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Westermann: “Wir haben die bessere Mannschaft”

8. Februar 2012

Es ist gar nicht so lange her, da machte ich mir hier im Blog noch Sorgen um Slobodan Rajkovic. Drei Monate musste der Sommerzugang aussetzen, nachdem er gegen Kaiserslautern die Rote Karte erhalten hatte. Zwar nicht die ganze Zeit gesperrt, sondern anschließend auch leistungsbedingt, allerdings verlor er durch den Platzverweis seinen frisch erkämpften Platz in der Innenverteidigung neben Heiko Westermann. Anfänglich wusste der Serbe noch durch seinen Kampfgeist im Training zu gefallen, im Trainingslager in Marbella hatte er dann jedoch seinen Tiefpunkt. Resignierend und in sich gekehrt trottete der 23-Jährige über den Platz. Ein bitteres Bild – das sich spätestens mit dem Bayern-Spiel um 180 Grad gewendet hat. Rajkovic: „Es war ein guter Schritt für mich. Ich musste mich lange gedulden und hart arbeiten, um meine Chance zu bekommen.“ Jetzt hat er sie genutzt.

Gegen Bayern-Stürmer Gomez wusste Rajkovic seine Vorzüge bestens auszuspielen. In der Luft eine Macht, hielt der 23-Jährige gegen den sehr robusten und torgefährlichsten Deutschen der letzten Saison auch körperlich gut dagegen. So gut, dass er sowohl hier in Hamburg als auch in der serbischen Presse gelobt wurde. „Meine Freunde haben mir erzählt, was so geschrieben und gesagt wurde“, sagt Rajkovic und man kann seine Freude darüber erkennen: „Natürlich tut das gut“, so der Verteidiger, „aber noch besser sind mehrere gute Spiele.“

Eines davon soll in Köln am Sonntag (17.30 Uhr) folgen. Denn auch heute konnte Jeffrey Bruma (Knieprobleme) noch nicht mittrainieren, womit Rajkovic’s Chancen auf einen Startplatz bei annähernd 100 Prozent sein dürften. „Der Trainer hat noch nicht mit mir gesprochen“, sagt er, „aber ich bereite mich eh immer so vor, als würde ich spielen. Ich muss bereit sein, wenn meine Zeit kommt.“ Zudem will Rajkovic an das Hinspiel anschließen, das Ergebnis im Rückspiel drehen. „Wir haben damals extrem dumme Gegentore bekommen“, spricht er eines der Hauptprobleme beim HSV an. Immerhin ist vor Kaiserslautern das Team mit den wenigsten Spielen ohne Gegentor. „Wir kriegen ja gar nicht so übermäßig viele Gegentore“, erzählt Rajkovic, „aber eben in zu vielen Spielen wenigstens ein Ding. Das müssen wir abstellen – auch wenn ich keine wirkliche Erklärung dafür habe.“

Gegen Köln bekommt es die HSV-Abwehr mit Milivoje Novakovic zu tun. Einem „Killer“, wie Rajkovic den Slowenen in Anlehnung an dessen Vollstreckungsfähigkeiten vor dem gegnerischen Tor nennt. Also wird es nach Gomez wieder ein Duell zweier Gleicher? „Warum“, fragt Rajkovic, „was ist gleich?“ Antwort: die martialische Beschreibung. Immerhin wird der HSV-Verteidiger ob seiner imposanten körperlichen Erscheinung und seiner Zweikampfhärte Rambo gerufen. „Ich weiß“, lacht Rajkovic, der alle Rambo-Filme gesehen hat und mochte, „aber das ist nicht wirklich ein Vorteil für mich. Immerhin gucken die Schiris oft anders auf einen, wenn einem so ein Ruf vorauseilt.“ So geschehen bei der als harte Entscheidung einzustufenden Roten gegen Kaiserslautern. „Ich glaube, dass mein Ruf mir nicht gerecht wird. Ich bin ein Spieler, der sehr physisch spielt. Aber das ist bei fast allen Verteidigern so. Immerhin haben wir extrem viele Zweikämpfe zu bestreiten und müssen Bälle erobern und nicht verteilen.“ Wahre Worte, wie ich meine. Zumal jeder, der Rajkovic kennenlernt, dasselbe über ihn sagt: „Er ist ein lieber Kerl mit einer tollen Einstellung.“

Heute habe ich diese Worte übrigens von Heiko Westermann gehört, der am Sonntag zusammen mit Rajkovic Kölns Stürmer aus dem Spiel nehmen soll. Wobei mit dem Ausfall von Lukas Podolski der torgefährlichste Kölner fehlen wird. Ein Vorteil? „Mit Sicherheit kein Nachteil“, sagt Westermann, „immerhin war Poldi an zwei Dritteln aller Kölner Tore beteiligt. Allerdings hätte ich eh nicht mit einem Sturmlauf der Kölner gerechnet.“ Eher das Gegenteil sei zu erwarten. Sagt Westermann: „Wir werden von Beginn an das Spiel machen müssen, Köln wird sich auf Konter verlagern“, so der Kapitän, der keinen Hehl daraus macht, gegen den FC Favorit zu sein. „Im Hinspiel haben wir es mit vermeidbaren Fehlern selbst aus der Hand gegeben. Das passiert uns nicht noch mal. Eine unserer Stärken ist, dass wir auf jedes Spiel eine Reaktion zeigen.“ Womit Westermann natürlich nur die positiven Reaktionen auf bittere Spiele wie beispielsweise das Hertha-Spiel nach dem BVB-1:5 meint.

Jetzt also die Revanche für das 3:4 im Hinspiel. Und obgleich das Hinspiel zu Hause war und die Partie am Sonntag auswärts ist, sieht Westermann heute bessere Voraussetzung gegeben. „Wir sind heute deutlich gefestigter“, so der Abwehrchef, ehe er noch deutlicher wird. „Wir haben die größere Qualität, den besseren Kader, die bessere Mannschaft, also die bessere Mentalität. Das sind alles Punkte, die eindeutig für uns sprechen.“ Und mit Sicherheit auch eine Aufzählung, die den Kölnern als Motivationshilfe dienen können.

Zu mutig sind sie dennoch nicht. Zumindest nicht für HSV-Trainer Thorsten Fink. „Ich bin froh, wenn meine Spieler so optimistisch äußern“, sagt Trainer Thorsten Fink, der am Wochenende gegen Bayern erstmals wirklich zufrieden war mit der eigenen Defensivleistung, „allerdings müssen den Worten auch Taten folgen.“ Und der Maßstab für ein gutes Spiel ist kein Prozent weniger Einsatz als gegen Bayern München. „Wir wollen uns selbst an unseren besseren Spielen messen“, sagt Westermann, der gegen München einen Schritt nach vorn entdeckt haben will. „Ich war nach dem Spiel so positiv, weil wir über die gesamte Spielzeit mit allen elf nach hinten gearbeitet haben.“ Das werde zwar gegen Köln nicht zwingend notwendig, „aber wenn wir 1:0 führen und die letzten zehn Minuten unter Druck geraten, erwarte ich genau diese Leistung. Besser gesagt: wir erwarten die von uns.“

Klingt gut. Mal wieder gut. Hat aber noch nichts zu sagen. Zumal eine ganz wichtige Personalie im momentanen HSV-Spiel noch offen ist: die Position neben David Jarolim. Tomas Rincon ist gelbgesperrt, jetzt kämpfen Gojko Kacar, Robert Tesche und sogar Jacopo Sala (dann könnte Ilicevic auf die rechte Mittelfeldseite rücken) um den einen freien Platz. Und obwohl ich es sehr begrüßen würde, wenn Fink Ilicevic von Beginn an bringt un d Sala in die Zentrale rückt (das spielte der Italiener im Trainingslager gegen Brügge sehr ordentlich), wäre das natürlich eine sehr offensive Aufstellung. Und ein Risiko, das der HSV momentan nicht gehen muss. Schon deshalb glaube ich daran, dass Tesche oder Kacar die vakante Position einnehmen werden. Tendenz: Kacar. Aber gut, entscheiden dürften sich die letzten Personalien nicht vor Sonnabend, vor dem Abschlusstraining.

Entschieden ist dagegen, dass der HSV nach Südkorea reist. Ihr werdet es heute vielleicht schon gelesen haben, deshalb hier noch mal die Zusammenfassung für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Vom 16. Bis 25. Juli geht es ins Trainingslager nach Südkorea. Dort wird der Peace-Cup gespielt. Ein Turnier mit dem HSV, dem Permier-League-Team Sunderland, einer saudi-arabischen Mannschaft sowie einem südkoreanischen Team. „Wir fahren aber nicht hin, um eine Freundschaftsspieltour zu machen und damit einmal Geld abzusahnen“, sagt Vorstand Joachim Hilke, „wir setzen einen ersten Anker, um nachhaltig die Marke HSV in Südkorea zu platzieren.“ Und obwohl die 600000 Euro Antrittsgage sowie noch eine Million Euro für den Turniersieger höchst attraktive Aussichten sind, gilt neben der sportlichen Vorbereitung das Hauptaugenmerk dem Ausbau geschäftlicher Beziehen. 2005 hatte es der HSV ob der Personalie Naohiro Takahara in Japan versucht – und scheiterte. Auch, weil Japan zu groß ist. Deshalb Südkorea, die Heimat von Heung Min Son. Zwei Sponsoren hat der HSV mit Kumho Tyres und Hanwha (1,5 Millionen per annum) bereits, zwei weitere haben jetzt unterschrieben. Rund 500000 Euro fließen dadurch in die weitgehend leeren HSV-Kassen.

Auch das klingt gut.

In diesem Sinne, es gab schon deutlich schlechtere Momente. Vor allem in dieser Saison. Hoffen wir darauf, dass sich der HSV am Sonntag mit einem Auswärtssieg erstmals in dieser Serie in die Top-Ten zu schießen. Immerhin kommt danach mit Werder Bremen (schon 52000 Karten verkauft) ein absoluter Aufbaugegner in den Volkspark…

Bis morgen,
Scholle (19.18 Uhr)

P.S.: Morgen wird um zehn und um 15 Uhr an der Arena trainiert.

Jetzt bitte die richtigen Schrauben nachziehen

31. Oktober 2010

Es ist schon Wahnsinn, was hier manchmal abgeht. Und das meine ich komplett positiv. Das ist Leidenschaft. Und genau wie Ihr, bin auch ich ein leidenschaftlicher Fußballer, von der (meiner) ersten Stunde an. Das hat uns unfassbar viele, schöne Stunden gebracht. Für viele von uns schon auf dem Platz als Spieler. Aber genauso neben dem Platz. Bei mir waren es einst Uwe Seeler, Charly Dörfel und Co., später Kevin Keegan, Horst Hrubesch, Thomas von Heesen, Thomas Doll und letztlich auch die aktuelle HSV-Konstellation, die mir viel Freude bereitet haben. Oder eben auch Frust, Trauer und manchmal gar Verärgerung. Das ist in keiner Phase der letzten HSV-Jahrzehnte ausgeblieben. Das ist eben der kleine Nachteil, wenn man sich emotional so sehr an einen Fußballverein bindet.

Aber man (frau natürlich auch) lernt mit den Jahren, mit den Ereignissen umzugehen, sie zu verarbeiten und einzuordnen. Dazu gehört der Jubel, ganz klar. Nichts macht ein Fan lieber. Aber dazu gehört es einfach auch, klar und ohne Umschweife Fehler anzusprechen. Eben so, wie nach dem gestrigen Spiel. Wer in dem Spiel noch positive Ansätze (außer bei dem Youngster Son) hervorhebt, verklärt die Situation. Denn: Ein Klub, der wie der HSV den Anspruch formuliert, Champions League spielen zu wollen, der unterwirft sich im gleichen Atemzug auch einem sehr hohen Anspruch von außen. Und dieser kann nicht, auch nicht im Entferntesten, mit einer Niederlage in Köln erreicht sein. Egal, ob dabei ein Babak Rafati pfeift… Ich verstehe Fans, die immer positiv bleiben wollen. Optimismus ist wichtig. Aber das allein wäre als Analyse zu einseitig. Das wäre populistisch. Nichts anderes.

Deshalb habe ich gestern klar formuliert, was mir missfallen hat. Angefangen bei Drobny, der natürlich noch keine Sicherheit hat. Der aber als erfahrener Mann mit der Situation umzugehen wissen muss. Und dafür war er mir bei den vielen Flanken zu untätig. Er blieb auf der Linie kleben, traute sich nicht, alles vor ihm wegzuräumen auf dem Weg zum Ball. Ich hätte erwartet, dass er mit seinen 1.92 Metern dominanter auftritt. Ich bin mir wie die meisten hier auch sicher, dass er das kann. Ich weiß auch, dass er ein guter Typ ist, ein Teamplayer – aber in der Form ist er eben auch Teil einer langen Fehlerkette, die Spiele wie gegen lediglich aggressiv spielende, fußballerisch stark limitierte Kölner verlieren lässt. Das gehört in einer Analyse angesprochen.

Dass nach dem Spiel Heiko Westermann davon spricht, er und seine Kollegen hätten einen couragierten Auftritt hingelegt, verbuche ich ihm zuliebe mal unter dem Begriff „Zweckoptimismus“. Ich hoffe, dass er sich als Kapitän dazu berufen sah, das Positive zu suchen und der Mannschaft Mut zuzusprechen. Sollte er allerdings auch intern, im intimeren Kreis mit Mitspielern und Trainerteam, diese Auffassung von dem Spiel in Köln vertreten, würde ich mir Sorgen machen. Noch mehr als mir sein Auftritt in Köln (er war an allen drei Gegentoren beteiligt, dazu noch fast ein Eigentor) bereits macht.

Nein, das darf es nicht sein. Hier gehören Worte hin, die klar machen, was falsch läuft. Das kann man in vielen Worten versuchen, das kann man aber auch wie Armin Veh nach dem Spiel machen. Der sagte nur: „Wir haben den Anspruch, oben mitzuspielen. Dafür musst du in Köln gewinnen. Das haben wir nicht geschafft. Insofern genügen wir unseren eigenen Ansprüchen nicht.“

Trotzdem müssen solchen Worten Taten, in schlimmeren Fällen sogar konzeptionelle Veränderungen folgen. Ihr schreibt immer wieder mal, der HSV bräuchte jetzt den Neuanfang, der HSV solle auf junge Talente setzen. Das ist ein sehr reizvoller Gedanke. Zumal, wenn man sieht, wie beispielsweise ein Sidney Sam gestern bei Bayer Leverkusen aufdreht und die gesamte Schalke-Abwehr narrt. Solche Spieler würden uns in Hamburg sicher auch guttun. Allerdings, so formulierte es der Vorstand, koalierten bei Sam die sportlichen Qualitäten nicht mit den Menschlichen. Da sollen alte Verfehlungen Sams im Internat letztlich zum Zerwürfnis mit dem Vorstand geführt haben.

Abgehakt. Dieser HSV hat andere Sorgen. Sollte wieder ein internationaler Wettbewerb verpasst werden, müssen Spieler verkauft werden. Das hat Sportchef Bastian Reinhardt bereits klar gesagt. Deshalb sollten umso dringender und schnell nach Lösungen suchen, nicht weitere Fragen aufwerfen. Zumal am kommenden Sonnabend mit Hoffenheim und dem anschließenden Auswärtsspiel in Dortmund zwei sehr schwere Aufgaben bevorstehen.

Einige Lösungen bedingen sich aus den Rückkehrern. Ruud van Nistelrooy sollte bis dahin seine Knieprobleme überwunden haben. Auch Marcell Jansen könnte, sofern der gebrochene, linke kleine Zeh wieder in den Schuh passt, wieder mitwirken. Und, das ist vielleicht die wichtigste Rückkehr, Zé Roberto müsste seinen grippalen Infekt bis zum Hoffenheim-Spiel komplett auskuriert und körperliche Defizite wieder aufgearbeitet haben. Womit ich einen kleinen Einwurf machen muss: Ich hatte Trochowski gestern abgesprochen, seine Chance im zentralen Mittelfeld genutzt zu haben. Anschließend habe ich – auch weil ich kein Supertalent oder Carmen Nebel gucken wollte – das ganze HSV-Spiel noch mal in der Wiederholung komplett angesehen. Und ich muss sagen, dass Troche nach vorn einige gute Szenen hatte, die mir im ersten Moment gestern durchgerutscht sein könnten. Dennoch bleibe ich bei meiner Gesamtbeurteilung, dass es zu wenig ist. Troche hat alle Qualitäten, besser: er hat alle Voraussetzungen. Er ruft sie aber noch immer zu selten ab.

Da geht von Zé Roberto an guten Tagen mehr Gefahr aus. Für mich ist der Brasilianer, der gegen Bayern zuletzt zwar auch nicht seinen besten Tag hatte, aber dort offensichtlich schon grippegeschwächt ins Spiel gegangen war, das Kreative Herz des Teams. Hat Zé einen guten Tag, ist der HSV gut. Meistens zumindest. Fällt Zé ab, wie in der letzten Phase von Bruno Labbadia, geht beim HSV kaum etwas. Ein Vakuum, das Troche hätte füllen sollen, dies aber nicht ausreichend schafft.

Zudem kehrt David Jarolim zurück. Der Tscheche war in Köln schon im Kader, hat bis zum Hoffenheim-Spiel noch eine Woche, um wieder topfit zu werden. Hier steht Veh vor einer nicht ganz einfachen Aufgabe. Lässt er den vor seiner Verletzung unumstrittenen Jarolim wieder ran, oder versucht er, Gojko Kacars latenten Aufwärtstrend aus der Köln-Partie zu konservieren?

Und während Jansen selbstverständlich sofort wieder auf die linke Verteidigerposition rücken würde, muss sich Veh bei van Nistelrooys Rückkehr auch wieder mit dem Gedanken auseinandersetzen, das System wieder auf zwei Spitzen umzustellen. Zwar könnte Veh auch Guerrero herausnehmen und Petric auf die zentrale Position hinter der einzigen Spitze stellen – zumindest würde er so das System nicht neuerlich umbauen müssen. Aber ich glaube, dass das intern neue Probleme gäbe. Denn Vehs Grundsatz, ausschließlich nach Leistung zu gehen, konnte Petric mit drei Treffern in den letzten zwei Spielen sicher entsprechen.

Bleibt das Hauptproblem: die Abwehr. Ihr hattet gefragt, warum Besic außen nicht mal eine Chance bekommt. Ich glaube, dass das nichts ist, was wir Veh vorwerfen sollten. Vielmehr glaube ich, dass der Trainer sein Talent schützen will. Schließlich ist Besic ein Innenverteidiger. Würde man den Jungen nun auf einer für ihn ungewohnten Position debütieren lassen, könnte man ihn schnell verheizen. Und das wäre zu schade. Denn auch ich glaube, dass Besic mal ein richtig Guter wird. Allerdings am ehesten als Innenverteidiger. Und beim HSV wohlgemerkt. Auch wenn Veh diese beiden Posten momentan noch mit zwei Nationalspielern fest besetzt hat.

Womit ich mal wieder bei Westermann bin. Für den tut es mir wirklich leid, denn ich halte ihn für einen tadellosen Sportsmann, den ich jede Charakterfrage bestehen lassen würde. Dennoch, das weiß er selbst sicherlich auch, ist er fußballerisch limitiert. Er hat seine Stärken im Zweikampf, eigentlich auch in der Luft. Er schlägt schöne Diagonalpässe á la Jerome Boateng. Und er ist normalerweise torgefährlich bei Standards. Aber ihm fehlt die Übersicht im Offensivspiel, er ist kein Kreativer. Kommt er einmal mit dem Ball in Fahrt, dann läuft er sich fest oder spielt einen Fehlpass. Er wirkt dann auf mich zu oft wie ein Schlittschuhläufer, der nicht bremsen kann und dafür in die Bande fährt. Heiko muss wieder dahin kommen, Bälle zu gewinnen und sie sicher abzuspielen. Er muss, und das gilt für alle in der Mannschaft, wieder dahin kommen, seine Qualitäten optimal in die Mannschaft einzubauen. Um gut zu sein, muss er nicht mehr machen. Aber es darf eben auch nicht weniger sein.

Das wiederum zählt im Übrigen für alle im Team. In jedem Team. Es ist so allgemeingültig, dass es schon fast als Phrase bezeichnet werden kann. Aber es ist eben doch wahr. Ein wirklich gutes Spiel hat mehr Bausteine, als ein einzelner Spieler einbringen kann. Die besten Mannschaften sind die, die vom prädestinierten Zweikämpfer bis zum Edeltechniker alle Spektren ausreichend abdecken. Ein sehr gutes Beispiel dafür sind die Spanier. Jahrzehntelang hatten sie mit die besten Fußballer, spielten einen begeisternden Kombinationsfußball. Sie gewannen aber keine Titel. Denn ihr System hatte den Haken, dass es zu wenig Wert auf Verteidigung und gute Abwehrspieler gelegt hatte. Statt effektiv zu spielen war Ästhetik Trumpf. Inzwischen spielen dort Typen wie Carles Puyol in der Abwehr – spezialisierte Zweikämpfer eben. Und plötzlich sind sie nicht mehr aufzuhalten.

Deswegen funktionierte der HSV mit einem Olic, deswegen funktionierte er mit einem Reinhardt. Beides keine Alleskönner. Ganz im Gegenteil. Aber eben Spezialisten. Und die fehlen dem HSV im Moment. Zum einen verletzungsbedingt, weswegen gerade in der Abwehr zu oft umgebaut und entsprechend improvisiert werden muss. Zum anderen, weil systematisch wie personell generell zu viel improvisiert wird. Angefangen in der Vorbereitung mit Petric als Rechtsaußen bis hin zu Robert Tesche in Köln als Außenverteidiger.

Der HSV muss sich grundsätzlich Gedanken machen. Denn offensichtlich scheint auch bei der Kaderplanung einiges schiefgelaufen zu sein. Ein Beispiel ist Lennard Sowah. Im Sommer als großes Talent aus der Premier League zum HSV geholt, ist er Veh nicht mal gut genug, um ihn die Reservebank auf 18 Mann auffüllen zu lassen. Stattdessen nahm Veh nur 17 Spieler mit. Und das obwohl Sowah ein gelernter Linksverteidiger ist. Warum? Ganz einfach: weil Sowah als Wunsch Urs Siegenthalers zum HSV kam. Der einst designierte HSV-Sportchef soll seinen Kopf mit aller Macht durchgesetzt haben, obgleich Veh von Beginn an gegen Sowahs Verpflichtung gewesen sein soll – und sie somit von Beginn an zum Scheitern verurteilt war.

Und eine Verpflichtung, die erahnen lässt, dass bei der Kaderplanung einiges schief gelaufen ist. Die Konstellation, mit Siegenthaler, Veh ab Mai mit dem Neuling Reinhardt war nicht optimal. Klar. Aber wie oft hören und sagen wir trotzdem noch, dieser Kader hat mächtig Potenzial? Dabei stützen wir unsere Meinungen auf die Namen der Spieler. Wir beschreiben die individuelle Klasse eines jeden Einzelnen im Team und summieren. Aber, da wiederhole ich mich – Achtung, Phrasenschwein!! – die besten elf machen längst nicht die beste Elf. Hier müssen schon im Winter die richtigen Schrauben festgezogen werden. Wenn das nicht passiert, droht uns nach den letzten, im Endeffekt erfolgreichen Jahren, ein böser Zerfall. Wer auf Champions-League-Niveau denkt, muss auch entsprechend arbeiten. Das gilt für die Spieler, dafür werden und wurden sie heftig kritisiert. Aber es gilt ganz sicher auch für die Vereinsoberen. Denn bei denen beginnt eine gute Saison. Mit der Kaderplanung.

In der Hoffnung auf Besserung: Nur der HSV!

Durchgefallen – HSV verliert 2:3 in Köln

30. Oktober 2010

Ich hatte Euch meine Freude vor Spielbeginn mitgeteilt – Veh würde in Köln stürmen lassen hatte ich der Aufstellung entnommen. Allerdings hatte ich zuerst auf Raute mit Kacar als alleinigen Sechser getippt – am Ende spielte Veh mit einer Spitze, drei offensiven Mittelfeldspieler dahinter sowie zwei Sechsern – Kacar und Trochowski. Eine Idee, die so gar nicht aufgehen sollte. Im Gegenteil. Diese Niederlage ist ein Nackenschlag, es ist fast schon ein Trommelwirbel von Faustschlägen ins Gesicht eines jeden Fans. Und es macht eine Vermutung zur traurigen Gewissheit: der HSV steckt in der Krise. Und im grauesten Mittelmaß.

Dabei reichte den Kölnern ein reiner Willensakt. Zuerst Son, unmittelbar danach Pitroipa – ich hatte den Fernseher kaum angeschaltet, da lagen die beiden schon. Umgetreten von Kölnern, die von Beginn an so aggressiv spielten wie wahrscheinlich noch nie in dieser Saison. Dass dabei sogar die frühe Führung heraussprang, hatten sie jedoch der – mal wieder – bei Standards unsortierten HSV-Defensive zu verdanken. Westermann, eigentlich geholt als Garant in der Luft, verliert das Kopfballduell gegen Geromel, dahinter lassen Tesche und Mathijsen Novakovic ungedeckt und der trifft zum 1:0 (11.). Und plötzlich war sie wieder da, die fast spieltägliche Angst vor Standards. Zumindest bei mir.

Es spricht allerdings für die Moral des HSV – und gegen die Tretertaktik des FC -, dass sie wiederkamen, sogar in Führung gingen. Zuerst hatte Mathijsen seinen Fehler in der Abwehr mit einem schönen Kopfball wieder gut gemacht, den Brecko Petric auf den Kopf servierte (15.). Danach der große Auftritt des kleinen Son. Einen schönen Pass von Kacar erläuft der 18-Jährige und lupft ihn über den Kölner Keeper. Mit welcher Coolness er das machte, insbesondere wie er dann den Dropkick aus 15 Metern bombensicher einnetzte (23.) – das ist schon beeindruckend.

Weniger beeindruckend anschließend, wie Kacar den Ball nicht aus der Gefahrenzone bringen kann, Guerrero in Bedrängnis anspielt, und der Peruaner vergeblich auf Freistoß spekuliert. Dazu kommt noch ein mehr als fragwürdiges Stellungsspiel von Westermann, der sich von Podolski überlaufen lässt. Dessen Querpass kann Novakovic völlig ungedeckt über Drobny hinweg stolpern – das 2:2.

Und, obwohl ich bei den Toren Tesche mit in der jeweiligen Fehlerkette gesehen habe, gefiel er mir bis dahin, weil er körperlich voll gegen die mit allen Mitteln kämpfenden Kölner hielt. Rincon auch – allerdings produzierte mir der Venezolaner zu viele Fouls und dementsprechend Standards rund um den eigenen Sechzehner.

Womit wir schnell in der zweiten Halbzeit sind. Keine acht Minuten waren gespielt, da hatten die Kölner schon wieder zwei Eckbälle sowie drei Freistöße. Ein Problem, das sich durch die gesamte Saison zu ziehen scheint. Diesmal blieben sie allerdings ohne Folgen für den HSV. Im Gegenteil. Der HSV hatte zwei, drei richtig gute Freistoßsituationen, die Trochowski einmal auf den am zweiten Pfosten ungedeckten Petric und zwei Mal in die gegnerische Mauer setzte. Am gefährlichsten war allerdings ein Freistoß, den Westermann fast im eigenen Kasten untergebracht hätte. Eine bezeichnende Szene für das Spiel des HSV, das am Ende sogar noch mit Novakovics drittem Treffer und der zweiten Niederlagen binnen vier Tagen bestraft wurde.

Eine Niederlage, die alarmieren muss. Köln spielte engagiert, okay. Aber sehr viel mehr auch nicht. Und trotzdem reichte es. Weil dieser HSV wackelt – und immer häufiger auch fällt. Die Unsicherheit ist deutlicher denn je zu erkennen. Angefangen bei Jaroslav Drobny, der zwar keinen großen Fehler machte, allerdings bei seinen Faustabwehren nicht den sichersten Eindruck hinterließ. Und, das ist das bitterste für ihn, unter dem Strich stehen zwei Spiele von Beginn an – und acht (!) Gegentreffer.

An denen darf sich allerdings erneut Heiko Westermann eine wesentliche Teilschuld zuschreiben. So sehr ich ihn nach dem Lautern- und dem Bayern-Spiel für die neue Sicherheit in der Abwehr gelobt hatte, so sehr muss ich sein Stellungsspiel, insbesondere die Absprache mit seinen Nebenleuten kritisieren. Er war an allen drei Toren beteiligt. Zuerst verlor er das entscheidende Kopfballduell, dann lässt er sich überlaufen und am Ende hat er Novakovic nicht mehr in Blick, der völlig frei zum Sieg der Kölner einschieben kann. Das ist nicht der Heiko Westermann, der er selbst sein will und den wir uns erhofft hatten. Dass ausgerechnet jetzt sein Nebenmann, in den letzten Jahren so etwas wie die personifizierte Konstanz, Joris Mathijsen, mitwackelt, zeigt, in welchen Schwierigkeiten der HSV steckt.

Da helfen auch engagierte, allerdings oft auch kopflose Leistungen der Aushilfs-Außen Tesche und Rincon nichts. Den beiden mag ich zumindest heute noch die wenigsten Vorwürfe machen, schließlich spielten beide notgedrungen auf für sie eher ungewohnten Positionen. Fraglich ist allerdings, wann der HSV sein meiner Meinung nach seit Jahren wiederkehrendes Problem personell ausbessert. Oder kann mir von Euch jemand sagen, wann wir das letzte Mal auf den Außen wirklich gut standen?

Allein das bereits aufgezählte reicht schon, um Spiele zu verlieren. Trotzdem reihen sich im Mittelfeld nahezu alle Spieler in diese Fehlerkette mit ein. Son wusste mit seinem Tor zu begeistern, ansonsten tauchte er jedoch nahezu wirkungslos ab. Genau wie Trochowski, der bis auf einen schönen Pass auf Guerrero in der zweiten Halbzeit, nur durch vergeben Freistöße seine Chancen, das muss so konstatiert werden, mal wieder nicht nutzen konnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er am kommenden Sonnabend gegen Hoffenheim von Beginn an aufläuft. Zumal bis dahin Zé Roberto wieder fit sein sollte.

Gleiches gilt für Kacar, der bemüht war, einen schönen Pass auf Son spielte, letztlich aber zu wenig für die Offensive tat. Er machte kein schlechtes Spiel, damit mich bitte keiner falsch versteht. Aber er ging letztlich mit unter. Genau wie Pitroipa, der für mich offensiv noch die meisten Akzente setzte. Er wurde am Anfang getreten und gejagt, aber er ließ sich nicht entmutigen. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob er selbst immer weiß, was er mit dem Ball macht, er sorgt seit Wochen für Unruhe beim Gegner. Das ist okay.

Womit wir bei unserem Angriff sind. Paolo Guerrero begann nominell als Zehner, war allerdings mit zwei Großchancen diesbezüglich Spitzenreiter im eigenen Team. Petric, der einen Treffer beisteuern konnte, war weniger auffällig. Und diesmal muss die Frage erlaubt sein, warum Veh am Ende Guerrero und nicht den abbauenden Son herunternahm. Ein Test? Schließlich wurde das Spiel in Köln ja offiziell zu Charaktertest ausgerufen. Allein, ich glaube nicht daran. Schließlich lieferte das Spiel vor wie auch nach Guerreros Auswechslung schon die klare Antwort. Und die heißt: Test nicht bestanden, die Mannschaft ist durchgefallen. Wenn das Thema nicht zu ernst wäre, würde ich sagen: wenigstens im Durchfallen war die Mannschaft ein echtes Kollektiv…

18.04 Uhr.

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