieler fangen werden, die spielen schon in Berlin wieder sehr viel besser. Auch van der Vaart wird noch in Bestform kommen, davon bin ich überzeugt. Und Thorsten Fink wird alles dafür tun, dass seine Mannen nicht wieder wie ein Sauhaufen über den Rasen laufen werden.“

Der Kapitän von 1960, Jochen Meinke (der Stopper), kam am Sonnabend nach dem 1:5 nach Hause und sagte zu seiner Frau: „So spielt ein Absteiger.“ Meinke weiter: „Ich war bedient. Es ist mir unbegreiflich, wie man auf Schalke so gut spielen kann, und dann so etwas. Die haben alle gespielt, als wären sie im Tran. Die waren ja alle viel langsamer als die Hoffenheimer. Und dann die Abwehr – eine Katastrophe. Da werden ja haarsträubende Fehler gemacht, vor allen Dingen von Heiko Westermann.“ Dann ergänzt Jochen Meinke: „Zum Glück ist ein solches Debakel gleich im zweiten Spiel passiert, das öffnet hoffentlich allen die Augen, jetzt weiß jeder, woran er ist. Gegen Hoffenheim haben ja alle versagt.“ Dann sagt Meinke noch: „Wir haben uns im Stadion fragend angesehen, als Thorsten Fink den Milan Badelj ausgewechselt hat – aber da hat wohl jeder Trainer seine eigene Ansicht. Ich aber hätte Badelj niemals ausgewechselt, da gab es doch genügend andere, die viel, viel schlechter waren.“

Und nun? Wie geht es weiter? Jochen Meinke: „Der Trainer darf jetzt keine Rücksicht mehr auf Namen nehmen. Dann nimmt er eben mal den jungen Jonathan Tah rein, oder den jungen Kerem Demirbay – schlechter wird es mit ihnen ganz sicher auch nicht laufen, denn schlechter kann man ja gar nicht mehr spielen. Und die jungen Leute haben vielleicht die viel bessere Einstellung, die wollen, die sind hungrig.“ Und zerreißen sich bestimmt. Meinke: „Ich bin heute noch entsetzt, wie unsere Leute neben hren Gegnern hergelaufen sind – vor allen Dingen bei den Toren. Unfassbar, wie wir immer nebenher trabten, so, als ginge es niemandem etwas an . . .“

Und noch ein Stopper sah dieses 1:5 – Ditmar Jakobs. Macht er sich jetzt schon Sorgen? Der frühere Nationalspieler sagt: „Warum soll ich mir Sorgen machen? Das gab es doch früher auch, dass man mal eine Klatsche bekam. Gegen den KSC haben wir mal 0:4 im Volkspark verloren. Grundsätzlich aber steht fest, dass wir Schwierigkeiten bekommen in dieser Saison. Und wer auch immer gesehen haben mag, dass wir im Sommer 2014 international spielen werden – ich sehe das auf keinen Fall. Da kann man nur sagen: ‚Leute, ihr habt noch 32 Spiele vor euch, wacht auf, reißt euch zusammen.’ Und dann hoffe ich, dass wir alle schon in Berlin am Sonnabend einen ganz anderen HSV sehen werden. Gut war an diesem 1:5, dass diese Niederlage im Kollektiv geschah, denn es waren alle schlecht, da kann sich keiner rausnehmen – außer dem Torwart.“

Ditmar Jakobs sieht allerdings auch nicht nur die Abwehr als schwach an, denn ein Abwehrverhalten beginnt schon wesentlich früher. Und weil nun auch die Führungsspiele, die „älteren Herren“ gefragt sind (und kritisiert worden sind), sagt „Jako“: „Die Jungen müssen genauso mitmachen, und wenn sie abtauchen, dann bekommt jeder erfahrene Spieler ebenfalls große Schwierigkeiten. Da muss schon ein Rad in das nächste greifen, da kann es nicht nur Jung und nicht nur Alt geben – du brauchst elf Leute, die Gas geben und sich einig sind.“ Aber es gibt wohl doch noch Licht am Ende des Tunnels: „Zu Hause tun wir uns schwer, auswärts sind wir besser. Obwohl es gegen den Aufsteiger nicht einfach wird – aber wir müssen das Spiel nicht machen, da wird die Hertha kommen.“

Dann sagt Ditmar Jakobs auch: „Die Medien haben auch eine Mitschuld an diesem Dilemma. Ihr habt sie doch alle aufgebaut, ihr habt sie zu Weltmeistern gemacht – nach diesem grandiosen 3:3 auf Schalke. Als wäre der HSV schon wieder deutscher Meister. Weil er doch auf Schalke wie der FC Barcelona gespielt hat. Eine Woche wurde in Hamburg gefeiert, weil der HSV doch wie Barcelona spielt. Sensationell. Was sollen die Spieler denn glauben? Die laufen dann so gegen Hoffenheim auf, als wären sie der FC Barcelona . . .“ Dann ergänzt Jakobs noch: „Alle wurden sie nach dem 3:3 nach oben gejubelt. Der HSV ganz oben, endlich haben es die Spieler begriffen, nun können sie es – und so haben wir Schalke ausgetrickst . . . Und dann trickst hier Hoffenheim. Und das hat eines gezeigt: Wir sind weiterhin so instabil, wie wir zuletzt immer waren. Das ist Tatsache.“

Und zur Erinnerung fügt „Jako“ noch an: „Wir haben am 26. September 1987 mal 2:8 in Mönchengladbach verloren. Das war auch grausam. 2:3 hieß es, und plötzlich sind alle nach vorne gelaufen. Ich stand dahinten teilweise allein gegen vier Borussen – und Tor. Aber solche Tage gibt es. Der Unterschied zu heute ist aber der, dass wir damals Qualität in der Mannschaft hatten. Wir hatten einen Manfred Kaltz, Dietmar Beiersdorfer, Thomas Kroth, Thomas von Heesen, Uwe Bein und zum Beispiel einen Bruno Labbadia. Solche Leute fehlen doch heute. Und auch ein Uwe Seeler ist ja mit dem HSV einst 1:8 in Oberhausen untergegangen.“ Der Rat von Jakobs: „Man darf sich jetzt nicht ins Höschen machen, man muss mutig und mit Herz auftreten, als wäre nichts gewesen. Man darf keinen Schiss haben, ganz klar. Und nun harren wir der Dinge, die da auf uns zukommen werden.“

Das macht auch ein weiterer HSV-Nationalspieler von einst, nämlich Holger Hieronymus. Der frühere DFL-Geschäftsführer war beim 1:5 live dabei – und ging, gemeinsam mit Jakobs, etwas früher. Hieronymus will sich eigentlich gar nicht äußern, sagte aber immerhin: „Jeder, dem der HSV nicht egal ist, und dazu zähle ich mich auch, macht sich schon seine Gedanken. Und das sind schon recht ernste Gedanken, das muss ich schon sagen. Dieses 1:5 war schon überraschend, das muss ich schon sagen – mehr aber auch nicht.“

In der DPA aber hat Deutschlands Mittelstürmer-Idol Nummer eins noch zum HSV Stellung bezogen:

Fußball-Idol Uwe Seeler hat den Hamburger SV vor vorschnellen Aktionen nach der hohen Niederlage gegen 1899 Hoffenheim gewarnt. Nach dem zweiten Spieltag der Fußball-Bundesliga sei noch nicht die Zeit gekommen, alles in Frage zu stellen. „Natürlich bin ich bedröppelt und niedergeschlagen. Mit dem 1:5 habe ich in meinen kühnsten Träumen nicht gerechnet“, sagte der 76-Jährige am Montag der Nachrichtenagentur dpa: „Das ist so im Fußball, jetzt muss man aufstehen und neu angreifen.“ Er glaube, dass sich die Mannschaft am kommenden Samstag bei Hertha BSC zusammenraufen werde.

Zur Kritik von Sportdirektor Oliver Kreuzer an der fehlenden Verantwortung der Führungsspieler bei den Norddeutschen sagte der ehemalige Stürmer: „Das ist immer so, dass die Erfahrenen die Mannschaft führen müssen. Ich hoffe, dass sie nun das Zepter übernehmen“.

Verstärkungen will Seeler angesichts der schwierigen finanziellen Lage nicht fordern: „Natürlich müssten noch neue Leute kommen, wenn wir oben mitmischen wollten. Aber wir wissen um die Situation und müssen uns durchwurschteln.“ Er lasse sich überraschen, was bis Ende des Monats und der Wechselfrist in der Bundesliga passiere. „Es wird für Kreuzer immer schwieriger, alle wissen, dass der HSV Not hat“, betonte Seeler. Um neu zu investieren, müssen die Hamburger zunächst einige ihrer fünf aussortierten Spieler von der Gehaltsliste bekommen.

Und dann gibt es auch etwas von Felix Magath, der nun wieder in fast aller Munde ist weil er zum HSV zurückkehren soll. Über Facebook meldete sich der „Held von Athen“ zu Wort:

Von „www.magath.net”:

„Nach meiner ersten Karriere als Spieler habe ich die zweite Karriere als Trainer gemacht und bin am überlegen, ob es Zeit für eine dritte Karriere ist oder ob ich die Trainerkarriere noch fortsetze. Bei dieser Entscheidung will ich mir Zeit lassen, aber natürlich bin ich offen für interessante Möglichkeiten. Sicher ist: Ich will noch was machen! Das Fußballgeschäft boomt und es gibt um den Fußballsport so viele Möglichkeiten.“

Zum Thema HSV: „Ich habe versucht, im Frühjahr hinter die Kulissen zu schauen und zu sehen, wer da welche Entscheidungen trifft – das war mir aber nicht möglich. Momentan ist das Bild, das der HSV in der Öffentlichkeit abgibt, nicht so schön. Natürlich ist der HSV der Verein, der mir am nächsten steht. Dort war ich zehn Jahre als Spieler, habe große Erfolge gefeiert. Wenn man zehn Jahre bei einem Verein ist, hat man schon was hinterlassen und ist emotional anders gebunden.“

So, dann möchte ich noch auf das morgige Dienstag-Training hinweisen. Es soll um 10 Uhr gelaufen werden, ob die Spieler überhaupt auf den Trainingsrasen kommen werden, entzieht sich meiner Kenntnis.

19.03 Uhr

Adler: „Wir haben noch Potenzial nach oben.“

13. März 2013

Liebe “Matz-abber”, aus trauigem Anlass ist es heute etwas später geworden – sorry, ich war bei der Trauerfeier von HSV-Ur-Gestein Horst Eberstein (darüber berichte ich zum Ende dieses Beitrags).

Zuletzt haben die HSV-Fans wieder jenen Adler zwischen den Pfosten des HSV-Tores hin und her fliegen sehen, wie zu Saisonbeginn. Der beste Neueinkauf des HSV seit Jahren rettete seiner Mannschaft in dieser Spielzeit schon viele Zähler, einige Experten haben acht Punkte errechnet – aber das war vor dem Sieg in Stuttgart. Gegen den VfB hatte Rene Adler wieder einmal eine Weltklasse-Partie gezeigt und dem HSV die Punkte gerettet. Nun also wären es zehn . . . Mindestens, sage ich. Von zurzeit 38. Heute sprach Rene Adler mit uns über sich, den HSV und diese Saison.

Rückblickend verriet er: „Gerade zu Beginn hatten wir uns noch nicht so gefunden, da waren noch einige Positionen vakant. Und dass man da als Torhüter zwangsläufig einige Aktionen mehr hat, das ist normal. Man hat viel mehr zu tun, bekommt zudem auch mehr Rückpässe und man steht mehr im Fokus, mehr im Brennpunkt. Im Lauf der Hinrunde haben wir uns dann aber stabilisiert, und trotzdem gab es natürlich Spiele, in denen du als Torhüter in den entscheidenden Situationen die Weichen stellen musst. Und da ist es immer schlecht, wenn man, wie gegen Fürth, durch eine Unachtsamkeit schnell mit 0:1 zurück liegt. So etwas prägt das ganze Spiel. Und da ist es wichtig, als Torhüter in den wichtigen Situationen präsent zu sein, damit die Mannschaft nicht in Rückstand gerät.“ In Stuttgart hat das ganz hervorragend geklappt – die Null stand hinten.

So gesehen ist die Saison ja fast perfekt für Rene Adler gelaufen. Er hatte immer gut zu tun – und konnte sich, bis auf das 1:5-Debakel in Hannover, immer auszeichnen. Adler: „Für mich ist es das Schönste, wenn wir gewinnen, und wenn wir dann zu null spielen, dann ist es sogar perfekt. Wenn man kein Gegentor kassiert hat, dann hat man einen guten Job gemacht, dann hat man nicht so viel verkehrt gemacht.“ Generell befindet er zu seiner Mannschaft: „Man erkennt eine Gesamt-Entwicklung. Wir machen das, was der Trainer verlangt. Unser Spiel ist sehr, sehr stark auf Ballbesitz ausgelegt, wir sind darauf bedacht, nicht die Ruhe zu verlieren, dass wir den Ball oft zirkulieren lassen und die Lücke zu suchen, um uns Möglichkeiten zu erspielen. In der Hinrunde sind wir manches Mal noch zu hektisch gewesen, da haben wir manches Mal einen Ball gespielt, wo wir besser noch einmal hinten herum gespielt hätten. Um einfach die perfektere Lücke zu finden. Das machen wir inzwischen schon sehr gut, in Stuttgart zum Beispiel hat das sehr gut geklappt, da haben wir das schon ganz gut gemacht.“

Rückblickend auf den 1:0-Sieg in Stuttgart befand der Nationaltorwart noch. „Ich bin kein Freund von Vergleichen zwischen den Spielen, aber wie wir auswärts in Dortmund aufgetreten sind, von der Bewegung her, von der Kompaktheit, vom Nachpressen her, wo wir sofort attackiert haben – da konnte sich kein Stürmer der Dortmunder drehen, ohne einen Gegenspieler von uns im Nacken zu spüren. Das sind die elementaren Dinge, die wir gegen jeden Gegner beherzigen müssen – und da denke ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Die Aufs und Abs, die es bei uns noch gibt, die sind dadurch bedingt, dass wir eine junge Mannschaft haben. Und dass wir in einer Saison sind, von der keiner so genau wusste, wohin es mit uns geht. Und das muss man uns als Mannschaft und als Verein auch zugute halten, dass wir uns aus eigener Kraft stabilisiert haben – und jetzt auf Platz sechs stehen. Mit Blick nach vorne. Das ist eine Geschichte, zu der man sagen kann, dass bei uns jetzt und auch deswegen keiner abhebt, denn wir wissen, dass wir noch Potenzial nach oben.“

Um „sein“ Hannover-Spiel zu verdrängen, hat Rene Adler einige Dinge ganz bewusst gemacht. Er sagt: „Ich habe mir Zeit für mich genommen, mehr Raum für Erholung und Regeneration genommen. Einfach mal einen Spaziergang mit Frau und Hund zu machen, weniger Fußball im Fernsehen angucken – das habe ich mir gegönnt. Ich schaue mir Spiele der Champions League an, aber ich bin weit entfernt davon, mich zu Hause vom Fußball berieseln zu lassen. Da konzentriere ich mich dann doch komplett auf unser Spiel, und ich habe meinen Fokus auch komplett auf das Training gelegt.“ Und was da speziell? Adler: „Ich habe viele Sachen ganz bewusst gemacht. Hab die Bälle bewusst gefangen, habe Bewegungsabläufe ganz bewusst gemacht, habe Krafttraining ganz bewusst gemacht, habe mich bewusst ernährt. Das ist einfach eine Sache, dass man sich mal irgendwie überprüft – auch gerade jetzt im Erfolg.“

Dann ergänzt Rene Adler noch: „Es ist immer schade, dass man ein solches Spiel wie dieses 1:5 in Hannover braucht, auch als Mannschaft. Aber ich habe schon gesagt, dass ein solches Erlebnis für die Entwicklung einer Mannschaft oftmals reicher im langfristigen Ertrag, als mal ein 1:1, mal ein 2:1 oder wenn man zwei Spiele in Folge 1:2 verliert. Man kann das noch so oft betonen: Wenn wir nicht 100 Prozent spielen, der einzelne, dann haben wir Probleme gegen jeden Gegner. Wir sind nicht eine Mannschaft wie Bayern München, die mit 70 oder 80 Prozent die Spiele gewinnt. Aber das ist auch okay, nur muss das auch jeder von uns wissen, damit er am Wochenende auch 100 Prozent abruft.“

Ich bitte sehr darum. Schon an diesem Sonnabend. Alle bei 100 Prozent. Das wäre doch was. Dann hätte der FC Augsburg hier nicht viel zu lachen. Und erst recht nicht zu feiern . . .

Kurz noch einig positive Dinge der personellen Art:

Michael Mancienne hat heute erstmalig wieder mit der Mannschaft trainiert. Der Innenverteidiger sagte: „Ich fühle mich gut und möchte mich für das Bayern-Spiel in 14 Tagen nicht nur anbieten, sondern auch mit guten Trainingsleistungen anbieten.“
Marcus Berg soll am Donnerstag wieder ins Training einsteigen, Jaroslav Drobny war heute schon wieder dabei, laufend im Volkspark unterwegs waren Ivo Ilicevic und Zhi Gin Lam, der an diesem Donnerstag wieder mal auf dem Trainingsplatz zu sehen sein wird – allerdings nur mit Reha-Trainer Markus Günther. Gelaufen sind heute auch nur Heiko Westermann und Milan Badelj (Fußprellung), beide Spieler aber sollen auch an diesem Donnerstag wieder im Mannschaftstraining zu finden sein.

Nun ein Break.
Das Thema Regionalliga, HSV und Abstieg wurde in den letzten Tagen ja (von einigen) diskutiert, und dazu habe ich nun auch Thorsten Fink gefragt. Was denkt der Profi-Trainer über einen eventuellen Abstieg der Zweiten? Fink: „Es ist klar, dass mir ein Abstieg natürlich nicht gefallen würde, aber trotz der prekären Lage glaube ich, dass die Mannschaft da unten aus der Abstiegszone noch rauskommen wird. Die Zweite hat ein Trainerteam, das ruhig und sehr gut arbeitet – und natürlich bekommen sie in Zukunft von uns auch mal den einen oder anderen Spieler, denn es wäre schon wichtig, dass wir die Klasse halten.“ Warum ist es wichtig, dass die Regionalliga erhalten bleibt? Fink: „Weil sonst der Unterschied zwischen den Klassen zu groß wird. In der Regionalliga wird auf einem höheren Niveau als in der Oberliga gespielt, das ist doch klar, und da oben werden die Spieler natürlich mehr gefordert. Und das käme ihnen dann zugute, wenn sie bei uns integriert werden sollen.“ Wer das ist, konnte Fink nicht verraten: „Wir müssen mal schauen. Es dürfen ja auch nur drei ältere Spieler mitmachen, und dann müssen wir sehen, wer in der nächsten Woche hier ist, und wer bei seiner Nationalmannschaft.“ Michael Mancienne aber könnte dort demnächst Spielpraxis sammeln. Fink: „Das müssen die Profis nur annehmen. Das machen die Leute bei Bayern München zum Beispiel auch. Die gehen da nach Verletzungen auch hin, um sich wieder in Form zu bringen.“ Gojko Kacar aber könnte zum Beispiel auch bei Rodolfo Cardoso spielen.

Thorsten Fink: „Eines aber ist unerlässlich, die Spieler müssen es annehmen, dass sie da spielen wollen. Dass sie wissen, dass sie sich dadurch wieder in Form bringen können. Sonst bringt das nichts.“ Ganz genau. Da ist das Parade-Beispiel, wie man es nicht machen soll, immer noch Muhamed Besic, der eher lustlos seinen Stiefel bei der Zweiten herunterspielte. Fink: „Natürlich werden wir vorher mit den Spielern reden. Wir werden ihnen klar machen, dass es besser für den Verein ist, und dass es auch besser für sie ist. Es ist ja besser, dass sie dort ein Spiel haben – bevor sie keinen Einsatz haben.“ Dann fügt der Trainer noch hinzu: „Spiele in der Zweiten sind ja auch noch etwas anders, als unsere Testspiele, wie zuletzt gegen Oslo. In der Regionalliga geht es ja wenigstens noch um etwas.“

Nebenbei bemerkt: Obwohl (oder gerade?) die Regionalliga-Truppe abstiegsgefährdet ist, wurde in der vergangenen Woche Einigung darüber erzielt, den Trainervertrag mit Rodolfo Cardoso zu verlängern. Per Handschlag ist es besiegelt, demnächst wird es auch die Unterschriften geben.

Nun noch zu einem traurigen Thema:

Heute fand die Trauerfeier für Horst Eberstein in Ohlsdorf statt, der am 1. März im Alter von 83 Jahren verstorben ist. Es waren über 250 Menschen gekommen, und drei davon möchte ich explizit einmal hervorheben: Aus St. Petersburg angereist war der ehemalige HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer (morgen spielt sein Club Zenit in der Europa League gegen den FC Basel!), der „Didi“ kam extra wegen dieser Feier. Aus Frankfurt war FSV-Trainer Benno Möhlmann, einer der besten Freunde des Verstorbenen, angereist, und auch Uwe Seeler war dabei.

Zudem habe ich gesehen: Carl-Edgar Jarchow, Oliver Scheel, Klaus Neisner, Gerda und Horst Schnoor, Jochen Meinke, Richard und Natascha Golz, Rodolfo Cardoso und die gesamte Regionalliga-Mannschaft des HSV, Holger Hieronymus, Jürgen Stars, Stefan Schnoor, Horst Becker, Ronny Wulff, Rudi Kargus, Jürgen Hunke, Heini Deininger, Reinhard Rietzke, Michael Schröder und viele, viele mehr. Neben Bestatter Erwin Jürs sprach auch der frühere HSV-Präsident Dr. Wolfgang Klein, der einst als 19-jähriger Leichtathlet von Eberstein aus Hannover zum HSV gelockt worden ist – und in der kleinen Wohnung der Ebersteins (im Lattenkamp) ein Zimmer (das Zimmer von Eberstein-Tochter Heike!) bewohnte. Klein: „Wir trauern heute nicht über ein HSV-Ur-Gestein, sondern über das HSV-Ur-Gestein.“ Seit 1958 war der gebürtige Berliner Eberstein für den HSV, nein für seinen HSV, tätig – er kannte alle und wusste alles – und er half allen, stand immer mit Rat und Tat parat. Sein Motto: „Da wo andere Menschen ihr Herz haben, da schlägt bei mir die Raute in der Brust.“ Wenn es niemals zutreffend war – auf Horst Eberstein traf es zu. Er wird am Freitag auf dem HSV-Friedhof in Bahrenfeld, in Sichtweite zum Stadion, neben seiner Ehefrau Elfriede beigesetzt.

Mach es gut, Horst, Du warst ein unheimlich feiner Mensch, ein freundschaftlicher und auch oft kritischer Begleiter der journalistischen Szene, mit dem man trefflich streiten und diskutieren konnte – aber stets mit Niveau, immer fair. Dafür danke ich Dir nicht nur, sondern verspreche Dir, dass ich immer nur Positives denke, wenn ich mich an Dich erinnere. Weil es auch nichts Negatives von Dir gibt – da warst ein stets ehrlicher Mensch, der kerzengerade seinen Weg ging. Hut ab vor Deiner großen Lebensleistung – ich vermisse Dich schon jetzt. Du warst einfach nur großartig. Und der Vollblut-HSVer schlechthin – für alle ein Vorbild!

19.21 Uhr

“Dittsche”: “Adler ist ein reiner Titan!”

30. September 2012

„Wir sind alle sehr dankbar, dass unser Verein nicht zwei Wochen früher gegründet wurde . . .“ Bei seiner Begrüßungsansprache in der 02 World-Arena scherzte der HSV-Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow über die aktuelle Punktausbeute seines Klubs – denn vor einer Woche hatten viele Skeptiker noch befürchtet, dass der Klub ohne einen Punkt in die Feierlichkeiten zum 125. Geburtstag gehen würde. Dieses Horror-Szenario aber blieb dem HSV zum Glück erspart. Nach dem glücklichen 1:0-Sieg gegen Hannover 96 war „ganz Hamburg“ in Partylaune. Fast 12 000 Zuschauer waren nur ein, zwei Stunden nach dem zweiten „Dreier“ der Saison gekommen, um den Ehrentag des Bundesliga-Dinos zu feiern. Ganz sicher gab es spät in der Nacht, das will ich nicht verheimlichen, auch manche kritische Stimme, weil bestimmt nicht alles so rund gelaufen war, wie gedacht oder geplant. Es gab auch manche kritische Stimme, weil das Jubiläums-Programm nicht jedermanns Geschmack war – aber ich kann für mich sagen: Ein toller und gelungener Abend, es waren großartige Künstler dabei, die mir alle uneingeschränkt sehr gefallen haben. Die Geschmäcker sind eben verschieden.

Für mich war es wunderschön – und fast unglaublich, wie viele prominente HSV-Persönlichkeiten zu diesem Festtag mal wieder nach Hamburg gekommen waren. Das war ein Klassentreffen XXXL. Ganz, ganz hervorragend. Wo soll man anfangen, wo soll man aufhören? Als Uwe Seeler vorgestellt wurde, erhoben sich alle Gäste von ihren Sitzen. Und donnernden Beifall gab es, als „uns Uwe“ sagte: „Für mich ist der HSV schon immer alles – das war mein Leben: Erst Schule und Sport – das war der HSV. Nachher Beruf und Sport – das war auch der HSV. Und jetzt als Passiver auch der HSV. Der HSV wird immer der HSV bleiben und in meinem Herzen verankert sein.“

Die Spieler der Meistermannschaft von 1960, Horst Schnoor, Jochen Meinke, Klaus Neisner, Gert Dörfel und Franz Klepacz (der nicht spielte) waren zu diesen Feierlichkeiten gekommen, der schwer erkrankte Erwin Piechowiak fehlte. Ich hatte den Verteidiger noch am Vormittag getroffen, er ist am Freitag aus dem Krankenhaus entlassen worden, es geht ihm den Umständen entsprechend gut. Für dieses Fest aber wäre er noch nicht wieder fit gewesen.

Ansonsten waren die meisten Größe anwesend: Günter Netzer war da, Manfred Kaltz, Horst Hrubesch, Ditmar Jakobs, Holger Hieronymus, Thomas von Heesen, Wolfgang Rolff, Felix Magath, Dieter Schatzschneider, Benno Möhlmann, Hans-Jürgen „Dittschi“ Ripp, Helmut „Ratte“ Sandmann, Rolf Fritzsche, Jörg Butt, Uli Stein, Jimmy Hartwig, Bernd Wehmeyer, Jürgen Milewski, Michael Schröder, Richard Golz, Harry Bähre, Nico Hoogma, Erik Meijer, Harald Spörl, Carsten Kober, Mehdi Mahdavikia, Sergej Barbarez, Peter Lux, Tobias Homp, Stig Töfting, Thomas Doll, Rodolfo Cardoso (wurde er als Bruno Cardoso vorgestellt? Mir war fast so), Caspar Memering, Uwe Hain, Manfred Kastl, Borisa Djordjevic, Ralf Brunnecker und, und, und. Ich habe ganz sicher etliche HSV-Spieler vergessen zu erwähnen, aber es waren ganz einfach zu viele dabei. Ein traumhafter Abend für jeden HSVer.

Kleine aber nicht unbemerkte Begebenheit am Rande: Als in der Halle große und ganz große sowie verdienstvolle HSVer, die inzwischen verstorben sind, auf den Leinwänden gezeigt wurden, da gab es, als das Foto von Werner Hackmann aufleuchtete, viel und herzlichen Beifall. Welch eine große Geste für den Mann, der maßgeblich (neben Uwe Seeler) mitgeholfen hatte, aus dem kalten Volksparkstadion eine neue Arena zu bauen. Hackmanns Ehefrau Ulla war (mit ihrer Tochter) zu dieser Feier gekommen, sie registrierte den Applaus mit stiller Freude. Wie schön, das es im so coolen Profi-Sport auch noch eine solche Herzlichkeit gibt.

Das Gegenteil musste DFB-Präsident Wolfgang Niersbach erfahren, der oft lautstark ausgepfiffen wurde. Dafür habe ich mich geschämt, gebe ich zu. An einem solchen Abend hätten die Fans, die schlecht auf den Deutschen Fußball-Bund zu sprechen sind, besser einmal geschwiegen . . . Ganz nebenbei kenne ich Niersbach schon ganz lange, er war einst ein Kollege (vom Sport-Informations-Dienst SID) und ist ein fabelhafter Mensch. Dazu auch noch ein absoluter Fußball-Experte, der in der ganzen Welt höchste Anerkennung genießt.
Schade, schade, dass es diese Pfiffe gab.

Nicht nur die Pfiffe waren störend, auch der Wechsel von einer Arena in die andere. Zum Einlass der After-Show-Party hatten die Organisatoren eine halbe (!) Tür geöffnet, die Schlange (der VIP’s) wurde lang und länger – mir taten vor allem die frierenden Frauen Leid. Und wer es dann in die Räumlichkeiten geschafft hatte, der war nicht nur geschafft, sondern auch überrascht. Weil Frau und Mann eigentlich keine Chance hatten, umzufallen. Wer irgendeine Schwäche gezeigt hätte, vielleicht ohnmächtig geworden wäre, der hätte keine Möglichkeit gehabt, zu Boden zu gehen. So übervoll war das. Da muss dem HSV irgendein Planungsfehler unterlaufen sein, da waren ganz sicher viel zu viele Gäste geladen worden – aber der Verein braucht eben jeden Euro. Das war massenweise Aufbauhilfe HSV. Aber man kann eben nicht alles haben . . .

Dafür war die Show in meinen Augen gelungen. Die drei Moderatoren Judith Rakers, Alexander Bommes und Johannes B. Kerner, dazu zeitweise Sylvie van der Vaart (sie soll gedacht haben, dass sie den ganzen Abend mitmoderieren sollte?), Carlo von Tiedemann und Dieter Thomas Heck, machten ihre Sache gut. Hamburgs Perle „Lotto King Karl“ hatten einen überragenden Auftritt, dazu der hervorragende Rea Garvay, auch Scooter (ebenfalls super!) war dabei und der einfach nur großartige Olli „Dittsche“ Dittrich, dazu auch Otto Waalkes (der nur langsam in Fahrt kam . . .) und der Kinderchor „Alsterspatzen“ (heißen sie so?). Nein, das alles hatte was und konnte sich sehen und hören lassen. Auch wenn die Show gegen Ende ein wenig an Stimmung einbüßte. Das Bubble-Footballspiel war absolut überflüssig.

Ganz zum Schluss wurde die von der „Bild“ (den Lesern) gewählte 125-Jahr-Mannschaft vorgestellt. Das sind folgende Spieler: Uli Stein, Jupp Posipal, Peter Nogly, Willi Schulz (er fehlte an diesem Abend), Manfred Kaltz, Ditmar Jakobs, Gert „Charly“ Dörfel, Uwe Seeler, Kevin Keegan (er fehlte leider auch – sehr), Karsten Bäron, Mehdi Mahdavikia, Thomas Doll, Thomas von Heesen, Felix Magath, Rafael van der Vaart, Horst Hrubesch, dazu Trainer Ernst Happel (für den Sohn Ernst junior aus Wien erschienen war) sowie Kult-Masseur Hermann Rieger, der an diesem Abend mehrfach stürmisch gefeiert wurde.

Der unumstrittene Star der gesamten Feierlichkeiten aber war ein anderer Mann: Rene Adler, der mit der gesamten Mannschaft zum Geburtstag gekommen war – samt Spielerfrauen (die sogar auch noch ihren Auftritt hatte). Der HSV-Torwart, der zuvor Hannover 96 an den Rande des Wahnsinns gebracht hatte, wurde geradezu enthusiastisch umjubelt und gefeiert. „Wenn Rene so weitermacht, dann wird er bald wieder in der Nationalmannschaft spielen“, prophezeite Uli Stein. Aber zu diesem Thema gab es kürzlich im Hamburger Abendblatt einen Artikel meines Kollegen Alexander Laux:

„Bundestrainer Joachim Löw macht Torhüter Rene Adler Hoffnungen auf ein Comeback in der Nationalmannschaft nach fast zweijähriger Pause. „Bei Rene Adler muss man jetzt mal nach seiner langen Verletzung abwarten. Aber auch ihn werden wir beobachten”, sagte Löw im Interview des Sportmagazins „Kicker”. Für die nächsten vier Länderspiele habe er sich aber auf Manuel Neuer, Marc-Andre ter Stegen und Ron-Robert Zieler festgelegt, während Bernd Leno die Rolle bei der U21 übernehmen soll.“

Löw müsste also, falls sich nicht noch ein Torhüter verletzten sollte (was niemand hofft!), im Hinblick auf die Spiele gegen Irland und Schweden wortbrüchig werden, und das ist kaum anzunehmen. Adler muss sich also noch ein wenig in Geduld üben – aber er wird ganz sicher bald wieder für Deutschland zwischen den Pfosten stehen. Ganz sicher. In dieser Form, in dieser Über-Form gibt es nämlich keinen besseren Torwächter, als ihn. Obwohl der HSV-Keeper absolut und total bescheiden bleibt – in all der Jubelarien: „Es ist ja mein Job, Bälle zu halten, das mache ich nur. Ich spiele ja nicht allein. Alle haben sich gegen Hannover den Arsch aufgerissen. Und ich mag solche heiß und hart umkämpften Siege viel lieber, als wenn man klar und deutlich gewinnt. Die Stimmung im Stadion war hervorragend.“

Eine ganz besondere Lob-Rede hielt an diesem Abend “Dittsche” auf den HSV-Helden zwischen den Pfosten: “Rene Adler ist ein reiner Titan – er ist der neue reine Torwart-Titan.” Und Torhüter-Legende Horst Schnoor befand: “Ich habe Rene kürzlich beim Abendblatt-Interview kennengelernt, er ist ein ganz feiner Kerl. Und als Torwart sowieso überragend, er wird bald wieder bei Jogi Löw sein.”

Solche Sätze sorgten für Super-Stimmung in der Halle natürlich auch. Besonders zu Beginn der Veranstaltung brodelte es auf den Rängen. Aber da schwebten ja auch alle Zuschauer noch auf Wolke sieben, denn sieben Punkte in einer Woche – die sorgten schon für eine besondere Befreiung.

Die gab es auch für Trainer Thorsten Fink: „Ich bin natürlich überglücklich, denn wir haben ja eine recht schwierige Zeit hinter uns.“ Der HSV-Coach lobte nach dem 1:0-Sieg nicht nur Adler, sondern auch den Kapitän: „Heiko Westermann hatte sich beim 2:2 in Mönchengladbach einen fünf Zentimeter langen Muskelfaserriss zugezogen, aber er wollte unbedingt spielen, und er hat gespielt und durchgehalten. Wie er das gemacht hat, das ist mir schleierhaft, aber der Heiko muss eine Art von Ur-Mensch sein. Wie er das trotz aller Schmerzen hingekriegt hat, mit welcher Leidenschaft er gespielt hat, das ist schon sensationell. Und deswegen habe ich ihn diesmal extra mal gelobt.“

Lob verdienten sich diesmal viele HSV-Spieler. Tolgay Arslan zum Beispiel, der ein riesiges Spiel gemacht hat. Fink über den neuen „Sechser“: „Tolgay hat gelernt, den Ball mal abzuspielen. Das muss er jetzt machen, wenn er neben Rafael van der Vaart spielt. Dieses Spiel tut ihm gut, er sieht nun auch, dass man mit ein, zwei Kontakten viel besser spielen kann, als wenn man zu viel dribbelt. Ich habe vorher auch nicht gedacht, dass er defensiv so gut arbeiten kann, aber er kann es, und deswegen bin ich sehr zufrieden mit ihm.“

Für mich etwas überraschend hatte Fink Petr Jiracek auf der Bank gelassen. Der Tscheche war in Frankfurt mit der Witz-Karte des Jahres (von Wolfgang Stark gegeben!) vom Platz gestellt worden, völlig zu Unrecht, und deswegen hatte ich eigentlich erwartet, dass er gleich wieder in der Anfangsformation stehen würde. Denkste. Fink setzte ein Zeichen. Für den Nachwuchs, für die Jungen, für die Talente. Auch das hat ein Lob verdient. Für Jiracek aber tat es mir Leid, denn ohne diese Rote Karte hätte ja wohl er immer noch gespielt . . . „Wenn ein Mann wie Arslan so gut einschlägt, dann sollte man nicht gleich wieder alles auseinander reißen. Es ist doch schön, dass wir mit Petr Jiracek noch einen so guten Mann auf der Bank hatten, dass wir noch so viele starke Spieler in der Hinterhand haben – aber Jiracek ist genau so wichtig für uns wie alle anderen Spieler.“

Zur Leistung von Rene Adler befand der Trainer: „In Mönchengladbach hat er so gehalten, wie er normal halten muss, diesmal hat er uns den Sieg festgehalten. Er hält im Moment top. Und er ist wichtig für die Mannschaft, denn er sagt mal was. Das ist auch wichtig, dass man nicht nur Spiele hat, die stumm wie Fische sind. Er redet mit seinen Vorderleute, er motiviert sie, und er scheißt sie auch manchmal an, wenn es sein muss. Rene ist ein großartiger Führungsspieler.“

Viel Lob vom Trainer erhielten auch die Fans: „Sie haben hier vier Wochen jeden Tag gearbeitet, das ist sensationell, auch deswegen freut mich der Sieg über Hannover besonders, denn sie hätten nichts anderes verdient. Ich habe hier einige Anhänger jeden Tag gesehen, die müssen Urlaub genommen haben, das nenne ich mal einen leidenschaftlichen Einsatz für den HSV.“

Aber das gilt wohl für viele HSVer an diesem Wochenende. Auf dem Rasen und nebenbei, dazu die vielen, vielen fleißigen Hände bei der Gala und danach – vielen Dank.

Ein Satz noch zu Rafael van der Vaart. Er spielte eine sehr gute erste Halbzeit (für mich), dann tauchte er gelegentlich ab. Die Kraft. Drei Spiele in einer Woche, dass war für ihn, der stets ein riesiges (Lauf-)Pensum erledigt, wohl zu viel. Fink über die „23“: „Rafael hat dem Spiel diesmal nicht seinen Stempel aufgedrückt, aber er fightet und geht immer voran.“ Und van der Vaart bekannte: „Das war kein gutes Spiel von uns, Hannover war spielerisch besser. Ab er das ist mir heute egal, es zählt nur der Sieg.“ Über den Fink sagte: „Es war ein dreckiger Sieg, aber auch muss man mal gewinnen können.“

Und zu Artjoms Rudnevs sei gesagt: Der Lette wird immer besser, auch wenn ihm noch lange nicht alles gelingt. Aber er trifft, und das haben einige Experten (des HSV) prophezeit. Macht er erst ein Tor, dann werden andere folgen. Stimmt. So darf der „Rudi“ weitermachen. Was man ihm aber auf jeden Fall attestieren muss: Rudnevs läuft viel, geht weite Wege, geht auch dorthin, wo es weh tut – deswegen ist er schon jetzt sehr wertvoll geworden.

Alles wird gut.

PS: Es gibt noch einen prächtigen Nachschlag in Sachen 125-Jahr-Feierlichkeiten: Der Fernsehsender “HH1″ überträgt am Montag von 20.15 Uhr an über 90 Minuten auch eine HSV-Geburtstags-Gala. An ihr werden viele namhafte HSV-Größen von einst teilnehmen, so sind dabei Horst Schnoor, Jochen Meinke, Thomas Doll und Richard Golz, Horst Hrubesch und Holger Hieronymus, dazu Klub-Chef Carl-Edgar Jarchow, Kult-Masseur Hermann Rieger und “Ober-Fan” Johannes “Jojo” Liebnau. Es wäre schön, wenn ihr einschalten würdet.

PS PS: Am Montag ist trainingsfrei. Sie haben es sich verdient.

16.31 Uhr

Kühne und die Sorgen der “Matz-abber”

9. September 2012

Die Zeiten ändern sich. Alles ist im Fluss. Ständig. Und gelegentlich ist alles auch mit einem leicht dramatischen Hauch garniert. Letzteres allerdings gibt mir von Tag zu Tag mehr zu denken. In meinem Kopf steckt noch immer das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC. Was dabei auf den Tribünen und später auf dem Platz abging. Dann werde ich in meinen Gedanken nicht los, dass gewisse Teile des HSV-Anhangs (im Stadion) ihre eigenen Spieler auspfeifen. Angefangen bei Piotr Trochowski, weiter über David Jarolim, dann zu Heiko Westermann und Dennis Aogo. Was sind das für Fans, die ihre „eigenen“ Spieler so dermaßen kritisieren? Und der „Fall Pezzoni“ rundet dieses Bild in diesen Tagen noch ab: Kevin Pezzoni ist von Kölner FC-Hooligans an seiner Haustür und im Internet bedroht worden. Der 23 Jahre alte Abwehrspieler verließ daraufhin seinen Klub und erklärte, dass er gehofft habe, „dass sich die FC-Verantwortlichen hinter mich stellen und versuchen, mich zu schützen. Eigentlich sollte ein Verein dazu in der Lage sein, seine Spieler vor den Fans zu schützen. Das war in diesem Fall nicht so.“

Es ging nach diesem Vorfall ein Aufschrei durch die Fußball-Republik. Wer hat sich nicht dazu alles geäußert? Sie alle haben ihren Senf dazu abgegeben, nur ändern wird sich wohl kaum noch etwas. Der Karren scheint mir schon viel zu festgefahren. Wobei ich mich noch genau daran erinnern kann, wie ich einst, uns zwar im Jahre 1959, HSV-Fan geworden bin. Dass der Klub damals von Carl-Heinz Mahlmann geführt wurde, dem Bruder des Liga-Trainers Günther Mahlmann, das wusste ich erst einige Jahre später. Schatzmeister des Klubs war Karl Mechlen, mehr wusste ich von der damaligen Klub-Führung nicht. Das war mir auch zu unwichtig. Ich wollte Uwe Seeler, Gert „Charly“ Dörfel, Horst Schnoor, Klaus Stürmer, Jochen Meinke und Co Fußball spielen sehen. Für sie habe ich am Rothenbaum „HSV, HSV, HSV“ gebrüllt, oder „Uwe, Uwe, Uwe“ geschrien. Ich habe den HSV angefeuert, weil ich ihn siegen sehen wollte. Und weil sie alle meine Vorbilder waren, wenn ich als Straßenfußballer von morgens bis abends „gedaddelt“ habe.

An die Vereinsführung habe ich nie gedacht. Das lief. Ich war kein Mitglied, ich hatte absolutes Vertrauen in die Präsidenten-Etage – wenn ich überhaupt mal daran gedacht habe.
Gepfiffen habe ich gegen meinen HSV nie. Das kann ich beschwören. Natürlich gab es mal den einen oder anderen Spieler, der in Sachen Leistung ein wenig hinterher hinkte, aber ausgepfiffen? Deswegen? Nie! Was vielleicht, das will ich nicht verheimlichen, auch daran lag, dass der HSV ja meistens auch gewonnen hat. Er war im Norden die Nummer eins, wenn man an den Rothenbaum pilgerte, dann wusste man doch zu 95 Prozent, dass man mit einem Heimsieg nach Hause fahren würde. Deswegen waren Pfiffe natürlich auch nicht an der Tagesordnung.

Wobei ich auch ganz klar sagen möchte, dass ich keine unmündigen Fans haben möchte. Alle sollen, sollten und dürfen natürlich ihre Meinung sagen, aber dabei muss die Form gewahrt bleiben. Pöbeleien unterhalb der Gürtellinie, Drohungen usw. – das gehört niemals dazu, schon gar nicht in den Sport. Und wer etwas partout verändern möchte, der sollte sich dann doch mal anschicken, sich in ein Amt wählen zu lassen.

Grundsätzlich aber möchte ich noch zwei, drei Sätze zu dieser Fan-Problematik sagen:

Bitte lasst den Hass weg! Sobald Hass im (Fußball-)Spiel ist, ist die Sache total verdorben. Hass passt nicht, Hass geht gar nicht!

Warum ich das alles schreibe? Weil mir die jüngste Entwicklung Sorgen bereitet. Die Fans werden immer bestimmender, mitbestimmender, sie werden auch aggressiver gegenüber jenen Leuten, die den Klub führen. Passt einem Fan heutzutage die Nase des Vorstandsvorsitzenden nicht, so wird heftig kritisiert, gemeckert, gepöbelt, sogar gedroht. Eine ganz schlimme Phase, die der Profi-Fußball im Moment durchleben muss. Und ob dies alles nur eine Entwicklung des Internets ist, das wage ich noch zu bezweifeln. Sicherlich unterstützt die Anonymität des Netzes ein gewisses Fan-Un-Verhalten, aber damit ist das längst noch nicht alles erklärt. Trotz allem bin ich der Meinung, dass vieles in den Vereinen zu lange unter den Tisch gekehrt wurde, anstatt diese teilweise gefährlichen Entwicklungen mit dem nötigen Ernst zu betrachten – und ihnen zu begegnen. Ob es dazu nun schon zu spät ist? Ich glaube beinahe ja.

Es gibt aber auch Gegen-Beispiele. Oder Parade-Beispiele. Und über einen solchen Fall möchte ich heute berichten. Wir alle erinnern uns vielleicht noch an den „Fall Ruud van Nistelrooy“. Damals, als der Niederländer zum HSV kam, wussten es zwei „Matz-abber“ (und zwar „Eiche Nogly“ und „Jacek Dembinski“) schon zweieinhalb Tage eher als die Öffentlichkeit. Als der HSV davon erfuhr, baten sie diese beiden Herren, weiterhin Stillschweigen zu bewahren, um den Transfer nicht zu gefährden. Sie schwiegen. Und zwar so lange, bis es nicht mehr ging – dann stand es bei „Matz ab“ zuerst.

Über einen ähnlichen „Fall“ möchte ich heute schreiben. Vier „Matz-abber“ haben sich in den zurückliegenden Wochen nicht nur Sorgen um den HSV gemacht, auch nicht nur sehr, sehr große Sorgen um den HSV – sie haben auch gehandelt. Sie haben in meinen Augen etwas ganz Großes gemacht. Und etwas total Vorbildliches. Nachahmenswertes. Bilderbuchartiges. Nein, wirklich, vor diesen vier HSV-Fans ziehe ich den Hut. Werde es auch immer tun. Sie haben sich nämlich nicht nur um die drei großen Hamburger Buchstaben gesorgt, sie haben auch die Initiative ergriffen – sie haben gehandelt. Und wie! Bravo, kann ich da nur sagen, so sieht in meinen Augen das Verhalten eines echten HSV-Fans aus.

Diese vier „Matz-abber“ haben sich beraten, wie man den HSV vor dem Sturz in die Zweitklassigkeit bewahren könnte – und sie kamen zu folgender Lösung. Da sie wussten, dass das Verhältnis zwischen Vorstand und dem Mäzen, Gönner oder Sponsor Klaus-Michael Kühne ein wenig lädiert war, schrieben sie den Herrn Kühne kurzerhand (per Mail) an. Eine Bravourleistung!

Und die sah so aus:

Sehr geehrte Frau Lauble-Meffert,

ich wende mich an Sie, da Sie bei der Pressemitteilung von Herrn Kühne vom 13.07.12 bzgl. Rafael van der Vaart als Ansprechpartnerin genannt waren.
Wir hatten lange überlegt, ob wir an Herrn Kühne schreiben sollen, da wir ja nur ganz normale HSV-Fans/Mitglieder sind, aber da der aktuelle Vorstand unserer Meinung hier einen falschen Weg einschlägt und seit dem 13.07.12 nichts weiter passierte (zumindest wurde nichts öffentlich) wagen wir es doch, uns direkt an Herrn Kühne zu wenden.

Bestimmt erhalten Sie sehr viel Post für Herrn Kühne, aber wir möchten Sie trotzdem bitten, den angehängten Brief an Herrn Kühne weiterzuleiten und bedanken uns schon vielmals im Voraus.

Bei Rückfragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Die Mail der „Matz-abber“ werde ich nun nicht veröffentlichen. Die Antwort des Herrn Kühne (der die Mail der „Matz-abber“ auch an den HSV-Vorstand weiter geleitet hatte) kam postwendend – sie kam eigentlich sofort. Auch das ist in meinen Augen super und eine Klasse-Aktion. Herr Kühne schrieb den vier „Matz-abbern“ zurück:

Sehr geehr. . . ,

über Frau Lauble erhielt ich Kenntnis von Ihrer heutigen E-Mail, wofür ich Ihnen vielmals danke. Ich bin in der Tat auf der Suche nach geeigneten Wegen, um den HSV unterstützen zu können. Das Management macht es mir in seiner Entschlusslosigkeit nicht leicht; dennoch gebe ich nicht auf und wir sind uns darin einig, dass ein erstklassiger Mittelfeld-Regisseur gefunden werden muss, um das HSV-Spiel entscheidend zu verbessern. Es gibt mir Hoffnung, dass Sie das Interesse und Engagement der Mitglieder so deutlich dokumentieren. Eine möglichst zielführende „Mitgliederbewegung“ würde bei mir auf volle Sympathie stoßen.

Der Vereinsleitung habe ich des Öfteren vorgeschlagen, die Mitglieder dazu zu bewegen, wenn auch kleinste Beiträge für neue Spielerkäufe zu leisten, die ich dann von meiner Seite verdoppeln könnte. Leider hat der Vorstand diese Anregung nicht aufgegriffen; sie sollte vielmehr aus der Mitte der Mitglieder kommen. Eine entsprechende Initiative von Ihrer Seite würde ich sehr begrüßen.

Mit freundlichen Grüßen,

Klaus-Michael Kühne

Zeitgleich, fast zeitgleich, schrieben die „Matz-abber“ auch an den Boss des HSV-Aufsichtsrates, Alexander Otto. Dieses Schreiben ist nachstehend zu lesen:

Sehr geehrter Herr Otto,

mit Argwohn betrachten wir schon sehr lange die Entwicklung beim HSV. Als Außenstehender, der man als Mitglied trotz allem zwangsläufig ist, kann man all die Entscheidungen, die in den letzten Jahren getroffen wurden, nur mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen.

Obwohl auch Sie seit Jahren dem Aufsichtsrat angehören, habe ich zu Ihnen sowie zu Ernst Otto Rieckhoff das meiste Vertrauen, weil sie beide nach vorn schauen und den HSV wieder dahin bringen wollen, wo er hingehört.

Ich habe Sie trotz Ihrer außerordentlichen Position im Geschäftsleben, sowohl letztes Jahr im Zillertal aus der Nähe erleben dürfen, wo Sie als Urlauber und sympathischer „Zeitgenosse“ anwesend waren, wie auch im Mai auf der Mitgliederversammlung, wo wir oben im Restaurant miteinander gesprochen haben, wie auch auf dem Podium, wo Sie ein ums andere mal, uns, rechts von Ihnen sitzend, Applaus gespendet haben für unsere Beiträge. Mit großer Ernttäuschung haben wir auch den Ausgang zu der Abstimmung bzgl. Verkleinerung des Aufsichtsrats aufgenommen und die daraus resultierenden Folgen.

Es ist schon hervorragend wie Sie sich, trotz Ihrer ganzen Ämter und den internen Querelen, um den HSV verdient machen, Campus, Ochsenzoll etc. und somit die eigene Familie vernachlässigen, das kann man nicht hoch genug anrechnen.

Wir, eine kleine „Clique“ von dem OFC „Matz ab“, möchten Sie mit diesem Schreiben darum bitten, das Sie mit Ernst Otto Rieckhoff, wenn es noch nicht passiert ist, das „leckgeschlagene Schiff“, Kühne/ Jarchow wieder „seetüchtig“ machen, weil wir es nur Ihnen zutrauen, in dieser verzwickten Situation klaren Kopf zu bewahren.

Sicher ist auch von Seiten Herrn Kühnes diese Sache etwas eskaliert, worauf man beim HSV verärgert reagiert hat, denn nicht jeder macht es mit dem Engagement so geräuschlos wie Sie. Trotz allem soll und darf man nicht so fahrlässig mit einem Gönner umgehen, egal wer und wen es betrifft.

Wir alle machen uns große Sorgen um den Einfluss des SC, der in diesem Fall, wie wir vermuten die Fäden zieht, wogegen auch Sie allein machtlos sind, hier muss ein Umdenken her. Sicher sollte ein Mäzen keinen Einfluss auf Spielerkäufe ausüben, aber die Festlegung von Herrn Kühne war ja nicht nur auf die Nr. 23 positioniert.

Wenn Sie, Herr Otto, diese Sache im Sinne von über 70.000 Fußball Mitgliedern in die Hand nehmen würden, von denen bestimmt über ? nichts mit dem Universalsportverein, noch mit dem SC am Hut haben, sondern ausschließlich nur guten und attraktiven Fußball in der ersten Bundesliga sehen wollen, dann würden sicher auch Ihre und die Vorstellungen von Ernst Otto Rieckhoff, für den HSV in die Tat umgesetzt werden. Wenn Sie das in den Griff bekommen, dann sind wir die ersten, die Ihrer Frau als Dank einen großen Blumenstrauß nach Hause bringen würden, als Dank für Ihren tollen Einsatz, im Sinne aller HSVer. Gerne würden wir uns auch in einem Gespräch mit Ihnen austauschen, falls Sie daran Interesse haben um evtl. auch zu erfahren, wie wir Sie unterstützen können.

Zu ihrer Kenntnisnahme, wir haben auch einen Brief an Herrn Kühne geschickt, um auch hier, wieder eine positive Resonanz für den (seinen/unseren) HSV zu erreichen – und haben auch sofort eine Antwort von Herrn Kühne persönlich erhalten. Gerne lassen wir Ihnen die entsprechende Korrespondenz bei Interesse zukommen.

Besten Dank schon einmal im Voraus.

Mit sportlichen Grüßen.

Auf die Antwort von Herrn Otto verzichte ich in diesem Fall, aber sie gab es, und zwar recht ausführlich. Sie gab es vielleicht auch deshalb, weil sich zu jener Zeit wirklich alle und jeder große Sorgen um den HSV machten. Zum Glück. Entweder haben die Herren noch ein spätes Einsehen gehabt, oder sie konnten dem druck der Anhängerschaft, der Experten und der Medien nicht mehr ganz so gelassen gegenüber stehen.

Es kam, was viele HSV-Fans erfreute – noch immer erfreut. Petr Jiracek wurde verpflichtet, und auch der „kleine Engel“, Rafael van der Vaart.
Nach diesem Transfer schrieben die vier „Matz-abber“ erneut an Herrn Kühne:

Sehr geehrter Herr Kühne,

mit riesengroßer Freude haben wir gestern Vormittag die Meldung verfolgt, dass Rafael van der Vaart beim HSV einen Vertrag unterschrieben hat und er wieder in Hamburg gelandet ist. Was ein Glückstag für den HSV!

Wir möchten Ihnen vielmals danken, dass sie während der schwierigen Zeit trotzdem das Gespräch mit den Herren vom HSV weiter geführt haben. Desweiteren natürlich, dass Sie dem Verein so tatkräftig finanziell zur Seite stehen.

Ihr Engagement, Ihre Geduld und Ihre Fokussierung zur Umsetzung des Transfers von Rafael van der Vaart werden wir Ihnen niemals vergessen und der Dank dafür kann gar nicht groß genug sein.

Herr Kühne, unserer Einschätzung nach haben Sie den HSV wieder den richtigen Weg gewiesen, VIELEN DANK!

Hochachtungsvoll . . .

Auch ich sage vielen Dank. Allen Beteiligten. Und vor allen Dingen den vier „Matz-abbern“, die nicht (nur) gemeckert haben, sondern die handelten. Aus Sorge um die Zukunft des HSV. So sollte es eigentlich sein.
Danke.

Den vier „Matz-abbern“ habe ich diesen Bericht vorab zum Lesen gegeben, damit sie wissen, dass ihre Namen dabei nicht erscheinen. Das wollten sie nicht, weil es, wie sie mir sagten und schrieben, „hier nicht um persönliche Eitelkeiten oder Selbstbeweihräucherung geht“.

So sehe ich das auch.

Zum guten Schluss noch eine Meldung in Sachen HSV-Finanzen, von denen ich zuletzt ja schon berichtet hatte, dass der Klub durch den Van –der-Vaart-Transfer mächtig unter Druck gerät. Es wäre normal nicht mehr eine Million in der Kasse gewesen, nun aber – das darf sich jeder selbst ausrechnen – sind gleich „Millionenden“ aktiviert worden. Dazu gab der Vorstands-Vorsitzende ein Radio-Interview:

Der Vorsitzender Carl-Edgar Jarchow vom HSV sieht die hohen Transferausgaben in dieser Saison als Risiko an. „Das belastet mich, damit tue ich mich auch nicht leicht“, sagte Jarchow dem Radiosender NDR 90,3. Rund 24 Millionen Euro hat der Verein in neue Spieler investiert, obwohl er seit zwei Jahren rote Zahlen schreibt. Der Unterschied zu den Vorjahren sei jedoch, dass alle Spieler – außer vielleicht Rafael van der Vaart – in einem Alter seien, „wo sie zukünftig auch noch einen Wert für den Verein haben werden“.

Der Klubchef bestätigte, dass die Verpflichtung van der Vaarts für 13 Millionen Euro den HSV tief in die roten Zahlen reißen werde. „Das fürchte ich, ja. In der Tat“, meinte Jarchow.

Den in den vergangenen Tagen heftig kritisierten Sportchef Frank Arnesen nahm Jarchow in Schutz. Arnesen war unter anderem vorgeworfen worden, durch die Hinzuziehung eines weiteren Beraters eine überhöhte Ablösesumme für den Kroaten Milan Badelj von Dinamo Zagreb gezahlt zu haben. Jarchow: „Aber wir haben den Spieler, und, da sind wir uns im Vorstand einig, zu absolut vertretbaren Konditionen.“ Der Kroate soll 3,5 Millionen Euro gekostet haben. Mit Arnesen hatte sich der Aufsichtsrat in einer neunstündigen Mammutsitzung beschäftigt.

Vorwürfe an Arnesen, die Jarchow unterstellt werden, seien ein Missverständnis. Die Kritik an der Transferpolitik der vergangenen Wochen betreffe den gesamten Vorstand, meinte Jarchow. „Insofern habe ich mich auch selbst gemeint. Ich habe bestimmt nicht Kritik an Frank Arnesen üben wollen, das ist eine reine Interpretation.“

Dann war da noch das Legenden-Spiel Hamburg gegen Deutschland. Die Hanseaten verloren auch in diesem Jahr, zwar nicht so hoch wie im Vorjahr (1:6), sondern nur 1:2, aber eben wieder eine Niederlage. Daran hat sich Hamburg offenbar schon gewöhnt. Das Tor der Elb-Auswahl erzielte Sergej Barbarez, 1:2 stand es bereits zur Pause. „Es war wie ein Klassentreffen“, befand Lothar „Loddar“ Matthäus.

PS: An diesem Montag wird im Volkspark nicht trainiert.

17.27 Uhr

Die besten Wünsche zum Jahr 2012

1. Januar 2012

Willkommen im neuen Jahr, alles Gute für Euch, Glück, Erfolg und vor allem beste Gesundheit. Und ganz speziell wünsche ich Euch, dass sich der HSV 2012 wieder von seiner besten Seite zeigt. Am Dienstag geht es ja wieder mit dem Training los, am Mittwoch fliegt die Mannschaft ins Trainingslager nach Marbella, dann erfolgt der Feinschliff erstmals unter der Regie von Thorsten Fink. Ich kann es, das gebe ich zu, kaum erwarten, den „neuen“ HSV dann am 22. Januar im Heimspiel gegen Meister Borussia Dortmund zu sehen, irgendwie erwarte ich schon ein bisschen mehr – als zuletzt. Aber mal abwarten, wie sich das dann alles entwickelt.

Ohne Fußball geht es ja auch im neuen Jahr nicht, während ich das schreibe, sehe ich mir Sunderland gegen Manchester City an. Der englische Spitzenreiter mit einem ganz starken Kapitän namens Vincent Kompany. Der Bursche hat sich schon gemacht. Kann aber auch nicht verhindern, dass es nach einer Stunde immer noch 0:0 heißt. Nigel de Jong spielt auch mit, hat sich in der siebten Minute bereits Gelb abgeholt –Blutgrätsche. Was mir auffällt: Schon in der Vorwoche taten sich die Spitzenklubs sehr schwer, das setzte ich auch diesmal fort, denn ManU verlor daheim gegen den Tabellenletzten Blackburn 2:3. Und Chelsea verlor zu Hause gegen Aston Villa 1:3. Hat sich mal gelohnt, dieser Ausflug, denn die englische Liga gilt ja bei vielen Experten als die beste der Welt. Aber mich erinnerte das ein wenig an Italien von früher. Und an Riegel-Rudi. Was in England von den „Kleinen“ gemauert (und dann gekontert) wird, das ist sagenhaft. Da stehen zehn Spieler im und am eigenen Strafraum – und es ist schon kurios zu sehen, dass die „Großen“ keine Lücken finden. Das ist wirklich einfallslos, dieses Gekicke, irgendwie hat England nachgelassen. Oder es ist nur eine schlechte Momentaufnahme. Übrigens hat Rafael van der Vaart für Tottenham getroffen, per Seitfallzieher (abgefälscht) zum 1:0 gegen Swansea, Endstand 1:1.

Zum HSV. Am 1. Januar. Da denke ich – wahrscheinlich geht es Euch ebenso – unwillkürlich an die Rückrunde und ganz allgemein an die Zukunft der Raute. Natürlich habe ich Hoffnungen und Wünsche. Der Klub will ja künftig verstärkt auf den eigenen Nachwuchs setzen, weil die Summen, die neue Spieler kosten, bald nicht mehr zu bezahlen sein werden. Deswegen hoffe ich, dass vor allem das Team um Frank Arnesen den Nachwuchsbereich so auf die Beine stellen kann, dass dieses Rezept dann auch funktioniert. Natürlich hat der HSV im Moment eine sehr junge Mannschaft, aber ich wünschte mir schon, dass da mehr Spieler dabei wären, die – wie zum Beispiel Heung Min So und Zhi Gin Lam – aus der eigenen Jugendarbeit kämen. Immerhin aber hat sich das gegenüber der Zeit vor ungefähr zehn, 15 Jahren schon verbessert. Aber es kann eben auch noch viel besser werden, es muss sogar besser werden, wenn der HSV mit diesem Konzept überleben und auch wieder nach oben kommen will.

Dann würde ich mir schon wünschen, wenn die Verantwortlichen das wahr machen würden, was sei vor Beginn der Saison schon verkündeten, nämlich die Zusammenarbeit mit den „Ehemaligen“ intensivieren und verbessern. Manfred Kaltz ist ein solcher Name. Als ich ihn in der Anfangszeit dieser Saison traf, da war er frohen Mutes, dass er in irgendeiner Form „eingebunden“ wird in die HSV-Arbeit. Ist aber bei der Hoffnung geblieben.

Ferner würde ich mir wünschen, dass Uwe Seeler stärker Gehör im Klub findet, und dass mit einem Mann wie Horst Hrubesch, der immerhin schon seit Jahren als DFB-Trainer fast alle deutschen Talente kennen gelernt hat, den aber bis zu dieser Saison niemand einmal um einen Rat (oder um einen Spieler-Tipp) gefragt hat. Jedenfalls kein Hamburger. Was ich für wenig professionell halte – aus HSV-Sicht.

Für das Klub-Leben ganz allgemein würde ich mir wieder mehr miteinander als gegeneinander wünschen, schon allein im Hinblick auf die Jahreshauptversammlung am 15. Januar. Dass es da nicht eskaliert oder auf die Spitze getrieben wird, denn im Moment hat der HSV doch ganz andere Sorgen – sportliche nämlich.

Ganz nebenbei: In der 93. Minute schießt Sunderland das 1:0 gegen Manchester City. Welch ein englisches Wochenende. . .

Zurück zum HSV. Ich wünsche dem Romeo Castelen, dass er es in diesem Jahr schafft, in der Anfangsformation zu stehen. Ich weiß, ein sehr frommer Wunsch, aber ihm würde ich es so sehr gönnen. Und freuen würde ich mich, wenn David Jarolim doch noch in Hamburg bleiben würde, könnte, dürfte. Dass er auf der Abschussliste steht, das soll auch den Hintergrund haben, dass sich der HSV von einem Spieler trennen möchte, der zu den besser verdienenden Profis gehört. Und Geld ist, das wissen wir schon lange, knapp im Klub. Und wenn „Jaro“ dann doch gehen muss (wird), dann fände ich es schon schön, wenn er nach seiner Spielerkarriere wieder zurück zum HSV kommen könnte, um seine Erfahrung an die jungen Spieler zu vererben.

Ich würde mir auch wünschen (und mich freuen, wenn es gelänge), dass der Vertrag mit Gökhan Töre schon jetzt verlängert werden könnte. Ich weiß, so denken nicht alle in Hamburg (Eiche Nogly zum Beispiel), aber für mich ist dieser junge Mann ein riesiges Juwel, den würde ich noch sehr gerne ganz lange in Hamburg sehen wollen. Aber daran wird ja auch schon intensiv gearbeitet – ich drücke Frank Arnesen die Daumen.

Zum Fußball ganz allgemein habe ich mir auch während dieser Winterpause meine Gedanken gemacht. Und, da ich schon ein paar Tage länger auf dieser Welt bin, auch mal verglichen. Fußball damals, Fußball heute. Da hat sich doch sehr, sehr viel verändert.

Das beginnt schon vor dem Spiel – auch das ist oft sehr gut im Fernsehen zu sehen. Bevor die Mannschaften auf den Rasen kommen, begrüßen sich die meisten Spieler schon per Handschlag. Dann die Seitenwahl. Schieds- und Linienrichter bekommen von den Kapitänen die Hände geschüttelt, die Kapitäne begrüßen sich jetzt auch für die Fans im Stadion noch einmal per Handschlag – dann segelt die Münze durch die Luft. Ball oder Seite? Unmittelbar danach geben sich die Herren alle noch einmal die Hände. Absolut hygienisch, zumal dann, wenn sich die Spieler vorher mit Salben ihre Muskeln eingerieben haben . . . Das ist schon alles sensationell. Irgendwann macht aber, so denke ich, mal ein Kapitän schlapp und scheidet schon vor dem Anpfiff wegen des „Dauerschüttelns“ mit einem „Tennisarm“ aus. Wetten, dass . . ?

Was mir auch aufgefallen ist: Beim Anstoß steht oft schon der Spieler, der den Ball nach dem Anstoß in Empfang nimmt, in der gegnerischen Hälfte. Früher haben die Schiedsrichter darauf geachtet, heute nicht mehr. Zudem wird der Anstoß selbst oft falsch ausgeführt – oder ist da etwas an mir vorbeigegangen? Es hieß doch einst, dass der Ball nach vorne gespielt werden muss – das geschieht oftmals nicht mehr, er wird nur quer gespielt. Wie zum Beispiel in der Enjoy-Werbung mit Jürgen Klopp. Hat wohl Schule gemacht.

Kurios ist ja auch jene Anstoßzeremonie, wenn die Mannschaft den Ball immer nur zurückspielt – bis hin zum Torwart. Und der muss die Kugel dann mit einem weiten Schlag möglichst in die gegnerische Hälfte befördern – unkontrolliert. Die Frage, die ich mir stelle: können das die Feldspieler nicht auch? Und sollte diese Frage nicht auch ein Trainer stellen, nämlich an seine Mannschaft?

Früher, ist ja ganz auffällig, wurden ja auch noch falsche Einwürfe (ein Bein in der Luft, Ball mit einer Hand geworfen, und, und, und) abgepfiffen, heute erst, wenn ein Spieler mit der Kugel mit beiden Beinen abhebt wie ein Frosch . . .

Aber das ist ja auch wohl egal, es geht ja in erster Linie um Fußball. Obwohl: Wenn ich teilweise sehe, wie ein Spieler nach dem Schiedsrichter-Pfiff den Ball in die Hände nimmt, um dann mit ihm einige Meter weg zu laufen, dann finde ich das höchst unfair. Der Ball wird dann meistens im hohen Bogen zum „Tatort“ geworfen, Motto: „Jede Sekunde Verzögerung zählt.“ Ich frage mich, warum ein Spieler den Ball überhaupt in die Hände nimmt? Soll er die Kugel doch liegen lassen – so wie beim Handball. Da muss der Ball dort liegengelassen werden, wo das Foul geschah, ansonsten gibt es (wohl) schnell mal eine Zeitstrafe. Im Fußball würde ich dafür Gelb verteilen – und statt dessen auf Gelbe Karten nach dem Torjubel (Sprint zur Fan-Kurve, Trikot über den Kopf ziehen) verzichten. Aber das werden die alten Herren der Fifa wohl kaum für mich ändern, ich weiß, ich weiß.

Dafür sollten sich die Herren – auch die Schiedsrichter – mal überlegen, wie es mit der Nachspielzeit ist. In der Schlussphase dieser Hinserie habe ich einige Live-Spiele im Fernsehen erlebt, die auf die Sekunde pünktlich abgepfiffen wurden – sowohl die erste als auch die zweite Spielhälfte. Und dann erinnere ich mich immer gerne an den 19. Mai 2001. An diesem Tag wurde in Hamburg der Meister der Herzen gekürt – und zwar im fernen Gelsenkirchen. Weil der FC Bayern in der 94. Spielminute im Volkspark noch zum 1:1 gegen den HSV gekommen war. Schiedsrichter Dr. Markus Merk hatte, weil es (wie er später sagte) insgesamt sechs Auswechslungen in der zweiten Halbzeit gegeben hatte. Diese Ein- und Auswechslungen hätten für die lange Nachspielzeit geführt.

Hamburg war es egal, wer Meister wurde – Bayern oder Schalke. Aber in den folgenden Jahren habe ich sehr wohl beobachtet, dass es Spiele mit sechs Ein- und Auswechslungen gab, die pünktlich (oder fast pünktlich) abgepfiffen worden sind. Und da frage ich mich schon: was denn nun? Die Schiedsrichter sprechen immer davon, dass es kein „Fingerspitzengefühl“ im Fußball zu geben hat. Das mag ja sein, aber ist es Mitleid? Oder was ist es, wenn einmal so (lange) verlängert wird, oder einfach – piepe-schnurz-egal – pünktlich abgepfiffen wird? Deshalb mein Vorschlag: Jeder wüsste, ob Spieler, Trainer, Fans und Schiedsrichter: Gibt es sechs Einwechslungen, wird pro Spieler um eine halbe Minute verlängert. Sechs Mal eine halbe Minute, das wären drei Minuten insgesamt. Und dazu käme dann noch die eine oder andere Verzögerung, wenn es die dann gegeben hätte. Auf jeden fall wüssten alle Beteiligten: Hat es hier soundso viele Auswechslungen gegeben, wird soundso lange nachgespielt – und Ende. Dann entscheidet nicht mehr der Zufall, auch nicht das Fingerspitzengefühl, auch nicht die Willkür eines Schiedsrichters. Wäre meines Erachtens mal nachdenkenswert.

Was mir auch ein- und auffiel: Hand hoch – bevor der Eckballschütze schießt. Sehen wir ja immer wieder. Gab es früher nie. Nie! Aber warum heute? Warum hebt der ausführende Eckballschütze den Arm? Achtung, jetzt schieße ich! Oder: Dieser Ball fliegt besonders hoch zur Mitte? Oder ist es auch nur eine Warnung für tieffliegende Vögel? Oder, wie früher bei Mehdi Mahdavikia, eine Entwarnung für Maulwürfe, weil dieser Ball ausnahmsweise nicht flach zur Mitte gedroschen wird? Ich habe noch kein Tor gesehen, dass nach einem Eckstoß erzielt wurde, als der Spieler die Hand anhob. So nach dem Motto: Denen haben wir es aber mal (an-)gezeigt, und trotzdem haben die nichts gemerkt.

Früher hieß es ja auch von so manchem Spieler (und Trainer): „Hätte er den Ball doch nur einfach auf die Tribüne geballert, dann wäre dieses letzte Tor nicht mehr gefallen.“ So hieß es übrigens auch am 19. Mai 2001 als, als es den HSV-Rückpass auf Torwart Matthias Schober gegeben hatte: „Hätte der doch den Ball nur einfach auf die Tribüne gedroschen.“ In diesem Fall hätte es wohl geholfen, ansonsten aber wohl kaum noch, denn heute liegen so viele Bälle draußen bei den Balljungs, so dass es immer gleich weiter geht, ohne darauf zu achten, ob sich da noch eine Kugel auf der Tribüne befindet.

Und was auch weiterhin zunimmt: spucken. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, dass früher so viel gespuckt wird. Ich gehe seit 1959 zum HSV, ich habe Horst Schnoor, Jochen Meinke, Jürgen Werner, Horst Dehn, Uwe Seeler und auch Gert Dörfel nie spucken gesehen. Weil es damals nicht vom Fernsehen entlarvt wurde? Ich glaube nicht. Es war damals einfach nur nicht „angesagt“. Heute rotzen sie alle naselang auf den Rasen und merken nicht, wie ekelhaft es ist. Ist wahrscheinlich auch egal, müssen sich ja Freund und Feind drin herumwälzen . . .

Und noch eines ist mir aufgefallen. Wie oft haben wir von Spielern und Trainern schon folgende Floskel gehört: „Kein Spieler verletzt einen anderen mit Absicht, da gibt es einen Ehrendkodex.“ Natürlich. Der Fall „Jones gegen Reus“ zeigt es doch eindrucksvoll. Niemand will einen anderen absichtlich verletzen. Wer glaubt, dass das ein Einzelfall ist, der glaubt auch daran, dass sechs Ein- und Auswechslungen drei Minuten Nachspielzeit bedeuten – und zwar in jedem Fall.

Was mir, und damit bin ich dann auch am Ende, positiv aufgefallen ist: Bei den Spielen der Dortmunder geht BVB-Trainer Jürgen Klopp meistens sofort auf den Rasen. Einige Mal hat er das schon gemacht, um dem Schiedsrichter-Gespann seine Meinung zu geigen, das ist natürlich nicht gut. Und es ist auch gar nicht gemeint. Vielmehr ist zu beobachten, dass „Kloppo“ nicht nur seinen Spielern die Hände drückt (oder ihnen einen Klaps auf die Schultern gibt), sondern auch den Spielern des Gegners. Das sollte in der Tat Schule machen, denn das halte ich für nachahmenswert – weil es eine schöne sportliche Geste ist. Klopp macht es auch dann, wenn sein Team nicht gewonnen hat. Und er macht es schon seit vielen, vielen Jahren. Erstmalig habe ich es beim Zweitliga-Spiel Mainz 05 gegen St. Pauli beobachten können – und war schon damals fasziniert davon. Für mich heißt das dann: „Jungs, alles in Ordnung, egal was war, wir geben uns die Hand und bleiben Freunde . . .“ Toll. Oder bin ich einfach nur ein unverbesserlicher Romantiker?

Egal, das war es für heute – mal ein etwas anderer „Matz-ab“-Beitrag, aber es ist ja auch ein etwas anderer, außergewöhnlicher Tag, dieser 1. Januar 2012. Dieser Tag soll der Aufbruch zu wieder besseren HSV-Zeiten stehen. Soll. Bleibt nur zu hoffen, dass er das auch sein wird.

19.03 Uhr

Nächste Einträge »