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Slomka: „Ein anderer HSV auf dem Platz!“

9. März 2014

Der erste Frühlingstag ließ die Fans heute wieder in den Volkspark strömen. Die Spieler des HSV waren nach dem erkämpften 1:1 gestern gegen Eintracht Frankfurt gut aufgelegt und schrieben geduldig Autogramme. Rafael van der Vaart hat – wie gestern – ein leichtes Programm durchgezogen und brauste geschwind nach Hause. Torwart Rene Adler hatte einen etwas längeren Weg. „Dreieinhalb Stunden in der Bahn“, wie er sagte, um einen Fanclub zu besuchen. Hakan Calhanoglu beschrieb erneut, wie sicher er sich gefühlt habe, als er zum entscheidenden Elfmeter antrat. „Ja klar, da war Druck. Aber ich habe keinen Druck gespürt. Ich wusste genau, dass ich den Ball reinhaue.“ Das hat er dann ja sehr souverän gemacht – rechts oben unter die Latte, den hält kein Torwart der Welt.

Was ist es aber genau, das die Zufriedenheit brachte nach einem Spiel, das 60 Minuten lang gar nicht gut aussah? Das nur einen Punkt nach sich zog anstatt der drei erhofften, um ein bisschen Raum nach unten zu schaffen in der Tabelle? Ganz einfach: „Es war ein Punkt der Moral“, wie Ersatz-Außenverteidiger Heiko Westermann feststellte. „Uns hilft im Moment jeder Punkt weiter. Man hat gesehen, dass wir stabiler stehen und hinten fast keine Chancen zugelassen haben. So muss es bleiben bis zum Ende der Saison, dann kommen wir da unten raus.“


Mobile Version: Matz ab nach dem Frankfurt-Spiel

Das mit den wenigen Chancen für die Frankfurter stimmt natürlich. Abgesehen von dem Treffer durch Alexander Madlung in der 29. Minute (den Keeper Rene Adler an einem Sahnetag vielleicht verhindert hätte), hatte der Gast nur eine weitere Torchance. Die führte kurz vorher zu dem Eckstoß, aus dem dann das 0:1 wurde. Beim Kopfball von Marco Russ hatte Adler noch glänzend pariert (28.).

Zu dem Tor dann noch ein paar Sätze. „Wir kriegen ein doofes Gegentor, was uns nie passieren darf. Es kann nicht sein, dass ein Mann im Sechzehner freisteht nach einem abgewehrten Ball“, so Heiko Westermann. Tatsächlich ist es ein Rätsel, wie die Hamburger Deckung derart blind hinten rausrennen konnte, dass sie den baumlangen Madlung übersah. Am Ende hat sich auch Johan Djourou nicht besonders geschickt angestellt, wieder einmal, als er nach der Frankfurter Bogenlampe die Kopfballvorlage von Alexander Meier nicht verhindern konnte. „In Deutschland habe ich auch schon erlebt, dass der Schiedsrichter Foul pfeift für uns. Ich habe Meier aber nicht gesehen, hatte noch gehofft, dass Madlung im Abseits ist. Aber das war nicht so“, beschrieb Djourou heute die Szene.

Dennoch hat der Schweizer ansonsten mit seinem Partner in der Innenverteidigung, Michael Mancienne, alles abgefangen, was kam. Mancienne (Vertrag beim HSV bis 2015) ist dabei sicher einer der großen Gewinner dieses Spiels. „Michael hat linker Innenverteidiger gespielt – das hat er vorher noch nie, glaube ich“, lobte Trainer Mirko Slomka. „Er hat das sehr, sehr ordentlich gemacht.“ Umso bemerkenswerter, weil diese Partie erst der zweite Auftritt des Engländers in dieser Saison war. Zuvor stand er beim 0:1 gegen den FC Augsburg Anfang Dezember auf dem Rasen. Grund genug für ein kurzes Gespräch mit Mancienne heute nach dem Auslaufen:

Michael, wie geht es Ihnen am Tag nach dem Spiel?
Ich bin sehr froh, dass ich wieder spielen konnte. Es war ein schönes Erlebnis, auch zusammen mit den Fans.
Sie waren ja eine ganze Zeit draußen – genau wie Slobodan Rajkovic und Robert Tesche. Was bedeutet dieses Comeback?
Natürlich zeigt es, dass jeder fürs Team wichtig sein kann. Für den ganzen Verein ist es eine wichtige Phase, und alle wollen dem HSV helfen, dass es besser geht.
Wie schwierig war es denn, jetzt zurückzukehren? Es hat nicht den Eindruck gemacht, als müssten sie sich lange eingewöhnen.
Ach, ich weiß nicht, ich habe eben hart gearbeitet jeden Tag im Training. Ich bin dem Trainer sehr dankbar, dass er mit das Vertrauen gegeben hat. Ich war sehr konzentriert und auch fokussiert darauf, was ich zu tun hatte.
Es scheint, der Trainer ist etwas offener für die Spieler, die bisher keine Chance hatten.
Ja, absolut. Der Trainer guckt sich die Spieler an, ihre Trainingsleistungen. Deswegen finde ich es gut, wieder eine Gelegenheit bekommen zu haben.
Waren Sie denn gestern gar nicht nervös?
Ähm, doch – ich war aufgeregter als sonst. Ich habe mich so gefreut, wieder spielen zu können. Ich war hungrig darauf.
Haben Sie sich eigentlich in den letzten Monaten noch als Teil der Mannschaft gefühlt?
Es ist schwer, sich als ein Teil zu fühlen, wenn man nicht wirklich beteiligt ist und nicht spielt. Aber man muss professionell bleiben, darf nicht abschalten oder sich hängen lassen. Das habe ich versucht.
Kann dieses eine Spiel schon etwas bedeuten in Bezug auf Ihre Zukunft beim HSV?
Also, das weiß ich nicht. Ich konzentriere mich auf eine Sache zur Zeit. Ich konzentriere mich auf das nächste Spiel.
War es eigentlich jemals Ihr Ziel, den HSV zu verlassen?
Nein, das war nie mein Ziel.

Soweit Michael Mancienne, der ein sehr solides Spiel gezeigt hat. Das gleiche gilt für Heiko Westermann, der auf ungewohnter Position links hinten seinen Mann stand. „Bis auf die wenigen Chancen der Frankfurter haben wir nichts zugelassen“, lobte Torwart Rene Adler die Deckung. „Wir standen bombenfest, darauf können wir aufbauen.“ Und das trotz der Verletzten-Problematik. „Wir hatten so viele Ausfälle. Da ging natürlich einiges im Kopf vor. Aber wir haben versucht es auszublenden. In der ersten Halbzeit haben wir das noch nicht so gut gemacht, in der zweiten aber viel besser.“

Genau genommen ging das Spiel des HSV in der 62. Minute los. Mirko Slomka brachte den verstoßenen Robert Tesche für Tomas Rincon, und fortan klappte es auch mit dem Offensivspiel. Bis dahin agierte der HSV statisch, langsam, einfallslos. Den Frankfurter reichte es, aber auch gar nichts nach vorn zu versuchen. Sie konnten sich auf ihrer scheinbar sicheren Führung gegen diesen uninspirierten HSV ausruhten. Man könnte sagen, dass es Einschläferungstaktik des HSV war, die dann am Ende zum Unentschieden geführt hat und mit etwas Glück sogar noch den Dreier gebracht hätte.

Mirko Slomka bilanzierte nach der stürmischen Schlussphase seines Teams sogar in seinem Überschwang: „Das Gefühl nach dieser Partie ist, dass es in der zweiten Halbzeit ein anderer HSV war auf dem Platz. Solch einen HSV brauchen wir. Mit Kampf und Leidenschaft aber auch mit den spielerischen Akzenten, die wir setzen können. Da müssen wir weiter machen.“

Um bei Robert Tesche zu bleiben: Der Mittelfeldspieler führte sich mit einem katastrophalen Rückpass in die Füße des Gegners ein, belebte anschließend das Hamburger Spiel aber deutlich. „Der Trainer hat Eier!“ So kurz und bündig beurteilte Tesche anschließend die Maßnahme Slomkas, ihn zurückzuholen. Dass Tesche dieses Merkmal Slomkas Vorgängern gleichsam abspricht, liegt auf der Hand.

„Vor einem Jahr war ich in Düsseldorf. Das war eine gute Zeit. Seit einem halben Jahr ist es hier in Hamburg sehr schwierig. Es ist auch nicht leicht nachzuvollziehen. Aber ich muss damit umgehen und versuchen, da weiter rauszukommen.“ Dass ein Spiel noch keinen Sommer macht, das dürfte Robert Tesche (Vertrag läuft am Saisonende aus) klar sein. Sein erster Bundesliga-Auftritt im HSV-Trikot seit dem 23.November 2012 dürfte ihm jedoch Mut gemacht haben.

Tesche weiter, angesprochen auf seinen Einsatz gestern: „Was soll ich sagen? Ich habe mich ganz normal gefühlt. Ich kenne die Mannschaft ja. Ich musste mich nicht akklimatisieren. Ich denke, dass wir Moral gezeigt haben und Leidenschaft. Wenn es so weiter geht, werden wir auch drei Punkte gegen Nürnberg hierbehalten.“ Dessen ist sich Tesche sicher, der vielleicht kein Kandidat für die Startelf ist (wenn, wie erwartet, van der Vaart, Lasogga und Jiracek zurückkehren). Aber weitere Joker-Einsätze wird ihm Mirko Slomka sicher anbieten.

Die Alternativen in der Offensive sind schließlich nicht so gewaltig. Neben der Nummer eins im Angriff, Pierre Michel Lasogga, hat sich Jacques Zoua trotz des heraus geholten Elfmeters nicht nachhaltig empfohlen. Er hat gefightet, klar, aber stößt doch auf diesem Bundesliga-Niveau nach wie vor an seine Grenzen.

Übrigens gab es heute kurzzeitige Aufregung um Tesche. Grund: Seine Gelb/Rote Karte im Regionalliga-Spiel gegen Eintracht Norderstedt vorige Woche. Im Frankfurter Fan-Forum wurde gemutmaßt, Tesche sei dadurch in der Bundesliga nicht spielberechtigt. Ein Blick in die Paragrafen stellte klar, dass eine Gelb/Rote Karte nur für den Amateur-Bereich gilt. Tesche blieb damit spielberechtigt für die Bundesliga und die Punkte wandern am grünen Tisch nicht nach Frankfurt.

Insgesamt ist dieses Bundesliga-Wochenende also einigermaßen gut gegangen für den ramponierten HSV. Hat Mirko Slomka eigentlich vorher Kopfschmerzen gehabt? „Naja, die Kopfschmerzen sind da, weil viele Spieler auf dem Platz standen, die vorher dort noch nicht gespielt haben. Mancienne, Westermann zum Beispiel. Auch Zoua ist ganz vorn nicht so oft zum Einsatz gekommen. Hakan und Ivo haben nicht so viel trainieren können. Da ist immer die Frage, ob man in den Rhythmus kommt. Es hat auch 45 Minuten gedauert.“ Und wurde mit einem Punkt belohnt.

Gut für den HSV ist mittlerweile, dass der SC Freiburg sein Heimspiel gegen Borussia Dortmund mit 0:1 verloren hat. Die Hamburger bleiben somit auf Tabellenplatz 16 und haben kommende Woche die Möglichkeit, mit einem Sieg gegen Nürnberg die „Clubberer“ zu überholen. Vielleicht ja noch den VfB Stuttgart gleich mit, die spielen mit ihren neuen Trainer Huub Stevens bei Werder Bremen. In der Woche darauf fährt dann der HSV zu seinem alten Coach Stevens an den Neckar. Viele, viele wichtige Spiele also…

Das Schlusswort gebührt dem Torschützen von gestern. Hakan Calhanoglu heute Mittag: „Klar ist der Gedanke noch da, dass wir lieber drei Punkte geholt hätten. Trotzdem sind wir glücklich. Erstens, weil das Wetter heute schön ist und wir alle wieder lachen können. Mit der Leistung gegen Frankfurt können wir einen freien Kopf haben und das mitnehmen fürs Spiel gegen Nürnberg.“

Heute Abend ist Sportchef Oliver Kreuzer zu Gast im Sportclub des NDR-Fernsehens und wird von Valeska Homburg interviewt. Nach einem trainingsfreien Montag geht es für alle Profis wieder am Dienstag um 15 Uhr mit der nächsten Einheit zur Sache.

Schönen Sonntagabend wünscht
Lars

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