Archiv für das Tag 'Meier'

Sportchefposse, Teil zwei? Aufsichtsrat beurlaubt Arnesen!

22. Mai 2013

Und täglich grüßt das Murmeltier… Wenn es nicht so tragisch wäre, es wäre schon fast wieder komisch. Allerdings offenbart die Sportchef-Posse, die es schon jetzt wieder einmal ist, die Problematik des HSV in vollen Umfängen. Mal wieder wird ein im Geschäft nicht unüblicher Vorgang frühzeitig bekannt und dadurch problematisch – es sagen wie Andreas Rettig sogar schon Kandidaten ab, bevor es offizielle Verhandlungsmandate gibt. Nur, um eines klarzustellen: Der Vorgang findet bundesweit bei fast allen Proficlubs in ähnlicher Form statt. Sogar fast genau so, wie jetzt beim HSV. Der wesentliche Unterschied dabei: Bei den meisten Clubs wird das nicht bekannt, bevor Tatsachen geschaffen werden. Selbst die Entlassung Arnesens wurde vermeldet, bevor der Auflösungsvertrag unterschrieben wurde.

Warum wieder alles bekannt wurde?

Weil schon gremienintern nichts geheim bleibt. Das oberste Vereinsgremium schafft es nicht, geschlossen ein Projekt zu verfolgen. Auch, weil der Personalausschuss (Ertel, Strauß, Meier, Westphalen) eigenmächtig Verhandlungen aufgenommen hatte und die anderen sich übergangenen fühlen. Allerdings, und damit komme ich zum banalen Kern des Kernproblems: wenn die anderen Räte den HSV an erster Stelle hätten, würden sie intern rügen und nach außen ruhig sein – zum Wohle der Sportchefsuche, zum Wohle des HSV. Denn alle wissen, dass das Bekanntwerden Kandidaten die aktuelle Verhandlungsposition des HSV mit möglichen Zugängen schwächt, Spieler abschreckt und die Suche nach einem neuen Sportchef massiv erschwert. Aber leider können einige der elf Räte ihr Ego einfach nicht hinter das Vereinswohl hintenanstellen. Und das kann böse auf den HSV zurückfallen – wenn sie nicht schnell den neuen Mann finden, der alles richtet.

Und auf dem Weg dahin musste der Aufsichtsrat einen ersten Kandidaten wieder streichen: Andreas Rettig. Der DFL-Geschäftsführer sagt ab. „Ich habe einen bis Ende 2015 laufenden Vertrag bei der DFL, den werde ich erfüllen. Das habe ich auch Liga-Präsident Rauball mitgeteilt“, ließ Rettig per Pressemitteilung verlauten. Und es ist kein Geheimnis mehr, dass Rettig der frühen öffentlichen Diskussion um seine Person vorbeugen wollte und durch das sich anbahnenden monatelange Hin und Her Schaden für sich und seinen Posten bei der DFL befürchtet hat. Zu recht.

Es ist schon bitter, dass sich beim HSV auf oberster Ebene gegenseitig Knüppel in die Beine geschmissen werden. Und ausgerechnet derjenige, der bei der letzten Sportchefsuche – damals in seiner Funktion als Journalist – die zugegebenermaßen ebenso dilettantische Sportchefsuche des HSV sinngemäß als dilettantisch bezeichnete, ist jetzt eine der Triebfedern bei der Wiederholung der Posse. Und ich kann nur hoffen, dass der HSV sich der Folgen der damaligen Sportchefposse bewusst wird – denn die führten dazu, dass der HSV heute da steht, wo er steht – und diesmal schnell einen Nachfolger präsentiert.

Wo er beim HSV steht, weiß auch Felix Magath nicht. Der hat zwar den prominentesten Namen aller bisher genannten Kandidaten, steht aber längst nicht ganz oben auf der Liste. Und das, obwohl der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Ertel noch immer einer facebook-Gruppe angehört, die den Arbeitstitel „Lieber Herr Magath, kommen sie nach Hause“ (https://www.facebook.com/pages/busty-kat/179834642095723#!/photo.php?fbid=374538292654598&set=a.319699004805194.71689.319662298142198&type=1&theater) hat. Dem Europapokalhelden Magath lagen zwar inoffizielle Anfragen einzelner Aufsichtsräte vor – aber das hat noch nichts zu bedeuten. Offizielle Anfragen kann es letztlich nur mit Aufsichtsratsmandat vom Personalausschuss der Kontrolleure geben. Und das war bisher nicht der Fall. Im Gegenteil, es kocht mal wieder jeder Rat sein eigenes Süppchen…

Weiterhin oben auf der Wunschliste rangiert dem Vernehmen nach durch die Absage Rettigs jetzt Jörg Schmadtke. Der ehemalige Düsseldorf-Keeper und zuletzt Sportchef von Hannover 96 gilt als schwieriger Zeitgenosse im Umgang, als Talententdecker – aber nicht als Visionär in Sachen Nachwuchsarbeit. Seine Transfers bei Hannover 96 als Basis genommen, würde ich ihm ein gutes Auge attestieren. Allerdings macht es mich ein wenig stutzig, dass sich Schmadtke aus privaten Gründen bis zu seinem Ende im April bei Hannover 96 rausgezogen hatte und immer wieder davon gesprochen hatte, auch einen kompletten Ausstieg nicht auszuschließen. Zumal er dabei immer wieder seinen Wunsch formulierte, in der Nähe seiner in Düsseldorf lebenden Familie sein zu wollen.

Aber, und da bin ich mir ganz sicher, es werden noch viele Namen öffentlich gespielt, ehe es den finalen Kandidaten gibt. Rettig – gestrichen. Magath – teuer und unwahrscheinlich. Schmadtke – sicher ein Kandidat. Ebenso wie KSC-Macher Oliver Kreuzer. Und auch Dietmar Beiersdorfer. Der wurde in den letzten Wochen immer wieder mal angerufen. Auch von Aufsichtsräten. Immerhin ist bekannt, dass Beiersdorfer seine Heimat beim HSV sieht. Und etwas mehr Identifikation mit dem HSV tut dem Klub nur gut. Zumal dann, wenn sie mit fachlicher Kompetenz verbunden ist. Aber Beiersdorfer wollte sich auf keine näheren Gespräche einlassen, solange keine Fakten geschaffen werden. Zudem müsste der Aufsichtsrat – und damit schließt sich eine Beiersdorfer-Rückholaktion eigentlich schon aus – geschlossen hinter der Verpflichtung stehen.

Das ist eine Bedingung von Beiersdorfer, der seine Lehren aus dem unrühmlichen Ende im Juni 2009 gezogen hat. Damals fühlte sich Beiersdorfer vom Aufsichtsrat im Stich gelassen. Zudem teilte Beiersdorfer den Kontrolleuren mit, dass er einen laufenden Vertrag habe (der zudem sehr gut bezahlt ist…), den er grundsätzlich einhalten wolle. Wenn er früher gehen würde, müsste er es dem Klub rechtzeitig mitteilen können. Und dieser Zeitpunkt scheint bereits verpasst zu sein. Und so bliebe Beiersdorfer am Ende einer von vielen Namen, die gehandelt wurden. Einer von vielen. Auch von einigen, die wir noch gar nicht genannt haben – aber sicher nennen werden. Weil einer immer redet.

Reden wollten auch Frank Arnesen und Heung Min Sons Berater Thies Bliemeister über einen neuen Vertrag. Das dürfte hinfällig sein. Ausgerechnet jetzt in der entscheidenden Phase – aber das hatten wir ja schon eingangs des Blogs. Auf jeden Fall aber scheint jetzt nach Tottenham und Dortmund auch Bayer Leverkusen richtig Ernst zu machen. Die Werkself ist wie der BVB an einer Verpflichtung von Bremens vom FC Chelsea ausgeliehenem Kevin de Bruyne (wie gern ich den hier sehen würde….!) interessiert, der Belgier aber tendiert zum BVB. Sollte Bayer seinen Wunschspieler nicht kriegen, soll Son die Lücke schließen. Geld genug ist vorhanden, Champions League ist erreicht – und der HSV führungslos. Wer jetzt auf Sons Verbleib wettet, dürfte gute Quoten bekommen…

Abgelehnt wurde Arnesens Vertragsentwurf für eine Verlängerung des Ersatzkeepers Jaroslav Drobny. Zu teuer, heißt es. Und: nachverhandeln! Nur, wer das macht, ist fraglicher denn je. Scheel wohl eher nicht. Also Jarchow? Oder doch Hilke, der schon beim Transfer van der Vaarts Verhandlungen übernommen hatte? Hauptsache, es macht jemand, bevor sich der/die Spieler gegen den HSV entscheiden.

Es bleibt festzuhalten: Gewonnen hat der HSV mal wieder nichts. Im Gegenteil, er verliert. Mal wieder. Viel Renommee – und viel Zeit. Viel wertvolle Zeit, um zweifellos vorhandene Mängel im Kader zu beheben. Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Für Sonntag ist die nächste Aufsichtsratssitzung anberaumt – und es könnte schon Ergebnisse geben. Obwohl, ganz ehrlich? Es sollte unbedingt Ergebnisse geben.

Und zum Abschluss: Dass ich hier eine Petition, bei der inzwischen schon 3000 Leute für Arnesen unterschrieben haben, unerwähnt gelassen habe, hat ebenso wenig politische Hintergründe wie sportliche Relevanz für die Causa Arnesen, die am heutigen Mittwochabend vom Aufsichtsrat persönlich mit Arnesen abgeschlossen werden soll. Ich will auch den Protestmarsch am 29. Mai nicht verschweigen, wo friedlich gegen den Aufsichtsrat demonstriert werden soll, wie es heißt. Der Marsch beginnt am 29. Mai um 18.30 Uhr auf dem Parkplatz braun. Wobei beide Fakten für mich nur einmal mehr unterstreichen, dass im Moment bei diesem HSV nicht viel zusammenpasst. Nicht einmal, was zusammen gehört.

In diesem Sinne, sofern nichts Dramatisches mehr passiert – bis morgen. Da werde ich den Tag über unsere neue facebook-Seite (www.facebook.com/groups/matzab) versorgen und am Abend vom HSV aus Neuruppin berichten.

Bis dahin, Euch allen einen schönen Restmittwoch!
Scholle

Urlaubsstimmung beim HSV – Fink gibt frei

21. März 2013

Urlaubsstimmung. Nein, nicht generell, dafür ist das Wetter tatsächlich nicht einladend genug. Dafür aber beim HSV. Während am Mittwoch wirklich alles im Spaß-Training mitmischen durfte, was Fußballschuhe besitzt, wird morgen – gar nicht trainiert. Der HSV macht frei. Bis Montag. Es ist die Konsequenz daraus, dass gerade mal fünf gesunde HSV-Profis in Hamburg weilen. Und die haben, ohne, dass es für Außenstehende sichtbar war, „sehr gut mitgezogen“, wie Trainer Thorsten Fink sagt. Der HSV-Coach ist sich zudem sicher, dass seine Spieler über ausreichend Selbstdisziplin verfügen, die Freizeit sportlergerecht zu nutzen. „Ein Dennis Aogo und ein Marcell Jansen beispielsweise könnten ja gar nicht ohne etwas für sich zu tun.

Na dann. Ein paar schöne Tage!

Wobei, um hier keine falsche Tonlage reinzubekommen, zu einem derart späten Zeitpunkt der Saison ist ein Tag mehr Freizeit kein Grund mehr, die Fitness in Frage zu stellen. Und das mache ich auch nicht. Im Gegenteil, da auch das Spiel der U23 am Wochenende gegen den SV Wilhemshaven bereits abgesagt worden ist, können die Spieler so mal wieder Heimatbesuche machen. Und genau das macht Michael Mancienne. Der Innenverteidiger flog bereits am heutigen Donnerstag, unmittelbar nach dem Vormittagstraining, das fast komplett aus Kreisspiel bestand, in seine Heimat. „Die Familie mal wiedersehen“, freut sich Mancienne, der sich als Gewinner der letzten Wochen sehen darf, nachdem tatsächlich weder Jeffrey Bruma noch Slobodan Rajkovic langfristig überzeugen konnten. Dennoch glaubt Mancienne noch nicht daran, gleich wieder in die Startelf zu rücken. „Nein“, so Mancienne, „ich bin froh, wenn ich in München wieder zum Kader gehöre. Dafür muss ich schon sehr hart arbeiten und mich anbieten.“ Der Engländer ärgerte sich deshalb auch über die entgangene Spielpraxis, die Fink ihm bei Einsätzen für die U23 holen lassen wollte. „Ich hätte wohl gespielt und hatte mich darauf gefreut“, sagt Mancienne. Wobei mich insbesondere die Tatsache freut, dass Mancienne schon mal einer von denen ist, die der eigenen U23 helfen würden, nachdem Rajkovic bereits bewiesen hat, dass er Sportsmann genug ist, beim Unterbau Vollgas zu geben und somit eine Verstärkung zu sein. Und davon werden Cardoso und Co. noch etliche bestens gebrauchen können.

Womit ich noch mal ganz kurz auf den Blog vom Mittwoch eingehen möchte. Ihr hattet lange eine Nachwuchsgeschichte gefordert. Und das zurecht. Das Problem bei diesem Thema ist allerdings, dass die Probleme durchaus herauszufiltern sind, es aber keine Direkt-Verantwortlichen dafür gibt. Oder besser: es gibt zu viele. Denn nichts ist beim HSV-Nachwuchs konstanter als die Inkonstanz der Führungskräfte, denen man einzeln gar nicht den großen Vorwurf machen kann. Dafür sind sie – wie zuletzt Paul Meier oder auch Bastian Reinhardt – einfach zu kurz im Amt. Paul Meier beispielsweise, der sich durch seine wochenendlichen Heimflüge in die Schweiz beruflich angreifbar gemacht hatte und durch seine harsche Art den Trainern gegenüber von eben jenen angegriffen wurde, hatte eine klare Philosophie. Und die setzte er gegen alle Widerstände durch. „Ich habe eine große Verantwortung beim HSV-Nachwuchs – und diese übernehme diese“, hatte mir der Schweizer einst für ein Abendblatt-Interview gesagt, „daher muss ich auch die Entscheidungen verantworten. Würde ich dabei alle Wünsche der Trainer mit einbeziehen, käme ich nie zu einer klaren Philosophie.“ Sinngemäß sagte er mir damals – und dem konnte ich dann auch zustimmen -, dass es sicherlich etliche andere richtige Wege geben würde, es aber immer sinnvoller sei, an einem festzuhalten. „Ansonsten hat man viele halbe Dinge – aber nichts Ganzes“, so Meier, der letztlich nichts Ganzes erreichen durfte. Dass Meier mehr an seiner Art und den Befindlichkeiten seiner Trainer scheiterte, zeigt auch die Tatsache, dass sein Nachfolger Basti Reinhardt viele Punkte von Meier übernahm.

Wie Ihr seht, ist es beim HSV nicht einfach, den Hauptfehler zu greifen. Inkonstanz – okay. Das wissen alle. Aber wie stelle ich die ab, ohne dass ich einen starken Mann für den Nachwuchs zulasse? Meier war es, wurde aber nicht gestützt. Reinhardt war dies eher nicht. Im Gegenteil: Alle wussten, dass die Versetzung vom Sportchef zum Nachwuchs mehr seinem juristisch unangreifbarem Arbeitsvertrag bis 2013 denn seiner Eignung für den Nachwuchs geschuldet war. Arnesen war gekommen, hatte übernommen und brauchte Reinhardt nicht mehr. Daraus machte der Däne intern wohl auch keinen Hehl. Zumindest hörte Reinhardt schon Mitte 2012 von ihm wohlgesonnenen HSV-Mitarbeitern, dass sein im Juni 2013 auslaufender Vertrag nicht verlängert würde. Reinhardts Nachfragen ließ Arnesen unbeantwortet. Und jeder von uns kann sich vorstellen, wie motivierend so ein Wissen ist…

Wie dem auch sei, jetzt ist Michael Schröder der Nachwuchschef – ob er der starke Mann ist? Keine Ahnung. Er ist Ewigkeiten da und nie kam jemand auf die Idee, ihn zum Nachwuchschef zu machen. Bis jetzt. Aber der ehemalige Chefscout des HSV und ehemalige Jugendtrainer hat zumindest eine große Vision: Dritte Liga mit der U23 und in den höchsten Junioren-Klassen vertreten sein. Mehr geht kaum. Außer natürlich, dass dabei der eine oder andere Profi mehr für die Bundesligamannschaft herausspringt. Und darauf zielt Schröders Idee ab. Der Ex-Profi setzt eine offensive Spielweise und auf individuelle Ausbildung. Das, was mich als Jugendlichen früher abgeschreckt hat, zum HSV zu wechseln, wird wieder praktiziert: Die individuelle Optimierung der Spieler steht über dem mannschaftlichen Erfolg. Aber okay: es ist zumindest ein Weg. Bleibt nur zu hoffen, dass Schröder beim Beschreiten des selbigen mehr Zeit gewährt bekommt als sein Vorgänger. Denn ansonsten gilt wieder: es wird vieles begonnen – aber nichts zuendegebracht.

Beendet wird indes das Engagement vom HSV-Psychologen Thorsten Weidig. Der war seinerzeit von Ex-Boss Bernd Hoffmann und Katja Kraus installiert worden und zunächst für die Profis sowie den Nachwuchs verantwortlich. Zuletzt kümmerte sich Weidig fast ausschließlich um die Jugend, weil die Profis seine Hilfe nicht in Anspruch nahmen. So zumindest hieß es in der Vorstandsbegründung, weshalb Weidig nicht weiter beschäftigt werden soll. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass gerade die aktuellen jungen HSV-Kicker – ältere natürlich nicht minder – viel von Gesprächen mit Weidig hätten profitieren können. Beister ist nur das auffälligste Beispiel von vielen.

Aber okay. Weidig wird nicht weiterbeschäftigt. Stattdessen müssen die Trainer auch psychologische Arbeit übernehmen. Und im Internat sind es Schröder und Co., die den jungen Spielern fernab ihrer Elternhäuser in schwierigen Phasen beistehen und helfen sollen. Dass der HSV damit rund 100000 Euro im Jahr einspart – gut für die Klubkasse…

Die würde sich am meisten über internationale Spiele freuen. Und während Fink weiterhin gerade mal das letzte und das nächste Spiel bespricht, wagten sich zuletzt Rafael van der Vaart, Heiko Westermann, Rene Adler und auch Aufsichtsratsboss Manfred Ertel weiter vor. Heute folgte nun Michael Mancienne. Mit etwas Anlauf nahm auch er den von Fink beharrlich vermiedenen Begriff in den Mund: „Wir müssen immer das nächste Spiel als das wichtigste nehmen. Aber wir müssen auch die Ambition und das Ziel haben, die Europa League zu erreichen.“ Stimmt. Und das ist nicht überheblich. „Schneckenrennen um Europa“ hatte Ertel den Kampf um Platz vier bis sechs genannt. Und ich finde, er hat es damit ganz gut getroffen. Dass alle Teams, die hinter Bayern, Dortmund und mit Abstrichen Leverkusen stehen nicht zwingend Europa verdient haben – es stimmt. Dass der HSV, wie Mancienne sagt, ein Top-Vier-Team in der Bundesliga ist – ich bin mir da nicht wirklich sicher. Zumindest wäre es für die Qualität der Bundesliga kein Kompliment. Aber wen stört’s, wenn es der HSV am Ende irgendwo zwischen vier und sechs landet? Auch wenn ich mich damit wiederhole: Mich nicht…

In diesem Sinne, bis morgen! Da ist trainingsfrei. Genau wie Sonnabend und Sonntag. Über den Montag ist noch nichts bekannt.

Scholle

Ertel: “Es ist Zeit für einen Neuanfang”

22. Januar 2013

Heute war frei. Zumindest für Trainer und Mannschaft. Allein der Vorstand sowie die elf neuen Aufsichtsräte treffen sich heute Abend in der Imtech-Arena. Dabei sollen die Vorstände den Kontrolleuren aufzeigen, wie der Stand der Dinge ist und wird. Wirtschaftlich wie sportlich eine Prognose abgebe, wobei sich finanziell durch ausbleibende Verkäufe entsprechend auch noch nicht viel verbessert hat. Zudem geht es darum, dass der Aufsichtsrat samt seiner vier neuen Mitglieder Katrin Sattelmair, Ali Eghbal, Jens Meier und Christian Strauß den Vorstand kennenlernt – und andersrum. Vorab hatte ich die Möglichkeit, mit dem neuen Vorsitzenden des Aufsichtsrates, dem 62-jährigen Spiegel-Journalist Manfred Ertel, zu sprechen. Aber lest selbst. Das erste Interview mit dem neuen Aufsichtsratsboss:

Herr Ertel, der Aufsichtsrat hat noch bis 22.15 Uhr getagt. Wie war die Nacht für Sie? Konnten Sie ganz normal einschlafen oder hat Sie die Wahl noch lange beschäftigt?
Manfred Ertel: „Ich habe tatsächlich nicht so gut geschlafen. Aber das kann ich jetzt nicht mit der Wahl in Verbindung bringen. Im Gegenteil, ich habe am Abend noch lange mit meiner Frau telefoniert, die sich sehr für mich gefreut hat.“

Allerdings kommt eine schwierige Aufgabe auf Sie zu. Der Verein steckt sportlich im Umbruch und finanziell im Minus. Der Druck des Vorstandes lastet auch auf dem Aufsichtsrat, der den Großteil der Transfers in den letzten Jahren abgesegnet hat. Warum wollten Sie das Amt trotzdem?
Ertel: „Natürlich spüre ich den neuen Druck. Aber andererseits bin ich auch kein Newcomer in derartigen herausgehobenen Positionen. Zudem freue ich mich sehr über das sehr große Vertrauen der Kollegen und die Zusammensetzung der Führung mit Jens Meier und Eckart Westphalen und Christian Strauß als Finanzausschussvorsitzenden. Wir sind ein sehr gutes Team als Gesamt-AR aber auch in den neuen „Führungspositionen“, verstehen uns auch menschlich sehr gut. Allein das nimmt schon einmal einen Teil des Drucks von mir. Sollten wir so gut weiterarbeiten wie zuletzt mit Alexander Otto und Eckart Westphalen, sind wir richtig gut. Bauen wir das noch aus, wären wir sogar sehr gut.“

Gemessen werden aber auch Sie in und nach Ihrer einjährigen Amtszeit an den Zahlen und Ergebnissen.
Ertel: „Die finanzielle Konsolidierung des Vereins ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit, die wir mit vorantreiben wollen. Dabei müssen wir auch, so hart das klingt, den Vorstand überwachen. Das verlangt die Satzung, das müssen wir im Interesse des Vereins und unserer Mitglieder ernst nehmen. Allerdings verstehen wir diese Kontrolle so, dass wir den Vorstand unterstützen und ihm helfen, den Weg freizuräumen. Das Vertrauen in unseren Vorstand ist sehr groß, was schon die zuletzt getätigten Vertragsverlängerungen unserer Vorstände Carl Jarchow und Joachim Hilke dokumentieren. Der Aufsichtsrat will nicht mit steuern, sondern helfen und seiner satzungsgemäßen Aufgabe als Kontrollgremium nachkommen.“

Der Aufsichtsrat war zuletzt sehr auffällig – ist aber eher als Verhinderer der Entwicklungen wahrgenommen.
Ertel: „Wir haben aus den letzten Monaten, in denen der Aufsichtsrat in Teilen der Öffentlichkeit deutlich schlechter dargestellt wurde als er tatsächlich gearbeitet hat, eine wichtige Lehre ziehen können: Wir wollen vereinspolitische Debatten und Streitereien aus dem Aufsichtsrat heraushalten. Unser Ziel ist es, uns streng auf unsere satzungsgemäßen Aufgaben zu konzentrieren. Ich werde auch definitiv nicht alle vier Wochen öffentlich etwas kommentieren. Im Gegenteil. Denn wenn wir still, leise und effektiv arbeiten und möglichst weit im Hintergrund bleiben, haben wir ein wichtiges Ziel erreicht.“

Allerdings wurden auch die 6,4 Millionen Euro, die Sportchef Frank Arnesen im Winter durch Verkäufe einnehmen und einsparen muss, öffentlich. Von einem Aufsichtsrat…
Ertel: „Die Sparauflage kommt ja nicht aus der Mitte des Aufsichtsrates, sondern vom Vorstand selbst. Wir unterstützen dieses Vorhaben, von dem der Vorstand sehr überzeugt ist, ausdrücklich. Und wir warten ab, bis die Transferperiode beendet ist und ein Ergebnis vorliegt.“

Was passiert den, wenn Frank Arnesen das interne Ziel von 6,4 Millionen Euro nicht erreicht?
Ertel: „Ich halte nichts von einer „Wenn-Dann-Pädagogik“. Wir warten ab und hören uns die Schlussfolgerungen des Vorstandes ganz in Ruhe an: Wir sehen den aktuellen Stand nicht als ein halbleeres, sondern als ein halbvolles Glas.“

Die Ziele der Mannschaft sind mit den Top-Ten relativ konservativ formuliert. Marcell Jansen hingegen hat zuletzt kritisch angemerkt, dass der HSV bei seinen Investitionen höhere Ziele haben muss. Er sagte, dass es nicht angehen könne, dass Mannschaften mit deutlich geringeren Etats vor dem HSV stehen.
Ertel: „Man sollte nicht allein auf die Zahlen schauen. Ich finde es gut, dass Marcell als Führungsspieler einen Anspruch an sich selbst und seine Mitspieler formuliert. Das spricht für ihn. Ich glaube auch, dass die Mannschaft gezeigt hat, was sie kann. Mannschaft, Trainer und Vorstand sind auf einem guten Weg.“

Den hatte zuletzt auch der Aufsichtsrat unter der Führung Alexander Ottos eingeschlagen, der trotz etlicher Überredungsversuche nicht von seinem Rücktritt abzubringen war. Wie viel Otto steckt in Ihnen, was haben Sie sich bei Alexander Otto abschauen können?
Ertel: „Von Herrn Otto kann man sich einiges abgucken. Er besitzt beispielsweise eine Autorität, Gelassenheit und ein Geschick für vermittelnde Moderation bei Kontroversen, an der man sich – auch ich – orientieren kann. Sein Motto ‚Vermitteln statt Spalten’ gilt auf jeden Fall auch weiterhin, auch für mich.“

Sie werden öffentlich noch oft als Fan im Aufsichtsrat wahrgenommen. Insbesondere im Blog „Matz ab“ wurde Ihre Wahl sehr kritisch beurteilt. Wie begegnen Sie den Kritiken an Ihrer Person?
Ertel: „Es ist Zeit, jetzt mal einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Via Internet können mit großer Leichtigkeit Behauptungen aufgestellt werden. Und gegen derartige üble Nachrede im Internet und den Blogs kann ich mich schlecht bis gar nicht wehren. Aber ich kann von mir behaupten, dass ich noch immer im Einverständnis mit Leuten auseinandergegangen bin, die mir sehr kritisch begegnet sind und das Gespräch mit mir gesucht haben. Daher kann ich auch nur hoffen, dass mich meine Kritiker nicht anonym via Internet kritisieren, sondern persönlich ansprechen.“

Wie lösen Sie das Kommunikationsproblem?
Ertel: Wir werden allen anbieten, mit uns Kontakt aufzunehmen. Wir überlegen gerade, wie man das am besten umsetzen kann. Da werden wir uns in den nächsten Wochen was einfallen lassen.“

Trotz aller Widerstände haben Sie sich für das höchste Amt im HSV beworben. War Ihnen schon länger klar, irgendwann den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden bekleiden zu wollen? Oder haben Sie gezögert?
Ertel: „Ich bin in letzter Zeit von sehr vielen Leuten aus dem Verein gebeten worden, mich um das Amt zu bewerben. Ich selbst habe aber lange gezögert und mich erst am Sonntag dazu entschlossen, zu kandidieren. Meine zwei engsten Freunde und meine Frau hatten mir sogar davon abgeraten – und sich am Ende sehr mit mir gefreut. Für mich zählt jetzt, dass mir meine Kollegen im Aufsichtsrat einen riesigen Vertrauensvorschuss entgegengebracht haben.“

Das war das erste Interview mit dem neuen Aufsichtsratsboss des HSV. Und ich finde, dass Manfred Ertel entgegen der hier vorherrschenden Meinung sehr wohl einige positive Ansätze liefert. Natürlich sind es bislang auch nur Ansätze, die erst noch mit Taten belegt werden müssen. Klar! Aber so ist es am Anfang doch bei jedem. Von daher halte ich es wie immer und gebe Manfred Ertel zusammen mit seinen Stellvertretern Jens Meier, Eckart Westphalen sowie allen anderen Kontrolleuren die faire Chance, die sie verdient haben. Wer weiß, wie sich die neue Zusammensetzung des Rates auf dessen Arbeit auswirkt?

In diesem Sinne, ich hoffe, dass der Aufsichtsrat den Otto’schen Handlungsstil beibehält und ausbaut. Ich melde mich morgen wieder. Dann wieder mit Fußball, denn da wird um 10 und um 15 Uhr an der Imtech-Arena trainiert.

Euch allen einen schönen Rest-Dienstag,
Scholle

P.S.: Eljero Elia ist heute im Training in Bremen übel umgegrätscht und anschließend mit Schmerzen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Dort allerdings gab es schnell Entwarnung: nur eine Fußprellung. Der ehemalige HSV-Profi kann somit am Sonntag bei Bremens 1:3-Niederlage gegen den HSV dabei sein. Gut so!

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