Archiv für das Tag 'Juve'

Warten auf DAS Angebot – und auf den nächsten Neuen

29. August 2011

Dieser Blog kommt spät. Entschuldigt bitte! Aber es ist erklärbar. Denn, so hatte ich gestern gehört, heute sollte eigentlich ein erster Transfer verkündet werden. Den wollte ich unbedingt noch mitnehmen, darauf habe ich bis jetzt gewartet. Es sollte einer werden, „der Dich zwar nicht vom Hocker hauen wird, der aber durchaus sinnvoll ist“, so die Ankündigung. Wobei mich das nicht verwunderte – also das mit dem „nicht-vom-Hocker-hauen“. Denn auch mir war klar, dass für spektakuläre, sprich für arrivierte Verstärkungen zunächst ein Spieler verkauft werden muss. Vorzugsweise, so hatten es die HSV-Oberen ja wiederholt formuliert, Eljero Elia.

Und bei dem war gestern Highlife in Tüten. Gerade zur niederländischen Nationalelf abgereist, hatte der Außenstürmer einen Termin nach dem anderen. Oder besser: sein Berater. Galatasaray, Arsenal London, Juventus Turin – um nur die bekanntesten Namen zu nennen, hatten sich bei Elia angekündigt. Eine Entscheidung war allerdings auch bis Ende dieses Blogs noch nicht gefällt.

Im Gegenteil, stattdessen gab es ein Gerücht, dass Paolo Guerrero ein Angebot vom FC Genua vorliegen haben soll. Vom HSV wollte das jedoch keiner bestätigen, im Gegenteil. Ein Wechsel des Peruaners gilt als ausgeschlossen. Schon allein, weil der HSV niemals Elia und Guerrero abgibt. Und als sicher gilt: Elia geht.

Unklar ist allerdings weiterhin, wer dafür kommt. „Ich habe mehrere Namen auf dem Zettel“, hatte Sportchef Frank Arnesen nach dem Köln-Spiel angekündigt. Kein Wunder, denn in tagelangen Sitzungen hatten Oenning und Sportchef Frank Arnesen schon vor Wochen etliche Pläne für den Verkauf des damals bereits umworbenen Niederländers entworfen. Pläne, die in der Zwischenzeit sogar noch um die Namen Michael Ballack und Diego erweitert wurden, wobei der Leverkusener Ex-Nationalspieler als eher unwahrscheinlich, weil vom Trainer nicht gewollt, gilt. Diego würde taktisch besser in das eher offensiv ausgerichtete System Oennings passen – allerdings mag beim HSV niemand ein etwaiges Interesse bestätigen. Nicht mal hinter vorgehaltener Hand. Deswegen belasse ich es auch dabei, erst dann Namen von potenziellen Zugängen zu vermelden, wenn sie zumindest ein wenig gestützt sind. Manchmal ist weniger eben doch mehr.

Das wiederum gilt nicht für Jaroslav Drobny. Der hatte zuletzt wenig glückliche Aktionen, die ihm nicht nur hier im Blog massiv um die Ohren gehauen wurden und werden. Wobei sich für mich ganz klar eine Frage stellt: wie konnte man ernsthaft erwarten, dass der Tscheche gleich durchstartet, nachdem er in der vergangenen Saison nicht nur nahezu die gesamte Spielzeit über auf der Bank saß. Nein, wenn Drobny spielen durfte, gab es für ihn auch meistens noch auf die Augen. Sein einziges „Zu-null-Spiel“ hatte er beim 0:0 gegen Bayern München, wo er den verletzten Rost kurz vor der Halbzeit ersetzte. Seitdem kassierte er 29 Gegentreffer in elf Pflichtspielen. Nein, so etwas verkraftet kein Spieler, der es zuvor gewohnt war, als Stammspieler geführt zu werden. Und dann ist es auch egal, wie viel Größe demjenigen von Außenstehenden angedichtet wird.

Apropos Größe, die zeigt sich auch darin, auf Schadenfreude zu verzichten. Eben so, wie es Frank Rost macht, der ehemalige HSV-Keeper in Diensten Red Bull New Yorks. Der hatte schon nach dem ersten Patzer Jaroslav Drobnys Anfragen verschiedener Medien. Entgegen dem offensichtlichen Trend, als Ex-HSV-Profi zur Schelte auszuholen und seine Befürchtungen zu äußern, verzichtete Rost. Genau wie jetzt. „Ich will nicht zu denen gehören, die aus der Ecke kommen, wenn es nicht so läuft. Warum auch? Ich freue mich nicht über Fehler anderer und am allerwenigsten darüber, wenn der HSV verliert oder nur Probleme hat. Nein, das können andere machen.“ Klare Worte des Mannes, den sich in Hamburg nach Drobnys erneutem Patzer einige zurückwünschen, die ihn letzte Serie noch weggewünscht hatten.

Aber damit sollte es das auch sein. Ich kenne Frank als echten Sportsmann, der zweifellos seinen eigenen Kopf hat und den auch mannschaftsintern durchsetzt. Frank ist ehrlich. Nicht immer diplomatisch, aber eben dem Erfolg verschrieben. Deshalb zuckte er nicht eine Sekunde, als er in der vergangenen Serie darauf angesprochen wurde, wie er es an Drobnys Stelle sehen würde, dem bei seiner Verpflichtung mehr versprochen als letztlich eingehalten wurde. „Sportlich“, so seine Antwort damals. Eben so, wie er es in der Sommervorbereitung nahm, als er sich sportlich gegen den Neuen durchsetzte. Schon deshalb wäre Rost eigentlich über jeden Zweifel erhaben. Aber okay, dass er sich sorgenvolle Gedanken macht ob der aktuellen Situation, das muss er nicht explizit sagen. Rost leidet mit. Das ist klar.

Ebenso – nein, deutlich mehr leidet Drobny. Der reiste heute nach etwas mehr als einem Jahr Länderspielpause wieder zur tschechischen Nationalmannschaft, wo er sich auf andere Gedanken bringen will. Das muss er auch. Nach seinen Fehlern steht der 31-Jährige vermehrt im Mittelpunkt der Kritik. Und wer ihn nicht auch außerhalb des Platzes erlebt, könnte meinen, da steht jemand komplett ohne Selbstvertrauen. Ich habe auch ehrlich gesagt das Gefühl, dass sich hier eine Schraube in die falsche Richtung dreht. Leider. Denn sie dreht sich nach unten, nahezu egal was Drobny macht. Und noch mehr, wenn er es so macht, wie er es im Moment macht. Drobny steht in einer Bringschuld, die sich auch daraus begründet, dass er sich letzte Serie nicht gegen Rost durchsetzen konnte und jetzt erst beweisen muss, dass er den Routinier gleichwertig ersetzen kann. „Jeder, der Fehler macht, gerät in den Fokus der Öffentlichkeit weiß Trainer Michael Oenning aus eigener sehr aktueller Erfahrung zu berichten. Umso lobenswerter, dass sich Rost jeden Kommentar verkneift. Motivation hätte er genug, nachdem er von der damaligen HSV-Führung entgegen eigener Wünsche zum Aufhören bewegt wurde. „Ich trete nicht nach“, sagt Rost.

Nicht nachtreten, dafür nachlegen würde ich gern. Und das werde ich auch, sobald sich transfertechnisch etwas tut. Dann melde ich mich noch mal.

Ansonsten bis morgen. Dann sprechen wir mit Michael Oenning, dem heute schon eine Schonfrist von nur noch zwei Spielen angedichtet wurde. Ich bin gespannt, wie der Cheftrainer selbst seine Situation einschätzt. Vielleicht das dann ja schon vor dem Hintergrund einer oder gar zwei neuer Personalien.

In diesem Sinne, bis bald!

Scholle

Elia geht – kommen noch zwei Neue für Oenning?

28. August 2011

Die Diskussion ist in vollem Gange -. Und das erscheint auch nur logisch. Öffentlich wie beim heutigen Sport1-Doppelpass wie auch hier im Blog, wird beim HSV die aktuelle Misere hinterfragt. Die einen kommen zu dem Schluss, die Mannschaft würde nicht alles geben. Andere, wie Ex-Profi Thomas Strunz im „Doppelpass“ denken, es liegt an der Kaderzusammensetzung und der schwachen Wirkung Oennings auf die Mannschaft. Und wieder andere schieben die Schuld allein auf den Trainer. Wie einige Fans, die nach Schlusspfiff „Oenning raus“ skandierten. Forderungen, die beim HSV allerdings verebben, weil sich der Vorstand weiterhin eindeutig und schützend vor seinen Übungsleiter stellt. „Damit gehen wir sehr offensiv um und werden von unserer Seite darüber gar keine Diskussion führen! Es ist jetzt nicht die Frage des Trainers, es ist jetzt die Frage der Analyse dieses Spiels und der Spiele vorher. Da haben wir zwei Wochen Zeit – und die werden wir nutzen.“ Es ändere auch der Tabellen- und Punktestand nichts an dieser Haltung: „Die Spieler sind ja überwiegend sehr junge Spieler, die noch nicht das Selbstvertrauen gewinnen konnten, was man einfach braucht, um so ein Spiel über die Runden bringen zu können. Da fehlen einfach noch die Erfolgserlebnisse.“

Eine allemal diskutable Sicht der Dinge, wie ich finde. Denn erfahrene Profis wie Drobny, Westermann, Aogo, Jansen, Jarolim, Petric und dazu noch Diekmeier standen in der Startelf, später kamen noch Elia und Guerrero – und das soll nicht ausreichend Erfahrung sein, um ein Bundesliga-Spiel über die Runden zu bringen? Gegen Köln? Das darf nicht stimmen. Denn wie sollte sich das ändern? Im nächsten Spiel, dem brisanten Nordderby bei Werder Bremen? Okay, die Ansprüche an diesen und von diesem HSV sind (noch) nicht allzu hoch.
Sind sie vielleicht sogar zu niedrig?
Denn, keine Frage: der HSV hat gegen Köln sein bislang bestes Spiel gezeigt und sich ob (mindestens) zweier dummer individueller Fehler um den Lohn seiner Arbeit gebracht. In allen Statistiken war der HSV besser. 58 Prozent Ballbesitz, 16 zu 7 Torschüsse und sogar 53 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Dennoch, im Gegensatz zu den HSV-Granden verwende ich extra nicht „wieder“ um den Lohn gebracht, denn bislang hatte der HSV in Dortmund, gegen Hertha und in München durch seine Spielweise nicht mehr verdient. Die Mannschaft, in der Neuzugang Rajkovic ein gutes Spiel machte und zusammen mit Westermann (85 Prozent gewonnene Zweikämpfe, Top-Wert der Partie) die Abwehrmitte gut dicht bekam. Da zudem Tesche und Jarolim das Mittelfeldzentrum im Griff hatten, schien das Hauptproblem der letzten Wochen eigentlich behoben. Und trotzdem gab es vier Gegentore. Nummer elf bis 14 im gerade mal vierten Bundesligaspiel, was die utopische Summe von 119 Gegentoren auf 34 Spieltage ergeben würde.

Und das wird nicht passieren. Auch, weil ich glaube und hoffe, dass Arnesen die Zeichen der Zeit deutlich wahrnimmt. Denn neben der Rückendeckung für Oenning gab es nach dem 3:4 gegen Köln noch eine klare Nachricht: Dass der HSV noch mal auf dem Transfermarkt aktiv wird. In beide Richtungen. So sagte es Arnesen gestern und so bestätigte es der HSV-Sportchef auch heute. „Wir werden bis Mittwoch noch etwas machen“, so Arnesen, der offensichtlich auf den Verkauf vom gestern wieder unauffälligen Eljero Elia hofft. „Wir hatten gute Gespräche vor drei Wochen, wo Eljero klar gesagt hat, dass er bleiben will. Aber in den vergangene zwei Wochen hat sich einiges geändert. Die Tür ist jetzt offen. In diesem Moment gibt es aber kein konkretes Angebot, aber das kann sich bis Mittwoch noch ändern.“ Dem Vernehmen nach ist Juve der ernsthafteste Kandidat, aber auch Klubs aus Spanien und England (Arsenal) sowie Galatasaray Istanbul sollen interessiert sein. Arnesen: „Bislang haben wir kein konkretes Angebot vorliegen.“ Auch dass es ein Tauschgeschäft mit Amauri geben könnte, wie im Internet (auch hier im Blog) spekuliert wurde, schloss der HSV heute aus.
Geht es nach Oenning, soll ein offensiver Kreativspieler für das Mittelfeld kommen. „Es ist kein Geheimnis, dass uns eine solche Personalie sehr gut helfen würde“, so der HSV-Trainer, der sich vielleicht sogar auf zwei neue freuen darf. „Ich habe einige Spieler auf dem Zettel. Je nachdem, wie unsere Möglichkeiten sind, werden wir reagieren“, so Arnesen, der auf eine guten Preis für Elia und die späte Abgabe (und damit Gehaltseinsparung) bei Demel hofft. Denn, das hatte Jarchow nach dem Spiel klar gesagt: „Wir haben keine finanziellen Reserven.“

Klargestellt hat gestern Oenning – auch wenn er bei der Frage nach einem Torwartwechsel lange zögerte -, dass Drobny trotz seines erneuten Patzer die Nummer eins bleibt. „Jaro weiß, dass es ein Fehler war. Aber er ist erfahren und Sportsmann genug, um damit umzugehen.“ Heute trainierte der Tscheche im Kabinentrakt, anstatt mit der ersten Mannschaft. „Es tut sehr weh. Ich habe einen Fehler gemacht und fühle mich scheiße. Ich muss besser werden. Was soll ich sonst sagen?“

Nichts. Zumindest fiele auch mir im Moment nichts Sinnvolles ein. Vielleicht helfen dem ebenso sympathischen wie derzeit glücklosen Torwart die Tage bei der tschechischen Nationalelf, zu der er morgen abreist. Ich hoffe es. Für ihn. Für den HSV. Und für uns. Ebenso wie ich darauf hoffe, dass sich der HSV noch mal sinnvoll verstärkt und die zwei Wochen Pause nutzt, um sich der einen oder anderen Baustelle zu befreien. Es muss tatsächlich alles hinterfragt werden, bis am Mittwoch das Transferfenster bis zum Januar schließt.

Ein guter Anfang: Der zunächst frei gegebene Dienstag wurde gestrichen.

In diesem Sinne,
bis morgen,
Scholle (17.34 Uhr)

Zum Schluss noch mal die Zitate direkt nach Schlusspfiff, gesammelt von meinem Kollegen Alexander Berthold:

Dennis Diekmeier: „Ich bin stinksauer. Wir waren aggressiv, klar besser und kriegen solche beschissenen Tore. Ich kann es nicht fassen.“

Per Skjelbred:
„Das ist jetzt eine ganz harte Situation, aus der wir nur als Team herauskommen. Es geht nicht allein um Drobny. Wir gewinnen und verlieren als Mannschaft. Es ist jetzt ganz wichtig, dass wir zusammenhalten. Unglaublich: Wir schießen zuhause drei Tore und stehen ohne Punkte da…“

Heiko Westermann: „Wir haben heute vieles richtig gemacht. Wir wären der verdiente Sieger gewesen. Speziell die letzten beiden Gegentore dürfen einfach nicht fallen. Obwohl wir vier Gegentore bekommen haben, kann man nicht sagen, dass wir schlecht gestanden haben. Wir waren stabil. Nach dem Rückstand sind wir wieder aufgestanden.“
„Wir müssen nicht über Drobny reden. Wenn man zuhause drei Treffer erzielt, muss man das Spiel gewinnen. Köln schießt in 90 Minuten vier Mal aufs Tore und alle Bälle sind drin.“
„Wir müssen uns der Situation stellen und die sieht so aus: Ein Punkt aus vier Spielen. Es wird jetzt unruhig werden, aber da müssen wir Spieler jetzt durch. Es geht jetzt darum, dass wir Punkte sammeln und nicht über Abstiegskampf zu sprechen. Wir werden gegen Bremen mit der gleichen Leidenschaft auftreten. Dann werden wir nicht als Verlierer vom Platz gehen.“
„Mit Rajkovic hat es für das erste Mal richtig gut geklappt. Er spricht viel und ich unterstütze ihn dabei. Slobodan hat einen richtig guten Job gemacht.“

Frank Arnesen:
„Wir haben das beste HSV-Spiel dieser Saison gesehen. Wir hatten heute in einem Spiel mehr Torchancen als in den drei Partien zuvor. Aber so ist Fußball: Auch solche Spiele kann man verlieren. Wir haben guten Fußball gespielt, leider waren wir in der Defensive nicht so gut. Drei Treffer nach Standardsituationen muss man seriös (ich denke, er meint ernst nehmen) nehmen. Wir müssen das jetzt trainieren und darüber sprechen. 14 Gegentore sind einfach zu viel in dieser Saison.“
„Ich versuche sowohl die positiven als auch die negativen Dinge zu sehen. Und ich sehe sehr viele positive Dinge. Wir haben wenig zugelassen.“
„Es ist ja nicht so, dass ich jetzt ‚Hurra, Hurra‘ schreie und wir müssen jetzt genau überlegen, was wir machen. Niemand kann sagen, dass wir nicht gekämpft haben oder schlecht Fußball gespielt haben. Wir sind alle enttäuscht, dass wir nur einen Zähler nach vier Spielen haben. Aber noch mal: Ich habe eine Verbesserung im Vergleich zu den letzten Spielen gesehen. Ja klar, ich stehe zu Oenning.“
„Wir haben kein Torwartproblem. Keine Frage, Drobny hat unglücklich ausgesehen. Wenn ein Torhüter einen Fehler macht, ist es nun einmal gleich ein Tor. Wenn ein Stürmer eine Chance vergibt, kommt einfach die nächste Gelegenheit. Er hat in der Vorbereitung und auch gegen Hertha bis zu seinem Fehler sehr gut gehalten. Ich will ihn in Schutz nehmen.“

Trappers Sommergeschichte

16. Juni 2010

Das war ein schlimmer Traum, den ich heute Nacht hatte: Der HSV empfängt zum ersten Bundesliga-Spiel der Saison 2010/11 den FC Bayern. Und ich habe keine Pressekarte. Ich habe gar keine Karte. Das Spiel ist seit Wochen ausverkauft, ich renne vor der Arena wie ein Tiger auf und ab, höre die Schüss, höre die Fans “ah” und “oh” schreien – komme aber nicht rein. Erst in den ersten Minuten der zweiten Halbzeit bin ich in der Arena – wie auch immer mir das gelungen ist. Aber: Ich sehe nichts vom Spiel, ich sehe nicht einmal das Spielfeld. Die Leute stehen (!) so dicht gedrängt, wie man es nur noch von alten Fußball-Filme aus den frühen Nachkriegsjahren kennt. Ich bitte die Fans, mich durch zu lassen, ich sage ihnen, dass ich darüber schreiben müsste – nichts. Ich laufe wie gegen eine Wand. Erst Sekunden vor Schluss entdecke ich eine Lücke; ich sehe den Rasen. Und just in diesem Moment schießt der FC Bayern das 1:0. Kopfball Schweinsteiger an die Latte, und den Abpraller versenkt Oliver Kreuzer (!) aus einem Meter. Ihr erinnert Euch: Kreuzer war vor einem Jahr als Sportchef des HSV im Gespräch. Und spielt schon seit Jahren keinen Fußball mehr.

Was will mir dieser Traum sagen? Auf jeden Fall wohl eines: Ich träume wieder von der Bundesliga. Denn von dieser WM bekommt man ja (noch) nur Albträume. Aber: Wir “Matz-abber” haben ja noch unsere Sommergeschichten, und ich kann nicht damit aufhören, mich bei Euch für all diese grandiosen Werke und für die Mühe und für die Unterstützung und für den Mut, den Ihr Autoren aufgebracht habt, zu bedanken. Das ist sensationell, das ist einmalig – und, das solltet Ihr alle wissen, es wird gelesen und gelobt. Oft gelobt. Diese vielen Lob-Hudeleien kann ich nur weitergeben, denn es war “HK Hans”, der diese Super-Idee hatte. Danke, danke, danke an ihn und an alle. Es geht weiter.

Heute kommt bei uns ein Autor zu Wort, auf den ich lange “gelauert” habe. Der Trapper schreibt. Er schreibt lang, und er schreibt toll. Ich wünsche Euch viel Spaß mit seiner fußabllerischen Sommergeschichte. Es geht los:

Andere Zeiten, andere Sitten

Athen 1983. Endspiel des Europapokals der Landesmeister. Ein Missverständnis zwischen Manni Kaltz und Jürgen Groh. Zum Glück ist kein Italiener in der Nähe, also bleibt es ohne Folgen. Joschi Groh holt sich den Ball, passt auf Magath. Felix nimmt 25 Meter vor dem linken Strafraumeck Anlauf. Er zieht zum Strafraum, ein Italiener springt ins Leere. Dann zieht Felix mit dem linken Fuß ab. Der Ball fliegt als Bogenlampe in Richtung der langen Ecke des von Dino Zoff gehüteten Tores. Da geschieht es: Die Turiner Spieler, in schwarzen, fußknöchellangen, untaillierten Baumwollkleidern, an denen weiße Seidenschleier unter den Armen befestigt sind, beginnen ein Verschwörungsritual. Sie tanzen eurythmisch um den eigenen Strafraum herum und formen mit den Armen die Buchstaben „J-U-V-E“. Der Schlenzer von Felix wird immer länger, fliegt über den verdutzten Zoff hinweg und schlägt im langen Eck des Tores ein. Der Schiri pfeift. Doch was ist das? Auch der Schiri trägt ein Eurythmie-Gewand – natürlich schwarz! Seine Arme formen das Wort „A-B-S-E-I-T-S“. Skandal: Er gibt das Tor nicht! Das war doch ein klares Tor!

Ich höre Fritz Kleins nüchternen Kommentar fürs Fernsehen: „Tja, Abseits. Pech für den Hamburger Sport-Verein. Kein Tor, mein Damen und Herren. Lassen Sie sich einfach mal auf diese Entscheidung des Schiedsrichters ein . . .“ Die Kamera schwenkt auf die Tribünen. Unfassbar: Alle Zuschauer tragen pastellfarbene Batik-T-Shirts und schwenken selbstgehäkelte Fahnen mit schwarz-weißen Längsstreifen. Wie von Zauberhand und auf ein geheimes Kommando holen sie Blockflöten hervor, die anthroposophische Variante der südafrikanischen Vuvuzela, und spielen Mozarts „Kleine Nachtmusik“. Gute Nacht, HSV.

Mit Schrecken realisiere ich: Dies ist eine Verschwörung! Jahre später wird sie mit Matt Damon in der Rolle des Felix Magath verfilmt werden: „Die Waldorf-Verschwörung“! Schockiert beginne ich zu verstehen: Wir haben keine Chance. Wir werden am Ende verlieren. Alle, die Juventus-Spieler, die Zuschauer und der Schiedsrichter sind Rudolf-Steiner-Jünger.

Schweißgebadet wache ich auf. Ein dünner Faden Speichel rinnt mir aus dem Mund und hat mein zerwühltes Kopfkissen benetzt. Angeekelt krieche ich aus den Federn. Der Kopf dröhnt, als hätte ich in unmittelbarer Nähe der Schnellbahnstrecke Hamburg-Berlin geschlafen. Was für ein Albtraum.
Am Frühstückstisch denke ich an die mir verhasste „DEMETER“-Vollkornkost meiner Schulzeit und beiße lustvoll in ein konventionell produziertes Salamibrötchen. Da fällt mir ein, dass ich neulich in einem Artikel über Traumatisierungsopfer las, dass mit zunehmendem Alter die Hemm-Mechanismen des Gehirns nachlassen. Schöne Aussichten.

Ja, ich gestehe: Ich war Waldorfschüler. Ein Faktum, welches normalerweise nicht der Rede wert wäre, ohne dessen Erwähnung meine Geschichte jedoch unverständlich bliebe. Rudolf-Steiner-Schule Wandsbek. Das volle Programm. Von der Einschulung bis zum Abitur. „Abbe-Ecken“ (den Räumen von Waldorfschulen werden von jeher – aus mir unverständlich gebliebenen Gründen – mittels baulicher Maßnahmen die rechten Winkel genommen), Wachsstifte und eine Neigung zu pastellartigen Farbverläufen.

Und natürlich Eurythmie. Gewöhnlich als eine Art Ausdruckstanz beschriebene Bewegungsform, bei der mit bestimmten Armbewegungen die Buchstaben des Alphabets nachgebildet werden. Mindestens ein Mal pro Woche Eurythmie-Unterricht. Ich kann bis heute meinen Vornamen „tanzen“. Ein Schicksal, das ich – wie ich jüngst erfuhr – mit Kurt Krömer teile, auch ein traumatisiertes „Opfer“ anthroposophischer Pädagogik.

Warum wir ausgerechnet Eurythmie machen mussten? Eine Frage, die wir als Schüler immer wieder den Lehrern stellten – und nie eine wirkliche Antwort erhielten. „Das ist gut für euch. Lasst euch einfach darauf ein! Dann werdet ihr schon darauf kommen.“ So, oder so ähnlich, lautete die gebetsmühlenartig wiederholte Antwort. Also tanzte ich jahrelang und wartete auf die Erleuchtung. Nicht, dass ich nicht eine gewisse meditative Ruhe empfand, doch die hätte ich wohl auch empfunden, wenn Tai-Chi Pflichtfach gewesen wäre -allerdings wäre das „cooler“ gewesen.

Genauso rätselhaft wie das Eurythmie-Gebot blieb uns Schülern das Fußball-Verbot an unserer Schule. Denn Fußballspielen war nicht nur verpönt, nein, es war ausdrücklich verboten! Natürlich unternahmen wir Schüler mehrere Versuche, um den Grund für dieses Verbot zu erfragen. Doch merkwürdigerweise konnte oder wollte uns so recht niemand aufklären (auch in einem anderen Zusammenhang fühlte sich für Aufklärung niemand wirklich zuständig an unserer Schule, doch dies wäre eine andere Geschichte). Meist wurde uns lapidar beschieden, wir seien noch nicht in dem Alter, um dies zu verstehen, und wir sollten es einfach „so hinnehmen“. Diejenigen Lehrer, die auf die Einhaltung des Verbots achteten, machten dabei ein Gesicht, als verfügten sie über ein Wissen, das nur wahrhaft Eingeweihten zugänglich war. Aus dieser Zeit muss mein tief verwurzeltes Bedürfnis nach aussagekräftigen, rationalen Argumenten rühren. Und mein Misstrauen gegenüber jeder Form von Esoterik . . .

Natürlich kümmerte uns das Verbot wenig. Die meisten von uns waren Fans des HSV, und natürlich traten wir gerne und bei jeder Gelegenheit selbst gegen den Ball. Nur waren wir eben gezwungen, dies heimlich zu tun. Da traf es sich gut, dass das Schulgelände um einen zweiten Schulhof erweitert wurde, der abseits des Hauptgebäudes (und des dort befindlichen Lehrerzimmers) auf der anderen Seite der Wandsbeker Allee lag und nicht ohne weiteres einzusehen war. Lehrer, die vom Hauptgebäude kamen, mussten den neuen Schulhof durch einen schmalen Durchlass zwischen der Turnhalle und einigen seitlich gelegenen Baracken betreten. Etwaiges Unheil in Gestalt einer Autoritätsperson drohte also nur aus einer Richtung.

Einen zweiten Vorzug besaß dieser Hof: Er war asphaltiert und er hatte die richtige Größe. Er eignete sich hervorragend dazu, um dort nach der Schule mit einigen Klassenkameraden noch eine Partie „Fußi“ zu spielen. Natürlich nur auf kleine, provisorische Tore aus Schulranzen und Klamotten und mit „fliegendem Keeper“, denn keiner von uns verspürte normalerweise das dringende Bedürfnis, sich als Torwart auf den Asphalt zu werfen. Es sei denn, es tauchte überraschend eine der von uns angehimmelten weiblichen Schönheiten aus der Parallelklasse auf, welche selbstredend in ein außerordentlich wichtiges Gespräch mit ihren Freundinnen vertieft, uns allein durch ihr Erscheinen zu mancher tollkühnen Aktion anspornte.

Es war an einem warmen Sommertag in den späten Siebzigern. Zu einer Zeit, als der Sommer noch warm, der Herbst jedoch später heiß genannt werden sollte. Wir waren Jungdachse, bisweilen übermütig und stolz. Bei dem einen oder anderen spross der erste Bart. Und zu unserer größten Genugtuung mussten uns die Lehrer nun „siezen“. Ein Privileg, auf dessen Einhaltung wir gewöhnlich sorgsam achteten. Es sei denn, einer unserer Lieblingslehrer – auch die gab es! – erlaubte uns, ihn oder sie zu duzen. Dann lag der Fall selbstverständlich gänzlich anders. Unsere „Lieblinge“ waren einst meist selbst Schüler der Schule gewesen, wussten also zwischen theoretischer Anthroposophie und Realität, so wie sie sich für uns Schüler darstellte, aus eigenem Erleben zu unterscheiden. Diese Lehrer waren – in fast jeder Hinsicht – undogmatisch.

Während wir also spielten, versuchten wir mit einem Auge den Durchgang zum Schulhof im Blick zu behalten. Schließlich ging es nicht darum, dass ein Lehrer den Durchgang betrat, sondern welcher Lehrer dort auftauchte! Denn unsere Lieblingslehrer taten gewöhnlich so, als bemerkten sie unser verbotenes Spiel gar nicht, oder gingen gar winkend und grinsend vorbei. Bei den Dogmatikern jedoch war Vorsicht geboten. So konnte es vorkommen, dass wir urplötzlich gezwungen waren, unser Spiel zu unterbrechen, um dann zusammenzuströmen, als sei der einzige Anlass unserer Zusammenkunft die Besprechung unserer Hausaufgaben.

An diesem Tag passierte, was irgendwann kommen musste. Wir waren in ein hitziges Spiel vertieft und hatten für einen Augenblick den Durchgang aus den Augen verloren. Plötzlich schrie eine weibliche Stimme: „Aufhören, sofort aufhören!“. Überrascht sahen wir eine, uns in jeder Hinsicht als sittenstreng bekannte Lehrerin mittleren Alters, die mit zornrotem Gesicht am Spielfeldrand stand. „Alle sofort zu mir!“ befahl sie, und so trotteten wir schuldbewusst zu ihr. Als wir, reuige Sünder mimend, im Halbkreis vor ihr standen, sagte Frau B. im vorwurfsvollen Ton: „Ihr wisst doch, dass ihr nicht Fußball spielen sollt. Ihr hört jetzt sofort auf damit und dann will ich das“, sie verzog dabei angewidert den Mund, „hier nie wieder sehen!“

Ich habe während meiner Schulzeit, ich gebe es zu, so manchen Lehrer an den Rand seiner nervlichen Belastbarkeit getrieben, da ich von Haus aus einen liberalen Erziehungsstil gewohnt war. Ich war es gewohnt, Dinge zu diskutieren und zu hinterfragen. Also witterte ich meine Chance. Mit interessierter Mine blickte ich daher Frau B. in die Augen und sagte mit dem leutseligsten Ton, der mir zur Verfügung stand: „Oh, Frau B., natürlich wissen wir, dass wir nicht Fußball spielen sollen, – doch leider hat uns nie jemand erklären können, warum dieses Verbot besteht. Vielleicht wären Sie so freundlich und könnten uns dies erklären? Sie verstehen sicher, dass es nicht einfach ist, ein Verbot zu akzeptieren, dessen Sinn man nicht versteht…“.

Frau B. schien sich über mein Interesse zu freuen. Zu meiner Überraschung willigte sie ein und begann zu erklären: „Nun, stellt Euch vor“, verlangte sie, „der Ball ist rund wie unsere liebe Erde. Wenn ihr also den Ball mit Füßen tretet, dann ist das so, als würdet ihr unsere liebe Erde mit Füßen treten. Das ist nicht schön!“ Ich war angemessen beeindruckt. So war das also. Doch so einfach gab ich mich natürlich nicht geschlagen.
„Frau B.“, entgegnete ich, „nur damit ich das richtig verstehe: Handball dürfen wir doch spielen, nicht wahr?“ Sie nickte zustimmend und meinte, Handball sei „etwas ganz anderes“.
„Stellen Sie sich vor, Frau B.“, fügte ich seelenruhig hinzu, „ein Handball, der ist rund – wie unsere liebe Erde. Richtig?“
Sie nickte wiederum.
„Nun, wie wäre es, wenn ich einen Handball nähme und dort drüben in den Mülleimer würfe. Selbstverständlich nur aus Versehen. Aber wäre dies nicht so, als würde ich unsere liebe Erde in den Müll befördern?“
Entgeistert schaute sie mich an, dann kehrte augenblicklich die Zornesröte in ihr Gesicht zurück.
„Sie verstehen das anscheinend einfach nicht.“, befand sie in schrillem Ton. „Sie sind einfach noch zu unreif. Es wird hier kein Fußball gespielt und damit Ende der Diskussion!“ Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und rauschte davon.

Kaum war sie gegangen, tippten wir uns an den Kopf. Um jedoch keinen weiteren, unnötigen Ärger zu bekommen, spielten wir von diesem Tage an auf einem nahe gelegenen öffentlichen Rasengrundstück, welches sich außerhalb des Schulgeländes befand. Und da zu jener Zeit der HSV die schönsten Erfolge feierte, spielten wir dort einzig ein Spiel, und dies leidenschaftlicher denn je: Fußball.

Vor cirka zwei Jahren suchte ich eines Tages meine Schule im Internet und fand tatsächlich eine Homepage. Hauptsächlich wollte ich wissen, welche Lehrer aus meiner Zeit noch an der Schule arbeiteten. Der letzte, der mir persönlich bekannt war, war – wie ich bei dieser Gelegenheit herausfand – gerade in den Ruhestand verabschiedet worden. Dann aber las ich dort – zu meinem größten Erstaunen – folgenden Eintrag:

„Die erfolgreichen Absolventen des Abiturjahrganges traten zu dem schon traditionellen (sic!) Fußball-Match gegen eine Lehrer-Auswahl an“.
Ich war schockiert. Welch ein Verfall der Sitten! Für einen kurzen Augenblick erwog ich die Möglichkeit, eine Protest-Mail an das Schulsekretariat zuschreiben. Kein Wunder, dass sich das Klima in unseren Breiten ändert. Die „liebe Erde“ schlägt zurück.

Danke, Frau B.! Endlich bin ich reif genug und habe verstanden.

13.01 Uhr