Archiv für das Tag 'Mathijsen'

Rincon macht Freude – und Dieter kommt zurück!!

30. November 2011

Der Typ kennt keine Angst. Im Gegenteil, wenn Tomas Rincon auf den Platz geht, muss er von seinen Kollegen eher mal zurückgehalten werden. Ein typischer Sechser eben, bei dem Einsatz für die eigene Defensive an erster, zweiter, dritter und wahrscheinlich auch noch vierter Stelle steht. Erst dann kommt er selbst. So, wie am vergangenen Sonnabend in Hannover. Rincon räumte ab, grätschte, schleppte Bälle und gewann Zweikämpfe. Und wurde belohnt, indem er in der 88. Minute beim Stand von 1:1 völlig freistehend vor 96-Torwart Zieler den Ball bekam. Einschussbereit. „Ich habe noch kein Tor in der Bundesliga gemacht“, sagt Rincon, „nicht mal in der Nationalmannschaft habe ich getroffen. Es war immer nur knapp, nie habe ich dann auch getroffen.“ Und so blieb es auch in Hannover. Der bis dahin starke Sechser rutschte beim Schuss aus. „Ich habe nur gedacht: Sch…“, so Rincon ehrlich.

Dass er selbst solche unglücklichen Momente nicht mehr an sich rankommen lässt, hat eine harte Schule bewirkt. Vier Jahre lang ist der stets einsatzwillige Kämpfer jetzt beim HSV, ohne sich dabei einmal endgültig durchgesetzt zu haben. „Ich war oft nah dran“, so Rincon, „aber dann auch wieder ganz oft nicht dabei. Manchmal nicht mal mehr im Kader. Das waren Phasen, in denen ich mich noch mehr selbst motivieren musste, was sehr schwer war.“ Dennoch, als einen Fehler hatte er Hamburg nie gesehen. Im Gegenteil: „Es war ein großer Schritt, der mich weitergebracht hat. Von Beginn an.“ Einzig sein Ziel, Stammspieler zu werden, schien kurzzeitig außer Sichtweite zu geraten, weshalb Rincon an einen Wechsel dachte. Allerdings nur, weil er das Gefühl hatte, beim HSV nicht gebraucht zu werden. „Heimweh aber hatte ich nie, ich wollte nie nach Hause flüchten oder so. Es ging mir immer nur um meine sportlichen Ziele. Ich wollte spielen. Und damals dachte ich, das wäre bei einem anderen Klub vielleicht leichter.“

Umso glücklicher ist Rincon heute. Zum einen, weil er geduldig geblieben ist. Zum anderen, weil er unter Thorsten Fink zum Stammspieler avanciert. Alle fünf Spiele unter dem ehemaligen Bayern-Profi spielte Rincon bislang durch. Und er gilt weiterhin als gesetzt. „Ich spüre das Vertrauen vom Trainer“, sagt Rincon, wissend, dass Fink besonders viel Wert auf Kontinuität bei derart zentralen Rollen legt.

Fink ist Rincons persönlicher Glücksfall. Auch, weil der Trainer einst selbst auf der zentral-defensiven Mittelfeldposition beheimatet war und dort neben Meister und DFB-Pokaltiteln auch die Champions League gewann. „Er gibt mir sehr viele gute Tipps“, verrät Rincon, „er zeigt mir, wie ich di Bälle in der Defensive abholen soll. Und er überträgt mir viel Verantwortung. Ich habe viele Ballkontakte, fast so wie in der Nationalmannschaft. Diese Art zu spielen liegt mir.“

Und sie gefällt neben seinen Mannschaftskollegen und Trainer Fink auch den Zuschauern. Von Beginn an war der unermüdliche, manchmal etwas übereifrige Mittelfeldkämpfer einer, der schnell die Fans mitriss. Weil er einfach kompromisslos spielte, weil er sich nie schonte und keine Angst hat. Das wiederum dokumentiert auch sein Privatleben. Auf die Frage, ob er manchmal Angst um seine in Venezuela lebende Familie habe, sagt er: „Nein, man muss auch mal Glück haben.“ Fürwahr, denn in Venezuela stehen Entführungen mit Lösegeldforderungen auf der Tagesordnung. Gerade vor zwei Wochen wurde Wilson Ramos, ein berühmter Baseballspieler, der in der US-amerikanischen MLB sein Geld verdient, entführt. Zwei Tage blieb Ramos in der Hand der Kidnapper, die Lösegeld forderten, ehe die Polizei den 24-Jährigen unter Einsatz von Schusswaffen befreien konnte. „Ich habe keine Angst, wenn ich in meiner Heimat bin“, sagt Rincon, der in den letzten zwei Jahren zum Volkshelden aufgestiegen ist und dieses Jahr reelle Chancen hat, das erste Mal zum Fußballer des Jahres gekürt zu werden. „Allerdings habe ich meine Schwester schon rausgeholt. Sie studiert in Spanien“, so Rincon, der seine Schwester finanziell unterstützt.

21 Punkte sind Rincons realistisch formuliertes Ziel bis zur Winterpause, „mit 20 könnte ich auch noch leben“, so Rincon, der als Beweis für Beharrlichkeit vielen Spielern ein gutes Beispiel sein kann. Denn auch in den letzten drei Saisonspielen wird er unter normalen Umständen (also gesund und ohne Sperre) im Mittelfeld beginnen. Sein persönliches Erfolgsgeheimnis: „Nie aufgeben! Ich habe immer daran geglaubt, dass ich Gutes erreiche, wenn ich mich gut verhalte.“

Richtig gut spielt derzeit auch Jeffrey Bruma. Der Niederländer konnte sich in Hannover nach einer defensiv überzeugenden Partie sogar als Torschütze eintragen. Und er fühlt sich jetzt so richtig wohl, will unbedingt in Hamburg bleiben. Chelsea, sein eigentlicher Arbeitgeber, spielt bei Bruma momentan nur noch in den schlechten Erinnerungen eine Rolle. „Ich war dort Verteidiger Nummer vier. Und ich glaube, auch jetzt würde es nicht leichter“, so der Innenverteidiger, der zuletzt gesagt hatte, er hätte persönlich ein Mitspracherecht, sollte Chelsea seine Option ziehen und Bruma innerhalb der nächsten 18 Monate zurückbeordern. Heute klärte er auf, dass das zwar nicht vertraglich fixiert, aber durchaus mündlich so vereinbart worden war. „Am Ende müssen sich alle einigen, auch ich“, so Bruma, der angab, sich beim HSV pudelwohl zu fühlen und definitiv nicht wechseln zu wollen. „Ich habe zwei Jahre Vertrag, es läuft richtig gut für die Mannschaft und für mich. Wir stehen hinten immer besser und ich bekommen Spielpraxis. Warum sollte ich da an etwas anderes denken?“

Solle er ja gar nicht. Im Gegenteil, der HSV könnte für Bruma auch die große Chance sein, einen der schier gesetzten Stammplätze in der holländischen Nationalelf zu erobern. Immerhin ist die Konkurrenz dort mit Heitinga und Joris Mathijsen durchaus überschaubar. „Ich rechne nicht damit, dass der Trainer da noch bis zur EM viel wechselt. Mein Gefühl sagt mir, ich muss da noch ein wenig warten.“ Dass sich das lohnt, dafür muss Bruma nicht weit gucken. Immerhin hat er mit Rincon ein Paradebeispiel dafür in der eigenen Mannschaft.

Und auch für uns soll sich das Warten gelohnt haben. Immer wieder habt Ihr hier gefragt, was mit Dieter ist, weshalb in den letzten Wochen nur noch ich hier geschrieben habe. Und, soll ich Euch was sagen? Etwas, worüber sich keiner mehr freut als ich?

Dieter Matz ist endlich wieder zurück!

Schon morgen übernimmt der Blogvater hier wieder. Erholt und Guter Dinge wird er in seiner gewohnt intensiven, emotionalen Art und mit tausenden von interessanten Döntjes seinen Blog führen. Ich freue mich darauf!

In diesem Sinne, bis morgen – wollte ich gerade schreiben. Die Macht der Gewohnheit… Besser muss es natürlich heißen: bis nächste Woche. Ich habe Donnerstag Print-Dienst und ab Freitag drei Tage frei.

Bis dahin,

Scholle

P.S.: Morgen ist um zehn Uhr Training an der Arena. Wenn alles gutgeht, ist Mladen Petric dann erstmals seit seiner Wadenverletzung wieder dabei.

Bruma ist da – selbstbewusst und zielsicher

30. Juni 2011

Die Karnickel waren fleißig. Nächtelang haben sie gebuddelt und Tunnel unter das satte Grün des Sylter Stadionrasens gegraben. Ergebnis: das Testspiel wurde heute Mittag kurzzeitig abgesagt. Die zwei HSV-Greenkeeper überzeugten sich höchstselbst vom unbespielbaren Zustand des Platzes und sagten die Partie wegen der zu hohen Verletzungsgefahr für die Spieler ab. Womit Bernd „Fummel“ Wehmeyer auf den Plan gerufen wurde und kurzerhand Gott und die Welt (der Mann kennt jeden!) in Bewegung zu setzen und das Spiel auf den Trainingsplatz des HSV am „Nordsee-College Sylt“ zu verlegen, wo am morgigen Freitag um 18.30 Uhr der Anpfiff zum ersten Test des neuen, jungen HSV gegen eine Nordfriesland-Auswahl angepfiffen wird.

Was den rund 500 für heute erwarteten Zuschauern entgangen sein wird, ist der erste Auftritt von Jeffrey Bruma, der heute Nachmittag bei immer noch starken aber gegenüber dem Orkan am Morgen fast angenehmen Winden seine erste Einheit als HSV-Profi absolvierte. Dabei wirkte der Niederländer nach seinem kurzen Urlaub erstaunlich frisch. Am Ball zeigte er bei Passübungen wie beim Turnier, dass er zu den spielerisch besseren Innenverteidigern zählt. „Jeffrey ist noch sehr jung, hat aber schon bewiesen, dass er auf höchstem Niveau spielen kann“, lobt Trainer Michael Oenning und stellt damit den Unterschied zu den ebenfalls vom FC Chelsea gekommenen 19-Jährigen Gökhan Töre und Jacopo Sala heraus, „aber für ihn wie für alle anderen gilt das Prinzip: Wer Leistung anbietet, erhält seine Chancen.“

Den überaus positiven Eindruck wusste Bruma im Gespräch zu bestätigen. Gekleidet in seine neuen HSV-Klamotten, die so neu waren, dass am Polo-Shirt noch das Adidas-Schild hing, referierte der 19-Jährige locker, flockig und mit einem breiten Grinsen über seine Beweggründe, zum HSV zu wechseln. Und das in bestem Deutsch. „Ich habe die Sprache drei „Jahre lang in der Schule gelernt“, so Brumas Erklärung – auf Deutsch selbstverständlich.

Der gelernte Innenverteidiger hatte am Mittwoch nach seinem bestandenen Medizincheck in Hamburg einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Dieser sieht vor, dass der FC Chelsea Bruma nach einem Jahr zurückholen könnte. Sollte das nicht passieren, hätte der HSV vor Ablauf des Leihvertrages eine Kaufoption zu einer festgeschriebenen Ablösesumme. Ob Bruma sich vorstellen kann, länger als zwei Jahre in Hamburg zu bleiben? „Ich habe keinen konkreten Karriereplan“, sagt Bruma, lässt allerdings zugleich keinen Zweifel daran, dass er große Ziele hat. „Ich bin jetzt 19 Jahre und am Anfang meiner Entwicklung. Ich hatte verschiedene Angebote. Drei aus England, von den Top-Klubs in den Niederlanden – aber der HSV ist die beste Option für mich. Ich will mich hier entwickeln und den nächsten Level erreichen. Dafür ist eine gute Mannschaft in einer Top-Liga wie die Bundesliga wichtig. Wenn ich hier gute Leistungen zeige, ist das auch gut für meine Nationalmannschaftskarriere.“ Und sein größtes Ziel ist, mit den Niederlanden bei der EM 2012 in der Ukraine und Polen dabei zu sein.

Was sich für den einen oder anderen nach der berühmt-berüchtigten Übergangsstation anhören mag, für die der HSV eine zeitlang verschrien war, ist vielleicht nicht falsch. Aber eben normal und okay, wenn der HSV davon profitiert. Und in diesem speziellen fall glaube ich, dass der HSV richtig gehandelt hat. Zumal Bruma nicht anfängt, irgendwelche Herzensgeschichten im Zusammenhang mit dem HSV populistisch anzuführen. Er ist kein Mann der Show, kein Schnacker. Im Gegenteil, der kantige Abwehrmann wirkt extrem ehrlich, scheint klar zu sein und keinerlei Starallüren zu haben. Er kommt sehr sympathisch rüber, ist höflich zurückhaltend, aber zielbewusst. Er scheint ein wenig das Gegenteil von Eljero Elia zu sein, der … naja, auch hier geloben HSV und Spieler Besserung – und dabei belasse ich es, weil ich weiterhin von den sportlichen Qualitäten des niederländischen Nationalspielers überzeugt bin.

Nein, Bruma weiß, dass er noch einen weiten Weg zu gehen hat. Er scheint devot gegenüber dem Profifußball und allem, was dazugehört. So legt er großen Wert darauf, seine Eltern um sich herum zu haben. Er sei kein Partygänger und wolle sich auf seinen beruf und seine Karriere konzentrieren. Dafür braucht er Sicherheit um sich herum. „In zwei Wochen, sobald ich eine Unterkunft für mich gefunden habe, kommen meine Eltern und bleiben für ein paar Monate.“ Zudem erwartet Bruma seine 19-jährige Freundin Jorja Zimmerman in ein paar Wochen. Allerdings, und das ist für Bruma ebenfalls ganz normal, „sie reist wieder zurück, weil sie noch sehr jung ist und gerade angefangen hat zu studieren. Aber sie wird mich so oft es geht besuchen.“ Einfach vernünftig.

Dabei hätte Bruma es sich leichter machen können. Seit Jahren buhlt der HSV um das Talent. Er selbst war einem Wechsel gegenüber nicht abgeneigt, hatte dies auch schon im Winter in Erwägung gezogen. Allerdings lehnte Chelsea, bei dem Bruma noch bis 2014 unter Vertrag steht, damals ab und transferierte ihn auf Leihbasis zu Leicester City. Wie schon bei Töre und Sala vermochte erst Frank Arnesen alle von der Sinnhaftigkeit eines Wechsels nach Hamburg komplett zu überzeugen. Wobei bei Bruma auch die Gespräche während seiner Länderspieltour mit den Niederlanden in Südamerika Wirkung hatten. „Ich habe mich mit einigen Ex-HSVern unterhalten“, erzählt Bruma. So habe er zunächst von Nigel de Jong den Tipp erhalten, dass Hamburg ein großer verein sei, er nach Hamburg wechseln solle. Gleiches erzählten Khalid Boulahrouz und Joris Mathijsen, dessen Nachfolger Bruma werden soll. „Ich würde gern seine Position einnehmen“, sagt Bruma, „ich will auf jeden Fall allen zeigen, dass ich das drauf habe.“

Klar ist auf jeden Fall, dass Bruma vom HSV als Innenverteidiger geholt wurde und er selbst auch dort seine größte Stärke sieht. Welche Qualitäten er sich selbst bescheinigt? Bruma selbstbewusst: „Ich werde immer als moderner Verteidiger bezeichnet, weil ich schnell, zweikampfstark, stark und gut im Passspiel bin.“ Allerdings, im Kopfballspiel habe er noch Defizite, gibt er zu.

Defizite hat auch Sala. Der junge Italiener musste heute mit dem Training aussetzen, weil er muskuläre Probleme hat. Ob er Freitagmorgen bei der Fahrradtour dabei ist, ist noch offen. Ebenfalls noch offen ist, wann genau Mladen Petric wieder ins Mannschaftstraining einsteigt. „Aber ich bin froh, dass er so früh schon wieder dabei ist“, freut sich Oenning.

In diesem Sinne, überzeugt davon, dass Bruma eine echte Verstärkung werden kann, sage ich für heute Tschüß und melde mich morgen wieder bei Euch. Dann mit dem ersten Testspiel im Rücken und voraussichtlich erst etwas später. Der Anpfiff gegen die Nordfrieslandauswahl ist erst um 18.30 Uhr…

Scholle

19.24 Uhr

Frei-Würstchen statt Frei-Bier

23. Juni 2011

Sonntag ist Trainingsstart beim HSV im Volkspark. Heute saßen deshalb schon mal die Trainer beisammen und erstellten das Programm der nächsten Tage und Wochen. Nichts wird dem Zufall überlassen. Ist jedenfalls nicht so, wie bei einem HSV-Trainer, der morgens in die Kabine gehechelt kam und in die Runde der Assistenten fragte: „Welchen Tag haben wir heute?“ Die Antwort kam blitzschnell: „Donnerstag.“ Daraufhin der Coach: „Dann bist du ja dran mit Programm machen . . .“ Und sah dabei einen seiner Assistenten ganz fest in die Augen. Überredet – woll’n mal sagen jetzt.

Da es heute – meines Wissens – keine An- und Verkäufe beim HSV gegeben hat und gibt (liegt wahrscheinlich daran, dass ich an Einfluss beim HSV verloren habe – wie ich in diesen Tagen gelernt habe!), will ich mit der Trainer-Serie fortsetzen. Das heißt, bei David Rozehnal hat sich in Sachen Verkauf an den französischen Doppelmeister Lille etwas getan (zu 99 Prozent perfekt), aber damit will ich nicht mehr langweilen. Aktuell gibt es ansonsten noch einen neuen Sponsor beim HSV: Hareico. Das Würstchen. Davon wirft der neue HSV-Partner am Sonntag 1500 Exemplare auf den Markt, wenn Training ist. Klub-Boss Carl-Edgar Jarchow und Vize Joachim Hilke sollen sich für diese Würstchen am Grill versuchen . . . Dann gibt es am Sonntag ein neues Motto. Fußballer grölen ja gern mal in die feuchtfröhliche Runde. „Wie trinken wir am liebsten? Umsonst!“ Wie essen wir aber am Sonntag am liebsten? Umsonst!
Bei uns da bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Volkspark-Wald . . .

So, nun aber zu Doll. Der ist der nächste in der Reihe der HSV-Trainer. Thomas Doll. Der inzwischen 45-jährige ehemalige Publikumsliebling in Hamburg will ja nicht mehr „Dolly“ genannt oder gerufen werden, und ich halte mich strikt daran. Doll hat in seiner Vergangenheit „aufgeräumt“ und möchte nicht mehr der liebe „Dolly“ von nebenan sein, sondern ein respektierter Trainer. Ich finde das auch sehr gut so.

Um es vorweg zu sagen: Ich halte Thomas Doll für einen guten, sogar sehr guten Trainer. Nun habe ich hier bei „Matz ab“ gelesen, dass alle HSV-Trainer bei mir gut sein sollen – das kann sogar sein. Nur haben die meisten von ihnen es nicht geschafft, aus dem vorhandenen „Material“ eine verschworene Einheit zu formen. Als Doll am 18. Oktober 2004 von Toppmöller übernahm, konnte er mit seiner forschen, netten, menschlichen und auch fachlichen Art gleich einiges bewegen. Doll brachte Leben in die Bude, er weckte die Begeisterung der Spieler, er war mit Leidenschaft bei der Sache – und er ging tatsächlich mit gutem Beispiel voran. Thomas Doll war morgens der erste Mann in der Arena, und abends meistens auch der letzte Mann der Profi-Abteilung, der nach Hause fuhr. Ich will damit sagen, dass er sich wirklich für den Klub eingesetzt hat, dass er kein „Schön-Wetter-Trainer“ war, sondern dass er Einsatz gezeigt hat.

Schon bei den Amateuren (in Ochsenzoll) war mir aufgefallen, wie gut sein Draht zur Truppe war. Wobei er nicht nur lieb und nett war, sondern auch gelegentlich kräftig „dazwischendonnern“ konnte. Wenn Doll laut wurde, dann wackelte die Heide. Aber er konnte das sehr gut dosieren, alles zu seiner Zeit.

Er führte den HSV nach zunächst verkorkstem Saisonstart (unter Toppmöller) noch auf Platz acht: UI-Cup-Teilnahme, UI-Cup-Gewinn und Start im Uefa-Pokal. Und noch besser kam es im nächsten Jahr: Platz drei in der Bundesliga, Start in der Champions League.

Ich kenne Thomas Doll als zugänglichen, liebevollen und stets netten Menschen. Der voller Optimismus an die ihm gestellten Aufgaben heran ging. Eine Momentaufnahme des lieben und herzensguten „Dolly“? Als er eines Tages nach der Arbeit (Training) aus der Kabine der Arena trat, standen dort am Zaun, wo sich sonst stets viele Autogrammjäger herumdrängeln, nur drei kleine Knaben. Die wollten zweifellos ebenfalls Autogramm sammeln. Aber beim Trainer? Da trauten sie sich nicht. Also ging Doll vorbei. Aber fragte so unschuldig in die Runde: „Na?“ Keine Antwort der Knaben. Als der Coach vorbei war, sagte er vor sich hin: „Ich steige nun in mein Auto . . .“ Er kommentierte quasi jeden seiner Schritte. Als er in sein Auto stieg, hieß es: „Jetzt fahre ich gleich nach Hause . . .“ Noch immer keine Reaktion der drei kleinen HSV-Fans. Doll schloss die Tür, ließ aber das Seitenfenster runter: „Jetzt bin ich gleich weg . . .“ Keine Reaktion hinter der Barriere. Dann stieg Thomas Doll wieder aus dem Auto aus, ging auf die Knaben zu und fragte, was sie nicht fragen wollten: „Wollt ihr ein Autogramm?“ Jetzt freuten sich die Jungs, sie strahlten über das ganze Gesicht – und nickten. Doll fragte nach jedem Namen, schrieb Autogramme mit Widmung (fast so lang wie ein Buch), und stieg dann freudig in den Wagen – und weg: Na bitte, es geht doch.

Den „anderen“ Thomas Doll erlebte ich beim Champions-League-Spiel bei ZSKA Moskau. Der HSV war nicht schlechter als die Russen, aber er verlor 0:1. Auch deshalb, weil sich niemand in der Truppe so richtig aufraffen konnte, Einsatz und etwas mehr Leben zu zeigen. Zur Erinnerung: Damals begann folgende HSV-Mannschaft: Wächter, Mahdavikia, Reinhardt, Kompany, Mathijsen, de Jong, Jarolim, Wicky, Sorin, Ljuboja, Sanogo. Doll war nach dieser überflüssigen Niederlage völlig am Boden, einige im Umfeld des HSV-Teams machten sich im Laufe der Nacht schon Sorgen, dass etwas Unvorhergesehenes mit dem Trainer passieren könnte . . . Egal was. So aber, so wie an diesem 26. September 2006, so habe ich Thomas Doll nie wieder erlebt. Er war down, er hing einfach nur total durch, weil er absolut (und völlig zu recht) von seiner Truppe enttäuscht war. Der sonst so eloquente Herr Doll, in dieser Nacht sagte er gar nichts mehr, da war er nur noch stumm wie ein Fisch . . .

Es gab in jener Saison, seine letzte beim HSV, einfach zu viele Verletzte im HSV-Kader. Zudem war die Truppe schon zu jenem Zeitpunkt keine Einheit mehr, sie begann zu bröckeln, jeder kochte sein eigenes Süppchen – und keiner hatte mehr so richtig Lust, dem Trainer zu folgen. Der Absturz kam unweigerlich, der HSV hielt bis zuletzt zu Thomas Doll – bis es nicht mehr ging. Ich gebe zu, an jenem 2. Februar 2007, als Huub Stevens den HSV als Tabellenletzter übernahm, habe ich nicht mehr an den Klassenerhalt geglaubt. Dass letztlich noch Platz sieben erreicht wurde, das war ein Verdienst der Herren Stevens und Rost. Dazu an anderer Stelle mehr.

Nur noch einen kurzen Satz zu Thomas Doll. Er war zuletzt in der Türkei tätig, hat bei Genclerbirligi einen wirklich guten Job gemacht (der Klub war immer ein Abstiegskandidat) und ist nun zurzeit arbeitslos. Vor Wochen war er bei Eintracht Frankfurt im Gespräch, schade, dass das nicht geklappt hat – ich häte es ihm gegönnt. Auch dshalb, weil er ein sehr guter Trainer ist. Und weil er sich geändert hat. Kein “Bruder Leichtfuß” mehr, sondern ein ernsthafter Trainer. Deswegen hoffe ich für ihn, dass er schon bald einen neuen Klub bekommt. Damit er es allen zeigen kann. Der Thomas Doll.

So, und zum Abschluss des heutigen Tages nun noch ein Beitrag von Euch. Folgende Zeilen haben mich erreicht, die ich Euch nicht vorenthalten möchte.

„Hallo Dieter,
falls noch ein Sommermärchen gebraucht wird, hier ist eines:

Wie ich zum HSV kam? Ich bin in Hamburg-Altona geboren und aufgewachsen. In der Grundschule hatte ich einen Klassenkameraden, Helmut B., mit dem ich häufig auf dem Schulhof Fußball gespielt habe. Sein großer Bruder war auch dabei, und das Spiel ging so: Zwei Tore standen auf gleicher Linie nebeneinander, die Torpfosten bestanden aus Jacken, Schultaschen o. ä. Der mittlere Torpfosten war zugleich der rechte bzw. linke Pfosten der beiden Tore. Helmut und ich hüteten jeweils ein Tor und Helmuts großer Bruder schoss abwechselnd auf die beiden Tore. Es ging dabei auch um Sieg oder Niederlage.

Helmut „war“ dabei Altona 93, das wäre ich auch gerne gewesen . . . Ich fragte ihn dann: „Und welcher Klub bin ich?“ Helmuts großer Bruder darauf: „Du bist HSV.“ Da war ich vielleicht sieben oder acht Jahre alt, und so wurde mein Fan-Dasein früh festgelegt.
Und im Laufe der Jahre festigte sich die Bindung zum HSV mehr und mehr.

Da das Geld zu Hause knapp war, bin ich auch schon mal von Altona (ich wohnte gleich am Bahnhof) zu Fuß zum Rothenbaum gelaufen, um ein Heimspiel des HSV zu sehen. Und das ging auch schon mal ohne eine Eintrittskarte. Leider war das Spiel ausverkauft, ich glaube es ging gegen Werder, aber ich wusste mir zu helfen. Ich bin in eines der Miethäuser an der Rothenbaumchaussee gegangen und habe im obersten, im vierten Geschoss geklingelt und gefragt, ob ich auf dem Balkon das Spiel sehen dürfe. Ich durfte, der Balkon war zwar schon gut besetzt, aber ich kleiner Purks passte noch mit drauf.

Ich gehörte auch zu denen, die mal in der Rothenbaum-Arena über die Köpfe der Besucher hin weg nach unten befördert wurde, damit ich gut sehen konnte.

Als ich in das Teenager-Alter kam, hatte ich das Glück, auf dem Allee-Sportplatz in Altona mit Gert Dörfel zu kicken (wir sind etwa ein Jahrgang), später kam auch sein Bruder Bernd dazu. Und noch später konnte ich Charly dann am Rothenbaum bewundern.
Ich erinnere mich auch an Heinz Spundflasche und seinen Tabakladen in der Bahrenfelder Straße.

Wenn man so früh auf einen Verein geprägt wird, legt man das später nicht wieder ab (das will ich auch gar nicht). Zum Glück ist meine Frau, die beste aller Ehefrauen, ebenfalls an Fußball interessiert – und natürlich Fan des HSV. Wir haben seit vielen Jahren Dauerkarten. Und bei unseren beiden Jungs ist diese HSV-Saat ebenfalls früh gelegt worden.

Ich nutze den Matz-ab-Blog von Anfang an, habe auch hin und wieder Stellung genommen. Ich freue mich, dass es diese Möglichkeit des Fan-Austausches gibt.

Danke, Dieter, für die Mühe und Geduld,
Theophil.“

18.07 Uhr

Hermann im grünen Bereich – Gerücht um Elia

19. Juni 2011

Ganz schön trist, ein solcher fußballloser Sonntag, der eigentlich ein Regentag war. Kein Wetter, bei dem man sich wohlfühlen kann, aber wie geht es denen, denen es ohnehin nicht besonders gut geht? Ich habe mit Hermann Rieger telefoniert, weil ich ganz einfach oft an ihn denken muss, wie es ihm geht. „Gut geht es mir, sehr gut sogar. Ich bin voll im grünen Bereich“, sagt Hermann, der am Sonnabend in Hamburg war, beim HSV, weil es dort ein Fan-Treffen gab. Und natürlich war er auch dort wieder der „Hahn im Korb“, der Kult-Masseur steht immer im Mittelpunkt – er wird von allen HSV-Anhängern geliebt. Und er sagte mir heute, wieder zurück in seinem derzeitigen Lebensmittelpunkt Alfstedt: „Das spüre ich täglich, und ich genieße es. Es ist einfach toll, dass mich die Fans immer noch so mögen.“

Am 23. Juni muss er noch einmal nach Hannover, klettert dort dann „in die Röhre“ – und hofft, dass die Ärzte danach sagen, dass tatsächlich alles im grünen Bereich ist. Hermann: „Ich kann nur sagen, dass ich mich sehr wohl fühle, ich habe nun schon längere Zeit keine Chemo mehr gehabt, nein, ich kann sogar sagen, dass ich mich saugut fühle.“

Weil das so ist, deshalb denkt er sich schon an die kommenden Wochen: „Ich freue mich unwahrscheinlich auf die neue Saison, es könnte schon jetzt losgehen.“ Er wird wahrscheinlich am nächsten Sonntag beim Trainingsauftakt sein, und er wird nach Flensburg fahren, wenn der HSV dort testet. Hermann Rieger hat schon wieder große Pläne mit „seinem HSV“. Dass es nun den Umbruch gibt, das befürwortet er zu 100 Prozent: „Es musste sein, denn alles andere, was hier versucht wurde, hat uns ja auch nicht weitergebracht.“ „Hermann the german“ vertraut dem neuen Sportchef Frank Arnesen („Der wird genau wissen, was er tut“), den er als absoluten Fachmann einschätzt. Nun muss sich herauskristallisieren, wie sich die Talente, die von Arnesen gekauft wurden, machen, wie sie sich entwickeln. Rieger: „Sie sind ja nicht nur jung, sie sind ja auch sehr unerfahren. Ich hoffe aber, dass sie sich so entwickeln, wie es ihnen von Frank Arnesen zugetraut wird. Wir alle müssen Geduld aufbringen und die Ruhe bewahren.“

Zwei HSV-Personalien haben es Hermann Rieger in diesen Tagen besonders angetan. „Ich freue mich sehr, dass Collin Benjamin nun für 1860 München spielt, ich freue mich für ihn, dass er dort einen Zwei-Jahres-Vertrag bekommen hat. Ich bin Collo-Anhänger, und ich freue mich auch für die Löwen, denn von diesem Klub bin ich schon seit vielen Jahren ein kleiner Fan“, sagt Hermann. Er bedauert aber auch den Fortgang von Joris Mathijsen, über den er sagt: „Joris ist ein feiner Kerl, mit ihm habe ich mich sehr gut verstanden, er ist in meinen Augen ein Vorbild-Profi. Sein Wechsel nach Malaga tut mir ein bisschen weh, aber so ist das Leben als Fußball-Profi – er bekommt in Spanien deutlich mehr Geld als in Hamburg.“

Genau dieser Punkt dürfte ausschlaggebend sein. Geld regiert die Fußball-Welt. Das wird auch Eljero Elia wohl noch sehr eindrucksvoll merken. In diesen Wochen bemühte sich ja schon Juventus Turin um die niederländischen Flügelflitzer, nun soll auch der FC Chelsea Interesse haben. So besagt es ein Gerücht in England. Wobei sich die Experten noch nicht einig sind, ob der Ex-Klub von Arnesen dem HSV nur mal kurz in die Suppe spucken möchte (Motto: „Wie du mir, so ich dir“), oder ob es wirklich um eine angedachte Verstärkung geht? Vielleicht sind die Chelsea-Verantwortlichen aber doch nicht ganz so amüsiert darüber, dass der Herr Arnesen dem Klub gleich vier Talente (Bruma, Töre, Sala, Mancienne) abspenstig gemacht hat.

Für den HSV könnte es letztlich nur gut sein, wenn es nach Juve einen weiteren potenziellen Klub gibt, der Elia haben will, denn Konkurrenz belebt das (Geld-)Geschäft.

Apropos Konkurrenz. Die gibt es ja auch im deutschen Fußball, vielfältig sogar. Und auch unter den Landesverbänden. Davon konnte ich mich in der abgelaufenen Woche überzeugen, als ich, wie bereits erwähnt, beim Hamburger Verbandstag war. Eine Geschichte ist dabei schon vom Tisch: Vor einem Jahr wollte Schleswig-Holstein alle Vereine, die im nördlichsten Bundesland zu Hause sind, die aber in Hamburg am Punktspielbetrieb teilnehmen (z. B. Norderstedt, Quickborn, Reinbek, Elmshorn, Pinneberg), zu sich holen. Hamburg war entsetzt und sauer, aber nun ist diese Geschichte vom Tisch, alles bleibt wie es ist.

Trotz allem „wildern“ die Schleswig-Holsteiner aber weiter in Hamburg. Nachdem sie bereits Gert „Charly“ Dörfel als Fußball-Botschafter gewonnen haben, haben sie sich nun den größten Hamburger Fußballer aller Zeiten geangelt: Uwe Seeler. Der Ehrenspielführer war vor einer Woche bei der Grundsteinlegung der neuen Sportschule Malente anwesend, und das hatte seinen Grund. Die Sportschule, in der sich früher auch die Nationalmannschaften vorbereiteten, wird in einem Jahr fertiggestellt sein – und heißt dann Uwe-Seeler-Sportschule.
Herzlichen Glückwunsch, ihr Schleswig-Holsteiner, ihr habt es kapiert, wie es gemacht wird. In Hamburg ist der Ehrenspielführer zwar längst Ehrenbürger, einen Platz, eine Straße oder Ähnliches aber ist nach ihm noch immer nicht benannt worden. Und ich frage mich, warum das stets erst dann geschehen darf, wenn ein großer Bürger gestorben ist? Uwe Seelers Popularität ist ungebrochen, deshalb hätte er es schon zu Lebzeiten verdient, in einer solchen Form, wie es nun Schleswig-Holstein macht, geehrt zu werden. Andere aber müssen so etwas wohl immer erst vormachen . . .

Und wenn ich so über das Wort Ehrung nachdenke: Felix Magath ist ja nun eine besondere (und fragwürdige) „Ehre“ widerfahren. Bei der Jahreshauptversammlung des FC Schalke 04 wurde der ehemalige Trainer des Klubs noch einmal nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen. Das nenne ich Dankbarkeit. Erst werden die Knappen Vizemeister, dann sind sie der letzte deutsche Verein in der Champions League – und sie gewinnen den DFB-Pokal. Da hält man dann eigentlich seinen Mund (andere würden es deftiger ausdrücken!), aber es ist wohl so Sitte, doch noch einmal nachzutreten. Ich kann das nicht fassen. Der Trainer ist weg, der Schalker Briefbogen ist um einen Titel ergänzt worden – und trotz allem fallen sie noch einmal über Magath her.
Gehört sich so etwas?
Mich empört das!

Aber auch das gehört wohl zum eiskalten Profi-Geschäft. Interessant noch zu Schalke ist zu sagen, dass dort die Presse (auf Beschluss der anwesenden Mitglieder) von der Versammlung ausgeschlossen wurde. Ich denke, das wird Schule machen . . . Wir werden es erleben.

So, bevor ich nun zur Trainer-Serie komme, noch ein Wort zu Michael Ballack. Niemand weiß, was hinter den Kulissen wirklich zwischen Bundestrainer Joachim Löw und Ballack gelaufen ist, deswegen sollten wir alle mit Verurteilungen in diese oder jene Richtung vorsichtig sein. Ich bin es jedenfalls. Und trotz allem muss ich sagen, dass ich eine gewisse Freude verspüre. Nicht über diesen Krach, sondern darüber, dass Ballack einst nicht zum HSV gekommen ist (er war hier ja durchaus ein Thema). Wir hätten hier in Hamburg nur noch mehr Ärger gehabt (als ohnehin schon), und das hätte sicherlich auch noch mehr gestört.

Nun aber zu Kurt Jara. Am 8. Oktober 2001 wurde der Österreicher neuer HSV-Trainer. Auch deshalb, weil nicht ich ihn nach Hamburg vermittelt habe, sondern weil damals Hermann Rieger seine Hände im Spiel hatte. Er brachte den HSV, in dem Fall Holger Hieronymus, und Jara zusammen – und daraus wurde dann eine feste Trainer-Anstellung.

Ich halte mich ganz kurz mit dem, was ich dazu sagen (schreiben) möchte. Mein Verhältnis zu Jara ist kein gutes gewesen, mein Einfluss im Verein begann damals schon zu bröckeln (welch ein Blödsinn!). Mich störte die Oberflächlichkeit des Österreichers. Er nannte seinen Abwehrchef noch nach einigen Wochen in Hamburg immer „mein Kapitän Hoogmann“. Gemeint war, Ihr könnt es Euch denken, Nico-Jan Hoogma. Mich sprach Herr Jara immer mit „Herr Matzen“ an, was ich stets überhörte. Nicht aber Teammanager Marinus Bester, der seinen Coach oft korrigierte, dann aber die Hoffnung auf Besserung aufgab. Heute begrüßen wir, Marinus und ich, immer noch: „Guten Tag Herr Matzen.“ Und: „Guten Tag Herr Besten.“ Und einen habe ich noch: Mitten in der Saison sprach Jara von seinem Co-Trainer: „Armin Reutershagen.“ Der heißt immer noch, heute als Co-Trainer von Dieter Hecking beim 1. FC Nürnberg, Reutershahn.

So, nur noch ein kleines Nähkästchen zu Kurt Jara. Als zur Saison 2002/03 der Argentinier Cristian Raul Ledesma (River Plate Buenos Aires) für teures Geld gekauft worden war, da wusch der Trainer seine Hände in Unschuld. Sein Assistent Manfred Linzmaier hatte Ledesma einige Male in Argentinien beobachtet und kam zu dem Urteil: „Nicht verpflichten!“ Der HSV aber griff dennoch zu. Kurios. Bis heute gelblieben! Und ich fragte damals, das Tonband habe ich bis heute aufbewahrt, Kurt Jara nach dem Training (in Ochsenzoll), warum er als Trainer diesem Transfer, der für niemanden Sinn machte, zugestimmt hatte?

Jaras Antwort: „Ich habe dem Sportchef gesagt, dass ich Ledesma nicht haben will, aber der Sportchef wollte ihn. Und er hat im Klub erzählt, dass wir mit Ledesma in den Uefa-Cup kommen würden. Da werde ich mich dann hüten, dem sportlich Verantwortlichen des Klubs zu widersprechen. Sollte ich, wenn wir Ledesma nicht geholt hätten, dann mit dem HSV in Abstiegsgefahr geraten, dann würde mir doch stets vorgehalten werden, dass es mit Ledesma garantiert besser gelaufen wäre. Da hätte ich keine Argumente dagegen gehabt. Der Trainer ist immer das schwächste Glied, ich hätte wohl meinen Job verloren – das wollte ich nicht riskieren, deswegen wurde Ledesma letztlich verpflichtet.“ Und endete hier als „Rohrkrepierer“.

Nach der Katastrophen-Tour nach Dnjepropetrowsk (0:3-Niederlage im Uefa-Pokal, Runde eins) und der 0:4-Pleite beim 1. FC Kaiserslautern musste Kurt Jara am 21. Oktober 2003 seinen Hut nehmen. Es hatte in neun Bundesliga-Spielen ganze zwei HSV-Siege gegeben. Es übernahm Klaus Toppmöller.

PS: Das kann ich mir dann immer noch nicht verkneifen. Vielen Dank für die Aufklärungsarbeit, die hier nach meinem letzten Beitrag über mich geleistet worden ist, ich habe viel gelernt über mich. Herzlichen Dank, jetzt denke ich doch schon wieder ganz anders über mich – Ihr seid so gut zu mir.

Ich wünsche allen „Matz-abbern“, dass sie gesund bleiben oder es werden (Benno!), und ich wünsche allen einen wunderschönen Start in eine erfolgreiche und hoffentlich sonnige Woche. Und ich drücke mir die Daumen, dass der HSV dann vielleicht doch noch den einen oder anderen Stürmer verpflichten wird, denn daran dürfte es sonst mangeln. Das aber ist nur meine ganz unmaßgebliche Meinung.

19.35 Uhr

Pagelsdorf: guter Blick, klasse Händchen

18. Juni 2011

Wenn der „kleine Dribbelkünstler“ in der kommenden Saison auf „Lang-Hafer-Joris“ trifft, wenn dazu Ruud „van the man“ den Prominentenanstoß ausführen wird – dann wäre ich gerne im Stadion. Es kommt mir zwar alles sehr spanisch vor, aber diese Konstellation zeigt mir vor allem eines: Es kommt doch noch Bewegung in die Geschichte. Ich freue mich, dass der Neuanfang des HSV mit dem Verkauf von Mathijsen immer konkreter wird, ich freue mich auch für Mathijsen, denn nun wird er es nicht mehr nötig haben, die Bälle zwecks eines geeigneten Spielaufbaus 80 Meter nach vorne und damit ins Nirwana zu kloppen. Ab sofort übernehmen die Malaga-Profis schon in der eigenen Hälfte die Bälle von Mathijsen, der von den besseren Mitspielern in Spanien sicher nur profitieren kann. Und wenn ich so an seinen 30-jährigen Nebenmann Martin Demichelis denke – das wird eine Top-Abwehr, mit der spielt man (in Malaga) sicher um die Meisterschaft mit.

Aber gut, es ist so wie es ist. Und der HSV hat es ja auch genau so gewollt, als man Joris Mathijsen zu verstehen gab, dass er sich einen neuen Arbeitgeber suchen dürfe. Um es noch einmal klar zu sagen: Ich habe das absolut befürwortet. Jetzt dürfen sich eben die jungen Hüpfer – geführt von Heiko Westermann – versuchen. Und auch darauf haben wir ja irgendwie gehofft.

Um noch einmal auf Malaga zu kommen: Ich weine ja dem anderen „Hamburger“ die eine oder andere Träne hinterher: Ruud van Nistelrooy. Mit ihm werde ich noch lange nicht fertig sein, denn es war schon ein herausragendes Erlebnis, mit ihm zu tun zu haben. Fußballerisch war das zuletzt zwar nichts mehr, aber der Mensch van Nistelrooy – erste Sahne. Es gibt im Fußball-Geschäft nur wenige Menschen, denen ich an den Lippen hänge – weil sie nicht nur etwas zu sagen haben, sondern weil sie nur Super-Sachen zum Besten geben. An erster Stelle möchte ich für mich Günter Netzer nennen, dann kommt eine gewisse Zeit nichts, dann folgen in meiner persönlichen Hitliste Uli Hoeneß und, Ihr werdet vielleicht überrascht sein, aber es ist so: Thomas von Heesen. Was er mir über Fußball erzählt hat und immer noch erzählen kann, das ist großartig. Das aber nur mal am Rande.

Auf Platz vier folgt van Nistelrooy. Tolle Ansichten, keine Hirngespinste, kein Überflieger, nicht den kleinsten Hauch von Arroganz, sondern eher bescheiden und zurückhaltend – das hat einfach nur Spaß gemacht, diese Zusammenarbeit. Und für mich auf meine alten Tage noch einmal ein echte Highlight. Danke Ruud! Und viel Erfolg in Malaga, obwohl ich da so meine Zweifel habe.

Übrigens habe ich in den letzten Monaten zwei ausführliche Mails unterschlagen, die ich aus den Niederlanden erhalten hatte. Es schrieb mir ein Freund der Familie van Nistelrooy, der mich so darüber aufklärte, wie das mit Ruud, Real Madrid und dem HSV wirklich gelaufen ist. Ich habe davon extra null Gebrauch gemacht, weil dann hier im Blog so der Teufel los gewesen wäre, wie in der nun ablaufenden Woche. Nur so viel möchte ich verraten: Als Ruud van Nistelrooy zum HSV wechselte, soll er sich –mündlich – das Versprechen geben lassen haben, dass falls Manchester United oder Real kommen und ihn haben möchten, dass er dann (natürlich gegen eine entsprechende Ablöse) gehen könne. Dieser Absprache konnte man beim HSV damals beruhigt zustimmen, denn wer kauft noch einen „älteren Herren“, der zudem oft verletzt ist? Als dann Real tatsächlich kam, konnte oder wollte man sich beim HSV nicht mehr an die mündliche Vereinbarung erinnern.
Wobei ich bewusst keine Namen nennen möchte . . . Wegen des Teufels . . . Es ist ja auch Schnee von gestern. Mathijsen und van Nistelrooy genießen nun die spanische Sonne, und allein deshalb beneide ich sie.

Und noch ein Name eines Ex-HSVers ist mir in dieser Woche auf komische Art und Weise untergekommen: Jörg Butt. Der heutige Bayern-Torwart ist in England, so wurde es nun von einer Zeitung veröffentlicht, eine „unerwünschte Person“. Ich weiß allerdings nicht, warum? Ich kann mir da auch keinen Reim drauf machen. Für mich ist Jörg Butt einer der nettesten und liebenswürdigsten Profis überhaupt. Ich habe in den fast 32 Jahren HSV-Reporter viele, viele Spieler kommen und gehen sehen, Butt ist unter jenen Profis, die von mir am meisten geschätzt werden, ganz sicher unter den ersten fünf. Wenn nicht unter den ersten drei. Und das ist (auch) keine Provokation – von wegen: „Lass den Torwart gleich zu Hause . . .“

Um es noch einmal zu sagen: Als Butt damals den HSV verließ, ging er total sauer. Er war als kleiner, unbekannter Torwart vom VfB Oldenburg gekommen, war eigentlich nur die Nummer drei des HSV, wurde dann aber die Nummer eins. Und das hätte er gerne seinen Vertrag etwas aufgestockt gehabt – verständlich. Und als diese Zahlen dann plötzlich in einer Hamburger Zeitung „angeprangert“ standen, da hatte er die Nase voll vom HSV – und ging. Und? Wer hätte das denn nicht gemacht.

Aber das ist natürlich auch noch der viel, viel ältere Schnee . . .

So wie die Trainer-Serie, die ich vor ein paar Tagen begonnen habe, die ich nun aber nicht so akribisch fortsetzen möchte. Denjenigen Usern, die mich ob der schonungslosen Offenheit bepöbelt haben (was ich mittlerweile – ganz ehrlich – mit ganz großer Gelassenheit ertrage!), denen möchte ich sagen: Stimmt alles nicht, was ich geschrieben habe, war alles gelogen. Ich habe deshalb nicht nur – völlig berechtigt – Eure Schmähungen erhalten und gelesen, ich habe auch 18 Gegendarstellungen erhalten. Damit beschäftigt sich nun mein Anwalt. Eines noch: Wer meine sofortige Entlassung fordert, der sollte nicht mir schreiben (das liegt eigentlich auf der Hand!), denn ich kann mich nicht selbst entlassen, der sollte dann doch besser an den Springer Verlag oder an das Hamburger Abendblatt schreiben.
Danke.

Kurz noch zur Trainer-Serie: 1997/98 übernahm Frank Pagelsdorf vom Duo Magath/Schehr. Und der damalige Präsident Uwe Seeler gab „Pagel“ die Aufgabe, eine total neue Mannschaft aufzubauen. Es rollten die Köpfe. Doch so richtig gut ab ging es erst in der Saison 1999/00, als neben anderen Mehdi Mahdavikia, Niko Kovac und Roy Präger kamen, und Rodolfo Cardoso aus Argentinien zurückkehrte. Das war die Champions League. Und das nicht nur, weil die Mannschaft überragende Namen an Bord hatte, sondern weil die Mannschaft eine Mannschaft war.

Das hatte Pagelsdorf sehr gut hinbekommen, er hatte einen guten Blick und ein meistens erstklassiges Händchen für neue Spieler (für damals noch relativ wenig Geld). Wenn ich es bei Egon Coordes lobend erwähnt habe, so muss ich das auch bei Pagelsdorf tun. Sein Training war – vor allen Dingen in den ersten Jahren – sehr gut. Auch bei ihm fanden sich viele Hamburger Amateurtrainer in Ochsenzoll ein, um sich etwas abzuschauen. Das ist für mich immer auch ein Zeichen, dass sicher in der Stadt herumgesprochen hat, dass beim HSV „vernünftig“ trainiert wird.

Mein Verhältnis zu Frank Pagelsdorf war professionell-gut, so war es, wenn ich mir das erlauben darf zu sagen, wohl mit den meisten Kollegen von mir. Für mich ist „Pagel“ einer der besten HSV-Trainer, die ich mit und bei dem Klub erlebt habe. Dass es hin und wieder auch Ärger gab (auf den ich jetzt aber nicht mehr näher eingehen werde), das liegt in der Natur der Sache. Aber auch längst der Schnee von gestern – oder vorgestern.

Am 15. September 2001 musste Frank Pagelsdorf den HSV verlassen, nach einem 3:3 daheim gegen Mönchengladbach zog die Führung die Reißleine. In sechs Bundesliga-Spielen hatte es nur einen Sieg gegeben (2:0 gegen Stuttgart), das genügte den Hamburger Ansprüchen (natürlich, bin ich versucht zu schreiben) nicht. Für ihn übernahm Holger Hieronymus, der dann erst einmal Co-Trainer Armin Reutershahn (Freundschaftsspiel gegen Braunschweig, 1:4) und drei Tage später (5. Oktober 2001) Kurt Jara Platz machte. Mit dem Österreicher gab es dann im Freundschaftsspiel gegen Eintracht Frankfurt einen 3:0-Sieg.

So, das war die Sache mit dem Trainer für heute. Aktuell gibt es vom HSV heute nichts, es ist Wochenende. Vielleicht nur die Tatsache, dass sich die Trennung von Jonathan Pitroipa immer mehr abzeichnet, Stade Rennes will den „schmalen Dribbelkünstler“ wohl unbedingt haben. Ich hätte, offen gesagt, nichts dagegen. Wer sich daran erinnern kann: „Piet“ kam am letzten Tag der Saison (am Tag nach dem Gladbach-Spiel) gleich mit drei großen Tüten beladen aus der Kabine, darin waren offenbar alle seine persönlichen Sachen. Damals habe ich schon gesagt: Das sieht ganz nach einem endgültige Abschluss aus – und so wird es nun kommen.

Aktuell kann ich nu vom Verbandstag des Hamburger Fußball-Verbandes berichten. Weil dort der Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes sprach, Wolfgang Niersbach. Er machte das locker-leicht aus der Hüfte, ohne einen Spickzettel – er weiß immer ganz genau, wovon er spricht. Und alles hat immer Sinn und Verstand. Für mich jedenfalls. Und ich schreibe hier ja auch ein wenig darüber.

Niersbach sprach u. a. über die vielen, vielen Talente in Deutschland, die nicht so einfach vom Himmel fallen. Er sagte: „Früher haben wir Deutsche neidisch zu den Fußballschulen nach Frankreich geblickt, und sprachen auch voller Neid und Anerkennung von der Talentschmiede, die Ajax Amsterdsam weltberühmt gemacht hat. Das hat sich lange verändert. Heute müssen wir nicht nach Frankreich oder Amsterdam fahren, heute kommen sie uns an den Grenzen entgegen, weil sie zu uns kommen um zu fragen, wie wir das machen.“

So ändern sich die Zeiten. Niersbach nicht ohne Stolz: „Was wir hier aufgebaut haben, das kann sich nicht nur sehenlassen, das ist vorbildlich. 130 Stützpunkte haben wir im ganzen Land verteilt, darunter sechs in Hamburg. Dort werden die Zehn- bis 14-Jährigen zusätzlich zu ihrem Vereinstraining geschult, und zwar von qualifizierten Trainern. Das ist wirklich eine wunderbare Geschichte. Und die besten Spieler kommen dann nicht nur in unsere Auswahlmannschaften, die mit der U 15 beginnt, sie gehen auch in die Leistungszentren der Lizenzvereine, wo sie optimal betreut werden. Und sie kommen in die Eliteschulen. Hier in Hamburg gibt es das Gymnasium Heidberg, dort hat zum Beispiel Nationalspielerin Kim Kulig vom HSV ihr Abitur gebaut, und auch Eric-Maxim Choupo-Moting.“

Wolfgang Niersbach nennt noch weitere Beispiele: „Mario Gomez und Sami Khedira haben solche Eliteschulen besucht, um nur zwei Namen zu nennen – alle Spieler, die heute in der Nationalmannschaft spielen, haben einen solchen Weg hinter sich. Darauf können wir stolz sein, es hat sich in den letzten Jahren viel beim DFB getan. Deutschland hat mittlerweile perfekte Strukturen, obwohl man sich, das gebe ich auch zu, innerhalb solcher Strukturen auch immer noch weiter verbessern kann. Man kann zum Beispiel immer noch qualifizierte Trainer anstellen, aber insgesamt ernten wir nun die Früchte unserer Arbeit.“ Dann ergänzte Niersbach noch: „Unsere Nationalmannschaft hat bei der WM 2010 in Südafrika nicht nur wegen des dritten Platzes begeistert, sondern auch dadurch, dass sie hervorragenden Fußball gespielt hat. Und das war damals die jüngste deutsche WM-Mannschaft aller Zeiten. Und zuletzt, der Sieg in Baku, war die jüngste deutsche Nationalmannschaft aller Zeiten.“

20 Millionen Euro lässt sich der DFB das Thema Ausbildung pro Jahr kosten, das Geld ist sinnvoll investiert – und hat sich schon bezahlt gemacht. Der DFB hat 6,8 Millionen Mitglieder (1,2 Millionen davon sind weiblich), es wird in den nächsten Jahren mit acht Millionen gerechnet. „Unser Fußball ist stark, unser Fußball wird stark bleiben, und unser Fußball bleibt auch Woche für Woche spannend“, versprach Wolfgang Niersbach und lobte zum Abschluss extra und ganz besonders alle Ehrenämtler. Und dann schloss der Generalsekretär mit einem Spruch des zeitgenössischen Philosophen Mehmet Scholl, der über die Kameradschaft in einer Mannschaft einst sagte: „Kameradschaft ist, wenn der Kamerad schafft.“

Für seine launige und hoch interessante Rede erntete Niersbach viel Beifall.

PS: Seit Monaten habe ich mich nicht mehr zu meiner persönlichen Situation geäußert, ich wollte es auch nicht mehr (will mich jetzt wieder dran hakten), möchte mich aber nicht nur über den Pöbel äußern, sondern auch ausdrücklich allen danken, die mir Lob und viele dankenden Worte schenkten. Das tat sehr gut! Danke!

17.42 Uhr

Collo zu 1860, Mathijsen weg, Rennes legt nach ***aktualisiert mit Stimmen von Collo****

17. Juni 2011

Eine überwältigende Reaktion. 90 Prozent Ablehnung wurden errechnet. Der Blog wurde als der schlechteste von allen betitelt, begleitet von Beleidigungen einiger. So funktioniert anonymes Posting, und das muss ich mir – darauf war und bin ich tatsächlich eingestellt – gefallen lassen. Schlechte Nachrichten führen fast immer dazu, dass hier Verschwörungstheorien gepaart mit Beleidigungen, aber eben auch gehaltvolle Kritik Eurerseits angeführt werden. Letzterem stelle ich mich. Dennoch, jetzt hier in die Diskussion einzusteigen und alles neu aufzurollen machte keinen Sinn. Die Zeit wird die Antworten bringen und Zahlen offenbaren. Warten wir darauf.

Deshalb beschäftigen wir uns doch mit anderen Dingen. Damit zum Beispiel, dass Collin Benjamin bereits seinen Medizincheck in München absolviert hat und in der kommenden Saison aller Voraussicht nach nur ein- statt 17-mal am Millerntor auflaufen soll – und das als Spieler der Löwen von 1860 München, bei denen der 32-Jährige Anfang nächster Woche für ein Jahr Jahre unterschrieben soll. “Wir hatten ein sehr gutes Gespräch”, bestätigte 1860-Sportdirektor Florian Hinterberger, “wir werden uns Anfang kommender Woche noch mal hinbsetzen und sprechen. Klar ist, beide Seiten haben großes Interesse an einer Zusammenarbeit.”

******AKTUALISIERUNG*********

Collo selbst habe ich gerade eben sprechen können. Er wirkte begeistert und tatenfreudig. Collin: “Ich werde, wenn ich am Wochenende nicht tot umfalle, am Montag bei 1860 meine erste Trainingseinheit absolvieren. Ich hatte eine Woche Kontakt und habe mir alles sehr genau angehört. Der Klub vermittelt Aufbruchstimmung und ich möchte zusammen mit einigen anderen, erfahreneren Spielern dazu beitragen, dass die Löwen an alte Erfolge anknüpfen. Auf jeden Fall, und das hat mich letztlich überzeugt, ist bei 1860 München wieder richtig Leben drin. Ich freue mich auf die neue Aufgabe.”

Dass er gern in Hamburg geblieben wäre, daraus macht er kein Geheimnis. München sei zwar auch eine sehr schöne Stadt, “aber an Hamburg kommt in Deutschland einfach nichts ran”. Auch deshalb werden seine Frau und Kinder zunächst in Hamburg bleiben. “Ich werde mich heute Abend und am Wochenende mit meiner Frau abstimmen und besprechen. Ihre Meinung ist mir sehr wichtig. Aber wenn alles normal läuft, unterschreibe ich zunächst für ein Jahr. Und klar ist auch – ich werde wiefder nach Hamburg zurückkehren. Früher oder später…”

Auf jeden Fall zum Spiel bei Pauli. Denen war Collo sogar angeboten worden. Allerdings lehnten Manager Helmut Schulte und der neue Trainer Andre Schubert letztlich ab, weil Collo nicht in die neue (Alters-)Struktur passt. Und ohne dem Nachbarn etwas Böses zu wollen, hoffe ich, dass der FC schon bald merkt, was für einen Fehler er gemacht hat. Spätestens dann, wenn Collo am Millerntor in hellblau-weiß aufzieht…

Abgelehnt hat der HSV unterdessen den Halbbruder von Guy Demel. Der heißt Yannik Sagbo, ist Stürmer, 22 Jahre alt, wurde gerade für die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste berufen und stürmt auf Leihbasis 8er gehört dem AS Monaco) für den französischen Zweitligisten FC Evian, der gerade den Aufstieg in die erste Liga realisieren konnte. Neun Ligatore in 31 Spielen erzielte der 1,83-Meter-Mann, dessen Bruder den HSV auf jeden Fall verlasen will und soll. Im gestrigen Treffen der Berater Demels mit Sportchef Frank Arnesen einigten sich die Parteien darauf, weiter nach einem Verein zu suchen, der die vom HSV gewünschte Ablösesumme bezahlen will. Sollte sich hierbei nichts finden, wird Demel am 26. Juni zum Trainingsauftakt erscheinen und vorab ein klärendes Gespräch mit Trainer Michael Oenning führen. Dabei wird zwar keine Versöhnung erwartet/bezweckt, dafür aber der professionelle Umgang miteinander. Immerhin haben beide Seiten noch bis zum Ende der Transferfrist am 31. August Zeit.

Frank Arnesen ist unterdessen dieses Wochenende noch mal mit seiner Familie unterwegs, ehe es „ab Montag keine Familie mehr gibt“, wie Arnesen mit einem Augenzwinkern ankündigt. Zuletzt hatte sich der Däne bei der U-21-EM umgesehen, dort auch das tschechische Talent Jan Lecjaks angesehen. Der Linksverteidiger aus Pilsen ist aktuell an den RSC Anderlecht ausgeliehen, die gerade eine Kaufoption über 900000 verstreichen ließen. Allerdings gilt der 19-Jährige beim HSV nur als möglicher Backup, sollte Marcell Jansen entgegen aktueller Erwartungen doch noch den Klub wechseln.

Bei Jonathan Pitroipa gibt es indes neue Bewegung. Der schnelle Außenstürmer wird von Stade Rennes umworben: Die Franzosen sind sogar bereit gewesen, bis zu 4,5 Millionen Euro für den Burkinaben zu zahlen. Allerdings lehnte der HSV ab, forderte mindestens sechs Millionen Euro. Jetzt sollen die Franzosen ihr Angebot aufstocken wollen. Demnach soll der HSV in den nächsten Tagen ein verbessertes Ablöseangebot erhalten, zudem Leistungsprämien zugesichert bekommen für den Fall, dass sich Rennes für den internationalen Wettbewerb qualifiziert.

Klar ist, und damit gehe ich heute aus diesem Blog raus und wünsche ich schon mal vorab ein schönes Wochenende, klar ist, dass Joris Mathijsen zu Malaga wechselt. Heute unterschrieb der Niederländer einen Vertrag bis 2013, nachdem auch letzte Details zwischen dem HSV und den Spaniern geklärt worden waren. Mathijsen, der 2006 zum HSV wechselte und in 210 Spielen (davon 148 x Bundesliga) sieben Tore erzielte, bringt dem HSV rund 1,5 Millionen Euro Ablösesumme ein. Der 31-Jährige, der vor fünf Jahren von AZ Alkmaar zum HSV gewechselt war, folgt damit seinem Landsmann und Freund Ruud van Nistelrooy, der wie er von Rodger Linse beraten wird, an die Südspitze Spaniens. „Wir wünschen Joris für die kommenden sportlichen Aufgaben beim FC Malaga und für seine private Zukunft alles Gute“, sagt Sportchef Arnesen zum Abschied. Worte, denen ich mich anschließen möchte. Wer in fünf Jahren 148 Ligaspiele absolviert, also aufgerundet 30 von 34 Spielen pro Saison im Schnitt, der hat sich definitiv um den Verein verdient gemacht und einen würdigen Abschied verdient.

In diesem Sinne, Joris und Euch alles Gute,

Scholle

16.30 Uhr

Lasst uns dem Umbruch eine echte Chance geben…

16. Juni 2011

Es klang alles gut. „Die Zahlen lassen es zu, optimistisch in die Zukunft zu blicken“, hatte Ernst-Otto Rieckhoff nach der Aufsichtsratssitzung am, Mittwoch gesagt. Mehr gäbe es von seiner Seite nicht zu berichten. Von rund drei Millionen Euro Minus für das abgelaufene Geschäftsjahr war die Rede. Eine Summe, die angesichts des teuren Kaders und des Nichterreichens eines internationalen Wettbewerbes auf den ersten Blick auch nicht verwundern. Und da der Aufsichtsratsvorsitzende hinzufügte, dass die Zahlen für die Zukunft Optimismus verbreiten könnten, schien alles im Lot. Eben so, wie wir es alle gern hätten – und einige hier auch mit Vehemenz behaupten und verteidigen.

Dennoch, und ich weiß, damit mache ich mir hier keine Freunde, die Wahrheit ist leider nicht so rosig, wie es zu vermuten wäre. Der Aufsichtsrat versucht, Ruhe in den Verein zu bringen, setzt auf Zeitgewinn. Es wird gehofft, dass durch Erfolge in der kommenden Saison (Finanz-)Löcher gestopft werden können, die abzusehen sind, aber unerwähnt bleiben. Und um hier eins klarzustellen: mit einem Konzept im Hinterkopf ist das wahrscheinlich auch die taktisch cleverste Lösung.

Aber eben eine, über die sich alle bewusst sein müssen und die nicht – wie hier von immer denselben Leuten wieder – verkannt werden darf. Dieser Verein steht finanziell nun mal am Scheideweg. Das ist ein unbestrittener Fakt. Und je früher das allen klar wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass auf die neuen Umstände passend reagiert werden kann.

Wie es der HSV mit seiner Transferpolitik längst tut. Deshalb werden teure Spieler abgegeben, verkauft und dafür junge, talentierte und vor allem kostengünstige Spieler geholt. Der HSV reagiert und macht auch kein Geheimnis daraus, dass „in Zukunft kleinere Brötchen gebacken werden müssen“, wie Vorstandsboss Carl-Edgar Jarchow vor Wochen bereits verkündet hatte.

Aber es gibt in meinen Augen einfach noch zu viel Augenwischerei. Von drei Millionen Euro Minus zu sprechen und dabei die 12,5 Millionen Euro von Kühne unerwähnt zu lassen, die auch einen Teilverkauf von Transferechten nach sich ziehen, ist trügerisch. Zudem für die neue Saison die bislang 14 Millionen Euro eingesparte Gehälter einzuberechen und die Verkäufe von David Rozehnal, Alex Silva, Guy Demel und Joris Mathijsen vorauszusetzen, ist zwar legitim, aber gefährlich weil spekulativ. Zumal dann, wenn die Spieler nicht das erlösen, was sich der Verein von ihnen erhofft hat. Bestes und aktuellstes Beispiel dafür ist Joris Mathijsen, der 2006 für sechs Millionen aus Alkmaar verpflichtet worden war und statt der erhofften zwei bis drei Millionen Euro dem Vernehmen nach nur 1,5 Millionen Euro einbringt. Zudem steht der Abgang von Demel zwar für beide Seiten fest, eine finanzielle Lösung hierbei ist aber weiter nicht in Sicht. Denn während Mathijsen heute in Malaga unterschrieb, trafen sich Demels Berater und HSV-Sportchef Frank Arnesen in Hamburg. Wieder ohne Ergebnis.

Rund zwei Millionen fordert der HSV für den Ivorer, der defensiv vielseitig einsetzbar ist und von französischen Erstligisten umgarnt wird. Eine Summe, die man sich beim HSV für David Rozehnal als Ablöse erhofft hatte. Der Tscheche, an dem sein Leihklub OSC Lille interessiert ist, wurde allerdings intern bereits abgewertet. Der 2009 für sechs Millionen Euro eingekaufte Innenverteidiger wird den HSV verlassen und weniger als eine Million Euro an Ablösesumme einbringen. So teilte es der Vorstand seinen Kontrolleuren mit.

Wer genau hinsieht, merkt, dass sich Transfererlöse generell zurückentwickeln. Das ist also kein Fehler der aktuellen HSV-Führung, und kein HSV-typisches Problem, sondern eine allgemeine Tendenz. Bei Mathijsen macht der HSV 4,5 Millionen Minus, bei Rozehnal mehr als fünf Millionen. Und auch für Silva, der 2008 knapp sieben Millionen Euro kostete und bislang eine Million Euro Leihgebühr einbrachte, wird mit einem Minus eingeplant.

Auch deshalb ist beim HSV derzeit kein Spieler mehr „absolut unverkäuflich“. „Wir wollen Pitroipa nicht abgeben“, sagte Jarchow gestern, angesprochen auf ein 4,5-Millionen-Angebot von Stade Rennes, „aber klar ist auch, dass es auch für uns eine Grenze des Vertretbaren gibt.“ Wie ich gehört habe, liegt die aktuell bei geforderten sechs Millionen Euro. Womit der HSV dem Trend entgegenwirken könnte: Immerhin kam Pitroipa 2008 ablösefrei aus Freiburg…

Allerdings, und das ist die Überleitung zum hoffnungsvollen Teil, es können eben nicht nur Spieler abgegeben werden. Es müssen auch qualitativ ebenbürtige geholt werden, um das Saisonziel, um Platz sechs zu spielen, auch realistisch bleiben zu lassen. Und hier liegt der Fokus auf Frank Arnesen, der weder von Dieter noch von mir angegriffen wurde und wird, ehe die Saison ein ganzes Stück weit gespielt ist und genug Erkenntnisse liefert, die Neuen zu bewerten. Im Gegenteil, allen Vorwürfen von einigen Euch zum Trotz, sorge ich mich eher. Ich befürchte einfach, dass die Erwartungen an Arnesen zu groß werden. Denn, und das ist die Schnittmenge dessen, was mir alle mit den aktuellen Zahlen befassten Entscheidungsträger mitteilten, die finanzielle Situation des HSV übt großen Druck auf den sportlichen Bereich aus. Alle wissen, dass sie irgendwann Farbe bekennen müssen und die Zahlen 2011/2012 offenlegen müssen. Ergo: sportlicher Erfolg muss her. Und dieser Bereich wird – gefühlt – momentan fast (ein bisschen Trainer Michael Oenning ist auch dabei) allein von Arnesen vertreten.

Ich würde mich freuen, auch für den Frieden hier im Blog, wenn endlich die finanzielle Situation des HSV offengelegt wird. Ich habe heute mit mehreren Aufsichtsräten gesprochen und alle waren sich einig, dass das die beste Lösung wäre. Allerdings, und das schränkte ein Teil der Gesprächspartner ein. Könnte die gutgemeinte Ehrlichkeit zu negativen Reaktionen führen. „Wir müssen doch aufpassen, dass wir auch für die kommende Saison genug Karten verkaufen“, sagte mir ein Aufsichtsrat und erklärte für mich absolut nachvollziehbar: „Wenn wir alles offenlegen, könnte das abschreckend wirken. Es würden doch eh nur Schreckensszenarien gezeichnet. Und am Ende entsteht eine Art Depression. Das können wir nicht riskieren.“ Schon deshalb gab es gar keine andere Möglichkeit, als nach der Aufsichtsratssitzung auf Optimismus zu machen. „Unser Ziel muss dennoch sein, intern schonungslos ehrlich zu sein und danach zu handeln.“

Und ganz ehrlich: DAS ist ehrlich!
Und ein guter Anfang.

In diesem Sinne, es müssen Fakten geschaffen werden. Wie gestern. Da teilte Interims-Vorstandsboss Jarchow denm Kontrolleuren mit, dass er seinen Job gern fest und nicht mehr übergangsweise machen wolle. Er beendete Spekulationen – und stieß damit auf Zuspruch.

Zudem, und das ist mein absolut ehrlich und mit den besten Absichten geäußerter Appell an uns alle hier im Blog: lasst uns auch hier die Realitäten anerkennen und benennen, damit umgehen und gemeinsam das Beste daraus machen. Ich glaube, nur so hat der Umbruch des HSV eine echte Chance.

Scholle

19.30 Uhr

P.S.: Einen neuen Anfang könnte es übrigens bald für Collin Benjamin geben. Der Namibier steht bei Zweitligist 1860 München ganz hoch im Kurs. So verlautbaren es zumindest meine Münchner Kollegen. Collo selbst war heute (für mich) leider nicht zu erreichen. Sobald ich was höre, reiche ich es hier nach…

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