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Jarolim: “Der Trainer muss gewechselt werden” – kommt Magath?

14. April 2015

Was kann jetzt noch helfen? Oder besser: Wer kann jetzt noch helfen? Auf jeden Fall hat einer bereits ein Zeichen gesetzt und geholfen, wenn auch nicht auf dem Platz: der 55-jährige Helmut Bohnhorst. Der Agrarunternehmer aus Niedersachsen hatte seine Verträge bereits im März unterzeichnet, die ihn einen Betrag von vier Millionen Euro in den HSV investieren lassen. Der Neuaktionär der Fußball-AG im Interview gegenüber “www.hsv.de”: „Natürlich leide ich mit meinem Verein. Aber darum wende ich mich ja nicht automatisch ab. Ich sehe den HSV noch immer im Umbruch. Die sportlichen Tiefschläge sind mitunter schmerzhaft, ja, und die Bundesliga ist stark und gnadenlos. Trotzdem glaube ich fest an die handelnden Personen. Wir brauchen beim HSV inhaltlich starke Aufbauarbeit mit guten Konzepten und Strategien. Ich sehe da mit den handelnden Vorständen die richtigen Personen am Werk. Dass ich genau jetzt meinen Anteilskauf veröffentliche, ist ja auch kein Zufall. Ich möchte ein Zeichen setzen, dass es weiter geht für unseren HSV; dass die Verantwortlichen, die Mannschaft, die Mitarbeiter und alle Fans zusammenstehen müssen.“

Stark. Ganz stark, Herr Bohnhorst!

Nichts anderes fällt mir dazu ein. Vier Millionen Euro für 1,6 Prozent am HSV – der Verein versucht sich weiterhin finanziell neu aufzustellen. In den nächsten Tagen sollen weitere Vertragsabschlüsse mit Sponsoren und Kooperationspartnern bekanntgegeben werden – trotz der sportlichen Talfahrt. Und diese guten Nachrichten in schlechten Tagen kommen kein bisschen zu früh, denn die Liga begibt sich schon in Reichweite, um die besten Talente abzuwerben. Unter anderem ist Borussia Mönchengladbach ernsthaft an einer Verpflichtung von Jonathan Tah interessiert, der noch bis Saisonende an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen ist. Tah selbst hingegen fiebert seiner Rückkehr zum HSV entgegen, wie er im Interview mit HSVTotal beteuert.

Für Gespräche mit Peter Knäbel, dem Direktor Profifußball (früher Sportchef), dürfte selbst für diese Personalie nur wenig Zeit bleiben. Der Interimstrainer hat genug damit zu tun, seine Mannschaft zu sortieren. Ginge es nach mir, würde Knäbel hier ein Zeichen setzen müssen, wenn der HSV selbst schon nicht bereit ist, auf dem Trainerposten noch einmal eine Veränderung vorzunehmen. Auch Ex-HSV-Profi Stefan Schnoor schlägt (siehe Video) in diese Kerbe: „Es muss etwas passieren – sowohl innerhalb der Mannschaft als auch auf dem Trainerposten. Wenn der HSV nicht noch einen drastischen Impuls setzen kann, wird es ganz eng. Schlimmer noch: So steigt man ab.“

Der einstige Bundesligakapitän plädiert für eine Suspendierung der Streit-„Brüder“ Johan Djourou und Valon Behrami. „Derartiges Verhalten kann keine Mannschaft im Abstiegskampf gebrauchen. Auf dem Trainingsplatz darf es gern mal krachen – aber nicht in der Halbzeit. Ich hätte beide sofort rausgenommen. Sowas geht nicht. Schon gar nicht von so genannten Führungsspielern. Wenn man hier nicht sanktioniert, läuft es schnell aus dem Ruder.“ Knäbel indes begnadigte beide.

Von einer Schweiz-Connection war die Rede, als sich Knäbel, damals noch als Direktor Profifußball unterwegs, insbesondere auf dem Schweizer Markt um Zugänge bemühte. Innerhalb der Mannschaft gilt der Schweizer Behrami als „von denen da oben“ besonders geschützt. Behrami könne sich sanktionslos Mitarbeitern wie Mannschaftskollegen und Spielern der U23 gegenüber respektlos verhalten. Dass Cléber für einen zweifellosen üblen sportlichen Fehler von Knäbel öffentlich angegriffen wurde, während die beiden Prügel-Brüder ungestraft davonkommen – es mutet zumindest seltsam an.

Auf jeden Fall kommt diese Ungleichbehandlung bei Teilen der Mannschaft alles andere als gut an. Knäbel, der eigentlich keine Probleme mit unpopulären Entscheidungen haben soll und als geradlinig gilt, wirkt auf die Mannschaft inkonsequent. Und Behrami gilt immer mehr als Sonderling. Der Mann mit dem unbändigen Willen und den kaputten Knien isoliert sich zusehends. Apropos: Auch heute trainierte Behrami nicht mit der Mannschaft. Vormittags abgesprochen, sollte er nachmittags auf den Platz, blieb aber in der Kabine und absolvierte stattdessen Individualtraining.

Einer, der dafür wieder dabei ist und helfen will ist Marcell Jansen. Der Linksfuß ist nach ausgestandener Zerrung wieder einsetzbar. „Ich habe einige gute Trainingseinheiten hinter mir und kann spielen“, so der Ex-Nationalspieler. Noch nicht wieder dabei sein wird Dennis Diekmeier. „Ich hatte darauf gehofft, aber es sieht nicht so aus. Der Sonntag käme wahrscheinlich noch zu früh“, so Diekmeier. Für ihn wird voraussichtlich erneut Heiko Westermann die rechte Seite bearbeiten. Und das ist gut. Denn so rückt Slobodan Rajkovic aller Voraussicht nach wieder in die Startelf. Zumindest trainierten die beiden heute bei den Flankenübungen als ein Verteidigerduo.

Rajkovic gilt als ebenso limitierter Fußballer wie großartiger Zweikämpfer und Mannschaftsspieler und ist für mich zumindest ein erster neuer Ansatz, ein klitzekleines Fünkchen neue Hoffnung, von der bei Weltmeister Franz Beckenbauer nichts mehr übrig ist. Sagt er selbst: „Ich sehe keinen Punkt, der Hoffnung macht“, so der Ex-HSV-Profi und bekennender HSV-Freund. „Wenn ich mir den HSV jetzt anschaue, dann sehe ich überhaupt keine Anhaltspunkte, wie diese Mannschaft in der Liga bleiben kann.“ Noch etwas deutlicher wird der wahrscheinlich loyalste HSV-Spieler der letzten 15 Jahre: David Jarolim. Der Tscheche, der bei Bedarf auch Klartext spricht, dabei aber nie irgendeinen Spieler oder Verantwortlichen persönlich angreift, wird deutlich: „Ich bin der Letzte, der öffentlich was sagen will. Aber das, was gerade passiert, ist unverantwortlich“, so Jarolim, der mit Mlada Boleslav nach einem 5:3-Heimsieg heute gerade ins tschechische Pokalhalbfinale eingezogen ist. Richtig freuen wollte er sich dennoch nicht. „Ich habe immer wieder Kontakt zu Spielern, und ich bin traurig. Es stimmt so vieles scheinbar nicht. In der Kabine ist es offenbar schwer, drumherum ist viel passiert. Aber da jetzt alles so zu lassen, wie es gerade ist, wäre falsch. Dann steigst du ab. Der HSV muss jetzt noch mal was ändern. Noch vor dem Derby am Sonntag in Bremen am besten.“

Jarolim schließt sich dem Gros der deutschen Fußballexperten an. Auch der jüngst vom HSV verabschiedete Ex-Kapitän plädiert für einen erneuten Trainerwechsel. „Das ist keine leichte Entscheidung, so eine Entscheidung zurückzunehmen oder zu korrigieren. Aber es ist in meinen Augen die einzig richtige und vor allem die deutlich mutigere Entscheidung, als einfach wegzusehen, so weiterzumachen und zu hoffen, dass es irgendwie doch noch klappt. Jarolim: „Mit einem neuen Coach könnte noch mal ein entscheidender Ruck durch die Mannschaft gehen.“ Ähnliche Worte, wie von Schnoor, Hitzfeld, Beckenbauer und Co.

Und Worte, die bei Beiersdorfer ankommen. Noch ignoriert er sie offiziell nach außen, aber intern macht sich der Vorstandsboss zweifellos seine Gedanken. In einem Gespräch mit Sponsoren holte sich Beiersdorfer jetzt deren Meinungen ein. Trainer wechseln oder nicht? Die Mehrheit der kleinen Runde plädierte für einen erneuten Wechsel – und hatte auch gleich einen passenden Kandidaten parat: Felix Magath. Beiersdorfer registrierte das Votum – reagierte aber nicht. Zumindest nicht selbst. Statt seiner rief einer der Sponsoren bei Magath an und erkundigte sich nach dessen Bereitschaft. Mit einem positiven Feedback. So soll Magath angeboten haben, bis Saisonende umsonst zu kommen, wenn er im Erfolgsfall einen Anschlussvertrag erhält. Warum nicht Beiersdorfer selbst anrief? Ganz einfach – und in der angespannten Situation auch richtig: Um Knäbel nicht zusätzlich zu schwächen. Denn so bleibt immer die Möglichkeit, ohne zu lügen sagen zu können, dass es nicht der HSV war, der Magath kontaktiert hat. Und dennoch weiß man, ob Magath dabei wäre oder nicht…

Beiersdorfer selbst wollte diesen Vorgang nicht bestätigen. Logischerweise nicht. Mir allerdings macht dieser Vorgang Hoffnung. Nach Rajkovic ist es schon ein zweiter, kleiner Funken Hoffnung, dass dieser HSV in den letzten sechs Spielen das repariert, was er in den letzten Monaten – nein: Jahren zu zerstören droht. Ich schließe mich letztlich den Worten von Jarolim an, dem ich damit auch den Schlusssatz für heute überlassen möchte. Jarolim: „Dieser HSV gehört in die Erste Liga. Alles andere ist eine Katastrophe. Wenn sich das alle klarmachen, werden sie noch richtig entscheiden. Auch wenn es weh tut…“

Hoffentlich.

Bis morgen,
Scholle

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