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Kacar spürt das Vertrauen des Trainers

7. August 2014

Der HSV ist wieder da! Nicht nur aus dem Trainingslager zurück, sondern auch bei den Hamburgern und überhaupt wieder angesagt und angekommen. Ich habe einen Trainingstag wie heute noch nicht mitgemacht, und wenn doch, dann ist er schon lange, lange her. Der Volkspark meldete „ausverkauft“, so viele Menschen drängelten sich beim Training am Nachmittag auf der Anlage herum. Alle Achtung! Die Leute erinnern sich an ihren HSV, sie gehen wieder HSV, sie hoffen und sie sind wieder, doch wieder mit dem Herzen dabei. Ich glaube, dass heute über 1000 Zuschauer dabei waren, was natürlich auch daran liegt, dass Ferienzeit ist, aber diese kostbare Zeit könnte man sich ja eigentlich auch etwas anders um die Ohren schlagen, als ein Training des Tabellen-Drittletzten der Bundesliga zu besuchen. Aber die Leute spüren, dass sich etwas tut im Volkspark, dass es langsam wieder bergauf geht – oder besser, bergauf gehen könnte. Die Hoffnung ist in den Volkspark zurückgekehrt.

Das, wo vor Wochen oder Monaten schon viele das Weite gesucht haben – oder es auf jeden Fall angekündigt hatten. Ich bin ja auch restlos davon überzeugt, obwohl das eine ganz andere Sache ist, dass die Mädels und die Jungs aus dem Nord-Westen demnächst doch wieder dabei sein werden. Sie hatten doch einst nur eines im Herzen: die Raute. So etwas schmeißt man nicht weg. Jedenfalls nicht so mir nichts dir nichts. Wenn der HSV wieder wie der HSV spielt, soll heißen, wie einst im Mai (1983), dann kommen sie alle zurück, ich denke es und hoffe es auch.

Eine ähnliche Situation hat ja auch das Vorstandsmitglied Joachim Hilke vorgefunden. Es wollten viele betuchte HSV-Fans den Verein verlassen, keine Karten, keine Logen, nur weg! Etliche haben es auch durchgezogen, das wissen wir alle, der HSV muss in Sachen Business noch deutlich zulegen. Das aber wird nur dann gelingen, wenn das, was die Mannschaft spielt, auch endlich mal nach Fußball aussieht. Nur schönreden jeden noch so grottigen Kick, das langt eben nicht mehr. Das haben die Leute zwar spät gelernt, aber sie haben es immerhin gelernt. Und jetzt muss der HSV strampeln, jetzt sind alle gefragt, Spieler, Trainer, Verantwortliche mit Schlips und Kragen. Aber die Fans, wie schon geschrieben, die spüren, dass sich etwas tut. „Es sind schon wieder einige zurückgekehrt, es tut sich etwas“, sagt Hilke, der aber auch gleich hinzufügt: „Wir sind noch lange nicht da, wo wir sein wollten und wollen, aber es ist deutlich ein positiver Trend erkennbar. Die Leute geben uns eine neue Chance.“ Noch lange nicht alle, noch lange nicht genug, aber immerhin. Joachim Hilke sagt aber auch ganz klar: „Wir müssen und werden den Ball flach halten, keine Frage, wir werden keine großen Sprüche klopfen, sondern arbeiten, arbeiten, arbeiten, um wieder mehr Kredit von den Leuten zu bekommen.“ Und er sagt auch: „Wir müssen uns konsolidieren, und das müssen wir sinnvoll und vor allen Dingen strukturell mit einem Plan in die Tat umsetzen. An diesem Plan müssen wir festhalten, und diesen Plan müssen sich alle halten, nur dann wird uns die Trendwende gelingen. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir auf dem richtigen Wege sind.“

Und das liegt eben nicht nur an ein paar neuen Spielern, sondern an der Aufbruchsstimmung innerhalb des ganzen Vereins. Im Moment hat man den Eindruck, dass alle voller Demut an die ihnen gestellten Aufgaben herangehen, um wirklich das Beste für den HSV zu tun. Und für mich ist es insofern angenehm zu sehen, dass nicht die üblichen 50 Verdächtigen da mit hineinquatschen, sondern tatsächlich nur jene, die dafür in ein Amt geschlüpft sind. Wie herrlich zu sehen, dass es auch so geht. Und ich kann Euch, liebe „Matz-abber“, die Ihr diese „neue“ Stimmung nicht im Volkspark miterleben könnt, weil Ihr außerhalb wohnt, nur versichern, dass die eingefleischten Trainings-Kiebitze (noch immer) voll hinter dem Team von und um Didi Beiersdorfer stehen. Er genießt das volle Vertrauen, ich habe schon viele Skeptiker gehört und getroffen, aber an dem „Didi“ hat keiner von ihnen herumgenörgelt. Auch ein völlig neues HSV-Gefühl.

Apropos. Das hat auch einer, der eigentlich schon lange nicht mehr dazu gehören sollte: Gojko Kacar. Ihr erinnert Euch? Für zu schlecht befunden, aussortiert, weggeschickt, ausgeliehen mit der Hoffnung, dass es keine Rückkehr mehr gibt. Der Serbe lernte nach einer schweren Verletzung die Schattenseiten des Profi-Fußballs kennen, und zwar so ausführlich, wie es selten einer kennenlernen musste. Zuletzt kickte er in Japan. Und nun ist er wieder da. Wie es scheint, in bester körperlicher Verfassung. Und er hat plötzlich beste Chancen, Stammspieler zu werden. Als Innenverteidiger. Man höre und staune. Als Innenverteidiger. Da hatte er einst beim HSV seine besten Spiele abgeliefert. Dann wollte er selbst nicht mehr, weil in seiner Nationalmannschaft Mittelfeldspieler gesucht wurden – keine Innenverteidiger. Kacar suchte das Risiko – und verschwand in der Versenkung. Pech gehabt? Zu viel gewagt?

Mirko Slomka steht offenbar auf Gojko Kacar. Und der sagt: „Ich habe wieder Spaß und Freude am Fußball, und ich bin froh, dass ich wieder für den HSV spielen darf. Von daher bin ich glücklich, aber ich weiß, dass das nur eine Momentaufnahme ist. Ich muss und werde weiter hart arbeiten, und ich fühle dabei, dass der Trainer an mich glaubt. Ich spiele bei ihm, ich spiele auch auf einer anderen Position, und das freut mich. Wichtig ist für mich gewesen, dass ich immer an mich geglaubt habe, und ich denke auch jetzt, dass meine Zeit nun kommen wird.“
Denk positiv – Gojko Kacar ist darin offenbar ein echtes Vorbild.

Die Zeit in Japan hat er genossen, sie tat ihm ausgesprochen gut: „In Japan ist alles ganz anders, das ist ein anderer Fußball, man spürt den Druck dort nicht. Ich habe früher den Fußball gehasst, wegen meiner Verletzungen, aber in Japan habe ich den Fußball wieder lieben gelernt. Die Fans dort sind unglaublich nett, die haben mich nach jedem Training mit Geschenken und Süßigkeiten, Schokolade, überhäuft. Das war eine tolle Erfahrung für mich.“ Mit Stäbchen konnte er schon essen, er sagt aber: „Wenn man damit isst, dann ist das ein großer Kampf, und so isst man automatisch etwas weniger.“ Ganz praktisch also. Jedenfalls für einen Profi-Fußballer.

Der HSV hat mit Johan Djourou, Jonathan Tah, Heiko Westermann und dem verletzten Slobodan Rajkovic noch weitere vier Innenverteidiger, und trotzdem sucht der Club noch einen fünften Mann auf dieser Position. Zuletzt war der Schalter Santana im Gespräch. Kacar, dessen Vertrag noch ein Jahr läuft, stört das nicht groß, er sagt: „Es ist mir egal, ob ein neuer Mann kommt, das interessiert mich nicht. Ich werde immer alles geben, was ich kann, ich habe mit dem Trainer darüber gesprochen, und er hat mir gesagt, dass ich die gleiche Chance bekomme, wie alle anderen Spieler. Diese Chance möchte ich nutzen, ich werde jedenfalls alles dafür geben, und ich fühle mich zurzeit sehr wohl. Der HSV ist ein Super-Verein, wenn wir eine gute Saison spielen, dann werden wir sehen, was am Ende dabei herauskommt. Hoffentlich wird alles gut.“

Der HSV ist ein „Super-Verein“, Sagt einer, der weg sollte. Erstaunlich. Da ist nichts davon zu spüren, dass er nachtragend ist. Großartige Einstellung. Warum er damals aussortiert worden ist? Diese Frage ist ihm ebenfalls egal: „Ich gucke nur noch vorne, nicht mehr zurück. Das ist Vergangenheit, und ich bin voll motiviert, dass ich meine beste Leistungen bringen kann und werde.“ Wie er diese schwere Zeit überstanden hat, daran erinnert er sich höchst ungern. Nur nach vorne blicken. Obwohl er dann doch auch einmal noch Vergangenheitsbewältigung betreibt: „Ich weiß auch nicht, wie ich diese Zeit überstanden habe, aber ich habe sie überstanden. Ich kann nicht sagen, dass es eine leichte Zeit war, im Gegenteil, das war eine ganz schwere Zeit für mich. Aber ich habe viel Unterstützung von meiner Familie bekommen, und ich habe immer an mich geglaubt. Bei der Gelegenheit möchte ich mich auch noch einmal bei allen Leuten bedanken, die mich in dieser Zeit unterstützt haben. Auch bei den Trainer der Zweiten, Rodolfo Cardoso und Soner Uysal.“

Nicht nur seine Zeit beim HSV sieht Gojko Kacar nun wieder positiv, er traut auch der Mannschaft wieder einen besseren Weg zu: „Als ich aus Japan zurückgekommen bin, habe ich HSV-Spieler gesehen, die nicht an sich geglaubt haben, die kein Selbstbewusstsein mehr hatten. Aber jetzt, nach dem Training und nach den bisherigen Testspielen, da sind wir, so glaube ich, alle auf einem guten Weg. Wir haben hart gearbeitet, wir sind fit, und wir haben neue Spieler bekommen, sodass ich glaube, dass wir eine richtig gute Saison spielen können. Wir haben noch zwei Wochen Vorbereitung, wir können auch noch stärker werden – ich hoffe es auch.“

Über das harte Programm von Trainer Mirko Slomka sagt Kacar: „Es war wirklich sehr hart, aber wir haben uns alle gegenseitig gepusht – ich bin echt fit. Zudem ist kaum einer verletzt, sodass fast alle Spieler alle Einheiten mitgemacht haben. Deswegen denke ich, dass wir in dieser Saison in Sachen Fitness mithalten können, und das ist auf diesem hohen Niveau sehr wichtig.“ Und was hat er für ein Saison-Ziel vor Augen? Kacar: „Der HSV ist ein großer Verein, der muss eigentlich international spielen. Wenn wir gut starten, dann können wir auch eine richtig gute Saison spielen, aber wir müssen von Spiel zu Spiel denken, dass ist nach einer solchen Saison wie die letzte wohl das beste Rezept. Und dann werden wir sehen, wo wir landen. Auf jeden Fall sind wir auf einem guten Weg.“

Vor einem Jahr wollte ihn Mirko Slomka zu Hannover 96 holen, ein Engagement scheiterte nur denkbar knapp. Wollte Slomka den Innenverteidiger oder den Mittelfeldspieler Kacar? Er sagt: „Das weiß ich nicht, wirklich nicht, diese Frage müsste der Trainer beantworten. Jetzt ist er hier, das freut mich, und ich freuen mich, dass wir derzeit so harte Einheiten haben, denn ich brauche das, und wahrscheinlich nicht nur ich, sondern jeder Spieler, um fit zu sein. Und das sind wir.“

Fit genug für die Nationalmannschaft? Denkt er über ein Comeback nach? Gojko Kacar – der Optimist: „Die Situation hat sich verändert, jetzt gibt es weniger Innenverteidiger bei uns. Der Konkurrenzkampf ist zwar immer noch groß, aber ich glaube an mich. Wenn ich beim HSV spiele, dann werde ich auch wieder für die Nationalmannschaft spielen.“

Um dieses Ziel zu erreichen, muss Gojko Kacar nun jedes Spiel bei 100 Prozent sein. Auch in den Testspielen. Davon steht morgen ein weiteres auf dem Programm. Um 18.45 Uhr geht es auf der traditionsreichen Lübecker Lohnmühle gegen Lazio Rom, bislang sind 8000 Karten verkauft worden, das „riecht“ nach „voller Hütte“. Der HSV wird ohne Jonathan Tah antreten, der erst am Montag wieder ins Mannschaftstraining einsteigen soll, zudem fehlt auch Pierre-Michel Lasogga, der weiterhin Knöchel-Probleme hat. Ob der Torjäger am Montag wieder einsteigen kann, ist noch offen – ich tippe eher, dass das noch ein wenig dauern wird. Nicolai Müller wird ebenfalls fehlen, weil er noch unter Adduktoren-Problemen zu leiden hat. Fehlen wird natürlich auch weiterhin Maximilian Beister, der heute eine Sonderschicht mit Reha-Coach Markus Günther schob, der danach aber nicht zufrieden war: „Heute war irgendwie kein guter Tag für mich“, sagte der Offensivmann, der einen Ball unter dem Arm trug. Gut war der Tag deswegen nicht, weil er wieder leichte Schmerzen im Knie verspürte. „Das ist mal so und mal so. Ich rechnen damit, dass ich in sechs Wochen wieder dabei bin.“ Dabei? Sechs Wochen? Im Training? Oder im Spiel? Diese Frage ließ „Maxi“ offen. Er sagt aber selbst, dass er mit dem jetzigen Stand zufrieden ist – und positiv ist ja, dass er sich selbst nicht unter Druck setzt. Jedenfalls öffentlich.

PS: Morgen wird trotz des Testspiels in Lübeck noch um 10 Uhr im Volkspark trainiert. Ob dann wieder so viele Zuschauer wie heute dabei sein werden? Wir lassen uns überraschen.

18.33 Uhr

Nähkästchen für Beckmann

6. September 2009

Diesen Sonntag ist der Tag der Legenden. Am Millerntor spielen auch viele HSV-Helden. Männer, die viel für den Klub getan haben, Kapazitäten, die umjubelt und gefeiert wurden, Stars, die noch heute die Raute im Herzen haben, ganz fest sogar. Das weiß ich sicher. Und wer von Euch heute noch Zeit hat, den bitte ich, sich für diese gute Sache, die da von 12 bis 17.30 Uhr über die Bühne geht, zu engagieren. Es ist mir ein Herzensbedürfnis, Euch das zu schreiben, denn der Mann, der dieses Spektakel zum fünften Mal auf die Beine gestellt hat, hat es ganz einfach verdient, dass man ihn unterstützt: Reinhold Beckmann.

Der Mann ist klasse, der ist super, der ist sensationell. Und er ist, das kann ich aus eigener Anschauung sagen, ein ganz feiner Mensch. Ohne Allüren. Wobei ich mir sehr wohl vorstellen kann, dass einige anders denken, denn über Prominente wird so oft, viel zu oft so viel Blödsinn erzählt. Ich aber frage: Kennt Ihr Reinhold Beckmann? Wenn nicht, dann kläre ich Euch hiermit auf, dann solltet Ihr auf einen hören, der ihn kennt. Und ich sage Euch verlässlich: Reinhold Beckmann ist großartig.

Und er tut viel für die Hamburger Jugend. Mit seinem Verein Nestwerk. Auch das müsste Euch ja allen liegen – das Thema Jugend. Denn die hat es heute schwer, ich glaube sogar sagen zu dürfen, viel, viel schwerer als wir es damals hatten. Und wenn es Euch heute vielleicht besser geht als denen, für die mit und durch die Legenden nun wieder Geld in die Nestwerk-Kasse kommen soll, dann geht bitte, bitte an diesem Sonntag ans Millerntor, auch wenn es für einige von Euch „Feindesland“ sein sollte. Springt aber mal über Euren Schatten. Und wenn Ihr es letztlich nur tut, um den alten HSV-Recken zuzujubeln. Bitte!

Wobei ich leicht irritiert bin, und es auch wirklich schade finde, dass Lotto King Karl keine Einladung für diese tolle Veranstaltung bekommen hat – sicher nur ein Versehen, es muss ein Versehen sein.

Mit von der Partie ist aber Thomas Doll, er ist bereits am Freitag aus Ankara angereist. Der Trainer Doll ist mit einer allerhöchstens mittelprächtigen Mannschaft von Genclerbirligi (zuletzt 4:0-Sieg über Kasimpasaspor) ungeschlagener Tabellensechster. Das aber nur am Rande.

Ich möchte, weil der „verlorene Sohn“ gerade einmal wieder in der „Heimat“ ist, eine Geschichte von 1990 erzählen. Doll wechselte zu Lazio Rom, hatte damit – unwissentlich – den HSV vor dem finanziellen Ruin gerettet (mit Jürgen Hunke als hart verhandelndem Präsidenten). Das Abendblatt schickte mich damals zum ersten Punktspiel nach Rom, Doll hatte mich zuvor angerufen und gebeten, seine in Hamburg vergessenen Klamotten von der deutschen Nationalmannschaft, die sich Tage später in Frankfurt treffen sollte, mitzubringen. Dadurch hatte ich drei Gepäckstücke, die ich aufgeben musste. In Rom gelandet, herrschte Streik bei den Zöllnern. Alle Ampeln für die ankommenden Passagiere standen auf Rot. Alle mussten warten. Und warten und warten. Zehn Minuten, 20 Minuten, 25 Minuten. Es war 12.30 Uhr, um 15.30 Uhr sollte das Spiel Lazio gegen Parma beginnen. Mir schwoll mein Kamm! Nichts, absolut nichts bewegte sich. Nur das Gepäck, das drehte sich unterdessen irgendwo auf diesem lahm gelegten Flughafen.

Ich trat aus der Schlange heraus, sprach einen Polizisten an, der ungefähr 1,95 Meter groß war und einen „Lieferantenausgang“ bewachte. Er blickte über mich hinweg. Ich schilderte ihm meine Notlage, dass ich gleich wieder nach Hamburg fliegen könne, wenn ich jetzt nicht hier raus käme. Der Polizist hatte nicht einen Blick für mich, er schwieg. Und ich fixierte ihn ständig mit meinem immer böser werdenden Blick. Nach einer oder auch zwei Minuten sagte er schroff: „Go!“ Ich durfte durch den Lieferantenausgang. Endlich.

Das Gepäck suchen, das Gepäck greifen, war fast eins. Dann suchte ich eine Taxe. Aber auch die streikten. Typisch. Und wie passend für mich. Es gab nicht eine Taxe. Weder oben noch unten, null. Plötzlich stand ein „Luigi“ vor mir, fragte leise: „Du brauchen Taxi?“ Natürlich. Er: „Kostet aber doppelte Tarif.“ Ich: „Macht nichts, muss ganz schnell zum Olympiastadion.“ Wir hechelten um acht Ecken herum, dann erreichten wir einen uralten weißen Mercedes, die Frontscheibe war zersplittert. Wir fuhren 800 Meter – und standen in einem Stau. Es bewegte sich nichts. Luigi: „Ich kennen Schleichweg, du willst?“ Natürlich. Er: „Kostet aber doppelte doppelte Tarif.“ Na klar, natürlich, selbstverständlich. Der Not gehorchend sagte ich zu, ich hatte ja keine Alternative. Eine Stunde vor dem Anpfiff war ich im Hotel neben dem Stadion. Ich ging auf mein Zimmer, machte mich schnell frisch, ging an mein (und Dolls) Gepäck – und griff. Ich griff und griff und griff. Ins Leere. Meine ganze Fotoausrüstung war weg. Eine Katastrophe. Geklaut, als wir an der Passkontrolle warten mussten. Und nun?

Wahnsinn, was sollte ich ohne Fotoapparat bei Doll in Rom?
Wie ein Tropf schlenderte ich Richtung Stadion. Die Karte war hinterlegt, ich ging auf meinen Sitzplatz – todtraurig. Und plötzlich klopfte mir ein Mensch auf die Schulter. Im wildfremden Rom klopfte mir ein Mensch auf die Schulter, unglaublich! Ein Kollege aus Ost-Berlin, der vorzugsweise über den BFC Dynamo (ich bin ja lernfähig!) geschrieben hat. Klaus Feuerherm hatte sogar einen Fotoapparat dabei – und war somit meine Rettung. Drei Tage blieben wir gemeinsam bei Doll in Rom, der Lazio-Star fuhr mit uns zu den Sehenswürdigkeiten der ewigen Stadt. Doll, der etwas andere Stadtführer.

Und immer dann, wenn Thomas Doll (ich sage bewusst nicht mehr Dolly) etwas nicht geschrieben haben wollte, sagte er uns: „Das bitte nicht schreiben.“ Zweimal aber vergaß er diesen Zusatz, und ich, wieder in Hamburg, schrieb es. Und zwar das: Vor Dolls Hotel stand ein roter Ferrari. Doll sagte: „Den fährt ein Brasilianer von uns, der ist Verteidiger, spielt aber nicht – bei uns fahren auch die Ersatzspieler Ferrari.“

Die zweite Geschichte, die Doll erzählte: „Ich stand zum ersten Mal in der Umkleidekabine, zog mich für das Training um. Plötzlich lachten einige Kollegen über mich. Auf die Frage warum, fragten sie, ob ich meine Uhr im Überraschungs-Ei gefunden hätte? Alle trugen sie Rolex und Co, aber auch ich hatte eine ganz teure Uhr. Die hatte ich mir an meinem letzten Tag in Hamburg gekauft. Ich hatte eine Autogrammstunde bei Karstadt, erhielt Bargeld – und gönnte mir diese Uhr, die teuerste meines Lebens. Und die Kollegen lachten. . .“

Nichts mehr zu lachen hatte danach ich. Lazio Rom wusste, dass ich Doll besucht hatte, Lazio Rom ließ sich das Abendblatt nach Rom schicken, Lazio Rom bat dann Thomas Doll zum Rapport. Und beschied ihm, solche Geschichtchen ab sofort zu unterlassen, sonst würde es eine Geldstrafe geben. Und was machte Thomas Doll? Er sagte meinem Kollegen Jens Meyer-Odewald, der ihn kurz darauf bei der Nationalmannschaft getroffen hatte, dass er in Zukunft kein Wort mehr mit mir wechseln werde. Wege dieser zwei Geschichten.

Erst Monate später, fast ein Jahr später sogar, ich glaube es war das Ablösespiel für Doll, trafen wir uns wieder. Unsere Wege kreuzten sich im Volksparkstadion im Aufgang vor der Ostkurve Richtung Kabine. Wortlos, als hätten wir uns nie angeschwiegen, als hätte es nie Ärger gegeben, nahmen wir uns genau so, wie sich zwei gute Freunde begrüßen, in die Arme, und damit war dann dieses unerfreuliche Kapitel auch beendet.

Was ich daraus gelernt hatte, was alle lernen können, die Thomas Doll viel lieber kennen: Er kann auch anders, er kann auch hart sein, kompromisslos hart. Da wird er unterschätzt. Es gibt eben nicht nur den lieben, den netten, den burschikosen jungen Doll von nebenan, sondern auch einen, der genau weiß, was er will. Deswegen hoffe ich für ihn, dass er schon bald wieder einen Trainer-Job in der Bundesliga bekommt – wenn er sich nach dem Wunder (?) mit Genclerbirligi wieder in beste Erinnerung gebracht hat. Dass Thomas Doll etwas kann, mehr als andere sogar, hat er nicht zuletzt durch die Rettung mit dem HSV bewiesen.
Ich wünsche ihm nun einen wunderschönen Sonntag am Millerntor – und Euch natürlich auch. Und ich drücke Euch ganz fest die Daumen, dass Ihr ein etwas besseres Fußballspiel seht, als das am späten Sonnabend in Leverkusen. Das war vom Resultat her okay, und fand noch einen versöhnlichen Abschluss, als Piotr Trochowski wenigstens noch für ein paar Minuten eingewechselt wurde. Und mal ehrlich: Was kann eigentlich Arne Friedrich besser als Jerome Boateng? Ich behaupte: nichts. Es ist eher umgekehrt. Da Boateng ohnehin beim der WM 2010 spielen wird, wäre es sehr gut für ihn gewesen, wenn er jetzt schon einige Länderspiel-Einsätze bekäme, um die Nervosität, die er sicherlich in der A-Mannschaft noch hätte, frühzeitig ablegen zu können. Aber: Chance verpasst. Für Bundestrainer Jogi Löw.

Drittes Nähkästchen

30. August 2009

Die Zeit bis zum Anpfiff der Partie gegen den 1. FC Köln möchte ich wieder mit einem kurzen Blick zurück überbrücken, ich möchte wieder mal aus dem Nähkästchen plaudern. Gedanken habe ich mir aktuell zu Bruno Labbadia gemacht. Damals, als er für den HSV stürmte, das war von 1987 bis 1989, hätte ich nie im Traum daran gedacht, dass er eines Tages einmal Trainer in Hamburg sein würde. Nicht einmal daran habe ich gedacht, dass der schöne Bruno einst ein Bundesliga-Coach werden könnte. Das war absolut unvorstellbar – warum, kann ich gar nicht mal sagen.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass eigentlich ja Stürmer viel seltener die Trainer-Laufbahn einschlagen. Oft sind es die Regisseure, dann folgen die Abwehrspieler. Der Labbadia von 1989 als Trainer? Wahrscheinlich hätte ich damals einen hohen Betrag gesetzt, dass er nicht. . .

In der Bundesliga-Geschichte kommen denn auch „stürmende Trainer“, die später den Titel mit ihren Teams geholt haben, seltener vor. Ottmar Hitzfeld ist eine dieser Ausnahmen, Jupp Heynckes ebenfalls, Udo Lattek hat einst beim VfL Osnabrück im Sturm, aber gelegentlich auch in der Abwehr gespielt, und das war es dann auch schon. Otto Rehhagel war Verteidiger, Ernst Happel auch, Thomas Schaaf ebenfalls, Frank Pagelsdorf kam aus dem Mittelfeld, Felix Magath war Spielgestalter. Stürmer sind auch auf diesem Gebiet rar gesät.

Wobei es beim HSV ja durchaus den einen oder anderen offensiven Spieler gab, der hier Trainer wurde. Gerd-Volker Schock, der noch immer in der Torschützen-Bestenliste der Zweiten Liga weit vorne rangiert, ist da zu nennen, auch Willi Reimann und Thomas Doll. Letzterer, das gebe ich zu, liegt mir dabei besonders am Herzen. Als „Dolly“ 1990 von Dynamo Berlin kam, war ich gerade HSV-Reporter bei Bild. Doll und Rohde kamen vor der Vertragsunterzeichnung zur sporttauglichen Untersuchung nach Hamburg eingeflogen, und auch ich stand damals am Flughafen Fuhlsbüttel. Dienstlich. Ich sollte mich auf die Spuren der beiden Neuzugänge machen.

Vor dem Flughafen stand damals auch Hartmut Diekhoff, in jener Zeit eine Art „Mini-Manager“, denn einen echten Manager hatte der HSV gerade mal nicht. Wahrscheinlich aus Kostengründen, denn der Klub war klamm. Diekhoff entdeckte mich, kam zu mir und fragte: „Herr Matz, können Sie mir einen Gefallen tun? Ich habe nur eine ganz alte Klapperkiste, Sie aber einen neuen Wagen – können Sie Thomas Doll, Frank Rohde und den Berater Wolfgang Metzler nicht in die Klinik nach Henstedt-Ulzburg fahren, ich komme dann nach?“ Natürlich habe ich das gemacht, selbstverständlich. Und ganz nebenbei war ich so natürlich von der ersten Minute an, die Doll und Rohde auf Hamburger Boden verbracht haben, auf Ballhöhe. Vor der sporttauglichen Untersuchung hatten wir dazu noch eine gewisse Zeit zu überbrücken, da HSV-Arzt Dr. Uli Mann gerade noch operierte, also mussten wir uns die Zeit noch ein wenig vertreiben. Willi Witters, der damalige Bild-Fotograf, hatte einen Ball an Bord, wir gingen auf den Klinik-Rasen und spielten Fußball. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Das klappte sogar bei mir ganz ansehnlich, nicht nur bei Rohde und Doll. Am Abend jedenfalls, als sie wieder zurück nach Berlin flogen (das ging damals noch), versprach mir „Dolly“: „Dieter, du bist in Ordnung, wenn ich in Hamburg bin, kannst du mich zu jeder Zeit, Tag und Nacht, anrufen, ich bin für dich da.“ Willi Witters hatte am Abend schon fertige Fotos vom Kick auf dem Rasen gebracht, ich ließ mir das Versprechen von Doll auf ein solches Foto schriftlich geben – habe es heute noch, wie sich das gehört.

Als „Dolly“ dann zu Lazio Rom wechselte, arbeitete ich wieder beim Abendblatt – und war dabei, als er sein erstes Punktspiel mit Lazio im Olympiastadion zu Rom gegen Parma bestritt (0:0). Nach dem Spiel war ich dann stolz wie Oskar: Doll, der zur Pressekonferenz gebracht wurde, schenkte mir vor versammelter Medienschar sein Trikot mit der Nummer acht.

Wir verbrachten zu jener Zeit noch einige Tage in Rom, damals schon lernte ich, dass es nicht so einfach ist, bei einem italienischen Erstliga-Klub das Training zu verfolgen. Ich musste mich vorher, bereits aus Hamburg, akkreditieren lassen. Ohne Legitimierung kam keiner auf das hermetisch abgeriegelte Gelände, und selbst mit Ausweis war man nicht unbedingt gerne gesehen. Ich erinnere, wie mich der damalige Lazio-Trainer Dino Zoff, die Torwart-Legende, von oben bis unten musterte, sich fragend, was der langhaarige Typ hier wohl zu suchen hätte. Wenn Blicke töten könnten… Ich habe es aber überlebt.

Und warum ich die Sache mit dem Trikot erzählt habe? Jahre später, als Thomas Doll beim HSV Amateur-Trainer geworden war, trafen wir uns natürlich häufiger. Auch in seinem Haus in Quickborn. Dort hingen, fein unter Glasrahmen, alle Trikots seiner Klubs, für die er einst gespielt und gezaubert hatte. Nur das Lazio-Trikot fehlte. Ich fragte, Doll sagte: „Ich habe es schlicht vergessen, mir eines mitzunehmen. Ich habe wirklich alle, nur das nicht. Aber jetzt habe ich mir eines bestellt, doch das dauert schon lange. Wer weiß, ob das überhaupt noch mal etwas wird?“ Und: Wenn es gekommen wäre, wäre es ja auch sehr wahrscheinlich kein Original mehr gewesen.

Deshalb: Zwei Tage später fuhr ich zum Amateurtraining nach Ochsenzoll und gab Thomas Doll „sein“ Trikot mit der Nummer acht zurück – auch wenn es mir sehr schwer fiel. Aber: Seine Sammlung ist jetzt komplett, das war und ist mein Trost.

Übrigens: Wenn mich 1990 jemand gefragt hätte, ob Thomas Doll einst Bundesliga-Trainer und sogar einmal HSV-Coach werden würde, dann hätte ich, genau wie bei Bruno Labbadia, unbeirrt gesagt: „Never!“ So kann Mann sich irren. Ein Tipp noch: Solltet ihr „Dolly“ einmal treffen (nun in Ankara tätig), so nennt ihn nicht „Dolly“, sondern Thomas Doll. Seinen Kosenamen hat der frühere HSV-Publikumsliebling abgelegt, er möchte, nun als Trainer, seriöser rüberkommen.

Die Reihe Nähkästchen wird fortgesetzt, viel Spaß beim und mit dem Köln-Spiel.