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Eine echte Charakterfrage

31. August 2010

Vorhang auf zum letzten Transferakt dieser Wechselperiode. Ich hatte es vorhin ja schon einmal in Kurzversion erwähnt, nun kann ich Euch ein paar mehr Informationen geben und dem ganzen Thema eine Wertung geben. Die wichtigsten News noch einmal in Kürze zusammengefasst. David Rozehnal ist so gut wie weg, er geht zum OSC Lille nach Frankreich, wo er heute noch einen Vertrag unterzeichnen wird. Rafael van der Vaart wird nicht verpflichtet. Und Mladen Petric bleibt trotz eines Last-Minute-Angebots aus Stuttgart im Kader von Armin Veh. Änis Ben-Hatira, der für ein halbes Jahr an den FC Watford verliehen hätte werden können, bleibt ebenfalls in der Hansestadt.

Kommen wir als erstes zum heikelsten Fall: Petric. Die meisten von Euch und auch ich haben ja schon jede Menge zum Kroaten und dessen Wechselgelüsten geschrieben, denen der HSV einen Riegel vorgeschoben hat. Lasst mich ihn als Schwerpunktthema noch einmal kurz intensiv beleuchten, ehe es von mir eine Abschlussbetrachtung gibt.

Grundsätzlich ist es ja so, dass mich die Wechselabsicht des Angreifers nicht mehr überrascht hat. Erst war er Vehs Lieblingsspieler, wie beschrieben, machte sich große Hoffnungen auf den ersten Posten in vorderster Angriffsreihe, setzte auf Torerfolge und Strafraumszenen. Dann kam die Vorbereitung, in der Trainer Veh auf Ruud van Nistelrooy als einzige Spitze im Zentrum setzte mit drei hängenden dahinter, von denen Petric oft die rechte Bahn zu beackern hatte. Petric glaubte zunächst an eine Übergangssituation, „bis die WM-Fahrer zurückkehren“, doch an seiner Rolle änderte sich auch nach dem Ende der WM-Urlaubszeiten nichts. Gegenüber Veh beklagte sich Petric über seine Rolle nie, aber einige Trainings- und Testspielleistungen wirkten schon wie Demoversionen der Marke „Ich bin hier deplatziert!“.

Als Petric jetzt beim zweiten Ligaspiel in Frankfurt 90 Minuten auf der Ersatzbank schmorte, dachte ich sofort: Oha, wenn da mal nicht einer noch Wechselgelüste aufbringt. Tatsächlich war es so, dass die Berater des Kroaten laut meiner Informationen schon am Sonntag nach dem Spiel den Markt sondiert haben, obwohl Petric noch am Freitag hatte verlauten lassen: „Wir haben so viele gute Spieler für so wenige Positionen auf dem Rasen, dass man auch mit einer Reservistenrolle mal leben muss.“ Am Montag, also gestern, ging beim HSV dann offenbar eine offizielle Anfrage aus Stuttgart für den Nationalspieler ein, der sich seit Sonntag im Kreise seiner Landesauswahl aufhält. Intern soll der HSV aber schon zuvor unmissverständlich festgelegt haben: Ein Verkauf Petrics käme nur infrage, wenn es eine gleichwertige Alternative gäbe und/oder die Ablösesumme derartig hoch wäre, dass sie komplett neue Möglichkeiten eröffnet hätte. Unterm Strich sollen die Schwaben zwischen drei und vier Millionen Euro für Petric geboten haben – zu wenig, um die HSV-Bosse von ihrer Richtlinie abweichen zu lassen. Das Angebot wurde heute Vormittag abgelehnt. Petric landete nicht auf der Transferliste, soll entsprechend enttäuscht sein, und beim HSV bleibt für Trainer Veh und Sportchef Bastian Reinhardt alles beim Alten.

Soll ich Euch etwas sagen? Ich finde, dass der HSV in dieser Personalfrage alles, aber auch wirklich alles richtig gemacht hat. Natürlich kann ich Petric und seine Unzufriedenheit verstehen, aber – und das wird der Kroate eben auch nachvollziehen können – es geht nicht um Einzelschicksale, um zu verteidigende oder auszubauende Torjägerstatistiken und Marktwerte, es geht um das sportliche Wohl des HSV. Und da kann man sich als rational handelnder Vereinsboss nicht allein auf Ruud van Nistelrooy verlassen. Als Trainer schon gar nicht. Mit Petric verfügt Veh über einen mehr als tauglichen Ersatz, den er zudem auf weiteren Positionen einsetzen kann. Darum betrachte ich die Entscheidung des Vorstandes auch nicht als Entscheidung gegen Petric, sondern als Votum für den HSV.

Einige von Euch und vielleicht sogar einige meiner Kollegen werden dennoch die Hände vors Gesicht schlagen und sagen: „Oh nein, jetzt verbreitet Mladen schlechte Stimmung!“ Ich würde es eher so sagen: Jetzt steht der HSV vor der ersten Charakterfrage, und Petric ist diesbezüglich ganz besonders gefragt. Der erste Frust wird beim Vollprofi Petric schnell verzogen sein, und er wird sich spätestens in einer Woche wieder voll auf seine HSV-Aufgaben beschränken können. Ich bin mal gespannt, ob er sich bis dahin „sauber“ verhält und mit öffentlichen Frustbekundungen geizt. Wäre geil, im Sinne des HSV.

Als Trainer und Vereinsvorstand würde ich den Stürmer an seinen eigenen Worten messen. Es ist keine sechs Tage her, dass Petric im Kreis der Hamburger Journaille getönt hat, dass er lieber in einer Mannschaft mit großen Qualitäten und Konkurrenz spiele als bei einem Verein, wo er mangels gleichwertiger Alternativen gesetzt wäre. Und er hat eindeutig klar gestellt: „Ich habe noch nie gestänkert und mache das auch nicht!“

Sollte es dabei bleiben, können wir Beobachter, die Fans und auch das Trainerteam auf weitere Wochen mit personellen Luxusproblemen freuen. Zu Einsätzen kommen die betroffenen Profis in solchen Petric-Lagen (dazu zählen ja auch Piotr Trochowski, Gojko Kacar und bald auch noch Dennis Aogo) ohnehin früh genug, dafür ist auch eine Saison mit Doppelbelastung einfach zu groß.

Was die anderen Personalien betrifft, so gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Rozehnals Abgang war programmiert und das Beste, was dem Tschechen und dem HSV passieren konnte. Van der Vaarts Möchtegern-Verpflichtung war, wie ich aus den innersten HSV-Gremien gehört habe, eine utopische Angelegenheit mit jeder Menge Wunschdenken, weil sich der Deal nie und nimmer finanziell realisiert hätte. Und Ben-Hatiras Verbleib beim HSV, wo er nur noch bei den Amateuren in der Vierten Liga zum Einsatz kommt, wundert mich nicht wirklich. Ehrlicherweise glaube ich, dass er seinen Durchbruch im ganz großen Profifußball nicht mehr schaffen wird. Ihm täte es gut, wenn er erst einmal einen oder zwei Schritte zurückgeht und sich bei einem Verein der Zweiten oder Dritten Liga nachhaltig durchsetzt, um so vielleicht doch noch die Mini-Chance des „zweiten Weges“ zu nutzen.

16:08 Uhr