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Wie es mit vielen HSV-Talenten lief

29. Mai 2011

Der HSV kommt englisch. Jedenfalls dann, wenn man den Gerüchten glauben soll. Demnach bringt Sportchef Frank Arnesen ja einige Talente von der Insel mit nach Hamburg. Da kommt doch Vorfreude auf, oder? Ich muss gestehen: nein. Ich warte nicht nur auf diese Vorfreude, ich warte auch erst einmal ab. Ich warte darauf was da kommt, wer da kommt, was derjenige schon in seiner noch kurzen Karriere erreicht hat, was über ihn gesagt wird. Zu oft wurde ich in der Vergangenheit enttäuscht. Was hat der HSV nicht schon alles an Talenten verpflichtet. Und was haben die Zeitungen, jawohl, ich gebe es zu, auch ich, nicht alles in die eine oder andere Verpflichtung hineininterpretiert. Wenn ich nur mal an den Namen Macauley Chrisantus erinnere. Dem wurden damals wahre Wunderdinge nachgesagt, der würde die Bundesliga in Grund und Boden schießen – und den HSV zur Meisterschaft. Und vieles mehr. Doch daraus ist bis heute nichts geworden. Und so recht mag ich auch nicht mehr daran glauben, dass das noch eines Tages mal etwas wird.

Um noch einmal vom Thema abzuschweifen: Wenn man so vorm Fernseher sitzt und sih Barcelona gegen Manchester United ansieht, dann denkt man ja auch ab und an mal an den HSV. Man vergleicht beide Mannschaften natürlich nicht mit dem HSV, aber man denkt schon daran, warum der HSV nicht wenigstens mal einen Hauch von Champions League spielt? Nicht einmal den kleinsten Hauch davon sehen wir doch über das ganze Jahr gesehen, und das ist schon jammerschade.

Um mal direkt auf diesen Abend zu kommen: Erst waren Frau M. und ich bei Lotto King Karl, dann habe ich mir die Aufzeichnung von Barca gegen ManU angesehen. Und geschwärmt. Mein Freund Bert sagt ja, dass war das beste Fußballspiel, das er je gesehen hat. Man ist mit solchen Superlativen ja manchmal recht unvorsichtig, aber er mag richtig liegen. Für sich – und für mich. Ihr habt ja schon alles gesagt dazu, aber ich möchte noch einmal den kleinen Messi hervorheben. Unglaublich, was ist das nur für ein Über-Fußballer! Wenn ich es nicht schon vor Wochen geschrieben hätte, dass dieser Argentinier noch besser ist als die bislang beiden Größten, nämlich Pele und Maradona, dann müsste ich es spätestens jetzt machen. Unfassbar! Gigantisch, dieser Mann, einfach gigantisch. Und mit dem darf sich nun bald unser Piotr Trochowski messen . . . Nein, nein, nicht gleich aufstöhnen oder aufschreien, das war nur ein kleiner Scherz am Rande.

Beim FC Barcelona frage ich mich, wer diese Mannschaft schlagen soll? Weit und breit ist keine zu sehen. Und wenn ich daran denke, dass ManU so deutlich unterlegen war, zuvor aber Schalke in Gelsenkirchen aus dem Stadion gefegt hatte, dann kann man schon nachdenklich werden. Schalke erhielt ja in Deutschland eine Vorführung, die noch schlimmer war, als die ManU nun von Barca erteilt bekam. Quervergleiche sollte man im Fußball zwar nie anstellen, aber Zufall sind solche Spiele und solche Unterschiede ganz sicherlich nicht. Noch einmal zurück, wer Barca schlagen sollte? Das dachten die Experten und die Fans weltweit ja auch damals, in den 60er-Jahren, von Real Madrid (mit Puskas, Di Stefano, Santamaria, Gento). Und dann kam Benfica Lissabon mit den überragenden Leuten wie Eusebio, Coluna, Aguas und Simoes. Doch alles hat seine Zeit, irgendwann, Jahre, Jahre später, mischten auch die Bayern mit. Und ein, zwei Mal auch der HSV.

Wobei ich wieder beim deutschen Fußball bin. Wie sieht es eigentlich in den letzten Jahrzehnten mit den deutschen Erfolgen im Welt-Fußball aus? Die Deutsche Presse-Agentur hat dazu folgende Aufstellung veröffentlich, die zum Nachdenken anregt. Irgendwie passen, so habe ich bei mir gedacht, als ich das so komprimiert vor die Augen bekam, die überragenden Zuschauerzahlen, die die Bundesliga gegenüber den anderen Ländern hat, nicht so recht mit den Leistungen zusammen. Hier könnt Ihr es nachvollziehen:

Deutsche Titel-Durststrecke im Fußball

Bundestrainer Joachim Löw sehnt ein Ende der titellosen Jahre im deutschen Fußball herbei. Die Nationalelf wartet seit dem EM-Triumph 1996 auf einen Turniersieg. Zwei Endspiele wurden seitdem bei großen Turnieren erreicht und verloren, das letzte unter Löw bei der Europameisterschaft 2008 gegen Spanien. Auch im Klub-Fußball liegt der letzte Erfolg einer Bundesliga-Mannschaft im Europapokal inzwischen ein Jahrzehnt zurück: 2001 gewann der FC Bayern München die Champions League.

Letzter Titelgewinn der deutschen Nationalmannschaft:
EM 1996: Deutschland – Tschechien 2:1 i. V. (Golden Goal)

Verlorene Turnier-Endspiele seit dem letzten Titel:
WM 2002: Deutschland – Brasilien 0:2
EM 2008: Deutschland – Spanien 0:1

Letzter Titelgewinn eines deutschen Klubs im Europapokal:
Champions League 2001: Bayern München – FC Valencia 1:1 – 5:4 i. E.

Verlorene Endspiele seit dem letzten Titel:
Champions League 2002: Bayer Leverkusen – Real Madrid 1:2
Uefa-Cup 2002: Borussia Dortmund – Feyenoord Rotterdam 2:3
Uefa-Cup 2009: Werder Bremen – Schachtjor Donezk 1:2 n. V.
Champions League 2010: Bayern München – Inter Mailand 0:2.

So, und nun zurück zum HSV. Und zu den Talenten. Nicht jene, die nun kommen sollen, sondern die, die sich hier in Hamburg vergeblich versuchten. Oder sich gar nicht erst versuchen durften. Weil ihnen nie eine richtige Cahnce eingeräumt wurde. Wenn ich so im Jahre 2000 beginne, dann sind da Namen dabei, die klangvoll und vielversprechend waren. Marcel Ketelaer kam damals, und ich schrieb im Abendblatt, dass der Flügelflitzer der nächste Nationalspieler des HSV werden würde. Denkste! Ein Jahr später war ein Stürmer namens Kim Christensen dabei. Für mich endlich einmal Talent, das seinen Weg machen würde. Denkste! Vier Einsätze in der ersten Saison, acht in der zweiten – Abgang nach Holland (Twente). Heute kickt dieser Christensen bei Hellerup IK in der Zweiten Liga Dänemarks, sein Marktwert: 50 000 Euro. Ein Schnäppchen.

Ein Verteidiger namens Stephan Kling kam 2002 von den Bayern-Amateuren. Galt als großes Talent. Er spielt heute für die Sportfreunde Lotte, Marktwert: 100 000 Euro – immerhin noch. 2003 dann die große Nachwuchs-Revolution beim HSV, denn mit Bröcker, Laas, Dogan, Sen und Leschinski stießen gleich fünf Talente zum Profi-Kader. Wo sind sie geblieben? Mustafa Kucukovic kam 2004 vom VfL Bochum, mit ihm Oliver Hampel (Hertha BSC). Beides Jugend-Nationalspieler. 2005 kam Rouwen Hennings (heute St. Pauli) nach oben, kam dort aber nie richtig an. Dazu noch Benny Feilhaber. Dem eilte fast schon ein ganz hervorragender Ruf voraus, er galt als „Welt-Talent“, dennoch setzte er sich in Hamburg nie durch. Später wurde er Stammspieler in der amerikanischen Nationalmannschaft, spielte bei der WM 2002 auch gegen Deutschland. So kann es gehen. Oder Reto Ziegler. Der Schweizer, längst Nationalspieler, wurde aus England (Tottenham) geholt, schaffte gerade mal acht Einsätze – und verschwand wieder. Später kickte er in vielen Spitzenklubs, zuletzt bei Sampdoria Genua, nun wechselt er zu Juventus Turin. In Hamburg aber: durchgefallen!

2006 kam Sidney Sam von den eigenen Amateuren, schaffte aber in seinem ersten Jahr keinen Bundesliga-Einsatz. Heute stürmt er für Bayer Leverkusen und sorgt für viel Verdruss bei den HSV-Fans. Ein Jahr später kam Jerome Boateng – endlich einmal ein Kracher (!), der Berliner wurde Stamm- und dann Nationalspieler. Jetzt allerdings spielt er schon lange nicht mehr für den HSV. Mit Boateng kam damals Anton Putsilo, der heute unter seinem richtigen Namen Putsila beim SC Freiburg Stammspieler ist. In Hamburg brachte der Mittelfeldspieler kein Bein vor das andere, obwohl er Nationalspieler Weißrusslands war und ist. Dass er hier durchfiel – ich kann es bis heute nicht nachvollziehen. Ähnlich ging es mit Vadis Odjidja-Ofoe. Der belgische U-21-Nationalspieler war nicht einmal ein Mitläufer in Hamburg, spielt heute, im Alter von erst 22 Jahren (!), in der A-Nationalmannschaft und für den FC Brügge, sein Marktwert inzwischen: 4,5 Millionen Euro. Beim HSV aber war er chancenlos, obwohl er einst mit einem großen Tam-tam geholt worden war.

Eric-Maxim Choupo-Moting kam und wurde gleich gefeiert, bekam aber nie so richtig einen Fuß in die Mannschaft – was ich aber durchaus nachvollziehen kann. Namen wie Mario Fillinger, Timo Kunert, Kai-Fabian Schulz, Christian Groß, Hanno Behrens, Miroslav Stepanek, Maximilian Beister, Tunay Torun, Tolgay Arslan, Muhamed Besic und Lennard Sowah und andere wurden im Zusammenhang mit den „Begriffen“ Talent und Bundesliga gebracht, konnten oder durften aber bis heute nicht beweisen, dass sie es auch auf Dauer in der Ersten Liga „bringen“. Fortsetzung folgt. Hoffentlich aber nicht mit jenen Namen, die nun Frank Arnesen mit von der Insel an die Elbe bringen wird. Hoffentlich.

Die Frage, die sich mir bei all diesen Namen stellt, ist die: „Wieso?“ Einige sind dramatisch kläglich gescheitert, einige haben es woanders bewiesen, dass sie doch etwas können – aber es waren doch nicht nur Nichtskönner, die sich hier mit der Raute auf der Brust versuchten. Also muss es andere Gründe für dieses kollektive Scheitern geben. Ein Grund (für ich, nur für mich) ist ja der, dass viele junge Spieler hierher geholt werden, sich dann aber zu oft allein überlassen sind. Solche Jungs vereinsamen dann in der tat in der Großstadt Hamburg. Obwohl ich zugeben muss, dass der HSV in Sachen Betreuung in den letzten Jahren deutlich besser geworden ist. Allerdings weiß ich nicht, ob es ausreichend genug geworden ist.

Und ein zweiter Grund ist auch, dass sich die meisten Stammspieler natürlich nicht freuen, wenn ihnen junge Kräfte ihre Plätze abspenstig machen wollen. Da wird im Training schon mal kräftig gegen ein Talent zugelangt, und oft sind die jungen Spieler auch nur eine unwesentliche Randerscheinung, die von den älteren Semestern nicht für „voll“ genommen werden. Und solche zu „Mauerblümchen“ abgestempelten Jungs haben es dann doppelt schwer. Beispiel Heung Min Son. Der wurde von Ruud van Nistelrooy in der vergangenen Saison wie ein Sohn „gepflegt“, aber das ist wirklich die absolute Ausnahme. Im Grunde genommen gilt für einen jungen Spieler im Profi-Bereich: „Friss, Tiger, oder stirb.“ Und die meisten „sterben“ eben beim HSV. Aber vielleicht wird das jetzt unter Michael Oenning und Frank Arnesen ja (endlich) einmal anders.

So, schon wieder zu lang geworden, aber einen Satz zu Marcell Jansen noch kurz. Die Bild berichtete, dass er die schonungslose Wahrheit über seine sportliche Zukunft von Bundestrainer Joachim Löw gehört hätte. Jansen begrüßte diese offenen „Jogi“-Sätze – natürlich. Was soll er auch anderes sagen? Für mich wäre es aber auch wichtig gewesen, wenn ein Hamburger, nur ein einziger Hamburger, auch einmal ähnliche Sätze mit Jansen gesprochen hätte. Hier wäre es auch längst einmal angebracht gewesen. Aber vielleicht kommt das ja noch. Jetzt, wo der „Jogi“ vorgelegt hat.

Ein schönes Rest-Wochenende noch für Euch, und auch einen guten Start in die neue Woche. Am Montag übernimmt „Scholle“ für einige Tage, die mir freigegeben wurden (ganz normal frei).

16.06 Uhr