Archiv für das Tag 'Kaltz'

Beiersdorfer soll der neue starke Mann werden

20. Mai 2014

Tag zwei nach dem Klassenerhalt – und die Ungewissheit beim HSV hält an. Bei mir ist sie recht einseitig inzwischen, das gebe ich gern zu. Aber es gibt sie halt noch. Denn unabhängig davon, wie viele Leute am Sonntag für HSVPlus stimmen sollten, scheint ein Ende der Diskussionen um neue Strukturen noch lange nicht in Sicht. Am Montag hatte sich die „Allianz“ darum bemüht, auf Gefahren von HSVPlus hinzuweisen. Mit prominenten Unterstützern wie Eugen Block und Manfred Kaltz – und einer gehörigen Portion Populismus im Gepäck.

Heute, also am heutigen Dienstag, war nun HSVPlus an der Reihe. Initiator Ernst Otto Rieckhoff eröffnete die Pressekonferenz in den Räumlichkeiten, in denen die Bewegung am 3. September 2013 aus der Taufe gehoben worden war. Und es wurde eine Veranstaltung, die letztlich nur noch wenige Fragen offen ließ. Aber vor allem wurde es eine klare Kampfansage in Richtung Allianz, der man eben jenen Populismus gepaart mit falschen Behauptungen unterstellte – und teilweise auch nachwies. Allerdings werde ich mich hier jetzt nicht über die Scharmützel der zwei Lager einlassen, sondern mich auf die Kernpunkte der heutigen PK beschränken, die s ebenfalls in sich hatten.

Pressekonferenz der Initiative HSVPlus


Denn nach langem Spekulieren ließ der von den sechs vorgesehenen neuen Aufsichtsräten zum Vorsitzenden bestimmte Karl Gernandt verlauten, dass es im neuen Konstrukt von HSVPlus nur noch zwei Vorstände geben würde. „Einen Sport- und einen Finanzfachmann“, so Gernandt, der auf die Frage nach Marketingvorstand Joachim Hilke für diesen Posten nachschob: „Eher kein Marketingmann, sondern einer für die Finanzen.“ Soll heißen, für Hilke könnte ebenso wie Carl Jarchow, Oliver Scheel und Sportchef Oliver Kreuzer ab Montag nicht mehr zum Vorstand gehören.

Wobei das mit dem Montag so eine Sache ist. Eine sehr komplizierte, unvorhersehbare Sache, wie ich finde. Denn nominell würde das Konzept HSVPlus erst ab dem 1. Juli greifen, also auch das neue Personale erst im Juli seine Ämter einnehmen. „Ich gehe aber in einer Hansestadt davon aus, dass mit Anstand gearbeitet wird und die Amtsträger, so sie denn von der Mitgliedschaft abgewählt werden, auch abtreten“, sagt Gernandt, der nachschiebt: „Der Verlierer verliert mit Anstand – und verlässt anschließend das Schiff.“

Nun denn, ein frommer Wunsch, da ich weiß, dass keiner der Vorstände eingeplant hat, im Falle einer Abwahl abzutreten. Und im Aufsichtsrat sitzen die Gegner von HSV, von denen sogar angekündigt worden sein soll, im Falle einer Niederlage Protest gegen die Wahl einzulegen. Rechtlich scheint es da Ansatzpunkte zu geben, moralisch aber wäre das eine verheerende Situation für den HSV, der weiter und vielleicht sogar noch schlimmer handlungsunfähig würde. Zumal die 50 eingereichten Anträge die Veranstaltung unnötig in die Länge ziehen und am Ende zu einem verzerrten Abstimmungsergebnis führen könnten. Auch Gernandt sind die taktischen Geplänkel bewusst. Und deshalb warnt er: „Wir würden am liebsten sehen, dass die Abstimmung über das, was dem verein seit einem Jahr unter den Fingern brennt, am Anfang stattfindet.“ Daher setze er auf die Verhandlungsführung, die (irgendwie auch nicht so) überraschend nicht mehr von Dr. Peters sondern von dem thematisch behafteten aktuellen Aufsichtsratsboss Jens Meier übernommen wird. „Es wäre eine Riesenschweinerei in der Verhandlungstaktik, wenn hier Anträge zur Verschleppung der Veranstaltung genutzt werden.“ Ebenso wie eine mögliche rechtliche Anfechtung im Falle eines HSVPlus-Sieges Es ist für einen Verein, für den es bereits fünf nach zwölf ist, sicher das genaue Gegenteil von dem, was er jetzt braucht. Das wäre öffentlicher Selbstmord.“


Worin ich Gernandt zu 100 Prozent zustimme. Denn Fakt ist, dass sich der HSV ohne Bürgschaft von Klaus Michael Kühne schon jetzt gefährlich nah am Rande der Insolvenz bewegt hätte. Fakt ist auch, dass außer Speditionsmilliardär Kühne und überraschenderweise HSV-Sponsor Adidas niemand beim HSV das Angebot einer Bürgschaft eingereicht hat. Also auch kein Jürgen Hunke, obgleich dieser das medienwirksam in Aussicht gestellt hatte. Fakt ist auch, dass der HSV zu den zehn Millionen, für die Kühne bürgt, noch etliche Millionen braucht, um die Kaderzusammenstellung überhaupt erst so gestalten zu können, dass man nicht sofort wieder in Abstiegsnöte gerät. „Es ist nicht genau zu beziffern, aber es ist eindeutig, dass wir sparen müssen“, sagt Kreuzer. Zum einen, um die Lizenz nicht zu gefährden, zum anderen, „um Gelder frei zu bekommen für neue Spieler“.

Die Theorie von Manfred Kaltz gestern, das Geld würde beim Erfolg automatisch kommen, ist ebenso logisch wie falsch im Moment. Das Wunschdenken vieler Traditionalisten und solcher, die es gerade geworden sind, ist sogar naiv. Denn wenn uns die abgelaufene Saison etwas gezeigt hat, dann, dass der HSV seine Basis erneuern muss. Außerhalb – aber ganz sicher auch auf dem Platz. In der Mannschaft mangelt es massiv an Qualität und Führungsspielern – nein: Es ist schlichtweg keiner vorhanden. Nun kann man sagen „Dann müssen die Verantwortlichen eben nach ablösefreien Spielern suchen“. Aber reicht das? Zum jetzigen Zeitpunkt sind die besten Spieler längst von anderen Klubs unter Vertrag genommen, es ist lediglich noch ein zweifelhafter Restposten auf dem Markt. Ergo: Wenn man tatsächlich qualitativ zulegen will, muss man mit Ablösesummen rechnen. Und dafür ist, Stand jetzt, noch lange nichts vorhanden. Im Gegenteil, erst einmal muss eingespart werden. Und, noch wichtiger: Dafür bleibt keine Zeit.

Der mal wieder vorgeschlagene „Runde Tisch“ als Mittel zu einer Einigung der streitenden Parteien ist nicht einmal mehr als nett zu bezeichnen – er ist schlichtweg eine Verarschung der Mitglieder. Auf der einen Seite zu sagen, man kämpfe „bis zum letzten Atemzug“ gegen HSVPlus und auf der anderen Seite plötzlich die Ausgliederung zu befürworten, den Rest aber abzulehnen, das ist nicht mehr als ein taktisches Geplänkel, wie es stark an all das erinnert, was den Verein in den letzten Jahren hat niedergehen lassen. Es ist nicht mehr als der Versuch einzelner, ihre persönlichen Interessen – anders getarnt – durchzusetzen. Egal, ob es dem verein erst einmal schadet oder nicht. Denn damit wird, das wissen alle, kostbare Zeit vergeudet, die dieser HSV schlichtweg nicht hat. Wann bitte soll die Struktur derart verändert werden, dass sich Sponsoren und/oder Strategische Partner wieder angesprochen fühlen? Wann bitte wissen die Geldgeber überhaupt, wer ihr Ansprechpartner ist?

Dieser HSV reibt sich mal wieder darin auf, dass Eitelkeiten bedient werden. ES scheint immer noch zu viele Leute zu geben, die nicht einmal dann merken, was sie angerichtet haben, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Populistische Veranstaltungen wie Pressekonferenzen werden zumeist dafür genutzt, Ängste zu schüren und den Wähler des jeweils anderen Konzeptes zu verunsichern und umzustimmen. Die einen sprechen von unwiderruflichen, später schmerzhaften Verkäufen des Vereinstafelsilbers. Die anderen wiederlegen diese Ängste und bieten zumindest einen Lösungsweg an. Mit einem neuen Gesicht an vorderster Front: Dietmar Beiersdorfer.

Der für den Aufsichtsratsvorsitz vorgesehene Gernandt ließ heute keinen Zweifel daran, dass der Sportchef besserer Tage die neue Führungsfigur des HSV werden soll. Ein integrativer Typ, gegen den sich nicht einmal die Allianz ehren würde, wie ich gehört habe. Wie weit die Verhandlungen mit dem immerhin noch bis 2015 bei Zenit St. Petersburg unter Vertrag stehenden Beiersdorfer sind? „Es sieht gut aus“, so Gernandt, „er ist der einzige deutsche Fußballmanager, der international Anerkennung genießt. Davon haben wir nicht so viele, außer Didi Beiersdorfer. Es wäre fast fatal, wenn wir uns nicht mit ihm zusammensetzen würden, um zu hören, was er für Vorstellungen hat.“ Klar ist zwar, dass Beiersdorfer selbst sich aus Loyalität nicht zu einem neuen Job äußern will – aber ebenso klar ist, dass Gernandt Beiersdorfer nach Hamburg holen will. Schnell. Und das ist gut. „Didi Beiersdorfer genießt eine Hochachtung in unserer Gruppe“, fasst Gernandt die Stimmung der potenziell neuen Aufsichtsräte (Gernandt, Becker, Bönte, Nogly, von Heesen, Goedhart), „und ich wäre nicht ganz überrascht, wenn aus so einer Freundschaft auch ein personelles Umfeld werden kann. Dietmar Beisrdorfer steht ganz oben auf unserer Liste.“

Als „Carte blanche“ bezeichnete ein gut aufgelegter, kampfes- und unternehmungslustiger Gernandt den Verein, den er als „das Armenhaus der Nation“ bezeichnet. Denn bis heute hat der HSV für die neue Saison noch miesere Aussichten als in der Vorsaison. Die besten Spieler gehen (Lasogga) oder wollen weg (Calhanoglu) und es kommt wenig (Skjelbred, Rudnevs) dazu. Soll heißen: Aktuell ist der Kader schwächer als in der Vorsaison. Geld für neue Spieler fehlt. Und wo das enden könnte, muss ich nach der gerade erst abgelaufenen schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte nicht erklären.

Daher gehe ich noch weiter: Wer jetzt nicht konzeptionell Gelder versprechen kann, kann nicht sofort helfen und gefährdet damit, die wahre „Seele des HSV“ zu verscherbeln: Den Erstligafußball. HSVPlus bietet die Möglichkeit, sofort und auf Sicht Gelder für den verein zu besorgen, ohne einen Verkauf von Anteilen als „zwingend“ zu bezeichnen. Und ausgerechnet die, die es fast geschafft hätten, dass der HSV das erste mal in der Vereinsgeschichte nicht in der ersten Bundesliga spielt, gerade wollen sich jetzt einer zweifellosen Mehrheit in den Weg stellen?

Einfach mal darüber nachdenken, liebe Leute.

Und dann wählen gehen. Viele Möglichkeiten hat dieser HSV nicht. Das haben die letzten Monate und Jahre ebenso deutlich gemacht, wie die letzten zwei Tage.

Bis morgen,
Scholle

P.S.: Weil ich es gefragt wurde: Die große Fehleranalyse beginnt in der kommenden Woche, da diese Tage noch zu sehr von der bevorstehenden Mitgliederversammlung geprägt sind. Noch werden wir von der Aktualität überholt. Ab kommender Woche werden wir dann den HSV 2013/2014 in einer tagelangen Serie sezieren und analysieren.

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