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Berg kommt ins Rollen: “Es passt endlich alles”

18. April 2012

Da war mächtig Dampf drin. Zu viel am Ende sogar, wie Trainer Thorsten Fink befand, als er das Training nach etwas mehr als einer Stunde vorzeitig abbrach. Zuvor musste Jeffrey Bruma mit einem dicken Knie im Golf-Kart abtransportiert werden und ein lautstarker Zoff zwischen Gojko Kacar und Gökhan Töre von Dritten geschlichtet werden. Das Pikante an letzterem: die beiden Streithähne waren in derselben Mannschaft…

Aber gut. Der erste Verdacht auf Bänderriss bestätigte sich bei Bruma glücklicherweise nicht, stattdessen wurde nur eine schmerzhafte Prellung festgestellt. Der Niederländer soll schon am Donnerstag wieder trainieren können und auch zwischen Töre und Kacar soll nach einer kurzen Aussprache alles wieder geklärt sein.

Und wisst ihr was: DAS ist, was ich schon seit Wochen erwartet hatte. Ich hatte gedacht, dass es viel früher und häufiger intern knallt. Ich hatte es sogar gehofft. Zum Verständnis: Nicht, dass ich mutwillig herbeigeführte Verletzungen gutheiße, nein! Ich hatte vielmehr auf eine positive Aggressivität gehofft, auf klare Ansagen an alle die, die mal für eine Sekunde ein Prozentpünktchen weniger geben. So genannte „Reinigende Gewitter“ eben. Dass es erst jetzt so weit ist – es macht mich zumindest für die (hoffentlich vorentscheidende) Partie in Nürnberg optimistisch. Und das reicht mir für den Moment. Dass Fink dabei auf die Mannschaft aus dem Hannover-Spiel setzen kann – umso besser.

Dazu zählte auch Marcus Berg. Ich habe mich heute zusammen mit meinem Kollegen Florian Heil mit Berg getroffen. Und ich war sehr positiv überrascht. Berg ist längst nicht mehr der schüchterne, introvertierte Typ von vor einem Jahr. Damals brauchte ich 30 Minuten, ehe Berg mir die erste Frage nicht mehr nur mit „ja“ oder „nein“ beantwortet hatte. Ich spürte damals, wie skeptisch Berg war, wie verfolgt er sich fühlte, nachdem er schon als teuerster Fehleinkauf der Vereinsgeschichte abgeurteilt worden war. Heute ist das anders, das Gegenteil ist der Fall: Der Schwede ist selbstbewusst, locker und gesprächig. Und das in nahezu perfektem Deutsch. „Skandinavier lernen das schneller, weil unsere Sprachen recht ähnlich sind“, so Berg, dessen letzten Einsätze zu gefallen wussten. Wobei Berg selbst noch nicht zufrieden ist. „Ich muss noch mehr zum Abschluss kommen, deutlich mehr Tore erzielen.“ Allerdings sei die Situation zu ernst, um sich länger mit sich selbst zu beschäftigen. „Erstmal die Klasse sichern – dann können wir uns um Einzelschicksale kümmern…“

Dabei ist Berg noch vor ein paar Wochen nicht davon ausgegangen, dass sich die Saison für ihn doch noch mal zum Guten wenden würde. „Der Trainer schien nicht wirklich mit mir zu planen“, so Berg, dem Fink lange Zeit nachsagte, er sei nach seiner Schulterverletzung noch zu zaghaft und zu ängstlich in den Zweikämpfen. „Dabei hatte ich das Gefühl, ich sei gut drauf.“ Umso überraschter war er, als Fink ihn vor dem Heimspiel gegen Freiburg zum Gespräch bat. „Ich habe anschließend sehr gut trainiert und war froh, wieder dabei zu sein.“ Zwar wurde das Spiel 1:3 verloren, aber Berg zeigte in seinen 45 Minuten, dass er helfen kann.

Seither hat Berg fünfmal in Folge von Beginn an gespielt, dabei ein (extrem schönes) Tor geschossen. Und der Schwede überzeugte nicht nur Fink. Was sich für ihn verändert hat? „Vieles“, lacht Berg, „ich bin deutlich selbstbewusster als zu dem Zeitpunkt, wo ich nach Hamburg gekommen bin.“ Damals, im Juli 2009, hatte Berg nach eigener Aussage massive Probleme, sich in Hamburg einzuleben. „Ich kam allein und war allein“, so der Schwede ehrlich, „der Trainer war gut, aber er sprach kaum mit mir. Wie auch? Er konnte kaum Englisch, ich kaum Deutsch. Aber das war ein Problem, denn sportlich lief es nicht wirklich rund für mich und ich brauchte Feedback, das ich nicht bekommen habe. Genau das ist heute alles anders.“

Heute hat Berg mit seiner Freundin, die bei ihm in Winterhude lebt, eine gesunde, zehn Monate alte Tochter Jolie. Er hat sich ein soziales Netzwerk aufgebaut, das auf persönlichen Treffen und Unternehmungen basiert und nicht mehr allein von telefonischem Trost lebt. Den hatte sich Berg lange Zeit bei seinem Bruder geholt, der selbst als Fußballprofi in der zweiten schwedischen Liga spielt und als einziger Halt fungierte. „Wir telefonieren heute noch immer sehr regelmäßig“, sagt Berg. Allerdings heute mit erfreulichen Inhalten. „Sein Kind ist drei Monate älter als meine Tochter und wir reden viel über die Familie“, sagt Berg und man merkt, wie glücklich der 25-Jährige derzeit ist. Sportlich – weil privat alles stimmt. „Ich bin ein sensibler Mensch“, sagt Berg, „aber ich habe zu Hause Halt. Wenn ich im Stadion auf dem Platz oder beim Training bin, bin ich der Fußballprofi, der an nichts anderes als Fußball denkt. Aber sobald ich mich ins Auto setze und nach Hause fahre, bin ich nur noch der Papa Berg. Ich lebe zwei ganz unterschiedliche Leben in einem.“ Und genau diese Abwechslung ist es, die Berg desensibilisiert hat. „Ich gebe heute nichts mehr auf das, was andere über mich schreiben oder sagen. Ich mache mir keinen Kopf mehr. Ich arbeite hart und weiß, dass es sich lohnt, dass ich irgendwann dafür belohnt werde.“ Was für eine Belohnung er sich erhofft? Berg lächelt, zögert und sagt: „Eigentlich darf man das in unserer Situation nicht sagen, aber ich setze darauf, mit Hamburg einen Titel zu holen. Dieser Verein ist so groß, hat so viel Potenzial – schon bei meiner Unterschrift 2009 war ich mir sicher, dass wir hier etwas holen können.“ Zwar sei das im Moment nur der Klassenerhalt, aber schon in der kommenden Saison hofft Berg auf einen Schritt nach vorn. „Wir haben viele 18-, 19-jährige Spieler, die sich gerade entwickeln. Im nächsten Jahr sind wir ein Jahr weiter. Und wenn sich nicht allzu viel verändert, werden wir eingespielter sein, dadurch besser werden. Wir haben schon dieses Jahr eine gute Mannschaft, eine bessere als viele andere in der Liga. Allerdings war es ein großer Umbruch und wir haben nicht das umsetzen können, was wir von uns selbst erwartet haben. Aber ich bin mir sicher, dass wir nicht noch so eine Saison spielen werden.“

Berg macht Spaß. Dass er ein sehr sympathischer Typ ist, war immer klar. Ebenso, dass er vor dem Tor extrem kaltschnäuzig ist. Aber dass der Schwede beim HSV nach den bislang verpatzten zweieinhalb Jahren noch mal selbstbewusst auftritt, war lange Zeit fraglich. Heute tut er es. Und er fasst es folgendermaßen zusammen: „Ich bin 2009 als junger Spieler in eine Mannschaft mit vielen älteren Spielern mit großen Namen gekommen. Ich hatte Probleme, mich sportlich und privat einzufinden. Aber ich habe immer gewusst, dass ich Bundesliga spielen kann. Heute bin ich einer der älteren Spieler und habe eine neue, gute Rolle. Ich spiele endlich. Und auch wenn ich noch zu wenig treffe, ich kann endlich sagen, dass Hamburg meine Heimat ist. Es passt endlich alles zusammen.“ Wo das hinführen kann? „Wenn ich immer spiele, meine feste Rolle im Team habe, glaube ich an zehn Tore pro Saison.“ Zumindest sei das sein Minimalziel.

Klingt gut. Sehr gut sogar, wie ich finde. Zumal Berg – und legt ihm das bitte nicht negativ aus, weil wir ihn mehrfach bitten mussten, bis er überhaupt darauf reagierte – noch immer einen großen Traum hat: „Ich habe bei meiner Unterschrift beim HSV gesagt, dass ich mit diesem verein einen Titel holen werde. Und daran glaube ich noch immer.“

In diesem Sinne, wissend, dass es ein verdammt weiter Weg ist, hoffe ich einfach mal, dass Berg Recht behält. Morgen wird um 15.30 Uhr an der Imtech-Arena trainiert.

Scholle

P.S.: Angesprochen darauf, wie viele Tore er machen würde, wenn er für Real Madrid (Ronaldo hat 41 ! Ligatreffer) oder Barcelona (hier hat Messi 41-mal getroffen) machen würde lachte Berg laut. „Was Messi und Ronaldo machen, ist eine andere Sportart. Die ist nicht von dieser Welt. Die beherrschen nur die beiden“, so der Schwede, der bei allem neuen Selbstvertrauen eine gesunde Portion Selbstkritik besitzt: „Nein, ich bin beim HSV selbst dafür verantwortlich, mich zu steigern. Ich muss mich noch mehr in die Situationen bringen und zum Abschluss kommen.“ Dafür sei eine Umgewöhnung nötig. „Beim PSV Eindhoven sollte ich die Bälle mit dem Gegner im Rücken festmachen, ich sollte anderen Lücken reißen. Das lag mir nicht so. Jetzt, unter Fink, ist das anders. Er gibt mir neue Ideen. Bei ihm soll ich die Lücken selbst suchen und möglichst oft zum Abschluss kommen. Und daran arbeite ich“, so Berg, der lachend hinterherschob: „Und das mache ich so lange, bis ich auch mal 41 Saisontore habe…“