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Ivica Olic: “Mir tut es weh . . .”

20. April 2014

„Wir dürfen heute enttäuscht sein, aber morgen müssen die Köpfe wieder oben sein. Wir müssen alles dafür tun, dass wir gestärkt in die nächste Woche gehen, wir müssen uns top vorbereiten auf das Spiel in Augsburg. Wir haben schon vor dem Spiel gegen Wolfsburg beschlossen, dass wir einen Tag früher anreisen zu diesem vorletzten Auswärtsspiel, noch einen Tag früher als sonst, wir werden in Augsburg trainieren, und wir wollen und werden dabei sein, wenn am Sonnabend die anderen Club in der Bundesliga spielen, um dann am Sonntag entsprechend nachlegen zu können.“ Sagt HSV-Trainer Mirko Slomka. Und er lässt bei diesen Sätzen keinerlei Zweifel daran aufkommen, ob er noch an die Klassenerhalt des HSV glaubt. Der Coach gibt sich kämpferisch, er beißt noch, er gibt nicht auf – aber reicht das? Sportchef Oliver Kreuzer hat seine Art des Kampfgeistes so formuliert: „Wir fahren nach Augsburg, um dort zu siegen, mit aller Brutalität wollen wir dort gewinnen. Und aus die Maus.“

Schön gesagt. Mich erinnert das an jene Phase, als der HSV noch zehn Spiele vor sich hatte. Damals hatte Kreuzer vorgerechnet: „Aus diesen zehn Partien brauchen wir fünf Siege, um sicher zu sein, dass wir nicht absteigen.“ Jetzt stehen noch drei Begegnungen an – nur noch drei. Und aus den vorangegangenen Spielen wurde gerade einmal zwei Siegchen geholt. Und von den drei Partien, die nun noch kommen geht es zweimal auswärts um die Wurst (Augsburg und Mainz), dazu kommen die Bayern nach Hamburg. Welch eine Ehre. Die großen Bayern. Das letzte Heimspiel der Saison. Geht es nach vielen Experten (heute beim Sport1-Doppelpass) und auch nach vielen, vielen HSV-Fans, ist der Dino bereits abgestiegen. Und wenn man hört, wie sehr nun der mit 3:1 siegreiche VfL Wolfsburg schon fast als „Übermannschaft“ in den Fußball-Himmel gehoben wird (Slomka: „Wolfsburg hat eine Riesen-Klasse“) – wie soll das erst gegen die Bayern werden? Sind die nicht sogar noch etwas besser als die VW-Werkself?

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Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich immer noch zuletzt.

Nur auf was oder wen fußt diese Hamburger Hoffnung denn jetzt überhaupt noch? Nach der achten Heimniederlage (von insgesamt 18 in dieser Saison!) gab es Mitleid vom Gegner – das ist fast das Schlimmste, was einem passieren kann. Ivica Olic, zugegeben nicht ganz ein „Gegner“, befand nach dem Spiel mitfühlend: „Es ist sehr schade, so ein Verein, eine solche Stadt und so tolle Fans – es tut mir weh. Ich habe hier mit die schönste Zeit meiner Karriere erlebt. Deswegen wünsche und hoffe ich, dass der HSV in der Bundesliga bleibt. Aber was die Mannschaft zuletzt gezeigt hat, ich weiß nicht, ob das reicht – ganz ehrlich, ich habe große Sorge. Sie müssen alles geben, alle müssen kämpfen, um doch noch den Abstieg zu vermeiden.“

Das, lieber „Ivi“, wissen viele schon seit Wochen. Es wissen nicht alle, aber immerhin einige. Und es werden bis zum letzten Spieltag auch noch einige mehr sein, da bin ich mir sicher. Nur ob es dann auch wirklich alle sind, das weiß ich natürlich nicht. Wenn ich das erste Tor schon nach 90 Sekunden sehe, dann fehlt mir jegliches Verständnis. So sieht es wohl auch Ivo Ilicevic: „Wenn man das Tor nach zwei Minuten sieht, das ist einfach zu einfach. Da läuft einer in der zweiten Minute ganz allein auf unser Tor zu und kann den Ball einschieben – und dann läuft man gleich einem Rückstand hinterher. Und das ist nicht so einfach, das ist sogar extrem schwer, weil Wolfsburg natürlich auch eine gute offensive Qualität hat. Zweite Halbzeit haben wir es zwar etwas besser gemacht, aber nach dem 0:3 war es natürlich extrem schwer für uns.“

Uns Heiko Westermann analysierte nach dem Spiel: „Wenn man natürlich so anfängt, nach 90 Sekunden schon das 0:1 . . . Wir haben in der ersten Hälfte vier, fünf katastrophale Fehler gemacht, die Wolfsburg eiskalt bestraft hat. Ansonsten haben wir in der zweiten Halbzeit versucht, aber wir haben, das muss man auch sagen, gegen ganz starke Wolfsburger gespielt haben. Und das wir nicht die Möglichkeiten hatten mit unserem Kader, diese VfL-Mannschaft zu bezwingen. Aber wir stehen noch auf dem Relegationsplatz, wir haben auch keine fünf Punkte Abstand noch oben, wir können noch die Klasse direkt halten. Und solange diese Möglichkeit besteht, muss da auch jeder dran festhalten.“

An diesem frühen Gegentor bissen sich nachher alle fest. Auch Oliver Kreuzer argumentierte: „Bei diesem 0:1 war unsere Defensive unorganisiert.“ Dann sucht der Sportchef dafür nach Gründen. Wieso war die Defensive schon nach Sekunden unorganisiert? Das allein ist doch ein Skandal. Kreuzer findet aber reale Gründe dafür: „Da stellst du den Heiko Westermann wieder ins Zentrum, der hat die letzten fünf oder sechs Spiele Linksverteidiger gespielt, dann stellst du Jiracek nach links – du hast also fast alle umgebaut. Und bis das alles richtig funktioniert hat, stand es schon 0:1. Wie Wolfsburg die Schnittstelle in der Mitte genau getroffen hat.“ Kreuzer nach einer kurzen Pause weiter: „Natürlich hast du den Ball vorher verloren, aber trotzdem, wenn du einigermaßen organisiert bist, dann passiert so etwas nicht. Aber das sind die Dinge, die ich schon angesprochen habe, irgendwie ist es dann einmal zu viel . . .“

Die vielen Verletzten. Natürlich, es fehlt mehr als eine halbe Stamm-Formation, aber das geht anderen Vereinen gelegentlich auch mal so. Und irgendwie kommt man doch bei all diesen Problemen, die der HSV jetzt hat, immer wieder auf die – so sehe ich das – hirnlose Kader-Zusammenstellung. Ich hätte, um es mal auf die Spitze zu treiben, noch einen Innenverteidiger mehr verpflichtet, und vielleicht auch noch den einen oder anderen Spieler mehr ohne Spielpraxis. Das hat gut funktioniert. Zumal sie alle, wirklich alle und jeder, in der Winterpause gesagt haben: „Wir holen nur dann Spieler, wenn die uns sofort helfen.“ Sie haben sich alle, und auch ein jeder, daran gehalten. Bewundernswert. Nein, meine Freunde, wenn hier nicht der Wurm drin ist, wo dann?

Kreuzer glaubt aber immer noch an das Gute im Profi-Fußball – speziell des HSV: „Okay, man muss die Ergebnisse des Sonntags abwarten, aber im Prinzip ist es doch so, dass wir noch nicht abgeschlagen sind. Und die vier Vereine, die dort unten stehen, haben immer noch alle Möglichkeiten. Deswegen wäre es doch Wahnsinn, wenn man da etwas abschenken würde. Abschenken geht gar nicht, das werden wir auch nicht. Wir werden alles geben.“

Das klingt wie immer. Das hören wir schon seit Monaten. Warum aber hat der Abstiegskandidat HSV zum Beispiel nicht auch alles gegeben? Wenn man dort unten steht, dann muss man sich den Hintern aufreißen wollen, und zwar mit der ersten Spielminute an. An nichts anderes darf ein Profi dann noch denken – aber es wird dann doch verschlafen. Pomadig und überheblich und lässig.

Wir werden also wieder einmal alles geben. Nur, und da sind wir wieder bei der alles entscheidenden Frage: reicht das? 18 Niederlagen sprechen eine deutliche Sprache. 18! Mehr hat nur der Tabellenletzte. Und irgendwelche Vereine müssen ja nun mal absteigen. Mir stimmt die Mentalität in dieser HSV-Truppe nach wie vor nicht. Slomka hatte „Herz“ angekündigt, aber hatten alle dieses „Herz“ – und wer kann dazu noch erstliga-reif Fußball spielen? Hakan Calhanoglu befand ehrlich: „Wir haben viele Zweikämpfe verloren, zudem hat die Laufbereitschaft hat nicht so gut gestimmt – das sind die Punkte, die zu dieser Niederlage geführt haben.“

Mirko Slomka ist um seinen Job nicht zu beneiden. Er will auch alles geben. Und dabei weiß er erstens, dass die Qualität nicht reicht, und er weiß zweitens, dass er jetzt trainieren, trainieren und trainieren kann, es würde nichts helfen. Jetzt ist der Psychologe Slomka gefragt. Und als ein solcher redet der Coach ja auch schon seit Wochen mit Engelszungen auf seine Spieler ein. Er will sie stark reden. Aber ob dazu noch die Zeit besteht? Ich fand es aber schon grenzwertig, wenn Mirko Slomka von den Schocks des HSV vor dem Spiel sprach. „Nachmittags erkrankte uns Jonathan Tah, das war ein erster Schock, und dann verletzte sich kurz vor dem Spiel Johan Djourou, sodass wir umbauen mussten – das war Schock Nummer zwei. Es folgte Schock Nummer drei, nämlich das schnelle Gegentor nach 90 Sekunden.“

Mag ja sein, aber Tah als „Schock“ zu bezeichnen, wo er doch bislang unter Slomka kaum zum Einsatz gekommen war, wo Tah doch zuletzt gar keine Rolle – auch aus Verletzungsgründen – mehr gespielt hatte! Nein, dieser „Tah-Schock“ war ein wenig zu hoch gegriffen – und sah dann doch wieder nur nach „schönreden“ aus. Wer suchet, der findet. Man muss nur erfinderisch sein. Slomka befand: „Die Umstellungen kurz vor Spielbeginn, die tun einfach nicht gut.“ Klar. Dennoch darf man so stehen, wie es sich für eine Profi-Mannschaft eigentlich gehören müsste. Und Slomka suchte natürlich nach einem Strohhalm – und fand ihn dann auch: „Nach dem 0:3 hatten wir, und das macht mir große Hoffnungen auf die nächsten Partien, eigentlich unsere beste Phase. Gerade nach diesem schnellen 0:3. Das zeigt, dass die Mannschaft einen großen Charakter hat, dass sie Willensstärke hat.“ Natürlich. Man muss es nur oft genug wiederholen.

Dass der HSV gerade jetzt so viele Verletzte hat, das, so vermuten einige Experten (und Fans?), könnte auch daran liegen, dass Mirko Slomka plötzlich sein Trainingspensum angezogen hat. Trainiert Slomka zu hart? Er wehrt sich: „Ich hatte gerade in den letzten 14 Tagen das Gefühl, dass wir nicht genug getan haben. Dass wir mal eine Einheit gerade deswegen, weil wir diese Probleme haben, mal lockerer angegangen sind. Ich glaube nicht, dass wir zu hart trainieren, im Gegenteil, wir müssen weiter hart arbeiten, um dran bleiben zu können, und wir müssen uns gut vorbereiten. Dass es jetzt einige Verletzte bei uns gibt, das liegt auch daran, dass man da unten steht. Da gibt es häufiger mal Probleme, weil es weh tut, zu Hause zu verlieren, weil es weh tut, immer wieder dagegen anzukämpfen, dass weiß jeder, der mal Fußball gespielt hat.“

Und dann noch zwei Personalien. Im Fernsehen (und wohl nicht nur dort) haben sie sich ja auf Heiko Westermann „eingeschossen“, weil er an den drei Gegentoren eine Mitschuld trug – tragen sollte. Slomka dazu: „Heiko hat eine starke Partie gezeigt, hat auch im Aufbau viele gute Szenen gehabt.“

Und dann die „unterirdische“ Vorstellung von Jacques Zoua. Slomka: „Jacques arbeitet viel für uns, er versucht die Bälle da vorne festzumachen – und es ist ja auch immer eine Frage der Alternative. Und Mattia Maggio hat ja in Hannover zuletzt eine Halbzeit gespielt, aber er hat uns nicht so überzeugt, dass wir nun sagten, dass er deutlich mehr Spielminuten benötigt.“ Das entscheidet, so geht es im Fußball überall, eben immer in erster Linie der Trainer. Wobei ich nichts gegen Mirko Slomka sagen will, denn der „arme Mann“ hat nun wirklich keine Schuld an dieser HSV-Talfahrt. Dafür müssten ganz andere Leute den Kopf hinhalten.

Immerhin: Heute lässt (oder ließ) der HSV die Zweitliga-Partie Paderborn gegen Greuther Fürth beobachten. Wg. einer eventuellen Relegation . . . Da geht noch was. Slomka: „Wenn wir dann am Ende diese beiden Spiele machen dürfen, so muss man es ja fast schon sagen, dann wollen wir gut vorbereitet sein.“ Im ZDF sagte Slomka zu der Frage, ob er sich damit beschäftig hat, dass er der erste HSV-Trainer ist, der absteigt? Der Coach: „Dann werde ich auch der erste HSV-Trainer sein, der mit der Mannschaft aufsteigt.“

Aber vorher gibt es ja noch einige Spielchen – genau drei. Und dann eventuell die Relegation. Denn Nürnberg, das hat diese 1:4-Niederlage heute gegen Leverkusen bewiesen, ist leistungstechnisch mit dem HSV auf Augenhöhe. Ich hoffe ganz stark darauf, dass das so bleibt und der Club am Ende zusammen mit Braunschweig absteigt, während der HSV gegen Paderborn (oder doch den FCK?) die zweite Chance nutzt. Mehr dürfte auch nicht mehr drin sein. Stuttgart jedenfalls, das ist wenig überraschend für mich, ist seit heute weitgehend raus aus dem Absteigskampf. Zumindest dann, wenn sie das 3:0 (Stand 18.46 Uhr) halten…

18.46 Uhr

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