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Direktor Sport Bernhard Peters: “Der HSV ist eine Mammutaufgabe”

3. August 2014

Und plötzlich brandete Applaus auf. „Deshalb haben wir Dich geholt“, brüllte in begeisterter Fan von der Tribüne des Stegersbacher Trainingsplatzes gen Spielfläche, wo Valon Behrami seinen Ballverlust gegen Kerem Demirbay hartnäckig und mit viel Körper(und Textil-)einsatz wiederwettmachen wollte. Dabei stieg der Schweizer zweifellos hart ein, aber nicht grob unfair. Eine Szene, die ebenso für Applaus sorgte, wie sie eigentlich im Profitraining normal sein sollte. Und ich hoffe, dass sie nur der Anfang einer neuen Trainingskultur beim HSV ist. „Valon ist dafür prädestiniert, Stimmung auf dem Platz reinzubekommen. Er bringt Leben mit“, freute sich Dietmar Beiersdorfer, der heute bereits wieder gen Hamburg abgereist ist.

Oder nicht? Gut möglich, dass Hamburg nicht das einzige Ziel Beiersdorfers ist. Zumindest deutet sich im Fall Nicolai Müller eine Entscheidung an. Der Mainzer Offensive war heute nicht im Training. Nachdem er im Europa-League-Spiel „vom Kopf her nicht bei 100 Prozent“ war, wie FSV-Trainer Kasper Hjulmand erklärte, sollen heute muskuläre Probleme dafür verantwortlich gewesen sein, dass der Wunschkandidat des HSV nur mit den Rekonvaleszenten trainieren konnte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Doch etwas böser erwischt hat es offenbar Pierre Michel Lasogga, der auch heute nicht mit der Mannschaftv trainieren konnte. Der Angreifer, den eine Kapselverletzung am Sprunggelenk lahmlegt, konnte auch heute nur separat trainieren und soll frühestens in Hamburg wieder ins Mannschaftstraining einsteigen. Bis dahin bleibt er Trainingsnachbar von einem, dem die Besserung ins Gesicht geschrieben ist: „Geil ist es“, antwortete Maxi Beister heute auf die Frage, wie es denn sei, bei 36 Grad Celsius Steigerungsläufe mit Ball zu absolvieren. „Es ist wirklich geil, weil ich spüre, dass es vor an geht.“

Fürwahr. Beister macht kleine Schritte vorwärts und will „in sechs bis acht Wochen“, wie er selbst sagt, wieder voll mittrainieren. Er hat die härtesten Wochen hinter sich. Gerade die letzte Woche vor dem Trainingslager war noch mal eine deprimierende. „Weil ich das Gefühl hatte, ich käme null voran.“ Anders als jetzt. „Ich bin vorsichtig in Sachen Prognosen“, sagt der Linksfuß, der seit Anfang des Jahres, seit seinem Kreuzbandriss im (überflüssigen) Trainingslager in Indonesien, ausgefallen war, „aber im Moment läuft es gut. Und ich habe wieder richtig Spaß – auch wenn die Einheiten jetzt hammerhart sind und noch übler werden. Denn das abreißen zu können – da wollte ich lange wieder hin.“

Ziel ist es, im Laufe dieser Hinserie wieder zur Verfügung zu stehen. Sollte das nicht umsetzbar sein – Beister stört es nur marginal. „Am Ende ist entscheidend, dass ich wieder bei 100 Prozent bin und nicht eine Sekunde zu früh anfange. Denn wo das hinführt, haben mir verschiedenste Beispiele schon gezeigt. Da wurden viel versprechende Karrieren schnell und früh beendet. Das habe ich aber nicht geplant…“ Dafür ist Beister, der als 3. Vorsitzender des SC Lüneburg einen 12:0-Saisonauftaktsieg seiner Mannschaft feiern darf, zu intelligent. Und er hat Geduld – gelernt. So hart es war, er weiß, was er noch vorhat. „Hier passiert gerade sehr viel und da möchte ich dabei sein. Gesund. Ich glaube, das Warten wird sich am Ende lohnen.“

Geduld muss auch der HSV haben. Zumindest beim Neuaufbau seines Nachwuchses. Denn der liegt – die zwei tollen Siege der U23 in allen Ehren – nahezu brach. Während die gesamte erste und zweite Bundesliga beim U19-EM-Turnier in Ungarn Scouts hatte, fehlte der HSV. Wie zuletzt so oft. Ich habe einen sehr guten Bekannten, um nicht Freund zu sagen, der als Scout im Profibereich seit Jahren aktiv ist. Und der erzählte mir, dass sich die Liga-Scouts schon gar nicht mehr darüber wundern, wenn bei wichtigen Veranstaltungen alle da sind – bis auf den HSV. „Ich habe eine Mammutaufgabe vor mir“, weiß daher auch Bernard Peters zu berichten, der seine Aufgabe beim HSV seit dem 1. August angeht.

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Richtigstellung in Sachen HSV-Scouts: Harald “Lumpi” Spörl, der ehemalige HSV-Profi und seit Jahren auch als HSV-Scout unterwegs, las “Matz ab” und fiel vom Glauben ab: Er war nämlich sehr wohl in Ungarn, und nicht nur er. HSV-Scout Ludwig Trifellner beobachtete bei dieser U-19-EM die deutsche Gruppe (und die deutsche Mannschaft), “Harry” Spörl war in der anderen Gruppe unterwegs. Und sagte: “Es wäre schon sehr gut, wenn ihr das geradestellen würdet – und nicht nur die betreffende Passage löscht . . .”

Wir haben die falsche Passage drin gelassen – und es zudem gerade gestellt. Hoffentlich zu “Lumpis” hundertprozentger Zufriedenheit. Sorry.

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Dem ehemaligen Chef des Hoffenheim-Nachwuchses steht wirklich eine Grundsanierung bevor. Er muss der Jugendabteilung ein Gesicht geben, das es längst verspielt zu haben scheint. Er wird dafür verantwortlich sein, dem HSV eine Philosophie mitzugeben. In Hoffenheim hatte der heutige HSV-Direktor Sport acht Jahre lang aus dem Nichts eine Jugendabteilung aufgebaut, die inzwischen zu den besten Deutschlands zählt. Und das nicht allein auf Spielerebene. Im Gegenteil: Immer wieder werden Hoffenheims Jugendtrainer als „Trainernachwuchs des Jahres“ vom DFB ausgezeichnet. Mit Gisdol (Hoffenheim), Kramer (Fürth) und Korkut (Hannover) hat Peters zudem drei Trainer aus dem Jugendbereich bis in den Profibereich gebracht. „Ich habe früher die Spieler ausgebildet“, erzählt Peters, „heute sind es die Trainer.“

Das „System Peters“ ist ganzheitlich und daher hier in wenigen Worten nicht darstellbar. Und es klingt nach dem, was der HSV in den letzten Jahren immer wieder vorgegeben – aber bis heute nicht umgesetzt hat. Es klingt gut und hat wesentliche Eckpunkte, die vielversprechend klingen. Und unter einem Konstanz liebenden Vorstand wie Beiersdorfer sollte Peters auch die Zeit bekommen dürften, die dafür nötig sein wird. Nämlich einige Jahre.

Praxisnäheres Training und eine gesunde Mischung aus Be- und Entlastung seien grundsätzlich. Ebenso wie der Kontakt zu den Jugendtrainern im geographischen Umfeld des HSV. Soll heißen, der HSV will dem einen oder andere Jugendtrainer der umliegenden Vereine die Möglichkeit bieten, sich via HSV fortuzubilden. Und: „Es wird für unsere Trainer neben der sportlichen Ausbildung auch vermehrt darum gehen, erzieherisch zu wirken. Ein Trainer darf sich heutzutage nicht mehr nur als Übungsleiter verstehen. Das Ziel muss sein, werteorientiert zu arbeiten. Dabei kommt es nicht auf den Intellekt des Spielers an, sondern darauf, die richtige Mentalität zu fördern.“ Immerhin sei es heute modern, Talenten in jüngsten Jahren schon zu erzählen, sie seien die angehenden Topstars. „Beknacktes Umfeld“ nennt Peters das, wo der HSV mit seinen Trainern gegenanarbeiten muss. Den Jugendlichen soll sportlich wie sozial unter die Arme gegriffen werden. „Mentalität schlägt Talent“, hatte Beiersdorfer am Freitag gesagt – und damit die neue Marschroute vorgegeben.

Eine, die Peters nur zu gern mitgeht, da es auch die seine ist. Er will im Jugendbereich „Entscheider“ entwickeln anstelle von Spielern, die ihr Pensum nur abreißen. Der zurückhaltend wirkende Diplom-Sportlehrer hat einen Plan. Im Jugendbereich will er einzelne Bereiche von Team-Leadern koordinieren, die die vorgegebene Philosophie umsetzen und mit denen er sich regelmäßig austauscht. „Ich sehe hier beim HSV schon jetzt viel guten Willen“, sagt Peters, der noch einige Zeit für die komplette Analyse des Status Quo benötigen wird, „aber da passen leider die Enden oft nicht aneinander.“

Peters wird viel verändern. „Ich habe den Mut zu Veränderungen“, sagt er selbst, angesprochen darauf, sich gegen das finanzielle Schlaraffenland TSG Hoffenheim und für den klammen HSV entschieden zu haben. Peters wirkt dabei stets sehr bedacht. Er will sich selbst nicht zu wichtig nehmen und spricht ruhig – aber er ist in seinen Formulierungen klar. „Ich bin auch kein Missionar. Ich bin sechs bis sechseinhalb Tage die Woche unterwegs. Aber es heißt ja ‚Suche Dir die Arbeit, die Du liebst, dann musst Du nicht mehr arbeiten’. Insofern ist das alles keine Arbeit für mich.“ Gut zu hören angesichts der Herkulesaufgabe, die vor dem 54-Jährigen liegt.

Immer nah draN: Bernhard Peters ist Dauergast bei den Einheiten der Profis.

Immer nah dran: Bernhard Peters ist Dauergast bei den Einheiten der Profis.

Fussball

Aber, Hilfe naht. In den nächsten Tagen soll auch endlich die Einigung mit Wunschkandidat Peter Knäbel als neuen Sportchef erfolgen. Eine Position, die sehr eng mit Peters verknüpft sein wird. Umso besser, dass Peters und Knäbel sich seit Jahren kennen und überaus schätzen. „Bernhard bringt die Erfahrung und die Praxis mit, die wir uns in Hamburg wünschen. Er hat das Netzwerk, das wir brauchen, um uns angemessen aufzustellen“, sagt Beiersdorfer, der das Ziel hat, den Campus möglichst zeitnah bauen zu lassen und: den Etat für den Nachwuchs hochzufahren. “Das wird sicher nötig sein”, so Beiersdorfer.

Was Peters freuen sollte, nimmt dieser zwar zur Kenntnis, aber er hat andere Prioritäten. „Es geht bei dem Ganzen aber weniger ums Geld als um die Umsetzung guter Ideen mit gutem Personal“, mahnt Peters, „wir müssen uns aus uns selbst entwickeln.“ Als Beispiel dafür nennt Peters den FC Barcelona, der neben eigenem Nachwuchs auch immer wieder Trainer hervorbringt. Allerdings ist allen beim HSV bewusst, dass der HSV mit seinem Nachwuchstraining in Ochsenzoll und den Profis an der Imtech-Arena suboptimal aufgestellt ist – vorsichtig formuliert. „Wir wollen Geschlossenheit, da ist es unabdingbar, dass die jungen Nachwuchsspieler nah an den Profis sind. Das ist motivierend.“

Hoch motiviert ist weiterhin Rafael van der Vaart. Für den HSV. Am Sonnabend hatte Beiersdorfer Zeit, sich mit dem Niederländer zusammenzusetzen. „Wir haben uns unterhalten, werden uns aber in Hamburg noch mal zusammensetzen.“ Weil sich der HSV nicht für van der Vaart entscheiden kann? „Nein“, unterbricht Beiersdorfer den Gedanken, „ich weiß ehrlich gesagt nicht, woher die Aktualität in diesem Thema kommt. Von mir definitiv nicht.“

Das Thema Santana hingegen hatte er bestätigt. „Es gibt noch nichts Neues, aber wir sondieren den Markt“, sagt Beiersdorfer, der das Interesse an Santana nicht leugnet, aber gleichzeitig auch sagt, dass der Schalker nicht die einzige Option sei. Und ich frage mich: Was ist mit Tah? Welche Rolle spielt der Youngster mit dem großen Talent: „Er hat die Anlagen und Voraussetzung, ein sehr, sehr guter Innenverteidiger zu sein und hat das schon gezeigt. Es ist unsere Pflicht, uns um ihn zu kümmern.“ Per Leihgeschäft? „Nein“, sagt Beiersdorfer, „diesen Gedanken hatten wir noch nicht.“ Klingt gut. Beiersdorfer mag Tah. Und obgleich es unwichtig ist: Ich auch.

In diesem Sinne, morgen wird einmal trainiert und um 18.30 in Stegersbach getestet.

Bis dahin!
Scholle

P.S.: Werder Bremen hat sich mal wieder genötigt gesehen, den HSV zu kritisieren – was zunächst einmal vermuten lässt, dass hier einiges richtig gemacht wird. Vor allem dann, wenn es um Geld geht. Denn finanziell geht Werder Bremen inzwischen am Stock. Und ein Herr Fischer würde – egal, was er jetzt erzählen mag – sicher nicht wegschicken. Aber macht Euch selbst ein Bild. Hier die Meldung über Agentur:

Bremen/Hamburg(dpa) – WerderBremens Geschäftsführer Klaus-Dieter Fischer hat beim „Tag derFans“ die finanzielleSituation beim Hamburger SV kritisiert. „Wer vernünftig wirtschaften kann, braucht keinen Mäzen wie Kühne beim HSV“, sagte der 73-Jährige am Sonntag bei einem Talk derWerder-Geschäftsführer Fischer, Klaus Filbry und Thomas Eichin auf einerBühne amWeserstadion. Fischer monierte die finanzielle Abhängigkeit des Nordrivalen von Gönner Klaus-Michael Kühne. Obwohl dieHamburger verschuldet sind, gab der neueVorstandschef DietmarBeiersdorfer 13,2 MillionenEuro für Verstärkungen aus.WeitereMillionen sollen noch ausgegeben werden.DieBremer, ebenfalls finanziell nicht auf Rosen gebettet, gaben bislang lediglich 100 000 Euro für vierNeuzugänge aus. Allerdings haben die Hamburger die 13,2 Millionen Euro für den Kauf von Pierre-Michel Lasogga (8,5), Valon Behrami (3,5) und Zoltan Stieber (1,2) aus der eigenen Kasse finanziert. Unter anderem, weil Jungstar Hakan Calhanoglu (14,5) zu Bayer Leverkusen transferiert wurde. Alle weiteren teuren Einläufe müssen nun allerdings von Kühne mitfinanziert werden. Der HSV-Gönner und -Fan ist dem Vernehmen nach bereit, dem klammen Club bis zu 20 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Das Darlehen soll später in eine Beteiligung übergehen. # dpa

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