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Finks sieben Punkte, ein Reh und ein Löwe

18. November 2012

So schön kann Fußball sein. Hatte ich gestern zweimal geschrieben. Und dann wurde doch tatsächlich und heftigst diskutiert: War das nun schöner Fußball? Oder doch eher nicht? Also ich will mal so sagen: „Es sind auch Doppel-Antworten möglich . . .“ Und wer die Ironie noch immer nicht verstanden hat, der sollte sich diesen Kick dann doch noch einmal in voller Länge „reinziehen“. Und wer dann immer noch behauptet, dass ich gar nicht im Stadion war – oder behauptet, dass ich nun absolut keine Ahnung habe vom Fußball, dem pflichte ich dann auch uneingeschränkt bei. Recht habt ihr. Wobei ich zugebe, dass die Sache mit der Ironie natürlich auch nicht jedermanns Geschmack ist, das ist schon klar. Ich werde mich zurücknehmen. Aber wer diese Bundesliga-Partie zwischen dem HSV und Mainz 05 in voller Länge gesehen hat, der wird niemals ernsthaft davon sprechen können, dass das ein schönes Fußballspiel war. Und wem dann das alles doch ein wenig zu weit geht, dem sage ich – und zwar in absoluter Ernsthaftigkeit: „Entschuldigung. Soll nicht wieder vorkommen. Wenn aber dann doch mal etwas Ironie, dann werde ich es vorher und zur Sicherheit auch noch einmal nachher ankündigen. Und natürlich auch abkündigen. Versprochen.“

Was die Trainer zu diesem Spiel gesagt haben, das möchte ich euch natürlich auch nicht länger vorenthalten. Thomas Tuchel befand: „Glückwunsch zum Sieg, HSV. Ich war mit der ersten Halbzeit sehr zufrieden, weil wir in den ersten Minuten schon ins Spiel gekommen sind, ich finde, dass wir sehr dominant gespielt haben, viele Balleroberungen hatten, viel Ballbesitz hatten, gut gepresst haben, den HSV zu Fehlern gezwungen haben. Zudem hatten wir viele gute Umschaltmöglichkeiten, wir haben auch viele Bälle ins letzte Drittel gespielt – sind damit, ich will nicht sagen fahrlässig – aber fahrig umgegangen. Und wir sind nicht mit der letzten Konsequenz damit umgegangen, dass wir diese Möglichkeit, das Spiel früh auf unsere Seite zu bringen, hatten.“

Dann kam der Mainzer Trainer noch auf zwei umstrittene Situationen: „Ich finde, dass es einen klaren Elfmeter für uns hätte geben müssen, als Adam Szalai umgerissen wurde. Okay, das sei mal dahingestellt, aber dann mussten wir auch noch ein Tor aus dem Nichts hinnehmen, das leider klar abseits gewesen ist. Das war auch leider nicht zu schwer zu erkennen für den Linienrichter, aber er hat es eben nicht erkannt. Und danach haben wir nicht mehr zulegen können, haben auch keine Torgefahr mehr gehabt – so ist die Geschichte des Spiels aus meiner Sicht erzählt.“

Bevor Thorsten Fink vom HSV das Spiel aus seiner Sicht schildert, gebe ich einmal die Daten der 90 Minuten bekannt:
11:16 Torschüsse (also für Mainz), 8:7 Ecken, 9:8 Flanken, 55:45 Prozent Ballkontakte, 48:52 gewonnene Zweikämpfe, 20:11 Fouls, 5:7 Abseits. Die meisten Torschüsse hatte ein HSV-Spieler: Maximilian Beister mit vier – keiner hatte mehr. Auch in Sachen Torschussvorlagen lag ein Hamburger vorn: Rafael van der Vaart brachte es auf fünf. Und ein Unentschieden gab es bei den Zweikampfstärksten: Michael Mancienne brachte es auf 67 Prozent, die beiden Mainzer Svensson und Kirchhoff auch. Wie geschrieben (gestern), die Statistik mit den Querpässen fehlt bei all diesen Zahlen, aber ganz sicher hätte die der HSV klar gewonnen, denn keine Mannschaft spielt so oft und so gerne und so gekonnt und so konsequent zurück, wie der HSV.

Nun aber Thorsten Fink und sein Resümee: „Ich habe gesehen, dass wir in der ersten Halbzeit defensiv sehr gut gestanden sind, dass wir Probleme hatten mit dem Spielaufbau – aber dadurch, dass man natürlich auch einen guten Gegner hat, der die Räume hervorragend zugestellt hat, haben wir es nicht geschafft, von hinten heraus zu befreien. Wie gesagt, es war ziemlich schwierig, aber wir haben getan, was wir tun mussten – die Null musste stehen. Und wir haben hervorragend verteidigt, wenige Chancen zugelassen, und dann einmal die Klasse von Son gezeigt. Er hat diesen Riecher, einen Riecher muss man auch haben – und vielleicht haben wir auch in der zweiten Halbzeit einen Tick mehr investiert, als Mainz. Und deswegen haben wir meiner Meinung nach auch verdient gewonnen. Natürlich habe ich auch gesehen, dass Maxi Beister vor dem 1:0 im Abseits stand, aber in einer Saison gleicht sich so etwas immer wieder mal aus. Für Mainz ist es natürlich bitter, das einfach hinzunehmen, von wegen es gleicht sich aus, aber es ist oft so – wenn man viel investiert. Und wir haben viel investiert. Die Effektivität war heute sehr gut.“

Wobei der HSV ein wenig Glück hatte, als Michael Mancienne kurz nach der Pause den Mainzer Torjäger Szalai im Strafraum umriss. Beim Sport1-Doppelpass am heutigen Vormittag waren sich alle sicher: „Klarer Elfmeter.“ Und genau deshalb muss ich mal lobend sagen: Für diesen nicht gegebenen Strafstoß blieb Thomas Tuchel bemerkenswert leise. Nun gut, er kann es ja auch dann, wenn er lauter wird, nicht ändern. Und er lernt eben auch noch dazu. Um es aber auch mal ganz fair zu sagen: Generell ist es schlecht, wenn solche Fehlentscheidungen ein Spiel entscheidend beeinflussen. Was hätten wir, was hätte ich, gemosert, gemeckert, geschimpft, wenn dem HSV ein Elfmeter nicht gegeben worden wäre, und dann noch ein Abseitstor des Gegners zur Niederlage geführt hätte.

Kurz-Kommentar noch des HSV-Coaches:
„Das Reh springt nicht von allein ins Maul des schlafenden Löwen. Diesen Spruch habe ich mal gelesen, der ist nicht von mir“, sagte HSV-Trainer Fink nach dem 1:0 gegen Mainz durch ein Abseitstor mit einer anderen Formulierung für: „Das Glück hat nur der Tüchtige.“

So, Themenwechsel. An Artjoms Rudnevs schieden sich auch diesmal wieder die Geister. Ich habe mir vorgenommen, nichts Negatives mehr zu den Vorstellungen des Letten zu sagen, denn es wissen ja ohnehin die meisten User hier bei Matz ab, dass der gute „Rudi“ noch kommen wird. Warum also soll ich ihn niedermachen, wenn er vielleicht im Frühjahr so mächtig aufblüht, dass er die ganze Bundesliga in Schutt und Asche schießt? Im Moment läuft Rudnevs der Musik zwar noch ein wenig hinterher, aber wenn sich erst einmal das Sondertraining auszahlt, das der Torjäger nach fast jeder Einheit von und mit Co-Trainer Nikola Vidovic erhält (sie spielen zu zweit Fußball-Tennis, damit die Technik verbessert wird!), dann wird der Durchbruch noch kommen.

Aber in diesem Zusammenhang muss ich selbst feststellen, dass ich Ironie doch besser unterdrücken sollte. Deswegen: Gebt „Rudi“ eine faire Chance – er wird sie ganz sicher noch nutzen. Auch wenn viele Experten inzwischen (oder schon lange) zweifeln. Kleiner Rat: einfach ignorieren. Er hat es da vorne doch auch nicht einfach – als absoluter Einzelkämpfer. Unterstützung ist doch für ihn, und das ist ernst gemeint, kaum einmal gegeben. Der Grund: Es haben in Sachen Offensive beim HSV doch alle selbst genug mit sich allein zu tun, als wenn sie nebenbei noch für den guten „Rudi“ arbeiten könnten. Zwölf Tore in zwölf Spielen sprechen doch eine deutliche Sprache, woran es hapert beim HSV. Seit dem 1:0-Sieg über Hannover 96 am 29. September gab es ein 1:0 in Fürth, ein 0:1 in Hamburg gegen Stuttgart, ein 2:0 in Augsburg, ein 0:3 gegen Bayern, ein 0:0 in Freiburg und nun ein 1:0 gegen Mainz. Minimalisten-Fußball. Übrigens: In der Vorsaison hieß e bei Mainz – HSV zweimal 0:0, mit einem weiteren 0:0 an diesem Sonnabend wäre der Bundesliga-Rekord eingestellt worden. Den halten mit dreimal in Folge 0:0 der 1. FC Köln und der VfB Stuttgart.

Aber, und nun wird es wieder ganz wichtig: Der Sieben-Punkte-Plan von Thorsten Fink ist immer noch möglich – und das hätte ich schon einmal nicht so richtig geglaubt. Und inzwischen bin ich mir auch sicher, dass der HSV in Düsseldorf (kommenden Freitag) auf jeden Fall schon mal nicht verlieren wird.

Ein Satz noch kurz zu Maximilian Beister. Er hing in der ersten Halbzeit durch, nichts war dem Sturm-Talent gelungen, es war dem Machwuchs-Mann anzumerken, dass er nicht so allzu viel Selbstvertrauen mit sich herumschleppt. Aber: Ich finde es klasse, wie Fink den Youngster „durchzieht“, obwohl die Leistungen noch lange nicht erstliga-reif sind, aber nur so lernt Beister. Dass die Mitspieler gelegentlich ins Grübeln kommen (um es gelinde auszudrücken), wenn Beister mal wieder den ball zum Gegner oder nicht unter Kontrolle gebracht hat, das ist auch irgendwie verständlich, aber negative Gesten und Ausbrüche helfen ihm da kaum auf den rechten Weg. So wie Rafael van der Vaart kurz vor dem Seitenwechsel, als Beister „das Ding“ aus 14 Metern in Richtung Eckfahne prügelte, sodass kurzzeitig der Luftverkehr über dem Volkspark gefährdet war. Da flippte der „Rafa“ dann aber total aus, aber mal ehrlich: Wer hätte freistehend aus 14 Metern nicht auch selbst geschossen? Das musste Beister ganz einfach machen, anstatt dem Wunsche des Niederländers zu entsprechen und die Kugel zurückzulegen. Ein bisschen (mehr) Egoismus muss schon sein. Aber mit dieser Verbal-Attacke nahm die „ewige 23“ dem einst so rotz-frech aufspielenden Beister noch den Rest an Selbstvertrauen Eigentlich hätte Fink den glücklosen Offensivmann in der Halbzeit auswechseln müssen, aber er hielt tapfer an ihm fest. Risiko. Es wurde belohnt – dank der 1:0-Vorlage. Fink u seinem Stürmer: „Er hat sich mit der Tor-Vorlage Selbstvertrauen geholt, der Ball war nicht einfach zu nehmen. Und er hat in der zweiten Halbzeit in Ansätzen gezeigt, was er eigentlich kann. Seine Stärke ist die Effektivität, die hat er zwar im Moment nicht, aber wenn er weiter so arbeitet, dann kommt die zu ihm zurück.“
Nun bin ich gespannt, wie Maxi Beister am Freitag in Düsseldorf (führt jetzt gerade 1:0 in Bremen . . . ) aufziehen wird. Es müsste gerade dort eigentlich ganz gut gehen . . .

Und wenn dann auch noch Heung Min Son seinen starken Lauf bestätigen sollte, dann könnten doch am Rhein die Zeichen erneut auf Auswärtssieg stehen. Apropos Son. Der Südkoreaner sagte auf „Sky“ über die Wechselgerüchte in die Premier League: „Die Bundesliga ist eine tolle Liga, sie ist sehr anstrengend. Über England habe ich nicht nachgedacht.“ Auf die Frage, ob er sich eine Vertragsverlängerung über 2014 hinaus vorstellen könne: „Das ist schwer zu sagen. Ich würde gerne hier bleiben, aber man muss erst schauen, was im Vertrag steht.“ Aha. Das wird denn wohl sein Berater machen. Obwohl Son auch sagt, das er nichts von Angeboten großer europäischer Klubs wisse: „Mein

Berater verrät mir darüber nichts, damit ich nicht abhebe.“ Das ist mal eine kluge Maßnahme eines Beraters.

Ich bin wirklich gespannt, wohin der Weg des Angreifers führen wird – im Sommer 2013. Ich halte England für viel zu früh für ihn, aber das ist meine persönliche Meinung, die natürlich völlig unmaßgeblich ist. Aber genau deswegen bin ich ja auch so gespannt.

Zurück noch einmal zum Mainz-Spiel. Kapitän Heiko Westermann befand: „Die Art und Weise unseres Sieges war bemerkenswert. Wenn man nicht richtig rein kommt ins Spiel dann spielt man einfach – das haben wir getan.“ Stimmt. Und Thorsten Fink steuerte noch einen Treffer bei: „In der vergangenen Saison hätten wir ein solches Spiel verloren.“ Und dann fügte er hinzu: „Wenn wir nicht hervorragend spielen, dann haben wir uns meistens noch eine Kirsche eingefangen. Diesmal aber haben wir nicht die Nerven verloren, sind ruhig geblieben, haben defensiv hervorragend gearbeitet. Das ist schon gut, das hat gezeigt, dass die Mannschaft da insgesamt schon weiter ist, und dass wir uns defensiv sehr gut entwickelt haben. Das ist sehr, sehr wichtig. Wir haben in Freiburg schon wenig hergegeben, und diesmal auch nicht viel.“

Voller Selbstbewusstsein stellte deshalb auch Rene Adler fest: „Wir haben vorher gesagt, dass wenn wir dieses Spiel gewinnen, dann gewinnen wir auch in Düsseldorf. Und davon bin ich mehr denn je überzeugt.“ Was mich total freut, denn wenn ich Adler so beobachte, wenn er sich den Ball zum Abstoß zurechtlegt, dann kommen mir Gedanke wie diese: „Mach bloß nicht so schnell, Rene, denn wenn du schneller machst, dann kommt der Ball auch umso schneller wieder zurück zu dir. Weil die Jungs da vorne nicht allzu viel mit dieser Kugel anfangen können . . .“ Wie gesagt, das ist nur meine Interpretation. Frei nach Matz also. Was der Sportchef wirklich und tatsächlich sagte, könnt ihr hier nun lesen. Frank Arnesen stellte sachlich fest: „Es war ein erwachsener Sieg von uns. Wir mussten geduldig sein und schlau, und das ist der Mannschaft auch gelungen.“

So, zwei Nachrichten habe ich jetzt noch, eine gute, eine schlechte. Zuerst die gute:
Nach nur zwei Tagen ist auch die zweite Tranche der Jubiläums-Anleihe des HSV auch schon wieder ausverkauft. Dem Verein fließen damit fünf Millionen Euro zu. „Es können derzeit leider keine weiteren Kaufanträge entgegengenommen werden“, gab der HSV bekannt, und Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow bedankte sich bei den Fans: „Wir alle sind überwältigt davon, welche Kraft im HSV steckt und welchen Rückhalt wir bei der Jubiläums-Anleihe erhalten haben.“ Die Hamburger wollen mit der Anleihe den Bau eines großen Fan- und Nachwuchszentrums, des „HSV-Campus“, unmittelbar am Stadion finanzieren.

Und das ist das Stichwort für die schlechte Nachricht – Nachwuchs:

Die Regionalliga-Mannschaft von Rodolfo Cardos kam in Kiel mächtig unter die Räder. Mit :6 wurde der Rothosen-Nachwuchs aus dem Stadion der Störche getrommelt, und das ist nun wirklich ein wenig zu viel des Guten. Wieso spielt diese Mannschaft, in der ja auch einige vielversprechende Talente stehen (so sagt man jedenfalls beim HSV!) einen solchen Katastrophen-Fußball? Ich habe die Mannschaft nun zuletzt zweimal gesehen (gegen den VfB Lübeck und gegen Werder II), ich war schwer enttäuscht. Der Nachwuchs quält sich ähnlich wie die Profis durch und über die 90 Minuten, da ist nichts von Lust, Spaß und Leidenschaft zu erkennen.
Herr Arnesen, tun Sie etwas. Das ist doch ein echtes Trauerspiel. Da muss doch – für den immensen Aufwand, der dort betrieben wird, viel, viel, nein, unendlich mehr und noch viel mehr kommen. Sonst ist diese Truppe doch wirklich nur eine reine Geldvernichtungsmaschine. 1:6 in Kiel – geht’s noch?

16.52 Uhr

Arslan – ein klarer Kopf mit großem Potenzial

15. November 2012

Was bitte erlauben Ibrahimovic? Wie durchgeknallt muss man sein, um aus 30 Metern einen Fallrückzieher aufs Tor zu knallen? Antwort: Eben so, wie es Ibrahimovic ist. Und auch wenn ich den Schweden ob seiner stumpfen Art nicht wirklich zum Geburtstag einladen würde, ich möchte ihm dafür gratulieren und ihm den Schuss Genialität zuschreiben, der ihm von seinen Fans ja seit Jahren bereits attestiert wird. Das war einfach unfassbar! Das müsste eigentlich das Tor des Jahres werden! Die Einschränkung “müsste” auch nur, weil die Bewerbungsfrist der Fifa – völlig sinnfrei schon im November! – unmittelbar zuvor gestern Mittag bereits abgelaufen war. Insofern bleibt ihm nur noch das Tor des Jahrhunderts. Und ob wir das noch miterleben?

Ich hoffe es. Für uns alle. Vor allem aber hoffe ich (irgendwie auch für uns alle), dass ich meine Dauerwette mit einem meiner besten Freunde gewinnen und bis zum Renteneintritt noch einen HSV-Meistertitel feiern kann. Dass das dieses Jahr nichts wird ist klar. Dieses Jahr geht es noch darum, dass sich die Mannschaft nach einem miserablen Jahr und einem missglückten Start stabilisiert. Es geht darum, die jungen Talente ein- und aufzubauen, sie zu Stammspielern zu formen und aus ihnen Leistungsträger für die Zukunft zu machen. Eben so, wie es bei Heung Min Son sowie bei Tolgay Arslan in Ansätzen schon der Fall ist. Du während wir über Erstgenannten die letzten Tage häufiger und meines Erachtens erschöpfend diskutiert haben, wollte ich die Ruhe beim HSV nutzen, um mich mal einem meiner Lieblingsspieler zu widmen: Tolgay Arslan.


Und das aus gutem Grund. Immerhin hat der Spieler der Stunde beim HSV am Mittwoch seine Premiere im Dress der U21-Nationalelf gefeiert. Eine Premiere, die rundum gelungen war – zumindest, was seine Leistung anbetrifft. „Tolgay war für mich der beste Mann auf dem Platz“, lobte Trainer Fink seinen Emporkömmling und fügte scherzend hinzu: „Erst als er ausgewechselt wurde, konnten die Türken das Spiel drehen.“ Und obwohl Fink dabei lachte, empfand ich das ähnlich. Zumindest war mir schleierhaft, weshalb Adrion seinen Debütanten vom Platz nahm. „Alles gut“, so Arslan auf meine erstaunte Nachfrage, ob vielleicht Ermüdung oder gar eine Verletzung dazu geführt hätten. Egal, viel wichtiger ist, dass Arslan fit ist. Ebenso wie die anderen Nationalspieler – bis auf Sala. Der Italiener zog sich eine Wadenverletzung zu und wird am Sonnabend gegen Mainz nicht im Kader stehen.

Arslan hingegen wirkt hochmotiviert. Der Mann, der uns während der EM im Rahmen seines Matz-ab-Live-Auftrittes noch sagte, dass er sich selbst viel Zeit geben wolle, bis er seine Ziele erreicht. „Ich bin keiner von denen, die ankommen und durchstarten. Ich bin kein Überflieger, sondern einer, der jeden einzelnen Entwicklungsschritt mitnimmt. Vielleicht habe ich dafür eine gewachsenere Basis als das eine oder andere Supertalent.“

Wie Recht er behalten sollte. Nach Anfangsproblemen (vor allem verletzungsbedingt) spielte sich der ballsichere Youngster auf der Doppelsechs fest. Inzwischen ist er neben Milan Badelj nicht mehr wegzudenken. Selbst Nationalspieler wie Petr Jiracek mussten für ihn ihre Position räumen. Ob ihm seine inzwischen doch sehr rasante Entwicklung etwas zu schnell geht? „Nein. Ich genieße das und lerne. Ich nehme die positiven Dinge mit.“

Und zwar für die Deutsche Nationalmannschaft – trotz deutschen und türkischen Passes. „Mein Vater war für die deutsche Nationalelf, meine Mutter für die Türkei“, erklärt Arslan seine Entscheidungsfindung, „und da habe ich es mir leicht gemacht. Ich habe gesagt, wer mich zuerst einlädt, für den entscheide ich mich.“ Hundertprozentig sicher sollten sich die DFB-Verantwortlichen dennoch noch nicht sein. Denn laut Fifa-Reglement dürfte Arslan jetzt für die deutsche U21 auflaufen und dennoch anschließend noch für die türkische A-Nationalelf. Was passieren würde, wenn die Türkei ihn fürs A-Team will? „Das weiß ich nicht“, so Arslan, „aber bis dahin ist ja auch noch Zeit.“

Stimmt. Bei aller Euphorie: A-Nationalelf ist dann doch noch nicht drin. Allerdings sollte es Arslans Ziel bleiben. „Zunächst einmal will ich mit der U21 zur EM 2013 nach Israel“, sagt Arslan, der gegen die Türkei am Mittwoch ein sehr emotionales Spiel hinter sich gebracht hat. „Beim Einlaufen die türkische Fahne zu sehen, dann beide Nationalhymnen zu hören – das war schon komisch. Ich kannte ja beide Hymnen.“ Auf dem Platz schlug das komische Gefühl dann auch nicht mehr um. Im Gegenteil. Immer wieder musste sich der HSV-Profi harten Attacken seiner Landsleute erwehren. Ob er bepöbelt wurde? „Darauf habe ich nicht so geachtet. Aber ich kann sagen, dass ich härter attackiert wurde. Aber zum Glück waren sie mir gegenüber genauso wie die Leute auf der Tribüne nur im Spiel aggressiv.“

Harte Attacken darf Arslan auch am Sonnabend erwarten, wenn der FSV Mainz kommt. „Die haben keine Angst“, sagt Dennis Diekmeier, „die hauen richtig rein. Das wird ein echter Fight“, so der Rechtsverteidiger über den nächsten HSV-Gegner, den Fink auf Augenhöhe mit dem HSV sieht. „Mainz spielt das eigene Spiel mutig nach vorn. Ich erwarte ein gutes Spiel mit einigen Torraumszenen, weil der FSV sich nicht hinten reinstellt, sondern mitspielt.“ Ob Fink personell Änderungen plant? „Nee“, so die kurze, klare Antwort. Einzig in der Innenverteidigung ist der Platz neben dem gesetzten Abwehrchef Heiko Westermann noch vakant. Mein geschätzter Kollege Kai-Uwe Hesse versuchte es dann mit einer Suggestivfrage. Allerdings ließ Fink sich nicht in die Karten schauen. „Bruma oder Mancienne spielt. Mit Michael haben wir zuletzt viele Punkte geholt. Jeffrey war bis zu seiner Verletzung gesetzt und hat zuletzt in Freiburg sehr gut gespielt. Ich werde mir das im Training genau anschauen und dann entscheiden.“

Klar ist indes, dass Dennis Aogo weiter Geduld haben muss. Der Linksverteidiger steht derzeit hinter Marcell Jansen an. Ebenso wie Marcus Berg hinter Artjoms Rudnevs, wobei bei dem Schweden zu sagen ist, dass er heute schon wieder mittrainierte. Ich habe es vermieden, ihn anzusprechen, weil ich glaube, dass er andere Sorgen hat. Allerdings wollte ich es bei aller sportlicher Kritik – ich setze voraus, dass das mit seiner Frau Josefine abgesprochen ist – nicht vergessen, ihn dafür zu loben. Es spricht auf jeden Fall für seinen Ehrgeiz.

Für den HSV gegen Mainz spricht zudem, dass Fink sieben Punkte aus den drei Spielen Freiburg, jetzt Sonnabend gegen Mainz und in Düsseldorf am 23. November geholt werden sollten. Um diese Rechnung noch aufgehen zu lassen, ist ein Sieg gegen den FSV unabdingbar. „Das stimmt“, sagt Fink, der mit einem Sieg auch einen „Heimfluch“ abhaken will. Sechs Punkte im eigenen Stadion stehen acht in der Fremde entgegen. „Wir haben zwei Spiele gewonnen und drei verloren – es gilt diese Bilanz zu verbessern, die Serie (von zwei Heimniederlagen in Folge, d. Red.) zu beenden.“

Das sind mal Sorgen. Ich jedenfalls kann noch keine Negativ“serie“ erkennen.

Egal wie, am Sonnabend muss gewonnen werden, um den Tabellensiebten FSV Mainz punktetechnisch einzuholen und den Anschluss ans obere Mittelfeld herzustellen. Die Chance jetzt ist so groß wie in dieser Saison bislang noch nie. Denn, wie sagte Arslan heute so schön? „Außer Bayern marschiert in der Tabelle ja keine weg…“

Stimmt. Und Punkte gegen den FSV sowie anschließend gegen den fulminant gestarteten und langsam schwächelnden Aufsteiger Düsseldorf könnten den HSV endlich mal wieder in den einstelligen Tabellenbereich hieven!

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird leider wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Aber ich werde Euch davon (heute trainierten nur die Spieler ohne Länderspieleinsätze) berichten.

Scholle

P.S.: Wer noch eine Anleihe zeichnen will, sollte sich nicht zu lange Zeit damit lassen. Bereits am ersten Tag wurden 1,6 Millionen Euro (von insgesamt 5 Millionen Euro) der so genannten „Schmuckanleihen“ gezeichnet. Einige wenige davon auch von mir…

Ilicevic geht in die Offensive – von Beginn an?

7. Dezember 2011

Wie erkläre ich, dass ich unzufrieden mit meiner Situation bin, ohne dem Trainer auf den Schlips zu treten? Schwer. Allerdings machbar. Das bewies heute Ivo Ilicevic. Der Kroate bemühte dafür allerdings auch alle Tricks, viel Lächeln und seinen Charme. „Natürlich ist der Trainer das Maß der Dinge, darüber setze ich mich ganz sicher nicht hinweg“, sagt Ivo, „aber ich kann mit Recht behaupten, endlich auf dem Stand zu sein, den ich brauche, um von Beginn an aufzulaufen.“

Unschuldig wirkende Worte des eher zierlichen Mannes, dessen 63 Kilogramm auf 174 Zentimeter verteilt ebenso harmlos wie trügerisch wirken. Vor allem für die zumeist deutlich kräftigeren Gegenspieler, denen Ilicevic regelmäßig Knoten in die Beine gespielt hat – und wieder spielen will. Und zwar so auffällig, wie damals, wo ihn der FC Bayern verpflichten wollte. Ohne das Veto seines damaligen Arbeitgebers 1. FC Kaiserslautern wäre der 25-Jährige am heutigen Mittwoch wahrscheinlich in der Champions League im Einsatz. So aber ist er – zu unserem Glück – beim HSV gelandet. Vier Millionen Euro hat der HSV für den Kroaten bezahlt, der gegen Mainz nur zu gern anfangen würde, Cent für Cent mit Leistung zurückzuzahlen.

Und das zum ersten Mal von Beginn an für den HSV in der Bundesliga. „Natürlich will ich das“, sagt Ilicevic, der auf seiner Lieblingsposition links im Mittelfeld mit dem derzeit formstarken Marcell Jansen konkurriert. „Allerdings kann ich im Mittelfeld auf allen Positionen spielen.“ Also auch im rechten Mittelfeld? Dort, wo sein bester Kumpel Gökhan Töre (Ilicevic: „Gökhan ist charakterlich ein ganz feiner Kerl, wir sprechen irgendwie eine Sprache“) nach fulminantem Start derzeit seit zwei Wochen ein kleines Formtief durchläuft? „Dort und auch zentral hinter den Spitzen. Die Positionen sind nicht so gravierend anders, weil bei uns die außen auch relativ weit nach innen gezogen spielen.“ Soll heißen: Ilicevic bietet sich auf allen Positionen an, um so seine Startelfchancen zu erhöhen.

Ilicevic, der sich zuletzt stets zurückhaltend äußerte und darauf verwies, noch nicht bei hundert Prozent zu sein, geht in die Offensive. Er sei topfit, bräuchte Spielpraxis – und er fordert offen seine Chance ein. Zumal es am Sonnabend um 15.30 Uhr ausgerechnet zu der Mannschaft geht, gegen die er sein Bundesliga-Debüt feierte: zum FSV Mainz 05. Hinzukommt, dass er da etwas gutzumachen hat. Denn am 12. August 2006 hagelte es für ihn mit dem VfL Bochum eine bittere 2:1-Niederlage am Bruchweg. Ein schlechtes Omen? Mitnichten. Am Sonnabend geht es in die neue Coface-Arena – der Bruchweg ist ebenso Geschichte wie das Reservistensein für Ilicevic. Hofft der Kroate. Nur 70 Kilometer von seinem Heimatort Aschaffenburg entfernt warten seine Eltern sowie seine beiden Brüder und etliche Freunde auf ihn. „Und auch die würden sich natürlich freuen, wenn sie mich von Beginn an sehen könnten“, lacht Ilicevic.

Verdient hätte er es. Das einzige Problem ist, dass es zumindest auf den Außenpositionen beim HSV niemand wirklich verdient hat, ausgewechselt zu werden. Weder Jansen, noch Töre. Womit für Ilicevic immerhin noch die Position von zuletzt Heung Min Son bliebe. Der Südkoreaner wirkte zuletzt glücklos, teilweise überfordert. Was auch für Trainer Thorsten Fink nicht verborgen blieb. Der HSV-Coach hatte zuletzt trotz Formschwäche an seinem 19-jährigen Youngster festgehalten und ihm auch gegen Nürnberg eine Chance gegeben. Allein, Son wusste sie nicht zu nutzen und wirkte überspielt, wenigstens aber überfordert. Anlass genug für Fink, über eine Pause für Son nachzudenken. „Er braucht Zeit, er bekommt von mir Zeit“, so Finks solidarische Worte Richtung Son, der gegen Mainz verstärkt damit rechnen muss, zunächst auf der Bank Platz zu nehmen.

Für Ilicevic. Obwohl: für Ilicevic? Immerhin meldet sich jetzt auch Mladen Petric gesund zurück. Ilicevics Landsmann hatte zuletzt fast fünf Wochen aussetzen müssen und konnte heute wieder voll mittrainieren. „Ich freue mich, dass Mladen wieder fit ist“, sagt Ilicevic über seinen Nationalmannschaftskollegen, der mit ihm um die eine Position im Zweiersturm neben Paolo Guerrero konkurriert. Trotzdem lobt Ilicevic fair: „Mladen ist für die Mannschaft ein ganz wichtiger Spieler. Er verfügt über eine riesige Qualität, die die Mannschaft braucht.“ Dass das nicht unbedingt von Beginn an in Mainz so sein muss – selbstredend…

Mit deutlich weniger zufrieden ist dagegen Slobodan Rajkovic. Der Serbe war nach seiner Drei-Spiele-Sperre zuletzt gegen Nürnberg nicht mal mehr im Kader. „Der Trainer hatte mir gesagt, dass er ungern etwas verändern wolle nach den guten Spielen zuvor“, so der körperliche Gegenpart von Ilicevic. Rund 88 Kilogramm verteilt auf 194 Zentimeter verleihen dem 22-Jährigen eine beeindruckende Erscheinung. Dabei ist Rajkovic selbst ein eher schüchterner, höflicher Typ. Ganz entgegen seinem Rambo-Image, das neben seiner imposanten Erscheinung vielleicht auch einen Teil dazu beigetragen haben könnte, dass er „für nichts und wieder nichts“ (O-Ton Rajkovic) gegen Kaiserslautern mit Rot vom Platz musste – und so seinen Stammplatz an Jeffrey Bruma verlor. Der Niederländer machte seinen Job anschließend so gut, dass er als gesetzt gilt. Zumal er seine Schulterverletzung auskuriert zu haben scheint und am Sonnabend einsetzbar ist. „Ich muss warten“, so Riese Rajkovic kleinlaut, „so ist eben Profi-Fußball.“

Und der wird aus Finks Sicht immer schöner. Nachdem der HSV bis auf Platz elf klettern konnte, kann Fink den kurzfristigen Ausfall von Michael Mancienne mit der Hereinnahme von Rajkokvic schnell und allemal ebenbürtig kompensieren. Im Angriff hat er zudem, wie oben bereits beschrieben, viele verschiedene Variationsmöglichkeiten. Und da nur elf Spieler auf dem Platz stehen dürfen, hat der HSV-Coach im normalen Fall (wenn alle gesund bleiben) ausreichend Möglichkeiten auf der Bank, um den Spiel mit Einwechslungen zu verändern. Er hat wieder echte Alternativen. Oder besser gesagt: noch mehr als zuletzt.

Und das ist gut so. Zumindest vergrößert das die Chance, dass Fink auch weiterhin von der ersten bis zur letzten Minute Profis auf dem Platz hat, die um ihren Stammplatz kämpfen. So, wie es Ilicevic zuletzt eindrucksvoll im Training sowie bei seinen Einwechslungen machte und sich meiner Meinung nach damit eine Chance von Beginn an verdient hat. Auch wenn das bedeutet, dass Mladen Petric damit zunächst nur als Reservist dabei ist.

Wohl denen, die so eine Auswahl haben. Wer hätte das am Saisonanfang gedacht?

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird wieder um zehn Uhr an der Imtech-Arena trainiert. Und um die Startelfplätze gekämpft. Klingt irgendwie gut…

Scholle (18.26 Uhr)

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