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Elia – die neue Hiobsbotschaft

19. März 2010

Uwe Seeler! Von nun an darf nicht nur von seinen „goldenen Füßen“ gesprochen werden, sondern auch von seinen „goldenen Händchen“. Den Ehrespielführer kann man ja los schicken. Zieht doch dem HSV, seinem HSV, Standard Lüttich als Viertelfinal-Gegner der Europa League. Wobei ich nicht davon ausgehe, dass Lüttich eine Art Freilos für den HSV ist, keineswegs, aber es hätte ja durchaus schlimmer – und damit auch eventuell aussichtsloser – kommen können, wenn ich so an Liverpool, Benfica oder vielleicht auch Valencia denke. Aber Lüttich sollte allein schon deshalb nicht unterschätzt werden, weil der Klub zurzeit noch Meister in Belgien ist, und weil Standard in dieser Saison sowohl in der Champions League als auch in der Europa Legaue gute bis sehr gute Ergebnisse erzielt hat. Auch auf die Gefahr hin, dass ich nun nur müde belächelt werde: Standard Lüttich wird kein Selbstgänger.

Das wissen ganz offenbar auch die HSV-Spieler. Kapitän David Jarolim sagt: „Ich habe einige Spiele von Standard Lüttich gesehen, das wird in harter Gegner für uns.“ Guy Demel befindet: „Ich höre immer, dass das ein leichtes Los für uns sei. Ich sage aber, dass wir erst einmal beide Spiele abwarten sollten. Und dann, wenn wir im Halbfinale stehen, dann werde ich sagen, ob es ein Glückslos für uns war.“ Tunay Torun sagt: „Jede Mannschaft, die jetzt im Viertelfinale steht, hat ihre Qualität, da darf man keinen unterschätzen.“ Tomas Rincon schätzt die Lage wie folgt ein: „Standard Lüttich ist eine große Chance für uns, in Europa weiter den Weg zu gehen, aber wir sollten uns hüten, den Gegner zu unterschätzen. Wir werden ganz sicher nicht automatisch ins Halbfinale kommen.“

Bruno Labbadia lächelte, als er über Lüttich sprach: „Ist wieder ein interessantes Land für uns, wir sind ja gerade aus Belgien zurück – aber wir freuen uns drauf, das werden zwei interessante Spiele, auf die wir uns freuen. Wir wollen weiterkommen.“ Natürlich. Der HSV-Trainer wird ja auch nicht sagen, dass er im Viertelfinale ausscheiden möchte. . . Über Standard weiß Labbadia: „Ein interessanter Gegner, der im Achtelfinale beide Spiel gewonnen hat, der zuvor auch Salzburg ausgeschaltet hat. Standard ist Meister in Belgien, hat in einer sehr guten Champions-League-Gruppe sehr gute und enge Ergebnisse erzielt, hat wenige Gegentore kassiert – es wird ein Duell, das durch Kleinigkeiten entschieden wird. Allgemein gilt, dass es im Viertelfinale keine einfachen Gegner mehr.“

Das galt auch schon für das Achtelfinale. Anderlecht, klarer Tabellenführer in Belgien, war auf Augenhöhe mit dem HSV. Vor allen Dingen deshalb, weil der HSV wieder einmal seine großen Abwehrschwächen offenbarte. Vier Gegentore in Leverkusen, vier in Anderlecht – wie soll das weitergehen? „Wir haben in Belgien ein Wechselbad der Gefühle erlebt“, gibt Bruno Labbadia zu: „Es gab aber auch positive Dinge. Zum Beispiel das, dass wir immer wieder aufgestanden sind. Natürlich haben wir uns auch selbst in Bedrängnis gebracht, aber es ist schon eine Qualität, dann immer wieder aufzustehen. Aber wir haben dort drei Tore gemacht, deswegen sind wir auch zu recht weiter gekommen.“

Aber zuvor steht ja auch eine andere Mannschaft als Anderlecht oder Lüttich im Fokus des HSV: Schalke 04. Garantiert eine noch härtere Nuss als Lüttich. Zumal der gegnerische Trainer Felix Magath heißt, und der lässt sich in jedem Spiel etwas Besonderes einfallen, mit Vorliebe dann, wenn es gegen „seinen“ HSV geht. Und dieser HSV hat wieder einmal – nichts Neues im Norden – große personelle Schwierigkeiten. Eljero Elia fuhr vom Anderlecht-Spiel nach Amsterdam, wo der niederländische Nationalspieler bereits am Freitag operiert wurde. Elia leidet seit dem Sommer an einer Knochenabsplitterung am Knöchel, diese Verletzung hat nichts mit dem bösen Tritt des Mainzers Noveski (am 28. November 2009) zu tun. Oder besser: Die Verletzung, so sagt es Trainer Bruno Labbadia, soll nichts mit Noveski zu tun haben. Elia fällt einige Wochen aus, wahrscheinlich bis zum Saisonende.

Ferner bangt der HSV für das Schalke-Spiel um Dennis Aogo, der beim Anderlecht-Spiel wegen einer Leisten-Verletzung ausgefallen war. Am Sonnabend findet um 15 Uhr das Abschlusstraining des HSV statt, dann wird sich entscheiden, ob Aogo einen Tag drauf im Kader sein kann. Angeschlagen ist auch Marcell Jansen, der an einer Spannverletzung laboriert, weil ein Belgier am Donnerstag „drüber hielt“. Jerome Boateng leidet an einem Pferdekuss, soll aber bis Sonntag wieder fit sein. Ob er dann aber zum Einsatz kommen wird, das bleibt abzuwarten, ich denke eher nein. Das hat etwas mit der Form des Nationalspielers zu tun. Insgesamt aber hat sich die personelle Situation des HSV seit dem Jahreswechsel nicht so – wie von vielen erhofft – verbessert, im Gegenteil, wenn sich ein Spieler gesund meldet, dann fällt dafür ein anderer Kollege aus.

Aber das ist nur eine Sorge, mit der sich der HSV in dieser Saison herumplagen muss. Eine andere ist die Abwehr, speziell die Schwächen der Defensive. Die vielen individuellen Fehler, die zu den Gegentoren führten und immer wieder führen, die geben allen zu denken. Labbadia sieht diese Defizite natürlich auch, aber er glaubt nach wie vor an sein Team: „Die Spieler haben die Qualität. Wir müssen uns wieder auf gewisse Dinge besinnen, wir müssen uns auch in gewissen Phasen mehr konzentrieren. Ich denke aber, dass was die Ordnung betraf, eigentlich gut in Anderlecht gespielt haben. Ärgerlich waren nur die individuellen Fehler, und die müssen wir abstellen. Das werden wir ansprechen.“

Ob das reicht? Die Ansprache vor dem Schalke-Spiel? Die HSV-Mannschaft wirkt auf mich zurzeit nicht wie eine Einheit. Da wird hier ein Süppchen gekocht, und dort ein anderes. Ein, zwei Aktionen des Gegners sorgen dafür, dass das Chaos in die HSV-Defensive Einzug hält. Dann ist jeder mit sich beschäftigt, aber kaum einer hilft dem Nebenmann. Weil es menschlich nicht so stimmt, wie es in einer intakten Gemeinschaft stimmen sollte? Der Kicker spricht in der Donnerstag-Ausgabe davon, dass sich die beiden Innenverteidiger, Joris Mathijsen und David Rozehnal, nicht auf einer Wellenlänge liegen. Im Gegenteil, beide sollen keine echten Freunde sein. Was die beiden letzten Spiele eigentlich eindrucksvoll belegen, nicht nur aufgrund der acht Gegentore. Es soll zwischen beiden Abwehrspielern schon eine Menge harter Wortwechsel gegeben haben, und „Punktsieger“ in diesem unschönen Verbal-Duell soll Mathijsen sein. Wobei ich anmerken möchte, dass ich zurzeit keinen der beiden Innenverteidiger besser als den Nebenmann sehe. Und wenn ich denn doch einen „besseren“ ausmachen müsste, dann wäre das sogar Rozehnal – denn Mathijsen, den zurzeit gleich zwei blauen Augen zieren, durchläuft in diesem Frühjahr ganz sicher nicht seine beste Phase.

Was auch auf Jerome Boateng zutreffen dürfte. Sky-Experte Andreas Herzog (ehemals Werder und FC Bayern) formulierte es am Donnerstag so: „Ich glaube, dass Boateng überschätzt wird, er ist noch lange nicht so weit, wie ihn einige in Hamburg schon sehen wollten.“ Ich mag mich dieser Meinung nicht anschließen, gebe aber zu, dass Jerome Boateng schon bessere Tage im HSV-Trikot erlebt hat. Im Moment scheint er das Denken für die Defensive vergessen zu haben, es war am Donnerstag (viel) zu leicht, den Ball an ihm vorbei zu bekommen. Mit einem guten Auge wäre so mancher „dicke Bolzen“, den Boateng schoss, abzuwenden gewesen, aber er hatte dieses Auge nicht. Und ich glaube nicht, dass es nur daran lag, weil er links (statt rechts) in der Viererkette spielen musste. Zurzeit scheint Boateng nur bei 80 Prozent zu sein, und wenn er seine WM-Chance wahren will, dann sollte er sich jetzt im Training bemühen, seine Fitness, auch die mentale, stetig zu verbessern. Sonst könnte er bei der Nominierung des WM-Kaders noch eine böse Überraschung erleben. Er könnte es doch! Er war doch schon auf einem so guten Wege! Was sorgt dafür, dass er nun in dieses Tief gefallen ist? Die Gedanken an einen Vereinswechsel?

Auch Ruud van Nistelrooy steckt zurzeit in einem solchen Tief. Für seine Situation aber völlig normal. Das weiß jeder Spieler, der schon einmal länger verletzt war und dann wieder einsteigen musste. Das erste Spiel ist immer okay, vielleicht auch noch das zweite und dritte, aber dann? Dann fällt man in ein kleines körperliches Loch, und in einem solchen steckt van Nistelrooy jetzt. Gegen Leverkusen war er schon nichts, gegen Anderlecht erst recht nicht. Kein Grund zur Panik aber, das wird schon, doch da werden sich alle Geduld üben müssen: der Spieler, die Trainer, die Fans. Ich würde van Nistelrooy auch gegen Schalke nicht von Beginn an bringen, sondern dann, wenn es die Situation erfordert (oder zulässt), als Einwechselspieler. Übrigens: Dass Labbadia van Nistelrooy bis zum Ende auf dem Rasen ließ, das hatte erneut mit den Körpergrößen beider Teams zu tun. Anderlecht ist dem HSV in diesem Punkt weit überlegen, deshalb brauchte der HSV-Coach den kopfballstarken Niederländer bei gegnerischen Standards, weil er einer der größten Spieler im Hamburger Team ist.

Grundsätzlich ist es natürlich so, dass der HSV in Sachen Kraft in diesen Wochen und Monaten mehr Aderlass zu beklagen hat, als zum Beispiel nun der kommende Gegner Schalke 04. Obwohl auch Bruno Labbadia in Sachen Kraftreserven sagt: „Wenn man international spielen will, dann spielt man eben alle drei Tage, und deshalb muss man auch nicht über die Kraft reden. Es ist klar, dass man dann auf Gegner treffen kann, wie jetzt Schalke, der die ganze Woche nur auf dieses eine Spiel wartet. Das können wir nicht ändern.“ Und deswegen bleibt es hart für den HSV, in der Bundesliga und in der Europa League zu bestehen. Der HSV-Coach weiß das und geht in die Offensive: „Wir können beide Wettbewerbe, wir wollen auch beide Wettbewerbe – das will doch jeder so haben. Jetzt gilt es einfach, die Kräfte zu mobilisieren, aber dazu sind wir auch in der Lage.“ Dann sagt Bruno Labbadia auch optimistisch: „Wir sind stark genug, um auch Schalke schlagen zu können, und das wollen wir am Sonntag versuchen.“

So, ganz zum Schluss noch eine andere Geschichte. Ich sprach heute mit Sidney Sam. Der an den 1. FC Kaiserslautern ausgeliehene Stürmer könnte im Sommer zum HSV zurückkehren – wenn es der HSV so will. Sam sagt: „Zurzeit sprechen beide Klubs darüber, der 1. FC Kaiserslautern bemüht sich intensiv darum, dass ich bei ihm bleibe.“ Bei einem Aufstieg des FCK würde Sidney Sam wohl auch gerne am „Betze“ bleiben, denn dort fühlt er sich wohl, dort ist er eine Führungspersönlichkeit geworden. Er sagt: „Es gibt auch andere Angebote für mich.“ Die aber, das denke ich, spielen keine große Rolel für ihn. Entweder FCK oder HSV. „Eines Tages, wenn ich reifer und erfahrener bin, kehre ich ganz bestimmt zum HSV zurück, das will ich – aber im Moment muss das noch nicht sein.“ Obwohl er auch so selbst bewusst geworden ist, dass er sagt: „Wenn ich im Sommer nach Hamburg zurück müsste, dann würde ich mir schon zutrauen, dass ich auch Stammspieler werde. Weil ich mich gegenüber meiner ersten Zeit in Hamburg doch erheblich verbessert habe.“

Ganz sicher ist es so. Mir imponiert der U-21-Nationalstürmer mit seiner schnellen, trickreichen Spielweise sehr. Und mit welcher Selbstverständlichkeit er sich – im Alter von 22 Jahren – nun schon die Elfmeter nimmt und verwandelt, das ist ebenfalls klasse. Und zeugt davon, dass er Verantwortung übernehmen will. Trotz seiner Jugend. Deswegen sage ich ganz klar, auch wenn ich Sidney Sam damit ein wenig wehtun muss: Ich würde ihn gerne wieder in Hamburg sehen, und zwar nicht nur beim Gastspiel des 1. FC Kaiserslautern, sondern erst einmal für immer.

Um noch auf einen anderen “Neuling” zu kommen: Bruno Labbadia ist sehr erfreut über den Fitnessstand von Paolo Guerrero. Aus den Worten des Trainers meine ich herausgehört zu haben, dass er dem Peruaner nicht zugetraut hatte, körperlich schon so weit zu sein. Labbadia fand am Freitag (fast) nur lobende Worte, obwohl er natürlich auch festgestellt hat, dass dem guten Guerrero doch noch einiges fehlt. Genau deswegen spielt er für das Schalke-Spiel auch noch keine Rolle, aber danach? Ich würde jetzt nichts mehr ausschließen.

19.42 Uhr

Dramatischer geht es nicht!

18. März 2010

Wow! Was für ein Fußballspiel! Das kostete Nerven, das war eine einzige Zitterei, das war ein sensationeller Kick, das waren Höhen und Tiefen, Harakiri-Fußball, das war hurra, einfach unglaublich und sensationell! Der HSV verliert beim RSC Anderlecht zwar mit 3:4, aber dank des 3:1-Sieges im Hinspiel ist doch das Viertelfinale in der Europa League erreicht. Tief durchatmen! Und dann dieses 3:4 sacken lassen. Nicht meckern, nicht mosern, nicht hadern, der HSV hat es geschafft! Er ist weiter im internationalen Geschäft, er darf weiter vom EL-Finale am 12. Mai in Hamburg träumen. Wir alle dürfen träumen! Auch wenn es in den nächsten Minuten noch ein wenig schwer fallen dürfte, denn die Anspannung kann doch noch gar nicht gewichen sein. Wahnsinn pur, diese 90 belgischen Minuten. Und trotz der Niederlage: Glückwunsch, HSV!

Mut hat er ja, der Bruno Labbadia. Bringt er Tunay Torun. Alle Achtung, dieser Trainer hat Courage. Wenn schon nicht Eljero Elia, dann doch Piotr Trochowski, aber denkste! Labbadia bringt Torun. Weil der dynamisch nach vorne spielen kann, und weil er gut nach hinten arbeitet. Letzteres stimmt tatsächlich, denn der kleine Türke tauchte sogar an der „eigenen“ Eckfahne auf, um dort zu klären.

Dass Ruud van Nistelrooy erneut von Beginn an in der Startelf stand, war keine große Überraschung, denn der Niederländer flößte den Belgiern allein durch seine Anwesenheit gehörigen Respekt ein, und Labbadia hatte einen Vorteil auf seiner Seite: Lassen bei van Nistelrooy die Kräfte nach, kann er ihn vom Platz nehmen. Bringt der Coach aber van Nistelrooy als Einwechselspieler, dann weiß niemand, ob die Kräfte des Torjägers dann auch tatsächlich bis zum Schlusspfiff reichen. Also alles richtig gemacht, Bruno Labbadia!

In der Viererkette gab es gegenüber dem 2:4 von Leverkusen zwei Umstellungen: Tomas Rincon, zuletzt gesperrt, kam für den formschwachen Guy Demel, und links ersetzte Jerome Boateng den an der Leiste verletzten Dennis Aogo.

Und dann dieser Start um 21.05 Uhr. Anderlecht begann mit einem unglaublichen Wirbel – in den ersten zwei Minuten. Es durfte gezittert werden. Doch dieser Sturmlauf wurde vom HSV schnell unter Kontrolle gebracht. Im so gefürchteten Hexenkessel von Anderlecht wurde es zunehmend ruhiger, denn der HSV ließ den Ball und den Gegner laufen. Das sah großartig aus, das wirkte abgeklärt, souverän, ruhig – das war klasse. Und das auf diesem Acker! Beim HSV wurde nicht nur an den Vorwärtsgang gedacht, es wurde mit Bedacht gespielt, es wurden die Räume gut zugestellt, und es wurde bei Ballverlust blitzartig umgeschaltet, um ja keine Lücken entstehen zu lassen. Das klappte bis kurz vor dem Halbzeitpfiff auch hervorragend. Die gesamte Mannschaft legte eine hohe Laufbereitschaft an den Tag, alle Spieler gingen weite Wege, jeder war ganz offenbar dazu bereit, sich zu quälen.

Dazu hatten die beiden „Sechser“, David Jarolim und Ze Roberto, fast alles im Griff. Der Brasilianer wirkte frischer und unternehmungslustiger als zuletzt, jedenfalls in den ersten 20, 25 Minuten. Dann ließ er etwas nach – ohne allerdings so krass abzufallen als zuletzt. Und gegen Ende der Partie konnte er sogar wieder etwas zulegen, das war fast ein kleines Wunder.

In der Viererkette ließ in Halbzeit eins (aber nur da!) Rincon auf seiner rechten Seite kaum etwas anbrennen. Links spielte Boateng mit Licht und Schatten gegen den gefährlichen Suarez, und in der Mitte räumten David Rozehnal und Joris Mathijsen konzentriert auf und ab. Rozehnal offenbarte dabei zwar wieder einmal seinen unglaublichen Hang zu Fehlpässen, aber dafür bewies er in der Defensive, dass er längst viel, viel zuverlässiger geworden ist als noch zu Beginn seiner Zeit beim HSV. Was Rozehnal erahnte, was er klärte (teilweise enorm rustikal, aber effektiv), was er abblockte, das sah super aus, da können auch die Fehlpässe nichts an einer hervorragenden Benotung ändern.

Im Angriff bewegten sich Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy viel, aber beide fanden sich selten einmal. Von Harmonie ist zwischen den beiden Torjägern noch nicht viel zu erkennen, aber das kann ja noch werden. Wobei „Van the man“ für mich noch einen Tick egoistischer wirkt, Aber, auch das sei erwähnt, noch lange, lange nicht in Bestform. Oder anders gesagt: Da fehlt noch so viel, das sind für mich gerade mal 70 Prozent, die van Nistelrooy abrufen kann. Aber wie sagt es Bruno Labbadia immer so schön? „Jede Spielminute bringt ihn nach vorn.“ Ihn und den HSV.

Und wie toll sah es aus, als dieser HSV dann 1:0 führte! Boateng hatte von links mit rechts geschossen (42.), ein herrliches Tor, ein wichtiger Treffer – dieses Tor war das Viertelfinale! Eigentlich.

Dann folgten vier chaotische Minuten, die es in sich hatten! Erst wird hinten links die Flanke nicht verhindert (Boateng!), und in der Mitte lädt die HSV-Defensive die Belgier wieder einmal zum „Tag der offenen Tür“ ein. Gegen Lukaku stand (nur noch) Tomas Rincon auf verlorenem Posten. Und als wäre es nicht genug mit diesem 1:1 gewesen – Boateng foult Suarez, Strafstoß. Was für ein dämliches Foul! Wie kann ein Nationalspieler in einer solchen Situation so ungeschickt zu Werke gehen? Das war ja Wahnsinn. Schon in der C-Jugend (spätestens!) wird jedem Abwehrspieler gelehrt: Gegenspieler stellen, nicht umtreten! Unglaublich, das Boateng alles das vergisst, was er doch längst kann. Diese Dummheit wurde mit dem 2:1 für Anderlecht bestraft. Es durfte wieder gezittert werden, obwohl der HSV vorher eindeutig Chef im Ring gewesen war. So wird ein Gegner, der eigentlich schon weg vom Fenster war, wieder aufgebaut!

Und dann diese zweite Halbzeit! Unfassbar. Erst das 2:2 in der 54. Minute. Petric bedient Marcell Jansen, der schießt ein. Wieder einmal Jansen! Großartig, der Linksfuß ist mit Geld ja gar nicht zu bezahlen. Jansen ist super, und ich lege mich fest: Mit diesem Tor hat er sich, falls nicht noch eine Verletzung dazwischen kommt, nach Südafrika geschossen. Nie war Marcell Jansen so wertvoll wie heute.

Die Entscheidung war das aber noch lange nicht. Denn dann folgten die drolligen 20 Minuten der Hamburger Defensive. Defensive? Ein Hühnerhaufen! Es ging wieder einmal drunter und drüber. 3:2, 4:2 für Anderlecht. Erst wurden Jarolim und Rincon hinten rechts Knoten in die Beine gespielt, wobei besonders der Südamerikaner offenbarte, dass ihm das spezielle Denken eines Rechtsverteidigers eigentlich völlig abgeht. Das war Rincon als Brummkreißel. Und beim vierten RSC-Tor sah erst Mathijsen (gegen Lukaku) ganz schlecht aus, und dann auch Frank Rost (sein einziger Fehler), der dem Ball, der von der Torauslinie zur Mitte gespielt wurde, nicht entgegen ging (hechtete). Da brannte im Hexenkessel dann doch wieder die Luft – was für ein Wahnsinnsspiel!

Das Aus drohte. Bis zur 75. Minute. Dann behauptete sich Jarolim, der überall zu finden war, am RSC-Strafraum und passte die Kugel mustergültig auf Petric. Und der hatte endlich einmal wieder das Glück auf seiner Seite. Das 3:4 war der Endstand, der HSV war damit im Viertelfinale. Schlusskommentar der überglücklich neben mir sitzenden Frau M: „Für Mladen Petric freut mich das ganz, ganz besonders, der hatte zuletzt so oft Pech mit seinen Schüssen – einfach traumhaft für ihn und uns, dass er dieses wichtige Tor gemacht hat.“

23.12 Uhr

Guerrero will mitmischen

16. März 2010

Ich habe heute meinen Kollegen Christian Pletz zum Training geschickt. Er hat mir berichtet, dass er zu Beginn der Trainingseinheit einen kleinen Schrecken bekommen hat im Hinblick auf das Europapokalrückspiel in Anderlecht. Erst vermisste er nur Ruud van Nistelrooy, dann auch noch Joris Mathijsen und zu guter Letzt David Jarolim – das trieb ihm dann doch ein paar Sorgenfalten ins Gesicht. Aber nach einiger Zeit konnte er dann wenigstens Entwarnung geben. Van Nistelrooy absolvierte ein wohl dosiertes Kraft- und Cardio-Training drinnen, Jarolim joggte ebenso wie der leider mal wieder leicht angeschlagene Bastian Reinhardt und Rekonvaleszent Romeo Castelen im Volkspark, und Mathijsen drehte ein paar Runden mit Techniktrainer Ricardo Moniz auf dem Trainingsplatz. Für das Duell in Belgien sind die besagten Drei aus der Stamm-Mannschaft weder fraglich noch gefährdet. Sie fliegen am morgigen Mittwoch mit und werden mindestens im Kader, eventuell sogar in der Startelf stehen.

Momentan, und das liegt natürlich auch an der jüngsten Niederlage in Leverkusen, muss man als Trainer des HSV ein „dickes Fell“ oder schlechte Ohren haben. Warum? Weil die Kritik am Coach, gelegentlich auch Hohn und Spott, natürlich sprießt wie Krokusse. Ein älterer Herr war heute offenbar erstaunt, dass so viele Trainingszuschauer (200-300) die Ränge am Trainingsplatz füllten – es sind ja Ferien, und die Anzahl der Kinder war wirklich enorm hoch. Und wie kommentierte der Mann das? So: „Ist Bruno schon weg und ein Neuer da, oder warum ist hier so ein Trubel?“

Das Gelächter der Umherstehenden hielt sich arg in Grenzen. Und Labbadia selbst stand in 30 Meter Luftlinie entfernt und konnte wegen des eisigen Windes eh nichts verstehen. Aber er weiß es ja selbst. Der Druck wächst, die Kritiker an seiner Person werden auch immer mehr, und Recht machen kann er es sowieso nicht allen.

Wer nun nach der gestrigen Kabinenpredigt des Coaches erwartet hatte, er würde seine mit Wut, Frust und Trotzgedanken getankte Mannschaft auf den Rasen schicken und dabei die gewünschte Reaktion hautnah miterleben, der wurde enttäuscht. Fußball-Tennis am laufenden Band – so lautete das Programm in den 70 Trainingsminuten. Nun werden wieder einige von Euch aufjaulen und schimpfen: „ Ja, so kann es ja auch nichts werden! Felix Magath würde seine Truppe nach so einer zweiten Halbzeit wie in Leverkusen mit Medizinbällen aufm Kopf, in den Armen und zwischen den Beinen den Süllberg rauf und runter jagen.“ Ja, das stimmt vielleicht sogar. Aber Magath hat mit seinem Team unter der Woche auch jede Menge Zeit, und der HSV spielt eben noch international, was ja auch nicht zu verachten ist.
Im Klartext heißt das: Die Mannschaft soll Kraft tanken, auch oder vor allem mental. Sie hat die Kritik des Trainers offenbar gut verdaut. Die Profis sollen sich gedanklich auf das Rückspiel in Anderlecht einstimmen. Morgen findet in Belgien das Abschlusstraining statt – und dann liegt die Wahrheit einzig und allein auf dem Platz. Über fehlende Regenerationszeit nach dem Leverkusen-Spiel wird sich jedenfalls keiner der Spieler beschweren können.

Eine Beschwere pro forma bahnt sich ebenfalls schon an. Ich betrachte es mal als lustige Anekdote. Paolo Guerrero, früher „der kleine Krieger“, heute vielen schon besser bekannt als „der kleine Flieger“, erzählt immer und immer wieder, dass er auf seinen Einsatz in Anderlecht hofft. Trainer Labbadia hat sich zuletzt ja einen Überblick über den körperlichen Zustand seines Stürmers gemacht und hält dessen Nominierungsdrang für stark verfrüht. Na gut, äußerte sich Guerrero angesprochen auf diesen Umstand, falls es nichts mit Anderlecht werden sollte, dann doch bitteschön gegen Schalke – am Sonntag. Ob Labbadia darüber auch noch lächeln kann. Ich kann es…

Wahrscheinlich wäre Guerrero auch gar nicht so erpicht auf eine Expressrückkehr nach seinem Kreuzbandriss, wenn sein Vertrag nicht im Sommer auslaufen würde. Momentan gilt der Peruaner ob seiner Verletzung auf dem internationalen Markt als „heikle Ware“. Grund: Keiner weiß so recht, ob der Stürmer noch einmal richtig in Form kommt. Und das will er natürlich beweisen. Die Zeit wird knapp. Ich bin mal gespannt, wie diese Geschichte ausgehen wird.

Denjenigen, die Guerrero bei einer seiner wenigen Einheiten mit dem Team gesehen haben und ihn lachend und fit wirkend für einsatztauglich halten, sei an dieser Stelle entgegnet, dass zwischen leichter Übungseinheiten (mehr hat Guerrero im Team noch nicht absolviert) und Pflichtspielen gerade im Profibereich noch Welten liegen. Immerhin machte der Angreifer am Montag ein paar längere Läufe mit Tempo, bei denen er einen guten Eindruck hinterließ. Und die Eindrücke in Hamburg untermauern zudem den Eindruck, dass sich der Offensivmann in seiner Heimat entgegen einiger hiesiger Befürchtungen nicht ausgeruht hat, sondern intensiv an seinem Comeback gefeilt hat. Nun muss der Trainer entscheiden, wann Guerrero seine erste Kaderberücksichtigung findet.

So, jetzt lasse ich Euch vorerst wieder alleine. Ich bin echt gespannt, wie die Reaktion der Mannschaft in Anderlecht aussehen wird. Es geht immerhin ums Viertelfinale. Und um eine neue Auslosung, bei der der HSV auf einen der vielen attraktiven Kontrahenten treffen könnte. Ganz ehrlich: Ich freue mich schon auf Donnerstag, auch wenn das Spiel erst um 21 Uhr beginnt.

PS: Ich werde mich erst morgen ausführlich zum Thema Zé Robero auslassen. Ich bin aber schon jetzt gespannt, was Ihr von der Sache haltet. Für diejenigen, die noch nicht im Bilde sind, sei kurz erklärt: Zé soll ein lukratives Angebot von Red Bull New York vorliegen haben, gültig ab Sommer, und soll nicht abgeneigt sein dieser Offerte zu folgen.

17:40 Uhr

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