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2:1 – Westermanns Schuss ins Glück!

4. April 2014

Der HSV ist wieder im Geschäft, der HSV ist wieder da, der HSV kann wieder hoffen. War das ein Spiel, ein Match, eine Schlacht! Von diesen 90 Minuten wird man noch lange, lange sprechen. Bayer Leverkusen wurde mit 2:1 aus dem Volkspark gekämpft, das war eine hervorragende Leistung des HSV, der diesen Sieg allerdings teuer bezahlen muss, denn Milan Badelj, Rafael van der Vaart und Jacques Zoua verletzten sich, mussten ausgewechselt werden – es sah nicht gut aus. Das aber, was der HSV heute auf den Rasen „zauberte“, wie er sich aufrieb, wie er alles gab, wie er bis zur völligen Erschöpfung kämpfte, das war klasse und konnte sich sehenlassen. Genau so geht Abstiegskampf, genau so muss Abstiegskampf bewältigt werden, so muss Abstiegskampf angegangen werden – „niemals Zweite Liga“. Kein Hamburger Zuschauer verließ nach Schlusspfiff das Stadion, die Fans standen auf ihren Plätzen und applaudierten ihren Helden für diese Klasse-Leistung. Weiter so. Jetzt mit einem Auswärtssieg in Hannover. Nur der HSV! Es darf geträumt werden.

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Die Spiele werden immer weniger, die Punkte nicht mehr – vor dem Spiel gingen die meisten HSV-Fans schon ein wenig (oder ein wenig mehr) zittrig in die Arena. Wie schon seit Wochen hieß das Motto: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Es musste endlich einmal wieder ein Dreier her. Und das schien gegen dieses Leverkusen, das in den vergangenen Monaten nicht gerade geglänzt hat, durchaus möglich. Doch so schwach, wie ich die Werks-Elf erwartet hatte, war sie dann doch nicht. Gegen Braunschweig zuletzt war das Bayer-Team deutlich schwächer, aber hier in Hamburg brannte es plötzlich wieder – warum auch immer. Vor dem Anpfiff aber erlebte Heung Min Son, der „verlorene Sohn“, sein „blaues Wunder“, denn er wurde gnadenlos ausgepfiffen. Vorher – und dann im Spiel bei jeder Ballberührung. So unbarmherzig kann Profi-Fußball sein, die pfeifenden HSV-Fans haben dem Südkoreaner einst auf die Schultern geklopft und ihm nach Toren zugejubelt . . .

Diesmal wurde gleich zu Beginn ein Tor des HSV bejubelt. Ein traumhafter Treffer, über die halbrechte Seite vorgetragen. Hakan Calhanoglu trieb den Ball nach vorne, spielte die Kugel auf Rafael van der Vaart, der am Strafraumeck lauerte, der Niederländer ließ den Ball nur kurz abtropfen – und „Calle“ schoss. Wie ein Strich sauste der Ball aus 22 Metern in die lange Ecke des Bayer-Gehäuses, ein echter „Hammer“, ein typischer Calhanoglu – der Mann kann schießen, es ist ein Traum! Bereits sein neuntes Saisontor. Und dieser Hakan Calhanoglu ist ein „Einkauf“ des ehemaligen Sportchefs Frank Arnesen, und dieser großartige Einkauf wurde mit einer Verlängerung (von und mit HSV-Sportchef Oliver Kreuzer) schon beizeiten in Hamburg festgebunden und gehalten. Sollte mal erwähnt werden, in diesen schwierigen Tagen.

Nach dem 1:0 kam Leverkusen erst auf Touren. 120 Sekunden nach dem Tor musste Rene Adler sein ganzes Können unter Beweis stellen – und er stellte. Indem er einen mächtigen 20-Meter-Schuss von Kießling großartig parierte. Eckstoß. Und dieser hätte fast schon zum Ausgleich geführt, doch zum Glück stand Rafael van der Vaart am langen Pfosten und klärte gegen den einschussbereiten Rolfes. Bitter kurz darauf die Aktion von Son, der aus 20 Metern frei zum Schuss kam, es drohte noch einmal das 1:1 – aber der ehemalige Hamburger verzog die Kugel, der Schuss endete im Seitenaus (17.)!

Bayer kam, Bayer drückte – aber zwischendurch hatte sogar der HSV die Möglichkeit zum 2:0. Nach einem Eckstoß versuchte sich Michael Mancienne mit einem Fallrückzieher aus sieben Metern, doch der Ball strich knapp am Tor vorbei. Die Fans rauften sich die Haare, das war Pech (20.). Dann aber wieder Leverkusen. Flanke Rolfes, Kopfball Kießling aus sechs Metern – auch das hätte ein Tor sein dürfen, aber der Ball strich um Zentimeter am langen Pfosten vorbei (22.). Es ging hin und her, Leverkusen schien den einen kleinen Tick stärker als der HSV zu sein, aber die Hamburger standen gut und verteidigten mit Glück und Geschick. Besonders die Innenverteidigung mit Johan Djourou und Michael Mancienne (Super-Kopfballspieler!) stand eisern und ließen selten etwas Gefährliches zu. Pech für den HSV, dass sich Milan Badelj bei einem Fernschuss verletzte – offenbar eine Zerrung im Oberschenkel. Er musste vom Platz, für ihn kam Tomas Rincon (34.), der sofort auf Betriebstemperatur war. Das war ein Spiel für „Popeye“, er ging keinen Zweikampf aus dem Wege, er hielt seinen rechten Fuß überall mit hinein.

Nach 35 Minuten glänzte erneut Rene Adler, der einen Son-Kopfball aus fünf Metern super meisterte – eine Super-Parade. Und dann kam gegen Ende des ersten Durchgangs wieder der HSV. In der Nachspielzeit schoss van der Vaart aus 20 Metern, Leno ließ den eigentlich harmlosen Schuss aus den Händen gleiten, doch Petr Jiracek fehlten zehn Millimeter, um die Kugel ins Netz zu drücken – man, man, war das Pech. Halbzeit.

Und im zweiten Durchgang zunächst auch der HSV. Calhanoglu zog aus 20 Metern ab, ein großartiger Schuss – aber Leno ebenso toll, der Bayer-Keeper lenkt die Kugel zur Ecke (54.). 60 Sekunden später eine ganz heikle Szene: Erst geht Jiracek in Abseitsstellung zum Kopfball, der hinter ihm stehende Jacques Zoua bemächtigt sich des Balles (auch mit der Hand?) – und wird vor einem Schussversuch umgeschubst. Elfmeter? Der HSV protestiert wild, aber Schiedsrichter Bastian Dankert (Rostock) bleibt ruhig und lässt weiterspielen. War wohl salomonisch . . .

Und was war dann das 1:1? Leverkusens Nachwuchsspieler Brandt riskierte einen Verzweiflungsschuss aus 22 Metern – ein harmloses „Ding“. Adler aber machte was draus, er ließ den Ball durch die Hosenträger ins Netz flutschen. Wahnsinn. Welch ein Wahnsinn. Das kann doch kein Mensch fassen. Da hält der Keeper vorher Super-Schüsse, und dann ein solches Ding. Dann fängt er sich ein solches Katastrophen-Ding. Das kann doch alles nicht wahr sein. Warum kann dieser HSV nicht einmal nur 90 Minuten Glück haben? Vor mir rief mir ein HSV-Fan zu: „Gegen so etwas kann man nicht anspielen, so steigt man ab . . .“ Bitter.

Und dann auch das noch: Rafael van der Vaart musste raus. Der Niederländer hatte sich schon unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff an den linken Oberschenkel gegriffen, jetzt ging es nicht mehr, Humpelnd verließ der Kapitän den Rasen (67.) – für ihn kam Robert Tesche. Kurz darauf war auch für Zoua das Ende gekommen, er musste – wohl ebenfalls gezerrt – vom Platz, für ihn kam mit der Nummer 33 der junge Mattia Maggio (77.). Es geht immer mehr dem letzten Aufgebot zu, aber es war Dampf und Kampf und Leidenschaft drin. Kurz vor dieser Einwechslung hatte der Schiedsrichter noch einen Elfmeter „übersehen“, als Mancienne Son von den Beinen gehot hatte – das war großes Glück. Das 1:1 hatte weiterhin Bestand, aber Leverkusen war eindeutig Herr im Hause.

Das Tor aber fiel auf der anderen Seite. Endlich einmal. Und zwar bilderbuchartig. In der 84. Minute flankte Dennis Diekmeier von rechts, und am Elfmeterpunkt (was hatte er dort eigentlich zu suchen?) nahm Heiko Westermann den Ball volley. Aus elf Metern sauste die Kugel unhaltbar ins Netz – ein Tor des Monats. Das Stadion stand Kopf. Das war eine einmalige Stimmung, das war weltmeisterlich – traumhaft. Mannschaft und Fans waren ein Einheit: „Super Hamburg – ole!“ Die meisten Spieler krochen nur noch auf dem Zahnfleisch über den Rasen – und dann noch vier Minuten Nachspielzeit! Um Gottes Willen. Nach zwei Minuten rettet Adler riesig gegen Can, alles wieder gut gemacht! Das war eigentlich das 2:2. Unfassbar. Dieses Spiel, die Parade, diese Spannung, diese Dramatik – Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn! Dann der Schlusspfiff! Herrlich, dieser Sieg – es gibt Hoffnung.

Die Einzelkritik kommt heute von „Scholle“:

Adler: Rettete in der ersten Hälfte mehrfach großartig. Und dann patzte er in der 58. Minute. Unfassbar!! Aber noch unglaublicher als der Bock war, wie er sich anschließend wieder rausarbeitete und am Ende sogar den Sieg wieder rettete!

Diekmeier: Lauf, Forest, lauf!!! Jedesmal, wenn der HSV einen Konter fährt, muss er über rechts abgehen. Und das macht er auch – leider noch nicht effizient genug.

Djourou: In seinem 21. Spiel für den HSV bot er, was er zuletzt immer bot: Zweikampfstärke. Fußballerisch ist das nicht weit her bei ihm – aber er erfüllt so seine Aufgabe. Früher hieß es immer vom Trainer: „Johan, hol Dir den Ball und spiel ihn zum Mittelfeldspieler.“ Genauso macht er es. Gut.

Mancienne: der Herr der Lüfte. Der Mann des kompromisslosen Zweikampfes. Der Engländer bietet konstant den Kampf, den es in der aktuellen Situation bedarf. Und heute war er wieder richtig gut. Ob das am Ende reicht, um sich beim HSV langfristig zu etablieren, lasse ich dahingestellt. Aber das ist in den letzten Spielen dieser Saison auch absolut zweitrangig.

Westermann: Über die linke Seite brannte nichts an – aber es ging auch zu wenig nach vorn. Und dann DAS!!! WAS FÜR EIN HAMMER!! Und vor allem, wie wichtig!!! Für ihn ganz sicher – aber noch mehr für den HSV!

Arslan: Der Deutsch-Türke hält den Rhythmus: Gutes Spiel, schwaches Spiel, gutes Spiel, schwaches Spiel. Ich kann nur hoffen, dass er diese Reihenfolge in Hannover unterbricht und wieder ein gutes Spiel abliefert. Heute jedenfalls war er stark.

Badelj (bis 32.): Anspielbar, zweikampfstark, abschlussschwach – und dann leider verletzt raus. Bleibt nur zu hoffen, dass der Kroate nicht zu lange ausfällt.

Rincon (ab 32.): Er biss sich rein und arbeitete seine Gegner weg – aber ihm fehlt es an Ideen, wenn er mal am Ball ist.

Calhanoglu: Wo stünde der HSV ohne ihn? Der Deutsch-Türke traf nach schicker Kombination mit seinem kongenial(werdend)en Partner van der Vaart und war auch ansonsten – wie so oft ohne Lasogga – der torgefährlichste Hamburger. Er kämpfte bis zur Erschöpfung.

Van der Vaart (bis 67.): Ganz starke erste Halbzeit – dann ging er angeschlagen in die zweite Hälfte und konnte nichts mehr bewegen, bis er ausgewechselt wurde. Trotzdem: Zwei solche Halbzeiten wie heute in der ersten – dann ist alles wieder ok.

Tesche (ab 67.): Er fand nicht richtig ins Spiel.

Jiracek: Der unauffälligste HSVer. Er verlor eine Vielzahl Zweikämpfe. Aber wisst Ihr was? SCHEIßEGAL!!!!

Zoua (bis 77.): Der Kameruner ackerte wie immer hervorragend, er holte einen Elfer raus – der fälschlich nicht gegeben wurde. Kurzum: Das war wieder gut. Seine Leistungssteigerung in den letzten Saisonspielen kann am Ende ein nicht unwesentlicher Faktor auf dem Weg zum Klassenerhalt gewesen sein. Wer hätte das gedacht…?

Maggio (ab 77.): Erstes Bundesligaspiel – erster Sieg. Herzlich Willkommen, Mattia!

Und dann zum Schluss noch ein Hinweis: Es gibt heute trotz des fortgeschrittenen Tages wieder ein „Matz ab live“, wir sind gleich auf Sendung, unsere Gäste sind heute Rodolfo Cardoso und Soner Uysal. Wir freuen uns auf Euch.

22.35 Uhr

Van Marwijks großes Dilemma: Der HSV muss Risiko gehen

10. November 2013

Es ist eigentlich eine einfache Rechnung: Bekommst Du mehr Gegentore als du selber schießt, verlierst Du. Und hat eine Mannschaft nach 12 Spieltagen rekordverdächtige 29 Gegentreffer, hat sie zwei Probleme: Eines mit der Tabelle und ein großes mit der eigenen Defensive. „Unsere Innenverteidiger waren stark in der Luft, auch deshalb sind wir überhaupt zurückgekommen“, lobte Trainer Bert van Marwijk gestern nach dem Spiel die Jonathan Tah (17) und Lasse Sobiech (21). An den beiden, die mit durchschnittlich 19 Jahren die jüngste Innenverteidigung der gesamten Liga stellen, lag es tatsächlich nicht, dass der HSV zum fünften Mal drei oder mehr Gegentore pro Spiel kassierte. „Wir haben zuletzt einige Male sehr unglücklich Punkte liegengelassen. Gegen Leverkusen nicht. Das haben wir uns selbst angetan. Solche Fehler sind für mich schwer zu akzeptieren. Ich habe in meiner gesamten Laufbahn auf so einem Niveau noch nie so viele einfache Fehler gesehen. Das kann man nicht wegtrainieren.“

Stimmt. Der HSV hatte bei den sehr spielstarken Leverkusenern sogar mehr Ballbesitz (52 %). „Und wir haben nicht einmal top gespielt“, so van Marwijk, der das als positiv betrachtet: „Das zeigt, dass die Mannschaft sich entwickelt“, so der Coach, der anschließend erklärte, weshalb er dennoch an der bisherigen Marschroute festhält. „Wer weniger Fehler machen will, muss tiefer stehen, mehr verteidigen und lange Bälle schlagen. Aber das will ich nicht. Ich weigere mich, Zufallsfußball zu spielen.“ Soll heißen, van Marwijk setzt weiter auf technische Qualität und geht hohes Risiko. Und das weiß er auch: „Ich verstecke mich nicht dahinter, das die Mannschaft sehr jung ist. Aber sie ist es. Und Erfahrungen mache ich nur, wenn ich Erfahrungen sammele. Dafür muss man Fehler machen. Das ist mein Dilemma.“ Aber da geht er durch.

Und ich bin geneigt, den Weg mitzugehen, so sehr mich die Gegentore auch ärgern. Besonders in der Anzahl. Weil ich glaube, dass sich der HSV gerade spielerisch entwickelt. Ein Plus an Ballbesitz in der BayArena hatte zuvor nur der FC Bayern. Und vorn ist man wieder richtig gefährlich. Dank Lasogga im Allgemeinen, van der Vaarts Pässen, Calhanoglus Schusstechnik (gestern kam das deutlich zu kurz) und Maxi Beister (er hat mit vier Toren jetzt schon eins mehr als letzte Saison), insgesamt immer selbstbewusster und torgefährlicher auftritt als in der abgelaufenen Saison. „Mein System ist das, was die Spieler am besten spielen können“, hatte van Marwijk zu Amtsantritt gesagt – und er zieht das durch. „Was wir vorn mehr machen als vorher, das machen wir hinten zu wenig“, schimpfte Kreuzer nach dem 3:5 – und hatte Recht. Van Marwijks Konter: „Wenn man guten Fußball spielen will, macht man Fehler.“

Und genau das ist das Dilemma. Die Schere aus Entwicklung und notwendigen Erfolgen.

Dass dabei aber so krasse Fehlpässe wie Calhanoglus vor den ersten beiden Treffern (Arslan hätte beim 0:1 allerdings auch dem Ball entgegengehen können) oder auch Ilicevic’s Fehler vor dem 2:4 zustandekommen, ist dennoch nicht zu akzeptieren. Das hat nichts mit taktischer Ausrichtung zu tun. „Unglaublich“, schimpfte Sportchef Oliver Kreuzer nach dem 3:5, „wie viele einfache Ballverluste wir hatten. Das ist einfach zu viel. Aus fünf Metern einfach mal dem Gegner in die Füße spielen – so kannst du nicht spielen! Die Gegentore waren zu 80 Prozent Geschenke.“ Stimmt. Sogar genau. Denn nur Sons dritter Treffer, als ihm der Kießling-Schuss von Sobiechs Rücken sehr glücklich vor die Füße prallte, war kein HSV-Fehler. Aber die anderen vier der insgesamt fünf schon.

Auch der letzte Gegentreffer, als ein Spieler unglücklich auftrat, bei dem ich mir tatsächlich Sorgen mache: Rene Adler. Denn der Nationalkeeper ist nicht mehr in der Form der vergangenen Saison. Er hält keine vermeintlich Unhaltbaren mehr (Son hatte drei Torschüsse – drei Tore). Auch gestern nicht. Beim fünften Gegentreffer kommt er zudem falsch raus – klar. Ebenso klar ist mir auch, dass er keinen der vier Gegentreffer zuvor halten muss. Aber genau das hat ihn bisher ausgezeichnet. Adler war eben genau der Typ Torwart, der mal einen rausholt, den alle schon drin wähnen. Das fehlt. Ebenso wie seine Ruhe, die er normalerweise ausstrahlt, wobei das eine das andere durchaus bedingen kann. In Leverkusen war das wie schon gegen Gladbach nicht so. Im Gegenteil. Aber okay, das ist tatsächlich Jammern auf hohem Niveau. Adlers Leistungen sind allemal solide. Aber der Tick Extraklasse Adlers hat dem HSV in der vergangenen Saison entscheidende Punkte gerettet, die jetzt fehlen, gerade in den engen Spielen.

Zwei Wochen hat Bert van Marwijk jetzt Zeit, mit der Mannschaft Defizite abzuarbeiten. Eine Arbeit, die nicht leicht ist und durch die vielen abgestellten Nationalspieler sogar noch schwerer wird. Klar ist indes, dass gegen Hannover am 24. November Tolgay Arslan ob seiner fünften Gelben fehlen wird. Da anzunehmen ist, dass bis dahin Tomas Rincon wieder fit ist, ist von dessen Einsatz auszugehen, was für die Defensivarbeit sicher nicht schlecht ist. Gerade gegen die schnellen Hannoveraner, womit einen weiteren Kritikpunkt anbringen will: diesem HSV fehlt läuferisch zu viel Tempo! Son konnte zwei Abwehrspielern, die innerhalb der Mannschaft noch zu den Schnelleren gehören, sogar mit Ball noch davonlaufen! Und im Mittelfeld hatten Badelj und Arslan gegen die schnellen, aggressiven und echt starken Castro (einer der meistunterschätzten Bundesligaspieler m.E.n.) und den oft tief stehenden Sam nicht nur Probleme, sondern fast immer das Nachsehen hatten. Rechne ich noch einen Calhanoglu auf links und einen Beister auf rechts mit ihren altbekannten Defensivproblemen sowie einen ebenfalls eher langsamen van der Vaart hinzu, ist das Defensivdefizit bei schnellen Gegenangriffen kein Wunder. Allein das zeigt schon, dass ein Rincon gerade jetzt seine Chance verdient hat. Dem Venezolaner, der sich noch immer nicht auf eine Vertragsverlängerung mit dem HSV einigen konnte, bleibt zu wünschen, dass er die Chance nutzt und der Defensive mehr Halt verleiht.

Und, nur damit hier kein falscher Eindruck entsteht, die Kritik ist nicht an den Trainer allein oder einzelne Spieler gerichtet, aber sehr wohl an die, die den Kader geplant haben. Kreuzer hätte (damals mit Fink) mehr Sorge tragen müssen, dem Tempospiel des Gegners etwas entgegensetzen zu können. Die Möglichkeit, dies mit eigenem Ballbesitz dank der technisch zweifellos überdurchschnittlich guten Arslan, van der Vaart und Badelj zu schaffen, ist mehr als Wunsch denn als realitätsnahe Einschätzung zu betrachten. „Was wir nach vorn machen, kriegen wir hinten nicht“, klingt zwar logisch – aber es funktioniert nicht. Nicht bei diesem HSV, der sich auf Platz 14 befindet und zusehen muss, nicht wieder dauerhaft im Abstiegskampf zu stecken.

Meine größte Hoffnung dabei ist (da der Kader nicht verstärkt werden kann), dass nicht alle Gegner so stark sind wie Leverkusen. Hannover beispielsweise wird ein Spiel sein, dass der HSV gewinnen muss. Denn anschließend wartet mit dem VfL Wolfsburg das Team der Stunde. Die VW-Kicker scheinen unter Dieter Hecking langsam mannschaftlich die Qualität auf den Platz zu bringen, die die Summe ihrer individuellen Qualitäten bislang zumindest erahnen ließ. Und anschließend folgen für den HSV mit Augsburg und Mainz zwei Heimgegner, die ebenfalls geschlagen werden müssen. Zumal dazwischen das Gastspiel beim FC Bayern liegt. 17 Punkte aus den letzten sieben Hinrundenspiele hatte Kapitän van der Vaart getippt. Null sind es bislang aus den ersten zwei.
Zwei Wochen hat der HSV, sich wieder zu sortieren, Stärken hervorzuheben und Schwächen zu bearbeiten. Und ich hoffe, dass das funktioniert. Konstantes Abarbeiten von Mängeln ist gefragt, also auch Geduld. Zwei Dinge, die auch für die Jugendarbeit zutreffen. Das habe ich auch gestern gesagt und bekam Schulterklopfer von zwei bekennenden HSV-Traditionalisten. Zunächst freute ich mich über ihre Zustimmung – war ja auch nett von ihnen. Allerdings freute ich mich nur, bis ich nachfragte, warum. Denn als ich die Antwort bekam, dass das auch ihr Weg sei – also in der aktuellen Vereinsstruktur bleiben zu wollen mit lediglich leichten Abänderungen. „Konstant eben“ – da war ich irritiert.

Denn mitnichten halte ich es für richtig, die Strukturen nur leicht abzuändern. Das Gegenteil ist der Fall. Zumal mir Michael Schröder bestätigte, dass die Nachwuchsarbeit finanziell weitere Einstriche hinnehmen musste. In einer Phase, wo oben nicht viel gekauft werden kann auch noch unten zu sparen – das zeigt mir schon, dass in diesem HSV zu wenig Geld aber noch weniger Weitblick vorhanden ist. Aber dazu morgen mehr, wo der HSV trainingsfrei hat und der Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Ertel das von ihm initiierte Schweigegelübde zum wiederholten Male nicht bricht. Schließlich ist er sicher als „einfaches Mitglied“ bei „Rasant“ auf HH1 zu Gast. Allein dieser Kindergeburtstag mit dem öffentlich verkündeten, selbst auferlegten und zugleich selbst konterkarierten Maulkorb zeigt mir, dass dieser HSV noch immer auch von Leuten geführt wird, die zuallererst eigene Interessen verfolgen. Hier wurden bewusst Meinungen geblockt, die eben jenen Aufsichtsräten nicht passten, die sich jetzt als „einfache Mitglieder“ auf jeder möglichen Veranstaltung als Traditionalisten und Gegner von „HSVPlus“ präsentieren. Hier wird fleißig und einseitig Politik gemacht. Und das ist schwach. Ganz sicher sogar noch deutlich schwächer noch als die HSV-Defensive. Denn hier werden Eigentore geschossen. Und das sogar vorsätzlich.

Aber dazu morgen mehr. Ich rege mich eh schon wieder zu sehr auf. Nicht darüber, dass es Leute gibt, die sowas machen, die ihre Position stärken und sich äußern. Aber ganz sicher darüber, dass es genau die sind, die wohl tatsächlich glauben, ich würde ihnen diesen politisch orientierten Schachzug mit dem Schweigebekenntnis als „selbstlosen Zug für eine sachliche Diskussion im Sinne des Vereines“ abnehmen. Nein, dass ich so dumm wäre, das fasse ich als massiv beleidigend auf. Nicht erst jetzt, wo Aufsichtsräte sogar TV-Sendungen besuchen.

Aber okay, deshalb schweige ich jetzt lieber. Angesichts der wahrscheinlich weitreichendsten vereinspolitischen Entscheidung der HSV-Geschichte will ich mir keinen Vorwurf machen lassen, selbst unsachlich geworden zu sein. Mir wäre das peinlich.

Also, ich ziehe meine selbst auferlegte Ruhe jetzt durch. Zumindest bis morgen. Habt Ihr alle einen schönen Restsonntag!

Grüße,
Scholle

Beister bricht sein Schweigen – und Calhanoglu ist sauer

6. November 2013

Das ist mal eine klare Ansage: „Ich will absolut keine Anrufe mehr bekommen“, fordert Hakan Calhanoglu die türkischen Pressevertreter auf, ihn endlich in Ruhe zu lassen, nachdem zuletzt immer wieder eine Menge Unwahrheiten verbreitet wurden. „Das ging definitiv zu weit“, so der 19-Jährige HSV-Profi, der in den letzten Tagen sogar einen Fünfjahresvertrag bei Galatasaray Istanbul unterschrieben hatte. Laut mehreren türkischen Zeitungen (schreiben die blind ab?) zumindest, die das frei erfunden hatten. „Das ist schon echt störend“, sagt Calhanoglu, „und das habe ich den türkischen Pressevertretern auch gesagt. Es ist einfach zu viel geworden. Zu viele Gerüchte um meine Person.“ Deshalb sagt Calhanoglu klar: „Ich fühle mich beim HSV sehr wohl und will mich hier noch verbessern. Ich bleibe hier und will mich jetzt nur auf den HSV konzentrieren.“

Zumal ein erneut sehr wichtiges Spiel bevorsteht. In Leverkusen geht es nicht nur darum, die zuletzt gute Entwicklung unter Bert van Marwijk fortzusetzen und zu punkten, sondern auch wieder darum, nicht zu tief in den Abstiegskampf zu rutschen. Noch sind es fünf Punkte auf den Tabellenletzten Eintracht Braunschweig. „Der Blick muss nach unten gehen“, sagte Heiko Westermann nach dem 0:2 gegen Mönchengladbach, „erst wenn wir die Gefahr nicht mehr haben, können wir uns neue Ziele setzen.“

Mahnende Worte, die bei Calhanoglu entweder noch nicht so angekommen sind, oder die er anders sieht. Calhanoglu siedelt die eigentliche Qualität des HSV weiterhin im oberen Drittel an. „Ohne die zwei Fehler hätten wir gegen Gladbach ganz sicher was holen können.“ Und das sei auch in Leverkusen so, wo der 19-Jährige auf seinen besten Freund Ömer Toprak trifft. Der Bayer-Verteidiger zählt zum Stammpersonal des Werksklubs und ist bei der türkischen Nationalmannschaft Calhanoglus Zimmergenosse: „Wir telefonieren jeden zweiten Tag“, sagt Calhanoglu, „er ist für mich wie ein großer Bruder. Er ist immer für mich da, wenn ich Hilfe brauche. So, wie ich es auch für ihn war.“ Damals, als sich Toprak bei einem Kart-Unfall schwere Verbrennungen zuzog. „Ich glaube, er hat darüber nur mit mir so richtig gesprochen, wenn wir auf dem Zimmer waren.“

Heute ist Toprak einer der besten Innenverteidiger in der Bundesliga. Sagt Calhanoglu, der bei Bayer neben Toprak auch Kießlings, Sams und Castros individuelle Qualitäten hervorhebt. „Bayer hat eine sehr starke Mannschaft, das wissen wir“, sagt der Deutsch-Türke, der sich das Spiel von Bayer gegen Donezk angesehen hat. Angst hat er sicher nicht, sagt er. Immerhin zählt er ja laut Sportchef Kreuzer zu den Spielern, die auch mal ein Spiel mit einer Einzelaktion entscheiden können. „Das hört man natürlich sehr gern. Und wir wissen auch, dass unsere Stärke auch die Standards sind.“ Die, die er oder Rafael van der Vaart treten. Gegen Gladabach beispielsweise schoss van der Vaart. „Ich hatte ihm ins Ohr geflüstert, dass er schießen soll. Und das hat er richtig gut gemacht. Er hatte einfach Pech, dass der Ball an die Latte flog. Aber mit solchen Szenen können wir Spiele entscheiden.“ Streit gibt es dabei nie. Sagt Calhanoglu. „Wir sprechen uns ab, manchmal sogar, ohne dabei was sagen zu müssen. Das klappt.“ Hoffentlich bald wieder mit einem Torerfolg.

Wobei ich wetten würde, dass Calhanoglu bis zur Winterpause noch mindestens zwei Freistoßtore erzielt. Wer dagegenhalten will, soll mir das mitteilen und einen Wetteinsatz vorschlagen…

Ein Vorschlag ist auch weiterhin das HSV-Konzept „HSVPlus“, das seit heute einen weiteren prominenten Mitstreiter gefunden hat: Thomas Doll. Der ehemalige HSV-Profi und -Trainer bekundete jetzt öffentlich, er wolle sich auch der Initiative anschließen. Für die Initiative ein Gewinn, ganz klar. Obgleich ich eine Aussage für kompletten Quatsch halte. Warum er das Konzept befürwortet, wird Doll auf www.hsvplus.de gefragt. Und er antwortet: „Mich überzeugt das Konzept und die Art und Weise, wie HSVPLUS agiert“, was ich absolut nachvollziehen kann. Dann aber kommt das, was ich als unsachlich und konstruiert empfinde: „Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sowohl sagen, dass HSVPLUS einen Trainer sehr in seiner Arbeit unterstützen kann als auch, dass die aktuelle Struktur kontraproduktiv ist.“ Ergo: die Struktur ist (mit)schuld, dass Trainer hier Probleme haben und nicht lange bleiben. Zuvor hatte Doll noch angeführt, dass bei zehn Trainern in so kurzer Zeit nie allein beim Trainer die Schuld liegen könne. Ich glaube, so konstruiert muss das Konzept nicht für sich werben. Im Gegenteil, es spricht für sich und besagt ja auch, dass letztlich die handelnden Personen entscheidend sind. Immerhin mussten beim HSV auch in der Zeit etliche Trainer gehen, als die finanzielle Situation entspannt war und in der Sommerpause noch mal eben für 30 Millionen Euro eingekauft werden konnte. Auch Doll.

Erfreulich ist, dass Maxi Beister immer mehr in die Form kommt, die man sich bei seiner Rückkehr schon erhofft hatte. „Er wird älter und mit den Erfahrungen immer stabiler“, hatte Sportchef Oliver Kreuzer im laufe der Vorbereitung gesagt – und damit Recht behalten. Zuletzt wusste Beister trotz seiner Auswechslung gegen Mönchengladbach zu gefallen. Im Abendblatt spricht der HSV-Profi in der Donnerstagsausgabe erstmals öffentlich über Yoga, Fink und den Grund, warum er sich nach seiner Roten Karte monatelang einen Maulkorb verordnet hatte. „Ich fühlte mich schon ein wenig unfair behandelt. Kritik ist immer erlaubt und war nach der Roten Karte auch angebracht. Aber in den Tagen danach fehlte mir in gewisser Hinsicht auch der Respekt. Medial wurde ich ziemlich dafür zerfleischt, dass ich mich nicht direkt nach dem Platzverweis öffentlich äußern wollte. Das hat mich schon getroffen – und deswegen habe ich dann auch bis Saisonende keine Interviews mehr gegeben.“

Geschadet hat es keinem. Dem Verein nicht, den Medien nicht – und glücklicherweise am allerwenigsten ihm selbst. Beister griff in der „Ruhephase“ zudem zu alternativen Methoden, um sich besser auf seinen Hauptberuf „Fußballprofi“ zu konzentrieren. „Seit sieben Monaten mache ich mit einer Trainerin bei mir zu Hause Yoga, was mir sehr gut tut. Ich bin viel beweglicher, körperlich und auch geistig. Und noch eine Kleinigkeit habe ich verändert: Ich habe mir abgewöhnt, mir am Montag in der Zeitung die Schulnoten oder die Einzelkritik durchzulesen. Ich beschäftige mich seit dieser Saison überhaupt nicht mehr damit, was über mich in den Medien berichtet wird – und damit geht es mir viel besser.“

Beister hat offensichtlich seinen Weg in Hamburg entdeckt. Er entwickelt sich. Und das ist gut so. Denn es gibt hier im Blog und auch sonst auch kaum jemanden, der ihm den Durchbruch nicht zutraut. Ich wünsche ihm den – beginnend, oder besser: fortführend in Leverkusen, sofern Beister fit ist. Denn heute im Training ließ Trainer Bert van Marwijk ein Kurzturnier spielen auf verkürztem Feld. Also viele schnelle Bewegungen, viele Ballkontakte – und bestenfalls auch viele Erfolgserlebnisse. Und während Milan Badelj durch seine Rutschpartien auf dem nassen Unterboden auffiel (er hatte Nockenschuhe an…), war Beister sehr aktiv und auffällig. Auch, als ihn Artjoms Rudnevs per Grätsche attackierte und unabsichtlich nur Knie und Knöchel traf. Beister konnte zwar zunächst weitermachen, musste dann aber doch behandelt werden. Ebenso wie Rudnevs. Am Ende konnten aber beide bis zum Ende mittrainieren und sind somit auch morgen dabei, wenn unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert wird.

Bis dahin,
Scholle

„Uns Uwe“ wird 77 – und van der Vaart hängt durch

5. November 2013

Herzlichen Glückwunsch, Uwe Seeler! Der größte Spieler, der je in diesem Verein gespielt hat, wird heute 77 Jahre alt. Alles Gute, sage ich jetzt mal stellvertretend für alle Matz Abber, an den Mann, der wie kein anderer die Seele des Vereins verkörpert. Neulich kam hier ja mal die Frage auf – was ist das eigentlich, die Seele des HSV?! „Uns Uwe“ verkörpert sie – so einfach ist das. Bleiben Sie noch lange gesund, lieber Uwe!

Heute ist nur ein stinknormaler Dienstag nach einem trainingsfreien Tag, das nächste Spiel steht erst am Wochenende an, und trotzdem war eine Menge los. Der Interview-Termin des Tages fand heute nicht, wie üblich, im Stadion statt. Jeden Dienstag, das erklärte Torwart Rene Adler, gehen die Keeper des Vereins ins Athleticum im UKE, um dort insbesondere Kraft- und Sprung-Training zu absolvieren. Auch ein A-Jugend-Torwart ist dabei. Adler begreift das ganze, wie er sagte, als sinnvolle Ergänzung zum Training auf dem Platz an den anderen Tagen. Natürlich wurde Adler noch einmal gefragt nach seinen Erkenntnissen aus der Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach. „Diese Niederlage ist für mich leichter wegzustecken als manch andere. Natürlich ärgert mich das Ergebnis ungemein, aber wir waren Welten besser als eine Woche zuvor in Freiburg.“

Für ihn, die Mannschaftskollegen sowie Trainer Bert van Marwijk sei es wichtig, das Wie eines Spiels genau zu bewerten. „Und da haben wir als Mannschaft eben nicht komplett versagt. Es waren viele gute Sachen dabei.“ Und das macht dem Nationaltorwart auch Mut für die nächste, schwere Aufgabe, die für ihn eine ganz besondere ist. Am Sonnabend tritt der HSV bei Adlers Ex-Verein Bayer Leverkusen an. „Das ist für mich natürlich nicht nur ein Spiel gegen einen x-beliebigen Bundesliga-Gegner“, gibt Adler zu. „Ich fiebere diesem Duell nicht das ganze Jahr entgegen, aber meine Freunde und Familie sind da. Ich hatte wunderschöne Jahre in Leverkusen. Das vergisst man nicht.“

Einen besonders guten Draht hat Rene Adler nach wie vor zu seinen Nationalmannschafts-Kollegen Simon Rolfes und Stefan Kießling. „Wir sind gute Kumpels“, so Adler. In diesem Zusammenhang brach Adler auch eine Lanze für Kießling und die Kritik, die der Bayer-Torjäger nach dem Phantomtor in Hoffenheim einstecken musste. „Ich kenne ihn als Mensch und als Sportler. Ich weiß, dass er von Fairplay getrieben ist“, sagte Adler. „Schlimm finde ich, wie er anschließend an den Pranger gestellt wurde. Er wurde massiv bedrängt, es gab Drohungen. Unfassbar, wie einige Idioten reagieren. Haben die Leute nichts anderes zu tun, als in irgendwelchen Foren so über einen Menschen herzuziehen?“ Solidarität also von Rene Adler mit seinem Freund, den er am Sonnabend trotzdem am Toreschießen hindern möchte.

„Es wird ein ganz schwieriges Spiel für uns“, weiß der HSV-Torwart. „Wir haben uns auswärts zuletzt leichter getan als zu Hause. Und wir wollen den Leverkusenern gern einen kleinen Dämpfer verpassen. Und würde das guttun, bei einem Spitzenverein etwas mitzunehmen. Ich bin da ganz optimistisch.“ Neid, dass sein Ex-Verein (wie heute um 20.45 Uhr bei Schachtjor Donezk) in der Champions League spielt, hat Rene Adler nicht. „Mir geht es doch hier nicht schlecht, im Gegenteil. Was in Leverkusen geschieht, ist das Ergebnis jahrelanger, kontinuierlicher Arbeit. Aber hier in Hamburg haben wir auch eine Herausforderung. Diesen Verein, der in der Stadt verankert ist und der hier lebt, nach oben zu führen, ist eine tolle Aufgabe. Unter Bert van Marwijk haben wir schon einen Weg eingeschlagen, den wir weiter gehen wollen. Diese Überzeugung, dass es klappen kann, spürt jeder im Team.“

Soweit Rene Adler zum Auftritt im Leverkusen. Am Schluss wurde der Keeper noch konfrontiert mit der Aussage von Sportchef Oliver Kreuzer, der HSV werde in diesem Kalenderjahr kein Heimspiel mehr verlieren. Adler schmunzelte und entgegnete: „Der Sportchef muss ja auch nicht spielen! Da kann man sowas mal leicht versprechen… Aber im Ernst: was wir versprechen können, ist, alles dafür zu geben, dass die Prognose von Oliver Kreuzer eintrifft. Und unsere Heimbilanz müssen wir ja tatsächlich aufbessern.“ Ein extrem gut gelaunter Rene Adler fragte dann noch interessiert nach, was es denn für neue Geschichten gebe in Fußball-Deutschland und entschwand schließlich zum Training im sportmedizinischen Zentrum des UKE.

In etwa zeitgleich bat Bert van Marwijk die Feldspieler am Volkspark zur Trainingseinheit auf den Platz. Die meisten haben es sofort bemerkt: Rafael van der Vaart fehlte heute. Er hat einen leichten Magen-Darm-Infekt. Das Wort „leicht“ soll sicher gleich bedeuten, dass keine unmittelbare Gefahr für seinen Einsatz am Sonnabend besteht. Warten wir ab, wie es dem „kleinen Engel“ morgen geht. Tomas Rincon ist heute langsam ins Mannschaftstraining zurückgekehrt, hat erste Zweikämpfe gemacht. Nichts Neues gibt es an der Verhandlungsfront des Venezolaners. Bis zur Stunde hat es kein Ergebnis gegeben aus dem Gespräch von HSV-Sportchef Kreuzer mit Rincons Berater Christian Butscher. Dass Rincon das Angebot (übrigens über eine Million Euro Gehalt! Zu wenig für einen Mann, der kein Stammspieler ist?) bisher ausschlägt, ist bekannt. Insofern ist zeitnah auch keine neue Entwicklung zu erwarten.

Apropos neue Entwicklung. Die angesehene Internet-Plattform www.transfermarkt.de hat heute eine Neubewertung der Martkwerte einiger Fußball-Profis vorgenommen. Ein herrliches Diskussions-Thema! „Gewinner“ unter den HSV-Spielern sind Jonathan Tah und Hakan Calhanoglu. Tah taucht überhaupt zum ersten Mal in dieser Liste mit einem echten Marktwert auf, er wird auf 3,5 Millionen Euro taxiert. Kein Wunder, dass Oliver Kreuzer ihn halten möchte. Die feste Ablösesumme, die der Spieler unter Umständen in seinen neuen Vertrag bekommt, sollte aber bitte um einiges höher liegen. Hakan Calhanoglu hat von drei auf vier Millionen Euro zugelegt. Ein neuer Marktwert für Pierre Michel Lasogga wurde noch nicht ermittelt.

Und jetzt noch zu unserem Dauerthema Strukturreform. Ich bin mir sicher, dass es in Bremen heute Abend hoch her gehen wird. Otto Rieckhoff und Thomas von Heesen vertreten beim Fanclub „Hamburger Stadtmusikanten“ die Stimme von „HSVplus“. Der Aufsichtsrats-Vorsitzende Manfred Ertel spricht für die „HSV-Reform“. Das tut er als „einfaches Vereinsmitglied“, versteht sich… Jojo Liebnau ist ebenfalls mit vor Ort.

Um die ganze Debatte jetzt langsam unübersichtlich zu machen, ist ein viertes Reformmodell auf dem Markt. Professionelle Internet-Präsenz (allerdings auch sehr kompliziertes Vereins-Modell), ähnelt inhaltlich „HSVplus“– das ist mein erster Eindruck, als ich auf www.rautenherz.com herumgesurft bin. Die Initiatoren möchten eine Ausgliederung der Profi-Fußballabteilung in eine KG auf Aktien. Alles Weitere lest Ihr bitte direkt nach, wenn Ihr mögt. Wie viele Modelle sollen jetzt eigentlich noch kommen? Nichts gegen die vielen Ideen und vielen HSV-Fans, die sich für ihren Verein engagieren möchten. Aber sollen jetzt am 19. Januar vier komplexe Modelle durchdiskutiert werden? Hat vielleicht noch jemand einen zündenden Vorschlag, den er loswerden muss?

Training morgen ist um 15 Uhr. Und um 19 Uhr spielt die U 23 ihr Regionalliga-Nachholspiel an der Hagenbeckstraße gegen den VfB Oldenburg. Zhi Gin Lam soll dort Spielpraxis sammeln.

Einen schönen Champios-League-Abend wünscht
Lars

Badelj träumt von der Champions League – mit dem HSV!

14. Dezember 2012

Die Vorfreude ist allen anzumerken. Vor dem, bei dem und nach dem Training wirkten die HSV-Profis heute ziemlich locker und gelöst. Immerhin sind es nur noch wenige Stunden bis zum wohlverdienten – das kann man angesichts von 24 Punkten wirklich so sagen – Urlaub. Direkt nach Schlusspfiff löst sich die Mannschaft für rund zwei Wochen in alle Himmelsrichtungen – von den Bergen Norwegen bis Venezuela – auf die unterschiedlichsten Kontinente auf. „Einmal noch voll reinhauen“, sagt Tomas Rincon in sauberem Deutsch und ergänzt, „dann Holiday!“

Und genau so ist es.

Einmal noch Schwerstarbeit verrichten, immerhin geht es in Leverkusen gegen den Tabellenzweiten. „Aber die haben zuletzt auch drei Dinger bekommen“, weiß Trainer Thorsten Fink, „während wir zu null gespielt haben.“ Dass das auch in Leverkusen bleibt, davon ist Michael Mancienne überzeugt. Der Engländer wird wie gewohnt neben Heiko Westermann in der Innenverteidigung auflaufen und es bei der Werkself mit Rene Adlers gutem Freund Stefan Kießling zu tun bekommen. Ob er sich schon bei Adler Tipps geholt hat? „Nein“, sagt Mancienne, „aber das werde ich noch.“ Zudem wird der sympathische Innenverteidiger wie gewohnt eine DVD mit den wichtigsten Infos zu der Leverkusener Offensive als Bettlektüre mitbekommen. „Wie immer“, sagt Mancienne, „aber am Ende spielen wir eh unser Spiel. Das machen wir gegen Augsburg genau so wie gegen Bayern oder eben jetzt Leverkusen.“

Klingt gut – weil selbstbewusst. Ebenso wie die Worte des so ruhig wirkenden Mittelfeldchefs Milan Badelj. Der Kroate ist wieder voll fit und mächtig heiß auf die Punkte 25, 26 und 27. „Ich fühle mich topfit, und wir sind in einer sehr guten Form. Wir werden in Leverkusen unser Spiel machen und gewinnen, wenn wir 100 Prozent bringen.“ Klar, 100 % beinhaltet: keine Fehler. Deshalb bereitet Fink seine Mannen im letzten saisonspiel auf einen Gegner vor, der für seine Offensivstärke bekannt ist und dennoch nicht zwingen das Spiel macht. Nicht einmal im eigenen Stadion. „Bayer ist eine sehr spielstarke Mannschaft, die überragend kontern kann“, sagt Fink, der schon deshalb nicht ins offene Messer laufen will. „Im Gegenteil, wir werden vorbereitet sein und trotzdem unser Spiel durchziehen.“ Mit der Rehhagel’schen „Kontrollierten Offensive“? „So ungefähr “, sagt Fink und lacht.

Soll heißen: das Mittelfeld ist auch defensiv eingerichtet. Zumindest rückt bleibt es beim Alten: Badelj auf der Sechs, Skjelbred auf der rechten und Aogo auf der linken Seite. Drei Mittelfeldspieler, die wie auch der erneute van-der-Vaart-Ersatz Tolgay Arslan ihre Stärken sowohl offensiv wie defensiv haben. „Wir sind im Mittelfeld sehr variabel“, weiß Badelj, „je nach Situation können wir reagieren. Das macht uns stark.“

Geht es nach Badelj sogar so stark, dass in Hamburg bald vom ganz großen Fußball gesprochen werden darf. „Die Europa League ist ein ganz realistisches Ziel“, formuliert der Champions League gewohnte Mittelfeldmann mutig. Und er setzt noch einen drauf: „Wenn man sich die Tabelle anguckt, sind es bis zur Champions League auch nur noch drei Punkte. Warum sollten wir uns diesen Tabellenplatz nicht als Ziel setzen?“

Weil es unnötig Druck aufbaut auf eine Mannschaft, die noch nicht ausreichend gefestigt ist? „Nein“, sagt Badelj, man brauche Ziele. Und die müssen immer etwas höher hängen als das, was man gerade erreicht hat. „Und in dieser verrückten Saison ist nur Bayern weg. Ansonsten ist doch für fast alle noch alles drin. Auch für uns. Wir dürfen uns nur nicht zu sicher sein. Wir müssen weiter jeden tag hart arbeiten“, relativiert Badelj und ich mag ihm zustimmen. „Das beginnt in Leverkusen. Dort sind drei Punkte zu holen.“ Sollte dem so sein, wäre zumindest Platz fünf als Winterquartier drin. Mit Tuchfühlung nach oben.

Wieder rankommen will auch Heung Min Son an seine gute Frühform in dieser Saison. Zuletzt schien der Südkoreaner etwas zu schwächeln und offenbarte neben wenig Torgefahr auch seine noch immer vorhandenen Mängel in der Defensivarbeit. Dennoch ist er gesetzt. „Sonni wird spielen“, sagt Fink, der mit Son und Rudnevs im Angriff beginnen will. Dass beide bislang sechs Saisontore haben freut Son. „Mir ist eigentlich egal, wer die Tore macht, Hauptsache wir gewinnen.“ Dass er dennoch gern noch ein paar Tore drauflegen will und auch nichts gegen die (interne) Torjägerkanone hat – klar. „Natürlich wäre das cool“, so Son, „aber ich mache mir da keinen Druck. Wenn Rudi trifft, ist das auch super.“ Kluge Worte, die auch ehrlich rüberkommen.
Nicht mithelfen werden in Leverkusen Robert Tesche, Marcus Berg und Slobodan Rajkovic, die allesamt nicht zum Kader gehören und dies als deutlichen Fingerzeig für die Winterpause verstehen dürfen.

Ob dem so ist und wer ansonsten noch zum Verkauf steht werden wir am Sonnabend nach dem Spiel Carl Jarchow fragen können. Mit dem Vorstandsboss werden wir das Leverkusen-Spiel, die Hinrunde, die bevorstehende Winterpause sowie die Rückrunde besprechen. Zudem werden wir sicherlich auch auf die Bilanz zu sprechen kommen, die ein erneutes Minus von 6,6 Millionen Euro ausweist. Ein Minus, für das sich der aktuelle Vorstand verantworten muss. Wofür noch, wird dabei auch geklärt werden können.
Zumal gerade das Thema „wer hat Schuld am Minus?“ hier im Blog noch immer die wildesten Blüten treibt. Weshalb noch immer einige behaupten, der aktuelle Vorstand habe kein Minus übernommen –unfassbar! Das ist so an der Realität vorbei wie nur irgendwas. Und vor allem: Nicht ein einziger Beteiligter leugnet diesen Umstand. Nicht einmal der alte Vorstandsboss höchstselbst. Oder wie ist es zu erklären, dass der HSV trotz des Umbruchs und vergleichsweise günstigen Zugängen wie Skjelbred, Mancienne, Bruma, Sala, Rajkovic etc. einen Transferaufwand von 27,6 Millionen Euro in 2011/12 hatte? Das würde alle bekannt gewordenen Zahlen ad absurdum führen und geht meines Erachtens nur, wenn noch Raten aus den vorangegangenen Transfers in das Geschäftsjahr 2011/’12 gerechnet werden müssen.

Womit ich doch noch einen kurzen Abstecher zur Präsentation der Kandidaten machen möchte, bei der Bernd Hoffmann als Unterstützung von Kathrin E. Sattelmair anwesend war. Sie und die anderen anwesenden 12 (Jan Harder fehlte entschuldigt) machten einen durchweg guten Eindruck. Mit einigen Ausschlägen nach oben. Und während diese Ausschläge bei renommierten Leuten wie Jens Meier, Ralf Bednarek und Cord Wöhlke erwartet und vollauf bestätigt wurden, konnte meines Erachtens Dr. Ralph Hartmann mit seiner Präsentation am meisten überraschen. Aber dazu werden wir uns hier noch deutlicher positionieren, wenn Ihr alle die Möglichkeit hattet, Euch von den Kandidaten selbst zu überzeigen. Das werden wir Euch ermöglichen. Nach jetzigem Stand wird es morgen Abend oder spätestens am Sonntag hier im Blog möglich sein, dass Ihr Euch die Reden der Kandidaten in voller Länge ansehen könnt. Vorher macht es meines Erachtens nach keinen Sinn.

In diesem Sinne, erst einmal wollen wir sehen, was den mutigen Worten der Spieler morgen in Leverkusen folgt. Wobei ich absolut davon überzeugt bin, dass in Leverkusen was drin ist. Wenn es gut läuft, sogar ein Dreier. Mein Tipp: 2:1, Torschützen: Badelj und Son – Gegentor: Kießling.

Bis morgen.
Scholle

So könnte der HSV spielen: Adler – Diekmeier, Mancienne, Westermann, Lam – Skjelbred, Badelj, Arslan, Aogo – Son, Rudnevs.

Feuer mit Feuer bekämpfen

4. November 2011

Mehr geht nicht. Das sagt zumindest Heiko Westermann und meint damit das bevorstehende Spiel bei Bayer Leverkusen morgen Abend in der BayArena (18.30 Uhr). „Unter Flutlicht um 18.30 Uhr das Topspiel spielen – das ist doch das Beste, was man haben kann“, so der Mannschaftskapitän, der eine offensiv ausgerichtete Werkself erwarten dürfte. Zumindest, wenn man der vorläufigen Aufstellung im „kicker“ Glauben schenken darf. Da stehen mit Kießling und Derdiyok zwei Angreifer auf dem Platz, die von den offensiven Sam und Schürrle auf den Außenbahnen ebenso wie von dem wieder erstarkten Ballack aus dem Mittelfeldzentrum heraus unterstütz werden (voraussichtliche Bayer-Startelf: Leno – Castro, M. Friedrich, Toprak, Kadlec – Sam, L. Bender, Ballack, Schürrle – Kießling, Derdiyok). „Dann liegen unsere Chancen auch in unserer Offensive“, so Westermann völlig unbeeindruckt.

Und auch wenn meine meist sehr gut informierten Bild-Kollegen von Bayer davon ausgehen, dass statt Derdiyok mit Rolfes ein zweiter Sechser aufgestellt wird, kümmert es beim HSV niemanden. Im Gegenteil: Feuer wird beim HSV inzwischen mit Feuer bekämpft. Endlich. Die Mannschaft versteckt sich nicht mehr hinter starken Gegnern wie noch zu Beginn der Saison. Der Glaube an die eigene Stärke ist zurück. Ein Indiz: für den gesperrten Defensivmann Rajkovic rückte Stürmer Jacopo Sala in den Kader.

Und der neue Mut wird auch noch mit besser werdenden Spielen untermauert. Es wird wieder laut gesprochen. Und das nicht nur im übertragenen Sinne sondern auch auf dem Platz. „Die Kommunikation muss sich noch verbessern“, hatte Fink seit seinem Amtsantritt unermüdlich gefordert. Und zumindest im Training schienen alle Spieler bemüht, mehr miteinander zu reden – was teilweise schon komödiantisches Kauderwelsch erzeugte. Dennoch, zumindest der versuch ist da. „Es wird auch besser“, sagt Westermann, der selbst einer der Wortführer auf dem Platz ist. „Ich versuche immer von hinten heraus lautstark zu organisieren“, sagt Westermann, „daran ändert sich auch nichts.“

Wobei er diesmal einen neuen Partner in der Innenverteidigung hat. Michael Mancienne rückt für den gesperrten Slobodan Rajkovic und den verletzten Jeffrey Bruma in die Innenverteidigung. „Ich werde ihn unterstützen, wo ich nur kann“, sagt Westermann, betont aber zugleich: „Michael und ich trainieren oft zusammen, er haut sich immer voll rein, ist zu 100 Prozent motiviert. Er ist charakterlich top und wird sich reinhauen ohne Ende. Er kennt die Abläufe, und er weiß, was der Trainer will. Ich bin mir sicher, dass wir ein gutes Spiel machen werden.“ Zudem, das betonte Westermann heute noch mal – ganz im Stile des neuen Trainer: „Wir haben einen großen Kader mit vielen guten Spielern. Wie wichtig das ist, zeigt sich jetzt. Verletzungssituationen sind immer auch die Chance für die Spieler, die dann reinkommen.“ Westermann will sich auch gar nicht in Ausreden versuchen: „Im Gegenteil: wir brauchen keine Ausreden. Das wäre Schwachsinn.“

So sieht es Mancienne naturgemäß auch. „Ich will, dass die Abwehr mit mir Stabilität bekommt. Ich muss mich jetzt beweisen und hoffe, dass ich die neue Chance ergreife.“ Im Trainingsspiel heute wirkte noch nicht alles so flüssig, wie es sein soll. Mancienne antizipierte wie immer gut, vertändelte allerdings als letzter Mann einen Ball – und hatte Glück, dass Trainer Thorsten Fink just in dem Moment abpfiff, als der gegnerische Angreifer (ich glaube, es war Berg) allein aufs Tor von dem auch heute in dem kurzen Abschlussspiel überragenden Jaroslav Drobny. Der Tscheche parierte bei den Torschussübungen wie zuletzt gewohnt stark und hatte im Abschlussspiel eine Riesenszene gegen Romeo Castelen, der aus zehn Metern einen gut platzierten und hart geschossenen Ball nicht an den Fingerspitzen Drobnys vorbeibekam. Sehr zur Freude des lautstark applaudierenden Rests auf dem Platz. „Am wichtigsten war für ihn selbst, zu erkennen, dass er gute Leistung zeigt. Dadurch hat er wieder richtig Selbstvertrauen und ist eine große Stütze“, so Westermann, der ebenso wie Marcell Jansen und im Gegenteil zu Dennis Aogo nicht für die Länderspiele gegen die Ukraine und die Niederlande nominiert wurde.

Auf eine Nominierung für die Startelf hatte auch Marcus Berg gehofft. Allerdings wirkte der Schwede nach seiner leichten Grippe noch immer nicht zu 100 Prozent auskuriert, spielte heute dick eingepackt und mit Mütze im Training. Und musste so mit ansehen, wie Heung Min Son neben Paolo Guerrero – zu dem Peruaner erzähle ich Euch am Ende noch etwas – in der vermeintlichen Startelf aufgestellt wurde und auch noch traf – Son wirkte frisch.

Das konnte man gegen Kaiserslautern eher bedingt über Gojko Kacar sagen. Der Serbe wirkte schwerfällig, durfte heute aber wieder in der vermeintlichen A-Elf trainieren. Und obwohl er i Spiel zum Ende hin mit David Jarolim das Leibchen tauschte, glaube ich, dass er erneut zusammen mit Rincon das Mittelfeldzentrum bilden wird. Zumal mit Bruma und Rajkovic schon zwei kopfballstarke Spieler wegbrechen. Noch einen verkraftet der HSV eher nicht.

Einen herben Schlag – und damit komme ich auf Guerrero – musste ich heute hinnehmen. Vor knapp zwei Jahren hatte ich mich zu einem Interview mit Paolo getroffen. Wir saßen unten im Kabinentrakt und kamen von einem zum nächsten Punkt. Auch auf ihn persönlich. Vorweg: es war ein sensationell nettes Gespräch, in dem mir Paolo letztlich auch sehr viel über sich erzählte. Unter anderem auch, dass er depressiv sei. Wir unterhielten uns über seine Familiensituation, über seine Vertragssituation und viele andere Dinge – und sprachen genau ab, was ich davon für die Geschichte nehmen würde und was nicht. Ich fragte zweimal nach, ob ich seine Depression erwähnen dürfte, schließlich wollte ich damit vorsichtig umgehen. Ich weiß noch genau, was er sagte: „Es ist kein Problem, wenn du das schreibst. Es ist ja wahr.“ Womit er grundsätzlich Recht hat. Und wenn es für ihn okay ist, ist es so. Er allein entscheidet.

Dachte ich zumindest.

Denn nachdem ich die Geschichte aufgeschrieben hatte, noch mal Paolo angerufen und über alle Inhalte informiert hatte (ich wollte auf Nummer sicher gehen und lieber einmal mehr als einmal zu wenig fragen), rief mich ein damaliges Vorstandsmitglied an. Zunächst bat man mich darum, dass ich den Umstand mit der Depression unerwähnt lasse. Als ich sagte, es sei mit Paolo alles doppelt und dreifach abgesprochen, wurde die Bitte dringlicher. Paolo selbst hätte darum gebeten, dass der Vorstand mich doch überredet. Zudem solle ich mir überlegen, was ich mit einer solchen Geschichte anstellen würde. Ich sagte, dass ich mich auf Paolos Meinung verlassen würde und rief Paolo noch mal an. Allerdings konnte ich ihn jetzt nicht mehr erreichen.

Kurzum: am Ende erschien die Geschichte nicht in seiner ursprünglichen Form. Der Depressions-Part war raus, was der Geschichte seinen ursprünglichen Mittelpunkt nahm. Trotzdem konnte ich ruhig schlafen. Ich wollte nicht derjenige sein, der Paolo – zumal nach einem so netten und ehrlichen Vier-Augen-Gespräch – Probleme bereitet. Aber als ich Paolo einige Tage später darauf ansprach, sagte er, dass er die Geschichte so gut fand. Und, dass auch er am besagten Abend vom Vorstand angerufen worden war. Man hatte ihn überredet, dass es besser sei, den Fakt Depression unerwähnt zu lassen. Er selbst habe zwar nicht genau gewusst, warum. Aber er habe keinen Ärger mit dem Vorstand gewollt.

So viel dazu. Möge jeder die Geschichte interpretieren wie er will. Ich jedenfalls weiß – oder besser: ich glaube es seit dem Gespräch zu wissen –, dass Paolo bei aller Naivität in der einen oder anderen Geschichte ein wirklich lieber, netter Mensch ist, der auch Tiefgang haben kann. Er hat nie viel gesprochen, nie viel über sein Privatleben erzählt – aber seit heute wissen alle, warum das so ist/war. Und ich freue mich für ihn, dass es raus ist. Denn, dass er den Wunsch hatte, darüber zu sprechen, wusste ich spätestens seit meinem Interview…

Vielleicht erklärt das Ganze auch, weshalb ich mich immer dafür ausgesprochen habe, Paolo zu halten und zu stützen. Zumal immer unstreitig war, dass der Angreifer ein absoluter Top-Spieler ist. Wie zuletzt gegen Kaiserslautern – und hoffentlich am Sonnabend bei Bayer Leverkusen bewiesen.

Ihr seht: Drobny, Westermann, Guerrero – einstige Problemfälle, die zu absoluten Leistungsträgern gewachsen sind. Der HSV präsentiert sich nach außen stark – „und das werden wir auch auf den Platz übertragen. Wenn wir weiter so arbeiten wie in den letzten Wochen, kommen die Ergebnisse von allein. Warum nicht schon in Leverkusen?“, fragt Westermann – und ich vermag ihm keinen Grund zu nennen. Im Gegenteil.

In diesem Sinne, bis morgen! Da melde ich mich nach dem Spiel bei Bayer, in das wir alle berechtigt große Hoffnungen legen dürfen.

Scholle (18.05 Uhr)

Kurz notiert:

Grüße: Frank Rost ist mit seinen Red Bulls New York gegen LA Galayy im Viertelfinale der Playoffs der Major League gescheitert. Rost, dessen Vertrag noch bis Dezember läuft und der noch an einer Freundschaftsspieltour durch Indien und Mexiko mit den Red Bulls teilnehmen wird, wollte es sich dennoch nicht nehmen lassen, einen Gruß an den Blog, aber vor allem an Uwe Seeler auszurichten: „Ich wünsche Uwe alles, alles Gute zum 75. Geburtstag. Es war und wird für mich immer wieder ein freudiges Erlebnis sein, ihn zu treffen. Ich wünsche ihm nicht nur ein tolles Fest mit seiner Familie und seinen Freunden, sondern vor allem, dass er gesund und der positive Mensch bleibt, der er immer war. Herzlichen Glückwunsch aus New York, Uwe!“

1:1 bei Bayer – den Worten folgten endlich Taten

7. Mai 2011

So eine App-Funktion kann schon tückisch sein. Und zu langsam. Wie heute. Da bekam ich zuerst die Nachricht, der HSV würde 1:0 in Leverkusen führen und knapp eine Minute später kam die Nachricht, das Spiel sei angepfiffen. Nun denn, beides wusste ich schon, Pay-TV-Sender Sky sei Dank.

Danken wollte ich gestern schon Heiko Westermann, für dessen offene, ehrliche Worte. Er wollte vorwegmarschieren als Kapitän, hatte er gesagt. Und er setzte es im Spiel um. In der zweiten Minute hatte Dennis Aogo einen Freistoß von halbrechts mit dem linken Fuß scharf zum gegnerischen Tor gezogen, Paolo Guerrero kam mit der Fußspitze an den Ball und Bayer-Keeper Rene Adler konnte den Ball nur gen Westermanns Bein abwehren. Das 1:0. Das frühe Tor – wie gesagt: für die App des HSV sogar zu früh.

Und, welche Überraschung, der HSV machte weiter. Wie gestern vermutet, ließ Trainer Michael Oenning mit Tesche für den gelbgesperrten Zé Roberto und Rincon anstelle von Änis Ben-Hatira defensiver agieren. Und die Rechnung ging in der ersten Halbzeit auf. Der HSV spielte nicht wirklich schön, aber effektiv. Und er hatte sogar die beste Chance im ersten Durchgang. Obgleich Leverkusen einen Abseitstreffer erzielte, wo ich auch in den Wiederholungen keine Abseitsstellung erkennen konnte. Aber egal, der HSV spielte gut gegen lamentierende und allzu schnell fallende Werks-Profis. Und nach einem schönen Seitenwechsel von Aogo kam Paolo Guerrero frei an den Ball, zog mit dem Ball am Fuß in den Sechzehner ein, umkurvte einen Gegenspieler gekonnt und – vergab mit links kläglich das sicher geglaubte 2:0 (29.). Trotzdem hatte die frühe Führung bis zur Halbzeit Bestand.

Allerdings nur bis dahin. Denn bereits in der 54. Minute konnte Stefan Kießling ausgleichen. Nachdem der HSBV einen Ball geklärt hatte und sich in der Vorwärtsbewegung befand, passte Dennis Diekmeier nicht auf und ließ den Torschützen im Rücken frei stehen und Kießling konnte per verunglückten Schuss treffen. 1:1. In der Folge ergaben sich Chancen auf beiden Seiten. Und in den letzten zehn Minuten hätten sowohl der HSV als auch Bayer den Sack zumachen können/müssen. Während bei der Werkself Vidal nur den Pfosten traf, vergab beim HSV Pitroipa die größte Chance. Nachdem ihn Eljero Elia mit einem seiner starken Flankenläufe freigespielt hatte, zögerte der für den glücklosen Heung Min Son eingewechselte Offensivspieler nzu lange. Und anstatt aufs Tor zu schießen spielte er Ben-Hatira an, der verzog.

Und nachdem auch ein starker Konter über Westermann nicht zum möglichen Erfolg führte, Ben-Hatira im letzten Moment noch vom Ball getrennt wurde (87.) und Pitroipa am langen Bein von Adler scheiterte (89.) dann der Höhepunkt: Einen, vielleicht zwei Meter vor dem Tor kam Pitroipa an den Ball und brachte das Kunststück fertig, den Ball nicht über die Linie zu bugsieren sondern den scheinbar schon geschlagenen Adler in die Arme zu spielen. Und so viel Schwung Pitroipoa dank seiner Schnelligkeit auch reinbrachte, diese Szene kennzeichnet genau das, was ihm beim HSV alle Trainer vorwerfen: er ist zu torungefährlich. So ein Ding nicht reinzumachen ist schon unfassbar…

Insgesamt konnte man dennoch zufrieden sein mit dem Spiel. Endlich war wieder die Leidenschaft und der Einsatzwille zu sehen, den man zu oft hatte vermissen lassen. Das bittere an diesem Spiel ist für mich die Erkenntnis, dass der HSV mit weniger Potenzial (Stars wie Petric, bvan Nistelrooy, Zé Roberto fehlten immerhin) und mehr Leidenschaft diese Saison wahrscheinlich erfolgreicher gewesen wäre. Rincon und Tesche agierten unauffälliug aber effektiv, Elia zeigte zumindest mal wieder Ansätze von dem, was man von ihm über außen erwartet und die Defensive stand weitgehend sicher.

Die einzige bittere Pille musste aber David Jarolim schlucken, der sich die zehnte Gelbe (zu recht!) einhandelte und am letzten Spieltag gegen Mönchengladbach pausieren muss. Für ihn wird Zé Roberto nach abgesessener Sperre wieder ins zentrale Mittelfeld rücken.

Und dort voraussichtlich auf Robert Tesche treffen, der im Gegensatz zum weiter formschwachen Son seine Chance heute nutzte. Ohne die Schlafeinheit beim 1:1 hätte ich hier auch Diekmeier gelobt, ebenso wie Pitroipoa, hätte er nicht wieder die besten Chancen vergeben – so aber sind es die beiden, die neben Son mit berechtigter Kritik leben müssen.

Fazit: ein clever, aggressiv und mit dem nötigen Einsatz geführtes Spiel, in dem ob der Großchancen kurz vor Schluss mehr drin war und das dennoch ein gerechtfertigtes Remis zum Ergebnis hat. Und, das ist die größte Erkenntnis, endlich wurde mal das umgesetzt, was vorher angekündigt wurde. Ein Spiel, das mich hoffen lässt, dass es am nächsten Sonnabend nicht so ein Trauerspiel zum Saisonausklang gibt, wie es sich der erste feststehende Absteiger FC St. Pauli heute erlaubte…

In diesem Sinne, bis morgen! Sollte sich noch etwas Neues nach dem Spiel ergeben, melde ich mich später noch mal mit einer Aktualisierung…

Scholle
17.33 Uhr

P.S.: Morgen ist um 10 Uhr Auslaufen an der Arena.

Labbadia redet Tacheles

15. März 2010

David Jarolim war heute der Erste, der aus der HSV-Kabine kam. Der Kapitän machte gar kein Geplänkel oder Rumgeeiere aus der Niederlage in Leverkusen. „Wir haben den Anschluss nach oben verloren“, befand er geknickt und legte noch drei Worte machen, die ich ihm zu 100 Prozent abnehme: „Das tut weh!“ Erklärungen für den Auftritt in Hälfte zwei, in der sich der HSV nicht mehr richtig gewehrt hatte, vermochte der Tscheche nicht zu vermelden. „Keiner hat das gespielt, was er kann. Wir waren nicht aggressiv genug.“ Als ich diesen „Jaro“ da so reden hörte und ihn betrachtete, wirkte er fast ein bisschen so, als resigniere er. Doch die Frage eines TV-Kollegen nach den Rechenkünsten, welcher Platz denn nun für die Europa-League der kommenden Saison reiche, weckte dann doch seine Bissigkeit: „Wir wollen nicht spekulieren oder rechnen oder so, wir wollen wenigstens noch Platz vier erreichen und sichern. Dafür sind wir stark genug!“

Klar, dass Jarolim so denkt. Er weiß – wie wir wahrscheinlich alle -, dass diese Mannschaft des HSV große Qualitäten hat. Dass sie es besser kann, als sie es zuletzt häufiger gezeigt hat. Dass sie momentan vielfach unter ihren Möglichkeiten bleibt, weil sie mehrere vermeintliche Führungskräfte „durchschleppt“ bzw. einige Leistungsträger in regelmäßigen Abständen durchhängen. Aber welches Indiz soll ich nehmen, um wirklich optimistisch in den Saisonendspurt zu gehen? Schließlich stehen in den kommenden Wochen weiterhin jede Menge Spiele an, die physisch und mental Kraft kosten, es wird bestimmt noch die eine oder andere Verletzung geben – und die ehemals Langzeitverletzten und Hoffnungsträger wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy oder auch Eljero Elia werden bestimmt nicht durchstarten wie Raketen.
Halt, stopp. Bevor mir wieder jemand unterstellt, ich mutiere zum Nörgler oder Berufspessimisten, habe ich mich heute mal gezielt nach Optimismuspotenzial umgesehen. Dazu gleich mehr.

Wisst Ihr, was „Jaro“ in seiner treffenden Situationsbeschreibung gesagt hat? Er sagte: „Jetzt geht es nicht darum zu zaubern, jetzt müssen wir nicht Barcelona spielen, sondern kämpfen und Zweikämpfe gewinnen!“ Jawoll. Auch wenn hier in Hamburg jetzt nicht der Abstiegskampf eingeläutet wird, sondern der Endspurt im Kampf um eine direkte Qualifikation für den Europapokal, sind mal Trotzreaktionen gefragt. Das Gegentor zum 3:1 für Leverkusen war so ein Treffer, der in dieser Form einfach nicht fallen darf und dieses Manko des letzten Willens bestens repräsentiert: Renato Augusto wird von Dennis Aogo nicht aggressiv und konstant genug am Flanken gehindert, und in der Mitte hatte Guy Demel den Weg zum Ball schon aufgegeben, bevor er den möglichen Zweikampf mit Stefan Kießling überhaupt gesucht hatte. Bei einem Stürmer, der in dieser Form potenzielle Abschlüsse verpasst, würde man wohl von fehlendem „ultimativen Tordrang“ oder neudeutsch von mangelnder „Torgeilheit“ sprechen. Defensiv machen solche Defizite eben den Unterschied zwischen Remis und Niederlage aus. So einfach ist das.

Ich habe ja gelesen, dass einige von Euch kein gutes Haar am Trainer lassen. Ich habe ja vor einiger Zeit schon geschrieben, dass ich eine Bewertung der Labbadiaschen Tätigkeit erst nach Saisonende vollziehen möchte. Dennoch werden er und seine Maßnahmen natürlich auch weiterhin Einzug in meine Berichte haben. Heute beispielsweise hat er das gemacht, was man in so einer Situation einfach mal machen muss: Er hat intern Tacheles geredet.

Der Coach wollte trotz mehrfacher Nachfragen zwar nicht auf Details eingehen („So etwas gehört in die Kabine und nicht showmäßig in die Öffentlichkeit!“), aber meine Informationen besagen, dass die Fehler des Duells gegen Leverkusen alle beim Namen angesprochen wurden. Das heißt: Die Herren Profis haben diesmal richtig „Peitsche“ bekommen, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten oder mögliche mentale Ungleichgewichte. Aus dieser Aktion ziehe ich meinen Optimismus für diese Woche. Ernsthaft. Ich hoffe, dass die Spieler mal so richtig attackiert wurden. Ausreden haben schließlich immer viele parat, und die sind ja auch leicht gefunden (Müdigkeit, Mehrfachbelastung, Eingewöhnungsphase nach Verletzungen usw.). Warum ich das hoffe? Weil das möglicherweise bei dem einen oder anderen eine Trotzreaktion hervorruft. Die Zeit der Jammertage (auch für die, die immer nur hinter vorgehaltener Hand nörgeln und leiden) muss vorbei sein, wenn der HSV im Endspurt nicht noch eine eigentlich ganz gute Saison verdaddeln will.

Zé Roberto sagte nach der „Kopfwäsche“, in der auch er nicht kommentarlos davon gekommen sein dürfte angesichts zu vieler Passivphasen, dass nun „jeder in die Pflicht genommen werden müsse“, er eingeschlossen – vor allem in Anbetracht des Auswärtsspiels am Donnerstag in Anderlecht. Jetzt ist eben auch mal Kämpfen, Beißen, Kratzen angesagt. Schönwetterfußball steht erst wieder an, wenn die unübersehbare fußballerische Mini-Krise mit zwei, drei guten Resultaten in Folge ad acta gelegt wurde.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Bruno Labbadia seinen gesamten Kader „unter Beobachtung“ gestellt hat. Das heißt: Er wird sich die Einstellung aller Spieler, auch die gestandener Stammkräfte, genauestens betrachten und auch nicht vor unpopulären Maßnahmen zurückschrecken, wenn er das Gefühl hat, einer verlässt sich auf sein spielerisches Können. Die defensive Anfälligkeit ist schließlich so etwas der Anfang des sportlichen Abstiegs in der Tabelle – und den gilt es mit aller Macht aufzuhalten.

Ein Schlusswort noch kurz zu Paolo Guerrero. Der Peruaner liebäugelt ja öffentlich kurz nach seiner Rückkehr aus der Langzeitpause nach dem Kreuzbandriss mit seiner Nominierung. Auch er dürfte sich demnächst auf ein paar deutliche Worte seines Trainers gefasst machen, der den körperlichen Zustand seines „Flugspezis“ etwas anders einschätzt. Guerrero müsse erst einmal ein paar Trainingseinheiten mehr unter voller Belastung machen, sagt Labbadia: „Für das Spiel in Anderlecht steht er nicht zur Debatte.“

18:10 Uhr