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Van Marwijks schwerstes Spiel – und ein drittes Reform-Modell

31. Oktober 2013

Bert van Marwijk hatte zwar in der vergangenen Woche angedeutet, dass man doch lieber auf die Pressekonferenzen am Donnerstag verzichten solle, aber dieser Vorschlag wurde heute – zum Glück – nicht umgesetzt. Der Niederländer saß auf dem Podium und erklärte, dass er selbst ganz gespannt ist auf die Partie am Sonnabend gegen Borussia Mönchengladbach. „Jetzt haben wir einen schweren Gegner – eine der besten Mannschaften in der Bundesliga. Ich habe die Analyse gesehen, und mit Leuten gesprochen über ihr letztes Spiel gegen Frankfurt (4:1). Sie haben gute Form und einen sehr guten Kader. Ich bin auch gespannt, wo wir stehen im Moment. Gladbach ist ein Team mit höherem Niveau, und dann bin ich gespannt, wie wir darauf reagieren.“ Nach Frankfurt, Nürnberg und Freiburg, drei Mannschaften aus dem unteren Bereich der Tabelle, den so etwa mittelklassigen Stuttgartern nun also der erste Härtetest für den „neuen“ HSV unter Bert van Marwijk.


Hier treffen zwei Teams aufeinander, deren Stärken jeweils in der Offensive liegen. Sowohl die Hamburger als auch die Gladbacher haben schon 23 Tore geschossen. Ob es wieder ein Torfestival gibt, lässt sich nicht vorhersagen. Aber Bert van Marwijk ist doch inzwischen so selbstbewusst, einen Einbruch seines Teams auszuschließen: „Wir haben jetzt eine Organisation, auf die wir zurückgreifen können. Auch wenn wir keine Form haben, können wir ein bestimmtes Niveau halten. Diese Ruhe müssen die Spieler bekommen und dieses Vertrauen. Das war der Fall gegen Freiburg: kein hohes Niveau, aber trotzdem das Spiel gewonnen.“ Sicher stehen auch ohne einen Sturmlauf nach vorn – so lässt sich diese Einschätzung van Marwijks vielleicht am ehesten zusammenfassen.

Personell wird sich gegenüber dem 3:0 in Freiburg beim HSV vermutlich nicht viel verändern. Lasse Sobiech, der schon in diesem Spiel die Rolle des verletzten Johan Djourou eingenommen hatte, steht erneut als erste Alternative in der Innenverteidigung bereit.

Stets ein Thema in den vergangenen Wochen – so auch heute: die Zukunft von Pierre Michel Lasogga. Angesprochen auf ein mögliches Interesse von Borussia Dortmund an dem erfolgreichen Leihstürmer, gab sich van Marwijk erwartungsgemäß zurückhaltend. „Das ist alles viel zu früh. Pierre hat sechs Tore geschossen, aber Rafa auch. Am Ende werden die Preise verteilt. Ein Torjäger steht natürlich im Mittelpunkt, wenn er viele Tore schießt. Aber wir müssen das nicht übertreiben und er muss auch ruhig bleiben.“ Denn Tempo wird in die Personalie sowieso kommen. Spätestens im Frühjahr, und von allein, wenn Lasogga seinen Toreschnitt annähernd beibehält.

Nach der Devise: jedes Mal eine private Frage, gab es auch diesmal ein persönliches Detail des 61 Jahre alten Niederländers. Der Kollege Thorsten Vorbau vom NDR Hamburg Journal wollte wissen, warum van Marwijk in Hamburg das Hotel einem eigenen Haus vorziehe. „Für mich ist es wichtig, mich wohlzufühlen. Es ist eigentlich unwichtig, ob es in einem Hotel oder in einem Haus ist. Ich fühle mich hier immer besser. Wenn es ein Hotel ist, ist es ein Hotel. Im Moment gefällt es mir“, antwortete van Marwijk. Abwehrspieler Heiko Westermann, der heute ebenfalls in der Pressekonferenz saß, machte den Trainer verantwortlich für den aktuellen Aufschwung. „Ich denke einfach, dass er uns als Mannschaft und dem gesamten Verein gut tut. Es ist verdammt wenig Unruhe. Es ist Ruhe eingekehrt – endlich mal. Das merkt man auf dem Trainingsplatz und in der Stadt. Seit ich hier bin, ist das noch nie so gewesen. Aber so muss es sein.“

Was sagt van Marwijk zu so viel Lob? Logisch – es lässt ihn kalt, so viel wissen wir inzwischen von dem wenig extrovertierten Coach: „Ich habe nie Angst gehabt vor Unruhe. Wenn man nicht zufrieden ist, höre ich das, und ich gehe wieder nach Hause. Das liegt an der ganzen Ausstrahlung von allen. Die Sachen um den Verein herum interessieren mich nicht.“

Mit den Sachen „um den Verein herum“ meint van Marwijk vielleicht die Strukturdebatte, die heute um eine Facette reicher geworden ist. Nach „HSVplus“ und „Zukunft mit Tradition“ gibt es nun die „HSV-Reform“. 85 Personen, die man der Fan- und Supporters-Szene zuordnen kann, haben ihre Vorschläge zu einer vergleichsweise moderaten Veränderung der Vereins-Strukturen veröffentlicht. Im Einzelnen ist alles unter www.hsv-reform.de nachzulesen. Zu den prominentesten Unterstützern gehören drei aktuelle Aufsichtsräte (Manfred Ertel, Uli Klüver, Björn Floberg), drei Supporters-Spitzen (Christian Bieberstein, Christian Reichert, Sebastian Rohmann), zwei Chosen-Few-Vorreiter (Jojo Liebnau, Philipp Markhardt) sowie zahlreiche weitere Fan-Club-Mitglieder.

Keine Ausgliederung, keine Investoren. Das steht für die Gruppe ganz weit oben in ihrer Präambel. „Wir gehen davon aus, dass in erster Linie nicht die Rechtsform, sondern die Qualität der handelnden Personen und der Abläufe zum Erfolg führen. In diesem Sinne ist es richtig, dass unsere Vereinsstruktur in konkreten Punkten verbessert werden muss.“

Auch die vier Kernvorschläge der „HSV-Reform“ möchte ich hier (in einer Mischung aus Zitat und eigenen Ergänzungen) wiedergeben:

Der Aufsichtsrat soll verschlankt werden auf acht Personen und die Möglichkeit bekommen, sich durch externe Kompetenz aus Wirtschaft, Sport und Gesellschaft zu verstärken (also zwei Delegierte wie bisher, vier von der Mitgliederversammlung Gewählte, zwei extern Hinzugezogene).

Der Vorstand soll mehr Freiheiten und mehr Verantwortung bekommen und künftig ein Transferbudget bekommen, das sich an einer Dreijahresplanung orientiert. Außerdem soll die Grenze der Abstimmungspflicht im Aufsichtsrat von 500.000 auf zwei Millionen Euro erhöht werden.

Der Ehrenrat soll proaktiver handeln können und bei der Sanktionierung von Fehlverhalten von Aufsichtsräten eine größere Bedeutung bekommen.

Zwei Beiräte, ein Wirtschafts- und ein Sportbeirat, können künftig bei Bedarf zusätzliche Kompetenz und neue Netzwerke für den Verein erschließen.

Im Wesentlichen handelt es sich also bei diesem Reformvorschlag um den Versuch, mit Verbesserungen der bestehenden Satzung nach vorn zu kommen. Und nicht wie bei dem Modell von Jürgen Hunke „Zukunft mit Tradition“, den Profi-Fußballbereich zu entkoppeln. Und erst recht nicht wie bei „HSVplus“ von Otto Rieckhoff u.a., eine eigene Fußball-AG zu schaffen.

Sicher sind inhaltlich jetzt alle Farben möglicher Veränderungen auf dem Tisch. Was wird das für eine Versammlung am 19. Januar! Reicht dafür, also auch für den zu erwartenden Ansturm der Mitglieder, eigentlich der größte CCH-Saal aus? Etwa 5.900 Personen dürfen dort hinein. Größer ist in Hamburg nur die O2-World. Und dort ist an diesem Tag bislang ein Spiel der Hamburg Freezers angesetzt. HSV-Vorstand Oliver Scheel, der die Versammlung organisiert, ist um seine Arbeit diesbezüglich nicht zu beneiden…

Es ist aktuell ziemlich schwierig, sich ein Bild zu verschaffen, welches Modell eine Dreiviertel-Mehrheit erhalten könnte. Mein Eindruck war bisher, dass „HSVplus“ eine große Anhängerschaft genießt. Ich bin gespannt, wie sich die „HSV-Reform“ nun ausdrückt. Klar scheint mir heute nur eins: Es geht nach wie vor eine Spaltung durch diesen Verein. Zu unterschiedlich stehen sich die Modelle gegenüber. Wo genau der Schnitt liegt, 50:50 oder 90:10 oder wo auch immer, wird sich zeigen. Aber der Riss ist da, nach wie vor. Was passiert eigentlich am Ende, wenn zum Beispiel nur noch zwei Modelle um die Dreiviertelmehrheit konkurrieren und ein 60:40-Ergebnis herauskommt? Stehen sich dann auf Dauer zwei Lager unversöhnlich gegenüber, und bleibt der Verein dann in seinen aktuellen, offenbar von allen ungeliebten Strukturen stecken wie ein Karren im Sumpf?

Zurück zum Fußball, denn auch eine gute sportliche Situation könnte die Atmosphäre auf der Mitgliederversammlung im Januar beeinflussen. „Das Spiel gegen Mönchengladbach ist ausverkauft“, sagte Heiko Westermann. „Das zeigt, dass auch die Fans unsere Fortschritte erkennen. Ich freue mich sehr darüber.“ Die Gäste müssen in Hamburg übrigens auf einige Stammspieler verzichten: Innenverteidiger Roel Brouwers (Muskelfaserriss) fehlt ebenso wie Kapitän Filip Daems (muskuläre Probleme im Rücken- und Hüftbereich), Alvaro Dominguez (Schlüsselbeinbruch) und Havard Nordtveit (Knochenödem am Sprunggelenk). Martin Stranzl kehrt dafür nach seiner Gelb-Rot-Sperre zurück.

Morgen beobachtet Scholle für Euch das Training um 15.30 Uhr.

Ein schöner Gruß, und heute immer genügend Süßigkeiten bereit halten!
Lars

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