Archiv für das Tag 'Leno'

„Lass meine Spieler in Ruhe!“

2. November 2014

Dass wir erst ein Matz-ab-Treffen machen mussten, ehe der HSV mal ein Heimspiel gewinnt… Leidenschaft am Freitagabend in Norderstedt (vielen Dank auch noch einmal an die Gastgeber des „Anno 1887“, die uns erneut ihre Räume zur Verfügung gestellt haben) – und es schien, als ob die Mannschaft davon gestern beim 1:0 gegen Bayer Leverkusen beflügelt worden wäre. Ich habe dazu heute beim Regionalliga-Spiel der U 23 mit einigen Fans gesprochen – und der Tenor war: „Das war ein Super-Spiel gegen Leverkusen. Wobei es eigentlich gar kein Spiel war, sondern ein Super-Gehacke. Trotzdem: weiter so!“

50 Fouls, neun Gelbe Karten – das war Saison-Rekord in der Bundesliga, und es ist sicherlich ein kleines Fußball-Wunder, dass es keine Platzverweise gab und zum Glück auch keine Verletzungen. Damit wären wir auch schon beim Schiedsrichter. Bayer Leverkusen hat Florian Meyer gestern als Hauptschuldigen des 0:1 von Hamburg ausgemacht. Trainer Roger Schmidt war überhaupt nicht einverstanden mit seiner Spielleitung, und dabei ging der Trainer gar nicht einmal auf den unstrittigen Elfmeter ein (Foul von Bayer-Keeper Bernd Leno an Marcell Jansen), der in der 26. Minute zum Tor des Tages durch Rafael van der Vaart führte. Schmidt beschwerte sich über Meyers ganze Spielleitung: „Ich fand nicht in Ordnung, was auf dem Platz passiert ist. Der Schiedsrichter hat es aber zugelassen. Das war teilweise eine Treibjagd.“ Schmidt bemängelte, dass der HSV mit vielen taktischen Fouls Chancen der Leverkusener im Ansatz zunichte machte, die dann aber nicht zu Gelben Karten führten.

Nun ist zumindest die letzte dieser Beschwerden sachlich nicht ganz richtig. Immerhin gab es sechs Verwarnungen gegen HSV-Profis. Man kann darüber streiten, ob Meyer nicht auf der einen, aber auch auf der Leverkusener Seite (Foul von Donati an Jansen kurz vor dem Wechsel) Rot hätte ziehen können oder müssen, doch generell haben sich die Leverkusener sicher vor allem geärgert, dass ihnen der HSV den Schneid abgekauft hat. Rudi Völler, der Sportdirektor der Werkself, sagte über den Schiri: „Es war zu erwarten, dass es hart werden würde. Aber wir hätten besser geschützt werden müssen vom Schiedsrichter mit Gelben oder Roten Karten, dass es so nicht geht. Das hat er nicht gemacht, und dann hören die Hamburger auch nicht auf. Ist ja ganz klar.“

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Jedenfalls hat die sehr hitzige Atmosphäre dazu geführt, dass es beim Gang in die Pause sogar zwischen den Trainern gekracht hat. Joe Zinnbauer wollte den Unparteiischen abfangen auf ein Wörtchen, aber sein Kollege Schmidt war schneller. Dann hat der HSV-Coach offenbar Schmidts Beschwerde über die Gangart der Hamburger aufgeschnappt und ist, gelinde gesagt, ziemlich aus der Haut gefahren. Medien-Direktor Jörn Wolf musste Zinnbauer zurückhalten, der immer wieder schrie: „Lass meine Spieler in Ruhe!“

„Es hat so ausgesehen, als wollte ich ihm an die Wäsche. Aber so war das nicht. Trotzdem war es nicht gut von mir, das muss ich auf meine Kappe nehmen“, so Zinnbauer mit etwas Abstand. „Das passiert mal, dass man emotional drauf ist. Aber wir haben uns anschließend auch wieder die Hand gegeben.“

Abseits dieser Diskussionen ist wohl unstrittig, dass genau diese harte und aggressive Gangart der Schlüssel war zum ersten HSV-Heimsieg seit Anfang April. Spielerisch mitzuhalten mit dem Champions-League-Teilnehmer – das haben sich die Hamburger offenbar von Beginn an abgeschminkt. Marcell Jansen: „Wir brauchen keine spielerische Entwicklung. Was wir brauchen ist, als Mannschaft gut zu stehen. Wir müssen als Mannschaft gut verteidigen – und wenn du dir irgendwann mal genügend Punkte erkämpfst, kommt das Spielerische hinten raus. Aber der umgekehrte Weg funktioniert nicht im Fußball.“ Und weil die HSV-Verantwortlichen wissen, wie schwer sich die Mannschaft auf dem Weg zum gegnerischen Tor tut, wird halt noch größerer Wert auf die Defensive gelegt. Was ja auch funktioniert hat, denn bis auf die Monster-Chance in der 94. Minute von Karim Bellarabi, dessen Schuss an den Innenpfosten des Hamburger Tores ging, sprang nur recht wenig Hochkarätiges für die Gäste heraus.

„Not in my house!“ So sagen es die Basketballer in der amerikanischen NBA, wenn sich ein Eindringling zu nahe an den eigenen Korb heranwagt. Dann wird aus dem körperlosen ganz schnell ein körperbetontes Spiel, in dem der Gegner mit aller Macht zurückgeschmettert wird. Diese Ausstrahlung hatte der HSV gestern. „Nicht in unserem Stadion!“, schienen sie den Leverkuseners mit jedem Angriffsversuch entgegen schmettern zu wollen.

Mir ist dabei eine Geschichte eingefallen, die mir ein Ex-Star mal aus den 80er Jahren erzählt hat. Da wurde das ganze im Vorwege erledigt. So dribbelte Wolfram Wuttke für den 1. FC Kaiserslautern im Volkspark auf. Er hatte den HSV kurz zuvor verlassen, seine Hamburger Zeit war bekanntlich keine Erfolgsgeschichte. Beim Wiedersehen in der Saison 1987/88 also, kurz vor der Europameisterschaft in Deutschland, zu der sich Wuttke große Teilnahme-Chancen ausrechnete, gab’s im Kabinengang unmittelbar vor dem Anpfiff das große Wiedersehen mit den alten Kollegen. Auch mit Verteidiger Ditmar Jakobs. Der schüttelte „Wolle“ freundlich die Hand – und sagte dann ganz ruhig: „Übrigens, wenn Du wirklich zur EM willst, dann bleib heute mal lieber von unserem Strafraum weg.“ Wuttke „gehorchte“ (er fuhr dann wirklich zur EM), der HSV gewann mit 5:1 (Jakobs hatte sein Ziel erreicht). Ich hoffe, derjenige, der mir diese Anekdote mal anvertraut hat, ist jetzt nicht sauer (es war nicht Jakobs selbst!) – aber inzwischen ist der Vorfall ja auch verjährt.

Gestern stand natürlich alles unter dem Stern mit dem Namen „Hakan“. Schmäh- und Pöbelgesänge gegen den früheren HSV-Spieler gab es fortwährend, das war ja klar. „Vor dem Spiel war es im Stadion schon ziemlich hitzig durch Hakan“, sagte Heiko Westermann (diesmal ohne Fehler). „Aber für uns war es einfach wichtig, den Dreier einzufahren. Es ging nicht um Hakan. Das haben wir alles bravourös gemeistert.“ Calhanoglu selbst konnte diese Partie nicht prägen. Der eine oder andere Freistoß kam, er schoss auch vier Mal aufs Hamburger Tor, aber meistens zu harmlos für Jaroslav Drobny (diesmal ebenfalls ohne Fehler). Von den Rängen ließ sich der Ex-HSVer jedenfalls nicht provozieren, und zum Glück sind auch die reichlichen Gegenstände (Feuerzeuge u.ä.) in der ersten Halbzeit bei der Freistoß-Aktion vor der Nordtribüne an ihm vorbei geflogen. „Hakan hat sich nichts anmerken lassen. Er hat auch schon vorher einen glasklaren Eindruck gemacht. Ich wusste, er würde der Situation gewachsen sein“, lobte Roger Schmidt seinen Schützling. Und damit wirklich genug zu diesem Spieler.

Aber halt: ein Schlenker muss noch sein. Rafael van der Vaart hat sich in diesem Spiel nach einer ziemlich harten Grätsche – ausgerechnet gegen Calhanoglu – die Gelbe Karte abgeholt. Das war ein Zeichen! Und in diesem Spiel nicht das einzige von van der Vaart. Er hat Verantwortung übernommen und die Stimmen, die in den vergangenen Wochen einen Abgesang auf ihn angestimmt haben, zumindest etwas leiser werden lassen. Dass er überhaupt auf dem Rasen stand, war ja schon überraschend. Läuferisch nicht mehr stark genug, Luft nur für 60 Minuten, keine Führungsfigur – diese Vorwürfe trafen van der Vaart, und er hat sie alle durch seine mäßigen Leistungen in den vergangenen Monaten untermauert. Doch die Pause durch seine lange Wadenverletzung scheint nun auch sein Gutes zu haben.

Zwar stimmt die Einschätzung, dass der Kapitän ganz offensichtlich nicht die Luft hat für 90 Minuten. „Rafael war kämpferisch ein Vorbild und wollte auch viele Dinge spielerisch gut lösen“, befand Joe Zinnbauer. „Aber man hat auch gesehen, dass er noch nicht bei 100 Prozent ist. Wir hoffen, das wird er bald erreichen.“ Dennoch: Van der Vaart hatte gute Laufwerte (mehr als 7,5 Kilometer in 62 Minuten) und einen guten Einfluss auf das Spiel. Und: Er hat das Tor des Tages gemacht. „Ehrlich gesagt, ich habe die Augen zu gemacht und so hart wie möglich geschossen. Glücklicherweise war er drin.“

Gibt es also doch eine gemeinsame Zukunft für das Mittelfeldduo van der Vaart/Holtby? „Es kann auch nächste Woche wieder anders aussehen“, sagte Trainer Zinnbauer zu diesem Thema. Da werden sicher die Trainingseindrücke eine große Rolle spielen, wobei ich jetzt schon die Tendenz sehe, van der Vaart für einen laufstärkeren Spieler herauszunehmen. Doch das bleibt nun abzuwarten. In jedem Fall ist Rafael van der Vaart aufgefordert, seine Leistungssteigerung zu bestätigen. Dass er nach seinem Treffer effektvoll auf die HSV-Raute auf seinem Trikot geklopft hat, ist ja erstmal schön anzusehen. Doch nachhaltige Leistungen wären allen, die mit dem HSV zu tun haben, auf Sicht bestimmt lieber.

Noch wichtiger als van der Vaart war für den HSV gestern wohl Valon Behrami. Fußball-Direktor Peter Knäbel hat dem Schweizer, der – obwohl angeschlagen – auf die Zähne gebissen hat, ein Sonderlob ausgesprochen. Und da wollte auch Joe Zinnbauer nicht hintenan stehen: „Er hat ein überragendes Spiel gemacht. Normal hätte er nicht spielen können. Schon in der Halbzeit konnte er eigentlich nicht mehr. Kurz nach der Pause wollte er auch mal raus, aber dann habe ich nichts mehr gehört. Er hat sich aufgeopfert für die Mannschaft. Das ist sensationell. Aber seine Präsenz brauchen wir auf dem Platz. Auch wenn man es optisch nicht sofort erkannt, weil er nicht die tollen Pässe spielt. Aber er räumt unheimlich viel ab.“

Was die Laufwerte des Teams angeht, war das diesmal alles nicht so doll. Der HSV landete bei 110 Kilometern, das ist extrem wenig, ist sicher aber auch den ständigen Unterbrechungen und Spielpausen geschuldet.

Heute war nun also fußballfrei für die Profis, die sich stattdessen auf den Weg zu ihren Fanclubs machten. Über Twitter flogen Fotos von lächelnden HSVern durchs Netz. Drobny in Reppenstedt, Lasogga in Nordhausen, Djourou in Hohenlockstedt – da lässt es sich nett diskutieren mit diesem Erfolgserlebnis im Gepäck. Es war das vierte Heimspiel in der Bundesliga unter Joe Zinnbauer – und zum vierten Mal Beifall des Publikums. Drei Treffer sind den Hamburgern in diesen Spielen nur gelungen, aber der Einsatz stimmte. 0:0 gegen die Bayern, 1:2 gegen Frankfurt, 1:1 gegen Hoffenheim, jetzt 1:0 gegen Leverkusen. EIN Ziel vor Saisonbeginn war es, die Begeisterung der Fans neu zu entfachen mit leidenschaftlichem Fußball. Es wird nicht immer solch eine Schlacht sein wie gestern, aber es gibt doch das eine oder andere Indiz für Besserung. Nicht nur beim Blick auf die Tabelle, die mal wieder einen grünen Pfeil nach oben neben dem HSV sieht.

Verbessern kann sich die Zweite Mannschaft des HSV nicht mehr. Die schwebt in der Regionalliga Nord schon über allen anderen, und deswegen war das 0:0 heute gegen den SV Meppen schon eine Überraschung. 15 Spiele, 13 Siege, zwei Unentschieden – so lautet die Zwischenbilanz. 750 Zuschauer an der Hagenbeckstraße haben diesmal nicht den gewohnten Schwung gesehen, aber das muss auch mal drin sein, nachdem das Team von Trainer Daniel Petrowsky die FT Braunschweig in der Vorwoche mit 10:0 gedemütigt hatte. Trotzdem hatten die Hamburger heute die besten Chancen, aber Nils Brüning (44., Pfosten) und der eingewechselte Said Benkarit (88., Latte) vergaben sie.

Und so spielte der HSV II: Brunst – Götz, Jung, Carolus, Marcos – Steinmann, Mende – Arslan, Cigerci (70. P. Müller), Gouaida (70. Masek) – Brüning (82. Benkarit)
Gelb-Rote Karte: Carolus (63., wiederholtes Foulspiel)

Die Profis haben morgen noch einmal richtig frei, ehe es am Dienstag um 10 Uhr mit der nächsten Einheit weitergeht. Es wird die erste von sechs sein auf dem Weg nach Wolfsburg am kommenden Sonntag.

Lars
18.34 Uhr

Nachtrag: Jetzt habe ich vergessen, etwas über Manfred Kaltz zu schreiben, der laut “Bild am Sonntag” ein Angebot für die Teilnahme am Dschungelcamp hat. Aber irgendwie fällt mir da auch nichts Gescheites ein…

“Hier haben wirklich alle wieder richtig Spaß!”

19. Oktober 2012

Wahnsinn, wie unser Blog-Netzwerk funktioniert. Da stehe ich mit zwei Bloggern, unterhalte mich – und binnen weniger Minuten ist sogar der Inhalt des Gesprächs online. Nicht hundertprozentig korrekt wiedergegeben – aber online und für alle zugänglich. Ebenso wie die beste Nachricht es Tages: Rafael van der Vaart ist fit. „Ich kann spielen, der Trainer hat Grünes Licht, mich aufzustellen“, so der Niederländer auf Nachfrage. Leichte Adduktorenprobleme hätte der Topspieler des HSV nach seinen beiden Länderspiel(tor)en für die niederländische Nationalelf gehabt, wurde gestern mitgeteilt – und heute belächelt. „Ich wusste von Beginn an, dass er spielen können würde“, so Trainer Thorsten Fink mit einem Lächeln, „aber man weiß ja nie. Am Donnerstag haben wir ihn geschont, heute hat er voll mitgemacht. Ohne Probleme. Deshalb ist er am Sonntag auch dabei.“

Van der Vaart machte tatsächlich ohne Probleme mit. Mehr noch: das Abschlussspiel, das die A-Elf haushoch (auch wenn Fink behauptetet, es wäre nur 3:0 gewesen) gewann, dominierte der Niederländer mit seinen Geistesblitzen. Hier mal ein kleiner Stoß mit der Fußspitze, hier ein No-Look-Pass (passen, ohne dabei in die Passrichtung zu gucken) und dort ein Tor – van der Vaart war extrem spielfreudig. „Ich bin in Hamburg wieder fit und glücklich“, so der Mann mit der Rückennummer 23. „Das war in Tottenham auch so – aber hier herrscht ein ganz anderer Druck. Das ist schöner.“ Zumal dem Niederländer das ihm entgegengebrachte Vertrauen, die hohen Erwartungen an ihn sowie natürlich die mit ihm verbundene Hoffnung schmeicheln. Und das ganze Lob scheint nicht abzuebben. Heute wartete ein holländischer Radioreporter auf van der Vaart, um anschließend auch Fink über seinen neuen Top-Scorer zu befragen. Und Fink holte weit aus: „Rafa wollten alle im Klub. Es gibt wohl keinen bei uns, der ihn nicht mindestens einmal angerufen hat, um ihm Hamburg nahezulegen. Und mit ihm haben wir das Winner-Gen dazubekommen. Neben ihm wachsen die anderen, die vorher noch an sich gezweifelt haben. Er ist mein verlängerter Arm, der mir Feedback gibt.“

Worte, die den erfahrenen van der Vaart zwar nicht zwingend die Schamesröte ins Gesicht treiben. Aber sie spornen auch einen Star wie ihn noch an. „Es macht mir auch Spaß hier“, so der Linksfuß, der für seine Pause am Donnerstag die Anstrengungen der letzten Wochen seit Bekanntwerden seines Wechsels zum HSV anführte. „Ich habe sehr viel gespielt und wenig geschlafen. Aber die Pause war nicht nur für den Körper gut, sondern auch für mich“, sagt van der Vaart, dem ich angesichts des heutigen Trainings geneigt war, alles zu glauben. Und ganz ehrlich, sollte ein Tag Pause immer solche Folgen haben, dann bitte, Herr Fink: Schonen Sie Rafael van der Vaart morgen noch einmal. Es lohnt sich…

Wobei, genau das soll zu seiner Zeit beim HSV ein gewisser Bruno Labbadia anders gesehen haben. So zumindest wird sich erzählt. Dass das so nicht wahr ist, dürfte jedem Fußballkenner klar sein. „Der HSV hat sehr teuer aber auch sehr gut eingekauft“, lobt der heutige Stuttgart-Trainer die Verpflichtung eben jenes van der Vaarts, bezieht dabei aber auch Milan Badelj und Petr Jiracek mit ein. „Ich bin auch wenig überrascht, dass der HSV so gut dasteht. Die Mannschaft wurde immer schlechter gemacht, als sie war.“ Und wenn es glücklicherweise in Hamburg schon keiner macht, dann wenigstens die Gegner: „Der HSV hat ganz klar die Möglichkeit, noch viel weiter nach vorn zu klettern. Es ist eine Mannschaft, die in die Europa League kommen kann.“

Ist ja auch nicht sein Druck, den er da aufbaut.

Wobei Labbadia nach seinem verpatzten Saisonstart und seiner drastischen Wutrede vor zwei Wochen beim nächsten HSV-gegner mächtig unter Druck steht. Manager Fredi Bobic leugnet das branchenüblich noch, aber viel erlauben darf sich der VfB nicht mehr, will man dort seinen Trainer behalten. Ob er den Druck spürt? Labbadia verneint: „Ich habe keinen Druck. Ich freue mich auf das Spiel.“

Klar, was soll er auch anderes antworten. Dabei bin ich mir sicher, dass Labbadia weiß, dass eine Niederlage sein Aus besiegeln könnte. Dafür hat der VfB trotz der minimalsten Ausgaben in der Ersten Liga (keiner gab weniger als der VfB _ 200000 Euro – aus) zu hohe Ansprüche. Immerhin sind die Schwaben in der letzten Saison mit einer nahezu identischen Mannschaft in die Europa League eingezogen. Allerdings, und das muss man dazu sagen, hat Labbadia nicht zuletzt durch den Kreuzbandriss Cacaus (Gute Besserng aus Hamburg!) erhebliche Probleme in der Offensive. Inzwischen steht dem akribischen Coach nur noch Vedad Ibisevic zur Verfügung. „Viel darf nicht mehr passieren“, sagt Labbadia, der gern noch einmal kurz vor Transferschluss 17 Millionen Euro wie der HSV ausgegeben hätte. Dennoch, und so war der Ex-Bayern-Profi in Hamburg auch, Labbadia bleibt klar. Loyal eben. „Das wünscht sich natürlich jeder Trainer. Aber ich gehe den Weg des Vereins.“ Und der heißt: Sparen.

Kennen wir doch auch irgendwoher, oder?

Und nur um eines klarzustellen: ich halte Labbadia samt seinem Cotrainer Erdinc „Eddy“ Sözer für einen sehr guten Trainer. Dass er in Hamburg gescheitert ist, hat mich dennoch nicht überrascht, da Labbadia als weitgehend beratungsresistent zu Hamburger Zeiten keinen Sportchef an seiner Seite hatte – wenn man Bernd Hoffmann und Katja Kraus mal nicht als solche werten mag. Aber ich bin mir sicher, dass Labbadia mit Dietmar Beiersdorfer zusammen in Hamburg großen Erfolg hätte haben können. Immerhin bestätigen selbst die Spieler, die bei Labbadia durchs Rost fielen dem Deutsch-Italiener fachliche Qualitäten, wie sie selten zu sehen sind.

Aber okay, wo wir schon bei Konjunktiven sind: Stellt Euch mal vor, Sven Ulreich hätte nicht so hervorragend gehalten in den letzten Jahren. Dann wäre Rene Adler heute nicht in Hamburg.

Warum?

Immerhin verdrängte Ulreich so Bernd Leno beim VfB, den wiederum Leverkusen nach seiner Leihphase unbedingt weiterverpflichten wollte und konnte. Wäre aber Leno zurück nach Stuttgart – Leverkusen hätte Adler wohl niemals ziehen lassen…

Insofern: Danke Sven Ullreich! Danke Bernd Leno!

Ein großer Dank geht auch an Milan Badelj, der am Sonnabend beim Abschlusstraining wieder mitmischen soll und nach eigener Aussage spielen will. Der Kroate ist hart im Nehmen und will trotz Bänderanrisses mit einem bandagierten Knöchel alles geben. „Klar ist aber auch, dass ich ihn nur dann bringe, wenn er 100 Prozent geben kann“, sagt Fink, der die Einsatzwahrscheinlichkeit Badeljs auf 60:40 schätzt. „Es ist eben ein reines Schmerzproblem“, so Fink, wissend, dass Badelj nach eigener Aussage zur Not auch ein, zwei Schmerztabletten nehmen will, um zu spielen.

Sollte Badelj wider Erwarten nicht auflaufen können, will Fink wie heute im Abschlussspiel auflaufen. Soll heißen: Jiracek rückt ins zentral-defensive Mittelfeld und Maxi Beister auf die linke Außenbahn. Das Riesentalent hat seine Rückenprobleme („Ich habe mir einen Nerv eingeklemmt, den wir mit zweimal Physio und Strombehandlung in den Griff bekommen haben“) auskuriert und brennt auf seine Chance. „Ich habe immer gesagt, dass ich geduldig bin“, sagt Beister und lacht dabei, „vielleicht bekomme ich ja jetzt meine Chance.“

Wie Beister herrschte heute bei den HSV-Spielern allgemein gute Laune. Nach Trainingsende wurden weiter fleißig Standards, Torabschlüsse und für die Torhüter Flankenbälle geübt. Oder es wurden bereitwillig Autogramme geschrieben und Interviews gegeben. „Es macht einfach allen wieder Spaß“, sagt Dennis Diekmeier, selbst ein Gewinner der letzten vier Spiele. „Der Erfolg trägt dazu bei. Deshalb gibt es für uns für Sonntag auch nur ein Ziel: Gewinnen“, so Diekmeier, der in seiner noch jungen Karriere ausgerechnet gegen den VfB in fünf Spielen noch nie gewinnen konnte. Aber – und das ist das gute Omen – das galt für Diekmeier auch vor dem Spiel gegen Dortmund. „Insofern kann ja nichts mehr schiefgehen“, so der Rechtsverteidiger, der ebenso wie Fink daran glaubt, dass sich der HSV mit einem Sieg im Mittelfeld vorerst festsetzen wird. Wobei der Trainer beim holländischen Radioreporter noch weiter ging. Auf die Frage, was denn das Ziel mit dem HSV in dieser Saison sei, antwortete er: „Wir wollen einen einstelligen Tabellenplatz – und jetzt auf dem Boden bleiben. Wenn wir jetzt nicht abheben und weiter Punkte sammeln, ist das auch drin.“

Absolut. In diesem Sinne: Bis morgen. Dann wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert und Dieter ist wieder am Ball. Sogar die nächsten drei Wochen lang, da ich mich vorerst in meinen Urlaub (der erste 2012) verabschiede und mich am 12. November wieder zurückmelden werde. Ich hoffe, dass wir bei meiner Rückkehr sieben Punkte mehr auf dem Konto haben, der NTSV sogar 9. Ich hoffe, dass beim HSV alle zuletzt angeschlagenen Spieler zurückkehren und Trainer Thorsten Fink ein mächtiges Problem in Sachen Kaderberufung (am Sonntag ist übrigens Paul Scharner dabei, Rincon und Kacar noch nicht) hat. Und vor allem hoffe ich, dass Ihr alle hier genau wie in den letzten Tagen und Wochen weiter so konstruktiv diskutiert. Unterstützt Dieter bitte, denn 21 Tage lang jeden Tag einen Blog schreiben ist anstrengend. Körperlich wie mental. Ich weiß das zu beurteilen…

In diesem Sinne, uns allen weiterhin schöne Fußballtage!

Bis bald,

Euer Scholle

In eigener Sache
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