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Wie Jogi Löw dem HSV zum Klassenerhalt verhilft

18. März 2014

Er war noch nicht da. Zumindest nicht auf, dafür aber neben dem Platz: Pierre-Michel Lasogga. Der Angreifer, der sich am Montag in München noch einmal bei Dr. Müller-Wohlfahrt untersuchen ließ, konnte noch nicht voll einsteigen und absolvierte lediglich ein individuelles Programm mit Rehatrainer Markus Günther. Neben der allgemeinen Stärkung der Rumpfmuskulatur standen für den Torjäger heute Behandlungen, etwas Krafttraining und ein Waldlauf an. „Pierre macht alles, was er machen kann und geht an seine Grenzen“, sagt Trainer Mirko Slomka, der die Hoffnung auf einen Einsatz des Topstürmers am Sonnabend in Stuttgart noch nicht aufgegeben hat. „Die Chancen liegen bei 50:50“, so der HSV-Coach, „wir werden alles versuchen, dass er diese Woche noch ins Mannschaftstraining einsteigen kann.“ Allerdings gilt weiterhin, dass nichts riskiert wird. „Es ist deutlich besser und wir arbeiten gemeinschaftlich aber behutsam daran, ihn wieder auf den Platz zu bekommen. Wir werden den Muskel dabei ganz genau beobachten und hoffen, dass er bald wieder dabei ist.“


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Das müsste er allerdings auch, um schon am Wochenende in Stuttgart wieder dabei sein zu können, mit der Mannschaft trainieren. Eine Deadline gibt es dennoch seitens Slomka nicht. „Nein, Pierre ist einer, der nicht viel Zeit braucht, um wieder in die Mannschaft zu finden. Wichtiger dabei ist nur, dass er sich gut fühlt und keine Probleme mehr hat. Dann kann er uns sicher auch helfen.“ Ob die Verletzung tatsächlich nur eine extrem hartnäckige Verhärtung ist? Slomka weicht ein wenig aus, sagt aber: „Aus meiner Sicht ist es sicher auch eine leichte Zerrung gewesen, sonst hätte er nicht so lange pausieren müssen. Aber die Behandlung hat angeschlagen und ich hoffe, wir hoffen, dass Pierre diese Woche noch zurückkehren kann.“

Dem schließe ich mich nur zu gern an. Wobei ich dabei bleibe, dass Jacque Zoua am Sonntag seine Sache relativ betrachtet sehr gut gemacht hat. Er hat einfach das gemacht, was er kann, wobei Slomka mit dem Kameruner noch nicht gänzlich zufrieden ist. „Jacques war viel unterwegs, hat Kilometer abgerissen und gekämpft – aber kann noch mehr. Ich habe ihm gesagt, dass er nie stehen darf. Leider kam das noch vor. Ich weiß allerdings, dass er noch mehr kann, die Innenverteidiger noch konsequenter unter Druck setzen kann. Und daran messe ich ihn. Er muss auch an seine Grenze gehen.“

Harte Worte, denen heute Taten vorausgegangen waren. Denn die Spieler mussten heute wieder lange Wege machen. Im Spiel zunächst drei (Defensive) gegen vier (Offensive) auf mehr als dem halben Platz ebenso wie bei den extensiven 100-Meter-Läufen (2×50) anschließend. Auffällig hierbei: Hakan Calhanoglu legte ein enormes Durchschnittstempo an den Tag, während sein sportlich einst als Ziehvater angedachter Kapitän das Schlusslicht bildete: Rafael van der Vaart. „Er ist mit seinen Läufen aber im vorgegebenen Zeitlimit geblieben“, so Slomka, der weiterhin versucht, seinen Kapitän sportlich in die Spur zu kriegen. „Rafael hat eine Woche lang mit andauerndem, hohen Fieber pausiert und ist am Sonntag weite Wege gegangen.“ Dass die Kondition nicht für 90 Minuten gereicht habe, sei vorher ziemlich klar gewesen. „Daher kann ich nur sagen: Ich wünsche mir einen Kapitän genau so, dass er mir ein Zeichen gibt, wenn der Akku leer ist.“ So geschehen in der 82. Minute gegen Nürnberg. „Es ist besser für uns alle, wenn ein frischer Spieler kommt. Ich hatte von beginn an damit gerechnet, dass Rafa sich irgendwann meldet. Jetzt hat er so lang durchgehalten und bis dahin sein läuferisches Potenzial abgerufen.“ Stimmt. Gelaufen ist van der Vaart erneut relativ viel. Allerdings fehlen dem Niederländer die Läufe im hohen Tempo. Umso besser, das Slomka darauf im Training verschärften Wert legt. Und dass van der Vaart dann hinterherläuft, wundert Slomka nicht. „Er musste schon knapsen, ganz klar. Aber es ist umso wichtiger, dass er die Läufe mitmacht und durchzieht. Er war immer absolut im Zeitlimit – die anderen waren einfach nur zu schnell. Insofern ist alles in Ordnung.“

Gefallen hat Slomka gegen Nürnberg auch die Torschussquote. 26 Torschüsse sind eine überdurchschnittlich gute Quote. Zum Vergleich: Der alles und jedes Team dominierende FC Bayern München brachte es auf 23 Torschüsse. Gegen den BVB hatte der HSV 13, gegen Werder 11, gegen Frankfurt 15 und jetzt 26 Torschüsse – für Slomka das logische Ergebnis bei drei extravagant guten Schützen wie van der Vaart, Ilicevic und allen voran Calhanoglu auf der einen Seite. Auf der anderen Seite aber sieht Slomka seine Taktik aufgehen: Kampfbetontes Auftreten mit schnellem Umschalten nach der Balleroberung. „Bis auf Bayern München ist es in der Liga bei fast allen zu sehen, dass die meisten Großchancen aus Ballgewinnen im Gegenpressing resultieren, die dann mit schnellem Umschalten ausgenutzt werden. Dafür muss aber jede Mannschaft auch bereit sein, unnötige Wege zu gehen, unnötige Sprints zu machen. Nur so schaffen wir Räume für die Mitspieler, die nachkommen. Das haben wir in der letzten Partie über die Außenverteidigerposition gesehen. Da wurden Freiräume geschaffen durch Laufverhalten der Offensivspieler. Durch ihre Läufe wurden Freiräume für die nachrückenden Defensivspieler geschaffen. Auch auf der Sechs durch Tolgay Arslan, der immer wieder durchgestartet ist und Bälle im vorderen Drittel erlaufen, erarbeitet hat. Da müssen wir jetzt nur noch gezielter abschließen.“

Dass es erfolgversprechend ist, darin ist sich Slomka sicher. „Ich hab es ja initiativ für mich als wesentlichen Bestandteil der Deutschen bei der WM in Südafrika gesehen. Die Deutschen haben das fast bis zur Perfektion gespielt“, so Slomka, der bekanntermaßen sehr gut mit Bundestrainer Joachim Löw befreundet ist. 20 Spiele hat er in Südafrika gesehen – auch die Deutschen. Anschließend gab es Besprechungen mit Löw und dessen Assistenztrainer Hansi Flick, die ebenso wie Slomka von Harun Arslan betreut werden. Und er hat für seine Spielphilosophie einiges mitnehmen können. „Ich habe mich mehrfach mit Jogi Löw ausgetauscht und man sieht bei international großen Spielen auch in der Champions League immer wieder, dass die Aktionen nach Ballgewinnen, das Sprintverhalten mit schnellen Läufen nach vorn einfach grundsätzlich für Erfolg stehen. Und das kann man gern auch auf den HSV anwenden. Denn wir haben die Spielertypen dazu.“ Selbst die sprinttechnisch etwas schwächeren Spieler seien zumindest handlungsschnell.

Klingt ebenso gut wie einfach. Wobei Slomka nichts von einem sich verselbständigenden Aufwind hören will. Im Gegenteil. Immer wieder mahnt er zu frühe Zufriedenheit an. „Gerade Nürnberg hat gezeigt, was passiert, wenn man einmal kurz locker lässt. Da waren wir uns zu sicher, und dann passieren Fehler. Wäre dem nicht so gewesen, hätten wir sicher 2:0 gewonnen. Aber die Mannschaft macht auf mich nicht den Eindruck, schon zufrieden zu sein. Das sieht man auch im Training: Die Mannschaft marschiert, sie will, sie sind gierig. Das macht gerade besonders viel Spaß.“

Wobei Spaß sicher nicht wichtig ist angesichts der weiterhin brisanten Tabellensituation vor einer maßgeblich entscheidenden Woche. Erst Stuttgart mit neuem Trainer Huub Stevens und neuem Elan, dann unter der Woche am Mittwoch zu Hause gegen Freiburg. „Das ist für mich die aktuell wichtigste Woche, weil wir jetzt das wirklich nur kleine Zwischenziel, dass wir über dem Strich stehen, ab sofort verteidigen müssen. Schwierig wird es nur, weil viele im Umfeld in Hamburg immer sehr schnell schwärmen. Dabei ist es nach wie vor eine massive Drucksituation. Es ist ganz eng in der Tabelle und alle unter 30 Punkte müssen sich noch mal Gedanken machen, dass sie reingeraten können. Siehe Frankfurt. Die dachten sicher, sie schlagen Freiburg und sind erst einmal sicher. Aber das sind sie nicht.“ Noch weniger der HSV selbst, der am Sonnabend auf den VfB mit dem Rückkehrer Ibisevic und einem neuen Trainer trifft. „Das ist sicher nicht unwichtig. Huub Stevens ist ein sehr erfahrener Trainer und ich bin mir sicher, dass die Ordnung und Disziplin, die bei uns gegen Dortmund entscheidend war, in Stuttgart auf uns wartet. Die haben die gleichen Themen wie wir vor kurzem – und ein Huub Stevens versteht es wunderbar, die Euphorie mitzunehmen. Deswegen ist es sehr schwer, in Stuttgart etwas mitzunehmen. Aber wir wollen unsere Leistung gegen Nürnberg bestätigen.“

Mit viel Kampf, hoher Laufbereitschaft – aber auch spielerischer Qualität. „Ich habe vor Nürnberg schon gesagt, dass wir das kämpferische Element brauchen, um uns hier einen Vorteil zu erarbeiten. Aber im Hinblick auf unsere spielerischen und taktischen Möglichkeiten müssen wir auch die beachten. Ich glaube, dass wir nicht nur kämpfen können, sondern es auch viele Spiele geben wird, in der der HSV dominant auftritt. Daher müssen wir neben dem läuferischen ganz sicher auch den spielerischen Aspekt fordern und fördern.“

Überzeugende Worte gab es in Hamburg in den letzten Wochen, Monaten und Jahren immer wieder. Allein überzeugende Taten gab es selten. Schon deshalb ist der Nürnberg-Auftritt einer, der hoffen lässt. „Wenn wir nur die grundlegenden Dinge aus diesem Spiel in den restlichen Saisonspielen konservieren können, haben wir es selbst in der Hand“, ist sich Sportchef Oliver Kreuzer schon nach dem FCN-Spiel sicher gewesen. Und ich stimme ihm zu. Weil das Training endlich die Leistung auf dem Platz erklärt.

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird um zehn und nachmittags unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert.

Scholle

P.S.: Gefehlt haben heute übrigens auch Heiko Westermann, Rene Adler und Johan Djourou. „Heiko hat muskuläre Probleme, Rene Hüftprobleme und Johan Ärger mit dem rechten Oberschenkel“, so Slomka, ehe er teilweise Entwarnung gab: „Es handelt sich bei Rene und Heiko aber um Vorsichtsmaßnahmen. Das ist eher unproblematisch. Wir wollen nichts unnötig riskieren. Einzig bei Johan müssen wir abwarten, was die Röntgenaufnahmen uns zeigen. Es scheint nicht zu schlimm zu seien, allerdings wollen wir die Ergebnisse der Untersuchung abwarten.“

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