1:1 gegen die “Wölfe”, das ist zu wenig
5. Mai 2013
Europa ade. Das stand eigentlich schon vor dem Spiel fest, weil Freiburg gegen Augsburg 2:0 gewonnen hatte, aber der HSV schaffte gegen den VfL Wolfsburg wieder keinen Heimsieg, sondern nur ein 1:1. Vor 50 135 Zuschauern hatte der HSV das Spiel zwar in Halbzeit eins gut im Griff, ließ aber im zweiten Durchgang nach und hatte das Glück, dass die Niedersachsen mit den besten Möglichkeiten nichts anzufangen wussten. Einen Heimsieg hatte der HSV an diesem Sonntag auch leider nicht verdient. Gefeierter Mann war nach dem Schlusspfiff aber Jaroslav Drobny, der seine Team vor einer Niederlage bewahrt hatte. Sein Gang in die Nordkurve sah dabei ein wenig nach Abschiedsstimmung aus. Mal abwarten, wohin es den Ersatztorwart ziehen wird – oder ob er doch als Nummer zwei in Hamburg bleiben wird. Der HSV muss nun am nächsten Sonnabend versuchen, mal in Sinsheim gegen Hoffenheim zu gewinnen . . . An einem Mittelfeldplatz würde aber dieser Dreier dann auch nichts mehr ändern. So geht eine gute Saison doch relativ unspektakulär zu Ende. Aber ich sage eines – und ich meine das so: Abstiegsgefahr bestand nach der Hinrunde nicht einmal mehr, und das bewerte ich als absolut positiv.
Der frühere HSV-Spieler Roy Präger hatte von einem „packenden und spannenden Spiel“ geträumt, hatte sich bestimmt auch darauf gefreut – aber dann kam es irgendwie doch zunächst ganz anders. Gelegentlich war ich schon froh, wenn ein Einwurf an den eigenen Mann kam . . . Feuer war in diesem Spiel zunächst gar nicht drin, obwohl der HSV durchaus vielversprechend begann. In der vierten Minute flankte Milan Badelj von links, und in der Mitte nahm Rafael van der Vaart die Kugel aus zwölf Metern direkt – doch VfL-Keeper Benaglio hielt ohne größere Schwierigkeiten.
Danach verflachte das Spiel. Oder besser: Es kam gar nicht erst so richtig in Schwung. Einer der Höhepunkte: Slobodan Rajkovic wollte den Ball aus 30 Metern zu Torwart Jaroslav Drobny zurückpassen – und schoss den Ball ins Toraus – Eckstoß für den VfL- Ein Kunststück. Schiedsrichter Jochen Drees (Münster-Sarmsheim) bewies danach Durchblick, denn er zeigte Heung Min Son die Gelbe Karte (20.). Weil sich der Südkoreaner des HSV vor Torwart Benaglio hatte fallen lassen. Diesen gelben Karton kann man geben, ab er ich denke, es war doch sehr mutig des Unparteiischen, der ansonsten gut pfiff und keinerlei Probleme mit diesem Spiel hatte.
Viel Glück dann in der 31. Minute, als Heiko Westermann zentral und als letzter Mann am Ball vorbeischlug. Plötzlich stand der ehemalige HSV-Publikumsliebling Ivica Olic völlig frei vor Drobny, doch der VfL-Stürmer konnte mit diesem Geschenk nichts anfangen. Er wollte besonders schlau sein und versuchte sich mit einem Heber aus der Drehung, schoss den Ball aber genau in die Arme des tschechischen HSV-Keepers, der keine Mühe hatte, die Kugel zu fangen. Hätte Olic Überblick bewiesen, hatte er geschnallt, dass er völlig frei und ganz allein vor dem HSV-Tor stand, dann hätte es wohl 0:1 gestanden, aber zum Glück hatte „Ivi“ diese Übersicht nicht.
Am Rande stand Thorsten Fink und gestikulierte. Wie wild, möchte ich fast schreiben. Kaum eine Szene, die der HSV-Trainer nicht in irgendeiner Form begleitete. Er fuchtelte mit dem linken Arm in der Luft herum, während die rechte Hand in der Hosentasche schmorte, und er fuchtelte mit rechts in der Luft herum, während die linke Hand in der Hosentasche ruhte. Aber Fink dirigierte, dirigierte, dirigierte. Er muss unheimlich unter Druck stehen, er muss Europa unbedingt wollen, denn er gibt 90 Minuten alles. Und da er (nicht nur an diesem Spieltag) der bestaussehendste und bestangezogendste Trainer der Liga ist, verdiente er sich so die Note eins. Obwohl ich glaube, dass nicht mal die hinter Fink sitzenden Ersatzleute verstehen, was er von den Jungs, die da auf dem Rasen kämpfen und spielen, will. Ist vielleicht auch eine Art Selbsttherapie.
Dass Fink teilweise recht heftige Kritik an Schiedsrichter Drees übte, das brachte ihm dann in der 33. Minute Ärger mit dem vierten Mann, Christian Fischer, ein. Der beschied dem HSV-Coach unmissverständlich: „Hinsetzen und Mund halten.“ Das klappte aber nur für ein, zwei Minuten . . .
Und dann ging der HSV-Coach doch noch völlig zufrieden in die Halbzeitpause. Weil Sekunden zuvor Rafael van der Vaart einen Freistoß aus 38 Metern in den VfL-Strafraum geschlagen hatte. Dort übersprang Westermann alle Gegenspieler und köpfte zum 1:0-Halbzeitstand ein – das erste Saisontor des ehemaligen Kapitäns. (drittes Saisontor, danke Ralf. Das hatten wir gestern bereits einmal korrigiert, ist aber durch die Live-Sendung wieder überschrieben worden). Glückwunsch. Sein Name wurde bei der Nennung des Torschützen gleich dreimal durch das Stadion gebrüllt . . .
Nach dem Wiederanpfiff hätte dann Dennis Diekmeier der neue Held werden können. Nach Pass von Zhi Gin Lam kreuzte der rechte Verteidiger im VfL-Strafraum auf und schoss aus fünf Metern – überweg (47.). Das wäre was gewesen. Wäre. Wahrscheinlich kommt bei Diekmeier, der noch nie ein Bundesliga-Tor erzielen konnte (auch für Nürnberg nicht), auch ein wenig Nervenflattern vor seinem ersten Treffer hinzu. Schade, schade, ich würde es ihm ja gönnen. Dann wäre der Knoten endlich mal geplatzt.
Der HSV hatte dann bis zum Schlusspfiff kaum noch große Möglichkeiten, Wolfsburg aber markierte doch noch das (verdiente) 1:1. In der 65. Minute flankte Vieirinha von links, und in diesen Ball hinein hechtete der Japaner Hasebe, der die Kugel einköpfte – unhaltbar für Drobny. Danach kam Wolfsburg, stürmte und drückte, vergab aber die besten Tormöglichkeiten, wobei sich besonders der eingewechselte Niederländer Dost „hervortat“. Zum Glück für den HSV.
Die Einzelkritik:
Jaroslav Drobny hielt, weil er ja genügend Spielpraxis hatte, souverän und teilweise auch spektakulär – und wurde bei der Ballberührung von den Fans gefeiert. In der 75 und 76. Minute stand der Wolfsburger Dost zweimal völlig allein vor dem HSV-Keeper, der die Ruhe behielt und hielt. Überragend. Note eins.
Dennis Diekmeier hatte seine rechte Seite gut im Griff, vom neuen „Star“ der Wolfsburg, Maximilian Arnold war nichts zu sehen. Note drei.
Heiko Westermann leistete sich einen ganz „dicken Bock“ (31. Min.), als Olic völlig frei vor dem HSV-Tor stad, aber zum Glück ging alles gut. Und dann köpfte sich der Innenverteidiger mit dem 1:0 in die Herzen aller HSV-Fans – auch die, die ihn nicht so sehr mögen, die aber das Tor natürlich sehr gerne „mitnehmen“. . .
Slobodan Rajkovic hatte auch ein „ganz dickes Ding“ auf seinem linken Schlappen, als er den Ball aus 30 Metern zur Ecke schlug, ansonsten aber machte er seine Sache gut – rettete einmal mit dem Kopf kurz vor der Torlinie (und in höchster Not), als nach einer Arnold-Flanke Vieirinho geköpft hatte. Und noch einmal war „Slobo“ Retter in höchster Not, als der dem einschussbereiten Dost den Ball noch vom Fuß grätschte. Note drei.
Zhi Gin Lam hatte ich, das gebe ich zu, vorher als Achillesferse des HSV ausgemacht, aber das hielt sich dann doch in Grenzen, Natürlich wurde er einige Male überlaufen, aber das war zu erwarten, insgesamt machte er seine Sache jedoch recht ordentlich.
Tomas Rincon sollte zerstören, sollte beißen, sollte kämpfen – und das tat er. Gelegentlich ein wenig unorthodox, aber meistens effektiv. Vordem 1:1 war er nicht in der Lage, die Flanke von Vieirinha zu verhindern. Note vier.
Milan Badelj begann flott und unternehmungslustig, aber nach einer Viertelstunde wechselten Licht und Schatten bei ihm munter hin und her. Seine Form aus der Hinrunde hat er noch nicht wieder erreicht. Note vier.
Petr Jiracek wurde auf der rechten Seite erwartet, spielte aber links. Und da spielte er unauffällig, meistens aber nicht sehr ansehnlich. Beim 1:1 von Hasebe war er zwar im Sturzflug dabei, konnte den Treffer aber nicht verhindern. Auch er, das muss man schon konstatieren, ist noch nicht in jener Form, die er einst bei der EM als Nationalspieler der Tschechei hatte. Der HSV-Anhang muss noch weiter warten, ob da noch mehr kommt – ich warte und hoffe mit. Das ist noch lange nicht das Gelbe vom Ei. Note fünf.
Heung Min Son kam über rechts, war aber kaum einmal auffällig zu sehen. Kurios ist nur eins: Wenn er von den Kollegen rechts „übersehen“ wurde, dann reklamierte er wie wild. Er sollte sich aber mal daran erinnern, dass er auch dann immer wild drauflosballert, wenn er die Kugel am Fuß hat – und andere Kollegen deutlich besser stehen als er. So in der 80. Minute, als er mit dem Kopf durch die Wand wollte – und Rudnevs „übersah“. So auch in der Nachspielzeit, als er aus spitzem Winkel losballerte, aber in der Mitte drei Leute „übersah“. Bitter, bitter., bitter. Also, schnell mal an die eigene Nase fassen. Note fünf.
Rafael van der Vaart war der Mann, der Struktur und Linie in das HSV-Spiel brachte, bringen wollte. Das war eine durchaus gute Vorstellung des Kapitäns. Note zwei.
Artjoms Rudnevs versuchte viel, aber er allein war da oft genug chancenlos. Und auch ein wenig überfordert. Note vier.
Ivo Ilicevic (ab 78. Min. für Rincon) sollte die Offensive beleben – und irgendwie gelang es ihm auch. Selbst wenn er keine große Szene mehr hatte.
Maximilian Beister (ab 83. Min. für Jiracek) sollte auch noch in der Offensive tätig werden, aber die Zeit war wohl doch zu knapp.
Jeffrey Bruma (ab 88. Min. für Lam) sollte den Punkt retten – das gelang.
So, das war es zunächst, aber es geht ja gleich weiter. Dann sind wir, und zwar in Minuten, mit „Matz ab live“ zur Stelle und werden über das Wolfsburg-Spiel reden. Und zwar mit den Gästen Oliver Scheel (HSV-Vorstandsmitglied) und dem früheren HSV-Profi Tobias Homp. Wir freuen uns. Auch auf euch.
PS: Die A-Jugend-Bundesliga des HSV hat am Vormittag seinen „Siegeszug“ mit einem 2:0-Erfolg über Hannover 96 fortgesetzt. Seit Levin Öztunali wieder spielen darf, ist der HSV wieder in die Erfolgsspur zurückgekehrt. Am nächsten Sonntag geht es zu Tabellenvorletzten der Bundesliga Nord(Nordost, zum Chemnitzer FC.
PSPS: Die Regionalliga-Mannschaft hat das Auswärtsspiel in Goslar mit 2:1 gewonnen, die Rettung scheint nun wieder ganz nah zu sein. Janek Sternberg erzielte das wichtige 1:1, und dann traf Fabian Graudenz in der 90. Minute zum erlösenden Siegtreffer.
PSPSPA: Morgen, am Montag, ist der ehemalige HSV-Aufsichtsrats-Vorsitzende Ernst-Otto Rieckhoff zu Gast in der TV-Sendung „Rasant“ bei „HH1“, ich werde an der Seite Rieckhoffs sitzen – Moderator ist Tim Niemeyer. Die Sendung beginnt um 20.15 Uhr und wird im Laufe des Abends noch (mehrfach) wiederholt.
19.31 Uhr