Archiv für das Tag 'Jansen'

Dramatischer geht es nicht!

18. März 2010

Wow! Was für ein Fußballspiel! Das kostete Nerven, das war eine einzige Zitterei, das war ein sensationeller Kick, das waren Höhen und Tiefen, Harakiri-Fußball, das war hurra, einfach unglaublich und sensationell! Der HSV verliert beim RSC Anderlecht zwar mit 3:4, aber dank des 3:1-Sieges im Hinspiel ist doch das Viertelfinale in der Europa League erreicht. Tief durchatmen! Und dann dieses 3:4 sacken lassen. Nicht meckern, nicht mosern, nicht hadern, der HSV hat es geschafft! Er ist weiter im internationalen Geschäft, er darf weiter vom EL-Finale am 12. Mai in Hamburg träumen. Wir alle dürfen träumen! Auch wenn es in den nächsten Minuten noch ein wenig schwer fallen dürfte, denn die Anspannung kann doch noch gar nicht gewichen sein. Wahnsinn pur, diese 90 belgischen Minuten. Und trotz der Niederlage: Glückwunsch, HSV!

Mut hat er ja, der Bruno Labbadia. Bringt er Tunay Torun. Alle Achtung, dieser Trainer hat Courage. Wenn schon nicht Eljero Elia, dann doch Piotr Trochowski, aber denkste! Labbadia bringt Torun. Weil der dynamisch nach vorne spielen kann, und weil er gut nach hinten arbeitet. Letzteres stimmt tatsächlich, denn der kleine Türke tauchte sogar an der „eigenen“ Eckfahne auf, um dort zu klären.

Dass Ruud van Nistelrooy erneut von Beginn an in der Startelf stand, war keine große Überraschung, denn der Niederländer flößte den Belgiern allein durch seine Anwesenheit gehörigen Respekt ein, und Labbadia hatte einen Vorteil auf seiner Seite: Lassen bei van Nistelrooy die Kräfte nach, kann er ihn vom Platz nehmen. Bringt der Coach aber van Nistelrooy als Einwechselspieler, dann weiß niemand, ob die Kräfte des Torjägers dann auch tatsächlich bis zum Schlusspfiff reichen. Also alles richtig gemacht, Bruno Labbadia!

In der Viererkette gab es gegenüber dem 2:4 von Leverkusen zwei Umstellungen: Tomas Rincon, zuletzt gesperrt, kam für den formschwachen Guy Demel, und links ersetzte Jerome Boateng den an der Leiste verletzten Dennis Aogo.

Und dann dieser Start um 21.05 Uhr. Anderlecht begann mit einem unglaublichen Wirbel – in den ersten zwei Minuten. Es durfte gezittert werden. Doch dieser Sturmlauf wurde vom HSV schnell unter Kontrolle gebracht. Im so gefürchteten Hexenkessel von Anderlecht wurde es zunehmend ruhiger, denn der HSV ließ den Ball und den Gegner laufen. Das sah großartig aus, das wirkte abgeklärt, souverän, ruhig – das war klasse. Und das auf diesem Acker! Beim HSV wurde nicht nur an den Vorwärtsgang gedacht, es wurde mit Bedacht gespielt, es wurden die Räume gut zugestellt, und es wurde bei Ballverlust blitzartig umgeschaltet, um ja keine Lücken entstehen zu lassen. Das klappte bis kurz vor dem Halbzeitpfiff auch hervorragend. Die gesamte Mannschaft legte eine hohe Laufbereitschaft an den Tag, alle Spieler gingen weite Wege, jeder war ganz offenbar dazu bereit, sich zu quälen.

Dazu hatten die beiden „Sechser“, David Jarolim und Ze Roberto, fast alles im Griff. Der Brasilianer wirkte frischer und unternehmungslustiger als zuletzt, jedenfalls in den ersten 20, 25 Minuten. Dann ließ er etwas nach – ohne allerdings so krass abzufallen als zuletzt. Und gegen Ende der Partie konnte er sogar wieder etwas zulegen, das war fast ein kleines Wunder.

In der Viererkette ließ in Halbzeit eins (aber nur da!) Rincon auf seiner rechten Seite kaum etwas anbrennen. Links spielte Boateng mit Licht und Schatten gegen den gefährlichen Suarez, und in der Mitte räumten David Rozehnal und Joris Mathijsen konzentriert auf und ab. Rozehnal offenbarte dabei zwar wieder einmal seinen unglaublichen Hang zu Fehlpässen, aber dafür bewies er in der Defensive, dass er längst viel, viel zuverlässiger geworden ist als noch zu Beginn seiner Zeit beim HSV. Was Rozehnal erahnte, was er klärte (teilweise enorm rustikal, aber effektiv), was er abblockte, das sah super aus, da können auch die Fehlpässe nichts an einer hervorragenden Benotung ändern.

Im Angriff bewegten sich Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy viel, aber beide fanden sich selten einmal. Von Harmonie ist zwischen den beiden Torjägern noch nicht viel zu erkennen, aber das kann ja noch werden. Wobei „Van the man“ für mich noch einen Tick egoistischer wirkt, Aber, auch das sei erwähnt, noch lange, lange nicht in Bestform. Oder anders gesagt: Da fehlt noch so viel, das sind für mich gerade mal 70 Prozent, die van Nistelrooy abrufen kann. Aber wie sagt es Bruno Labbadia immer so schön? „Jede Spielminute bringt ihn nach vorn.“ Ihn und den HSV.

Und wie toll sah es aus, als dieser HSV dann 1:0 führte! Boateng hatte von links mit rechts geschossen (42.), ein herrliches Tor, ein wichtiger Treffer – dieses Tor war das Viertelfinale! Eigentlich.

Dann folgten vier chaotische Minuten, die es in sich hatten! Erst wird hinten links die Flanke nicht verhindert (Boateng!), und in der Mitte lädt die HSV-Defensive die Belgier wieder einmal zum „Tag der offenen Tür“ ein. Gegen Lukaku stand (nur noch) Tomas Rincon auf verlorenem Posten. Und als wäre es nicht genug mit diesem 1:1 gewesen – Boateng foult Suarez, Strafstoß. Was für ein dämliches Foul! Wie kann ein Nationalspieler in einer solchen Situation so ungeschickt zu Werke gehen? Das war ja Wahnsinn. Schon in der C-Jugend (spätestens!) wird jedem Abwehrspieler gelehrt: Gegenspieler stellen, nicht umtreten! Unglaublich, das Boateng alles das vergisst, was er doch längst kann. Diese Dummheit wurde mit dem 2:1 für Anderlecht bestraft. Es durfte wieder gezittert werden, obwohl der HSV vorher eindeutig Chef im Ring gewesen war. So wird ein Gegner, der eigentlich schon weg vom Fenster war, wieder aufgebaut!

Und dann diese zweite Halbzeit! Unfassbar. Erst das 2:2 in der 54. Minute. Petric bedient Marcell Jansen, der schießt ein. Wieder einmal Jansen! Großartig, der Linksfuß ist mit Geld ja gar nicht zu bezahlen. Jansen ist super, und ich lege mich fest: Mit diesem Tor hat er sich, falls nicht noch eine Verletzung dazwischen kommt, nach Südafrika geschossen. Nie war Marcell Jansen so wertvoll wie heute.

Die Entscheidung war das aber noch lange nicht. Denn dann folgten die drolligen 20 Minuten der Hamburger Defensive. Defensive? Ein Hühnerhaufen! Es ging wieder einmal drunter und drüber. 3:2, 4:2 für Anderlecht. Erst wurden Jarolim und Rincon hinten rechts Knoten in die Beine gespielt, wobei besonders der Südamerikaner offenbarte, dass ihm das spezielle Denken eines Rechtsverteidigers eigentlich völlig abgeht. Das war Rincon als Brummkreißel. Und beim vierten RSC-Tor sah erst Mathijsen (gegen Lukaku) ganz schlecht aus, und dann auch Frank Rost (sein einziger Fehler), der dem Ball, der von der Torauslinie zur Mitte gespielt wurde, nicht entgegen ging (hechtete). Da brannte im Hexenkessel dann doch wieder die Luft – was für ein Wahnsinnsspiel!

Das Aus drohte. Bis zur 75. Minute. Dann behauptete sich Jarolim, der überall zu finden war, am RSC-Strafraum und passte die Kugel mustergültig auf Petric. Und der hatte endlich einmal wieder das Glück auf seiner Seite. Das 3:4 war der Endstand, der HSV war damit im Viertelfinale. Schlusskommentar der überglücklich neben mir sitzenden Frau M: „Für Mladen Petric freut mich das ganz, ganz besonders, der hatte zuletzt so oft Pech mit seinen Schüssen – einfach traumhaft für ihn und uns, dass er dieses wichtige Tor gemacht hat.“

23.12 Uhr

Und plötzlich ist Guerrero da

12. März 2010

Es ist kein Spiel wie jedes andere. Weder für die HSV-Mannschaft, noch für den Trainer. Der HSV könnte mit einem Sieg am Sonntag in Leverkusen einen großen Schritt in Richtung Europa tun, und für Bruno Labbadia gilt es, der Vergangenheit zu begegnen. Mit der Bayer-Mannschaft hatte er in der Saison 2008/09 eine grandiose Hinrunde gespielt, der damalige HSV-Trainer Martin Jol schwärmte von Leverkusen als „bestes Teams der Bundesliga“ („Die werden Meister“), aber dann gab es in der Rückrunde das böse Erwachen, den Absturz ins Mittelfeld – und den Ärger um das Pokalfinale gegen Werder Bremen. Labbadia aber lässt sich in Richtung Leverkusen nichts entlocken, er will nichts von Abrechnung, Rache oder ähnliche Begriffe wissen, er hält den Ball flach: „Es ist interessant, dorthin zurück zu kehren, denn wir hatten im ersten halben Jahr in diesem Stadion ein tolles Gefühl. Ich freue mich ganz einfach auf die Rückkehr. Aber ein besonderes Spiel? Nur deshalb, weil es nun heiße Spiele für uns gibt. Erst Leverkusen, dann wieder Anderlecht, dann Schalke – das sind schon ganz besondere Spiele für uns.“

Mehr aber auch nicht. Sagt der HSV-Coach jedenfalls. Wie es innen, wie es in seinem Inneren aussieht, das konnte er schon immer geschickt verbergen, das gilt natürlich auch – oder erst recht – vor einem so wichtigen, einem so großen und vor allem brisanten Spiel. Letztlich ist es ja aber auch so: Es geht am Sonntag nicht um Bruno Labbadia, sondern um den HSV, um Sieg, um oben dran zu bleiben. „Es wird ein intensives, ein interessantes Spiel, dazu auch eine technisch sehr anspruchsvolle Begegnung – da treffen zwei Top-Mannschaften aufeinander.“ Und dabei, so wünschen es sich ganz sicher auch die meisten HSV-Fans, sollte möglich auch Ruud van Nistelrooy wieder mithelfen. Wenn es geht, von Beginn an. Das aber ließ sich Labbadia noch offen. Erst einmal muss wohl abgewartet werden, wie die „Erscheinung“ die ersten 90 Minuten seit über einem Jahr verarbeitet hat.

„Hoffentlich können wir so weitermachen und so ein sehr gutes Saisonende spielen. Es hat Spaß gebracht, es lief gut, wir haben gut gespielt, auch gut nach vorne gespielt, Chancen kreiert, den Ball laufen lassen, den Ball immer in den Fuß gespielt – und wir haben gut über die Außenpositionen gespielt, über Elia und Marcell Jansen, so können wir sehr gefährlich werden“, sagte Ruud van Nistelrooy über seine ersten 90 Minuten in Hamburg. Er ist eigentlich immer heiß, brennt auf seinen Einsatz, will immer von der ersten Minute ran. Diesmal aber bremst er sich selbst ein bisschen: „Ich muss mal abwarten, wie es geht. Von Donnerstag auf Sonntag, das ist ja ziemlich schnell, das werde ich mal sehen. Ich will in aller Ruhe abwarten.“

Dass sein Tor zum 2:0 etwas Besonderes für ihn war, das gab er unumwunden zu: „Natürlich, das war sehr schön für mich. Bei meinem Treffer hatte ich auch Glück, der Ball prallte an den Innenpfosten. Als Stürmer versucht man immer, den Ball auf und in das Tor zu schießen, dass es geklappt hat, war besonders schön für mich. Es hat an diesem Abend alles gepasst, internationale Spiele sind immer schön, die Fans standen hinter uns, die Stimmung war gut – wir waren gut drauf, das war ein sehr schöner Abend, ich habe jede Minute genossen.“

Dass van Nistelrooy bis zuletzt auf dem Rasen blieb, obwohl er in Sachen Kraft doch abgebaut hatte, begründete der HSV-Trainer mit der Größe des Gegners: „Wir hätten den Ruud gerne eine Viertelstunde vor Schluss vom Platz genommen, aber dadurch, dass wir in der Körpergröße Anderlecht doch ein Stück unterlegen waren, brauchten wir ihn noch unbedingt auf dem Rasen.“

Ob „Van the man“ auch am Sonntag in der HSV-Startformation stehen wird? Abwarten. „Wir werden es wieder so halten, wie vor dem Anderlecht-Spiel. Da haben wir uns auch erst kurzfristig dafür entschieden, dass Ruud von Anfang an spielen wird. Ich werde mit ihm reden, wir werden mal sehen, wie er sich nach diesem Spiel fühlt – und dann mal gucken, wie und ob es geht“, sagt Labbadia. Er hatte es seinem neuen Stürmer erst drei Stunden vor dem Anpfiff mitgeteilt. Nach dem Spiel lobte der Coach dann den Weltstar: „Er hat seine unglaubliche Qualität gezeigt, er hat sich sehr gut bewegt. Und er hat gezeigt, wie wertvoll er für uns ist. Ruud hat sein Können eindrucksvoll bewiesen – das war sehr gut. Ich denke, dass er sehr, sehr gut gearbeitet hat, seit er hier ist, dass wir aber auch eine Balance finden, zwischen Arbeit und gleichzeitig Regeneration, dass wir sehen, dass wir nichts überpowern – und das ist genau das, was wir in den nächsten Tagen und Wochen mit ihm tun müssen.“

Ähnlich wird es sich mit Paolo Guerrero verhalten. Plötzlich war der Peruaner wieder da, saß sogar beim Anderlecht-Spiel im Stadion. Von Flugangst war und ist nichts mehr zu spüren, der Südamerikaner lacht schon wieder viel, wirkt frisch, erholt und unternehmungslustig. Er gibt zu: „Ich hatte einige kleine Probleme nach Hamburg zu fliegen, aber nun bin ich hier. Ich bin zu 80 Prozent fit, ich denke, dass ich gegen Anderlecht schon wieder spielen kann.“ Der Optimist. Er wird sich wohl in Geduld üben müssen. Bruno Labbadia jedenfalls sagt lächelnd: „Er will spielen, aber dafür haben wir Trainer, dafür haben wir eine medizinische Abteilung. Klar, da gibt es eine Diskrepanz, der Spieler will immer schnell, aber davor sind noch einige Tests angesetzt, davor ist für Paolo noch einige Arbeit angesetzt, damit ausgeschlossen ist, dass es Folgeverletzungen gibt. Wir hatten vor Wochen einen Plan entwickelt, der muss noch weiterhin abgearbeitet werden.“

Der erste Guerrero-Test steht für Sonnabend an, da wird es um die Kraft geben. Dann muss auch die Ausdauer überprüft werden, und, und, und. Labbadias Resümee zu diesem „Fall“: „Es ist klar für mich, dass gewisse Defizite nicht innerhalb einer Woche aufzuholen sind. Aber ich lasse mich immer jeden Tag neu überraschen, deswegen werden wir gucken müssen, wie sich das entwickelt.“ Immerhin sagt Bruno Labbadia auch: „Paolo macht einen sehr klaren und stabilen Eindruck.“ Diesen Eindruck vermittelte der Peruaner allen. Auch seinen Kollegen. Kapitän David Jarolim über die Rückkehr des „verlorenen Sohnes“: „Wir waren überrascht, dass er so plötzlich da war. In der Kabine haben wir ihn dann geflachst, ob er eventuell schon Deutsch verlernt hätte.“ „Jaro“ weiter: „Er kommt jetzt zum richtigen Zeitpunkt, es ist nicht mehr so richtig kalt hier – er hat das schon clever gemacht. Aber er ist jetzt hier, das ist das Wichtigste, wir wollen ihn so schnell wieder im Mannschaftstraining sehen, nur muss man ihn da auch bremsen, er will ja sofort, doch da wird er es doch ein wenig langsamer angehen müssen.“

Ganz sicher ist es so. Obwohl Paolo Guerrero auch ein wenig schelmisch lächelnd sagt: „Ich bin froh, wieder in Hamburg zu sein, ich will der Mannschaft helfen, und ich denke, dass ich der Mannschaft auch helfen kann. Am liebsten sofort.“ Von seiner Flugangst will er nichts mehr wissen: „Ich hatte schon als kleines Kind Angst vorm Fliegen, das ist geblieben, das wissen auch die Kollegen. Ich habe immer Schwierigkeiten, wenn ich in der Luft bin, ich habe Angst, das ist für mich auch normal.“ Dass er in Peru zitiert wurde, die Flugangst sei eine Erfindung der deutschen Medien, das wies er aber zurück: „Ich gebe in Peru keine Interviews, deswegen kann ich das nicht gesagt haben. Ich stehe dazu, ich habe Angst vorm Fliegen.“ Obwohl er auch freudig zugab: „Jetzt der Flug nach Hamburg, der war sehr schön, es war ruhig, ich habe viel geschlafen . . .“ Dass er diese Flugangst verspürt, das schiebt er seinem Magen zu: „Mir wird immer schlecht, mir wird flau, mein Magen dreht sich. Das ist mein Problem.“ Einmal, so berichtete er, musste ein Flugzeug mit ihm an Bord (Ziel Deutschland) wieder nach Peru zurückkehren, weil sein Magen wieder einmal strikte. Bleibt nur zu hoffen, dass er das nicht noch oft macht. Zum Beispiel nicht auf dem Flug nach Brüssel – am Mittwoch.

Übrigens, folgende Anekdote möchte ich Euch zum Abschluss nicht vorenthalten. RSC-Trainer Ariel Jacobs (56) sagte nach der 1:3-Niederlage seines Teams folgendes über zwei HSV-Profis und seinen 16-jährigen Stürmer Romelu Lukaku: „In der ersten Halbzeit hat Lukaku mit seinen Kräften um sich geschmissen, in der zweiten Halbzeit gingen ihm dann die Kräfte aus – alles eine Sache der Erfahrung. Wenn man dagegen bei Hamburg Ze Roberto und David Jarolim sieht, die sehr viel Erfahrung haben, dann scheint es manchmal so, als würden sie aus dem Stillstand heraus Fußball spielen, aber das macht eben die Erfahrung aus.“ So kann man es natürlich auch sehen. Muss Mann aber nicht.

18.47 Uhr

Ruuuud tut allen gut!

11. März 2010

Sieg! 3:1 gegen Anderlecht, die halbe Miete ist drin, der HSV ist auf dem besten Weg ins Viertelfinale der Europa League. Gegen einen starken Gegner aus Belgien gab es drei herrliche Tore, das Spiel war von Leidenschaft geprägt, es ging hin und her – das war Fußball pur! Noch einmal so konzentrierte 90 Minuten, und es darf weiter vom 12. Mai geträumt werden, denn dann findet im Volkspark das Finale statt. Die HSV-Mannschaft wurde nach dem Schlusspfiff gefeiert und mit viel Applaus in die Kabine geleitet.

Nur 34 921 Zuschauer in der Arena, eine herbe Enttäuschung. Die Fans wollen immer internationale Spiele, aber offenbar nur die ganz besonderen. Schade. Im Achtelfinale hätte die Mannschaft doch ein wenig mehr Zuspruch verdient. So feuerten die Rothosen im Norden wie immer an, aber sie hatten mit den cirka 7000 RSC-Fans im Süden zu kämpfen, die mächtig Alarm machten. Auch schon am Nachmittag, denn da sollen in der Stadt schon einige belgische Fäuste gegen deutsche Köpfe geflogen sein. Bitter, aber so ganz ist die Gewalt eben doch nie zu stoppen, besonders bei internationalen Spielen wohl nicht.

Beim HSV gab es schon vor dem Anpfiff eine Überraschung: Ruud van Nistelrooy sollte sein Startdebüt geben. Unglaublich, wie schnell sich diese Nachricht herumgesprochen hatte. Und wie optimistisch die Hamburger mit einem Male waren. Wie oft war zu hören: „Hast du schon gehört? Ruud spielt. Dann gewinnen wir 3:0.“ Auch ein 4:0 hatten die Fans auf den Lippen. Unfassbar, was „Van the man“ in Hamburg bewegt.

Der HSV war von Beginn an leicht überlegen, die Belgier, die fast alle Gardemaß hatten, warteten auf Konter. Und die waren immer brandgefährlich. Der RSC war für mich besser als zuletzt der PSV Eindhoven. Zum Glück aber stand Joris Mathijsen gegen die Belgier wie der Fels in der Brandung, der Niederländer bewies erneut sein ausgezeichnetes Auge und stopfte links und rechts viele Löcher _ und bewachte, fast nebenbei, den talentierte Lukaku. Das war hervorragend. Noch einen Tick stärker vielleicht sein Nebenmann David Rozehnal. Der Tscheche war überall, er gewann fast alle seine Zweikämpfe, wirkte enorm konzentriert – und schlug auch diesmal kaum einen seiner sonst so (vom eigenen Anhang) gefürchteten 40-Meter-Fehlpässe. Alle Achtung, Rozehnal war ein ganz dicker HSV-Pluspunkt.

Was unangenehm auffiel: Viele, viele Fehlpässe und auch technische Unzulänglichkeiten. Mladen Petric und Dennis Aogo lagen gegenüber ihren Kameraden leicht vorne. Und Petric behandelte die Kugel nach dem Motto: „Unsere Spieler stoppen den Ball weiter – als der Gegner schießen kann. . .“ Das war gelegentlich auch für ihn unfassbar, denn einige Male schüttelte er seinen Kopf.

Aber alles wird gut. In Form des 1:0. Ein abgewehrter HSV-Eckstoß (23. Minute) flog vor die Füße von Dennis Aogo, und dessen Querschläger prallte wie beim Billard vor die Füße von Joris Mathijsen. Und der machte das Tor mit rechts! Diesen Fuß hat er eigentlich nur, damit er nicht umkippt . . . Diesmal nutzte er ihn zum erfolgreichen Torschuss – große Erleichterung.

Und danach war dann auch Petric im Spiel. Er hatte in der 35. Minute seine erste Szene, als er nach einem Jansen-Pass aus der Drehung schoss, die Kugel aber knapp am RSC-Tor vorbei flog. Dennoch sein Aha-Erlebnis, er war plötzlich da. Im Gegensatz zu Eljero Elia, der wieder einmal rechts, auf seiner ungeliebten Position, zum Einsatz kam – und nicht zu sehen war. An ihm lief das Spiel vorbei. Bis auf eine Szene in der 40. Minute. Da tauchte Elia urplötzlich links im RSC-Strafraum auf und legte den Ball zwei Meter auf den neben ihn lauernden Ruud van Nistelrooy. Und der machte das, was alle von ihm erwarten: ein Tor. Aber was für eines! Ein unglaubliches! Im Stile von Lothar Emmerich, der bei der WM 1966 in England gegen Spanien ein Tor aus unmöglichem Winkel erzielte. Der Ball touchierte den kurzen Pfosten, aber er war drin – und die Arena kochte über. Alle HSV-Fans sprangen von ihren Sitzen hoch, Paaadie-Time im Volkspark. Jubel, Trubel, van Nistelrooy. Und dazu dann der dreifache Lotto: „ Tor für den HSV! Torschütze: Ruuuuuuud!“ Und dann donnerte es im Chor zurück: „VAN NISTELROOY!!!“ Und beim Anstoß Anderlecht summte das ganze Stadion: „Ruuuuuuuud!“ Einmalig. Und der Torschütze? Der war im siebten Himmel. Obwohl er auf dem Rasen seine beiden Arme sekundenlang in die Luft streckte. Ein traumhaftes Erlebnis.

Bis zur 45. Minute. Dann schoss Anderlecht den Anschlusstreffer. Legear zirkelte einen Freistoß aus 23 Metern in den oberen linken Torwinkel, ein herrliches Tor, unhaltbar für den vergeblich fliegenden Frank Rost, leider passte es so gar nicht in die Regie dieses Europa-League-Spiels. Mit einem Male waren die belgischen Zuschauer wieder wach. Halbzeit.

Der zweite Durchgang wurde noch lebhafter, noch spannender, noch schneller. Und der HSV bekam personelle Probleme: Ze Roberto hing schon seit Spielbeginn durch (das war gar nichts!), van Nistelrooy musste gelegentliche Pause einlegen (natürlich!), und Elia war immer noch nicht zu sehen. Im Gegenteil, er tauchte immer weiter ab, in meinen Augen übertrieb er das körperlose Spiel, er ging allen Zweikämpfen aus dem Weg. In der 78. Minute war die einstige Rakete dann endlich erlöst, für ihn kam Piotr Trochowski ins Spiel.

Kurz zuvor hatte David Jarolim für das 3.1 gesorgt. Jarolim mit einem Knaller! Und wieder stand der Volkspark Kopf. „Jaro“, der sonst kaum einmal über 16 Meter schießen kann, der drosch die Kugel aus 18 Metern ins RSC-Tor. Wieder ein großartiger und überwältigender Freudentaumel. Dazu viele erlösende Lacher, denn einen solchen „Hammer“ hätten sie alle dem HSV-Kapitän nicht zugetraut. 3:1 – allen wurde im kalten Volkspark wärmer ums Herz.

Dass es beim 3:1 blieb, das war auch Frank Rost zu verdanken, der in der 86. Minute großartig mit dem Fuß gegen einen Legear-Schuss klärte – überragend.

Die Bestnoten beim HSV: Rozehnal, Mathijsen, Rost, dazu Marcell Jansen, Tomas Rincon (was für ein großartiger Kämpfer!), Dauerläufer Jarolim und natürlich Ruud van Nistelrooy. Der baute in den letzten 25 Minuten zwar gewaltig ab, aber ganz ehrlich: Eine solche Leistung hätte ich ihm (noch) nicht zugetraut. Das macht Hoffnung für die Endphase dieser Saison, bleibt der Niederländer „heil“, dann wird er noch für viel Freude sorgen. Ist er bei bester Kraft, profitiert auch die Mannschaft von ihm, denn er macht viele, viele Dinge richtig, kann den Ball halten, gewinnt Zweikämpfe und weiß auch genau, wann er abzuspielen hat. Großartig!

Übrigens: Auch einer der beiden „Torrichter“ durfte diesmal Arbeit verrichten. In der 32. Minute wurde der gute Mann allerdings zu seinem „Glück“ gezwungen, weil der Norden ihn darauf aufmerksam machte, dass der Ball bei einem Eckstoß für den RSC nicht regelkonform lag. Ein einziger Aufschrei nötigte den Mann, kurz mal nach dem Rechten in der Ecke zu sehen – seine einzige Daseinsberechtigung. Naja, zu diesem Thema ist alles gesagt. Und es war an diesem Abend ja auch vor allem Jubel angesagt: „Ruuuuuud!“ Obwohl es noch einen „Batzen“ Arbeit im Rückspiel zu verrichten gibt, bevor das Viertelfinale erreicht ist.

21.04 Uhr

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