Archiv für das Tag 'Lazio'

Nähkästchen für Beckmann

6. September 2009

Diesen Sonntag ist der Tag der Legenden. Am Millerntor spielen auch viele HSV-Helden. Männer, die viel für den Klub getan haben, Kapazitäten, die umjubelt und gefeiert wurden, Stars, die noch heute die Raute im Herzen haben, ganz fest sogar. Das weiß ich sicher. Und wer von Euch heute noch Zeit hat, den bitte ich, sich für diese gute Sache, die da von 12 bis 17.30 Uhr über die Bühne geht, zu engagieren. Es ist mir ein Herzensbedürfnis, Euch das zu schreiben, denn der Mann, der dieses Spektakel zum fünften Mal auf die Beine gestellt hat, hat es ganz einfach verdient, dass man ihn unterstützt: Reinhold Beckmann.

Der Mann ist klasse, der ist super, der ist sensationell. Und er ist, das kann ich aus eigener Anschauung sagen, ein ganz feiner Mensch. Ohne Allüren. Wobei ich mir sehr wohl vorstellen kann, dass einige anders denken, denn über Prominente wird so oft, viel zu oft so viel Blödsinn erzählt. Ich aber frage: Kennt Ihr Reinhold Beckmann? Wenn nicht, dann kläre ich Euch hiermit auf, dann solltet Ihr auf einen hören, der ihn kennt. Und ich sage Euch verlässlich: Reinhold Beckmann ist großartig.

Und er tut viel für die Hamburger Jugend. Mit seinem Verein Nestwerk. Auch das müsste Euch ja allen liegen – das Thema Jugend. Denn die hat es heute schwer, ich glaube sogar sagen zu dürfen, viel, viel schwerer als wir es damals hatten. Und wenn es Euch heute vielleicht besser geht als denen, für die mit und durch die Legenden nun wieder Geld in die Nestwerk-Kasse kommen soll, dann geht bitte, bitte an diesem Sonntag ans Millerntor, auch wenn es für einige von Euch „Feindesland“ sein sollte. Springt aber mal über Euren Schatten. Und wenn Ihr es letztlich nur tut, um den alten HSV-Recken zuzujubeln. Bitte!

Wobei ich leicht irritiert bin, und es auch wirklich schade finde, dass Lotto King Karl keine Einladung für diese tolle Veranstaltung bekommen hat – sicher nur ein Versehen, es muss ein Versehen sein.

Mit von der Partie ist aber Thomas Doll, er ist bereits am Freitag aus Ankara angereist. Der Trainer Doll ist mit einer allerhöchstens mittelprächtigen Mannschaft von Genclerbirligi (zuletzt 4:0-Sieg über Kasimpasaspor) ungeschlagener Tabellensechster. Das aber nur am Rande.

Ich möchte, weil der „verlorene Sohn“ gerade einmal wieder in der „Heimat“ ist, eine Geschichte von 1990 erzählen. Doll wechselte zu Lazio Rom, hatte damit – unwissentlich – den HSV vor dem finanziellen Ruin gerettet (mit Jürgen Hunke als hart verhandelndem Präsidenten). Das Abendblatt schickte mich damals zum ersten Punktspiel nach Rom, Doll hatte mich zuvor angerufen und gebeten, seine in Hamburg vergessenen Klamotten von der deutschen Nationalmannschaft, die sich Tage später in Frankfurt treffen sollte, mitzubringen. Dadurch hatte ich drei Gepäckstücke, die ich aufgeben musste. In Rom gelandet, herrschte Streik bei den Zöllnern. Alle Ampeln für die ankommenden Passagiere standen auf Rot. Alle mussten warten. Und warten und warten. Zehn Minuten, 20 Minuten, 25 Minuten. Es war 12.30 Uhr, um 15.30 Uhr sollte das Spiel Lazio gegen Parma beginnen. Mir schwoll mein Kamm! Nichts, absolut nichts bewegte sich. Nur das Gepäck, das drehte sich unterdessen irgendwo auf diesem lahm gelegten Flughafen.

Ich trat aus der Schlange heraus, sprach einen Polizisten an, der ungefähr 1,95 Meter groß war und einen „Lieferantenausgang“ bewachte. Er blickte über mich hinweg. Ich schilderte ihm meine Notlage, dass ich gleich wieder nach Hamburg fliegen könne, wenn ich jetzt nicht hier raus käme. Der Polizist hatte nicht einen Blick für mich, er schwieg. Und ich fixierte ihn ständig mit meinem immer böser werdenden Blick. Nach einer oder auch zwei Minuten sagte er schroff: „Go!“ Ich durfte durch den Lieferantenausgang. Endlich.

Das Gepäck suchen, das Gepäck greifen, war fast eins. Dann suchte ich eine Taxe. Aber auch die streikten. Typisch. Und wie passend für mich. Es gab nicht eine Taxe. Weder oben noch unten, null. Plötzlich stand ein „Luigi“ vor mir, fragte leise: „Du brauchen Taxi?“ Natürlich. Er: „Kostet aber doppelte Tarif.“ Ich: „Macht nichts, muss ganz schnell zum Olympiastadion.“ Wir hechelten um acht Ecken herum, dann erreichten wir einen uralten weißen Mercedes, die Frontscheibe war zersplittert. Wir fuhren 800 Meter – und standen in einem Stau. Es bewegte sich nichts. Luigi: „Ich kennen Schleichweg, du willst?“ Natürlich. Er: „Kostet aber doppelte doppelte Tarif.“ Na klar, natürlich, selbstverständlich. Der Not gehorchend sagte ich zu, ich hatte ja keine Alternative. Eine Stunde vor dem Anpfiff war ich im Hotel neben dem Stadion. Ich ging auf mein Zimmer, machte mich schnell frisch, ging an mein (und Dolls) Gepäck – und griff. Ich griff und griff und griff. Ins Leere. Meine ganze Fotoausrüstung war weg. Eine Katastrophe. Geklaut, als wir an der Passkontrolle warten mussten. Und nun?

Wahnsinn, was sollte ich ohne Fotoapparat bei Doll in Rom?
Wie ein Tropf schlenderte ich Richtung Stadion. Die Karte war hinterlegt, ich ging auf meinen Sitzplatz – todtraurig. Und plötzlich klopfte mir ein Mensch auf die Schulter. Im wildfremden Rom klopfte mir ein Mensch auf die Schulter, unglaublich! Ein Kollege aus Ost-Berlin, der vorzugsweise über den BFC Dynamo (ich bin ja lernfähig!) geschrieben hat. Klaus Feuerherm hatte sogar einen Fotoapparat dabei – und war somit meine Rettung. Drei Tage blieben wir gemeinsam bei Doll in Rom, der Lazio-Star fuhr mit uns zu den Sehenswürdigkeiten der ewigen Stadt. Doll, der etwas andere Stadtführer.

Und immer dann, wenn Thomas Doll (ich sage bewusst nicht mehr Dolly) etwas nicht geschrieben haben wollte, sagte er uns: „Das bitte nicht schreiben.“ Zweimal aber vergaß er diesen Zusatz, und ich, wieder in Hamburg, schrieb es. Und zwar das: Vor Dolls Hotel stand ein roter Ferrari. Doll sagte: „Den fährt ein Brasilianer von uns, der ist Verteidiger, spielt aber nicht – bei uns fahren auch die Ersatzspieler Ferrari.“

Die zweite Geschichte, die Doll erzählte: „Ich stand zum ersten Mal in der Umkleidekabine, zog mich für das Training um. Plötzlich lachten einige Kollegen über mich. Auf die Frage warum, fragten sie, ob ich meine Uhr im Überraschungs-Ei gefunden hätte? Alle trugen sie Rolex und Co, aber auch ich hatte eine ganz teure Uhr. Die hatte ich mir an meinem letzten Tag in Hamburg gekauft. Ich hatte eine Autogrammstunde bei Karstadt, erhielt Bargeld – und gönnte mir diese Uhr, die teuerste meines Lebens. Und die Kollegen lachten. . .“

Nichts mehr zu lachen hatte danach ich. Lazio Rom wusste, dass ich Doll besucht hatte, Lazio Rom ließ sich das Abendblatt nach Rom schicken, Lazio Rom bat dann Thomas Doll zum Rapport. Und beschied ihm, solche Geschichtchen ab sofort zu unterlassen, sonst würde es eine Geldstrafe geben. Und was machte Thomas Doll? Er sagte meinem Kollegen Jens Meyer-Odewald, der ihn kurz darauf bei der Nationalmannschaft getroffen hatte, dass er in Zukunft kein Wort mehr mit mir wechseln werde. Wege dieser zwei Geschichten.

Erst Monate später, fast ein Jahr später sogar, ich glaube es war das Ablösespiel für Doll, trafen wir uns wieder. Unsere Wege kreuzten sich im Volksparkstadion im Aufgang vor der Ostkurve Richtung Kabine. Wortlos, als hätten wir uns nie angeschwiegen, als hätte es nie Ärger gegeben, nahmen wir uns genau so, wie sich zwei gute Freunde begrüßen, in die Arme, und damit war dann dieses unerfreuliche Kapitel auch beendet.

Was ich daraus gelernt hatte, was alle lernen können, die Thomas Doll viel lieber kennen: Er kann auch anders, er kann auch hart sein, kompromisslos hart. Da wird er unterschätzt. Es gibt eben nicht nur den lieben, den netten, den burschikosen jungen Doll von nebenan, sondern auch einen, der genau weiß, was er will. Deswegen hoffe ich für ihn, dass er schon bald wieder einen Trainer-Job in der Bundesliga bekommt – wenn er sich nach dem Wunder (?) mit Genclerbirligi wieder in beste Erinnerung gebracht hat. Dass Thomas Doll etwas kann, mehr als andere sogar, hat er nicht zuletzt durch die Rettung mit dem HSV bewiesen.
Ich wünsche ihm nun einen wunderschönen Sonntag am Millerntor – und Euch natürlich auch. Und ich drücke Euch ganz fest die Daumen, dass Ihr ein etwas besseres Fußballspiel seht, als das am späten Sonnabend in Leverkusen. Das war vom Resultat her okay, und fand noch einen versöhnlichen Abschluss, als Piotr Trochowski wenigstens noch für ein paar Minuten eingewechselt wurde. Und mal ehrlich: Was kann eigentlich Arne Friedrich besser als Jerome Boateng? Ich behaupte: nichts. Es ist eher umgekehrt. Da Boateng ohnehin beim der WM 2010 spielen wird, wäre es sehr gut für ihn gewesen, wenn er jetzt schon einige Länderspiel-Einsätze bekäme, um die Nervosität, die er sicherlich in der A-Mannschaft noch hätte, frühzeitig ablegen zu können. Aber: Chance verpasst. Für Bundestrainer Jogi Löw.

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