4:1-Sieg – die Hoffnung stirbt zuletzt!
11. Mai 2013
Der HSV lebt noch. Am 33. Spieltag gab es den ersten Sieg in Sinsheim, oder besser gesagt, bei der TSG 1899 Hoffenheim, der mit 4:1 noch recht üppig ausfiel. Der HSV zeigte diesmal eine seiner besten Leistungen dieser Saison und darf noch bis zuletzt vom Weg nach Europa träumen. Weil es Eintracht Frankfurt mit dem 1:1 in Bremen noch spannend gemacht hat. Freiburg ist vom HSV aber nicht mehr einholbar, weil es in Fürth mit viel, viel Glück einen 2:1-Sieg gab. Der HSV wird seinen Chancen nachtrauern, denn den europäischen Start hat die Mannschaft von Thorsten Fink in den Heimspielen gegen Fürth, Augsburg und Freiburg vergeben. Aber, es gibt sie ja noch, die Minimal-Chance für den HSV – dank Frankfurt oder auch dank Bremen. Es lebe die Hoffnung.
Sie haben sich noch nicht aufgegeben. Das habe ich Mitte der Woche geschrieben. Und habe so bei mir gedacht: „Naja, was sollen die Spieler, was soll der Trainer und was sollen die Verantwortlichen schon sagen? Lieber eine Woche noch an einen Strohhalm klammern, an einen ganz, ganz kleinen und dünnen Strohhalm, als schon eine Woche lang erklären müssen, warum es nicht mit Europa geklappt hat. Aber die Mannschaft und ihr Chef Thorsten Fink, sie haben alle Ernst gemacht. Von Beginn an wurde im letzten Auswärtsspiel der Saison auf das Gaspedal gedrückt. Der HSV war heiß, war bissig, war aggressiv. Und hätte fast schon nach wenigen Sekunden in Führung gelegen: Eckstoß Rafael van der Vaart von rechts, Kopfball in der Mitte von Marcell Jansen – der Ball streicht am langen Eck vorbei. Fast wäre Heung Min Son noch herangekommen, aber das war schon mal ein verheißungsvoller Auftakt.
Thorsten Fink hatte seine Mannschaft doch noch einmal umgekrempelt. Dennis Aogo kam links zum Einsatz, weil Son in die Sturmmitte rückte – denn Artjoms Rudnevs blieb auf der Bank. Und im rechten Mittelfeld spielte Petr Jiracek, auf jener Position, die ihm vor dem letzten Heimspiel gegen Wolfsburg auch schon zugedacht war. Und, um es einmal, vorweg zu nehmen: Thorsten Fink hat mit dieser Aufstellung alles richtig gemacht.
Das zeigte sich schon beim ersten HSV-Tor an diesem Nachmittag. Dennis Diekmeier sprintete mit Ball von der Mittellinie recht los, rannte und rannte, zog dann von der Rechtsaußen-Position (auf Höhe Elfmeterpunkt) eine traumhafte Flanke zur Mitte, in die Son am Elfmeterpunkt stieg – und die Kugel super in die lange Ecke köpfte. Hoffenheim-Keeper Casteels rutschte zwar bei seinem Abwehrversuch aus, aber die Experten, die um mich herumsitzen, waren sich einig: „Den hätte der Torwart auch ohne auszurutschen nicht bekommen . . .“ Ich will ihnen mal glauben. Auf jeden Fall ein Tor aus dem Bilderbuch, und ein ganz wichtiges für den HSV (18.).
Zehn Minuten später hätte es schon 2:0 stehen müssen. Son bediente den mitgelaufenen Jiracek, der kreuzte völlig frei vor dem TSG-Tor auf und konnte sich die Ecke aussuchen. Der Tscheche entschied sich – völlig richtig – für die lange, für die linke Ecke, schlenzte den Ball mustergültig am Keeper vorbei – aber auch um Zentimeter am Pfosten vorbei. Das war Pech. Viel Pech sogar.
Das 2:0 fiel aber trotzdem. Rafael van der Vaart sah Son in die halbrechte Gasse starten, der Pass kam zuckermäßig, der Südkoreaner nahm den Ball mit der Brust mit, umkurvte Torwart Casteels und schoss. Und nun rätseln die Experten: War es ein Torschuss, oder war es doch eher ein kluger und sehenswerter Rückpass? Wir entschieden uns hier, im Block House Eidelstedt, mit 4:0 für Rückpass. Egal wie, es war großartig gemacht, Borussia Dortmund wird es wahrscheinlich sehr gerne sehen (warum wohl?) – und Aogo hat es auch sehr, sehr gerne gesehen, denn der Nationalspieler musste den Ball nur über die Torlinie drücken. Sein zweites Saisontor. Und natürlich lief er sofort zu Son, um sich für diesen Treffer zu bedanken (35.). Das sah schon ganz verdächtig nach großartigem Fußball aus. Der HSV war in dieser Phase eindeutig der Chef im Ring. Hoffenheim kam lediglich einmal recht gefährlich vor das HSV-Tor, als Rene Adler nach einem Freistoß etwas unfair attackiert wurde (Volland) und am Ball vorbeisprang. Die anschließende Flanke köpfte Volland dann auf das Tor, doch zum Glück war Marcell Jansen auf die Torlinie zurückgeeilt und drosch die Kugel wieder Richtung Mittellinie (43.). Gut gemacht, „Cello“! Halbzeit. Und auf dem Gang in die Kabine beschwerte sich Adler noch bei Schiedsrichter Dingert (der ansonsten sehr gut pfiff).
Mit dem Anpfiff zum zweiten Durchgang begann der Sturmlauf der Hoffenheimer. Der HSV konnte sich selten aus dieser Umklammerung lösen, aber einmal gelang es ganz entschieden: Nach einem abgewehrten Ball schoss Diekmeier aus der halblinken Position – eigentlich weit vorbei – Heiko Westermann bekam die Kugel im zweiten Versuch unter Kontrolle, überließ sie Jansen, der den Ball flach zu Mitte beförderte. Dort stand mutterseelenallein Jiracek, der ohne große Mühe zum 3:0 einschoss. Die Vorentscheidung (60.).
Einziger Schönheitsfehler an diesem Treffer – im Gegenzug schoss Volland zum 1:3 ein, unhaltbar für Adler. Noch einmal durfte dann der HSV dagegen von einem Tor träumen, als Milan Badelj seine Spitze Son schickte. Wie einst in Mainz lief der Torjäger auf das TSG-Tor zu, legte sich die Kugel dann aber etwas zu weit vor – Casteels hielt (69.). Der Rest war Abwehrkampf – und ein Konter. Badelj schickte den eingewechselten Rudnevs, und der traf mit links zum 4:1. Das zwölfte Saisontor für den Letten (88.).
Die Einzelkritik:
Rene Adler hielt großartig, auf ihn war stets Verlass – einmal sah er unglücklich aus, als er von Volland unfair attackiert wurde, aber das blieb ohne Folgen.
Dennis Diekmeier bot eine sehr engagierte Partie ab, er lief rauf und runter und machte seine rechte Seite ziemlich dicht. Nur in der 66. Minute sah er einmal schlecht aus – Schwamm drüber. Note drei.
Heiko Westermann war wieder einmal unheimlich wertvoll, denn er hatte so oft noch seinen Kopf oder auch nur die Stiefelspitze zwischen einem gut gemeinten TSG-Pass. Der Bundestrainer sah bei dieser Partie zu, er wird es mit Freude registriert haben, wie gut Westermann in Form ist. Note zwei.
Slobodan Rajkovic räumte hart, gelegentlich etwas rustikal ab, aber das zeigte Wirkung. „Slobo“ bot eine solide Partie, Note drei.
Marcell Jansen hatte wieder eine sehr gute erste Halbzeit, dann ließ er ein wenig nach. Ohne abzustürzen. Beim 1:3 aber sah er nicht sehr glücklich aus, als er nur mit der Hacke einen Pass abblocken wollte – das war eine falsche Idee, weil einfach zu simpel.
Tomas Rincon wurde oft hart und auch überhart attackiert, aber er, der sonst so austeilt, steckte alles super weg. Das war eine gute Partie, er spielte zuverlässig und konzentriert – Note drei.
Milan Badelj war ein wichtiger Mann in dieser HSV-Mannschaft, spielte viele gute Bälle, eroberte auch einige – das sah teilweise schon wie in der Hinrunde aus, als er überragend spielte.
Petr Jiracek war auch rechts ein Gewinn, er arbeitete enorm viel und vor allen Dingen ohne Pause für die Mannschaft, das war besonders wertvoll. Und er krönte diese Partie mit seinem ersten Saisontor. Note drei.
Dennis Aogo durfte – etwas überraschend – auf link ran und bedankte sich mit einer engagierten Fließleistung – und mit seinem zweiten Saisontor.
Rafael van der Vaart war der Chef in dieser HSV-Mannschaft, auch wenn die ganz großen Szenen wieder fehlten. Dennoch, und das hat in dieser Woche Trainer Fink schon gesagt: „Wenn es gefährlich nach vorne geht, dann hängt meistens van der Vaarts linker Fuß damit zusammen.“ So ist es. Note drei.
Heung Min Son schoss sein zwölftes Saisontor und legte das 2:0 vor, wirkte unternehmungslustig und wirbelte viel – das war eine gute Bewerbung für eine Mannschaft aus der Champions League. Note zwei. Ging in der 77. Minute mit einem Wadenkrampf raus.
Per Ciljan Skjelbred (ab 65. Min. für Aogo) stopfte fleißig – so wie er von Natur aus ist – noch etliche Löcher. Was gut an diesem wuseligen Norweger ist: Er braucht selten eine längere Anlaufzeit.
Artjoms Rudnevs (ab 77. Min. für Son) konnte eigentlich nur noch verteidigen, denn der HSV stand zu diesem Zeitpunkt unter Dauerdruck.
Maximilian Beister (ab 90. Min. für Jiracek) durfte die Siegprämie noch einheimsen. Mehr war nicht drin.
So, das war es mit dem letzten Auswärtsspiel des HSV in der Saison 2012/13. Gleich aber geht es noch ein wenig weiter, denn wir sind, und zwar in einigen Minuten, mit „Matz ab live“ zur Stelle und werden über das Hoffenheim-Spiel reden. Und zwar mit unserem Gast Holger Hieronymus, dem ehemaligen Nationalspieler, HSV-Profi, HSV-Trainer und HSV-Sportchef sowie DFL-Geschäftsführer. Und dazu ist „HH“ natürlich – und für mich sogar in erster Linie – einer der HSV-Helden von 1983, vom Europapokal-Sieg über Juventus Turin. Wir freuen uns. Auch auf euch.
17.29 Uhr