Ein Trainer und fünf Stuttgarter “Helden”
11. März 2013
„Eine hervorragende Mannschaft; und ein Trainer, der sich taktisch immer sehr viele gute Sachen einfallen lässt.“ Das hat niemand über den HSV gesagt, sondern der HSV-Trainer über den VfB Stuttgart. Vor dem Spiel am Neckar. Und dann gewinnt der HSV 1:0. Nicht weil er die überragend bessere Mannschaft gewesen ist, sondern wohl auch deshalb (oder vor allem?), weil sich der HSV-Coach taktisch etwas hatte einfallen lassen: Thorsten Fink. Vielleicht lässt sich ja demnächst Bruno Labbadia mal zu einem solchen Spruch hinreißen: „Eine hervorragende Mannschaft, und ein Trainer, der sich taktisch immer sehr viele gute Sachen einfallen lässt.“ Es war übrigens das erste Mal, dass der Fink dem Labbadia gezeigt hat, was eine Harke ist . . . Und das in seinem 50. Spiel als HSV-Coach – mit einer eher vorsichtigeren Taktik – um nicht Defensiv-Taktik zu sagen. Vorher hatte es ja in Hamburg die eine oder andere Stimme gegeben, die es nicht befürworteten, dass Fink auf nur eine Spitze setzen wollte, um dazu – wie zu Saisonbeginn – mit einer „Doppel-Sechs“ anzutreten. Und diese Änderung war genau richtig, sodass Thorsten Fink auch einmal kräftig gelobt werden sollte. Auch von den Skeptikern. Kapitän Heiko Westermann lobte die taktische Umstellung: „Erstmalig wieder mit einer Doppel-Sechs, ich glaube, dass das der Schlüssel zum Sieg war.“
Neben Fink hatte dieser Sieg auf Hamburger Seite auch weitere fünf Helden – für mich. Da sind zu nennen Rene Adler, Heiko Westermann, Tomas Rincon, Per Ciljan Skjelbred und Artjoms Rudnevs. Wobei Adler und Westermann in dieser Aufzählung wohl als „normal“ zu nennen sind – aber die anderen Profis?
Rincon, den ich ja gerne immer „Popeye“ nenne, weil er die Brust raus hat – und stets so aussieht, als wenn er fragen könnte: „Meine Herren, wo steht das Klavier?“ Dieser Tomas Rincon ist schlicht ein Phänomen. Immer dann, wenn er gerade mal benötigt wird, zeigt er, wie stark er eigentlich ist. Ich habe heute mit meinem Freund Bert Ehm über den HSV-Sieg gesprochen, und der Trainer von Germania Schnelsen befand: „Dieser Rincon hat unglaublich gut gespielt – wie immer, wenn er mal darf. Wenn ich HSV-Trainer wäre, dann würde Rincon immer spielen, weil er einfach klasse ist. Und er ist sich auch für nichts zu schade, der geht zur Sache, räumt mächtig ab- da bekommt jeder Gegner von Beginn an Respekt, und zwar gehörigen Respekt. So einen Mann brauchst du in der Truppe.“ Stimmt. Bitter aber für Rincon: Gegen Augsburg (am Sonnabend um 15.30 Uhr) wird er wohl wieder auf der Bank sitzen müssen, weil es dann doch wieder offensiver wird. Zwei Spitzen, die hatte Thorsten Fink bereits vor dem Stuttgart-Spiel angekündigt. Aber wie schön ist es zu wissen, dass dieser HSV nicht nur noch einen Tomas Rincon in der „Hinterhand“ hat, sondern dass sich dieser HSV auch schon wieder erlauben kann, einen so guten Mann wie Tomas Rincon draußen zu lassen.
Wobei zur „Doppel-Sechs“ auch noch zu sagen wäre, dass Milan Badelj zu Saisonbeginn ja auch noch einen Mann neben sich gehabt hat: Petr Jiracek. Und in dieser Konstellation ging der Stern von Badelj gleich so richtig auf. Er würde bestimmt jetzt auch dafür plädieren, künftig wieder mit der „Doppel-Sechs“ zu spielen – aber die beiden Spitzen haben damals, nach der Umstellung, auch sehr, sehr gut getan. Im nächsten Auswärtsspiel, das den HSV zum neuen Meister FC Bayern führen wird (nach der Länderspiel-Pause), sind aber ganz sicher wieder zwei Mann angesagt. Wahrscheinlich Rincon und Badelj.
Und dann zu Skjelbred. Der Fast-Ausgemusterte. Der Hin-und-her-Springer. Sowohl auf dem Spielfeld, als auch als Spieler überhaupt. Mal draußen, mal drinnen. Nachdem er im Herbst eigentlich schon durchgefallen war und auf der Abschiebeliste als Nummer eins geführt wurde. Und dann diese „Wiederauferstehung“. Fast unglaublich. Der Zögling von „JU aus Qu“, um es einmal sehr überspitzt zu formulieren, hat gewiss schon einige recht gute oder auch sehr gute Spiele abgeliefert, aber vielleicht war dieser Auftritt im Frühling von Stuttgart sein bester überhaupt. In dieser hervorragenden Verfassung wäre es kein Wunder, wenn er demnächst schon wieder eine Einladung von der norwegischen Nationalmannschaft erhielte – denn Spieler dieser Güte hat Norwegen bestimmt nicht allzu viele. Das muss mal festgehalten werden: Per Ciljan Skjelbred, das war eine Klasse-Partie von dir – herzlichen Glückwunsch. Und mehr davon. Es waren 90 Minuten Konzentration, Herz, Engagement, Leidenschaft und Willen (ohne Pause) erkennbar – das war vorbildlich. Und wenn wir uns daran erinnern, was der gute Per vor dem Spiel noch gesagt hatte, angesprochen darauf, was er über seine Rolle als Hin-und-her-Springer denkt? Da hat er doch verkündet: „Ich will zwar immer spielen, aber wenn es zum Wohle der Mannschaft ist, dann geht das eindeutig vor.“ Genau das ist die richtige Einstellung.
Die Null sollte, so wollte es der Trainer, in Stuttgart ja hinten stehen – und sie stand. Dank Rene Adler. Der eine Weltklasse-Partie ohne jeden Fehler ablieferte. Kompliment. Nach dem Tief Hannover und der undankbaren Nummer gegen Fürth zeigte sich der Nationaltorwart nicht nur von seiner besten Seite, sondern avancierte auch zum Matchwinner. Note eins für diesen Adler, obwohl ich, das gebe ich zu, vorher noch einige Bedenken gehabt hatte. Ich glaubte, dass sich der Keeper nun ein kleinen „Zwischentief“ genommen hätte, aber davon war in Stuttgart nun nichts, aber auch absolut nichts zu sehen. Und ich erinnere mich gerne an die Beurteilung von „Lotto King Karl“, der ja (gemeinsam mit dem Ex-Aufsichtsrat Frank Mackerodt – vielen Dank für euren hervorragenden Einsatz!) bei „Matz ab live“ zu Gast war. Hamburg „seine Perle“ sagte: „Adler und Neuer sind zwei der weltbesten Torhüter, wenn sie nicht die beiden weltbesten sind – ich war mir sicher, dass Adler wieder so gut halten würde, wie vor dem Hannover-Spiel. Der Mann ist super.“
Eben die Note eins. Die sich auch Heiko Wesermann verdient hat. Der Kapitän musste ja in der 64. Minute vorzeitig vom Platz, aber nicht, wie ich befürchtet hatte, wegen seines Kopfes (gegen den ja das Bein des Stuttgarters Martin Harnik geprallt war), sondern wegen seiner Wade. Die hatte schon während der gesamten Woche (nach dem Fürth-Spiel) für Kummer gesorgt, aber Westermann wollte sich durchkämpfen. Er hatte sogar, weil er sich so gut fühlte, auf eine Schmerztablette verzichtet, aber während der Partie ging es in der Wade immer schmerzhafter zu. Und bevor etwas ganz kaputt geht, ging er vorsichtshalber raus. Heute gab der HSV dazu bekannt: „Ein Einsatz am Sonnabend gegen Augsburg ist nicht gefährdet.“ Alles richtig gemacht, Käpt’n. Aber noch einmal: Heiko Westermann hat in meinen Augen in Stuttgart ein ganz großes Spiel geliefert. Viele Löcher gestopft, weite Wege gegangen, totalen körperlichen Einsatz (wie in der Szene mit Harnik) gezeigt – einfach nur großartig. Das sollte – endlich einmal – auch seine Kritiker anerkennen – und nicht immer gleich nach jedem kleinen Fehlpass aufspringen und ihn verdammen. Westermann ist unheimlich, und ich wiederhole das gerne, unheimlich wichtig für dieses Team.
Das könnte – eventuell – auch eines Tages über Jeffrey Bruma geschrieben werden. Noch aber ist es nicht ganz so weit. Weil sich in das Spiel des Niederländers ja bekanntlich immer einige oftmals unglaublich Böcke einschleichen. So zum Beispiel der eine Kopfball, den er über das eigene Tor setzte. Da hat sich doch so mancher gefragt: „Wieso hat er eine solche Nummer eigentlich noch immer drauf?“ Gute Frage. Obwohl ich glaube, dass es diesmal am Timing lag. Bruma ist zu früh gesprungen, traf die Kugel erst in der Landephase mit der Stirn, deswegen ging dieser Ball dann nach hinten los. Gefährlich aber sah es trotz allem aus. Und er wäre gut beraten, wenn er solche „Dinger“ künftig schon im Vorfeld bekämpfen würde. Stichwort Konzentration. Dass Bruma nach dem Spiel in einem Stuttgarter Krankenhaus mit vier Stichen an der Lippe genäht werden musste, dass hatte er dem „netten Herrn“ Ibisevic (aus Frust, weil er gegen Bruma keine Schnitte sah?) zu verdanken. Der VfB-Torjäger hatte wieder einmal mit dem Ellenbogen zugelangt – das wäre Rot gewesen, Herr Dingert (der ansonsten gut gepfiffen hat!). Diese Unsitte Ellenbogenschlag sollte ja eigentlich vom DFB massiver bekämpft werden, aber das wird wohl nichts. Wochenende für Wochenende sieht man solche brutalen Schläge, und höchst selten nur wird dafür einmal Rot gezeigt. Schade eigentlich, denn ich glaube, dass man nur so zu einer Reduzierung dieser üblen Fouls kommen könnte.
Wobei ich auch da die Herren Schiedsrichter mal in Schutz nehmen möchte, denn: Zeigt mal einer Rot, wird das ja spätestens am nächsten Tag irgendwie und irgendwo (von Experten) auseinandergepflückt. Motto: „Diese Rote Karte war aber so etwa von überflüssig.“ Ich bin in dieser Thematik ja immer ganz besonders begeistert, wenn Mario Basler so etwas sagt . . . Aber das ist dann doch wieder ein anderes Thema.
Ganz kurz möchte ich dann auch noch auf Artjoms „Rudi“ Rudnevs eingehen. Er trifft sensationell. Und wie schon lange kein HSV-Spieler mehr. Woche für Woche leisten wir Abbitte, am Sonntag war es noch einmal „Scholle“ – und es gesellen sich immer mehr (von Tag zu Tag) hinzu. Da kann man ja auch meckern wie man möchte (möchte ja keiner mehr!), aber die Zahlen sind nicht von der Hand zu weisen. Noch einmal Gratulation an alle, die den guten „Rudi“ schon immer so gut gesehen haben – aber ich kann nur sagen, dass Thorsten Fink ihn zu Saisonbeginn auch nicht unbedingt so gut gesehen hat – denn damals, wir erinnern uns, spielte ja noch Marcus Berg . . . Aber, bei dem Schnee von heute, das ist ja auch schon längst der Schnee von gestern. Kurios ist, dass Thorsten Fink in Stuttgart zur Pause überlegte, den Lette auszuwechseln – gegen Maximilian Beister. Wie gut, dass der Coach da noch rechtzeitig eine Eingebung hatte. Und: Dieses Rudnevs-Tor, ihr lieben HSV-Fans, sollte doch „Tor des Monats“ März werden, oder? Solche ein Hammer. VfB-Torwart Ulreich stand ja dort, wo der Ball über seinem Scheitel einschlug, aber zu halten gab es da nichts. Selbst wenn der Schuss auf Mann gekommen wäre, dann hätte der Stuttgarter Keeper nun “ein Loch im Bauch” . . .
So, das war es in groben Zügen, was zum Sonntags-Spiel des HSV von meiner Seite aus zu sagen wäre. Andere Stimmen könnt ihr – wie immer – bei „Matz ab live“ hören und sehen. Eines möchte ich aber schnell noch einmal aufarbeiten. Ich hatte Tolgay Arslan ja zuletzt, gegen Fürth, als guten Einwechselspieler beschrieben, musste das aber einen Tag später revidieren. Habe es ja auch getan – und zwar mit (der eigenen) Überzeugung. Dass Thorsten Fink nicht nachtragend ist, das zeigte er nun in Stuttgart, als er Arslan in der nicht ganz so unwichtigen Schlussphase einwechselte. Das zeugt davon, dass der Coach Vertrauen zu seinen Leuten hat – ein sehr gutes Zeichen. Besser: Noch ein sehr gutes Zeichen.
In Sachen Stimmung hatte dann auch Rafael van der Vaart (bei Sky) etwas zu sagen – und auch über die internationalen Startchancen: „Ich denke, dass wir eine gute Mannschaft haben, es fehlt nur noch ein bisschen die Konstanz. Bei uns ist jede Woche anders: Heute ist die Stimmung positiv, gegen Augsburg kann es schon wieder anders sein.“
Fredi Bobic (Manager VfB Stuttgart) klagte bei Sky hingegen über die negative Stimmung unter den VfB-Fans: „Das ist bei uns ein Phänomen. Natürlich wollen die Fans die eigene Mannschaft siegen sehen. Aber das bringt der Mannschaft unheimlich wenig. An der Einstellung gibt es nichts zu mäkeln.“ Aber in Stuttgart nimmt es bisweilen schon komische Züge an – wie mir mein Abendblatt-Kollege Kai Schiller berichtete. Als Labbadia den Italiener Molinari einwechseln wollte, der Spieler sich auch schon erhoben hatte, da pfiffen die meisten VfB-Fans nach Leibeskräfte. Moliari setzte sich wieder – und kam nicht. Ud dass Mittelfeldspieler Hajnal nicht zum Einsatz kam, das kommentierte Labbadia wie folgt: “Was soll es, wenn ich einen Spieler bringe, der von den eigenen Fans immer ausgepfiffen wird . . ?”
Das klingt, in der Tat, nicht wirklich gut.
Dann möchte ich noch sagen, dass morgen um 14 Uhr trainiert wird (so es die Schneemassen erlauben!), und dann um 15 Uhr gegen Valerenga Oslo auch gespielt wird. Dann wohl eher vom zweiten Anzug – und ganz sicher auch ohne den angeschlagenen Kapitän.
Schlussphase jetzt von „Matz ab“:
Durch den Sieg in Stuttgart ist Platz vier und damit die Qualifikationsspiele zur Champions League nur noch einen Punkt entfernt. Dazu die Gedankenspiele des „Großmeisters“: „Wir hoffen, es geht so weiter, dann schaffen wir das“, sagt Rafael van der Vaart.
Und, weil wir so lange nichts von ihm gehört haben: Der Sport-Informations-Dienst hat heute auch darüber berichtet:
Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer vom russischen Fußball-Meister Zenit St. Petersburg erwartet durch die WM-Endrunde 2018 in seiner Wahlheimat einen Schub für die Vereine. „Ich denke, dass die russische Liga in den kommenden Jahren sehr stark zulegen wird. Allein wegen der anstehenden WM 2018 wird es infrastrukturelle Veränderungen geben. Deshalb werden sich auch die Vereine weiterentwickeln“, sagte der deutsche Ex-Nationalspieler in einem Interview mit dem kicker. Beiersdorfer sieht besonders noch einen Nachteil der russischen Eliteklasse gegenüber europäischen Top-Ligen wie der Bundesliga: „Die Infrastruktur und die Stadien haben allgemein Nachholbedarf.“ Die Konzentration der Macht bei den russischen Vereinen auf Konzerne und Oligarchen sieht Beiersdorfer als Ergebnis eines Entwicklungsprozesses. „Früher gab’s in der Sowjetunion Polizei- oder Armee-Sportklubs. Daraus sind jetzt eben neue Strukturen entstanden“, meinte der ehemalige Sportchef des Bundesligisten Hamburger SV.
Nun bin ich aber wirklich am Ende. Vielen Dank möchte ich aber schnell noch an die “Matz-abber” sagen, die uns bei der Block-House-Premiere in Eidelstedt Rückendeckung gaben (das war sehr schön!), und ein kurzes Dankeschön auch noch an „Horst Schlau“ (für den ausführlichen Bericht – war gut!) und für den folgenden Satz: “Wer Rechtschreibfehler gefunden hat, darf sie behalten . . .” Dank auch, und dann bin ich wirklich am Ende, an „We are family“, der dagegen protestiert hatte, dass ich einem Abstieg der Regionalliga-Mannschaft des HSV nichts Schlechtes abgewinnen könnte. Dazu sage ich: Es ist (leider) mein Ernst, dass ich nichts gegen einen Abstieg hätte. Wer sich als Talent nach „oben“ durchbeißen will, der wird es auch aus der Oberliga Hamburg. Zumal uns ja gerade zwei HSVer (ein Noch-HSVer), Jonathan Tah und Levin Öztunali gezeigt haben, dass es aus der Jugend (!) sogar ohne die Zwischenstation „Cardoso“ in die Bundesliga gehen könnte (oder kann?). In der Oberliga könnte der HSV zudem viel Fahrgeld sparen . . . Und auch die Platzmiete würde wegfallen. Es gäbe sicherlich einige Gründe mehr, die für einen Abstieg des HSV II sprechen würden. Wohl auch dieser Grund, dass eine (viel zu junge) Mannschaft deshalb absteigt, weil sie – vielleicht – zu schlecht ist.
18.08 Uhr