Archiv für das Tag 'Kehrhahn'

Tag eins nach dem Klassenerhalt: Mächtig was los im Volkspark! *** HSVPlus-Pressekonferenz im Video***

19. Mai 2014

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Pressekonferenz der Initiative HSVPlus


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Der Tag nach dem Klassenerhalt – es ist für mich eigentlich ein richtig schöner Tag, da ich jetzt erst so richtig anfange zu realisieren, welch Kelch da an uns vorbeigeschummelt wurde. Dafür reichte ein Blick in die Augen der Verantwortlichen, die wie ich erst heute zugegeben haben, dass auch sie zwischenzeitlich massive Zweifel am Klassenerhalt hatten. Dass ich es nicht zugegeben habe – logisch, oder? Das war Zweckoptimismus in Reinkultur – eben so, wie ihn Slomka in Perfektion vorgelebt hat. Und am Ende hat es seinen Zweck ja erfüllt.


Egal wie, die schonungslose Analyse der Fehler beginnt heute. Beim HSV ganz sicher, dafür haben sich Slomka und Kreuzer schon für heute verabredet. Und auch im Blog sollte es heute losgehen – dachte ich zumindest bis Hakan Calhanoglu den Mund aufmachte. „Ich würde mich freuen, wenn der Verein mir meinen Wunsch erfüllt“, so der Mittelfeldmann, der anschließend auf Nachfrage etwas genauer wurde: „Mein Wunsch steht fest. Und mein Berater hat ihn formuliert.“ Also Leverkusen? „Ja“, so Calhanoglu, der seinen Vertrag Anfang des Jahres noch bis 2018 vorzeitig verlängert hatte.

Warum dieser schnelle Sinneswandel? Geld. Und angeblich sportliche Perspektive. Es ist nicht mehr und nicht weniger als das immer üblicher werdende Verhalten immer mächtiger werdender Spieler und deren Berater – gerade dann, wenn ein verein in derartige Schieflage geraten ist wie der HSV. Dass Bayer anfängt, hier einen halbtoten HSV bereits zu fleddern – für Außenstehende mag das unmoralisch wirken. Im Bundesligageschäft heißt das dann „professionell“. Zumindest aus Sicht der Leverkusener. Die Werksklubverantwortlichen hoffen auf ein Schnäppchen, was nur jetzt noch machbar ist, wo Calhanoglu erst angedeutet hat, wozu er fähig sein könnte. Dass er – so sehe ich das sicher nicht allein – aus dem Spiel heraus noch nicht annähernd die Dominanz hat um sich jetzt schon in der Champions League zu wähnen – egal. Dass er davon träumt („Jeder Spieler möchte gern Champions League spielen und das haben wir mit dem HSV nicht geschafft“) ist legitim. Aber den „nächsten Schritt“, wie Calhanoglu hofft, kann er auch in Hamburg machen, wo er schier unantastbarer Stammspieler ist und wohl auch bleiben würde.

Am Ende, unmittelbar vor seiner Abfahrt Richtung türkische Nationalelf, sagte Calhanoglu dann auch: „Wenn der HSV mich nicht gehen lässt, bleibe ich hier.“ Klar, dafür gibt es ja einen bis 2018 gültigen Vertrag. Und Calhanoglu betonte zuletzt immer wieder, sich beim HSV richtig wohl zu fühlen. Sollte er bleiben, hoffe er sogar darauf, „nächste Saison um die Europa League zu spielen“.

Die Frage ist nur, ob der HSV dazu überhaupt im Stande ist. Nach jetzigem Stand würde ich das nicht nur bezweifeln, ich würde es sogar ausschließen. Solange es eine Restchance gibt, dass sich strukturell und dementsprechend vor allem auch personell nichts verändert, ist dieser Klub weiter auf dem Sinkflug – obgleich die Bruchlandung gerade noch gelungen schien, droht neues Ungemach. Auch Pierre-Michel Lasogga wollte (und konnte) sich heute noch nicht dazu äußern, ob er denn bleibt. „Wenn Pierre uns signalisiert, dass er bleiben möchte, bin ich sicher, dass wir eine Chance haben, ihn auch zu halten“, hatte Kreuzer auf der Pressekonferenz (siehe Video) gesagt, und somit dem Angreifer den Ball des Handelns zugespielt. Der allerdings nahm den Steilpass nicht auf. „Ich werde jetzt erst einmal alles verarbeiten und anschließend in Ruhe eine Entscheidung treffen“, sagte Lasogga unmittelbar vor seiner Abfahrt vom Stadion. Ob es sein letzter Tag beim HSV sei? „Jetzt erst einmal ja“, scherzte der Angreifer, dem aus der Bundesliga Angebote vorliegen, den sein Noch-Arbeitgeber Hertha BSC wieder zurückhaben will und der auch auf der Insel Interesse geweckt hat. Und insbesondere Letzteres scheint Lasogga zu interessieren. „Ich habe immer schon, seit ich ein kleines Kind bin, gesagt, dass ich gern einmal in der Premier League spielen will.“ Dass er mit seiner körperbetonten, kampfstarken Art in die zudem finanziell potente und sportlich hochkarätige Premier League passt – es spricht vieles für einen Wechsel des HSV-Retters nach England. Leider.

Und wie so oft zuletzt komprimieren sich bei mir mal wieder alle Hoffnungen auf den kommenden Sonntag. Leider muss ich sagen. Denn wenn auch nur die Hälfte dessen stimmt, was im Vorfeld kolportiert wird, wird es bitter. Denn, so habe ich mir von vielen Seiten inzwischen bestätigen lassen, egal wie viele Mitglieder am Sonntag HSVPlus wählen, sobald HSVPlus gewählt ist, wird die Gegenseite die Wahl anfechten. Und das kann letztlich auf rechtlicher Ebene lange dauern – und dem HSV mächtig schaden. Denn eines ist klar, dieser HSV hängt seiner Zeit hinterher. Strukturell – aber vor allem personell. Und zwar auf allen Ebenen. „Wir haben schon viel Zeit verloren und müssen jetzt mächtig Gas geben, um eine Mannschaft zu formen, die ein komplett anderes Gesicht zeigt als in dieser Saison“, sagt Sportchef Oliver Kreuzer, der sich zwar optimistisch gibt aber selbst noch nicht weiß, ob er nach Montag überhaupt noch als Sportchef eingeplant ist. Ihr seht, es hakt an allen Ecken. Während die zwei Spieler der Saison, Calhanoglu und Lasogga wegzubrechen drohen, ist noch kein Neuer da.

Trotzdem, wenn ich gefragt werde, sage ich immer, der HSV sei bei allem Dusel NICHT zu Unrecht in der Klasse geblieben – sofern er jetzt die richtigen Schlüsse zieht. Heute war die erste große Gelegenheit, damit anzufangen. Allerdings ruft Tag eins nach dem Klassenerhalt bei mir gleich erste Zweifel hervor, ob alle Verantwortlichen erkannt haben, worum es hier geht und wie knapp der HSV am größten anzunehmenden Unfall vorbeigeschrammt ist. Aber lest selbst, was Dieter zu berichten weiß:


Während im Volkspark über die sportliche Zukunft – und rückblickend über diese Saison – gesprochen wurde, fand zeitgleich im Hotel Grand Elysee eine Pressekonferenz der besonderen Art statt. Jürgen Hunke und Co stellten dabei unter dem Namen „HSV Allianz“ ein neues Konzept vor. Noch einmal ein neues Konzept, obwohl am Sonntag, bei der mit riesiger Spannung erwarteten Mitgliederversammlung in der Arena, nur über „HSVPlus“ abgestimmt werden soll. Überrascht hat dabei nicht das Konzept, überrascht haben dabei ganz besonders zwei Herren, die mit auf dem Podium saßen: Elysee-Hausherr Eugen Block und der Rekordspieler des HSV, Manfred Kaltz. Das ist erst einmal eine Ansage.

Für die Einladung zur Pressekonferenz zeichneten Rainer Ferslev, Jürgen Hunke und Dr. Andreas Costard verantwortlich: „Wir haben uns in den letzten Monaten in Form eines „Runden Tisches“ mit vielen Fragen geplanter Satzungsänderungen beschäftigt. Dieses Ergebnis möchten einige Vertreter der HSV-Allianz mitteilen. Wir haben bisher keine öffentliche Stellungsnahmen und Aktivitäten unternommen, solange die sportliche Situation des HSV nicht entschieden war.“ Nun ist sie entschieden, und deshalb stellte sich die neue HSV-Allianz auch einmal vor: „Sie besteht aus Förderern des HSV, ehemaligen Spielern des HSV, ehemaligen Präsidenten des HSV, Mitgliedern des Seniorenrates, ehemaligen Vorsitzenden des Ehrenrates, Rechnungsprüfern des HSV (immer des HSV, natürlich), dazu Initiatoren der Aktion Rautenherz und der Aktion Zukunft mit Tradition.“

Das, was sich dann im Hotel Elysee tat, konnte sich sehen und hören lassen. Das war gut strukturiert und wurde auch bestens „verkauft“. Kein Vergleich mehr mit dem letzten Auftritt Jürgen Hunkes bei der Mitgliederversammlung, als er für seine Aktion „Zukunft mit Tradition“ sprach – und nicht zu „Potte“ kam, immer um den heißen Brei herumredete. Diesmal kam Hunke auf den Punkt. Und er gab zu, dass er inzwischen umgedacht hat. Er ist nicht mehr gegen eine Ausgliederung: „Die muss sein.“ Hunke ist dagegen, dass die Raute und das Stadion verkauft werden: „Das wäre eine historische Fehlentscheidung.“ Und um die zu verhindern, reicht die HSV-Allianz der Initiative „HSVPlus“, die vom ehemaligen HSV-Aufsichtsrats-Chef Ernst-Otto Rieckhoff angeschoben wurde und wird, dem Vernehmen nach die Hand. Es soll noch einmal an einem „Runden Tisch“ nach einer gemeinsamen Lösung gesucht werden.

Denn noch gebe es drei wesentliche Probleme, die Dr. Costard nannte: „Erstens verlieren die Mitglieder ihre Rechte, zweitens werden Finanzinvestoren und Rendite-Jägern, die den HSV missbrauchen könnten, Tür und Tor geöffnet, und drittens gibt es da den geplanten Verkauf der Arena und der Raute.“ Das war und ist geraume Zeit bekannt (und wird von HSVPlus-Gegnern immer wieder als Hauptargumente genannt), aber es musste wohl doch noch einmal gesagt werden.

Letztlich kommt die „HSV-Allianz“ zwar spät zum Zuge, aber nun sind die Mitglieder dran, sie werden darüber zu befinden haben, wohin der Weg des HSV gehen soll . . . Das vom HSV-Vorstand dazu vorbereitete Papier über die Abstimmung von „HSVPlus“ nannte Rainer Ferslev „Dreck“ und „eine riesige PR-Maschinerie“. Zudem befand er: „Der Vorstand kämpft nicht um die Raute, aber die Raute ist Mythos.“ Und er legte den Machern von „HSVPlus“ nahe, die „HSV-Allianz“ mit ins Boot zu nehmen: „Umarme deinen Feind . . .“

Eugen Block sagte bei dieser PK in Richtung des amtierenden Vorstandes: „Diese Leute können nicht mit Geld umgehen, die müssen sofort weg von der Kasse…“ Zudem hieß es: „Das, was uns von HSVPlus vorliegt, ist mit heißer Nadel gestrickt worden, und das geht bei einer so großen Herz-Operation nicht. Da muss nachgebessert werden, es darf bei einem so großen und wichtigen Eingriff keinen Schnellschuss geben.“ Und Block sagte auch: „Die Finanzierung, die Ernst-Otto Rieckhoff vorhat, die ist hochbrisant und gefährlich.“ Deswegen plädiert die HSV-Allianz jetzt dafür: „Abstimmung vertagen, zusammensetzen und dann gemeinsam um eine noch bessere Lösung ringen.“

Wie der HSV künftig zu Geld für seine Profi-Abteilung kommen will, blieb noch offen, Block sagte aber in Richtung des bisherigen Geldgebers Klaus-Michael Kühne:“ Eine AG sollte breit aufgestellt sind, und dann brauchen wir das Geld des Herrn Kühne nicht unbedingt.“ Zur Unterstützung meldete sich Manfred Kaltz, der Angst hat, „dass der HSV verramscht wird“, zu Wort: „Der Verein und die Fans werden von HSVPlus nicht mitgenommen.“ Und, Kaltz weiter: „Wir haben uns früher den Arsch aufgerissen, haben Leistung gebracht und hatten Erfolge – dann kommt das Geld von ganz alleine.“

Das ist ja auch mal eine Methode.

Was noch gefordert wurde von der HSV-Allianz – ganz interessant: Alle Gremien im HSV, Vorstand und Aufsichtsrat, sollten sofort zurücktreten. Jürgen Hunke, noch Mitglied des Aufsichtsrates, ging dabei voran: „Ich bin dazu bereit.“ Aber die anderen Räte? Ganz sicher nicht. Oder? Es geht doch letztlich immer nur um die Sicherung des eigenen Pöstchens . . .

Fazit der PK: Den Allianz-Herren geht es nicht um die Verhinderung von „HSVPlus“, sondern lediglich um eine Vertagung der für Sonntag geplanten Abstimmung. Aber, wie schon geschrieben: Jetzt sind die HSV-Mitglieder gefordert. Und was die Macher von „HSVPlus“ zu all dem, was da heute im Elysee vom Stapel gelassen wurde, sagen, das werden wir am Dienstag erfahren. Denn da folgt die Pressekonferenz von Ernst-Otto-Rieckhoff und Co.

Mein persönliches Fazit: Ich glaube, dass dem HSV noch eine große Zerreißprobe bevorsteht. Und ob die immer schmerzfrei und ohne bleibende Schäden zu hinterlassen abgeschlossen wird, ist eine der Fragen, die sich vielleicht nicht einmal an diesem Sonntag klären lassen wird. Denn wenn ich allein an die 50 und mehr gestellten Satzungs-Änderungs-Anträge denke, wird mir nicht nur schlecht, dann zweifle ich daran, ob es mit dem HSV nach dem 25. Mai 2014 einträchtig weitergehen kann. Diese Anträge sind alle nur gestellt, um diese Versammlung zu torpedieren, und das allein ist in meinen Augen nur Wahnsinn. Demokratie sieht dann doch wohl etwas anders aus, aber natürlich wollen diejenigen, die bisher in Ober-, Unter, Quer, Links- und Rechts-Ausschüssen sitzen, weiterhin ein gewichtiges Wort in ihrem HSV mitsprechen, dazu natürlich auch alle anderen Gremien, die sich nun der „HSV-Allianz“ angeschlossen haben (siehe oben). Alle sehr, sehr wichtig, alle haben diesen und ihren HSV bislang so gut geführt, dass der Club nun dort steht, wo er am Sonntag in Fürth stand. Aber gut, wir werden sehen, was aus den drei großen Hamburger Buchstaben nun wird. Alle haben ihre Argumente, jetzt ist wieder einmal die Basis gefragt.

Apropos. Bei der Gelegenheit wollen wir uns von „Matz ab“ für die vielen, vielen Mails, SMSe, Anrufe und Briefe ganz herzlich bedanken. Es war an diesem Montag bei allen, bei „Scholle“, Lars Pegelow und mir die Hölle los. Mein altes, mein altertümliches Handy, konnte keine Nachrichten mehr aufnehmen (sorry bei denen, die es noch versucht haben!), das galt für Anrufe (auf der Box) und für SMS. Heute klappte das mit den Anrufen (sogar Frau Barbara Ertel-Leicht vom VfL Wolfsburg aus der Presse-Abteilung gratulierte – einfach nur toll!) wieder fast normal, aber auch nur fast. Ich werde versuchen, mich bei allen zu melden, aber das könnte noch etwas dauern.

Trotz allem noch einmal: danke, danke, danke! Ihr seid Weltklasse. Und wir haben uns am Sonntag nach dem Spiel auch darauf verständigt, dass wir „schon eine tolle Matz-ab-Familie geworden sind“. Mit „Papa Benno“ an der Spitze! Dieses Lob gilt natürlich auch für alle anderen Bilderbuch-„Matz-abber“, von denen ich am Sonnabend einen ganz besonderen vergessen habe (Asche auf mein Haupt!), nämlich Aufkleber-Uwe. Ihm haben wir Banner und Aufkleber zu verdanken, zudem lebt Uwe, der natürlich mächtig mitgezittert hat, im tiefen Westen den HSV tagtäglich pur! Herzliche Grüße – und immer wieder herzlichen Dank für Deine große Unterstützung, lieber Uwe!

So, nun bin ich am Ende, „Scholle“ wird dieses Werk zusammenführen – und dann bleibt uns nur noch, Euch einen wunderschönen Abend zu wünschen. Ohne jede Dramatik, ohne große Spannung, ohne Zitterei. Einfach nur mal wieder einen ruhigen Feierabend genießen. Ein kurzes Dankeschön noch schnell an Britta Kehrhahn, die uns heute mit Mitschnitten der “Allianz”-PK tüchtig aushalf, einen Dank auch an Sergej Barbarez und Frank “Macke” Mackerodt – ihr wart fantastische Gäste bei „Matz-ab-live“, es gab viel Lob, auch von unseren Chefs. Und kurz auch noch ein Schlenker zu Lotto King Karl (und seinen Barmbek Dreamboys), der am Sonntag gleich zweimal seine Perle im Volkspark gesungen hat (einmal vorher, einmal nachher!). Wir wünschen Dir, Lotto, und Deinen Kumpels bei der heute in München beginnenden Deutschland-Tournee alles, alles Gute. Prost, Lotto! Und Prost Loide – wie Lotto immer sagt.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird sicher nicht weniger los sein als heute.

Scholle und Dieter

P.S.: Wie wir eben erfahren haben, wird auch Cotrainer Roger Stilz, desen Vertrag ausläuft, den HSV verlassen. “Ich bin dem HSV dankbar für das Vertrauen, das ich hier gespürt habe. Es war eine sehr intensive, lehrreiche Zeit für mich, an die ich mich immer gern erinnern werde.” Dennoch plant der ehemalige Kicker des SC Victoria seinen künftigen Weg bei einem anderen Klub, den er uns beizeiten mitteilen werde. Alles Gute, Roger!

Aktualisiert: Tesche-Wechsel geplatzt! Und: Horst Heese: “Die verstecken sich alle!”

31. Januar 2014

******ACHTUNG, WICHTIG!*****
Manchmal muss man sich ehrlich schämen. Da erreicht mich heute Vormittag die Nachricht, dass Eva mit fiesen, beleidigenden Mails bombardiert wird. Von dem einen war das zu erwarten. Aber dass es da mehrere gibt, kann ich nicht fassen. HSV-Fans beleidigen sich untereinander? Weil Eva sich mit fremden Federn schmückt?

BITTE?!?! GEHTS DENN NOCH??

Es steht in diesem Blog für alle nachlesbar, dass Eva mich bat, den Brief, den sie ebenso wie ich für eine sehr gute Sache halten, zu veröffentlichen. Für diesen Tipp war ich Ihr dankbar, daher habe ich sie im Blog nur zu gern erwähnt. Mit keinem einzigen Wort aber haben weder Eva noch ich jemals behauptet, der Brief sei von ihr verfasst. Also, bitte: Erst lesen, kurz drüber nachdenken – und dann kommentieren. Danke. Und entschuldige bitte, Eva!

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Es war in dieser Saison 1989/90, als der HSV am 29. Spieltag auf dem vorletzten Platz der Bundesliga rangierte. Damals trugen Spieler wie Richard Golz, Carsten Kober, Hans-Werner Moser, Dietmar Beiersdorfer, Ditmar Jakobs (neun Spiele lang), Holger Ballwanz, Thomas von Heesen, Armin Eck, Harald Spörl, Michael Schröder, Detlev Dammeier, John Jensen, Jan Furtok, Andreas Merkle, Nando und Oliver Bierhoff die Raute auf ihrer (Trikot-)Brust. Trainer waren Willi Reimann, der nach 21 Spielen von Gerd-Volker Schock abgelöst wurde. Und es gab einen HSV-Spieler namens Sascha Jusufi. Der kam eines Tages nach dem Training in Ochsenzoll laut fluchend und schimpfend aus der Kabine. „Was ist los, Sascha?“ Der Mittelfeldspieler: „Das ist mir alles zu lasch hier, es krempeln nicht alle die Ärmel auf. Das habe ich mal etwas lauter gesagt, denn ich habe keine Lust, auf jener Spieler-Liste zu stehen, die den HSV erstmals in seiner Bundesliga-Geschichte haben absteigen lassen. Ich erwarte von jedem, dass er nun einen Schlag mehr reinhaut, wir müssen endlich kämpfen, kämpfen, kämpfen. Wir müssen uns mit allen Mitteln gegen den Abstieg wehren. Mit allen Mitteln.“

Matz_ab_ankuendigung_1730_Uhr

Der HSV hielt bekanntlich doch noch die Klasse, lief noch auf Rang elf ein, fünf Punkte Vorsprung auf den vorletzten Tabellenplatz. Das war knapp. Und glücklich. So wie in der Saison 1972/73. Da taumelte der HSV monatelang auf dem letzten und vorletzten Platz herum, dann durfte doch noch gefeiert werden (den Nicht-Abstieg), denn dank „Retter“ Horst Heese lief der HSV noch auf Platz 14 ein. Drei Punkte vor einem Abstiegsplatz!

Mit Horst Heese sprach ich heute über den heutigen HSV, den er – in Ost-Belgien wohnend – immer noch sehr genau verfolgt. Drei Spiele seines Ex-Clubs hat er live im Stadion gesehen, die anderen im Bezahl-Fernsehen. Horst Heese (70) über seine derzeitige Stimmungslage: „Ich habe enorme Angst vor dem Abstieg des HSV, muss man doch. Weil keiner Verantwortung übernimmt, da schwimmen alle nur im seichten Gewässer mit, keiner geht nach vorne und reißt die anderen mit – Motto: ‚Jetzt geht es rund!’ So einen Mann sehe ich weit und breit nicht beim HSV – leider. Die verstecken sich alle. Alle.“

Können aber diese HSV-Profis, die nun den Karren aus dem Dreck ziehen sollen, noch das Kämpfen lernen? Heese: „Aber natürlich. Es geht doch innerhalb des Clubs um viele Arbeitsplätze dafür muss doch gekämpft und geackert werden. Obwohl die Spieler heutzutage ja gar keine Existenzängste haben müssen, die steigen ab und haben innerhalb von wenigen Tagen einen neuen Verein. Selbst die schlechtesten Spieler finden wieder einen neuen Arbeitgeber – das macht mich oft fassungslos.“

Woran aber liegt es seiner Meinung nach, dass der HSV so abgestürzt ist? Horst Heese: „Das liegt einzig und allein an der Zusammenstellung des Kaders. Da ist arglos gehandelt worden, da wurden sich von irgendwelchen Spielervermittlern Leute aufs Auge gedrückt worden, die gar nicht zusammenpassen. Diese Jungs arbeiten doch nicht zusammen, da ist jeder froh, wenn der Ball, weg ist. Jeder verdrückt sich so schnell er nur kann – furchtbar.“ Heese weiter: „Es gibt in diesem Team ja auch keine Hierarchie. Wenn ich da an den Kapitän Rafael van der Vaart denke, der hat mehr mit seinen Frauen als mit Fußball zu tun. Dabei hat der die Marschrichtung vorzugeben. Passiert aber nicht.“

Heese ging damals als Zugang gleich voran. Mit Leistungen, und auch verbaler Natur. Er sagt: „Da musste erst einmal in der Mannschaft aufgeräumt werden. Wir hatten Klasse-Spieler, aber es gab keine Spannung. Da habe ich dann einigen Jungs mal die Köpfe gewaschen – und dann ging es. Da ging es auch im Training zur Sache, da haben dann einige gespürt, wie es ist, wenn man zur Sache kommt. Und so sprang der Funke dann über.“

Auch taktisch ist der HSV schlecht aufgestellt. Heese: „Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen sind viel zu groß, die Viererkette steht zu weit auseinander, der Abstand zwischen der Viererkette und den anderen Mannschaftsteilen ist zu groß – da kann jeder Gegner schön bequem aufspielen, da wird kaum einer gestört. Das sind elementare taktische Fehler, und ich kann mir auch gut vorstellen, dass daran gar nicht gearbeitet wird . . .“ Einmal Training am Tag. Wissenschaftlich erwiesen, dass das reicht – so der Trainer Bert van Marwijk. Und lieber mal nur einmal am Tag, dafür aber intensiver – so der Sportchef. Wobei „intensiver“ ja dehnbar ist. Horst Heese: „Ich habe gelesen, dass die Spieler einen zu großen Druck verspüren, jetzt muss man mir nur noch was vom Bio-Rhythmus erzählen, dann falle ich tot um. Die Spieler sollten sich mal andere Sportler ansehen, was die für einen Druck haben, dann wissen sie, woran sie noch zu arbeiten haben.“

Sportchef Kreuzer hatte zu Jahresbeginn darüber philosophiert, dass der Trainer seine Spieler künftig „härter anfassen“ wird. Aber denkste! Es wird weiter gepudert und mit Pampers gearbeitet. Heese: „Ich will gar nicht von früher sprechen, darüber lachen die Jungs ja heute nur, obwohl wir auch Fußball gespielt haben. Wir haben aber einst sieben Mal die Woche trainiert. Da ging dienstags die Post so etwas von ab, da waren die Zehnkämpfer Wanzen dagegen. Mensch, was will man in zwei, drei Einheiten trainieren? Da vergeht allein durch das Aufwärmen schon eine halbe Stunde. – Wahnsinn alles.“

Horst Heese über dieses Übel: „Diese Laschheit ist tödlich. Und das sieht man ja auch, diese HSV-Mannschaft hat ja nichts drauf. Die Spieler können gar kein Pressing spielen, die pumpen doch gleich . . . Man kann doch nicht immer nur die weiche Welle fahren. Die müssten Kilometer machen, die müssten rennen bis die Hacken brennen.“

Denkt Horst Heese an das morgige Spiel, dann wird ihm schlecht. Er glaubt an nichts Gutes mehr. „Wenn da morgen keine richtige Ansprache kommt, dann ist dieser Club zum Tode verurteilt. Da kann man den HSV lieben, da kann man HSV-Fans sein, da kann man dem HSV die Daumen drücken – wenn da keine vernünftige Absprache kommt, dann wird sich nichts ändern. Schluss, aus. Entweder ändert sich der Trainer, aber der verdrückt sich hinterher nach Holland und hat nichts mehr mit dem HSV zu tun. Dann ist das Thema für ihn erledigt. Er nimmt das Geld, und weg. Nach mir die Sintflut.“ Heese weiter: „Da hat auch die Führung des HSV versagt, denn da wurden und werden Trainer genommen, die einfach nicht passten. Wie zuletzt Thorsten Fink, der kommt zu einem Verein wie den HSV und hat keine Erfahrung. Schlimm.“

Zum Thema Umbruch hat Horst Heese auch noch seine persönliche Meinung: „Der HSV hat, durch den ganzen Chelsea-Mist, zwei Jahre an Aufbau-Arbeit verloren. Die Spieler aus London haben Plätze besetzt, die der HSV mit Amateuren hätte besetzen können. Das wäre besser gewesen. Zwei Jahre Aufbau-Arbeit sind verloren, dank Frank Arnesen. Dabei gibt es doch Spieler, die es könnten, die muss man nur suchen. Bei HSV aber wurde die bequeme Tour gefahren. Ein Toni Kroos oder ein Bastian Schweinsteiger sind doch auch nicht vom Himmel gefallen. Man muss aber schon suchen, in den Schoß fallen einem solche Talente nicht. Aber beim HSV denken sie schon seit Jahren so, das zieht sich durch den Club wie ein roter Faden. Da müsste meiner Meinung nach mal zusammengefegt werden – und dann müssten Köpfe rollen. Wobei ich nicht vom Vorstand spreche, da gibt es genügend andere Leute, die nichts machen oder nichts können.“

Wie wahr. Und genau deswegen zittern wir nun alle – wieder einmal um den HSV.

Ich gebe aber heute zu, dass ich seinerzeit, als es wieder einmal eine Minute vor Zwölf war, und zwar am 31. Januar 2007, so fest mit dem Abstieg des HSV gerechnet habe, wie vielleicht noch nie. Das erste Spiel des Jahres endete 1:1 in Bielefeld, dann gab es ebenfalls ein 1:1 zu Hause gegen Cottbus. Das war für mich das Ende – Abstieg. Thomas Doll wurde entlassen, es kam Huub Stevens. Der Retter. Der ließ die Null stehen – und gewann dann auch häufig. Ich habe es oft genug geschrieben: Stevens ist nicht mein Freund, wird es auch nie – aber für diese Leistung hätte man ihm eigentlich ein Denkmal setzen müssen. Neben dem Uwe-Seeler-Fuß. Und wer wird in diesem Jahr der Retter des HSV? Ich sehe noch keinen einzigen. Weit und breit nicht. Ich habe nur Angst. Und die ist längst so groß, wie im Januar 2007 – oder sogar noch größer. Ich gehe vom Schlimmsten aus, denn diese Mannschaft mag ja gute Fußballer in ihren Reihen haben, aber kämpfen kann sie nicht. Und da keiner von außen mit bestem Beispiel voran geht, wird sie es auch nicht mehr lernen.

Ich habe heute auch mit Bundesliga-Profi Nummer eins gesprochen. Harry Bähre, der war als Typ „Terrier“ ein echter und harter Kämpfer, will sich jedoch aus dem aktuellen Geschehen strikt heraushalten. Er sagte aber immerhin: „Ich mache mir, wie alle HSVer die ich kenne, ganz, ganz große Sorgen um den Club, denn so schlimm war es noch nie – obwohl es einige Male schon echt sehr schlecht um den HSV bestellt war.“ Ansonsten aber schweigt Harry Bähre. Es ist wohl die Angst, die ihn lähmt.

Was mich an der heutigen so prekären Lage des HSV stört: Wo gibt es denn noch einen Sascha Jusufi? Einen Profi, der sich wehren will, der dafür auch mal unbequem den eigenen Kollegen gegenüber wird? Der Tacheles spricht, der auf dem Rasen zur Sache geht, der Gras frisst? Solche Typen gibt es heutige nicht mehr. Auf jeden Fall nicht mehr beim HSV. Ich sehe ein solches Vorbild schon seit Jahren nicht mehr in diesem HSV. Und das ist das Gefährliche. Zumal sich der Club (wahrscheinlich wohl aus finanziellen Gründen? Ein Scherz!) nicht erlauben konnte, einen Typen wie Horst Heese zu verpflichten. Leider, Leider. Es wäre so schön gewesen, und es wäre gewiss auch ein kleiner Strohhalm gewesen. Wäre.

So wird sich der HSV an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen müssen. Ob ausgerechnet gegen Hoffenheim die Wende eingeläutet wird? Beim letzten Aufeinandertreffen in Sinsheim gab es einen 4:1-Erfolg des HSV. Das macht schon mal Mut. Am 11. Mai 2013 schossen Heung Min Son, Dennis Aogo, Petr Jiracek und Artjoms Rudnevs den Sieg heraus – drei Spieler davon spielen zurzeit nicht mehr für den HSV, einer (Jiracek) spielt, obwohl ihm eigentlich mal kämpferische Qualitäten nachgesagt wurden, nur eine Nebenrolle in Hamburg. In den bisherigen fünf Spielen zwischen Hoffenheim und dem HSV gab es drei Heimsiege und ein Unentschieden. Diesmal prallen die beiden Schießbuden der Liga aufeinander, denn die TSG hat bereits 42 Gegentreffer, der HSV bringt es „nur“ auf 41. Schlechtere Vereine gibt es in dieser Statistik nicht. Die Null muss stehen? Das wäre wohl ein kleines Fußball-Wunder, oder sogar ein größeres, wenn das morgen klappen sollte – oder überhaupt noch einmal in dieser Spielzeit.

Beim HSV gibt es personell noch einige Wackelkandidaten. Fest steht: Johan Djourou blieb in Hamburg zurück, wird also ein weiteres Mal fehlen. Beim heutigen Vormittags-Training war in Sachen Aufstellung nichts zu erkennen, im Abschlussspielchen standen sich zwei bunt durcheinander gewürfelte Mannschaften gegenüber. Pech für den HSV, dass Marcell Jansen mit einer Knie-Prellung auszufallen droht. Für ihn gäbe es zwei Kandidaten, die einspringen könnten: Slobodan Rajkovic und Zhin Gin Lam. Letzterer hat heute erstmalig in dieser Woche mit der Mannschaft trainiert, Rajkovic wäre plötzlich und unerwartet mittendrin statt nur dabei.

Und das erinnert mich dann an die erste kostenlose Vorführung des HSV gegen Hoffenheim – und zwar am 26. Oktober 2008 in Mannheim. Trainer Martin Jol hatte – im Übermut (?) – Joris Mathijsen als Linksverteidiger aufgeboten, Innenverteidiger waren Alex Silva und Bastian Reinhardt. Alle drei Herren wurden schwindelig gespielt, und nicht nur die. Nach 35 Minuten hieß es bereits 3:0 – es war ein Desaster. Auch deshalb, weil Mathijsen von innen nach außen gedrückt worden war. Das konnte er nun ganz und gar nicht. Und Rajkovic? Ich habe nichts gegen „Slobo“, aber Linksverteidiger? Da habe ich aber meine ganz großen Zweifel.

Auf der Sechs wird es diesmal wohl das Duo Bouy/Badelj geben – Tolgay Arslan bleibt draußen. Ich bin gespannt, ob Quasim Bouy die Sechs kann, aber er soll es ja offenbar können. Grundsätzlich ist mir die HSV-Sechs aber stets zu offensiv besetzt, nur wer erkennt das, wer hat es in den letzten Jahren erkannt? Keiner! Ja, und dann gibt es noch die linke Offensiv-Position: Hakan Calhanoglu oder Ivo Ilicevic? Das Rennen ist völlig offen. Ich würde mich (anstelle des Trainers) für Calhanoglu entscheiden, aus dem Bauch heraus. Und vorne Jacques Zoua. Oder Zoua raus, „Calle“ vorne und Ilicevic links. Wobei rechts Ola John wirbeln soll. Hoffentlich tut er es, hoffentlich hat er sich vom HSV-Virus noch nicht packen lassen.

Übrigens hat ein „Matz-abber“ heute beim Training einen interessanten Vorschlag gemacht: „Rafael van der Vaart sollte eine Verletzung bekommen oder kriegen, damit er mal eine schöpferische Pause einlegen kann. Weil er zuletzt ohnehin nicht viel gebracht hat . . .“ Es darf diskutiert werden.

So, dann hat heute Patrick Owomoyela noch einen Vertrag beim HSV unterschrieben: für die Zweite. Der Kontrakt läuft bis zum Sommer 2014.

Dann gibt es noch in eigener Sache zu berichten:

Der „Matz-ab“-Schreiber Lars Pegelow sitzt am Sonntag beim Doppelpass auf „Sport1“, die Sendung beginnt elf Uhr Und der „Matz-ab“-Schreiber Dieter Matz ist am Sonntag zu Gast bei „0800 – Du bist dr@uf!“, von 21.30 Uhr bis 23 Uhr auf Sky Sport News HD. Die HSV Fans können bei der Sendung von Maik Nöcker live mitdiskutieren, via Telefon, kostenfrei unter 08000 366466. Oder Twitter mit #ssnhd oder direkt an @Sky_MaikN.

Und wer immer mehr HSV braucht und will: Sportchef Oliver Kreuzer sitzt am Sonntag von 18 Uhr an vor dem Mikrofon von NDR 90,3, die Sendung „Sportplatz Hamburg“ wird von Britta Kehrhahn moderiert.

Bereits am Sonnabend, nach dem Schlusspfiff in Sinsheim, werden wir mit „Matz ab live“ über das Spiel sprechen, unsere Gäste sind Lotto King Karl (der zurzeit allerdings ein wenig schwächelt – ich drücke ihm und uns die Daumen, dass er rechtzeitig gesund wird!) und der frühere Volleyball-Bundestrainer (und heutige „Matz-abber“) Olaf Kortmann. Wir würden uns freuen, wenn Ihr einschalten würdet. Vielen Dank dafür.

Und dann noch ein Hinweis: „Scholle“ wird diesen Text noch ein wenig ergänzen – hat er gesagt. Das sollte zeitnah geschehen. Also immer noch einmal hier hineinschauen. Danke. Bis morgen.

***Ergänzung***
Robert Tesche steht – mal wieder – dem Vernehmen nach kurz vor einem Wechsel ins Ausland. Noch ist der Transfer aber nicht beschlossen. Sollte sich hier noch etwas tun, melde ich mich noch mal.

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Aktualisiert

Laut Tesches Berater Roland Kopp hat sich der Wechsel des HSV-Mittelfeldspielers zerschlagen. Die Engländer – es war von Wigan Athletic die Rede – hätten ihr Interesse zurückgezogen.

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Und dann bat mich Eva noch, einen offenen Brief hier reinzustellen. Oder besser gesagt, den Text und einen wichtigen Link dazu. Und das mache ich gern, weil es eine gute Sache ist. Und weil ich mir sicher bin, dass diese Mannschaft Hilfestellung von außen unbedingt braucht, da sie sich selbst momentan nicht helfen kann. Daher, hier der Text:

Verschwört Euch gegen die Umstände, die sich gegen Euch verschworen haben! Überwindet gemeinsam alle Widerstände!
Liebe Mannschaft!
Lieber Bert, Rafael, René, Jaroslav, Sven, Florian, Michael, Heiko, Johan, Lasse, Jonathan, Slobodan, Marcell, Dennis, Zhi Gin, Tomás, Milan, Matti, Gojko, Ouasim, Tolgay, Kerem, Robert, Petr, Hakan, Ivo, Ola, Pierre-Michel, Maxi, Jacques, Valmir
seit dem Wochenende wissen alle HSVer, was die Stunde geschlagen hat. Die Lage ist ernst, sehr ernst.
Gemeinsam können wir, Ihr Spieler und wir Fans, das Ruder herumreißen.
Ihr seid die Mannschaft des HSV. Wir sind die leidenschaftlichen Fans. Gemeinsam sind wir ein TEAM!!!
Lasst es uns gemeinsam anpacken.
Der Verein befindet sich im Umbruch.
Lasst uns daraus eine positive Aufbruchstimmung machen.
Teilt uns mit, wie wir Fans Euch unterstützen, Euch helfen können.
Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Kurz – aber präzise. Wer diesen Brief an die Mannschaft unterschreiben will, kann das hier tun:

wir-sind-ein-team@gmx.de

Und ich bin auf die Reaktion der Mannschaft gespannt. Schon in Hoffenheim werden wir sehen können, ob diese Mannschaft noch ein Team ist. Denn wenn stimmt, was mir heute in einem langen Telefonat erzählt wurde, steht diese Mannschaft ziemlich hilflos da. Aufgeteilt in Grüppchen. Mit einem Kapitän, der intern Gift und Galle spucken soll. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Frust ausschließlich dazu führt, dass Rafael van der Vaart vorwegmarschiert…

In diesem Sinne, auch von mir noch mal: Euch allen einen schönen Freitagabend und hoffentlich bis morgen, wo wir nach dem ersten, kleinen schritt in die richtige Richtung bei Matz ab live darüber diskutieren, wie gut van der Vaart doch noch sein kann.

Oder so ähnlich zumindest.

Scholle

Van Marwijk hat so etwas „noch nie erlebt“ – der HSV steckt im Abstiegskampf

22. Dezember 2013

Vierter Advent, Kerzenschein, gemütliches Training beim HSV zum Jahresausklang. Es hätte so schon sein können, doch beim HSV läuft eben vieles nur im Konjunktiv. Die Wahrheit heute morgen sah ganz anders aus: ernste Gesichter, ein auf dem Trainingsplatz heftig diskutierender Sportchef Oliver Kreuzer, etwa 50 Fans, die angesprochen auf das Mainz-Spiel, düster den Kopf schüttelten. Einer sagte vorausschauend: „Hoffentlich gibt es in diesem Jahr wieder drei Mannschaften, die schlechter sind als wir.“ Für das 2:3 gestern gegen Mainz mussten die Profis obendrein schwitzen. Angeführt von Athletik-Trainer Markus Günther drehten die Spieler knapp eine Stunde lang Runden. Straftraining zwei Tage vor Heiligabend!

Dieses HSV-Fußballjahr hat eigentlich nur eine gute Seite: es ist vorüber. Solch ein 2:3 zum Jahresende hat gerade noch gepasst. Zwei kümmerliche Heimsiege in dieser Saison. Drittschlechteste Hinrunde in der Hamburger Bundesliga-Geschichte. Schlechteste Heimbilanz in einem Kalenderjahr. Schießbude der Liga und und und…

Da kann man schnell mal einen Hals bekommen – und Sportchef Oliver Kreuzer hat ganz sicher einen Hals. Das ging schon gestern los nach dem Abpfiff des unsäglichen Mainz-Spiels und setzte sich heute nach einer gepfefferten Kabinenansprache bei den Profis fort. Auslöser der Kritik war der taktische Fehler des Teschechen Petr Jiracek. Der sollte im 4-4-1-System (nach der Gelb-Roten Karte gegen Tomas Rincon) am Ende seine Position auf der linken Mittelfeldseite halten, um wenigstens das 2:2-Unentschieden zu halten.

Kreuzer legte los: „Wenn der Trainer sagt, wir spielen im 4-4-1-System, dann frage ich mich, was ein Jiracek dann rechts vorne zu tun hat? Was hat er da vorne zu tun? Das ist ein tschechischer Nationalspieler. Ich gucke auf die Uhr, nicht mehr lange zu spielen. Da halte ich meine Position, und fresse den Gegenspieler auf. Und laufe nicht irgendwo im Zeug rum wie in einer Schülermannschaft. Da kannst du dich doch wegschmeißen auf der Trainerbank. Was willst du da machen?“

Da konntest du gar nichts mehr machen, weil Mainz den Fehler ausnutzte. Dazu Trainer Bert van Marwijk: „Das habe ich noch nie in meinem Leben erlebt, auch so ein Spiel nicht. Und ich habe viel erlebt. Die Nachspielzeit war zwei Minuten, und das Tor fällt nach 1:55 Minuten. Das ist unglaublich, dass ein Tor fällt, obwohl wir nur zwei Linien halten und die Bälle wegschießen müssen. Und wenn man dann aus der Organisation läuft – das kann ich nicht verstehen.“ Van Marwijks Fazit: „Ja, wir stecken im Abstiegskampf.”

Harte Worte an Petr Jiracek, der auch eineinhalb Jahre nach seinem Wechsel von Wolfsburg nach Hamburg beim HSV kein Bein auf die Erde bekommt. Kreuzer nahm sich in diesem Zusammenhang aber nicht nur den „Schuldigen“ vor. „Ich muss natürlich erwarten von einem Vollprofi, von einem Nationalspieler, dass er sich anders verhält. Aber andere müssen ihn auch ranholen, ein Jansen oder ein Djourou. Wir müssen mehr coachen auf dem Platz, das kannst du nicht alles von außen machen.“ Oder, wie es van Marwijk ausdrückte: „Solche Spieler musst du mit dem Lasso reinholen!”

Im Zusammenhang mit den Gegentoren fällt auch immer mehr auf, dass Johan Djourou in jedem Spiel einen folgenschweren Klops drin hat. Gestern zum Beispiel sah er beim ersten und auch beim dritten Gegentor schlecht aus. Kaum anzunehmen, dass der Schweizer seinen Stammplatz in der Rückrunde gegen Heiko Westermann verteidigen kann, wenn der wieder gesund ist.

Kreuzer sagte über Djourou: „Er fühlt sich links in der Innenverteidigung nicht so wohl. Aber wir wollten Jonathan Tah als jungen Spieler dort nicht hinstellen.“ Wobei nicht zu bestreiten sei, so Kreuzer, dass der junge Tah von allen eingesetzten Innenverteidigern die wenigsten Fehler gemacht habe. Was Djourou angeht, muss sich der HSV bis Ende April entscheiden, ob er die Kaufoption vom FC Arsenal zieht. Ausgesprochene Bewerbungsspiele Djourous waren in den vergangenen Monaten kaum dabei.

Insgesamt ist Oliver Kreuzer mit der Hinrunde mehr als unzufrieden: „Ehrlich gesagt hätte ich gedacht, dass es besser läuft. Ich hätte nicht erwartet, dass wir top sind. Aber irgendwo im gesicherten Mittelfeld, ein einstelliger Tabellenplatz – das war auch von mir ein realistisches Ziel. Aber da ist zu viel passiert. Wenn man da unten steht, hat man mehr falsch als richtig gemacht. Das muss sich die Mannschaft eingestehen.“

Diskutiert wird nun wieder einmal über die Mentalität in der Mannschaft. „Wir haben ja betont, dass wir uns jeden einzelnen Spieler genau anschauen. Und wenn wir der Meinung sind, dass es nötig ist, werden Dinge radikal verändert“, so Oliver Kreuzer. Eine Drohung an die Spieler? „Nein“, sagt Kreuzer fast in einem Atemzug. „Es gibt keine Konsequenz. Es gibt keine Rauswürfe und Rückholaktionen, keine neuen Spieler. Das ist die Mannschaft, mit ihr werden wir weiter arbeiten.“

Darin steckt natürlich ein Widerspruch, aber dem Sportchef sind nach wie vor die Hände gebunden. Wenn der Verein nicht schon im Winter Spieler verkauft, ist die angekündigte Schwarze Null in Gefahr – unabhängig vom Erreichen des lukrativen DFB-Pokal-Viertelfinals. Kreuzer und van Marwijk bauen einfach darauf, dass die Mannschaft, ergänzt um Westermann und Dennis Diekmeier, sowie mit der Option Ivo Ilicevic, stabiler ist.

„Wir sind keine Spitzenmannschaft, das ist ganz klar“, so Kreuzer. „Die anderen Mannschaften sind besser. Man kann mal schlecht spielen oder keine Form haben. Aber wenn wir fünf Heimspiele von acht verlieren – das habe ich noch nie erlebt. Wir haben zwar viele Nationalspieler, die Mainz nicht hat. Aber Mainz hat die bessere Mannschaft.“ Bittere, aber wahre Worte.

Die richtige Mentalität in den HSV zu bekommen, sieht Oliver Kreuzer als langfristige Aufgabe. „Mentalität schlägt nun mal Talent, deswegen brauchen wir mehr Winner-Typen, Führungspersönlichkeiten, Leader.“ Mit dem Trainer zusammen hat er bereits die Liste der HSV-Profis abgeklopft, deren Verträge 2015 auslaufen, und wie der Verein auf diese Spieler zugehen wird.
Unabhängig davon hat der Sportchef offenbar zwei Profis ausgemacht, die ganz sicher zum HSV der Zukunft passen. Hakan Calhanoglu und Pierre Michel Lasogga wurden Angebote des Vereins unterbreitet.

Mit Calhanoglus Berater hat Kreuzer am Freitag vor dem Mainz-Spiel verhandelt. Dem Deutsch-Türken liegt demnach eine Offerte über vorzeitige Vertragsverlängerung bis 2018 vor. Offenbar hat der Berater dem Spieler davon vor dem Spiel noch nichts mitgeteilt, um die Vorbereitung nicht zu stören. Direkt nach den 90 Minuten Mainz sagte Calhanoglu nämlich noch: „Ich will bleiben und warte jetzt, dass der Verein auf mich zukommt. Wenn das nicht passiert, muss ich mir meine Gedanken machen.“ Nun ist der HSV auf ihn zugekommen – wäre zu schön, wenn dieses große Talent in Hamburg bleibt.

Einen Wechsel im Winter schloss Oliver Kreuzer, trotz immer wieder kolportierter Offerten aus der Türkei oder England, aus. „Der bleibt bei uns. Sonst machen wir uns ja völlig unglaubwürdig.“
Was Tojäger Lasogga angeht, der in der Hinrunde immerhin neun Treffer geschossen hat, gab es ein Gespräch Kreuzers mit der Mutter des Spielers, die ihn ja vertritt. Hier, so der Eindruck des Sportchefs, sei man auf einem guten Weg. Wenn sich herausstellt, dass beide Parteien bei Vertragslaufzeit und Gehalt zusammen kommen können, will Kreuzer in Verhandlungen treten mit Hertha BSC. Von den Berlinern ist Lasogga ja im Moment ohne Kaufoption ausgeliehen.

Hat eigentlich gestern jemand Rafael van der Vaart gesehen? Ich einmal, als er das Tor zum 2:2 schoss. Zugegeben: auch das ist ein Zeugnis von Klasse, wenn man in einem Moment gleich ein Tor erzielt, aber ansonsten war es ein schwacher Auftritt des Kapitäns. Auch er ist kein Leader, den Sportchef Kreuzer einfordert.

Wer intern nicht zur Debatte steht, ist der Trainer. Schon vor der Partie brach der angeschlagene Torwart Rene Adler eine Lanze für den Coach: „In Hamburg hat es jeder Trainer schwer“, so Adler bei Sky. „Aber im Training sind wir auf einem guten Weg. Das lässt sich manchmal schlecht sagen, wenn die Umsetzung am Samstag nicht klappt. Aber ich freue mich auf die Vorbereitung mit einem exzellenten Trainer, der dann detailverliebt arbeiten kann.“

„Vielleicht war dieses Spiel der Abschluss eines Seuchenjahres mit der Hoffnung auf Besserung.“ Das als Schlusswort von Oliver Kreuzer.

Inzwischen hat auch Vereins-Boss Carl Jarchow seinen Wunsch, dass der HSV die Europa League erreicht, aufgegeben. „Stand heute muss man das korrigieren, denn insbesondere durch die letzten drei Spiele müssen wir erstmal gucken, dass wir Abstand nach unten kriegen. Dann können wir weiterreden.“

Jarchow hat gestern nach der Partie gemeinsam mit Kreuzer und van Marwijk einen Krisengipfel gehabt. „Bert van Marwijk hat es relativ schnell erkannt, als er hier von einem Virus sprach. Wir müssen sicherlich etwas an der Mentalität tun, vielleicht ist es auch die Zusammensetzung der Mannschaft.“ An der Position des Trainer sieht er keinen Zweifel. „Ich bin überzeugt, dass wir die richtige Entscheidung getroffen und den richtigen Trainer beim HSV haben.“ Das sehen viele so, aber nicht alle. Ich verweise hier gern auf den Kommentar von „olafkortmann“ heute um 15.16 Uhr, der sich intensiv mit dem Training des Niederländers beschäftigt. Nachzulesen unter dem Eintrag mit dem Kreuzer-Video-Interview.

Im Übrigen hat es van Marwijk nicht verdient, dass auf der Homepage von Mainz 05 ein Zitat von ihm mit dem Namen „Bernd van Marwijk“ versehen war. Der Mann heißt Lambertus, abgekürzt Bert…

Für die Jungs vom HSV hat nun der kurze Weihnachtsurlaub begonnen. „Den können wir sicher nicht genießen“, wie Hakan Calhanoglu ankündigte. Am Freitag, den 3. Januar 2014, steigt um 10 Uhr vormittags die erste Einheit des neuen Jahres. Erstes Bundesligaspiel der Rückrunde ist dann am Sonntag, 26. Januar, daheim gegen Schalke 04.

Bis dahin wird uns nicht langweilig werden – Struktur-Debatte sei Dank. Heute war Felix Magath im Sport-1-Doppelpass (als Ersatz übrigens für Carl Jarchow, der absagen musste). Seine Kernaussagen zum HSV hat die dpa zusammen gefasst:

Felix Magath hat sich für eine Führungsposition beim Fußball-Bundesligisten Hamburger SV angeboten. „Ich bin gesund, ich bin guter Dinge. Ich bin überzeugt, dass ich viel Know-how mitbringe, dass ich Vereinen in der Bundesliga helfen kann», sagte der arbeitslose Trainer am Sonntag in der TV-Sendung „Doppelpass“ von Sport1 und grenzte ein: „Der HSV ist der Verein, der mir am nächsten steht. Mit ihm bin ich am meisten emotional verbunden.“ Der 60 Jahre alte gebürtige Franke war bei den Hamburgern sowohl Profi, Trainer als auch Manager. Magath schwebt allerdings nicht der Trainerposten beim HSV vor. „Ich ziehe mich langsam aus der Trainerposition zurück“, betonte er. Er möchte künftig einen Verein „mehr aus dem Büro heraus“ leiten. Für mich ist das eine Möglichkeit, mich noch mal zu verändern und in einer anderen Funktion als Trainer tätig zu sein.“ Magath benannte die Position nicht. Dennoch ist klar: Beim HSV, der gegenwärtig um eine neuen Struktur streitet, käme das Amt des
Präsidenten oder des Sportdirektors infrage. Beide Posten sind jedoch über die laufende Saison hinaus vergeben. Präsident Carl Jarchow amtiert bis Saisonende 2015, Oliver Kreuzer leitet die sportlichen Geschäfte bis Saisonende 2016.

Vor einigen Monaten wurde Magath häufig im Paket mit Unternehmer Klaus-Michael Kühne genannt. Nach dessen unglücklichen Äußerungen zu HSV-Personalien hat sich der milliardenschwere Kaufmann zurück genommen. Ob es noch eine Symbiose mit Magath gibt, ist deswegen schwer zu beurteilen – es scheint aber so. Denn was seine Anmerkungen zur HSV-Struktur angeht, hat Kühne ja weit mehr Lob bekommen als für seine Kritik zum Beispiel an Oliver Kreuzer. Nicht auszuschließen, dass Kühnes Haltung auch entscheidenden Einfluss auf die Entscheidungen auf der Mitgliederversammlung haben wird.

Soweit ich informiert bin, haben Vertreter aller wichtigen Struktur-Modelle in den vergangenen Wochen den Kontakt zu Klaus-Michael Kühne gesucht. Das dokumentiert seine Bedeutung für den Verein, wenngleich ich bei meiner Einschätzung bleibe: Wichtig ist zunächst, welches Gerüst sich der HSV gibt, und welche handelnden Personen in Verantwortung kommen oder bleiben. Die Geldfrage ist dann im zweiten Schritt wichtig.

Britta Kehrhahn hat in der Zwischenzeit einen deutlichen HSV-Kommentar via NDR 90,3 veröffentlicht.

http://www.ndr.de/903/audio186753.html

Keine Bundesliga-Mannschaft hat 2013 so viele Gegentore kassiert wie der HSV. Die Hamburger haben den schlechtesten Wert bei individuellen Fehlern, die zu Gegentoren führen. Man könnte sich suhlen in negativen Statistiken – aber nun langt es.

Einen guten Sonntagabend wünscht
Lars

Jarolim – Entscheidung am Kunden vorbei!

29. April 2012

„So etwas will ich nie wieder erleben!“ Sagte HSV-Chef Carl-Edgar Jarchow nach dem 0:0 gegen Mainz 05 und der damit verbundenen Rettung, dem Erstliga-Klassenerhalt. Wer hat es sich in diesen Stunden nicht auch schon gesagt? So etwas möchte ich auch nie wieder erleben. Wer möchte das schon? Man ist ja schließlich nicht jahrelang als Fußball-Masochist unterwegs. Eine solche unterirdische Saison sollte eigentlich erst einmal für viele Spielzeiten reichen. „Das war ein Grottenkick“, befand HSV-Kapitän Heiko Westermann nach dem Mainz-Spiel, und doch wusste jeder, wie unerheblich dieser Rückblick auf die 90 niveauarmen Minuten war. Der Punkt war wichtig, nur darauf kam es an; aber dieses Spiel steht und stand auch irgendwie für ein ganzes Spieljahr voller Enttäuschungen und Rückschlägen. Jetzt kann es und soll es nur noch besser werden, Sportchef Frank Arnesen blickte am Sonnabend einmal mehr schon optimistisch in die Zukunft: „Ich denke, dass wir mit den Erfahrungen der letzten Wochen bald einen oder auch zwei Schritte nach vorne machen.“ Wobei der Däne mit dieser Aussage schon einen Schritt zurück machte, denn zuletzt hatte Arnesen immer auch betont, dass die jungen HSV-Spieler durch diese harte und lehrreiche Saison „nicht nur einen, sondern gleich drei Schritte nach vorne machen“ werden. Vielleicht aber auch nur zwei. Oder eventuell auch nur einen? Wäre ja immerhin auch noch nach vorn . . .

Wir alle werden es in der nächsten Spielzeit, die 50. Erstliga-Saison für den HSV, erleben. Ich habe am Sonnabend nach dem Kick solche und solche Stimmen gehört. Viele glauben, dass der HSV auf jeden Fall gefestigt sein wird, dass es zu einem ungefährdeten Mittelfeldplatz reichen wird, nicht wenige aber blicken auch unverändert skeptisch in die Zukunft – weil sie dem Frieden (noch) nicht so ganz trauen. Der HSV mag zwar nach großen Namen wie Rene Adler und Dirk Kuyt greifen, aber erneut ohne internationalen Startplatz und damit auch ohne zusätzliche Einnahmen aus der Europa League dürfte es für den finanziell angeschlagenen Klub schwer werden, mit einem leeren Beutel noch so große und hohe Sprünge zu machen. Wobei die Personalie Adler vielleicht noch zu einem kleinen Politikum innerhalb des HSV wird, denn es gibt hinter der vorgehaltenen Hand Stimmen, die davon sprechen, dass einige Aufsichtsräte weit davon entfernt sind, diesen Super-Transfer mal eben so locker vom Hocker durchzuwinken. Man darf gespannt sein.

Schön aber auf jeden Fall, dass der 125. Geburtstag der Rothosen jetzt doch in Liga eins gefeiert werden kann.

„Ich wollte nicht der erste Trainer sein, der mit dem HSV den Gang in die Zweite Liga antreten muss. Mir fällt natürlich ein Stein vom Herzen, denn es war ja schon damals klar, als ich zum HSV kam, dass es eine sehr schwierige Saison für uns werden würde. Dass wir in Zukunft besser spielen müssen, das wissen wir“, sagte Thorsten Fink nach dem Schlusspfiff erleichtert. Alle konnten dem Coach ansehen, dass er unter dieser Spielzeit enorm gelitten hat – und es war in Finks Gesicht nicht nur die Nachwirkungen einer Magen- und Darm-Grippe erkennbar. Der frühere Bayern-Profi dürfte einige graue Haare mehr in diesem Jahr bekommen haben. Und auch er ist ganz sicher um einige Erfahrungen reicher geworden. Von der – auch und vor allem von ihm – so oft hervorgehobenen und beschworenen „guten Qualität“ des HSV-Kaders war in dieser Saison jedenfalls nicht oft etwas zu sehen. Nur drei Heimsiege in 17 Spielen – das ist, um es noch einmal beim deutlich Namen zu nennen, einfach nur erbärmlich und spricht eine viel klarere Sprache, wie es wirklich um den HSV 2011/12 bestellt war.

Thorsten Fink sagte auch: „Es kann natürlich nicht unser Anspruch sein, immer gegen den Abstieg zu spielen, aber in dieser Saison war es nach diesem Beginn nicht anders möglich. Die Last des Fehlstarts haben wir durch das ganze Jahr tragen müssen. Nächste Saison kann man zusammen einiges erreichen, ohne gleich wieder große Ziele zu setzen, aber der Abstiegskampf sollte es nicht wieder sein . . .“ Da war auch der Sportchef ganz bei ihm. Frank Arnesens Blick in die nähere Zukunft des HSV: „Europäischen Fußball können wir auch in der nächsten Saison noch nicht bieten, aber hoffentlich in zwei Jahren.“
Dieser Hoffnung schließe ich mich gerne an, allein mir fehlt noch etwas der Glaube. Noch.

Das kann sich ja aber auch schon in den nächsten Tagen und Wochen schon ändern. Wenn die ersten Neuzugänge beim HSV „eintrudeln“. Arnesen hat ja wohl schon ganz klare Vorstellungen vom HSV 2012/13, ansonsten hätte es einige Personalien wohl in dieser Form nicht gegeben. Dass Mladen Petric würde gehen müssen, das stand spätestens um den Jahreswechsel fest – und damit hatte sich der HSV-Anhang auch schnell, unspektakulär und mehr oder weniger schweigend abgefunden. Dass aber auch David Jarolim, im Herbst schon still und heimlich auf das Abstellgleis geschoben, gehen muss, obwohl er (gemeinsam mit seinem Landsmann Jaroslav Drobny) den HSV fast im Alleingang gerettet hat, das fand (und findet immer noch nicht) keine Zustimmung in und um Hamburg herum. Die „David-Jarolim“-Sprechchöre am Sonnabend sollten den HSV-Verantwortlichen noch immer in den Ohren klingeln und auch ein weiteres Mal zu denken geben.

Ich habe es in 32 Jahren als HSV-Reporter höchst selten einmal erlebt (eigentlich kann ich mich nicht an einen einzigen Fall erinnern), dass die Klub-Oberen so am Kunden vorbei entscheiden. Und dass einmal eine Entscheidung so hart, unerbittlich und konsequent verfolgt und durchgezogen wird, obwohl es viele, viele Widerstände gibt. Zumal ja ein Plan besteht, David Jarolim später in irgendeiner Form beim HSV anstellen zu wollen (wenn er denn jetzt noch besteht!). Da hätte es ein „kleinerer Anschlussvertrag“ vielleicht noch einmal getan, um einen Vollblut-HSVer zu halten – und um später noch einmal von ihm zu profitieren. Und nicht wenige Fans haben sich beim Verlassen des Volksparks am Sonnabend auch die Frage gestellt: „Was ist, wenn der HSV wieder in eine solche Abstiegsgefahr geraten sollte? Wer spielt dann den David Jarolim beim HSV? So richtig viele und adäquate Kandidaten scheint es da – meiner unmaßgeblichen Meinung nach – beim HSV noch nicht zu geben. Aber: gut Ding will Weile haben. Arnesen hat einen Plan im Kopf, lassen wir uns mal überraschen. Allerdings geht er in meinen Augen ein sehr hohes Risiko, denn sollte es so schiefgehen wie in dieser Saison, dann dürfte schnell ein Sündenbock ausgemacht sein. Hoffen wir (und ich hoffe es wirklich!), dass es nicht so kommen mag. Hoffentlich.

Zurück noch einmal zu diesem 0:0. Der Punkt war das sportliche Highlight (weil die Rettung), die Abschiedsfeier für David Jarolim, Mladen Petric und auch für Romeo Castelen aber durch nichts, wirklich durch nichts zu toppen. Ich gebe es zu (und ich bin erstaunt, wie viele Kollegen es später auch zugaben), auch mir kullerten ein paar Tränen bei dieser Zeremonie zu Boden. Selten einmal so etwas Emotionales erlebt. Wobei ich auch Thorsten Fink danke, dass er sich trotz des engen Spielstandes in der Lage sah, sowohl Petric als auch Jarolim vorzeitig vom Platz zu nehmen, damit sie schon ein erstes Mal gebührend gefeiert werden konnten. Das war großes Kino, danke Herr Fink!

„Es war ein so emotionaler und sensationeller Moment, der mir sehr nahe gegangen ist“, gab Petric später, als seine Tränen getrocknet waren, zu. Seine sportliche Zukunft ist geklärt, aber noch hat er nicht verraten, wohin es ihn ziehen wird. Ob er sich, so denke ich schon seit einigen Tagen, auf seine alten Tage noch einmal den englischen Fußball antun wird? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen, ich habe auch nichts läuten gehört, aber irgendwie habe ich im Hinterkopf, als ob sich Fulhams Trainer Martin Jol noch an Petric erinnern könnte . . . Mal abwarten. Aber ich denke auch: Wenn Heung-Min Son mit Newcastle in Verbindung gebracht wird, wenn Markus Marin für sieben Millionen zum FC Chelsea geht (ob er dort auch so oft und so schön und so leicht fällt?), dann könnte auch Mladen Petric . . .

Noch nichts ist bei Jarolim bekannt. Ich fand es ja super, dass der Tscheche zuletzt zugegeben hat (er hatte bis dahin ja nie öffentlich etwas dazu gesagt), dass er bis zuletzt doch noch auf eine kleine Hintertür gehofft hatte, um noch beim HSV bleiben zu können. Das macht ihn nur noch menschlicher. „Jaro“ sagte nach seinem letzten Spiel auf „heiligem Boden“ und nach neun Jahren HSV: „Ich bin sehr glücklich, dass wir uns gerettet haben, und nun wünsche ich dem HSV, dass man Konstanz hier reinbringen wird, und dass es ein wenig ruhiger wird, was die Klubführung angeht.“ Aber diesen Ball nahm Carl-Edgar Jarchow auf und sagte zusammenfassend: „Es kann nur besser werden, und es wird besser werden.“ Jarchows Wort in des Fußballgottes Gehörgang . . .

Wie Trainer Fink sich den weiteren Weg mit dem HSV vorstellt, das verriet er auch schon einmal (ganz kurz) am Sonnabend: „Wir wollen nicht tausend neue Leute holen, sondern uns gezielt verstärken. Den Großteil der Mannschaft wollen wir schon behalten, ich glaube, dass die jungen Spieler gelernt haben – wir haben, so denke ich, den drittjüngsten Kader der Bundesliga, von daher gehe ich aus, dass wir einiges gelernt haben in diesem Jahr.“ Lernen. Das dürfte wohl aber auch auf die älteren Herrschaften (in Mannschaft und Klub-Führung) zutreffen. Wäre schön, wenn sich diesbezüglich einige den Schuh anziehen würden, nämlich die entsprechenden Lehren aus 2011/12 zu ziehen. Thorsten Fink lobte aber immerhin den Zusammenhalt im Klub: „Wir haben uns nicht nervös machen lassen, wir haben unser Ding durchgezogen, ich habe im Verein große Unterstützung gehabt. Das ist ja immer wichtig, dass man merkt, dass sportlicher Leiter, der Präsident, alle möglichen Leute im Aufsichtsrat, dass einem alle das Vertrauen schenken und aussprechen – und die Fans auch. Das alles zusammen hat uns sicher den Klassenerhalt gesichert, und daran sieht man, dass Teamwork im Fußball sehr viel bewirkt. Es gab einige Klubs, bei denen das nicht so gelaufen ist . . .“

Apropos andere Klubs. Ein schneller und kurzer Abstecher zu Thomas Tuchel sei mir noch gestattet. Der Mainzer Trainer war oft genug (auch) für mich ein „rotes Tuch“, aber diesmal hat er bei mir Boden gut gemacht. Er hat mir sogar imponiert. Während des Spiels kaum eine Regung (oder gar ein Wutausbruch) gegen den guten Schiedsrichter Florian Meyer, und auch nach dem Spiel immer den direkten Weg zum Tor . . . Tuchel „zerlegte“ seine Mannschaft ohne Rücksicht auf Verluste: „Wir geben mit einer Fahrlässigkeit Punkte und Tabellenplätze her, da fällt es mir schwer, mich zu freuen oder auch zufrieden zu sein. Wir haben heute schlechten Fußball gespielt, diese Art und Weise passt mir gar nicht. Sehr fehlerhaft und mangelhaft bei eigenem Ballbesitz, beim Umschalten gab es wahnsinnig viele Fehler, unsere wenigen Torchancen haben wir schlampig vergeben, noch viel schlampiger sind wir mit jenen Chancen umgegangen, die erst gar keine Torchancen wurden – weil wir sie mit schlechtem Passspiel und ungenauem Freilaufverhalten verhindert haben. Das hat von hinten bis vorne gar nicht gepasst, und das ist ein Abziehbild dieser gesamten Saison.“
Das war mal Klartext. Alle Achtung, Herr Tuchel, auch so kann man es mal machen. Kompliment! Dickes Kompliment sogar. Das war die ungeschminkte, schonungslose Wahrheit, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

So, das war mein Wort zum Sonntag. Nach einer ziemlich harten und feucht-fröhlichen Nacht, das sei einmal zugegeben, denn wir Hamburger Journalisten haben (auf eigene Kosten) den Saisonausklang in Hamburg gefeiert – und ein wenig natürlich auch auf den Klassenerhalt angestoßen. Eine nette Feier, von drei Kollegen organisiert – ich glaube, das gibt es in dieser Form nicht oft in anderen deutschen Städten. NDR, Bild, Mopo, Welt, Abendblatt, Kicker, Stern, Sky und, und, und – alle an einem Tisch, das ist eine schöne und runde Sache. Bei allem Konkurrenzdenken gibt es auch in unserem Job noch so etwas wie Menschlichkeit und Freundschaft. Danke dafür – ich freue mich schon auf die neue Saison; ich fühle mich sehr wohl in diesem (euren) Kreis.

Bei der Gelegenheit, weil wir alle so nett unter uns beisammen saßen: NDR-90,3-Moderatorin Britta Kehrhahn verriet eine kleine Besonderheit. Am Sonnabend waren rund um die Bundesliga-Spiele „nur“ Frauen in die Nachmittags-Sendung involviert. Sie sehen ja auf Monitoren auch das Spiel. Eigentlich wird ein laufendes Musikstück nur bei einem Tor unterbrochen, diesmal entschied Britta Kehrhahn aber einmal ganz anders: Als David Jarolim in der 88. Minute vom Platz ging, überließ sie Reporter Lars Pegelow die Szenerie. Abends gab Britta Kehrhahn zu: „Wir Frauen wären auch gar nicht in der Lage gewesen, etwas zu sagen – wir haben alle vor Rührung geheult . . .“

Toll, diese entwaffnende Ehrlichkeit. Passte aber zu diesem grandiosen Jarolim-Abgang – und zu diesem gelungenen Saison-Abschieds-Abend in der Schanze. Ganz nebenbei: Auch der HSV war mit seiner Presseabteilung (Jörn Wolf an erster Stelle) vertreten, Thorsten Fink wollte dabei sein, aber die Magen- und Darm-Grippe . . . Aber selbst Teammanager Marinus Besten war mit von der Partie. Ich weiß, ich weiß, er heißt Marinus Bester, aber ich nenne ihn schon seit Jahren nur „Herr Besten“. Der Grund für diese Namesänderung? Der sei denn noch schnell verraten: Als der Österreicher Kurt Jara hier Trainer war, da merkten wir alle schnell, dass er sich nicht so richtig die Namen seiner „Untergebenen“ und der Randfiguren merken konnte. Nico Hoogma hieß bei Jara noch lange „Hoogmann“, Co-Trainer Armin Reutershahn hieß bei Jara schon mal „Reutershagen“, und ich hieß beim Trainer nur „Herr Matzen“. Obwohl Marinus „Besten“ ihm so oft – auch schon vor den Gesprächen – zugeflüstert hatte: „Kurt, der Matzen heißt nur Matz!“ Es blieb aber bei Matzen. Also hieß „Herr Besten“ auch nur „Herr Besten“ – und das ist bis heute so geblieben.
Ende.

PS: Am Montag wird nicht trainiert.

18.49 Uhr

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