Archiv für das Tag 'Magath'

van der Vaarts leiser Abschied

12. Juni 2015

Während die Meldungen über Spielerwechsel in der Bundesliga nur so reintrudeln, gibt es vom HSV keinen Vollzug zu melden. Das ist nicht überraschend, und selbst die Personalie Süleyman Koc könnte sich noch einige Zeit hinziehen. Dessen Berater hat Druck gemacht und von einer grundsätzlichen Einigung mit dem HSV berichtet. Allerdings ist die Ablöse (zwischen 1,5 Millionen und 2 Millionen Euro) noch recht hoch. Nun also baut der Berater Druck auf den SC Paderborn auf, um von den Forderungen herunterzukommen. Ein nicht unübliches Spielchen, schließlich wollen alle Seiten Klarheit.
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Noch mal Malente – als Vorbereitung auf den Karlsruher SC

24. Mai 2015

Es ist die Relegation geworden, Fußball-Gott sei Dank. Das führt dazu, dass die meisten HSV-Fans erst einmal für ein, zwei Tage mal kräftig durchzuatmen. Bevor es dann am Donnerstag wieder ans Eingemachte geht. Es gibt nach Abendblatt-Informationen nur noch 7000 Karten für das Spiel gegen den Karlsruher SC, der sich heute durch einen 1:0-Erfolg die Chance auf den nachträglichen Aufstieg sicherte. Wer also noch live dabei sein will, der sollte sich sputen. Das Spiel wird ausverkauft sein, wahrscheinlich hätte der HSV diese 90 Minuten Zusatzzeit zwei- oder dreimal ausverkaufen können. Zum Glück ist es so. Und zum Glück rennen diese Super-Fans dem HSV weiterhin die „Bude“ ein. Und sie sind ein wunderbarer zwölfter Mann für dieses Team geworden, keine Frage. Es ist einfach nur großartig, wie die Hamburger Anhänger ihre Truppe unterstützt – traumhaft.

Stefan Böger, unser Gast bei „Matz ab live“ hatte es uns erzählt: Er beobachtete sogar die Seitenwahl ganz genau, und er schilderte: „Johan Djourou hatte die Wahl gewonnen und suchte sich sehr genau aus, wie er spielen wollte.“ Erst sollte der HSV gen Süden spielen, dann gegen den fantastischen Norden. Und das klappte. Nach der Nullnummer in Halbzeit eins wurde der HSV im zweiten Durchgang noch durchdringlicher nach vorne gepeitscht – und schoss die beiden siegbringenden Tore. Davon sollte es eine Wiederholung geben – an diesem Donnerstag.

Denn eines sollte sich dieser HSV vornehmen – und es somit besser machen als noch vor einem Jahr: Tore im Hinspiel schießen. Vor einem Jahr gab es gegen Greuther Fürth bekanntlich ein 0:0 – zu wenig eigentlich, um überleben zu können. Es gelang trotz allem. Diesmal sollten möglichst genügend Tore erzielt werden, sodass man schon mit einem beruhigenden Vorsprung zum Rückspiel fahren könnte. Ich weiß, ich weiß, keine Panik, das ist natürlich ein ganz frommer Wunsch, und solche Wunschkonzerte werden auch in Relegationsspielen ganz, ganz selten mal erfüllt, aber hoffen darf man doch mal – oder?

Zumal der HSV diesmal doch unter anderen, besseren Voraussetzungen in die Relegation geht. Vor einem Jahr kam der HSV aus einer Niederlagen-Serie heraus in die beiden Spiele, das Selbstvertrauen war total auf der Strecke geblieben. Außerdem war die Mannschaft damals in einem katastrophalen Fitness-Zustand, denn spätestens nach 70 Minuten hatte kein HSV-Spieler mehr die nötigen Körner, um noch eine Normalform abrufen zu können. Ganz eklatant war es im Rückspiel in Fürth, da ging nach 70 Minuten (oder schon eher?) nichts mehr. Nur Jaroslav Drobny hielt die Mannschaft damals in der Ersten Liga. Nur der HSV-Keeper, damals die eigentliche Nummer zwei. Unvergessen, diese Super-Leistung des Tschechen, der diesmal bekanntlich ausfallen wird (Schultereckgelenksprengung).

Diesmal macht Rene Adler den Drobny. Keine Frage. Deutschlands ehemaliger Nationaltorwart ist super drauf, hält seit Wochen die tollsten Dinger – und schwierigsten Sachen. Adler ist super drauf, und er hat ja auch gestanden, dass er Spaß an diesem Abstiegskampf hat. Das möge bis morgen in einer Woche, dann bis möglichst kurz vor Mitternacht, so bleiben. Und wird es wohl auch – wenn nichts mehr Gravierendes dazwischenkommt. Zum Glück für den HSV hat sich Adler wieder ein eine ganz, ganz prächtige Form hineingesteigert, zum Glück. Das macht ihn jetzt besonders wertvoll.

Ähnlich verhält es sich mit Heiko Westermann, der gestern in der 82. Minute ausgewechselt werden musste – der Abwehrrecke war mit seinen Kräften, eigentlich völlig untypisch für ihn, am Ende, und zwar restlos. Westermann war nicht verletzt, er hatte einfach in diesen 82. Minuten alles gegeben, er war rauf und runter gelaufen, half auch fast überall aus, so kennt man ihn – das war eine vorbildliche Vorstellung des ehemaligen Nationalspielers.

„Heiko war k.o., nicht verletzt. Aber genau das habe ich gewollt, das brauchen wir – dafür haben wir ja Dennis Diekmeier draußen sitzen. Der hat sich über das Training wieder sehr gut reingearbeitet, das habe ich schon im Training gesehen – der brennt. Deswegen ist es gut, dass einer, der dann nicht mehr kann, es auch signalisiert – dann können wir auf der Bank reagieren.“

Ein ähnliches Pensum wie Westermann hatte gegen Schalke Ivica Olic absolviert. Und dazu noch das so wichtige 1:0 geschossen. Bruno Labbadia über seinen ältesten Feldspieler: „Ivi hat ein riesiges Laufpensum absolviert – wie alle Spieler. Er hatte aber nach diesen 90 Minuten auch große körperliche Probleme, denn sein Rücken hatte gegen Ende komplett zugemacht – also gestern wirkte er tatsächlich wie ein alter Mann. Es gab auch kleinere Probleme mit den Adduktoren, aber für uns war wichtig, dass das nicht schwerwiegender Art ist.“ Zum 1:0 von Olic befand der Coach: „Für ihn hat mich besonders gefreut, dass er das Tor gemacht hat, denn die Situation ist für ihn jetzt, nach seiner Rückkehr zum HSV, ja nicht besonders einfach. Aber er ist ein erfahrener Mann, und einem Offensivmann tut ein Tor immer ganz besonders gut – deswegen ist jetzt das Allerwichtigste, dass wir seinen Rücken wieder freibekommen, damit er am Donnerstag spielen kann.“
Ganz speziell an diesem Olic-Treffer war ja, dass er den Ball mit rechts in die lange Ecke schoss! Mit rechts. Dieses rechte Bein hat er eigentlich nur, damit er nicht umkippen kann…

Bruno Labbadia sprach heute mit uns, „Scholle“ hat dieses Gespräch aufgezeichnet, dieses Video könnt Ihr Euch hier ansehen. Später, als „Scholle“ nicht mehr aufnahm, gab es noch eine kleine Fortsetzung mit Labbadia, und das Wichtigste davon habe ich geschrieben. Oder schreibe es jetzt noch. Zum Beispiel sprach Bruno Labbadia noch über das Spiel. Für ihn war es ein „riesiges Spiel“ seiner Mannschaft. Wir hatten bei „Matz ab live“ aber über die erste Halbzeit, die ja doch viele Quer- und Rückpässe gebracht hatte (vom HSV), gesprochen und vermutet, dass der Trainer seiner Mannschaft eine gewisse Zurückhaltung in Halbzeit eins auferlegt hatte. So hatte es auch Stefan Böger vage vermutet – oder auch nur in den Bereich einer Möglichkeit gezogen. Labbadia dazu: „Es steht ja auch ein Gegner auf dem Platz. Und Schalke hat definitiv keinen Millimeter abgeschenkt. Wir haben sie dazu gebracht, dass sie irgendwann den Widerstand aufgegeben haben. Aber nur deshalb, weil wir dagegengehalten haben. Deswegen sage ich, dass wir auch in der ersten Halbzeit ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht haben.“

Über die Fehler, die sich in das Spiel seiner Mannschaft im ersten Durchgang eingeschlichen hatten, befand Labbadia: „Das habe ich zur Halbzeit angesprochen, wir die Konter nicht gut ausgefahren haben, und wir sind nicht konsequent in den Strafraum gegangen, obwohl dazu mehrere Möglichkeiten gehabt haben.“ Der HSV-Trainer weiter: „Wenn man zwei Tore in der zweiten Halbzeit schießt, dann ist man schnell dazu geneigt zu sagen, dass die zweite Halbzeit besser war, aber ich finde, dass wir in der ersten Halbzeit die Ruhe bewahrt haben. Wie will man schnell spielen, wenn der Gegner die Räume so geschickt zustellt. Und das hat Schalke gut getan. Die standen kompakt. Das ist die italienische oder englische Schule von Trainer Di Matteo, er achtet darauf, dass die Passwege geschickt zugestellt werden. Darauf warten sie nur, um dann zu kontern. Wir haben ihnen aber diese Möglichkeiten nicht gegeben. Wir haben ruhig gespielt, wir haben variabel gespielt, wir haben den Ball und den Gegner laufen lassen. Und wenn der Gegner viel laufen muss, dann lässt er irgendwann auch mal nach – das war eine Marschroute, unsere Marschroute.“

Eine schöne Erklärung des Trainers. Die aber wahrscheinlich für einen ehemaligen HSV-Profi nicht so richtig zählt. Für. Wer? William „Jimmy“ Hartwig. Den gibt es. Immer noch. Heute ist er Schauspieler, aber ab und an sagt er auch etwas über den Fußball allgemein und den HSV ganz speziell. Bei „Spox“ meinte Hartwig nach dem 2:0-Sieg über Schalke: „Ich ärgere mich über die Wettbewerbsverzerrung von Schalke. Das ist eine Unverschämtheit von einer Mannschaft, die im Europapokal mitspielen will, keine Gegenwehr zu zeigen. Der HSV hat sich Mühe gegeben, aber sie haben ja keine Gegenwehr gehabt. Das ist so traurig für die Freiburger. Dass sich der HSV jetzt wieder auf den 16. Platz gerettet hat, das befriedigt weder mich noch die anderen ehemaligen HSV-Spieler.“ Und auch das noch: „Der HSV hat wieder das Glück, auf dem Relegationsplatz zu stehen, Dann jubeln sie alle, wie toll der Verein ist, dabei ist er marode und von oben kaputt. Das ist das, was mich am meisten ärgert.“ Zudem offenbarte Hartwig: „Auch wenn ich mal mit den ehemaligen Kollegen wie Manni Kaltz oder Felix Magath spreche – ein schöner Ab- und Aufstieg wäre angebracht gewesen.“

Kann man ja mal sagen, wenn einem danach ist. Aber wer will das eigentlich lesen – oder hören? Von Hartwig? Der ist hier bei jedem Heimspiel zu sehen – natürlich nicht. Aber von solchen Herren gibt es eben immer noch so viele. Nie hier, aber über den HSV reden. Aber auch solche muss es geben. Wahrscheinlich. Hartwig ist da nicht allein.

Schnell noch zu etwas Wichtigerem: Petr Jiracek ist verletzt, hat heute auch nicht trainiert. Weil er vor zwei Tagen im Training einen Schlag auf den Knöchel bekommen hatte. Labbadia: „Es war eigentlich zuerst gar nicht so schlimm, aber jetzt ist es plötzlich dick geworden, er hat Schmerzen. Er hat gestern noch auf die Zähne gebissen, aber heute ging es nicht mehr, jetzt müssen wir abwarten, bis die Schwellung zurückgeht, um zu sehen, wie schwer die Verletzung ist.“

Und nun zu Scholles Teil:

Der Karlsruher SC ist es also geworden. Wobei, bevor ich über den KSC schreibe, an dieser Stelle meinen allerherzlichsten Glückwunsch an unseren Stadtrivalen FC St. Pauli, der sich trotz der 0:1-Niederlage in Darmstadt die Klasse rettete! Chapeau, FC St. Pauli, Herzlichen Glückwunsch zur Rettung, Ewald Lienen! Wir nehmen das mal als gutes Omen für den Hamburger Existenzkampf im Fußball…

Und wenn wir schon anderen gratulieren, dann natürlich dem SV Darmstadt 98. Nachdem sich Darmstadt 98 sensationell wie ich finde, den Aufstieg in die Erste Liga verdient hat, mussten sich die heute extrem souverän auftretenden Badener mit der Relegation gegen den HSV zufrieden geben. Und ich sage es vorweg: Der Anspruch des HSV muss der Klassenerhalt bleiben. In der Relegation ist man zweifellos auch gegen den KSC haushoher Favorit. Dennoch muss ich unseren Matz-ab-Live-Gästen Jan-Christian Müller und Stefan Böger Recht geben, ich hätte angesichts der heutigen Leistung tatsächlich am liebsten den FCK genommen, der ohne den nicht einmal für den Kader nominierten Kerem Demirbay („Ich weiß nicht, warum ich gar nicht dabei war“) gegen den 80%-Ingolstädter Zweitligameister trotz der Führung letztlich enttäuschte. Dieser KSC hingegen war 1860 München die gesamten 90 Minuten überlegen und spielte das so wichtige Spiel erstaunlich gelassen und unaufgeregt runter. In dieser Verfassung, da verrate ich kein Geheimnis, ist der KSC ein ganz harter Brocken.
Ein Brocken mit Selbstvertrauen. „Irgendwann ist Hamburg dran. Warum nicht dieses Jahr…“ – das sagte KSC-Keeper Orlishausen und weiß, wovon er spricht. Immerhin schlug er den HSV vor drei Jahren als Nummer eins mit dem KSC im DFB-Pokal als damaliger Drittligist 4:2, nachdem die Hamburger durch Marcus Berg und Maxi Beister sogar zweimal in Führung gegangen waren. Ich war damals live vor Ort und saß bei gefühlten 100 Grad Celsius neben einem KSC-Reporter, der damals vom mitspielenden Hakan Calhanoglu schwärmte und parallel nicht aufhören konnte, über einen zu schimpfen: Rouwen Hennings. Der war damals erst beim HSV dann beim FC St. Pauli gescheitert, ehe er beim landete und sich dort inzwischen zum Führungsspieler gemausert hat. Dass er jetzt gegen seinen Jugendclub antreten muss – es stört ihn nicht. „Egal gegen wen, die Relegation ist eine Riesenchance und wir wollen unsere tolle Saison krönen“, so Hennings.

Und tatsächlich ist die Chance für diesen KSC groß. Nach Meister Ingolstadt hat man das beste Torverhältnis und nicht allein ob des Topwertes von nur 26 gefangenen Gegentreffern auch die beste Abwehr. Mit gewissen Parallelen zum HSV sogar, denn auch die beiden KSC-Innenverteidiger Gordon und Gulde schädeln nahezu jeden hohen Ball raus und spielen eher rustikal denn filigran. Für den HSV, der zuletzt vermehrt auf Standards setzen konnte, dürfte es mit derselben Taktik beim KSC schwer werden.

Fakt ist jedenfalls, dass der HSV auf eine tief stehende, gut verteidigende und bei Kontern gefährliche Zweitligamannschaft trifft. Nicht unbedingt das Profil, das diesem HSV liegt. Allein über die rechte Verteidigerseite geht nach vorn immer wieder mal die Post ab. Während Max auf links zumindest heute verhältnismäßig ruhig spielte, sorgte Rechtsverteidiger Enrico Valentini vor allem im Duett mit dem quirligen Torschützen Manuel Torres immer wieder für Gefahr vor dem gegnerischen Tor. Wobei ich glaube, dass das schnelle, dribbelstarke und kurze Leichtgewicht Torres (1,75 Meter) gut zu unserem nicht minder schnellen Linksverteidiger Matthias Ostrzolek (1,78 Meter) passen dürfte.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Restsonntag und einen hoffentlich schönen, sonnigen Pfingstmontag. An diesem findet allerdings kein Training statt, die Mannschaft startet dafür um 16.30 Uhr ins Trainingslager nach Malente. Aber: bevor ich mich hier verabschiede, erlaubt mir (Scholle) bitte noch ein Wort zu Hartwigs Aussagen:

Dass der eigenwillige Offenbacher gern mal einen raushaut, ist bekannt und mir grundsätzlich auch nicht unsympathisch. Er war immer so und ist es noch immer. Aber jetzt als Ex-HSVer dem Verein mehr oder weniger deutlich den Abstieg zu wünschen, das finde ich daneben. Auch Hartwig weiß um die finanzielle Situation beim HSV und kann sich ausmalen, wie schwer ein Abstieg wiegen würde. Und egal wie berechtigt sich die 83er-Helden als Helfer beim „neuen HSV“ auch übergangen fühlen, in einer solch gefährlichen Situation wie aktuell sollte man mehr Zusammenhalt erwarten können. Alles, was er heute gesagt hat, hätte auch noch diese acht Tage bis zum Klassenerhalt Zeit gehabt.

Bis dahin,
Dieter und Scholle

P.S.: Was ich (Dieter) wieder einmal vergessen habe (Asche auf mein Haupt!) – in der Hektik: „Matz ab live“ von gestern ist natürlich wieder eine Sendung, die vom Abendblatt-TV hergestellt wurde, die beiden Regisseure waren Volker Sarbach und Axel Leonhard. Unterstützt werden wir alle von unserem Premium-Partner Maske, die Auto-Langzeitvermietung.
Und dann möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei unseren Gästen Jan-Christian Müller (Frankfurter Rundschau) und Stefan Böger (ehemaliger HSV-Profi und DDR-Nationalspieler) bedanken, die wieder einmal ganz hervorragende Analytiker waren. Gerne immer wieder, denn so macht es riesigen Spaß – nicht nur, wenn der HSV gewinnt. Aber natürlich auch, ganz klar.

Jarolim: “Der Trainer muss gewechselt werden” – kommt Magath?

14. April 2015

Was kann jetzt noch helfen? Oder besser: Wer kann jetzt noch helfen? Auf jeden Fall hat einer bereits ein Zeichen gesetzt und geholfen, wenn auch nicht auf dem Platz: der 55-jährige Helmut Bohnhorst. Der Agrarunternehmer aus Niedersachsen hatte seine Verträge bereits im März unterzeichnet, die ihn einen Betrag von vier Millionen Euro in den HSV investieren lassen. Der Neuaktionär der Fußball-AG im Interview gegenüber “www.hsv.de”: „Natürlich leide ich mit meinem Verein. Aber darum wende ich mich ja nicht automatisch ab. Ich sehe den HSV noch immer im Umbruch. Die sportlichen Tiefschläge sind mitunter schmerzhaft, ja, und die Bundesliga ist stark und gnadenlos. Trotzdem glaube ich fest an die handelnden Personen. Wir brauchen beim HSV inhaltlich starke Aufbauarbeit mit guten Konzepten und Strategien. Ich sehe da mit den handelnden Vorständen die richtigen Personen am Werk. Dass ich genau jetzt meinen Anteilskauf veröffentliche, ist ja auch kein Zufall. Ich möchte ein Zeichen setzen, dass es weiter geht für unseren HSV; dass die Verantwortlichen, die Mannschaft, die Mitarbeiter und alle Fans zusammenstehen müssen.“

Stark. Ganz stark, Herr Bohnhorst!

Nichts anderes fällt mir dazu ein. Vier Millionen Euro für 1,6 Prozent am HSV – der Verein versucht sich weiterhin finanziell neu aufzustellen. In den nächsten Tagen sollen weitere Vertragsabschlüsse mit Sponsoren und Kooperationspartnern bekanntgegeben werden – trotz der sportlichen Talfahrt. Und diese guten Nachrichten in schlechten Tagen kommen kein bisschen zu früh, denn die Liga begibt sich schon in Reichweite, um die besten Talente abzuwerben. Unter anderem ist Borussia Mönchengladbach ernsthaft an einer Verpflichtung von Jonathan Tah interessiert, der noch bis Saisonende an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen ist. Tah selbst hingegen fiebert seiner Rückkehr zum HSV entgegen, wie er im Interview mit HSVTotal beteuert.

Für Gespräche mit Peter Knäbel, dem Direktor Profifußball (früher Sportchef), dürfte selbst für diese Personalie nur wenig Zeit bleiben. Der Interimstrainer hat genug damit zu tun, seine Mannschaft zu sortieren. Ginge es nach mir, würde Knäbel hier ein Zeichen setzen müssen, wenn der HSV selbst schon nicht bereit ist, auf dem Trainerposten noch einmal eine Veränderung vorzunehmen. Auch Ex-HSV-Profi Stefan Schnoor schlägt (siehe Video) in diese Kerbe: „Es muss etwas passieren – sowohl innerhalb der Mannschaft als auch auf dem Trainerposten. Wenn der HSV nicht noch einen drastischen Impuls setzen kann, wird es ganz eng. Schlimmer noch: So steigt man ab.“

Der einstige Bundesligakapitän plädiert für eine Suspendierung der Streit-„Brüder“ Johan Djourou und Valon Behrami. „Derartiges Verhalten kann keine Mannschaft im Abstiegskampf gebrauchen. Auf dem Trainingsplatz darf es gern mal krachen – aber nicht in der Halbzeit. Ich hätte beide sofort rausgenommen. Sowas geht nicht. Schon gar nicht von so genannten Führungsspielern. Wenn man hier nicht sanktioniert, läuft es schnell aus dem Ruder.“ Knäbel indes begnadigte beide.

Von einer Schweiz-Connection war die Rede, als sich Knäbel, damals noch als Direktor Profifußball unterwegs, insbesondere auf dem Schweizer Markt um Zugänge bemühte. Innerhalb der Mannschaft gilt der Schweizer Behrami als „von denen da oben“ besonders geschützt. Behrami könne sich sanktionslos Mitarbeitern wie Mannschaftskollegen und Spielern der U23 gegenüber respektlos verhalten. Dass Cléber für einen zweifellosen üblen sportlichen Fehler von Knäbel öffentlich angegriffen wurde, während die beiden Prügel-Brüder ungestraft davonkommen – es mutet zumindest seltsam an.

Auf jeden Fall kommt diese Ungleichbehandlung bei Teilen der Mannschaft alles andere als gut an. Knäbel, der eigentlich keine Probleme mit unpopulären Entscheidungen haben soll und als geradlinig gilt, wirkt auf die Mannschaft inkonsequent. Und Behrami gilt immer mehr als Sonderling. Der Mann mit dem unbändigen Willen und den kaputten Knien isoliert sich zusehends. Apropos: Auch heute trainierte Behrami nicht mit der Mannschaft. Vormittags abgesprochen, sollte er nachmittags auf den Platz, blieb aber in der Kabine und absolvierte stattdessen Individualtraining.

Einer, der dafür wieder dabei ist und helfen will ist Marcell Jansen. Der Linksfuß ist nach ausgestandener Zerrung wieder einsetzbar. „Ich habe einige gute Trainingseinheiten hinter mir und kann spielen“, so der Ex-Nationalspieler. Noch nicht wieder dabei sein wird Dennis Diekmeier. „Ich hatte darauf gehofft, aber es sieht nicht so aus. Der Sonntag käme wahrscheinlich noch zu früh“, so Diekmeier. Für ihn wird voraussichtlich erneut Heiko Westermann die rechte Seite bearbeiten. Und das ist gut. Denn so rückt Slobodan Rajkovic aller Voraussicht nach wieder in die Startelf. Zumindest trainierten die beiden heute bei den Flankenübungen als ein Verteidigerduo.

Rajkovic gilt als ebenso limitierter Fußballer wie großartiger Zweikämpfer und Mannschaftsspieler und ist für mich zumindest ein erster neuer Ansatz, ein klitzekleines Fünkchen neue Hoffnung, von der bei Weltmeister Franz Beckenbauer nichts mehr übrig ist. Sagt er selbst: „Ich sehe keinen Punkt, der Hoffnung macht“, so der Ex-HSV-Profi und bekennender HSV-Freund. „Wenn ich mir den HSV jetzt anschaue, dann sehe ich überhaupt keine Anhaltspunkte, wie diese Mannschaft in der Liga bleiben kann.“ Noch etwas deutlicher wird der wahrscheinlich loyalste HSV-Spieler der letzten 15 Jahre: David Jarolim. Der Tscheche, der bei Bedarf auch Klartext spricht, dabei aber nie irgendeinen Spieler oder Verantwortlichen persönlich angreift, wird deutlich: „Ich bin der Letzte, der öffentlich was sagen will. Aber das, was gerade passiert, ist unverantwortlich“, so Jarolim, der mit Mlada Boleslav nach einem 5:3-Heimsieg heute gerade ins tschechische Pokalhalbfinale eingezogen ist. Richtig freuen wollte er sich dennoch nicht. „Ich habe immer wieder Kontakt zu Spielern, und ich bin traurig. Es stimmt so vieles scheinbar nicht. In der Kabine ist es offenbar schwer, drumherum ist viel passiert. Aber da jetzt alles so zu lassen, wie es gerade ist, wäre falsch. Dann steigst du ab. Der HSV muss jetzt noch mal was ändern. Noch vor dem Derby am Sonntag in Bremen am besten.“

Jarolim schließt sich dem Gros der deutschen Fußballexperten an. Auch der jüngst vom HSV verabschiedete Ex-Kapitän plädiert für einen erneuten Trainerwechsel. „Das ist keine leichte Entscheidung, so eine Entscheidung zurückzunehmen oder zu korrigieren. Aber es ist in meinen Augen die einzig richtige und vor allem die deutlich mutigere Entscheidung, als einfach wegzusehen, so weiterzumachen und zu hoffen, dass es irgendwie doch noch klappt. Jarolim: „Mit einem neuen Coach könnte noch mal ein entscheidender Ruck durch die Mannschaft gehen.“ Ähnliche Worte, wie von Schnoor, Hitzfeld, Beckenbauer und Co.

Und Worte, die bei Beiersdorfer ankommen. Noch ignoriert er sie offiziell nach außen, aber intern macht sich der Vorstandsboss zweifellos seine Gedanken. In einem Gespräch mit Sponsoren holte sich Beiersdorfer jetzt deren Meinungen ein. Trainer wechseln oder nicht? Die Mehrheit der kleinen Runde plädierte für einen erneuten Wechsel – und hatte auch gleich einen passenden Kandidaten parat: Felix Magath. Beiersdorfer registrierte das Votum – reagierte aber nicht. Zumindest nicht selbst. Statt seiner rief einer der Sponsoren bei Magath an und erkundigte sich nach dessen Bereitschaft. Mit einem positiven Feedback. So soll Magath angeboten haben, bis Saisonende umsonst zu kommen, wenn er im Erfolgsfall einen Anschlussvertrag erhält. Warum nicht Beiersdorfer selbst anrief? Ganz einfach – und in der angespannten Situation auch richtig: Um Knäbel nicht zusätzlich zu schwächen. Denn so bleibt immer die Möglichkeit, ohne zu lügen sagen zu können, dass es nicht der HSV war, der Magath kontaktiert hat. Und dennoch weiß man, ob Magath dabei wäre oder nicht…

Beiersdorfer selbst wollte diesen Vorgang nicht bestätigen. Logischerweise nicht. Mir allerdings macht dieser Vorgang Hoffnung. Nach Rajkovic ist es schon ein zweiter, kleiner Funken Hoffnung, dass dieser HSV in den letzten sechs Spielen das repariert, was er in den letzten Monaten – nein: Jahren zu zerstören droht. Ich schließe mich letztlich den Worten von Jarolim an, dem ich damit auch den Schlusssatz für heute überlassen möchte. Jarolim: „Dieser HSV gehört in die Erste Liga. Alles andere ist eine Katastrophe. Wenn sich das alle klarmachen, werden sie noch richtig entscheiden. Auch wenn es weh tut…“

Hoffentlich.

Bis morgen,
Scholle

Olic: “Wie eine Blockade im Kopf”

8. April 2015

Bevor Ihr Euch den Blog durchlest, hört Euch bitte an, was Ivica Olic in dem Interview sagt. Und wie er das macht. Der Kroate, den Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer einst als „unkaputtbar“ betitelte, ist erstaunlich angeschlagen. Ordentlich sogar. Er habe nicht damit gerechnet, dass der HSV so sehr am Boden sei, als er nach Hamburg zurückwechselte. Dass er immer wieder auch nachschiebt, dennoch optimistisch zu bleiben und alles geben zu wollen – logisch. Alles andere wäre nicht mehr er, nicht mehr der unkaputtbare Ivica Olic. Aber ich kenne den Linksfuß nun schon seit vielen Jahren und habe ihn – wie alle wahrscheinlich – als nimmermüdes Stehaufmännchen erlebt, das sich von nichts und niemandem unterkriegen lässt.

Wenn einer Optimismus verbreitet, dann er. Umso erstaunter war ich, wie desillusioniert er heute wirkte. Nach dem Videointerview saß Ivica noch bei uns in der Runde. Und er sprach viel von verlorenem Selbstvertrauen, fehlendem Spaß und schwachem Spiel. Und mir fiel auf, wie sehr er unter der massiven Defensivtaktik Joe Zinnbauers gelitten haben muss. Nicht unter Zinnbauer selbst wohlgemerkt. Allein darunter, wie der HSV spielen musste. Zinnbauer hatte das Hauptaugenmerk auf die eigene Defensive gelegt und darunter litt der eh schon schwache Offensivdrang zusätzlich. „Wenn wir so nicht absteigen, würde ich auch wie ein Innenverteidiger spielen“, sagt Olic, „aber grundsätzlich ist es mir lieber, wir verlieren mal 3:4 und können wenigstens sagen, dass wir Chancen hatten und vielleicht einfach zu wenige genutzt haben. Hier aber war es aber so, dass ich als Stürmer drei Wochen lang nach Hause kam, meinem traurigen Sohn erklärte, weshalb wir wieder verloren hatten und dabei selbst feststellen musste, dass ich drei Spiele in Folge nicht mal einen Torschuss hatte. Das war unfassbar. Vor allem, nachdem sich das im vierten Spiel nicht änderte…“

 

Olic, das ist deutlich zu spüren, will unbedingt mehr Offensivdrang vorgegeben haben. Vom Trainer. „Der Trainer lässt es uns im Training üben und Peter Hermann fordert uns immer wieder auf, mutiger zu sein. Aber das eine ist das Üben – das andere die Leistung auf dem Platz. Und bei uns ist das, als hätten wir eine Blockade im Kopf. Das wirkt so, als wollte nicht jeder jeden Ball haben, als wäre Angst im Spiel. Dabei müssen wir auch jetzt Spaß haben. Wir müssen den Mut haben, einen Hackentrick zu probieren, wenn wir glauben, dass er hilfreich ist. Wir müssen ins Eins-gegen-Eins gehen und auch wenn wir den Zweikampf verlieren, nicht aufhören. Wenn wir Mut beweisen, können wir die Saison noch retten.“

Der neue starke Mann neben dem momentan vielleichst geschwächtesten:Peter Hermann (r.) nimmt den zuletzt nicht einmal für den Kader  berücksichtigten Artjoms Rudnevs in den Arm

Der neue starke Mann neben dem momentan vielleichst geschwächtesten:Peter Hermann (r.) nimmt den zuletzt nicht einmal für den Kader berücksichtigten Artjoms Rudnevs in den Arm

Worte, die gut klingen – aber das hatten wir hier jahrelang ohne gewünschte Wirkung. Gespannt bin ich, ob Knäbel und Hermann am Wochenende tatsächlich den langsam wieder in Form gekommenen Pierre Michel Lasogga von Beginn an aufbieten. Olic würde bei nominell einer klaren Spitze dafür auch freiwillig auf die Außenbahn ausweichen. „Das spiele ich in der Nationalmannschaft fast immer, das kenne ich. Und ich habe immer gesagt, dass ich mich mit einem klaren Strafraumspieler um mich herum sehr wohl fühle. Wenn Pierre jetzt wieder in der Lage ist, 90 Minuten zu spielen, würde ich mich sehr freuen, mit ihm zusammen zu beginnen.“ So, wie heute in der zweiten Hälfte des Abschlussspiels.

 

Klar scheint indes, dass Marcelo Diaz nach auskurierter Verletzung neben Valon Behrami beginnen wird. Der Chilene soll dem lahmenden Aufbauspiel etwas mehr Kultur verleihen, als es zuletzt Petr Jiracek neben dem Vollzeitzerstörer Behrami (nicht) schaffte. „Wenn ich kämpfen muss, mache ich auch das“, sagt Diaz, „aber grundsätzlich möchte ich helfen, das Spiel zu gestalten, kreativ zu sein und vielleicht die Pässe spielen, die uns zuletzt häufiger fehlten.“

Ein „Hoffnungsträger“ sei er, hatte Peter Knäbel nach dem 0:4 über Diaz gesagt. Und Diaz hört das zwar gern, muss gar ein wenig verlegen lächeln, als er davon erfährt. Aber er stellt klar: „Ich sehe mich nicht als Hoffnungsträger. Ich bin kein Messi und auch kein Ronaldo, die Spiele allein komplett verändern. Ich bin ein Mannschaftsspieler und vertraue meiner Mannschaft – und meine Mannschaft mir.“ Dass er im Zentrum neben dem Ballverteilen auch dirigieren soll, stört ihn nicht. Auf englisch, italienisch „und Fußballersprache“ erledige er das zusammen mit Behrami, der laut Diaz noch das Zepter in der Hand hält. „Er ist der Chef und ich arrangiere mich super mit ihm. Wir machen das zusammen“, so Diaz, dessen größte Hoffnung auf den Klassenrehalt wo liegt? Bei Gott.

Oha, möchte man meinen, denn der liebe Gott hatte schon in der vergangenen Saison alles Glück für den HSV aufgebraucht. Und ein so richtig gutes Gefühl habe ich bei diesem Hoffnungsträger allein nicht. Diaz schon. „Ich bin ein sehr gläubiger Mensch und werde meinen Glauben nie verlieren. Gott wird uns helfen.“ Allerdings muss sich die Mannschaft zweifellos zuallererst selbst helfen. Als Hilfe gekommen, musste Diaz zuletzt schnell erkennen, dass diese Mannschaft schlechter dran ist, als er es vorher gedacht hatte. „Ich hatte tatsächlich nie geglaubt, dass es so schwer wird. Auf keinen Fall. Aber ich bin ein positiver Mensch und glaube daran, dass wir es schaffen.“

 

Und das am Sonnabend gegen niemand geringeren als gegen das vielleicht formstärkste deutsche Team (neben dem FC Bayern) derzeit. „Wolfsburg ist die einzige Mannschaft, die Bayern schlagen kann“, sagt Olic, der dem VW-Klub für die nächsten Jahre eine dauerhafte Champions-League-Teilnahme prophezeit. „Die werden das nie öffentlich sagen, dass sie Bayern jagen. Aber wenn sie demnächst wieder mal nicht ausnahmsweise einen, sondern gleich mehrere 20-Millionen-Transfers machen, wächst der Druck und die Erwartungshaltung von ganz allein. Das ist schon ein richtig gutes Team mit einer ganz großen perspektive“, so Olic über jenen Verein, von dem er im Winter zum abstiegsbedrohten HSV wechselte. Frau und Kinder wohnen zwar noch in Wolfsburg, sollen aber zeitnah nach Hamburg ziehen. „Viele fragen mich, warum ich das gemacht habe“, so Olic, „aber ich sehe da kein Problem. Ich hätte auch beim FC Bayern bleiben können und es mir leicht machen. Aber ich will spielen, kämpfen und Spaß haben. So, wie es die Wolfsburger haben. Halt irgendwie so, wie man es bei uns momentan leider nicht erkennt. Außer im Training…“

Hat das Training in der Hand - und die Mannschaft hinter sich: Cotrainer Peter Hermann.

Hat das Training in der Hand – und die Mannschaft hinter sich: Cotrainer Peter Hermann.

Und das stimmt. Je mehr man vom Training sieht und je mehr man mit den Spielern spricht, desto dringlicher weckt es in mir den Wunsch, dass der HSV endlich Peter Hermann in den Vordergrund rückt, ihn machen lässt. So, wie es Olaf Kortmann in der „Matz ab live“-Sendung nach der Bayer-Pleite so treffend forderte. Hermann als den Mann für die Fußballarbeit und Knäbel als Strategen und Entscheider dabei. Als Team mit klaren Qualitäten und Aufgabenteilung. „Peter ist überragend“, platze es heute aus Ivica Olic heraus, als er auf Hermann angesprochen wurde. „Peter Knäbel hat vielleicht nicht so viel Erfahrung als Trainer, aber das macht nichts, wenn er Peter Hermann dabei hat. Ich habe zwei Jahre unter ihm beim FC Bayern gespielt und schon da hat er überragend trainiert. Genau so macht er es jetzt hier“, so der Angreifer, der lächelnd einschränkt: „Das alles natürlich mit anderen Spielern.“ Aber eben mit einem sehr ähnlichen Effekt: „Wenn einer uns Spielern wieder den Spaß am Fußball vermitteln kann, dann er. Peter hat schon die Besten trainiert und die waren begeistert. Weil er alles weiß.“ Peter Hermann wohlgemerkt…

 

Passend dazu stimmte heute ein Felix Magath noch mit ein. Als Schirmherr der traditionsreichen Schach-Veranstaltung „linkes gegen rechtes Alsterufer“ wurde er heute auch zum HSV befragt. Und er antwortete deutlich: „Das Umfeld des HSV war wohl zu sorglos“, meint Magath. Man habe geglaubt, dass alles nach der Ausgliederung besser werden wird. Und auch in der Trainersache sei man leichtsinnig geworden: „Als Vertreter des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer beschäftigt mich die Tatsache, dass man den Eindruck vermittelt, als wäre der Trainerposten relativ beliebig. Als könnte jeder, der gerade Lust hat, der mal Fußball gespielt hat oder fußballinteressiert ist, eine Bundesliga-Mannschaft trainieren.“ Und zieht man jetzt noch den Frust ab, der bei Magath seit der Posse um seine Verpflichtung vor ziemlich genau einem Jahr entstanden war, bleibt dennoch noch viel berechtigte Kritik übrig. Ein Grund mehr, Hermann auch öffentlich mehr in die Verantwortung zu heben. Auch wenn klar ist, dass er nach Saisonende geht.

 

Früher vom Platz gegangen ist heute Dennis Diekmeier, der mit Oberschenkelproblemen das Training früher abbrechen musste. Der Rechtsverteidiger wird mit einem Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel zwei Wochen ausfallen. Ob dafür Heiko Westermann wie im Trainingsspiel auf rechts rückt und Rajkovic oder Cléber neben Djourou in die Innenverteidigung rücken ist noch offen. Knäbel und Hermann übten heute mit verschiedenen Varianten, setzten zudem vorn auf zunächst eine Spitze und anschließend auf Olic über links mit Lasogga vorn im Sturmzentrum.

 

Es bleibt spannend. Und ich melde mich morgen nach dem Nachmittagstraining (15 Uhr) wieder bei Euch. Mal sehen, wie das Duo Hermann/Knäbel da üben lässt.

 

Bis dahin,

Scholle

Von Wiedergutmachung ist nichts zu sehen

9. August 2014

Der HSV ist wieder da – wo er am Ende der vergangenen Saison stand. Es tut mir leid, wenn ich am Freitag mit einem Artikel im Hamburger Abendblatt so etwas wie Euphorie und Vorfreude hatte aufkommen lassen, dass ich Hoffnung auf bessere Zeiten gemacht habe. Ich entschuldige mich dafür und nehme fast alles zurück. Dieser HSV ist weiterhin ein Pflegefall, das war mehr als deutlich beim 0:2 gegen Lazio Rom zu erkennen. Und meine Erkenntnis nach diesem grausamen Kick ist die, dass der Herr Kühne nun eigentlich noch einmal seine Schatulle ganz weit öffnen müsste, um diesem kranken Patienten doch einmal finanziell richtig unter die Arme zu greifen. Mit ein paar neuen Jungs ist es offenbar nicht getan, hier muss viel, viel mehr passieren – es sind noch immer zu viele Spieler da, die den HSV in den letzten Monaten nach unten geführt haben. Meine Befürchtung ist die, dass die Neuen schon bald auch das Niveau der Jungs angenommen haben, die hier im Volkspark den Pille-Palle-Fußball eingeführt haben.

 

Nein, meine Herren vom HSV, so wird das nichts, so tritt der Club weiterhin nur auf der Stelle – und vor dem Pokalspiel in Cottbus am Montag in einer Woche muss sich jeder HSV-Fan fürchten. Tritt diese „neue“ Truppe auch an der Grenze zu Polen so blutleer auf, dann versiegt die Pokal-Einnahme-Quelle schon nach der ersten Runde. Diese Angst muss man ganz einfach haben.

 

Ich jedenfalls bin immer noch völlig entsetzt und desillusioniert, nach dieser peinlichen Nummer auf der Lübecker Lohmühle.

 

Immerhin, und das ist schon ein gewaltiger Fortschritt gegenüber der vergangenen Grotten-Saison: Trainer Mirko Slomka redete diesen Kick nicht noch schön. Er sagt vielmehr: „Ich bin schon ein wenig enttäuscht.“ Und: „Wir sind bei diesem Spiel an unsere Grenzen geraten.“ Oha. Es stimmt natürlich, aber es stimmt mich in erster Linie auch bedenklich. Lazio Rom ist Tabellenneunter in Italien geworden, die Experten waren sich in der jüngeren Vergangenheit einig darüber, dass die italienische Liga etwas an Stärke eingebüßt hat – und Lazio steckt noch mitten in der Vorbereitung, denn die Saison in Italien beginnt erst am 31. August. Und trotzdem waren die Römer schon so gut im Saft, dass sie diesen ideenlosen HSV nach Belieben und scheinbar mühelos beherrschten. Deswegen war ich nicht nur „ein wenig enttäuscht“, sondern recht, recht kräftig.

 

Im Lazio-Team wurde miteinander Fußball gespielt, da griff meistens ein Rädchen in das nächste; beim HSV stimmte es dagegen hinten und vorne (noch?) nicht. Keine Raumaufteilung, kein Blick für die Situation und den Nebenmann, keine Spur von aggressivem Spiel, es fehlte die Freude am Spiel, da wurde der Ball abgespielt und sich schnellstens aus dem Staub gemacht. Motto: „Hier Kamerad, nimm du die Pille, ich hole Verstärkung.“ Und man kann ja nun wirklich nicht mit der Ausrede kommen, dass sich da eine neue HSV-Mannschaft erst einmal einspielen und finden muss. Da waren von Beginn an (in Halbzeit eins) zwei Neulinge an Bord, Zoltan Stieber und Valon Behrami. Letzterer wurde dann auch gleich zum besten Hamburger, obwohl auch bei ihm längst noch nicht alles klappte. Er ging aber in Sachen Einsatz und Kampfgeist mit bestem Beispiel voran. Was man von einigen seiner Kollegen nicht behaupten konnte, die spielten eher mit über die „Buffer“ gezogenen Glace-Handschuhen: „Tu du mir nichts, dann tue ich dir auch nichts.“ Da bekomme ich automatisch Schweißperlen auf die Stirn, wenn ich nur daran denke . . .

 

Aufbruchsstimmung? Von wegen. Die gab es eventuell mal zwischen dem 6. und dem 7. August. Sorry!

 

Mein Gott, es steht eine neue Saison bevor. Da muss man doch brennen, da will man in die Mannschaft, da muss man auch den Willen haben, deutlich besser zu kicken als zuletzt, da ist doch Wiedergutmachung (wie es Rafael van der Vaart schon für sich sagte) die erste Tagesordnung, da müsste es doch eigentlich Spaß bringen, wenn man von den Fans – trotz allem – weiterhin so super durch den Tag getragen und unterstützt wird. Aber in Hamburg ticken die Uhren irgendwie doch anders. Da wird weiter Stiefel X heruntergespielt, das muss dann mal langen. Keine Begeisterung, keine Lust, kein Spaß, keine Freude. Motto: „Wir spulen unser Ding so ab, eben wie immer.“

 

Ich kann nur hoffen, dass das intern von den Verantwortlichen offen, ehrlich und schonungslos angesprochen wird, und zwar so rechtzeitig, bevor alles schon wieder in Schutt und Asche liegt und man dann von Beginn an wieder nur hinterher läuft. Ich kann es nur hoffen, dass diese Dinge angesprochen werden, sonst . . . Aber, und davon nehme ich dann nichts zurück, es gibt in diesem neuen Umfeld ja einige Experten (und ich meine das ernst), die sich nichts vormachen lassen, die hier angetreten sind, um diesem schlafenden Riesen wieder einmal Leben einzuhauchen, um diesen verwöhnten HSV-Profis endlich einmal wieder Beine zu machen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um den Jungs eine neue Linie vorzugeben, gerade jetzt ist es noch möglich. Bloß nicht jetzt schon wieder alle und jeden in Watte legen, wohin das führt, haben wir vor einigen Monaten erlebt.

Nein, ich bin immer noch total fassungslos, wie schlimm sich dieser HSV in Lübeck präsentiert hat. Und immer noch geht mir der eine HSV-Fan durch den Kopf, der mir nach dem Schlusspfiff im Vorbeigehen sagte: „Das war ernüchternd . . .“ Ja, und das war es nicht nur, das ist es immer noch. Und trotz der harten Vorbereitungsphase, die der HSV bislang absolviert hat (für mich eigentlich nur im letzten Trainingslager): Ich würde diese Mannschaft auch morgen, am heiligen Sonntag, zum Üben in den Volkspark bitten. Dieser HSV, zuletzt bekanntlich nur der Tabellensechzehnte der Bundesliga, hat jede Minute zu nutzen, um besser zu werden, um endlich wieder einmal besser zu werden, damit die Vorstellungen des HSV dann doch mal wieder nach Fußball aussehen.

 

Etwas um die 70 Fans waren heute, an diesem zunächst verregneten Sonnabend, an das Stadion gepilgert, um ihre „Lieblinge“ hautnah zu erleben. Sie sahen einen Lauf durch den Volkspark (30 Minuten), an dem nahmen (nur) neun Spieler teil – und vorne weg lief Mirko Slomka. Nichts gegen den Trainer, aber er ist ein paar Tage älter als seine Burschen, lief aber als Erster „durchs Ziel“. Ein gutes Zeichen? Ganz gewiss für Slomka, er macht auf mich einen fitten Eindruck – Glückwunsch. Um dort gleich einzuhaken: Fit sind die HSV-Profis auch, keine Frage, nur mit dem Fußballspielen hapert es noch gewaltig. Und das kann, könnte und sollte man üben. Jede Ballberührung macht den Spieler besser – jede.

 

Bei der Gelegenheit: Gojko Kacar wird in den nächsten Wochen kaum Gelegenheit haben, mit einem Ball zu spielen. Er zog sich gegen Lazio einen Innenband- und Kapsel-Anriss zu, als er Mitte der zweiten Halbzeit zu halbherzig in einen Pressschlag ging. Der Römer zog im Gegensatz zu Kacar voll durch, das rechte Bein des HSV-Profis wurde nach hinten geschleudert – und dann lag der Innenverteidiger verletzt am Boden. Er spielte aber nach kurzer Behandlungspause bis zum Schlusspfiff tapfer durch. „Vier bis sechs Wochen Pause – leider. Es ist so, das hat die Untersuchung ergeben – aber es muss ja weitergehen“, sagt ein total geknickter Gojko Kacar, der erst in dieser Vorbereitungszeit wieder Anschluss an das Team gefunden hatte. Wobei, da muss ich trotz meines Mitgefühls schon fair sein, auch ganz klar gesagt werden muss, dass Kacar gegen Lazio nur eine sehr schwache Vorstellung geboten hatte.

Ob jetzt noch etwas in Sachen neuer Innenverteidiger passiert? Oder erhält doch Heiko Westermann eine erneute Chance der Bewährung? Abwarten.

 

HSV-Chef Dietmar Beiersdorfer zur Lage: „Wir haben auf dieser Position ja ohnehin immer den Markt sondiert. Da lassen wir uns jetzt auch nicht unter Druck setzen. Wir gucken, und wenn etwas Sinn macht, dann machen wir es, und wenn es keinen Sinn macht, dann machen wir nichts.“ Zur Niederlage in Lübeck befand Beiersdorfer: „Das war ein Vorbereitungsspiel, wichtig ist, dass wir die Mannschaft so auf den Punkt vorbereiten, wenn es um die Pflichtspiele geht. Man hat natürlich auch gesehen, dass den Spielern die Vorbereitung ein bisschen in den Köpfen und in den Knochen steckte, aber das haben wir vorher gewusst.“

 

Mit Verlaub, auch Lazio Rom steckt derzeit in der Vorbereitung, diese Mannschaft aber trumpfte an der Lohmühle so auf, als könne sie morgen bereits um Punkte spielen . . .

 

Zu den HSV-Personalien zurück. Aufwärts scheint es mit Zugang Nicolai Müller zu gehen, der heute mit Reha-Coach Markus Günther eine Stunde durch den Volkspark lief. „Am Montag bin ich dabei“, sagte Müller (litt an Adduktorenschmerzen) danach, soll heißen, dass er dann mit der Mannschaft trainieren wird. Als einziger Spieler auf dem Rasen war an diesem Tag Jonathan Tah, der Innenverteidiger soll ebenfalls am Montag ins Mannschaftstraining einsteigen – an diesem Montag.

 

Ungewiss ist dagegen die Zukunft von Pierre-Michel Lasogga. Die Knöchelverletzung lässt weiterhin kein Training mit den Kollegen zu. Dabei hieß es doch vor Beginn des Trainingslagers in Österreich, dass diese Verletzung „nichts Großes“ ist, und „dass erwartet wird, dass Lasogga schon am ersten Tag im Burgenland wieder ins Mannschaftstraining einsteigen“ würde. Denkste. Und wie dringend der Stürmer benötigt wird, das war ganz deutlich, mehr als deutlich, am Freitag in Lübeck zu sehen. Da vorne passiert ohne ihn ja nichts. Bitter, aber es ist (eine bekannte) Tatsache. Jacques Zoua kann es nicht, Artjoms Rudnevs ist zwar blonder, aber nicht besser in Hannover geworden. Er bewegt sich durchaus gut und auch viel, aber sein Spiel mit dem Ball ist teilweise erschreckend. Als der Lette beim Stande von 0:1 (78.) sieben Meter vor dem Lazio-Tor zum Kopfball ansetzte, flog ihm der Ball auf den Oberschenkel. Total verschätzt, leider. Chance dahin.

 

Und dann noch eine etwas andere Personalie: Rafael van der Vaart bleibt HSV-Mannschaftskapitän, das hat Mirko Slomka entschieden. Und damit ist wohl auch entschieden, dass der „kleine Engel“ beim HSV bleiben wird. Obwohl, so etwas hat es ja schon einmal in der HSV-Geschichte gegeben: Trainer Klaus Toppmöller macht Tomas Ujfalusi zum HSV-Spielführer und ein paar Tage danach war der Abwehrspieler weg. Und dann wurde es Neuzugang Daniel van Buyten, eine faustdicke Überraschung. Dietmar Beiersdorfer sagte heute zum neuen und alten Kapitän: „Das ist ein Vertrauensbeweis von der Mannschaft und dem Club für Rafael. Ich glaube auch immer noch, dass es etwas Großes ist, beim Hamburger Sport-Verein Kapitän zu sein. Raffa reiht sich da in Namen ein wie Uwe Seeler, Felix Magath und auch Ditmar Jakobs.“ Und dann gab es ja auch einstmals ihn: „Didi, der Kapitän“.

 

Ja, meine Herren, das waren noch HSV-Zeiten. Seeler, Magath, Jakobs. Es wird noch Jahre dauern, ehe ein HSV wieder daran anknüpfen kann – und wird. Denn es langt ja nicht, im Trainingslager hart und noch härter zu arbeiten, um zu wissen, dass man laufen kann – man muss es dann auch in einem Spiel umsetzen. Auch oder erst recht gegen Lazio Rom. Sinnvolles Laufen und sinnvolles Spiel, das wäre es, doch das wird noch dauern. Ich war leider viel zu früh euphorisch, habe mich vielleicht auch durch das große Zuschauer-Interesse ins Bockshorn jagen lassen. Es ist zwar nur ein Testspiel verlorengegangen, also ist im Grunde noch nicht viel passiert, aber das „wie“, das sollte dann doch allen Beteiligten etwas zu denken geben. Und warum Lazio Rom schon so gut spielte – und nicht der HSV, auf den das erste Pflichtspiel schon am 18. August wartet. Fazit: Noch immer gibt es sehr, sehr viele Baustellen in diesem neuen HSV, nach wie vor gibt es hammermäßig zu tun, nicht nur für den Trainer. Und das ist in der Tat ernüchternd.

 

Am Dienstag spielt der HSV noch seine Generalprobe bei Rot-Weiß Erfurt. Dieser Drittliga-Club hat heute beim HSV-Pokal-Gegner Energie Cottbus um Drittliga-Punkte gekämpft – und ein 0:0 erreicht. Quervergleiche hinken ja, aber vielleicht ist es ja doch eine gewisse Standort-Bestimmung, wenn der HSV am Dienstag sein Spiel gegen den Drittligisten hinter sich hat. Ein Spaziergang, so viel scheint bereits jetzt sicher, wird das nicht.

 

PS: An diesem Sonntag wird im Volkspark nicht geübt.

18.20 Uhr

„Danke an Augsburg und Hannover!“

4. Mai 2014

Welche Erleichterung doch eine 1:4-Niederlage auslösen kann…

 

Die Mannschaft von Trainer Mirko Slomka wurde durch die Niederlagen der Konkurrenz zum Sieger des Wochenendes im Kampf um den Klassenerhalt. „Wir müssen uns bei Hannover und Augsburg bedanken“, brachte es Verteidiger Heiko Westermann auf den Punkt. „Diese beiden Teams haben es uns ermöglicht, am kommenden Wochenende aus eigener Kraft den Klassenerhalt zu schaffen.“

 

Neue Hoffnung nach vier Niederlagen in Folge, in denen es 4:10 Tore gab – das gibt’s auch nur beim HSV! Aber die Fakten sprechen ja auch für Hamburg. Nein, genauer gesagt sprechen sie gegen die Konkurrenz. Wer solche Chancen liegen lässt wie Braunschweig und Nürnberg, der hat unter Umständen noch weniger den Klassenerhalt verdient als der HSV – und das will was heißen.

 

 


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Die exakte Aufarbeitung der Niederlage gegen den amtierenden Triple-Gewinner können wir uns an dieser Stelle schenken. In groben Zügen gilt zu konstatieren, dass der HSV gut gepresst hat, die Zweikämpfe angenommen hat, Bayern ärgern konnte – aber letztlich wegen der individuellen Bayern-Klasse chancenlos war.

 

27 Punkte hat der HSV auf dem Konto. Es ist in nahezu allen Bereichen die schlechteste Saison der Geschichte. Wenigste Siege, meiste Niederlagen, meiste Gegentore, schlechteste Heimbilanz, Auswärts-Niederlagenserie, zwei Trainer gefeuert, und und und.

 

Und trotzdem geht da noch was! „Wir gehen davon aus, dass Pierre Michel Lasogga in Mainz wieder mit von der Partie sein wird“, sagte Sportchef Oliver Kreuzer heute. Lasogga steht also ebenso wie Verteidiger Johann Djourou vor dem Comeback, und das würde dem HSV natürlich enorm helfen. Allein die Aussicht, endlich wieder einen Stürmer auf dem Platz zu haben, gab es seit Wochen nicht.

 

In der Vorbereitung auf die Partie in Mainz, das ja auch noch um die Qualifikation für die Europa League spielt, soll diesmal nichts Ungewöhnliches getan werden. Kein Trainingslager, kein zusätzlicher Geistheiler. Jetzt gilt die volle Konzentration einzig diesem Spiel. Hoffnungsschimmer waren gestern die kämpferischen Auftritte von Rafael van der Vaart und den anderen Offensivspielern, denen in punkto Einsatz kaum ein Vorwurf zu machen war. Ich finde, dass besonders Michael Mancienne in der Innenverteidigung ein ganz starkes Spiel gemacht hat. Der Engländer hat sich dazwischen gehauen, wo es nur ging, und den Bayern wehgetan. Er war ein Vorbild im Abstiegskampf.

 

Trainer Mirko Slomka hat den Sonntag überwiegend in Cottbus verbracht. Dort spielte Greuther Fürth, der mutmaßliche Tabellendritte der Zweiten Liga bei Energie, und siegte deutlich mit 6:0. Nach aktuellem Stand ist Greuther Fürth der Relegationsgegner des HSV. Co-Trainer Nestor El Maestro hat sich das 2:0 des Zweiten SC Paderborn in Aue angesehen. Der HSV will vorbereitet in die Relegation gehen, die am Donnerstag, den 15. Mai, um 20.30 Uhr zu Hause beginnen würde. Das Rückspiel ist für den Sonntag, 18. Mai, um 17 Uhr anberaumt.

 

Wie es am Ende auch ausgehen mag, anschließend wird abgerechnet. Und klar ist auch heute schon und im Grunde seit Monaten, dass all die Ereignisse der vergangenen Monate personelle Konsequenzen auf Führungsebene haben werden. Diese Aussage gilt ganz unabhängig vom Ausgang der Mitgliederversammlung am 25. Mai, auf der über die Ausgliederung in eine Fußball AG nach HSV-Plus-Vorbild entschieden wird.

 

Ich bin in den vergangenen Tagen wieder häufiger angesprochen worden auf meine Beurteilung von Sportchef Oliver Kreuzer, der zuletzt im Winter ja noch sehr gut weggekommen war. Neben dem Trainingsplatz, in Gesprächen kam dieses Thema immer wieder hoch, denn Kreuzer steht bei den meisten ja gewaltig auf dem Index.

 

Am Ende muss eine klare Entscheidung her – das Vorstandstrio Jarchow, Hilke, Kreuzer raus oder nicht – aber bis dahin kann man ja versuchen, differenziert auf diese Personen zu gucken.

 

Was Kreuzer angeht, kann ich natürlich meine Einschätzung vom Winter nach dieser Rückrunde so nicht aufrecht erhalten. Zu viel Schlechtes ist seither geschehen, zu viel auch bekannt geworden, was vor Monaten nicht bekannt war. Damit spiele ich insbesondere an auf die Vertragsdetails bei den Personalien Bert van Marwijk und Johann Djourou an, die den HSV Unsummen kosten. Aber auch andere Entscheidungen sind in die falsche Richtung gegangen. Stichworte: Ola John, Ouasim Bouy, Artjoms Rudnevs. Dagegen stehen allerdings auch die Vertragsverlängerungen von Jonathan Tah und Hakan Calhanoglu, die dem Verein perspektivisch aber mal ganz sicher sehr gut tun werden.

 

Ich sehe in Oliver Kreuzer trotzdem nicht den Hauptschuldigen für die aktuelle Misere. Er ist unter denkbar schlechten Rahmenbedingungen an die Elbe gekommen, die kein einziger anderer Sportchef in der Bundesliga zu erfüllen hatte. Kaum hatte er in Hamburg angeheuert, wurde ihm die Vorgabe mitgegeben, 15 Millionen Euro einzusparen. Dann gab es kurz darauf von Klaus-Michael Kühne gewaltig auf den Latz. In dieser Situation ist Kreuzer niemand zur Seite gesprungen, der ihm hätte zur Seite springen müssen. Kein Aufsichtsrat, kein Vorstandskollege. Kreuzer, der „Drittliga-Manager“, stand von Beginn an allein im Sturm, gebrandmarkt als Schwächling.

 

Hier beginnt allerdings auch sein Versäumnis. Kreuzer hat zu selten sportlich fragwürdige Entscheidungen verhindert. Und das hätte er tun müssen, denn es ist im Wesentlichen sein Verantwortungsbereich. Er hat die Philosophie aller aktuellen Vertragsabschlüsse beim HSV, die da heißt: es muss vor allem wirtschaftlich passen!, nach außen mitgetragen und sich eben nicht dagegen verwehrt. Er hat sich Zoua im Sommer und die genannten Niederländer im Winter quasi von den jeweiligen Trainern aufschwatzen lassen. Die Trainer sind inzwischen weg, somit trägt Kreuzer die alleinige Verantwortung. Kreuzer dazu heute im “Sport-1-Doppelpass”: “Natürlich übernehme ich total die Verantwortung für das, was in dieser Saison passiert ist. Ich habe einen Zweijahresvertrag und würde mich auch dann als Bestandteil des Vereins sehen, den geplanten Aufstieg wieder anzustreben!”

 

Was die Beurteilung von Carl Jarchow und Joachim Hilke angeht, mache ich es mir einfacher. Jarchow muss sich hier nur an den eigenen Vorgaben des Vorjahres messen – dann erübrigt sich eigentlich jeglicher weiterer Kommentar. Er hat gestern im „sportstudio“ schon glockenklar gesagt: „Wenn man solch eine Saison spielt und in solch einer Lage ist wie wir, muss man die Verantwortung tragen. Und dieser Verantwortung werden wir uns auch stellen.“ Im Grunde ist alles, was Jarchow als Zielvorgabe genannt hat, nicht eingetroffen. Dies Urteil muss er gemeinsam mit Hilke hinnehmen. Bei Hilke kommt hinzu, dass er im Winter die fatale Indonesien-Reise vorangetrieben hat. Sie ist auch gegen Widerstände aus dem sportlichen Bereich durchgedrückt worden mit den bekannten Folgen. Indonesien hat seinen Beitrag geleistet zur schlimmen HSV-Rückrunde. Schon Im Februar hatte der damals noch komplette Aufsichtsrat im Zusammenhang mit der von einigen geplanten Magath-Verpflichtung vorgesehen, Jarchow und Hilke abzulösen. An Kreuzer schieden sich die Geister, weil viele ihn wie ich als Täter und Opfer gleichermaßen sahen und sehen.

 

Was im Februar galt, muss im Mai nicht zwingend auch noch gelten. Aber wenn ich in die nahe Zukunft schaue, dann kann ich mir keine führende Rolle für einen der drei Genannten beim HSV mehr vorstellen. Was Oliver Kreuzer angeht könnte dennoch ein Amt im sportlichen Bereich in der zweiten Reihe möglich sein. Ein anderer Sport-Vorstand einer neuen AG trüge die Verantwortung mit Kreuzer in seinem Stab.

 

Ich denke, es ist kein Zufall, dass diejenigen potentiellen Sportchef-Kandidaten des HSV, die eine gefestigtere Position versprachen als Kreuzer sie verkörpert, aus eigenen Stücken abgesagt haben. Das galt vor einigen Jahren für Nico Hoogma, das galt für Jörg Schmadtke ebenso wie für Felix Magath. Ich meine jetzt nicht die sportliche Kompetenz, sondern die Durchsetzungskraft. Diese drei haben sich gedeihliches Arbeiten beim HSV nicht vorstellen können. Sie haben gemerkt, dass etwas ganz Grundsätzliches falsch läuft beim HSV, so dass sportliche Entwicklung nach den Vorstellungen eines „normalen“ sportlichen Leiters nicht umgesetzt werden können. So wie es jetzt mit Kreuzer gelaufen ist, werden die Absagen der drei im Nachhinein gerechtfertigt.

 

Man könnte sagen: so, wie der HSV vor einem Jahr gestrickt war und heute gestrickt ist, musste die Aufgabe Kreuzer über den Kopf wachsen.

 

Ein letztes Mal noch ein Wort zu Kreuzer. Auch und gerade hier in den Kommentaren wird er oft hart kritisiert für seine häufigen öffentlichen Auftritte. Ich finde, dass öffentliche Präsenz die Pflicht ist eines Sportchefs – gerade wenn sich andere in brenzligen Situationen wegducken. Und das haben einige in den vergangenen Monaten getan – Kreuzer am wenigsten, auch wenn er wusste, dass er dadurch zusätzliche Angriffsfläche riskiert.

 

Unrühmliche Begleiterscheinungen des Kicks gestern waren die Auseinandersetzungen zwischen Ultra-Fans des HSV und der Polizei. Die Scharmützel begannen bereits vor der Partie in der Nähe des S-Bahnhofs Stellingen, in Ottensen und am S-Bahnhof Eidelstedt. Bei ersten Handgreiflichkeiten wurde eine Polizistin verletzt. Die Polizei hat daraufhin etwa 25 Mitgliedern von „Poptown“ den Zugang zum Stadion verwehrt.

 

Entsprechend aufgeladen waren die übrigen „Fans“. Als dann im Stadion das bekannte Plakat ACAB („All Cops are Bastards“) aufgehängt wurde, platzte den Einsatzkräften der Geduldsfaden. Sie schritten in der Halbzeit ein, was weitere Auseinandersetzungen zur Folge hatte. Viel davon war im Fernsehen zu sehen – es kursieren auch einige Videos von Schlägereien hinter den Tribünen. Tränengas musste eingesetzt werden, die Polizei griff zu Schlagstöcken. Massenhaft Gegenstände wurden in Richtung der Polizisten geschleudert. Fahnenmasten, Bierbecher, sonstiges Zeugs.

 

Es sind sehr unerfreuliche Bilder, und natürlich kann man darüber streiten, ob die Polizei im Stadion wirklich in dieser Form gegen das Plakat vorgehen musste. Wahrscheinlich war das nicht schlau, aber die Verursacher dürfen hier nicht mit den Opfern verwechselt werden. Der HSV ist dabei, wieder ein massives Problem mit seiner Ultra-Szene zu bekommen. In den vergangenen Monaten ist immer mehr passiert, das zeigt sich nicht nur in regelmäßigen Abständen beim Pyro-Thema.

 

Hier ist ein Einschreiten von Seiten des Supporters-Clubs erscheint dringend notwendig. Die Aggression der Ultras in diesem Fall hatte nichts mit dem Fußball auf dem Rasen zu tun, das war offenkundig. Andere Aggression, finde ich, hat aber im Stadion und am Rande eines Fußballplatzes nichts zu suchen. Übrigens wurde im Laufe der Krawalle insgesamt sechsPolizisten leicht verletzt.

 

Soweit die Perspektive der Polizei. Der guten Ordnung halber die Stellungnahme des Supporters-Clubs:

 

Supporters Club und HSV Fanprojekt verurteilen Einsatz der Polizei

In der Halbzeit des Spiels unseres Hamburger Sport-Verein e.V. gegen den FC Bayern München kam es auf der Nordtribüne zu einem Polizeieinsatz, welcher aus Sicht des HSV Supporters Club und des HSV Fanprojekts absolut unverhältnismäßig war und zu verurteilen ist.

„Man muss sich Fragen, ob die Polizei aus den Vorfällen beim Champions-League Qualifikatiopnsspiel FC Schalke 04 – PAOK Saloniki überhaupt nichts gelernt hat”, so Christian Bieberstein, Abteilungsleiter der Abteilung Fördernde Mitglieder/Supporters Club.

Grund des Blocksturmes war ein provokantes Banner „ACAB” (all cops are bastards), der sich gegen die Polizei richtete.

Ein Banner als Grund zu nehmen, in einem vollen Stadion einen Block unter dem Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöckern zu stürmen, ist vollkommen inakzeptabel. Die In-Kaufnahme von Verletzten im dreistelligen Bereich, steht in keinem Verhältnis zu einer solchen Provokation.

Wir verlangen und erwarten eine umgehende und lückenlose Aufarbeitung des Einsatzes und verurteilen diesen abermals auf das Schärfste.

HSV Supporters Club und HSV Fanprojekt

 

Wenn der Bock zum Gärtner wird…..

 

Zum Schluss noch eine Information, die sich aus einem Interview vom Jürgen Hunke mit dem Deutschlandfunk ergeben hat. Aufsichtsrat Hunke hat sich dortheute  in einer langen Diskussions-Sendung zum HSV auch zur wirtschaftlichen Situation des Clubs geäußert. Er kennt alle Zahlen und hat versichert, dass der HSV die Lizenz für beide Ligen aus seiner Sicht erhalten werden. Und der erfolgreiche Unternehmer ging noch einen Schritt weiter. Im Notfall, so Hunke, stünde er auch bereit, um dem Verein mit seinem Geld über Liquiditätslücken zu helfen. Mit anderen Worten: steht dem HSV das Wasser nicht nur bis zum Hals sondern einige Zentimeter höher, würde Hunke wirtschaftlich helfen.

 

Noch ein paar Sommer-Infos: Der Vorbereitungsplan des  HSV auf die neue Saison steht. Am 18. Juni ist unabhängig von der Liga-Zugehörigkeit Trainingsstart. Ende Juni fährt das Team für eine Woche ins erste Trainingslager nach Glücksburg in Schleswig-Holstein (22.6.-29.6.). Dort stehen zwei Freundschaftsspiele auf dem Programm, unter anderem gegen den ETSV Weiche. Vom 4. Bis 11. Juli fliegt der HSV definitiv nach China, und zwar nach Guangzohou im Südosten des Landes. Auch hier stehen zwei Spiele an. Bleibt der HSV erstklassig, dann ist anschließend eine Woche Pause, ehe der Telekom-Cup und eine weitere Trainingswoche in Österreich die Vorbereitung beschließen. Im Fall des Abstiegs entfällt die Trainingspause und es geht mit Volldampf auf den Zweitliga-Start am Wochenende 1. Bis 3. August.

 

Morgen ist trainingsfrei am Stadion, es geht weiter Dienstag um 10 Uhr – vielleicht ja dann mit Pierre Michel Lasogga.

 

Sportlicher Gruß von Lars

 

 

Dem HSV droht der kollektive Zerfall

11. Februar 2014

“Wir müssen alle mit einer Zunge reden”, hatte Bert van Marwijk wiederholt formuliert und mit dieser ebenso simplen wie korrekten Aussage das absolute Kernproblem des HSV getroffen. Eines, das diesen einst als so groß wahrgenommenen Verein seit Jahren am Erfolg hindert – und weiterhin hindern wird. Kein Konzept dieser Welt kommt gegen die Wucherungen einzelner Eitelkeiten von Amtsträgern an, wie sie beim HSV vorherrschen. Dieser Klub ist längst nur noch nebensächlich ein Fußballverein. In erster Linie ist er ein Politikum. Ein Jahrmarkt von Eitelkeiten und jeder einzelne Amtsträger versucht nicht mehr und nicht weniger, als seine eigene Macht zu erhalten. Koste es, was es wolle.

So weit, so schlecht.

Aber jetzt wird auch die Entscheidung pro Felix Magath weiter blockiert. Dass der von vielen als letzte Hoffnung betrachtete Magath noch heute kommt, erscheint inzwischen eher unwahrscheinlich. Somit würde am Mittwoch im DFB-Pokal gegen Bayern Bert van Marwijk auf der Bank sitzen. Ein Trainer, der durch die jüngsten Vorkommnisse so massiv geschwächt wurde, dass er sich selbst gar nicht mehr als HSV-Trainer sieht, weil er weiß, dass seine Demission bislang nur an der Satzung und an den Eitelkeiten einzelner scheitert-. Er weiß, dass seine Entlassung nur aufgeschoben ist, da beim HSV weiterhin alle Mittel genutzt werden, um Magath zum HSV zu holen.


Auch Klaus Michael Kühne ist inzwischen involviert. Der Speditionsmilliardär hatte sich am vergangenen Donnerstag zusammen mit Otto Rieckhoff, Joachim Hilke und AR-Boss Jens Meier getroffen. Dabei wurde über den Plan des Aufsichtsrates gesprochen, Felix Magath nach Hamburg zu holen. Und nachdem die eine oder andere Delle in der Beziehung zwischen Magath und Kühne von den “HSV-Mediatoren” beigelegt werden konnte, setzte auch Kühne alles daran, Magath nach Hamburg zu holen. Der HSV-Mäzen schrieb sogar einen persönlichen Brief an Magath:

Lieber Herr Magath,

Geben Sie sich einen Ruck! Werden Sie Sportdirektor und Trainer beim HSV – dann wird alles gut! Aber Sie müssen am Samstag auf der Trainerbank sitzen; sonst gehen weitere 3 Punkte verloren und die Situation wird noch hoffnungsloser.

Ich stehe 100%ig hinter Ihnen und hoffe, dass Aufsichtsrat und Vorstand endlich geschlossen handeln – sonst sind diese Leute „Manager des kollektiven Untergangs“!

Mit besten Grüssen für alle HSV- und Magath-Fans

Klaus-Michael Kühne

Ergo: Nachdem sich der Aufsichtsrat über Umwege massiv in das operative Geschäft des zu van Marwijk stehenden Vorstandes eingemischt hatte, legt der Investor nach. Nach Informationen der “Bild” will Herr Kühne im Sommer zwar Geld geben – aber nur unter ganz klaren Voraussetzungen. Kühne nimmt damit ebenso Einfluss auf die Vereinspolitik wie der Aufsichtsrat auf das operative Geschäft – und der HSV verliert weiter an Zusammenhalt. Sollte sich der HSV, dem gefühlt nur noch Sekunden bleiben, um sich zu retten, weiter in allen Entscheidungen (egal, ob satzungsgemäß oder nicht) blockieren – dann ist der sportliche Untergang sicher.

Und ich bin mir sicher, dass dann von den vielen Amtsinhabern heute nur noch wenige übrig bleiben, um den Karren wieder aus dem Dreck zu holen. Es wäre der Anfang des bitteren Zerfalles.

Bis später.
Scholle

Es gibt eigentlich nur noch eine Lösung

10. Februar 2014

Leere. Mehr ist beim HSV nicht. Ich habe heute locker und leicht 50 Telefonate geführt mit direkt Beteiligten – optimistisch ist keiner. Alle wirken desillusioniert. Auch Bert van Marwijk, trotz seiner durchaus beachtlichen Rede. Allein, dass diese Rede ihn in seinem Amt als HSV-Trainer noch retten wird, erwarten nicht einmal die größten van-Marwijk-Befürworter.

Nein, ich glaube sogar, dass es für van Marwijk angesichts der hiesigen Verhältnisse eine Erleichterung sein wird, wenn er endlich gehen (darf) muss. Man würde dem Trainer, mit dem man unsäglich umgeht, einen Gefallen tun. Aber es sollte dennoch klar sein, dass die nächsten Verantwortlichen ebenso wie die hier Verbleibenden van Marwijks Worte verinnerlichen: „Der Verein zerstört sich selbst“ und „wir wollten mit einer Zunge reden und hier passiert genau das Gegenteil“ sind die vernichtenden wie korrekten Analysen des Niederländers nach gerade einmal viereinhalb Monaten beim HSV. Trotz der arbeitsrechtlich möglichen Konsequenzen spricht van Marwijk öffentlich an, was alle ärgert. „Es ist schade um diesen schönen, großen Verein“, sagt van Marwijk und wirkt zurecht desillusioniert.


Denn es stimmt. Seit langem schon. Aber bevor ich hier auf die Aktualität eingehe, die sich den ganzen Tag schon von Minute zu Minute dreht, möchte ich noch einmal auf etwas Grundlegendes eingehen. Denn verantwortlich für das Trauerspiel, das dieser HSV inzwischen auf allen Ebenen anbietet, sind letztlich nur die Geister, die man selbst seit Jahren ruft. (Chronologisch) Angefangen mit den Supporters, die vielerorts unreflektiert für alles verantwortlich gemacht werden. Die hat man von Vereinsseite vor gut einer Dekade richtiggehend geworben. So sicherte man sich auf der einen Seite eine stetig wachsende Mitgliederzahl und freute sich über immer neue Bestmarken. Auf der anderen Seite fuhr man so auch deutlich mehr Mitgliedsbeiträge ein. Seit 2005 wuchs die Zahl der Supporters von 18000 auf über 55000 – ein Einnahmeplus im Millionenbereich. Parallel dazu beanspruchten die Supporters satzungsgemäß immer mehr Mitspracherecht und organisierten ihre Abteilung über Mitgliedsbeiträge. Und das letztlich so gut, dass die Abteilung irgendwann als Bedrohung wahrgenommen wurde – und größtenteils noch immer wird.

Nun sind die Supporters sicher nicht alleinverantwortlich für die Besetzung im aktuellen Aufsichtsrat, das ist klar. Dabei haben einige andere Mitglieder auch „geholfen“. Aber die Vereinsstruktur ohne entsprechend starke, professionelle Führung – egal wie man zu Bernd Hoffmann oder auch dessen Vorgänger Werner Hackmann steht, die zwei haben dem Verein mehr Professionalität nach außen verliehen als es aktuell der Fall ist – verlor nach außen zunehmend an Stärke. Das Bild, dass dieser Verein inzwischen völlig mitgliederbestimmt und verfilzt ist, hält sich. Im Aufsichtsrat sitzen plötzlich ehemalige Supporters-Größen, während Wirtschaftsgrößen und Fußballfachwissen dem Gremium fernbleiben. Dass jetzt, in der wahrscheinlich schwersten, sportlichen Vereinskrise der letzten Jahrzehnte ausgerechnet dieses Gremium den entscheidenden Impuls zum Guten geben soll – ich wüsste nicht, warum man das erwarten kann…

Nein, es sind die Geister, die gerufen wurden, die den HSV jetzt im Chaos versinken lassen. Der Aufsichtsrat mischt sich plötzlich sogar ganz massiv in sportliche Belange ein und führt eigenständig Gespräche mit Felix Magath, während der noch amtierende Vorstand weiter hinter Bert van Marwijk steht. Die Räte verschlimmern sogar alles noch, indem sie sich intern nicht einmal einig sind. Nicht einmal gestern, wo es gar kein Zurück mehr geben konnte. Denn welche Wahl hat dieser HSV jetzt noch? Mit einem Vorstand weiterarbeiten, den der Aufsichtsrat gedanklich schon entlassen hat und der in seiner Funktion dadurch schon kaum mehr ernstgenommen wird? Dazu noch mit einem Trainer, der durch die Hamburger Legende Felix Magath ersetzt werden soll und weiß, dass man ihm nichts mehr zutraut?

Nein. Nachdem wir hier im Blog erfahren hatten, dass es bereits Gespräche mit Magath gab, waren sowohl der Vorstand als auch van Marwijk entmachtet. Von da an gab es für die elf Kontrolleure keine andere Lösung mehr als einen klaren Schnitt zu machen. Und das schnell. Egal, was man von Bert van Marwijk halten mag – die Räte selbst hatten sich mit ihrem Vorpreschen in Sachen Magath zwangsläufig auf einen neuen Trainer festgelegt.

Für Abendblatt-Blogs



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Und dennoch schafften sie es binnen acht Stunden mit einem und demselben Thema nicht, eine interne Einigkeit zu erzielen – obwohl es nur noch eine Lösung geben kann. Und die heißt Trainerwechsel. Und somit eigentlich auch Magath. Und diese Entscheidung soll es angeblich im Laufe des Dienstags geben. Magath soll schon gegen Bayern als Trainer auf der Bank sitzen.

Wobei, jeder Konjunktiv bei diesem HSV darf berechtigt zweifeln lassen…

Was bleibt sind Kollateralschäden, die in ihrem Ausmaß nicht wiedergutzumachen sind. Nachdem sich die Mannschaft sportlich disqualifiziert hat und der Vorstand nicht in der Lage war, angemessen zu reagieren, scheitern jetzt auch die Kontrolleure als letzte Instanz. Sie arbeiten anmaßend, indem sie sich über Umwege ins operative Geschäft des Vorstandes („Entlasst den Trainer oder wir entlassen euch“) einmischen. Und sie demonstrieren die Zerrissenheit des HSV e.V. und schaden dem Verein zunehmend. Ich gehe sogar noch etwas weiter: Selbst wenn der aktuelle Vorstand entlassen wird, Magath neuer Trainer wird und letztlich auch noch die Klasse hält – dieser Aufsichtsrat muss spätestens im Sommer zurücktreten. Weil alle zusammen den Karren in den Dreck gezogen haben, muss das in meinen Augen geschlossen passieren – auch wenn es das erste Mal für diese elf wäre…

An den durchaus möglichen Fall, dass am Ende Magath dem HSV absagt, mag ich noch gar nicht denken. Obgleich der sicher nicht ausgeschlossen ist. Je länger es dauert, desto unwahrscheinlicher wird es, dass Magath sich das Amt antut.

In diesem Sinne, bis morgen! Oder nachher. Egal: einfach bis später. Ich melde mich auf jeden Fall sofort bei Euch, wenn sich etwas tut.

Scholle

P.S.: Sportlich gibt’s auch eine schlechte Nachricht, denn Marcell Jansen droht am Mittwoch gegen Bayern München nach einem Schlag auf die Wade aus dem Hertha-Spiel auszufallen. Pierre Michel Lasogga trainierte unterdessen schmerzfrei voll mit.

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