Archiv für das Tag 'Kahn'

WM? Für mich zählt nur Mainz…

8. Mai 2014

Die Entscheidung war schon ein paar Stunden alt, aber sie wurde nicht besser. Zumindest nicht für Heiko Westermann und Rene Adler, die im Gegensatz zu Marcell Jansen nicht zum vorläufigen WM-Aufgebot zählen. Trost gab es dennoch – von HSV-Trainer Mirko Slomka. Der schob dem Auftreten des HSV in der Bundesliga den Schwarzen Peter zu. „Die Nominierung ist immer auch ein Produkt der gesamten Mannschaftsleistung. Und da müssen wir festhalten, dass wir als Mannschaft nicht dazu beigetragen haben, dass Rene und Heiko nominiert werden.“

Die beiden Nicht-Nominierten konnten allerdings ebenfalls nur unzureichend viel beitragen. „Ich bin schon enttäuscht. Aber was soll man erwarten nach so einer Saison?“, sagt Westermann. „Klar bin ich enttäuscht, dass ich nicht dabei bin, aber ich kann damit umgehen. Ich akzeptiere die Entscheidung und nehme es sportlich. Der Fokus liegt voll auf den nächsten Spielen mit dem HSV. Ich wünsche den Jungs alles Gute für die Zeit in Brasilien“, erklärte indes Torhüter Rene Adler, der aber keinen Zweifel daran lassen wollte, dass dies keine negativen Auswirkungen auf seine Leistung in Mainz haben wird. Ebenso wenig wie Westermann: „Für mich hat das keine Auswirkungen auf Samstag. Ich habe immer gesagt, dass der HSV das Wichtigste für mich ist”, so


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Dass Marcell Jansen nominiert wurde, ist dagegen nicht wirklich überraschend. Schon gar nicht für ihn. „Ich wusste schon länger, dass ich dabei bin. Wir hatten durchgehend Kontakt. Die Nominierung stand nie zur Debatte.“ Zumal sich Jansen trotz vieler Verletzungspausen und einer sehr durchwachsenen Saison tatsächlich nur geringer (quantitativ betrachtet) Konkurrenz als linker Außenverteidiger. Vor allem, seitdem Bundestrainer Joachim Löw Philip das Bayern-Modell angenommen hat und Lahm ins Mittelfeld vorgezogen hat.

Lange unerwähnt und für mich unbekannt, bis ich ihn im Blog vor sechs Monaten mehr oder weniger zufällig interviewte, blieb Shkodran Mustafi. Der ehemalige Jugendnationalspieler des HSV in Diensten Sampdoria Genuas spielte sich allerdings seitdem (NICHT deswegen…) ins Rampenlicht des DFB. Und so sehr ich mich auch über die Nominierung unseres Blogfreundes freue, und so gern ich jetzt auch über die 30 bislang Nominierten schreiben und diskutieren würde – ich lasse es. Weil wir hier Wichtigeres zu tun haben.

Und Slomka weiß das. Der HSV-Trainer geht gar nicht erst unnütz lang auf die Kadernominierung ein. „Ich habe am Dienstagabend mit dem Bundestrainer telefoniert und freue mich für Marcell.“ Und damit hatte sich der Spaß. Denn Mainz steht vor der Tür. Und der FSV muss seinerseits noch punkten, damit der FC Augsburg nicht noch den Europa-League-Platz streitig machen kann. „Es gibt keinen in der Mannschaft, der seinen Urlaubsmodus angestellt hat“, verspricht FSV-Trainer Thomas dem HSV einen heißen Tanz. Und Slomka ist sich dessen bewusst. „In Mainz treffen wir auf eine Mannschaft, die zum dritten Mal in die Europoa League will. Die werden mächtig heiß sein“, so Slomka, „aber wir haben hier von beginn an gesagt, unser Ziel ist nicht die Relegation. Es ist der Klassenerhalt. Daher wird es Zeit, dass wir den Fans und dem verein etwas zurückgeben und nach langer Zeit mal wieder einen Auswärtssieg schaffen.“

Stimmt. Und gerüstet scheint der HSV zu sein. Zumindest personell. Dennis Diekmeier trainierte heute wieder voll mit, ebenso wie Pierre Michel Lasogga, Johan Djourou, Marcell Jansen und Heiko Westermann. Allesamt ohne Probleme. „Vielleicht sogar mit einer kleinen Portion Extramotivation“, lächelt Jansen ob seiner Nominierung und Gesundung. „Der Fuß hält. Und Luft hat man in so einem Spiel eigentlich immer…“

Hoffentlich. Denn Augsburg war nicht minder wichtig – und nicht schönzureden grottig. Das 1:4 gegen Bayern jedoch, das gibt Slomka Hoffnung. „Weil die Mannschaft Charakter bewiesen hat“, wiederholt der HSV-Trainer immer wieder. Und der HSV ist fit. Mehr als 750 intensive Läufe hat die Datenbank verzeichnet – Bundesligarekord. Slomka: „Und genau das wollen wir beibehalten.“ Besser noch: Genau das MUSS beibehalten werden, wenn man bei den heimstarken Mainzern bestehen will. Denn der FSV, der die letzten drei Heimspiele gewann, hat im eigenen Stadion nur gegen die Top vier der Liga verloren, dreimal remis gespielt und neun Siege eingefahren, während der HSV auswärts gefühlt seit der Steinzeit nicht mehr gewonnen hat. „Dafür hatte Mainz mit dem HSV immer Probleme“, macht Berufsoptimist Slomka seinem Namen als „Herr der Statistiken“ alle Ehre, „gegen den HSV wurde zuletzt sechs Spiele nicht gewonnen.“

Stimmt. Drei Remis und drei Niederlagen gab es für das wahrscheinlich friedlichste Publikum (Pfiffe gegen den Gegner werden vom Stadionsprecher laut kritisiert) zu bestaunen. Und am Sonnabend dürfte das Publikum maximal durchsetzt sein mit HSVC-Fans. Zumindest kenne ich keinen Anhänger, der nicht versucht, live vor Ort dabei zu sein. Eine Stimmung, die sich auch auf die Mannschaft übertragen soll. Schon beim Training in Hamburg, weswegen (und wohl auch, weil er abergläubisch ist, wie ich hörte) Slomka darauf verzichtete, früher anzureisen. „Wir wollen den Zusammenschluss mit den Fans, wollen uns nicht verstecken.“

Super. Obgleich das alles noch keine Punkte garantiert.

Dafür hat Slomka seinen Hoffnungsträger wieder dabei: Pierre Michel Lasogga. „Stand jetzt, ist er verfügbar“, freut sich Slomka über seinen Toptorjäger und lobt: „Er macht sicher Hoffnung. Aber wir müssen auch festhalten, dass wir mit dem Auftreten gegen die Bayern uns allen Hoffnung gemacht haben“, erklärt Slomka. Dennoch wird sich sehr viel auf den Stürmer fokussieren, dessen Ende beim HSV trotz anderslautender Gerüchte längst noch nicht feststeht, wie Sportchef Oliver Kreuzer sagt: „Es gibt noch keine Entscheidung.“

In diesem Sinne, die Hoffnung stirbt zuletzt. Auf allen Ebenen. Auch bei mir. Ach ja, und weil hier viel über Jens Lehmann gefachsimpelt wird, erlaubt mir bitte einen kleinen, persönlichen Einwand: Der ehemalige Nationalkeeper ist tatsächlich wesentlich sympathischer, als er im TV rüberkommt. Auf die Frage, warum er so seltsam arrogant gewesen sei, antwortete er: „Anders hätte ich mich niemals in eine Position gebracht, in der ernsthaft über mich als Nummer eins diskutiert worden wäre. Hätte ich das nicht gemacht, wäre Oliver Kahn wahrscheinlich heute noch die Nummer eins.“ Und irgendwie hat er Recht. Erst durch sein selbstbewusstes (arrogant rüberkommendes) Verhalten, sich selbst als neue Nummer eins zu fordern, wurde diskutiert. Dass er dabei seine Aussetzer (Hubschrauber, Brille, etc.) hatte – es macht ihn doch erst zu einem „echten Torwart“, oder? Allerdings ist Dietmar Beiersdorfer noch immer der absolute Wunschkandidat von HSVPlus für den Fall der Umstrukturierung. Obgleich er vergleichsweise langweilig und normal erscheint, soll der ehemalige HSV-Sportchef in Diensten Zenit St. Petersburgs (die Russen würden ihn dem Vernehmen nach ziehen lassen) den Vorstandsvorsitz übernehmen und zugleich die Kaderplanung mitgestalten.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert.

Scholle

P.S.: Jacques Zoua wird auch gegen Mainz wegen seines Muskelfaserrisses ausfallen.

Fink setzt in München auf Offensive – hoffentlich…

27. März 2013

*****Update: Training ist erst um 15 Uhr an der Arena! *****

Er ist wieder da. Und das besser denn je. Zumindest besser als bisher in dieser Saison – sagt er selbst. „Ich habe mir wieder Selbstvertrauen geholt, bin heute noch etwas schlapp – aber ich bin wieder richtig gut drauf.“ Ein verschmitztes Lächeln dazu – und fertig war die Portion Hoffnung auf einen Erfolg in München. Denn: Mit Rafael van der Vaart hat der HSV zuletzt in München zwei Siege und ein Remis geholt. Ob die Bayern sowas wie sein Lieblingsgegner sind? „Nein“, sagt der Mann mit der Rückennummer 23, „aber es ist immer etwas Besonderes, in München zu spielen.“ Dass dies mal dauerhaft angedacht war, dass der “kleine Engel” durchaus mal mit dem Rekordmeister in Verbindung gebracht wurde – es interessiert van der Vaart nicht mehr. Auf die Frage, wie weit die Gespräche damals fortgeschritten waren, sagt der „Maestro“: „Die Sache mit den Bayern lief mehr über die Zeitungen, das war nie konkret.“

Zum Glück nicht.

Vier Tore in den letzten vier Länderspielen – so lautete van der Vaarts Antwort auf die in den Niederlanden wachsenden Kritik an ihm und seinem kongenialen Mannschaftskollegen (und Konkurrenten) Wesley Snijder. Zu unfit seien die beiden, körperlich dem Tempo der jüngeren Spieler nicht mehr gewachsen heißt es da. Und auch in Hamburg wird immer wieder über van der Vaarts körperliche Verfassung getuschelt. Zumal, wenn es wie zuletzt mal nicht so richtig rund läuft werden dem Niederländer seine Pfunde zu viel vorgehalten. Dabei, und das muss man dazu sagen, van der Vaart ist ein echter Straßenfußballer. Er lebt nicht asketisch, das ist ziemlich klar. Aber er ist gesegnet mit einem Talent, dass ihn nie gezwungen hat, übermäßig fleißig zu werden. Van der Vaart braucht den Ball, stumpfes Kraft- oder Ausdauertraining ist nichts für den Techniker, der allerdings – das muss gesagt sein – absolut nicht unfit ist. Nein, der Mann hat tatsächlich in dem Moment Spaß, wo er einen Ball an den Füßen hat. Er ist noch nicht satt, wie es viele Weltstars irgendwann sind. Van der Vaart ist Meilen davon entfernt, sein Programm für den üppigen Gehaltscheck einfach abzuspulen. Abgestumpft ist er maximal im Umgang mit uns (zugegebenermaßen oft tatsächlich nervigen) Journalisten. Aber selbst nach dem 1000. Interview gibt sich van der Vaart Mühe, höflich zu sein.

So wie heute. Da saß er auf der Empore im PK-Raum der Imtech-Arena und stellte sich vor dem Nord-Süd-Gipfel den Fragenden, unter denen sich eine Schulkasse befand. Welchen Moment aus einem Spiel in München er noch in besonderer Erinnerung hat, wurde gefragt. Und er antwortete ohne zu zögern: „Das war mein schönes Tor gegen Oliver Kahn“, so van der Vaart über seinen 1:1-Ausgleichstreffer in der Allianz-Arena am 28. April 2007, bei seinem letzten Auftritt mit dem HSV beim Rekordmeister. Wie jetzt sein Torgefühl ist? „Ob ich ein Tor mache? Also wenn man zwei Tore in zwei Länderspielen gemacht hat, dann kann man mal eine Serie beginnen.“

Am besten in München, so der Linksfuß mit einem Augenzwinkern. Denn auch er weiß, dass nominell in München nicht viel zu holen ist. Bei der niederländischen Nationalmannschaft hat van der Vaart kurz mit Robben gesprochen, ihn gefragt, ob er von Beginn an spielt. Robben wusste es nicht. „Weil am Dienstag Juventus Turin ansteht“, sieht auch van der Vaart ne Menge Ablenkungspotenzial in dem bevorstehenden Viertelfinal-Hinspiel. So wie Fink. „Ich war auch mal Fußballer“, erzählt der Ex-Bayern-Profi, „und natürlich schwirrt so ein wichtiges Spiel n den Köpfen der Spieler herum. Ich kenne das, da ist man häufig vom Kopf her schon beim nächsten Spiel.“

Dennoch, es müsste schon alles passen (und noch ein wenig mehr), um in München zu gewinnen. Van der Vaart sieht es so: „Wenn wir genauso wie in Dortmund spielen und Bayern einen nicht so guten Tag hat – dann haben wir vielleicht eine Chance.“ Fink ist da schon etwas optimistischer. „Wir haben nach der letzten Länderspielpause in Dortmund gewonnen. Und wir haben gerade gegen die Topteams gezeigt, dass auch wir zu Topleistungen fähig sind. Ich rechne mir auch in München etwas aus.“

Zumindest will Fink mutig spielen lassen. Offensiv. „Wenn wir da verlieren, dann mit einem guten Spiel. Wir werden frech spielen, nach vorn spielen. Ähnlich wie in Dortmund.“ Allerdings mit einer anderen Aufstellung. So deutete Fink heute an, dass er wohl auf Tomas Rincon verzichten werde. Der Venezolaner habe zweimal 90 Minuten in den Beinen und kehrt erst am Donnerstag zur Mannschaft zurück. Ich brauche Spieler, die körperlich und geistig auf Topniveau sind.“ Und das sei Rincon wohl eher nicht. Glaubt Fink.

Finks Plan ist gut, sagt er. Allerdings scheint er gedanklich noch nicht zu 100 Prozent sicher, welchen Plan er spielen will. Mit Per Skjelbred neben Milan Badelj? Es wäre eine hervorragende Alternative zu Rincon. Der Norweger ist zwar nicht ganz so defensivstark wie Rincon, allerdings besticht Skjelbred neben seiner Ballsicherheit vor allem durch seine Laufleistung. Davor würde Rafael van der Vaart als hängende Spitze hinter Artjoms Rudnevs spielen, während Son wieder auf die rechte Seite rückt. Und ganz ehrlich, ich glaube, Fink wollte eigentlich zunächst ohne Son spielen und hat sich das nach dessen Mut gebendem Siegtreffer für die südkoreanische Nationalelf wieder anders überlegt.

Aber warten wir es ab. Am Freitag beim Abschlusstraining sei die Startformation wohl erkennbar, sagt Fink, der in den wenigen Tagen bis zum Spiel vermehrt auf Videostudium mit den Spielern setzt. Im Training seien die taktischen Dinge zumindest nicht mehr annähernd durchzusetzen.

Egal wie, ich würde mich freuen, wenn Fink bei seinem ersten Auftritt als HSV-Trainer an alter Wirkungsstätte (zumindest die Stadt) in München mutig auftritt. So, wie Düsseldorf. Oder Arsenal. Wobei ich die Einschätzung, Düsseldorf war dem Sieg nah, nicht teile. Ich habe das Spiel 90 Minuten gesehen und hatte dabei immer das Gefühl, dass die Bayern die ganze Geschichte etwas unterschätzt haben und ihre Fehleinschätzung mit einem kurzen Zwischenspurt nur korrigierten.

In diesem Sinne, morgen kann ich Euch hoffentlich schon etwas mehr zur geplanten Startelf sagen. Bis dahin wünsche ich Euch einen schönen Abend, eine gute Nacht und sage (schreibe): Bis morgen!

Scholle

Vom “Über-Jogi” zum Sündenbock

30. Juni 2012

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Heißt es im Volksmund. Ist wohl auch was dran. Aber ich kann mich erinnern, dass wir im Kollegenkreis so gut wie fassungslos waren, als wir am Donnerstag von der deutschen Aufstellung für das Italien-Länderspiel erfahren hatten. Und ich bin mir sicher, dass wenn der Bundestrainer seine 20 Millionen „Kollegen“ im Lande gefragt hätte, dass er mindestens zehn Millionen Einsprüche gegen diese Elf geerntet hätte. Wenn nicht noch viele, viele mehr. Nun gut, es ist jetzt ohnehin nicht mehr zu ändern, aber was nun im „Nachhinein“ auf „Jogi“ Löw einprasselt, das hätte ich nicht vermutet. Vor dem Halbfinale wurde er in ganz Deutschland als „Über-Jogi“ gefeiert – und nun hat er mit einem Spiel plötzlich soooooo viele Gegner gewonnen. Eine höchst zweifelhafte „Ehre“. Und wer da nicht alles was zu sagen hat. Ballack, Thon, Schumacher und, und, und. Besonders die ehemaligen Nationalspieler äußern sich ja jetzt sehr, sehr kritisch. Bin gespannt, wann in diese „Hetze“ auch noch der eine oder andere Bundesliga-Trainer mit einsteigen wird.

Mein Freund Klaus ist ja einer von den 20 Millionen Bundestrainern hierzulande. Er sagte mir heute am Telefon: „Ich würde jetzt Matthias Sammer als Bundestrainer bringen. Bei dem wären solche Fehler ganz sicher nicht vorgekommen.“
Mag ja sein, aber dafür passieren dem dann eben andere Fehler. Wer ist schon fehlerfrei? Ein Bundestrainer sicher nicht. In Deutschland gab es jedenfalls noch keinen fehlerfreien Bundestrainer. Um noch einmal kurz meine Meinung in Sachen Italien-Aufstellung einfließen zu lassen: Podolski, Gomez und Kroos hätten bei mir nicht gespielt. Und wenn man ganz, ganz ehrlich ist, dann gehörte auch Schweinsteiger nicht mehr in diese Mannschaft, denn der war bei dieser EM nie bei 100 Prozent. Zu keiner Phase.

Irgendein schlauer Mensch hat kürzlich, weit vor dem Italien-Spiel, zu mir gesagt: „Der hat nach seiner langen und schweren Verletzung beim FC Bayern viel zu früh wieder angefangen. Der sollte gegen diese verdammten zweiten Plätze ankämpfen, aber das ist ja bekanntlich gescheitert. Damit jedoch ist er verheizt worden, sodass er bei dieser EM nur mit höchsten 60 Prozent dabei war.“

Kann ja sein. Eventuell waren bei Schweinsteiger aber auch ganz besonders die drei zweiten Plätze des FC Bayern zu spüren, bei ihm haben sie eventuell doch mehr Wirkung gezeigt, als er, als der DFB und als „Jogi“ Löw zugeben wollen. Natürlich gehört Schweinsteiger in die deutsche Nationalmannschaft, natürlich gehört er auch zu den festen Größen des europäischen Fußballs, aber man muss eben auch mal „nein“ sagen können. Schweinsteiger selbst aber sagte vor dem Italien-Spiel: „Ich bin fit.“ Wie bitte? Durch einen Crash-Kurs? Er mag schmerzfrei gewesen sein, aber ganz sicher nicht fit. Und ich bin gespannt, wie lange es in der kommenden Saison dauern wird, bis der „Schweini“ wirklich wieder zu hundert Prozent fit ist. Aber wenn es ein solches Vertrauensverhältnis zwischen Spieler und Bundestrainer gibt, wie es offensichtlich der Fall ist, dann hätte Löw seinem Star vielleicht in einem Vier-Augen-Gespräch klar machen müssen, dass es für die Mannschaft diesmal besser ist, ohne ihn . . .

Aber das ist vielleicht auch ein wenig zu viel verlangt. Und warum bei Schweinsteiger anfangen, wenn schon Podolski und Gomez „mittun“ dürfen? Ich wurde ja bei „Matz ab“ ausgelacht, als ich kürzlich schrieb, dass mir der FC Arsenal Leid täte. Weil die Engländer einen Mann gekauft haben, der seine Zukunft schon hinter sich hat. Da bin ich auch mal gespannt, wie sich das so auf der Insel entwickelt. Sehr, sehr, sehr gespannt sogar. Ich habe das Gefühl, dass Podolski unter die Denker gegangen ist. Er denkt zu viel über sein Spiel nach, statt wie früher unbekümmert den direkten Weg zum Tor zu suchen. Ich jedenfalls war total entsetzt über diese EM-Vorstellung des Kölners, besonders natürlich über diese 45 Minuten gegen Italien. Außer einem Foul von ihm habe ich nichts gesehen.

Nun gut, jetzt bin ich auch noch einmal mittendrin statt nur dabei. Interessant fand ich, was ZDF-Experte Oliver Kahn (43), Vize-Weltmeister von 2002 und dreimaliger „Welttorhüter des Jahres“, im Gespräch mit Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein zum deutschen Scheitern im EM-Halbfinale gesagt hat. Da war nämlich enorm viel Kluges und Wahres dabei:

„Was ich in den letzten Jahren beobachtet habe, ist so ein bisschen das Verleugnen ganz wichtiger, ganz zentraler Tugenden und Werte, die den deutschen Fußball früher ausgemacht haben – Grundeinstellungen wie Zweikampfhärte, Wille, Leidenschaft, Einsatz. All das hat bei der deutschen Mannschaft diesmal gefehlt. Wir tun so seit einer gewissen Zeit, ca. seit 2006, als bräuchten wir all diese Tugenden nicht mehr, als könnten wir alles immer ganz leicht, spielerisch lösen. Man hat gerade in diesem Spiel gesehen, wie wichtig diese Dinge sind. Eine dieser Tugenden heißt: Verantwortung übernehmen. Wenn es 0:1 oder 0:2 steht, wo ist dann der Spieler, der Verantwortung für das Team übernimmt…?“

Oliver Kahn sagte auch:

„Es ist oft von den ‚flachen Hierarchien’ im deutschen Fußball die Rede. Der Nachteil dabei ist, dass die Spieler nicht zur Verantwortung erzogen werden. Und genau das hat in diesem Spiel letztlich gefehlt. Wir sollten uns auf die alten Tugenden besinnen, die den deutschen Fußball groß gemacht haben. Wir sollten uns Gedanken darüber machen, wie wir die modernen Facetten des Fußball, die Spielphilosophie mit den alten deutschen Tugenden verbinden können.“

Und dann gab es noch eine kleine Kritik an Löw:

„Diesmal hat das Konzept, das der Bundestrainer sich ausgedacht hat, alles andere als funktioniert. Man hat gemerkt, dass die Mannschaft in diesem taktischen System noch nie zusammengespielt hat. Kroos hatte die Aufgabe, Pirlo fast schon in Manndeckung auszuschalten. Das hat dazu geführt, dass sich Özil und Kroos fast immer auf den Füßen gestanden haben. Özil hat auch versucht, das Zentrum zu besetzen. Damit waren zwei in der Mitte, und die ganze rechte Seite blieb dann praktisch frei.“

Dabei waren dem früheren Welttorhüter auch folgende Dinge nicht verborgen geblieben:

„Wenn dann noch solche Fehler im Defensivbereich gemacht werden, eigentlich einfache, unverständliche Fehler, Konzentrationsfehler, dann muss man sich nicht wundern, wenn man gegen so eine hoch motivierte Mannschaft wie die Italiener rausfliegt. Fußball ist ja zunächst einmal ein Fehlervermeidungsspiel. Es geht darum – gerade auf diesem Niveau – so wenig Fehler wie möglich zu machen. Wenn Du natürlich solche Klopse machst wie die deutsche Mannschaft im Defensivbereich, die Italiener geradezu dazu einlädst, die Tore zu erzielen, dann wird es natürlich sehr schwierig.“

Alles war recht ist, aber da hat Kahn schon viel Wahres gesagt. Ich habe ja auch bei „Matz ab live“ unseren Gast Lotto King Karl gefragt, ob Deutschland nicht auch der eine oder andere „harte Hund“ (einer wie der Spanier Ramos, wie van Bommel bei den Niederländern) fehlt? Mein Kollegen „Scholle“ hat mich ausgelacht, als ich meine Bedenken über unsere Innenverteidigung äußerte. Badstuber und Hummels wollen Fußball spielen. Deutschland war und ist stolz darauf, nur noch ganz wenige Fouls zu begehen – aber was nützt einem ein Fairness-Preis, wenn man die großen Titel nicht gewinnt? Balotelli ist eine richtige Kante, der zur Not auch durch Betonwände marschiert – mit dem Kopf voran. „Scholle“ aber sagte zu mir: „Ach was, der Balotelli ist doch auch kein Überflieger, der hat doch keine überragende Saison gespielt. Nein, nein, den legen die Deutschen schon an die Kette . . .“

Wie Kahn schon sagte: deutsche Tugenden. Ich weiß, ich weiß, keiner kann das mehr hören. Aber fehlt uns nicht so einer wie der frühere Stuttgarter „Eisenfuß“ Karlheinz Förster? Oder Jürgen Kohler? Oder ein Willi Schulz? Von dem hieß es stets: „Wer an Schulz vorbeikommt, hat selber schuld.“ So richtige „Hacker“ gibt es doch heute gar nicht mehr. Einen „Treter“, der schon beim Auflaufen die Ellenbogen ausfährt. Der einem Angst und Schrecken einjagt, wenn man ihn nur sieht. Die deutschen Abwehrspieler wollen „nur spielen“. Um keine Freistöße in Tornähe zuzulassen. Mag ja sein, dass so etwas auch ganz gut ist, aber einen Balotelli bekommt man nur zufassen, in dem man ihm auch mal die Kante gibt. Ohne unfair zu sein – einfach nur mit gesunder Härte. Spanien hat diesen Ramos, und der wird dem Balotelli schon zeigen, wo Bartel den Most holt.

Und so sehr ich es auch begrüße, dass in Fußball-Deutschland den jungen Leuten, sogar den ganz jungen Leuten das Fußball „spielen“ beigebracht wird – es dürfte auch schon der eine oder andere Hauch von Härte vermittelt werden. Heute sind die jungen Fußballer, die kurz vor den Bundesligen stehen, alle super und großartig mit viel, viel Technik ausgebildet, aber einen Schuss sollte irgendwann doch auch mal wieder ein Thema werden. Die Mischung macht’s.

Um noch einmal kurz auf Oliver Kahn zurückzukommen: Er war trotz allem nur zweiter Sieger bei dieser EM, denn sein frühere Kollege Mehmet Scholl, der war bei der ARD der große Gewinner dieser EM. Trotz des „Wundlegens“ mit Gomez. Was Scholl alles während dieser Meisterschaft an fußballerischen Weisheiten verkündete, wie er fußballerische Feinheiten aufklärte und erklärte, das war erste Sahne. Der Mann hat es drauf, und ich kann dem großen Trapattoni nur beipflichten: „Scholl wird mal ein großer Trainer.“

Und wo ich gerade bei Irland (Trapattoni) bin. Die Uefa wird den „irländischen“ Fans (würde Rudi Völler sagen, ich kann es mir nicht verkneifen!) einen Sonderpreis verleihen – weil diese Anhänger während der EM-Tage so positiv aufgefallen sind. Die haben gesungen, geschunkelt, gefeiert – obwohl die Iren nur verloren haben. Irlands Ikone Roy Keane waren die grünen Partys nach Niederlagen allerdings ein großer Dorn im Auge. Er sagte während der EM: „Ich denke, die Spieler und Fans müssen ihre Mentalität ändern. Lasst uns nicht gegenseitig verarschen, die Anhänger wollen ihr Team gewinnen sehen. Wir sind ein kleines Land, aber lasst uns hin und wieder nicht nur mit dem Rumgesinge zufrieden geben.“ Was der ehemalige Kapitän der irischen Nationalmannschaft jetzt wohl sagt, dass Irland nun noch einen Preis für das Rumgesinge erhält. Wird Keane eventuell am Fußball generell zweifeln? Vielleicht. Ich aber habe mir damals schon gedacht: Jetzt dürfen die Fans schon nicht mal mehr singen, schunkeln und feiern. Sind zuschlagende Krawall-Brüder denn doch erwünschter? Oder wie kann man sich den idealen Zuschauer denn „schnitzen“? Schlagen sollen sie nicht, singen, schunkeln und feiern sollen sie auch nicht – eines Tages, da bin ich mir sicher, werden wir schon noch den „idealen Fan“ haben. Ob ich das allerdings noch erlebe, das bezweifle ich doch stark.

So, ansonsten bin ich froh, dass wir morgen den letzten EM-Tag vor uns haben. Nicht wegen der EM an sich, nein (es hat doch viel Spaß gebracht), sondern deswegen, weil einen Tag später der HSV in die neue Saison starten wird. Herrlich. Wunderschön. Endlich. Die Bundesliga hat uns wieder. Natürlich nicht gleich und sofort, aber den Hauch davon erleben wir auf jeden Fall schon mal. Und wenn dann noch der eine oder andere neue Spieler nach Hamburg kommen wird, dann sieht die ganz Geschichte ja auch schon wieder viel freundlicher (für den HSV und seinen Anhang) aus.

Zur Erinnerung: Morgen, nach dem EM-Finale zwischen Spanien und Italien, ist „Matz ab live“ wieder in Schnelsen und damit im „Champs“ zu Gast, und wir haben zwei besonders tolle Gäste: HSV-Kapitän Heiko Westermann und HSV-Heimkehrer Maximilian Beister. Ich freue mich – auch auf euch, wenn ihr wieder dabei seid. Ansonsten muss ich zugeben, dass ich gesundheitlich ein wenig schwächele – Magen-und-Darm-Grippe, aber volle Delle, den ganzen Tag im Bett. Und wir hatten so viel Sonne heute. Aber das sind wohl Nachwirkungen des deutschen EM-Aus . . .

Ein schönes Wochenende für alle “Matz-abber”

19.05 Uhr

Wie Thorsten Fink über Gomez denkt

14. Juni 2012

Warte, warte noch ein Weilchen, dann . . . Ja, dann werden wir sehen, ob der HSV noch den einen oder anderen Spieler an einen anderen Verein abtreten kann. Die „Welt“ hat kürzlich von den „Ladenhütern“ des HSV geschrieben. Aber wer will schon „Ladenhüter“ haben? Zumal dann, wenn sie von einem Fast-Absteiger kommen? In der Ersten Liga dürften nur Klub Interesse haben, die unten „mitspielen“, und die haben meistens auch kein Geld. Also dürften sich die Ablösesummen in Grenzen halten, mit denen der HSV kalkulieren könnte. Ein Teufelskreis, denn: „Erst verkaufen, dann einkaufen“ – das funktioniert eigentlich ganz anders. Es wird noch eine Zeit verstreichen, ehe es Bewegungen auf dem HSV-Transfermarkt geben wird. Derweil genießen Spieler und Trainer ihren außergewöhnlich langen Sommerurlaub. Und das ist ja auch ganz gut so, gehen die Profis doch dann völlig erholt und ausgeruht wieder an ihre Arbeit.

Gestern waren ja Dennis Aogo und Jörn Wolf bei „Matz ab live“ zu Gast, und ich möchte jenen „Matz-abbern“ danken, die diese Auftritte gelobt haben. Im neuen „Studio, das „Champs“ in Schnelsen, wirkte es alles großzügiger und auch schon etwas professioneller, auch deswegen kamen diese 34 Minuten vielleicht so gut an. Wobei klar festzuhalten ist, dass unsere beiden Gäste wirklich etwa zu sagen hatten – und das auch sehr gut in die Tat umsetzten. Auch an dieser Stelle noch einmal unser Dank an beide Herren. Das lechzt nach einer Wiederholung.

Aber es ist ja EM. Zum Glück. Und da gibt es ja genügend Dinge, die zu kommentieren sind. Ich habe gerade in der „Sport Bild“ gelesen, warum der frühere niederländische Nationaltorwart Hans van Breukelen „die Deutschen nicht mag“: 1.) Die Schwalbe von Hölzenbein im WM-Finale 1974. Ich habe fast geweint. 2.) Die Arroganz der Deutschen. Die meisten grüßen nicht mal. 3.) Deutsche machen sich über uns lustig mit Witzen wie diesem: Holländische Kinder haben so große Ohren, weil ihre Eltern sie daran hochziehen und sagen: „Schau mal, da drüben wohnen die Weltmeister.“

Okay, ich kann ja verstehen, dass der Stachel immer noch tief sitzt. Aber ich möchte mal die drei Gründe aufschlüsseln. Punkt eins: Selbst wenn Hölzenbein zum 1:1-Eöfmeter ein Schwalbe produziert haben sollte, später, als der Frankfurter im WM-Finale von Jansen tatsächlich umgegrätscht wurde, gab es keinen Strafstoß. Also ausgleichende Gerechtigkeit. Punkt zwei, die Arroganz. Soll ich Hans van Breukelen grüßen, wenn ich ihn sehe? Oder Frau Antje? Oder Harry Wijnvoord? Oder Ruud van Nistelrooy? Natürlich, den würde ich grüßen, aber ich würde doch keinen Menschen grüßen, den ich nicht kenne. Es sei denn, dieser Mensch grüßt mich. Dann grüße ich natürlich zurück. Weil mir Arroganz fremd ist. Und Punkt drei? Ich kenne Niederländer, habe aber die großen Ohren nicht gesehen Und Witze über Holland und Holländer? Ich glaube, das gleicht sich auch alles aus, denn auch die Niederländer machen (nicht gerade freundliche) Witze über die Deutschen.

Und bei der Gelegenheit. 26. April 1989, WM-Qualifikationsspiel in Rotterdam, Niederlande gegen Deutschland. Da wurde in der Stadt am Tag vor dem Spiel und am tag des Spiels alles attackiert, was Deutsch sprach. Und an deutschen Autos wurden Scheiben eingeschlagen und Spiegel abgetreten. Und unser riesiges Hotel, ein Glaskasten mitten in der Stadt, wurde mit schweren Seiten beworfen. Ich sehe noch heute unseren früheren Nationaltorwart Hans Tilkowski mit eingezogenem Kopf von der Rezeption in Richtung Fahrstühle flüchten, weil er richtig viel Angst hatte. Aber der eigentliche Höhepunkt folgte erst im Stadion. Wir waren fünf Kollegen, drei aus Hamburg, einer aus Lübeck, einer aus Frankfurt. Wir waren im inneren Ring des Stadions, kurz vor den Aufgängen zu unseren Plätzen. Draußen tobte eine Schlacht, wie ich sie so noch nie erlebt habe – das war wie Krieg. Und wir hatten die Treppe vor Augen, alles schien bestens, als plötzlich ein niederländischer Polizist mit seinem Pferd auf uns von hinten zuritt. Und ohne Vorwarnung zog dieser ältere Herr (Rundschnitt in Augenbrauenhöhe) seinen Gummiknüppel und drosch damit auf unseren ältesten Kollegen, der bundesweit bekannte Hartmut Scherzer, ein. Wir waren fassungslos. Niemand von uns hatte etwas getan oder gesagt, es war einfach nur ein feiger Angriff von hinten, total unbegründet. Da wollte sich ein älterer Niederländern mal kurz an einem älteren Deutschen „rächen“. Ich habe das damals – mehr aus Zufall – fotografiert, Jahre später erschien dieses Foto (oder Fotos) auch in der „Sport Bild“ – im Zusammenhang mit der „deutsch-niederländischen Freundschaft“. Dieser Vorgang ist mir unvergessen, aber er zeigt auch, dass die Dummen eben noch lange nicht aussterben. Siehe Hans van Breukelen. Manche lernen es nie.

Zum Fußball. Mein Freund Peter, ein Freund der Nationalmannschaft (FdN), rief ich heute an und sagte: „Dass Deutschland auch zu zehnt gegen die Niederländer gewinnt, das ist eine ganz wichtige Erkenntnis für mich.“ Wie, zu zehnt? Er: „Na ja, hat der Karnevalsprinz hat doch nun wirklich nicht teilgenommen.“ Aha, es geht also um Podolski. Haut den Lukas. Recht hat er ja, mein Freund, ich habe Podolski ja auch nicht gesehen. Wir haben uns dann aber gefragt, ob es Jogi Löw nicht auch so ergangen ist? Zweite Halbzeit zumindest. Da turnte der Ex-Kölner, den sie am Rein immer mit der Sänfte ins Stadion und zum Training getragen haben, ja auf der gegenüberliegenden Seite der Trainerbank herum. Deswegen, so schlossen wir daraus, konnte in Löw nicht sehen, folglich auch nicht auswechseln. Wer nicht mitspielt, der kann nicht vom Platz geholt werden. Logisch. Deswegen musste erst Mesut Özil (der dann oft vor der Trainerbank aufkreuzte) runter, dann auch noch Thomas Müller. Rechtsdraußen.

An Müller scheiden sich ja die Geister. Ich gebe zu, dass der Bayern-Profi nicht in Bestform zur EM gekommen ist. Aber er ist auch nicht in absolut schlechter Verfassung. Mir gefällt dieser Müller immer noch, gebe ich zu. Weil er viele gute Dinge mit dem Ball anstellt, weil er den Ball auch bestens unter Kontrolle hat – und weil er fleißig nach hinten arbeitet. Das ist vielleicht der Punkt, der bei Podolski zum springenden Punkt wird. Ihm hat man ja oft vorgeworfen, dass er kaum oder nicht nach hinten arbeitet. Jetzt arbeitet er nach hinten, aber er arbeitet kaum noch nach vorne. Wir er vorne geschickt, geht er kurz ab – bis zu jenem Punkt, an dem er den Ball hat. Früher wäre er dann mit dem Kopf durch die Wand Richtung Tor des Gegners marschiert, hätte alles um und dumm gelaufen und geschubst – heute spielt er den Ball gleich wieder zurück, oder er läuft mit der Kugel am Fuß wieder Richtung eigener Hälfte. Völlig harmlos. Und total wirkungslos. Ein Ausfall.

Apropos. Cristiano Ronaldo. Oliver Kahn spricht ja nur die Wahrheit aus: so schlecht wie nie. Zwei Super-Chancen, kein Tor. Der gute „John-Wayne“-Verschnitt (weil er vor seinen Freistößen immer so breitbeinig steht wie die Hollywood-Legende, bevor er aus der Hüfte schoss) läuft in dieser portugiesischen Mannschaft wie ein Fremdkörper herum. Wie einer, der um Liebe bettelt, den aber keiner wirklich lieb hat. Im Gegenteil. Oft habe ich bislang den Eindruck, als würden ihn seine „Kollegen“ ganz bewusst „außen vor“ lassen. Wenn sie ihm den Ball geben, ist er weg – so oder so. Das will keiner so richtig.

Im Gegensatz dazu Mario Gomez. Zwei Chancen, zwei Tore. Das ist der wahre „John Wayne“. Eiskalt. Auch ohne breitbeinig vor dem Ball zu stehen, ohne auf die Anzeigentafel im Stadion zu blicken, ob auch die Frisur noch gut sitzt. Mich würde ein Typ wie Ronaldo in meiner Mannschaft nerven – wenn er keine Leistung bringt und keine Tore schießt. Nur dann, natürlich. Aber an guten Tagen kann er es ja. Ausgerechnet bei dieser EM kann er es aber (noch) nicht. Zurück zu Gomez. „Ich kann die Kritik an ihm nicht verstehen, jund jetzt hat er mit seinen nunmehr drei Toren den Kritikern das Maul gestopft“, sagt HSV-Trainer Thorsten Fink (mit dem „Scholle“ sprach) über den deutschen Torjäger. Und in der Castrol-Analyse werden die Stärken des Münchner Stürmers noch einmal bestens „entlarvt“:

In der Form seines Lebens? Allerdings. Mit Killerinstinkt vor dem gegnerischen Tor? Keine Frage. Aber lauffaul? In diesem Punkt scheiden sich bei Mario Gomez die Geister. Die Analysen von Castrol, offizieller Partner der „UEFA EURO 2012 Statistik“, belegen, dass die Kritik an Deutschlands Torgarant mit der Nummer 23 nicht auf Fakten, sondern auf subjektiven Eindrücken beruht.

Beim 1:0-Sieg der DFB-Elf gegen Portugal hatte Gomez in 80 Spielminuten 8 797 Meter absolviert und gegen die Niederlande waren es bei seiner Auswechslung in der 72. Minute bereits 8 826 Meter. Hochgerechnet auf die volle Spieldauer käme Gomez auf eine Gesamtlaufleistung von knapp 9 896 Metern (gegen Portugal) bis 11 032 Metern (gegen die Niederlande) – und muss so den Vergleich mit anderen Goalgettern nicht scheuen: Der Ukrainer Andrij Schewtschenko brachte es im Spiel gegen Schweden in 81 Minuten Spielzeit auf 8 826 Meter und Zlatan Ibrahimovic in Diensten der Schweden kam über die volle Distanz auf ganze 9 362 Meter. Beide Angreifer stehen in ihrem Land übrigens außerhalb jeder Kritik.

Deswegen war Gomez im Spiel gegen die Niederlande auch der herausragende Akteur mit einer Wertung von 9,43 Punkten. An seiner Effektivität gibt es keinen Zweifel: seine beiden Treffer erzielte der Münchener mit nur drei Schüssen auf das Tor. Als offizielle Analyse der „UEFA EURO 2012 Statistik“ erfasst der Castrol alle Ballkontakte und Aktionen eines Spielers und bewertet, ob sie die Wahrscheinlichkeit eines eigenen Tores erhöhen oder senken. In gleicher Weise werden Punkte für Defensivaktionen vergeben. Aus den gewonnen Daten ergibt sich eine Rangliste mit einer Bewertung von bis zu zehn Punkten – je höher die Punktzahl, desto besser die Leistung.

Auf Rang zwei der Liste landet Holger Badstuber (9,13 Punkte), der vor allem durch seine Balleroberungen auf sich aufmerksam machte. Der stärkste Niederländer war Robin van Persie mit einer Wertung von 9,08. Er überzeugte als Torschütze und Störfaktor im deutschen Spielaufbau. Er war außerdem der lauffreudigste Akteur seines Teams mit einem Pensum von 10 843 Metern. Beim Sieger war die Doppel-Sechs im Mittelfeld wieder fleißig unterwegs: Bastian Schweinsteiger setzte die Bestmarke mit 11 952 Metern vor Sami Khedira mit 11 336 Metern. Insgesamt absolvierte die deutsche Elf rund 106 Kilometer, Holland dagegen nur 104 Kilometer.

Khedira und Schweinsteiger – das waren zwei riesige Stützen in der Sieger-Mannschaft, die ihren Gegenspieler Mark van Bommel und Nigel de Jong (unser Nigel!) klar an die Wand spielten. Real-Spieler Khedira war in der Balleroberung Weltklasse, Schweinsteiger war Lenker, Denker und Kämpfer – wie (fast) zu seinen besten Tagen. Ich würde es ihm und der deutschen Mannschaft (und auch mir) wünschen, dass er noch während dieser EM zur alten Stärke zurückfindet, gegen die Niederlande war er fast schon wieder an jenem Punkt. Oftmals sieht es nicht sonderlich spektakulär aus, wie er etwas macht, aber fast alles ist enorm wirkungsvoll. Wie bei Khedira. Zwei große Trümpfe auf dem Weg zum Titel? Ich hatte ja vorher auf die Niederländer (Egoland) und als Außenseiter auf die Polen getippt, aber die Sache mit dem Tippen ist so eine Sache. Meistens liegt man daneben – ich total. Deswegen sage ich jetzt: unterschätzt mir die Italiener nicht. Die spielen bislang so gut, wie ich sie kaum zuvor mal gesehen habe. Die laufen, die rennen, die spielen kreativ, die kämpfen, die stehen gut, die treten als Einheit auf – da passt alles. Hätte ich vorher nie geglaubt, aber der Wettskandal scheint null Spuren hinterlassen zu haben. Kompliment!

18.59 Uhr

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