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Beiersdorfer: „Zeigen, dass der HSV lebt!“ – und van der Vaart schwärmt von Italien

16. Oktober 2014

Joe Zinnbauer hat heute mal kräftig Tempo rausgenommen. Drei Tage vor dem Spiel gibt es weder ein spektakuläres Training noch markige Aussagen in Richtung des kommenden Gegners aus Hoffenheim. Die Fans, die sich heute Vormittag am Stadion eingefunden haben, sahen nur ein paar joggende Profis – teils wegen der Regeneration nach dem Test gestern gegen die eigen U 23 (3:0) oder den absolvierten Länderspielen, teils aus Verletzungsgründen.

(Kleiner Hinweis an die Macher von hsv.de: Schreibt es doch auf die Internet-Seite, wenn das Training nichts für Fans ist. Gerade in den Ferien kommen viele Familien extra vorbei, um ihre Idole zu sehen und Autogramme zu sammeln.)

Dabei gibt es keine weiteren personellen Sorgen zu bewältigen. Valon Behrami gab heute „grünes Licht“. Er habe das letzte EM-Qualifikationsspiel seiner Schweizer Mannschaft (4:0 in San Marino) nur aus Sicherheitsgründen verpasst. Leichte Kniebeschwerden – da war sein Einsatz gegen den Zwergstaat nicht notwendig. Für den HSV am Sonntag gegen Hoffenheim steht seinem Einsatz allerdings nichts im Weg. Schon morgen soll Behrami wieder ins Training einsteigen.

Wie wichtig Valon Behrami ist, zeigt auch die Aussage von seinem Mittelfeldkollegen Tolgay Arslan gestern in der „Sport-Bild“. Behrami sei der neue Chef in der Mannschaft, ließ Arslan wissen – und auch wenn der Schweizer selbst dazu heute nichts Weiteres beisteuern konnte und wollte (schaut Euch hierzu und zu allen anderen Themen gern den Mitschnitt der Pressekonferenz mit Valon Behrami an), spricht aus Arslans Aussage eine Menge Hochachtung für den neuen Mitspieler.

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Vielleicht ist es problematisch, wenn aus der Mannschaft heraus nach so kurzer Zeit bereits eine derartige Aussage kommt. Könnte auf den ersten Blick etwas schleimig wirken. Doch Arslans Botschaft ist ja auch der Wunsch nach Sicherheit und Halt, den es in der Vergangenheit so eben nicht gegeben hat. An der Seite seines neues Mitspielers ist Tolgay Arslan, wie ich finde, in den vergangenen Wochen gewachsen. So ähnlich war das eigentlich auch schon vor zwei Jahren, als Rafael van der Vaart zum HSV kam. Arslan ist da für eine gewisse Zeit richtig aufgeblüht und hatte Freude an der neuen Konstellation. Jetzt spürt er, dass sich wieder etwas tut – und insofern bleibt allen Fans vor allem die Hoffnung, dass der Trend nach oben länger anhält und tatsächlich auch nachhaltig ist.

Arslan ist ja solch ein Paradebeispiel für nötige Geduld mit einem Spieler aus den eigenen Reihen. Er wird ja hier auch oft sehr kritisch beurteilt und natürlich waren seine Leistungen auch oft zu schwankend. Aber: In unterschiedlichen Situationen sind die Leistungen der Profis auch unterschiedlich. Stimmt das Umfeld, und da ist der HSV – nach allem, was wir auch aus der Mannschaft in den vergangenen Wochen gehört haben – auf einem guten Weg. „Wir müssen locker sein und nicht so sehr den Druck annehmen“, sagte heute Valon Behrami. Behrami meint diesen Druck, den jeder Einzelne – ob auf dem Platz oder der Tribüne – in der jüngeren bis mittleren Vergangenheit so häufig gespürt hat, wenn ein Bundesliga-Heimspiel des HSV im Volkspark begonnen hat. Diesen Druck, der dann schnell lähmt und die Spiele zu einer Gurkerei ohne Niveau werden lässt.

Vor diesem Hintergrund ist auch der Wunsch von Vereins-Boss Dietmar Beiersdorfer fürs Hoffenheim-Spiel nachvollziehbar, den er am Montag auf der Hamburg Soiree geäußert hat. „Nein, ich habe keine Angst vor diesem Spiel. Es ist ein wunderbarer Gegner um zu beweisen, dass man im eigenen Stadion leidenschaftlich kämpft. Die Zuschauer spüren, dass es eine Mannschaft ist, die sich zerreißt. Ich hoffe, dass wir das wieder tun. Ich finde, es ist ein wunderbares Spiel um zu zeigen, dass der HSV lebt, und dass wir gewinnen wollen. Vor Dortmund haben wir ein halbes Jahr kein Spiel gewonnen. Ich habe es der Mannschaft immer wieder gesagt: Wir wollen einfach dieses Gefühl des Siegens wieder haben, dann kann man auch wunderschön leben in Hamburg. Ansonsten macht es alles keinen Spaß. Es ist nicht gut, wenn man nicht gewinnt.“

Genau 100 Tage ist Beiersdorfer morgen im Amt – welchen Einfluss er bisher genommen hat und welche Schritte eingeleitet, das ist bekannt. Nach wie vor gilt, was bei seinem Amtsantritt Anfang Juli galt: Die Hoffnung auf einen besseren HSV lastet vor allem auf seinen Schultern. Immerhin hat er sich einige Mitstreiter geholt, die eine viel versprechende Vita mitbringen. Beiersdorfer tritt, wie erwartet, vertrauensvoll auf und verfolgt einen Plan. Er nimmt Leute mit und trifft nachvollziehbare Personalentscheidungen.

Dass Wunder selten sind, stimmt allerdings auch. Rückschläge waren auch dabei ebenso wie ein Trainerwechsel und die unklare, im Hintergrund schwelende Lage rund um Investor Klaus-Michael Kühne. Entsprechende Begleiterscheinungen müssen Beiersdorfer und sein Team weiterhin schlucken, bis es dem HSV mal besser geht. Das wird auch in den kommenden 100 Tagen nicht zu ändern sein, selbst wenn der HSV dann sportlich deutlich besser dastehen sollte als aktuell.

Zur Stabilisierung würde beitragen, wenn das wirtschaftlich potente Umfeld in Person von Kühne und Karl Gernandt aus ihren Fehlern der vergangenen Wochen lernt. Ein entsprechender Effekt ist nur über die Zeitschiene zu erreichen. Das heißt: Was sie mit ihren Aussagen und Interviews, insbesondere im Juli, an Unruhe hinein gebracht haben, muss sich in den kommenden Monaten setzen und legen. So gewinnen sie Vertrauen zurück. Ankündigungen in diese Richtung hat es Montag auf der Soiree von Gernandt ja auch gegeben, wobei mir eine offenere Problematisierung seiner Doppelrolle mit möglichem Interessenkonflikt (engster Mitarbeiter von Kühne – Aufsichtsrats-Boss HSV) gefehlt hat.

Als Aufsichtsrats-Boss muss es sein Interesse sein, dass die wirtschaftliche Bewertung des HSV so hoch wie möglich ausfällt, um Anteile für so viel Geld wie machbar zu veräußern. Als rechte Hand von Kühne ist sein Interesse genau entgegen gesetzt. Ich will Karl Gernandt nichts Böses unterstellen, aber bei jedem anderen würde man sagen: Diese Konstellation ist Mist. Jedenfalls gilt auch hier, dass über die Zeitschiene Vertrauen gewonnen werden kann. Es ist ein hochsensibles Thema.

Natürlich würde auch Luft herausgehen, wenn in Zukunft weitere potente Wirtschaftsleute oder – unternehmen gefunden würden, die den HSV gleichfalls unterstützen. Ein bis zwei Partner sollen es ja demnächst sein, wie angedeutet wurde. Abwarten.

Wie Ihr in der Pressekonferenz von Trainer Joe Zinnbauer seht, hat er sich vor dem Anpfiff am Sonntag um 15.30 Uhr ziemlich zurückgehalten. Keine klare Ansage zum Einsatz von Rafael van der Vaart, auch wenn die Trainingseindrücke darauf hinweisen, dass der Kapitän seine Mannschaft nach sieben Wochen Pause wieder aufs Feld führen wird. Vielleicht ist die Zurückhaltung des Trainers ja auch nur ein Ablenkungsmanöver, weil er Hoffenheimer Spione in die Irre führen möchte. Aber auch das könnt Ihr im Stream nachverfolgen.

Mannschaftskapitän van der Vaart scheint sich in der Zwischenzeit mit einem nahenden Abschied aus Hamburg vertraut zu machen. Dem Internet-Portal nusport.nl sagte er: „Hamburg ist fantastisch, aber ich habe immer gerne neue Herausforderungen. Ich würde gerne in Italien spielen.“ Er habe nicht das Gefühl, für immer in Hamburg zu bleiben, fährt van der Vaart fort. Ältere Spieler wie Buffon, Totti und Pirlo würden dort auch in hohem Alter noch vergöttert. Sein Vertrag läuft im kommenden Sommer aus – und natürlich hat er auch die Zeichen der Zeit beim HSV erkannt. Selbst wenn es sportlich passen sollte in den kommenden Monaten, kann sich der Verein einen Rafael van der Vaart in Zukunft wohl nicht mehr leisten. Die Anschubfinanzierung von Klaus-Michael Kühne in Höhe von 25 Millionen Euro dürfte in etwa verbraucht sein (damit wäre auch Kühnes noch auszuhandelnde Beteiligung am HSV erschöpft), und mit Lewis Holtby steht der Nachfolger quasi schon unter Vertrag.

Es ist ja sowieso bitter, was sich beim Blick auf den kommenden Transfersommer ergibt. Rafael van der Vaart kann ablösefrei gehen – für ihn hat der HSV einmal 14,5 Millionen Euro hingelegt. Gojko Kacar kann gehen, der 5,5 Millionen gekostet hat. Heiko Westermanns Vertrag läuft aus – von den 7,5 Millionen Ablösesumme ist nichts mehr übrig. Dazu kommen Marcell Jansen (ehemals 8 Millionen Ablöse), Ivo Ilicevic (4 Millionen) und Slobodan Rajkovic (2,5). Mit anderen Worten: Spieler, für die der HSV im Laufe der Jahre 42 Millionen Euro an Ablösesummen ausgegeben hat, dürfen für Null gehen. Da sind alle weiteren Worte (fast) überflüssig, wobei dies natürlich nur die eine Seite der Medaille ist. In eine faire Analyse müssen auch die Beträge anderer Spieler einfließen, die der HSV für wenig Geld gekauft und für höhere Summen wieder abgeben konnte (wie Hakan Calhanoglu u.a.).

Zurück zum Tagesaktuellen: Gemeinsamer Nenner bei den beiden öffentlichen Auftritten von Führungsspieler Behrami sowie Coach Zinnbauer war ein gewisses Misstrauen was den Glauben in die eigene Konstanz angeht. Wie heute schön im Abendblatt aufbereitet, ist das Team seit eineinhalb Jahren ohne zwei Siege in Folge (Coach damals: Thorsten Fink) und schon satte vier Jahre ohne drei Dreier hintereinander (Coach damals: Armin Veh).

Kurz zur Personallage: Heiko Westermann musste wegen eines Infekts, den er sich wahrscheinlich bei seinen Kindern aufgehalst hat, heute passen, soll aber – wie Behrami – morgen ins Training einsteigen. Auch Julian Green steht nach überstandener Rippenverletzung wieder zur Verfügung, wobei der US-Nationalspieler sicher einen weiten Weg haben dürfte zurück in die Mannschaft.

Morgen wird wieder auf dem Platz trainiert, und zwar zur Spielzeit um 15.30 Uhr.

Lars
18.12 Uhr

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