Archiv für das Tag 'kmetsch'

Der alte Kaltz kann es immer noch

9. Juni 2012

„Und immer dran denken – die Gefahr kommt über rechts.“ Hat Manfred „Manni“ Kaltz bei seiner Abfahrt aus Norderstedt gesagt. Der frühere Nationalverteidiger war Beifahrer von Uli „die Kante“ Borowka, Kaltz ließ schnell die Fensterscheibe herunter und gab mir noch schnell den kostenlosen Tipp. Dann ging es für die beiden ehemaligen Profis in die Fisch-Auktionshalle, wo sie sich das EM-Spiel Deutschland gegen Portugal ansehen werden. Nicht allein. Es sind viele Gäste der Sparda-Bank geladen, und viele Alt-Internationale. Die spielten am Nachmittag auf dem Rasenplatz von Eintracht Norderstedt gegen eine Hamburger Presse-Auswahl. Halbzeit 0:0, Endstand 3:0. Für die „Ehemaligen“ – natürlich, möchte man meinen. Aber die Sieger hatten mehr Mühe als erwartet.

Der Veranstalter hatte mit 4000 bis 5000 Zuschauern gerechnet, gekommen waren bei Hamburger Schmuddelwetter um die 300. Die Autogrammjäger unter ihnen kamen auf ihre Kosten, denn die Stars von gestern stellten sich bereitwillig zu vielen Fotos und zu den begehrten Unterschriften. Auch Schiedsrichter Bernd Heynemann (Magdeburg) verteilte fleißig die von ihm geforderten Autogrammkarten.

Organisiert und aufgestellt hatte das Star-Ensemble der ehemalige HSV-Spieler Stefan Schnoor, der in Ermangelung von Angreifern gelegentlich sogar als Sturmspitze aufkreuzte (und auch das 1:0 per Abstauber erzielte!). „Du warst schon immer ein verkappter Stürmer“, sagte ich ihm während des Spiels, aber er antwortete: „Eher ein verkappter Zehner.“ Fritz Walter, Wolfgang Overath, Günter Netzer . . . Stefan Schnoor.

Aber er hatte natürlich eine gute Mannschaft beisammen. Neben Kaltz und Borowka waren die ehemaligen HSV-Profis Jochen Kientz, Bastian Reinhardt, Peter Nogly, Ingo Hertzsch (aus Leipzig angereist!) und Thomas Vogel dabei. Zudem Michael Rummenigge, Thomas Helmer und Marco Bode, der für mich der beste Mann bei den „Alten“ war, der sogar einen sehenswerten Fallrückzieher riskierte – und auch ein Abstaubertor erzielte. „Man, man, der Bode hat es aber noch drauf“, sagte Presse-Abwehrmann Christian Pletz (unser Matz-ab-Pletzi) später anerkennend. Gut war aber auch, ich ziehe den Hut vor ihm, „Manni“ Kaltz. Alle Achtung. Die Pässe, die Standards und die Flanken kamen wie zu seinen besten Tagen. Presse-Torwart Oliver Hinz von Altona 93: „So schießt sie kein Spieler in der Oberliga Hamburg. Kaltz bringt sie genau dorthin, wo er sie auch hin haben will. Erste Sahne.“ Kaltz, 59 Jahre alt, kann es immer noch. Wie er über das gesamte Spielfeld (mit Ball) stolzierte und mit einem sehenswerten Lupfer gegen den Pfosten das 2:0 (Bode) vorbereitete – einfach nur klasse.

Bei den Medien-Vertretern spielten – neben anderen – auch Sky-Moderator Patrick Wasserziehr sowie HSV-Medien-Direktor Jörn Wolf, der seinem Unmut über das „schlechte Spiel“ der Presse-Truppe stets freien Lauf ließ. Immerhin gab er nach dem Schlusspfiff zu: „Hat trotz allem Spaß gemacht. Und wenn ich etwas gemeckert habe, so liegt es schlicht und einfach daran, dass ich immer gewinnen will.“ Aber gegen einen Sieg der Medien-Vertreter hatten natürlich die Altmeister doch erhebliche Einwände.

So, es ist EM. Und in einigen Minuten sind auch wir Deutsche voll dabei und mittendrin. Deswegen halte ich mich heute mal kurz und knapp – die Spannung steigt, auch bei mir. Obwohl ich immer noch leicht pessimistisch bin. Ganz leicht.

Aber obwohl ich in der Obdachlosen-Zeitung „Hinz und Kunzt“ ja schon einige EM-Nähkästchen geschrieben habe, gibt es da noch ein ganz kleines, was ich hier schnell noch zum Besten geben möchte. Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden. Bundestrainer Erich Ribbeck, der ehemalige HSV-Sportchef. Der hatte in den Wochen vorher stets verkündet: „Ich werde keinen Spieler mit in den EM-Kader nehmen, der noch kein Länderspiel gemacht hat.“ Ein Mann, ein Wort. Da HSV-Torwart Jörg Butt noch kein Länderspiel bestritten hatte, fragte ich Ribbeck einmal kurz unter vier Augen: „Gilt das auch für Jörg Butt?“ Ribbeck: „Ja, Butt wird vorher noch seinen Einsatz erhalten . . .“

Und es gab da ja auch noch zwei Testspiele für die deutsche Mannschaft. Am 3. Juni gegen Tschechien – aber beim 3:2-Sieg spielte Oliver Kahn 90 Minuten durch. Dann der letzte Test vor dem EM, am 7. Juni in Freiburg gegen Liechtenstein. Ribbeck kündigte in der Pressekonferenz an: „Da wird Jens Lehmann zwischen den Pfosten stehen.“ Wie Lehmann? Und Butt?

Ich ging nach der Pressekonferenz zu Erich Ribbeck, wieder ein kurzes Gespräch unter vier Augen: „Herr Ribbeck, und was ist mit Butt? Sie haben mir doch gesagt, Butt würde auch noch vor der EM seinen Einsatz erhalten . . .“ Ribbeck setzte eine grimmige Miene auf und sagte kurz und knapp: „Sie immer mit Ihrem Butt, Butt, Butt, Aber keine Angst, Herr Matz, er bekommt seinen Einsatz, auch wenn ich es für den dritten Mann im Tor nicht unbedingt für nötig erachte.“

2:1 stand es bei Halbzeit in Freiburg gegen Liechtenstein, dann kam Butt. Er kassierte zwar auch noch einen Gegentreffer vom Fußballzwerg, aber Deutschland gewann 8:2. Und „Butti“ hatte seinen ersten Länderspiel-Einsatz – ich war happy, er war happy – alle waren zufrieden. So hatte ich beim HSV-Torwart vielleicht 25 Prozent meine Finger im Spiel, dass er gegen Liechtenstein ran durfte – aber ganz aufmerksame „Matz-abber“ werden sich erinnern, dass ich einst Sven Kmetsch (ehemaliger HSV-Kapitän) zu Zeiten von Berti Vogts in die DFB-Auswahl „sabbelte“. Da aber waren es mindestens 95 Prozent. Kmetsch schaffte aber nur zwei Einsätze . . .
Den Kritikern (meinen Kritikern) sei gleich entgegnet: Mehr HSV-Spieler waren es aber nicht. Auch bei Piotr Trochowski oder Dennis Aogo hatte ich meine Finger nicht im Spiel. Aber Butt und Kmetsch zeigen, dass es im „großen Fußball“ gelegentlich auch ganz amateurhaft und hemdsärmelig zugehen kann – da gibt es dann keinen Unterschied zu (m)einem kleinen Verein um die Ecke.

So, nun ist EM, und zwar Hochstimmung. Das Spiel Niederlande gegen Dänemark (0:1) bestärkt mich darin, dass es nicht unbedingt ein Turnier für die Favoriten geben wird.

Apropos Dänemark: Da spielt ein Mann namens Lars Jacobsen mit. Der war von 2002 bis 2003 HSV-Profi, brachte es auf 22 Einsätze (ein Tor) und ging wieder, weil ihn der HSV nicht mehr wollte. Quasi durchgefallen. Der 32-jährige Verteidiger vom FC Kopenhagen spielt aber schon seit jener Zeit stets für Dänemark (50 Länderspiele). War aber für den HSV einst ein wenig zu schlecht . . . So kann es gehen.

Falls es gleich auffällt, dass ich ein wenig heiser bin: Ich war heute „Trainer“ der Presse-Auswahl, und da habe ich gelegentlich ein wenig zu laut über den Platz gegrölt. Übrigens: gleich nach dem Schlusspfiff der Partie Deutschland gegen Portugal gibt es wieder „Matz ab live“ – wir sehen uns.
Eine schöne EM für alle.

19.52 Uhr

Das Reizthema

26. November 2009

Die Geister die ich rief . . . Schade, schade, dass ich so viel Häme, Sarkasmus, so viel Böses und so viel Bitterkeit am Morgen lesen muss.  Ich bin enttäuscht und entsetzt zugleich, es tut mir weh. So war „Matz ab“ eigentlich nicht gedacht, aber im Moment sieht es wohl so aus, als würden diese gegenseitigen Vorwürfe überhand nehmen. Da ich nicht mit jedem von Euch korrespondieren kann, da ich aber auch schon einige Male erklärt hatte, dass mir die privaten Plaudereien nicht so auf den Zeiger gehen, wie einigen anderen in diesem Blog, hatte ich gehofft, das würde sich regeln. Denkste. Und ich mittendrin statt nur dabei. Es gab in dieser Nacht auch etliche gute Vorschläge – in jede Richtung. Täglich, wirklich täglich begegnen mir Leute, die „Matz ab“ lesen, die aber nur meine Kommentare lesen. Weil sie zu mehr keine Zeit haben, haben wollen, weil sie dieses Private nicht lesen mögen. Das ist eine Einstellung.

Eine andere wird mir auch täglich mitgeteilt: Sie lesen meine Kommentare, und sie lesen jene Kommentare, die über drei, vier oder fünf Zeilen hinausgehen. Auch eine Einstellung. Und nach wie vor ist es doch so, dass niemand gezwungen wird, das Private zu lesen. Denen, die sich darüber aufregen, denen möchte ich sagen, dass ich mich allein darüber freue, dass sie dabei sind und meine Kommentare lesen. Und dann selbst in die Tasten hauen und eine Reaktion schicken, oder abschalten und später wieder mal reinklicken.

Im Übrigen finde ich „Eiche Noglys“ Vorschläge gut und für überdenkenswert, denn: Wenn diese „Dampfplauderer“ bis 18 Uhr abschalten und abstinent bleiben, dann wäre doch der Tag für alle anderen gerettet. Oder? Ich weiß, es gab den Einwand, dass viele erst um 18 Uhr nach Hause kommen und dann lesen. Warum lesen sie nicht meinen Kommentar, dann lesen sie die Kommentare die bis 18 Uhr eingegangen sind – und danach wird dann eben gefiltert. Drei-, Vier- oder Fünfzeiler gehen ins Kröpfchen, die längeren gehen ins Töpfchen. Frei nach Aschenputtel.

Um es noch einmal zu sagen: Ich bin ein humorvoller Mensch, ich habe schon oft laut los gelacht, wenn ich hier allein vor meiner Kiste saß, aber es gibt eben auch Beiträge, die ich schnell wieder vergesse. Allen aber, wirklich allen sei an dieser Stelle noch einmal gesagt: Dieser Blog wurde ins Leben gerufen, weil sich HSV-Freunde und -Fans hier treffen sollten. Das muss nicht nur auf eine Art geschehen, das kann auch vielschichtig sein. Und dazu gehört vor allem eines: TOLERANZ. Ich, das sage ich ehrlich und voller Überzeugung, wusste nicht, was nach dem 7. August 2009 (Start von „Matz ab“) auf mich zukommen würde, ich war erst überrascht, dann begeistert. Diese Begeisterung wird nun schon seit geraumer Zeit von einem gewissen Misstrauen begleitet, denn keiner weiß, wie sich das hier alles entwickeln wird. Denkt jeder an seinen Klub, denkt jeder nur an seinen HSV, dann wird dieser Blog nicht verkümmern. Dazu gehört aber auch eine gewisse Blog-Disziplin, und die lege ich nun hiermit jedem, wirklich jedem ans Herz.

Tut mir Leid, wenn das nun ausuferte, aber auch ich mache mir Gedanken zu diesem Thema, und zwar nicht erst seit heute.
Gestern hatte ich von einem Reizthema gesprochen, damit war aber nicht meine jetzt verfasste Einleitung gemeint.

Ich stand am Dienstag beim Training, vor mir die Rentner, die immer da sind, bei Wind und Wetter. Und von denen einige immer höchst erregt auf den HSV eindreschen. Von wegen was alles falsch läuft jetzt. Und wenn Mann da zu hört, dann läuft vieles bis alles falsch. Und trotzdem gab es ein Aha-Erlebnis für mich. Es gab aus Richtung der Rentner-Gang Lob für Piotr Trochowski. Lautes Lob sogar, er müsste es eigentlich einige Male (wohlwollend) zur Kenntnis genommen haben, denn er schlug von einem Punkt Freistöße vor das Tor, der nur fünf, sechs Meter von den Rentner entfernt war. Und diese Freistöße waren so gut, dass „Troche“ Lob erhielt. War eine neue Erfahrung für mich.

Beim Verlassen des Platzes sagte aber ein Fan schon wieder: „Na gut, schießen kann er ja, aber sonst nichts.“ Wie bitte? Sonst nichts? Trochowski kann am Ball alles, er kann so dribbeln, wie kaum ein Zweiter (abgesehen von Ze Roberto) in dieser HSV-Mannschaft. Die Antwort des Nörglers: „Wenn Trochowski mehr könnte, dann würde er jetzt, wo so viele Ausfälle zu beklagen sind, endlich einmal Verantwortung übernehmen, er würde die Mannschaft führen und mitreißen – aber da kommt nichts.“

Es wird wohl ewig so bleiben: An Piotr Trochowski scheiden sich die Geister. Und irgendwie glaube ich, dass „Troche“ in Hamburg doch auf keinen grünen Zweig mehr kommt. Was ich für äußerst schade hielte, denn für mich ist er eindeutig einer der besten Fußballer in diesem Team. Mit teilweise überragenden Fähigkeiten. Die er, ich höre Euch jetzt schon wieder aufstöhnen, natürlich nicht immer einbringt – beim HSV. Oder auch viel zu wenig. Das gebe ich ja zu. Aber: Nicht jeder Fußballspieler hat auch die Fähigkeiten zu einem Führungsspieler.

Was ich dem Nörgler auch noch mit auf den Heimweg gab: Trochowski steht im Jahre 2009 an dritter Stelle jener deutschen Nationalspieler, die die meisten Länderspielminuten in diesem Jahr absolviert haben. Der Bronzeplatz kommt doch nicht daher, dass Bundestrainer Joachim Löw, ich wiederhole mich da, ein so „Nachtblinder“ ist, dass er Piotr Trochowski vom HSV so mir nichts dir nichts von einem Länderspiel ins nächste schleppt. Ein Bundestrainer hat viele Millionen Kollegen in diesem Lande, die würde dem guten Löw doch schon lange die Freundschaft gekündigt haben, wenn er so über Monate daneben liegen würde. Und Ihr könnt ganz sicher sein: Wenn ihm Millionen „Bundestrainer“ die Freundschaft kündigen würden, dann hätte auch schon lange der Deutsche Fußball-Bund reagiert – auch mit einer Kündigung.

Haben denn jene deutschen Nationalspieler des HSV in der Nationalmannschaft so gespielt, dass sie sich als Führungskräfte erwiesen hätten? Ganz sicher nicht. Jörg Albertz war einer aus der Neuzeit (der Nationalmannschaft). Ich erinnere mich genau: Sein Debüt gab er einst in Porto gegen Portugal. Berti Vogts brachte ihn zur zweiten Halbzeit. Und fortan prasselten heftige Worte der Kollegen von links, rechts, von hinten und von vorne auf mich ein: „Was spielt der denn für einen Mist?“ Das war noch gemäßigt. Albertz war in der Nati ein ganz schlechter Mitläufer, und beim HSV? Hat er da oft Verantwortung übernommen?
Ingo Herztzsch debütierte bei Rudi Völler. Der Innenverteidiger war in der Nati ein Mitläufer, und beim HSV ein Spieler, der seinen Dienst gut und zuverlässig erledigt hat – aber eine Führungskraft war er nie.

Und Christian Rahn? Bei ihm lief es doch genau so ab wie bei Hertzsch. Einzig der von mir nicht sonderlich geliebte Sven Kmetsch spielte beim HSV einst – für ganz kurze Zeit – eine dominierende Rolle, aber das war es dann auch schon.

Nun ist Jerome Boateng neu bei Joachim Löw, und ich bin gespannt, wohin der Weg von Boateng führen wird. Er ist noch so jung, steht erst am Anfang der Karriere, er kann sich immer noch zu einer Führungspersönlichkeit entwickeln. Das entwickelt sich aber nicht, indem Mann es will, sondern das entwickelt sich von allein, durch die Hierarchie in der Mannschaft (des HSV), durch Erfolgserlebnisse, durch gestärktes Selbstvertrauen, durch Anerkennung von innen und außen. Hat man die, und zwar über einen längeren Zeitraum, dann kann man auch den Mund aufmachen, dann kann man ein Team motivieren, lenken, mitreißen, führen.

Piotr Trochowski ist in meinen Augen ein hervorragender Fußballer, aber er ist nicht die geborene Führungsperson. Deswegen sollten alle einmal die Ansprüche an ihn herunterschrauben. Und ihn so sein Spiel machen lassen, wie er es kann, wie er es will. Zudem müssen doch die ewigen Trochowski-Kritiker eines in den letzten Wochen bemerkt haben: „Troche“ redet doch gar nicht mehr so viel, er ignoriert auch schon mal diese oder jene Kamera, er gibt nicht immer jedes gewünschte Interview. Und davon, dass er eigentlich bei Arsenal London, Real Madrid oder beim FC Barcelona besser aufgehoben wäre, davon hat er doch schon seit jetzt vielen Monaten nichts mehr gesagt. Deswegen sollten ihm seine Kritiker auch irgendwann einmal in nächster Zeit verzeihen, sollten sie sich mit ihm arrangieren. Vielleicht wird er dann, wenn er die Zuneigung von allen spürt, auch so gut, dass ihn dann alle, wirklich alle lieb schätzen und mögen. So wie jene Rentner, die eigentlich mehr meckern als loben. Aber sie loben eben auch mal.

PS: Auch von mir alles, alles Gute, LoNY.

11.31 Uhr

Einen Nationalspieler “gemacht”

14. Oktober 2009

Die Reihen füllen sich: Joris Mathijsen und Eljero Elia nahmen schon wieder am Mittwoch-Training teil, es geht personell also bergauf. Und der abgemagerte Reiner Calmund sah beim Training zu, sprach später lange mit Ze Roberto, den er einst für Bayer Leverkusen in Brasilien entdeckt hatte, und danach auch unter vier Augen mit Bruno Labbadia. Ich hatte das Vergnügen, mit ihm über zehn, 15 Metern zu schnacken – weil ein Zaun und zwei Ordner dazwischen waren. Er: „Ich bin der neue Mittelstürmer.“ Ich: „Du bist doch wohl eher der neue Test-Manager – oder Test-Sportchef.“ Er tippte sich an die Stirn und sagte: „Bist du bekloppt?“ Hätte doch was, oder? Calmund hat den Namen, den der Aufsichtsrat angeblich immer gesucht hat. Calmund hat auch Ahnung, viel Ahnung sogar, und er wirkt fit, denn er hat schon an (oder über9 die 30 Kilo abgenommen. Naja, vielleicht wird ihn der Aufsichtsrat ja doch noch einmal attackieren – falls er es noch nicht getan hat.

So, nur noch wenige Stunden bis zum Länderspiel, da passt eigentlich so bestens eine Geschichte, die unglaublich klingen mag, die aber wahr ist – wie alle Storys, die Ihr hier bei „Matz ab“ lesen könnt. Wären sie nicht wahr, hätte es sicher schon die eine oder andere Korrektur oder auch Beschwerde gegeben, aber die gab es eben nicht. Weil alles stimmt. So wie diese Geschichte hier.

Das Motto der nun folgenden Zeilen könnte lauten: Matz macht Nationalspieler. Naja, wenigstens einen. Es war Anfang September im Jahre 1997. Deutschland stand vor zwei wichtigen WM-Qualifikationsspielen. In Berlin sollte es gegen Portugal gehen, in Dortmund gegen Armenien. Als Bundestrainer Berti Vogts den Kader bekannt gab, waren zwei Namen dabei, die ich nicht glauben konnte Mir schwoll der Kamm: Hagner und Haber. Das war für mich unfassbar. Die hatte ich beide erst kürzlich kicken sehen, und da waren sie erschütternd schwach. Noch nie hatte ich es gemacht, und auch danach nie wieder, aber diesmal musste es sein: Ich rief nur Minuten nach der Kader-Nominierung beim DFB in Frankfurt an. Dort sprach ich mit einem Herrn (in verantwortungsvoller Position), von dem ich wusste, dass er gut mit Berti Vogts kann. Ich sagte am Telefon: „Ich kann es nicht glauben, dass Hagner und Haber dabei sein sollen, aber kein Sven Kmetsch vom HSV. Der ist inzwischen Kapitän in Hamburg und spielt hier in der Form seines Lebens.“

Gesagt, einige Minuten nett geplaudert – das war es dann.

In Berlin, zwei Tage vor dem ersten Spiel, stand die erste Pressekonferenz auf dem Plan. Der DFB-Mitarbeiter sah mich, rief mich zu sich und sagte: „Berti Vogts hat es zur Kenntnis genommen. Er wusste offenbar nicht, dass Sven Kmetsch im Mittelfeld alle Positionen spielen kann, er hat ihn immer nur rechts gesehen.“ Ich entgegnete: „Der Kmetsch spielt dir den Dieter Eilts, nur spielt er ihn besser. Weil er nicht nur kämpfen und grätschen kann, sondern auch Fußball spielen. Und vor allem schießen. Der schießt wie ein Wilddieb.“ Der DFB-Mitarbeiter: „Warte mal ab, was passiert . . .“

Deutschland spielte gegen Portugal nur 1:1, hatte viel Glück, nicht verloren zu haben. Und auf der Pressekonferenz nach dem Spiel fiel Berti Vogts zum ersten Mal über zwei Spieler her, von denen er sehr enttäuscht gewesen war: Thomas Helmer und Mario Basler. Das war total untypisch für Vogts, er hatte sich sonst immer vor seine Spieler gestellt. Zum Schluss sagte Vogts noch: „Ich werde zum Armenien-Spiel nachnominieren.“

Hey, da war es doch. Auf diesen Satz sollte ich offenbar warten. Neben mir saßen die Nationalmannschafts-Experten Hartmut Scherzer (Frankfurt) und Martin Hägele (Stuttgart). Beiden flüsterte ich zu: „Ich weiß, wen der Berti nachnominieren wird: Olaf Thon und Sven Kmetsch.“ Beide lachten mich nur aus, und Hägele bot mir spontan eine Wette an: „Wenn das stimmt, lade ich dich in Dortmund zum Essen ein.“

Als ich am Montag mit dem Auto Richtung Dortmund fuhr, hörte ich im Radio plötzlich die Meldung: Bundestrainer Vogts hat für das Armenien-Spiel den Schalker Thon und den Hamburger Kmetsch nachnominiert.“ In Dortmund angekommen, ging es sofort zu Pressekonferenz der Nationalmannschaft. Dort traf ich den DFB-Mitarbeiter wieder. Er rief mich zu sich. Unterwegs dachte ich bei mir: „Ob Kmetsch wohl von Beginn spielen wird?“ Angekommen, fragte ich das sofort. Der DFB-Mann legte den Finger auf die Lippen und sagte: „Leise. Ja, Sven Kmetsch wird sein Debüt geben.“

Ich war innerlich aufgewühlt. Was ein Telefonat (nach Bekanntgabe des Kaders) doch ausgemacht hatte.
Nachmittags traf ich den Kollegen Oliver Hartmann (heute Kicker) in der Dortmunder Innenstadt. Ich wettete auch mit ihm, denn er sagte: „Kmetsch wird nicht von Beginn an spielen, auf keinen Fall. Das hat Vogts noch nie gemacht, einen nachnominierten Spieler sofort einzusetzen.“ Wir wetteten um ein weiteres Essen – ich habe beide Essen aber nie erleben (oder genießen) dürfen.

Am Mittwoch spielte Sven Kmetsch von Beginn an. „Mein Nationalspieler“. Er spielte großartig, aber nur bis zur 43. Minute. Dann grätschte er an der Mittellinie, blieb mit den Stollen im Rasen hängen – und verletzte sich schwer. Zur Pause wurde er ausgetauscht. Und er erholte sich von dieser Verletzung eigentlich nie wieder so richtig. Er ging zu Schalke 04, machte nur noch ein Länderspiel (45 Minuten beim 2:0 gegen Oman), fand aber nie zu seiner Bestform zurück.

Was mich persönlich enttäuschte: Ich erzählte Sven Kmetsch irgendwann einmal in Hamburg von dieser Geschichte, ich glaube aber, er hat sie mir nie so richtig abgenommen. Ich gebe natürlich auch zu, sie klingt total abwegig, aber wie eingangs bereits gesagt: wahr. Als Kmetsch mit Schalke mal in den Volkspark gekommen war, bat ich ihn um sein Trikot (ein Tick von mir – siehe das Gewinnspiel), aber ich bat vergeblich. Kmetsch ignorierte die Bitte. Und auch der Kontakt zu ihm war damit erledigt. Dankbarkeit im Profi-Sport zu erwarten, das ist wohl ein wenig zu verwegen.

So, zwei Anmerkungen zum Schluss. Wenn ich hier etwas schreibe, steht mein Name dafür. Ich schreibe nicht anonym. Zu 90 Prozent aber gibt es für mich anonym etwas um die Ohren, wenn Euch das, was ich hier absondere, nicht passt. Darauf bin ich gefasst, mein Fell wird von Tag zu Tag dicker. Wenn ich aber etwas gutheiße, was der Bundestrainer auch für gut befindet, dann sollte sich die Pöbelei doch etwas in Grenzen halten. Ihr habt dann Eure Meinung, ich die meine. Beide miteinander auszutauschen, das ist der Sinn von „Matz ab“, aber ich finde auch, was einige hier schon äußerten: Der Ton macht die Musik.
Gilt auch im Falle von „Rothosenfan No 1“, der mich beschuldigte, ihn in die Nähe von Anwalt und Gericht gebracht zu haben. Tut mir Leid, aber so hatte ich es eben aufgefasst – als kleine versteckte Drohung. Und das finde ich, gelinde gesagt, total abwegig, denn es soll hier ja lediglich und nur um Fußball – und den HSV gehen.

Zum Schluss noch ein Abstecher in Richtung Videos: Bei der „Charly-Dörfel-Barkassenfahrt“ sind zu sehen: Bernd Hoffmann, Horst Becker, Bernd Dörfel (mit Glatze), Helmut Sandmann und Willi Giesemann, dazu der ehemalige HSV-Trainer Martin Wilke und viele Dörfel-Freunde. Und als Kapitän verkleidet natürlich die Hauptperson, der Charly.

15 Uhr