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Van der Vaart – Chance oder Risiko?

14. Oktober 2014

Oha, welche Dimensionen diese eine Personalie doch ziehen kann: Marcell Jansen. Der Linksverteidiger, der zuletzt im linken Mittelfeld vor seinem designierten Nachfolger Matthias Ostrzolek auflief, spaltet die Meinungen der Zaungäste. Ebenso wie im Kollegenkreis. Die einen wollen ihn links hinten wieder sehen. Auch einige Mannschaftskollegen des Nationalspielers sehen in ihm die beste Lösung als Linksverteidiger. Wobei ich hier sagen muss, dass im letzten Satz definitiv ein „noch“ fehlt. Denn für mich steht fest, dass Matthias Ostrzolek sich nach einem schwierigen Beginn immer besser eingefügt hat. Und seine Entwicklung ist zum einen sehr positiv, zum anderen noch lange nicht abgeschlossen. Schon allein deshalb würde ich diese zweifellos positive Entwicklung jetzt nicht mit einer Herausnahme unterbrechen. Und ich bin mir auch sicher, dass Zinnbauer das nicht machen wird.

Nein, vielmehr wird es darum gehen, ob Trainer Josef „Joe“ Zinnbauer am Sonntag gegen Hoffenheim wieder auf Jansen links offensiv und Holtby zentral setzt – oder eben auf Rafael van der Vaart hinter Lasogga. Letztgenannter agierte heute in der ersten Einheit zunächst als zentraler Mann in der vermeintlichen A-Elf (im Vergleich zum BVB-Spiel ersetzte Kacar den fehlenden Djourou, Jiracek den fehlenden Behrami) und wurde zur Halbzeit gegen Jansen gewechselt. Am Nachmittag durfte er dann durchgehend im A-Team spielen. Die Anzeichen, dass van der Vaart nach seiner Verletzungspause am Sonntag wieder in die Startelf rückt, verdichten sich somit.

Rafael van der Vaart muss derzeit um seinen Platz in der Startelf kämpfen.

Rafael van der Vaart muss derzeit um seinen Platz in der Startelf kämpfen.

Und das ist auch zu argumentieren, denn von van der Vaart kann noch immer der geniale Pass kommen. Wenn er in Szene gesetzt wird, ist er zudem auch fraglos torgefährlich, was er im Training immer wieder unter Beweis stellt. Allerdings ist die Frage, die sich mir dabei stellt die, ob sich der HSV zum jetzigen Zeitpunkt des gefühlten Aufschwungs damit nicht einer ganz massiven Stärke beraubt. Zumindest dann, wenn dafür ein Jansen rausrotiert, um dem gesetzten Holtby einen Platz auf der Außenbahn zu geben. Denn gerade Holtby hat durch seine unfassbare Laufstärke und sein aggressives Pressing dem HSV-Spiel eine Dynamik verliehen, die beim Gegner für Probleme und Respekt gesorgt hat. Dieses Pressing wird ein van der Vaart trotz seiner insgesamt noch beeindruckenden Laufleistung in Hinsicht auf die Distanz nicht mitgehen können. Dafür fehlt das Tempo in seinen Läufen.

Soll heißen: Zinnbauer steht vor einer schwierigen Entscheidung. Riskiert er einen Bruch im Spiel, wenn er van der Vaart bringt? Oder gibt er dem immer stabiler wirkenden Spiel seiner Mannschaft damit sogar noch einen Schuss Kreativität? Fragt man Pierre Michel Lasogga, ist die Antwort klar. Die einzige Spitze des HSV hofft auf die Rückkehr des Mitspielers, „den ich gesucht und hier gefunden habe“, wie er selbst es formulierte. Und ich glaube, dass neben dem aktuell-sportlichen in dieser Entscheidung auch die Perspektive eine Rolle spielt. Denn van der Vaart, dessen Vertrag 2015 ausläuft und den man im Sommer noch zu Geld hätte machen können, im Sommer zu behalten würde schnell ein teures Missverständnis, wenn man sich jetzt eingesteht, dass andere besser sind. Zumal er im kommenden Sommer ablösefrei ist.

Ebenso wie Marcell Jansen, den man dem Vernehmen nach nicht mehr so recht auf dem Zettel hat. Zumindest war zuletzt zu hören, dass der auslaufende Vertrag des Linksfußes nicht verlängert werden soll. Stattdessen wolle man auf Ostrzolek als Linksverteidiger setzen. Und ohne mich jetzt hier zum Verteidiger von Jansen zu machen – ich kann diese Entscheidung nur damit begründen, dass Jansen zu teuer ist. Sportlich jedoch hat Jansen aktuell unter den Außenverteidigern in der Bundesliga mit 60 Prozent gewonnener Zweikämpfe sogar noch immer den Topwert in einer Kategorie, die ich nicht mal als seine Kernkompetenz erachte. Denn die liegt vielmehr in der Offensive. Jansen ist für mich bislang der einzige Außenverteidiger beim HSV, der (schon allein ob seiner Schussgewalt) ein wenig Torgefahr ausstrahlt. Und er ist für mich auch noch der einzige beim HSV, der es immer wieder mal bis zur Grundlinie schafft und von dort mit scharfen Hereingaben für Gefahr sorgt. Zudem würde ich es unglücklich finden, einen Holtby plötzlich auf die Außenbahn zu schicken, nur um in der Mitte Platz zu machen für van der Vaart.

Zusammengefasst bedeutet das: Ich würde Jansen nicht rausnehmen und Holtby im Zentrum belassen. Da das Sechserduo Arslan/Behrami gegen Dortmund gut funktionierte und Hoffenheim mit Sicherheit nicht weniger Tempo im Spiel hat als Dortmund, muss ich mich trotz meines Wunsches nach van der Vaart der Realität beugen und eingestehen, dass der Kapitän aktuell (noch) keinen Platz hat in dieser neu formierten Mannschaft hat. Und so gespannt ich auch darauf bin, ob van der Vaart seinen Ankündigungen aus dem Sommer auch Taten folgen lassen kann und seinen dritten Frühling beim HSV einläutet, die Risiken mit seiner Hereinnahme sind derzeit in meinen Augen größer als die Chancen.

„Aber es ist eine gute Situation, wenn wir es uns erlauben können, so eine Diskussion überhaupt einmal zu führen. Ein van der Vaart oder ein Marcell Jansen – das ist doch mal eine Frage, die davon zeugt, dass wir Qualität haben“, sagte Dennis Diekmeier heute – und er hat natürlich Recht. Denn erst dann kann der HSV endlich mal wieder ein Spiel von der Bank aus gewinnen. Dann sind die Tage vorbei, in denen ich gedacht, gesagt und geschrieben habe, dass auch von der Bank keine Verbesserung zu erwarten war.

Auch Zinnbauer ist wenig überraschend ein Freund der großen Auswahl. Wie alle Trainer. Sagt er zumindest selbst. Und er ist ein Freund der Motivation. Heute bedeutete das, dass immer wieder kleine Spielchen in die Trainingseinheit eingebaut wurden, um das Ganze etwas aufzulockern. Allerdings scheint die Mannschaft aus sich heraus heiß genug zu sein, dem Sieg in Dortmund den ersten Heimsieg folgen zu lassen. Auch gegen ein aktuelles Spitzenteam wie Hoffenheim. „Die stehen schon zurecht da oben“, sagt Diekmeier, „wer die in den letzten Wochen hat spielen sehen, der weiß, dass das ein richtig guter Gegner ist.“ Einer, der zwar noch nicht so recht zieht (bislang sind knapp 43000 Tickets abgesetzt), der aber momentan in der Bundesliga von allen hoch gelobt wird. Der „Kaiser“ himself, Franz Beckenbauer, hatte die Sinsheimer nach deren Sieg gegen Schalke sogar zum klaren Aspiranten auf einen Champions-League-Platz erhoben.

Das gilt zwar nicht für den HSV, dennoch hoffe ich, nach dem Sieg in Dortmund auch die Serie der sieglosen Heimpartien beendet werden kann. Und damit auch die der in dieser Saison noch unbesiegten Hoffenheimer. Gute Nachrichten gibt es auf dem Weg dahin. „Die verletzten Spieler kommen alle wieder zurück. Rafa ist ein wichtiger Mann für uns, Cello hat in Dortmund ein starkes Spiel gemacht“, freut sich Diekmeier, der den verbesserten Konkurrenzkampf als einen „ganz wichtigen Baustein“ für die verbesserte Spielweise ausgemacht hat. „Wir brauchten am Anfang noch Zeit, um die späten Zugänge einzubauen und um uns zu finden. Jetzt sind wir auf einem guten Weg. Und den wollen wir gegen Hoffenheim nicht verlassen.“ Egal ob mit oder ohne van der Vaart.

In diesem Sinne, bis morgen. Dann mit Dieter. Trainiert wird um 15 Uhr an der Imtech-Arena. Ich melde mich für ein paar Tage ab und bin am Sonntag nach dem Heimsieg da.

Bis dahin,
Scholle

P.S.: Artjoms Rudnevs stieg heute Nachmittag wieder ins Mannschaftstraining ein. Für ihn rückte Brüning wieder zurück zur U23.

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