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René Adler: „Stuttgart ist kein Endspiel!“

12. Mai 2015

Konzentrieren wir uns auf Stuttgart. Als Sinnbild für die notwendige Haltung für dieses vielleicht entscheidende Spiel im Abstiegskampf präsentierte sich heute Torwart Rene Adler. Der 30 Jahre alte Keeper wird nicht nur von seiner Freundin gefordert, wie wir heute lesen konnten, sondern ist auch als Führungsfigur mit einer extrem klaren Einstellung beim HSV gefragt. Selten war es so überzeugend wie heute, was Adler kurz vor dem Ende dieser Saison sagte.

„Ich glaube, es ist der größte Fehler zu denken: Wir fahren nach Stuttgart und es ist ein Endspiel! Für mich ist das kein Endspiel. Die Situation vor drei, vier Spielen war viel aussichtsloser. Wir können aus eigener Kraft die Liga halten. Das ist viel besser, als auf andere angewiesen zu sein.“

„Wir sind alle überzeugt, dass wir es schaffen!“ Immer wieder betont Rene Adler die eigenen Stärken, die er in einen realistischen Kontext setzt. „Wir haben eine Ausgangssituation, die wir uns mit brutal harter Arbeit geschaffen haben. Vor dem Bremen-Spiel haben selbst die größten Optimisten nicht mehr an uns geglaubt. Jetzt haben wir wieder alles in eigener Hand.“ Es werde unter Bruno Labbadia konsequent an der Taktik gearbeitet – und vor allem der Teamgedanke hoch getragen. Diese Einschätzung hören und lesen wir immer wieder in den vergangenen Tagen. Und selbst, wenn wir uns alle fragen, wo bitteschön dieser Teamgedanke vorher war, und ob es sich jetzt nicht alles ein wenig zu pathetisch und mantramäßig anhört – im Moment benötigt der HSV diese positiven Gedanken.

Noch so eine der Weisheiten, die abgedroschen klingen mögen, die aber den Kern treffen: „Wir beschäftigen uns jetzt nicht mit Stuttgart. Wir sehen unsere eigenen Stärken. Klar, der Gegner wird analysiert, aber unser Ziel ist, mit unserer Stärke nach Stuttgart zu fahren, um dort zu gewinnen.“ Überhaupt müsse sich inzwischen jeder Gegner warm anziehen, wenn er auf den HSV treffe. „Wir sind in den letzten drei Spielen zurückgekommen. Immer gab es Niederschläge, und wir haben dennoch reagiert. Kein Gegner kann sich mehr sicher sein, wenn er gegen uns mit 1:0 führt.“

Warum er all diese positiven Eindrücke hat, konnte Rene Adler auch ganz deutlich benennen. „Es macht wieder Freude, Fußball zu spielen“, so Adler. „Natürlich kann man sich Schöneres vorstellen, als im Abstiegskampf zu stecken. Aber ich fahre mit großer Lust zum Stadion und zum Training. Es macht Spaß, mit der Mannschaft zusammen etwas zu entwickeln, was wir dann gemeinsam am Wochenende zeigen wollen. Das spüre ich wirklich.“ Und das alles durch den Trainerwechsel hin zu Bruno Labbadia.

„Wenn ich jetzt sage, was mir gefällt, dann wird es so ausgelegt, als würde ich etwas gegen die anderen Trainer sagen. So ist das nicht gemeint“, stellt Adler klar. „Aber das der Teamgedanke über allem steht, ist einfach Fakt. Vielleicht“, so der Torwart weiter, „ist es vorher auch menschlich gewesen, dass sich jeder Einzelne angesichts des großen Trubels ein bisschen mehr um sich selbst kümmert. Mittlerweile habe ich diesen Eindruck nicht mehr.“

Adler weiter: „Es ist schon so, dass Bruno Labbadia eine Leidenschaft und eine Entschlossenheit und auch Spaß vorlebt, der es ausmacht. Das ist anders als vor ein paar Monaten – unabhängig von meiner Position. Das ist es, was Mannschaftssport ausmacht.“ Dass dann Einzelne hervorstechen, ist ein normales Phänomen. Beispiel Gojko Kacar. „Wie ich Gojko kennen gelernt habe, hat er sich immer aufgeopfert. Harte Arbeit wird immer belohnt. Jetzt hat er die beiden wichtigsten Tore seiner Karriere geschossen. Mit seinem Charakter ist er eine zentrale Figur für unsere Mannschaft.“

Noch einen Vergleich zieht Adler – diesmal nicht zwischen den Trainern, sondern zum Abstiegskampf in der vergangenen Saison: „Letztes Jahr war es unruhiger im Verein. Es war mehr Tumult da. Ich spüre jetzt Geschlossenheit. Von uns wird viel ferngehalten, das ist entscheidend, warum wir so gepunktet haben. Und das ziehen wir jetzt gnadenlos durch, und dann gehen wir alle davon aus, dass wir in den Urlaub fahren als Erstligisten.“

Auf seine eigene Position angesprochen, hatte Adler heute keine Lust, ins Detail zu gehen. Einzelne Personen seien jetzt nicht wichtig, so der Keeper. Und überhaupt: „Fußball ist ein Tagesgeschäft.“ Vergangene Saison wurde Jaroslav Drobny zum Retter des HSV im Abstiegskampf, nun ruht alles Vertrauen auf Rene Adler.

Wichtig für Adler ist neben der absoluten Konzentration auf die anstehenden Aufgaben eine gesunde Mischung aus An- und Entspannung. „Ich war gestern mit Lewis und Pierre Golf spielen“, sagte Adler. „Wir brauchen einfach den sportlichen Wettkampf.“ Aber eben in ungezwungener Atmosphäre ohne Druck. Sieben Tage in der Woche den Kessel unter Volldampf zu halten – davon hält Rene Adler aus seiner Erfahrung heraus wenig. Er erläuterte, dass er sich die anderen Fußballspiele der Konkurrenz lieber nicht angucke. Da werde er nur noch nervöser und verbrauche Energie, die er für sein eigenes Spiel brauche.

Die Haltung, die bei Rene Adler deutlich wird, schätzt auch der Vereins-Vorsitzende Dietmar Beiersdorfer. Heute hat Beiersdorfer beim SOS-Kinderdorf in Dulsberg einen Scheck über 25.000 Euro überreicht. Ein großartiger Erfolg einer entsprechenden Initiative über den „Hamburger Weg“. „Für uns ist das wie ein Sechser im Lotto“, sagte Stefan Rebbe, der Einrichtungsleiter in Dulsberg. Und auch, wenn das mit Fußball wenig zu tun hat, darf dies mal gesagt und geschrieben werden. Ich habe jetzt einige Aktionen, meist auf PR-Basis, des Hamburger Weges verfolgt in den vergangenen Jahren. Egal wie das jeweilige Konzept gestaltet war oder wie hoch die Spende im Einzelnen ausfiel – es wird viel Gutes getan mithilfe dieser Idee, die unter Vorstands-Mitglied Katja Kraus und durch Unterstützung mit dem damaligen Bürgermeister Ole von Beust ins Leben gerufen worden war.

Beiersdorfer nahm auch eine Einschätzung von Rene Adler vor. Dass dabei nicht viel Negatives herauskam, liegt auf der Hand: „Rene war immer da. Natürlich hat er die eine oder andere Verletzung gehabt, aber jetzt hat er wieder das Vertrauen. Er ist ein toller Rückhalt der Mannschaft. Jeder muss spüren und leben, dass er in den letzten Tagen der Saison alles für den HSV geben muss. Das macht Rene großartig.“

Beiersdorfer schwor dann auch noch die gesamte Mannschaft auf die nächsten beiden Aufgaben ein: „Man muss versuchen, die Spiele zu gewinnen. Das ist gar nicht so schwer – nicht das Gewinnen, sondern dieses Ziel zu definieren. Jetzt kommt das schwere Auswärtsspiel in Stuttgart. Es ist eine Riesenchance für uns, einen weiteren Schritt zu machen. Das wollen wir tun.“

Faktisch Neues, etwa Vertragsfragen („Nach der Saison.“) oder zum Wiedersehen mit Huub Stevens („Huub ist ein großer Trainer, der viel erreicht hat und immer wieder gezeigt hat, was er leisten kann.“), gab es heute von Beiersdorfer nicht.

Im Volkspark wurde derweil gleich zwei Mal trainiert. Ein paar Dutzend Zuschauer freuten sich, dass ein Laster aus Tschechien, auf dem Rollrasen für die neuen Trainingsplätze geliefert worden war, als Tribüne taugte, um über die Planen auf die Übungseinheiten der Profis zu schauen. Dort ging es vormittags und nachmittags ziemlich hart zur Sache. Rudnevs und Holtby wurden erwischt – und Johan Djourou. Der Schweizer Verteidiger musste mit dick bandagiertem rechtem Knöchel sogar vorzeitig in die Kabine gefahren werden. Bruno Labbadia geht nicht davon aus, wie er anschließend sagte, dass etwas Schlimmes passiert sei. „Noch mache ich mir keine Sorgen.“ Aber etwas bedrohlich sah es nach dem Zusammenprall mit Lewis Holtby doch aus.

Morgen wird um 15 Uhr noch einmal in dieser Woche öffentlich trainiert, ehe der HSV vor der Stuttgart-Partie die Zäune hochzieht.

Lars
18.30 Uhr

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