Fink: “Eine ordentliche Saison von uns”
19. Mai 2013
Noch immer rätseln sie bei mir im Umfeld, ob man nun lachen oder doch eher weinen sollte? Der HSV auf Platz sieben, das ist wie Platz vier in der Leichtathletik – das Treppchen verfehlt. Und damit auch Europa verpasst. Deswegen könnte man als HSV-Fan durchaus enttäuscht, frustriert und eventuell sogar sauer sein. Aber Platz sieben gegenüber Platz 15 im Vorjahr, das sollte sich dann auch ein jeder, der nun hadert, noch einmal vor Augen führen. Wer zu Beginn dieser Saison, zumal nach drei Niederlagen und dann auch den Abstiegskampf immer noch im Hirn, davon gesprochen hätte, dass dieser HSV knapp oder haarscharf an Europa vorbeischliddert, den hätte ich leicht für verrückt oder auf jeden Fall für viel zu optimistisch erklärt. Doch der HSV hat an das Tor zu Europa angeklopft, hat eine gewisse „internationale Euphorie“ entfacht und konnte gegen die Geister, die er damit rief, nicht anspielen. Da wurden gewisse Erwartungen geweckt, die diese Mannschaft, die zwar durch und durch mit Nationalspielern aller Herren Länder besetzt ist, die aber dennoch bei weitem nicht die Klasse von Bayern München, Borussia Dortmund, Leverkusen und auch Schalke 04 hat, nicht in die Tat umsetzen konnte. Der HSV ist der Spitzenreiter der Bundesliga-Mittelmäßigkeit. Und aus der gilt es in der nächsten Saison herauszukommen. So einfach ist das.
Der Unterschied zu Bayer Leverkusen, machen wir uns nichts vor, war schon eklatant. In der Werkself viele, viele Klasse-Spieler, beim HSV etliche solide Kicker, die aber höchsten Ansprüchen nicht gerecht werden. Die Statistik des Spiels spricht eine klare Sprache: 15:14 Torschüsse für Leverkusen, 6:2 Ecken für den Sieger des Spiels, 13:12 Flanken und 52:48 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Bayer. Auch die meisten Ballkontakte hatte ein „Roter“: Carvajal hatte 85, der beste Hamburger hatte 73, und das war Heiko Westermann. Reinartz war mit 73 Prozent gewonnener Zweikämpfe der beste Mann, Petr Jiracek brachte es als bester Hamburger auf 63 Prozent.
Erschwerend kommt hinzu, dass der HSV in der Torstatistik die Null stehen hatte, und Leverkusen eine eins. Und ich schließe mich der Rede von Bundesliga-Profi Nummer 001, Harry Bähre, an, der bei „Matz ab live“ gesagt hat: „Machen wir uns nichts vor. Wenn wir nicht einen überragend haltenden Nationaltorwart zwischen den Pfosten gehabt hätten, dann hätten wir 0:3 oder 0:4 verloren. Rene Adler hat uns lange Zeit mit großartigen Paraden im Spiel gehalten.“ Bei der Gelegenheit, lasst mich schnell einmal abschweifen: Ich danke Harry Bähre und auch den ehemaligen HSV-Stürmer Klaus Fock für ihre Gastrolle bei „Matz ab live“, beide Herren haben ihre Sache ausgezeichnet gemacht – vielen, vielen Dank nochmals dafür, das hat viel Spaß gebracht.
Zurück zum Spiel: Der HSV hatte, das müssen auch diejenigen anerkennen, die bis zuletzt von einem HSV-Sieg geträumt hatten, keine hundertprozentige Tormöglichkeit in diesem Spiel. Keine. Und wenn das so ist, dann kann man natürlich nicht gewinnen. Nein, nein, der Unterschied zwischen dem Tabellendritten und dem Tabellensiebten war riesig – und viel, viel größer, als es der Unterschied auf den ersten Blick erkennen lässt.
„Wir müssen uns punktuell verstärken und weiterentwickeln. Nächste Saison wollen wir den Schritt machen. Der HSV gehört nach Europa, aber wir wollen Schritt für Schritt gehen“, sagte Trainer Thorsten Fink nach dem letzten Saisonspiel. Natürlich sagt er so etwas. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass er Europa abgelehnt hätte, wenn der HSV, sein HSV, wegen „unreiner Gangart“ schon ein, zwei Schritte schneller gegangen wäre – und jetzt schon international geworden wäre. So aber bleibt einem Trainer ja gar nichts anderes übrig, als von „Schritt für Schritt“ zu sprechen. Und im Prinzip ist ja auch nicht viel dagegen zu sagen, denn der HSV hatte ja vor zwei Jahren angekündigt, dass der Umbruch vollzogen wird, und dass nun zunächst ein paar magere Jahre kommen werden. Gespannt bin ich nur darauf, ob die Erwartungen der Fans – und auch die des Trainers – am Ende der nächsten Spielzeit dann auch tatsächlich erfüllt worden sind. „Der HSV gehört nach Europa, aber wir wollen Schritt für Schritt gehen.“ Und: „Wir wollen diesen nächsten Schritt nun machen.“ Das hört sich großartig an, ein wenig hanseatisch, ein wenig pathetisch – aber wer gibt die Garantie, dass es so wird? Oder ist es in einem Jahr dann doch eher so, dass man – als Fan – dann wieder die eine oder andere Ausrede hört (nicht nur vom Trainer) – getreu dem Motto: „Was stört mich mein Geschwätz aus dem Mai 2013?“
Abwarten. Mehr bleibt nicht.
„Wir haben alles gegeben, wir haben großartig gefightet, aber es hat nicht gereicht. Die Mannschaft hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehr gut gespielt, aber wir müssen in Zukunft mehr Konstanz bekommen. Trotz allem bin ich davon überzeugt, dass wir eine ordentliche Saison gespielt haben“, bilanzierte Fink.
Heiko Westermann und Marcell Jansen betonten unisono: „Die Europa League haben wir nicht gegen Leverkusen verspielt, sondern vorher.“ Stimmt. Westermann, der für mich einmal mehr bester Mann war (neben Rene Adler), sagte auch: „Mit einer so miesen Heimbilanz wie wir sie haben, wäre es ein kleines Wunder gewesen, wenn wir es nach Europa geschafft hätten.“ Stimmt auch. Rafael van der Vaart schien nicht unzufrieden mit Platz sieben: „Wenn man sich gerade noch vor dem Abstieg gerettet hat, nach drei Spieltagen ohne Punkt schon wieder als Abstiegskandidat gilt, und wenn man dann am Ende Siebter wird, dann muss man zufrieden sein. Obwohl wir natürlich auch ganz nah dran waren, nach Europa zu kommen – und das eigentlich ja auch schaffen wollten.“
Immerhin, und das macht mir tatsächlich Mut, hat Thorsten Fink erkannt, dass er mehr Qualität in seine Mannschaft bekommen muss. Und, um ehrlich zu sein, eigentlich darf es nicht nur bei einem Innenverteidiger und einem Stürmer bleiben. Es fehlt viel mehr. Natürlich auch das nötige Kleingeld, das ist schon klar, aber es fehlt wohl auch an jenen Experten, die überall auf dieser Welt Ausschau für den HSV halten, wo es noch preiswerte Talente zu holen gibt. Auch daran hat es lange, lange, sogar jahrzehntelang, gemangelt. Andere Vereine sind da weiter. Viel weiter, sehr viel weiter sogar. Auf diesem Feld muss der HSV nicht nur aktiver, sondern ganz einfach auch viel, viel besser werden. Obwohl ich davon überzeugt bin, dass ein Mann wie Hakan Calhanoglu, der nun vom KSC kommen wird, diesem HSV sehr gut tun wird. Der junge Karlsruher hat, ganz nebenbei bemerkt, Platz vier mit 17 Treffern in der Torschützenliste der Dritten Liga belegt – mit natürlich sehr vielen Elfmetern, aber 17 ist schon eine tolle Zahl. Und noch einmal nebenbei: St. Paulis Daniel Ginczek, den viele HSV-Fans nun gerne im Volkspark gehabt hätten, schoss heute sein 18. Saisontor. Jetzt wird er wohl aber beim 1. FC Nürnberg landen . . .
Aber gut, es wird sich sicherlich auch beim HSV etwas tun, auch wenn zurzeit noch niemand weiß, was. Gut Ding will Weile haben. Traditionell kommt der HSV – natürlich auch wegen des fehlenden Geldes – eher spät auf (Einkaufs-)Touren. Fest steht für mich aber, dass nicht nur etwas getan wird, sondern auch etwas getan wird. Getreu dem Motto: „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“. Obwohl ich zuletzt, in etwa in den letzten drei Wochen, so bei mir gedacht habe, dass sich der HSV in Sachen Einheit doch etwas gefangen hat. Irgendwie wirkte diese Mannschaft kompakter auf mich, als in den Wochen und Monaten zuvor.
Ob das an Petr Jiracek gelegen haben kann? Ich weiß es nicht, aber mir war so, als hätte der wuselige Tscheche diesem HSV-Team sehr, sehr gut getan, auch wenn viele (Experten) noch immer der Meinung sind, dass der HSV-Jiracek noch immer nicht mit dem EM-Jiracek vergleichbar ist. Ich denke aber, dass der Mittelfeldkämpfer mit dem lockigen Haar viele Zweikämpfe bestreitet, keinem Duell aus dem Wege geht, dass er hart, gelegentlich auch überhart zur Sache geht – und dass er deshalb auch ein ganz wichtiger Stabilisator (geworden) ist. Ein Mann nämlich, der zur Sache geht und zur Sache kommt, steht diesem HSV besonders gut zu Gesicht, denn was ich im hinteren Defensivbereich teilweise tut oder getan hat, das erinnerte doch zeitweise an einen „Streichelzoo“: Nur keinem Gegenspieler mal aus Versehen auf die Stöcker klopfen, das könnte dem ja wehtun . . . Bei der Gelegenheit muss ich daran denken (und darüber schmunzeln), was Rene Adler vor dem Leverkusen-Spiel noch laut gesagt hat: „Der Gegner muss wissen, dass es gegen uns wehtut.“ Kein Gegner hatte das in den 33 Spielen zuvor gewusst, nicht mal geahnt hat er es. Und wenn Adler in diesen 34 Spielen nicht mindestens 20 „Unhaltbare“ noch gehalten hätte, dann stünde diese HSV-Defensive in einem noch viel schlechteren Licht, als das jetzt auch schon der Fall ist – mit 53 Gegentreffern.
Was mir noch – zuletzt – an diesem HSV aufgefallen ist: Thorsten Fink hat in den letzten Spielen 90 Minuten am Rand gestanden und alles gegeben. Der Mann hat gebrüllt, geschimpft, gemeckert, motiviert, angetrieben, geordnet und dirigiert – wie ein ganz, ganz Großer. Herbert von Karajan war gegen ihn ja nur ein Taschenspieler. Fink ist aufgegangen in seinem Job – das war 100 Prozent HSV. Der Mann wollte. Und er will jetzt sicher immer noch. Nämlich besser werden – mit seiner Mannschaft. Er hat den Biss, er hat jetzt den nötigen Biss, den dieser Verein braucht, damit er sich weiterentwickelt. Endlich einmal so richtig weiterentwickelt. Dazu wird ein Trainer benötigt, der beißt, der Leidenschaft zeigt.
Übrigens:
Die Nummer eins im Norden sind wir. Die Nummer eins im Norden ist in diesem Jahr wieder der HSV.
Ein kurzer Blick noch zum letzten Spieltag dieser 50. Bundesliga-Saison: Die Tränen, die Jupp Heynckes in Mönchengladbach nach dem 4:3-Sieg der Bayern vergossen hat, weil ihn die Borussen-Fans in seiner alten Heimat so sehr gefeiert hatten, die haben diesen Mann – für mich – nur noch sympathischer werden lassen.
Und dann war da noch Düsseldorf. Trainer Norbert Meier hatte vor dem Spiel in Hannover immer wieder betont: „Ich habe gesagt, dass wir nicht absteigen, also werden wir auch nicht absteigen.“ Nun ist die Fortuna doch noch ein wenig abgestiegen, was ich für schade halte, aber Meier sagt fast schon trotzig: „Ich werde in Düsseldorf bleiben, etwas anderes stellt sich für mich nicht.“ Er wird vielleicht in Düsseldorf bleiben, nämlich wohnen, aber Fortuna-Trainer? Da würde ich mich festlegen, dass das nicht passiert wird. Das wäre noch so ein Wunder. Wie das, was da am letzten Tag noch mit Hoffenheim passiert ist. Die waren doch schon seit Monaten weg . . .
PS: Morgen, am Pfingstmontag, spielt der HSV noch einmal, und zwar in Meldorf (Anstoß 14 Uhr). Und wer dorthin nicht fahren möchte, dem sei das Hamburger Oddset-Pokalfinale an der Hoheluft ans Herz gelegt, dort stehen sich um 16 Uhr der Regionalliga-Vertreter SC Victoria und Hamburgs Oberliga-Meister FC Elmshorn gegenüber.
PSPS: Die „Zweite“ des HSV hat die Regionalliga gehalten, denn die Mannschaft von Trainer Rodolfo Cardoso holte heute mit einem 2:2 (HSV-Tore: 1:0 George Kelbel und 2:1 Fabian Graudenz) gegen Wilhelmshaven den einen Punkt, der noch zur Rettung benötigt wurde.
Ich hoffe auf jeden Fall, dass es so mit dem Klassenerhalt tatsächlich auch stimmt, man weiß das in dieser Liga ja nie so genau, denn was sich da mit der Insolvenz von Oberneuland getan hat (oder besser: getan wurde), ist in meinen Augen – gelinde gesagt – unmöglich. Aber okay, ich will mich damit nicht auch noch befassen (oder mich einmischen), für mich steht aber fest, dass mit einer so späten Insolvenz „gespielt“ – und vielleicht auch ein wenig mehr als das – werden könnte. Dass der Norddeutsche Fußball-Verband so urteilt, der Deutsche Fußball-Bund wohl anders urteilen würde – das ist für mich ein Hammer. Aber nun langt es auch.
Ein schönes Pfingstfest noch weiterhin für euch und eure Lieben.
18.41 Uhr