Archiv für das Tag 'Jakobs'

Von Versprechungen, Forderungen und Altmeistern

20. Juni 2015

So eine Fußball-Sommerpause ist einfach nur schrecklich. Jahr für Jahr wieder. Zumal dann, wenn sich der HSV wieder einmal traditionell Zeit lässt, Zeit lassen muss, um neue Spieler zu verpflichten. Auch Jahr für Jahr wieder. The same procedure as every year – im Sommer, nicht zum Jahreswechsel. Still ruht der See. Es tut sich nichts. Obwohl die Herren des HSV schön unterwegs sind, um sich nach Verstärkungen umzusehen. Sogar bei der U21-Europameisterschaft waren sie in Tschechien, obwohl die Talente dort wohl allesamt eine Preisklasse zu hoch sein dürften für den HSV. Aber warten wir es ab, mehr bleibt ja nicht. Obwohl die Ungeduld wächst. Bei vielen HSV-Fans. Und eventuell auch bei manchem Angestellten des Clubs. So las ich heute beim Einkaufen die Titelseite der „Bild“, und dort stand zu lesen: „Olic fordert neue Stars“. Da dachte ich so bei mir: „Wer nicht?“
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„Lass meine Spieler in Ruhe!“

2. November 2014

Dass wir erst ein Matz-ab-Treffen machen mussten, ehe der HSV mal ein Heimspiel gewinnt… Leidenschaft am Freitagabend in Norderstedt (vielen Dank auch noch einmal an die Gastgeber des „Anno 1887“, die uns erneut ihre Räume zur Verfügung gestellt haben) – und es schien, als ob die Mannschaft davon gestern beim 1:0 gegen Bayer Leverkusen beflügelt worden wäre. Ich habe dazu heute beim Regionalliga-Spiel der U 23 mit einigen Fans gesprochen – und der Tenor war: „Das war ein Super-Spiel gegen Leverkusen. Wobei es eigentlich gar kein Spiel war, sondern ein Super-Gehacke. Trotzdem: weiter so!“

50 Fouls, neun Gelbe Karten – das war Saison-Rekord in der Bundesliga, und es ist sicherlich ein kleines Fußball-Wunder, dass es keine Platzverweise gab und zum Glück auch keine Verletzungen. Damit wären wir auch schon beim Schiedsrichter. Bayer Leverkusen hat Florian Meyer gestern als Hauptschuldigen des 0:1 von Hamburg ausgemacht. Trainer Roger Schmidt war überhaupt nicht einverstanden mit seiner Spielleitung, und dabei ging der Trainer gar nicht einmal auf den unstrittigen Elfmeter ein (Foul von Bayer-Keeper Bernd Leno an Marcell Jansen), der in der 26. Minute zum Tor des Tages durch Rafael van der Vaart führte. Schmidt beschwerte sich über Meyers ganze Spielleitung: „Ich fand nicht in Ordnung, was auf dem Platz passiert ist. Der Schiedsrichter hat es aber zugelassen. Das war teilweise eine Treibjagd.“ Schmidt bemängelte, dass der HSV mit vielen taktischen Fouls Chancen der Leverkusener im Ansatz zunichte machte, die dann aber nicht zu Gelben Karten führten.

Nun ist zumindest die letzte dieser Beschwerden sachlich nicht ganz richtig. Immerhin gab es sechs Verwarnungen gegen HSV-Profis. Man kann darüber streiten, ob Meyer nicht auf der einen, aber auch auf der Leverkusener Seite (Foul von Donati an Jansen kurz vor dem Wechsel) Rot hätte ziehen können oder müssen, doch generell haben sich die Leverkusener sicher vor allem geärgert, dass ihnen der HSV den Schneid abgekauft hat. Rudi Völler, der Sportdirektor der Werkself, sagte über den Schiri: „Es war zu erwarten, dass es hart werden würde. Aber wir hätten besser geschützt werden müssen vom Schiedsrichter mit Gelben oder Roten Karten, dass es so nicht geht. Das hat er nicht gemacht, und dann hören die Hamburger auch nicht auf. Ist ja ganz klar.“

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Jedenfalls hat die sehr hitzige Atmosphäre dazu geführt, dass es beim Gang in die Pause sogar zwischen den Trainern gekracht hat. Joe Zinnbauer wollte den Unparteiischen abfangen auf ein Wörtchen, aber sein Kollege Schmidt war schneller. Dann hat der HSV-Coach offenbar Schmidts Beschwerde über die Gangart der Hamburger aufgeschnappt und ist, gelinde gesagt, ziemlich aus der Haut gefahren. Medien-Direktor Jörn Wolf musste Zinnbauer zurückhalten, der immer wieder schrie: „Lass meine Spieler in Ruhe!“

„Es hat so ausgesehen, als wollte ich ihm an die Wäsche. Aber so war das nicht. Trotzdem war es nicht gut von mir, das muss ich auf meine Kappe nehmen“, so Zinnbauer mit etwas Abstand. „Das passiert mal, dass man emotional drauf ist. Aber wir haben uns anschließend auch wieder die Hand gegeben.“

Abseits dieser Diskussionen ist wohl unstrittig, dass genau diese harte und aggressive Gangart der Schlüssel war zum ersten HSV-Heimsieg seit Anfang April. Spielerisch mitzuhalten mit dem Champions-League-Teilnehmer – das haben sich die Hamburger offenbar von Beginn an abgeschminkt. Marcell Jansen: „Wir brauchen keine spielerische Entwicklung. Was wir brauchen ist, als Mannschaft gut zu stehen. Wir müssen als Mannschaft gut verteidigen – und wenn du dir irgendwann mal genügend Punkte erkämpfst, kommt das Spielerische hinten raus. Aber der umgekehrte Weg funktioniert nicht im Fußball.“ Und weil die HSV-Verantwortlichen wissen, wie schwer sich die Mannschaft auf dem Weg zum gegnerischen Tor tut, wird halt noch größerer Wert auf die Defensive gelegt. Was ja auch funktioniert hat, denn bis auf die Monster-Chance in der 94. Minute von Karim Bellarabi, dessen Schuss an den Innenpfosten des Hamburger Tores ging, sprang nur recht wenig Hochkarätiges für die Gäste heraus.

„Not in my house!“ So sagen es die Basketballer in der amerikanischen NBA, wenn sich ein Eindringling zu nahe an den eigenen Korb heranwagt. Dann wird aus dem körperlosen ganz schnell ein körperbetontes Spiel, in dem der Gegner mit aller Macht zurückgeschmettert wird. Diese Ausstrahlung hatte der HSV gestern. „Nicht in unserem Stadion!“, schienen sie den Leverkuseners mit jedem Angriffsversuch entgegen schmettern zu wollen.

Mir ist dabei eine Geschichte eingefallen, die mir ein Ex-Star mal aus den 80er Jahren erzählt hat. Da wurde das ganze im Vorwege erledigt. So dribbelte Wolfram Wuttke für den 1. FC Kaiserslautern im Volkspark auf. Er hatte den HSV kurz zuvor verlassen, seine Hamburger Zeit war bekanntlich keine Erfolgsgeschichte. Beim Wiedersehen in der Saison 1987/88 also, kurz vor der Europameisterschaft in Deutschland, zu der sich Wuttke große Teilnahme-Chancen ausrechnete, gab’s im Kabinengang unmittelbar vor dem Anpfiff das große Wiedersehen mit den alten Kollegen. Auch mit Verteidiger Ditmar Jakobs. Der schüttelte „Wolle“ freundlich die Hand – und sagte dann ganz ruhig: „Übrigens, wenn Du wirklich zur EM willst, dann bleib heute mal lieber von unserem Strafraum weg.“ Wuttke „gehorchte“ (er fuhr dann wirklich zur EM), der HSV gewann mit 5:1 (Jakobs hatte sein Ziel erreicht). Ich hoffe, derjenige, der mir diese Anekdote mal anvertraut hat, ist jetzt nicht sauer (es war nicht Jakobs selbst!) – aber inzwischen ist der Vorfall ja auch verjährt.

Gestern stand natürlich alles unter dem Stern mit dem Namen „Hakan“. Schmäh- und Pöbelgesänge gegen den früheren HSV-Spieler gab es fortwährend, das war ja klar. „Vor dem Spiel war es im Stadion schon ziemlich hitzig durch Hakan“, sagte Heiko Westermann (diesmal ohne Fehler). „Aber für uns war es einfach wichtig, den Dreier einzufahren. Es ging nicht um Hakan. Das haben wir alles bravourös gemeistert.“ Calhanoglu selbst konnte diese Partie nicht prägen. Der eine oder andere Freistoß kam, er schoss auch vier Mal aufs Hamburger Tor, aber meistens zu harmlos für Jaroslav Drobny (diesmal ebenfalls ohne Fehler). Von den Rängen ließ sich der Ex-HSVer jedenfalls nicht provozieren, und zum Glück sind auch die reichlichen Gegenstände (Feuerzeuge u.ä.) in der ersten Halbzeit bei der Freistoß-Aktion vor der Nordtribüne an ihm vorbei geflogen. „Hakan hat sich nichts anmerken lassen. Er hat auch schon vorher einen glasklaren Eindruck gemacht. Ich wusste, er würde der Situation gewachsen sein“, lobte Roger Schmidt seinen Schützling. Und damit wirklich genug zu diesem Spieler.

Aber halt: ein Schlenker muss noch sein. Rafael van der Vaart hat sich in diesem Spiel nach einer ziemlich harten Grätsche – ausgerechnet gegen Calhanoglu – die Gelbe Karte abgeholt. Das war ein Zeichen! Und in diesem Spiel nicht das einzige von van der Vaart. Er hat Verantwortung übernommen und die Stimmen, die in den vergangenen Wochen einen Abgesang auf ihn angestimmt haben, zumindest etwas leiser werden lassen. Dass er überhaupt auf dem Rasen stand, war ja schon überraschend. Läuferisch nicht mehr stark genug, Luft nur für 60 Minuten, keine Führungsfigur – diese Vorwürfe trafen van der Vaart, und er hat sie alle durch seine mäßigen Leistungen in den vergangenen Monaten untermauert. Doch die Pause durch seine lange Wadenverletzung scheint nun auch sein Gutes zu haben.

Zwar stimmt die Einschätzung, dass der Kapitän ganz offensichtlich nicht die Luft hat für 90 Minuten. „Rafael war kämpferisch ein Vorbild und wollte auch viele Dinge spielerisch gut lösen“, befand Joe Zinnbauer. „Aber man hat auch gesehen, dass er noch nicht bei 100 Prozent ist. Wir hoffen, das wird er bald erreichen.“ Dennoch: Van der Vaart hatte gute Laufwerte (mehr als 7,5 Kilometer in 62 Minuten) und einen guten Einfluss auf das Spiel. Und: Er hat das Tor des Tages gemacht. „Ehrlich gesagt, ich habe die Augen zu gemacht und so hart wie möglich geschossen. Glücklicherweise war er drin.“

Gibt es also doch eine gemeinsame Zukunft für das Mittelfeldduo van der Vaart/Holtby? „Es kann auch nächste Woche wieder anders aussehen“, sagte Trainer Zinnbauer zu diesem Thema. Da werden sicher die Trainingseindrücke eine große Rolle spielen, wobei ich jetzt schon die Tendenz sehe, van der Vaart für einen laufstärkeren Spieler herauszunehmen. Doch das bleibt nun abzuwarten. In jedem Fall ist Rafael van der Vaart aufgefordert, seine Leistungssteigerung zu bestätigen. Dass er nach seinem Treffer effektvoll auf die HSV-Raute auf seinem Trikot geklopft hat, ist ja erstmal schön anzusehen. Doch nachhaltige Leistungen wären allen, die mit dem HSV zu tun haben, auf Sicht bestimmt lieber.

Noch wichtiger als van der Vaart war für den HSV gestern wohl Valon Behrami. Fußball-Direktor Peter Knäbel hat dem Schweizer, der – obwohl angeschlagen – auf die Zähne gebissen hat, ein Sonderlob ausgesprochen. Und da wollte auch Joe Zinnbauer nicht hintenan stehen: „Er hat ein überragendes Spiel gemacht. Normal hätte er nicht spielen können. Schon in der Halbzeit konnte er eigentlich nicht mehr. Kurz nach der Pause wollte er auch mal raus, aber dann habe ich nichts mehr gehört. Er hat sich aufgeopfert für die Mannschaft. Das ist sensationell. Aber seine Präsenz brauchen wir auf dem Platz. Auch wenn man es optisch nicht sofort erkannt, weil er nicht die tollen Pässe spielt. Aber er räumt unheimlich viel ab.“

Was die Laufwerte des Teams angeht, war das diesmal alles nicht so doll. Der HSV landete bei 110 Kilometern, das ist extrem wenig, ist sicher aber auch den ständigen Unterbrechungen und Spielpausen geschuldet.

Heute war nun also fußballfrei für die Profis, die sich stattdessen auf den Weg zu ihren Fanclubs machten. Über Twitter flogen Fotos von lächelnden HSVern durchs Netz. Drobny in Reppenstedt, Lasogga in Nordhausen, Djourou in Hohenlockstedt – da lässt es sich nett diskutieren mit diesem Erfolgserlebnis im Gepäck. Es war das vierte Heimspiel in der Bundesliga unter Joe Zinnbauer – und zum vierten Mal Beifall des Publikums. Drei Treffer sind den Hamburgern in diesen Spielen nur gelungen, aber der Einsatz stimmte. 0:0 gegen die Bayern, 1:2 gegen Frankfurt, 1:1 gegen Hoffenheim, jetzt 1:0 gegen Leverkusen. EIN Ziel vor Saisonbeginn war es, die Begeisterung der Fans neu zu entfachen mit leidenschaftlichem Fußball. Es wird nicht immer solch eine Schlacht sein wie gestern, aber es gibt doch das eine oder andere Indiz für Besserung. Nicht nur beim Blick auf die Tabelle, die mal wieder einen grünen Pfeil nach oben neben dem HSV sieht.

Verbessern kann sich die Zweite Mannschaft des HSV nicht mehr. Die schwebt in der Regionalliga Nord schon über allen anderen, und deswegen war das 0:0 heute gegen den SV Meppen schon eine Überraschung. 15 Spiele, 13 Siege, zwei Unentschieden – so lautet die Zwischenbilanz. 750 Zuschauer an der Hagenbeckstraße haben diesmal nicht den gewohnten Schwung gesehen, aber das muss auch mal drin sein, nachdem das Team von Trainer Daniel Petrowsky die FT Braunschweig in der Vorwoche mit 10:0 gedemütigt hatte. Trotzdem hatten die Hamburger heute die besten Chancen, aber Nils Brüning (44., Pfosten) und der eingewechselte Said Benkarit (88., Latte) vergaben sie.

Und so spielte der HSV II: Brunst – Götz, Jung, Carolus, Marcos – Steinmann, Mende – Arslan, Cigerci (70. P. Müller), Gouaida (70. Masek) – Brüning (82. Benkarit)
Gelb-Rote Karte: Carolus (63., wiederholtes Foulspiel)

Die Profis haben morgen noch einmal richtig frei, ehe es am Dienstag um 10 Uhr mit der nächsten Einheit weitergeht. Es wird die erste von sechs sein auf dem Weg nach Wolfsburg am kommenden Sonntag.

Lars
18.34 Uhr

Nachtrag: Jetzt habe ich vergessen, etwas über Manfred Kaltz zu schreiben, der laut “Bild am Sonntag” ein Angebot für die Teilnahme am Dschungelcamp hat. Aber irgendwie fällt mir da auch nichts Gescheites ein…

Von Wiedergutmachung ist nichts zu sehen

9. August 2014

Der HSV ist wieder da – wo er am Ende der vergangenen Saison stand. Es tut mir leid, wenn ich am Freitag mit einem Artikel im Hamburger Abendblatt so etwas wie Euphorie und Vorfreude hatte aufkommen lassen, dass ich Hoffnung auf bessere Zeiten gemacht habe. Ich entschuldige mich dafür und nehme fast alles zurück. Dieser HSV ist weiterhin ein Pflegefall, das war mehr als deutlich beim 0:2 gegen Lazio Rom zu erkennen. Und meine Erkenntnis nach diesem grausamen Kick ist die, dass der Herr Kühne nun eigentlich noch einmal seine Schatulle ganz weit öffnen müsste, um diesem kranken Patienten doch einmal finanziell richtig unter die Arme zu greifen. Mit ein paar neuen Jungs ist es offenbar nicht getan, hier muss viel, viel mehr passieren – es sind noch immer zu viele Spieler da, die den HSV in den letzten Monaten nach unten geführt haben. Meine Befürchtung ist die, dass die Neuen schon bald auch das Niveau der Jungs angenommen haben, die hier im Volkspark den Pille-Palle-Fußball eingeführt haben.

 

Nein, meine Herren vom HSV, so wird das nichts, so tritt der Club weiterhin nur auf der Stelle – und vor dem Pokalspiel in Cottbus am Montag in einer Woche muss sich jeder HSV-Fan fürchten. Tritt diese „neue“ Truppe auch an der Grenze zu Polen so blutleer auf, dann versiegt die Pokal-Einnahme-Quelle schon nach der ersten Runde. Diese Angst muss man ganz einfach haben.

 

Ich jedenfalls bin immer noch völlig entsetzt und desillusioniert, nach dieser peinlichen Nummer auf der Lübecker Lohmühle.

 

Immerhin, und das ist schon ein gewaltiger Fortschritt gegenüber der vergangenen Grotten-Saison: Trainer Mirko Slomka redete diesen Kick nicht noch schön. Er sagt vielmehr: „Ich bin schon ein wenig enttäuscht.“ Und: „Wir sind bei diesem Spiel an unsere Grenzen geraten.“ Oha. Es stimmt natürlich, aber es stimmt mich in erster Linie auch bedenklich. Lazio Rom ist Tabellenneunter in Italien geworden, die Experten waren sich in der jüngeren Vergangenheit einig darüber, dass die italienische Liga etwas an Stärke eingebüßt hat – und Lazio steckt noch mitten in der Vorbereitung, denn die Saison in Italien beginnt erst am 31. August. Und trotzdem waren die Römer schon so gut im Saft, dass sie diesen ideenlosen HSV nach Belieben und scheinbar mühelos beherrschten. Deswegen war ich nicht nur „ein wenig enttäuscht“, sondern recht, recht kräftig.

 

Im Lazio-Team wurde miteinander Fußball gespielt, da griff meistens ein Rädchen in das nächste; beim HSV stimmte es dagegen hinten und vorne (noch?) nicht. Keine Raumaufteilung, kein Blick für die Situation und den Nebenmann, keine Spur von aggressivem Spiel, es fehlte die Freude am Spiel, da wurde der Ball abgespielt und sich schnellstens aus dem Staub gemacht. Motto: „Hier Kamerad, nimm du die Pille, ich hole Verstärkung.“ Und man kann ja nun wirklich nicht mit der Ausrede kommen, dass sich da eine neue HSV-Mannschaft erst einmal einspielen und finden muss. Da waren von Beginn an (in Halbzeit eins) zwei Neulinge an Bord, Zoltan Stieber und Valon Behrami. Letzterer wurde dann auch gleich zum besten Hamburger, obwohl auch bei ihm längst noch nicht alles klappte. Er ging aber in Sachen Einsatz und Kampfgeist mit bestem Beispiel voran. Was man von einigen seiner Kollegen nicht behaupten konnte, die spielten eher mit über die „Buffer“ gezogenen Glace-Handschuhen: „Tu du mir nichts, dann tue ich dir auch nichts.“ Da bekomme ich automatisch Schweißperlen auf die Stirn, wenn ich nur daran denke . . .

 

Aufbruchsstimmung? Von wegen. Die gab es eventuell mal zwischen dem 6. und dem 7. August. Sorry!

 

Mein Gott, es steht eine neue Saison bevor. Da muss man doch brennen, da will man in die Mannschaft, da muss man auch den Willen haben, deutlich besser zu kicken als zuletzt, da ist doch Wiedergutmachung (wie es Rafael van der Vaart schon für sich sagte) die erste Tagesordnung, da müsste es doch eigentlich Spaß bringen, wenn man von den Fans – trotz allem – weiterhin so super durch den Tag getragen und unterstützt wird. Aber in Hamburg ticken die Uhren irgendwie doch anders. Da wird weiter Stiefel X heruntergespielt, das muss dann mal langen. Keine Begeisterung, keine Lust, kein Spaß, keine Freude. Motto: „Wir spulen unser Ding so ab, eben wie immer.“

 

Ich kann nur hoffen, dass das intern von den Verantwortlichen offen, ehrlich und schonungslos angesprochen wird, und zwar so rechtzeitig, bevor alles schon wieder in Schutt und Asche liegt und man dann von Beginn an wieder nur hinterher läuft. Ich kann es nur hoffen, dass diese Dinge angesprochen werden, sonst . . . Aber, und davon nehme ich dann nichts zurück, es gibt in diesem neuen Umfeld ja einige Experten (und ich meine das ernst), die sich nichts vormachen lassen, die hier angetreten sind, um diesem schlafenden Riesen wieder einmal Leben einzuhauchen, um diesen verwöhnten HSV-Profis endlich einmal wieder Beine zu machen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um den Jungs eine neue Linie vorzugeben, gerade jetzt ist es noch möglich. Bloß nicht jetzt schon wieder alle und jeden in Watte legen, wohin das führt, haben wir vor einigen Monaten erlebt.

Nein, ich bin immer noch total fassungslos, wie schlimm sich dieser HSV in Lübeck präsentiert hat. Und immer noch geht mir der eine HSV-Fan durch den Kopf, der mir nach dem Schlusspfiff im Vorbeigehen sagte: „Das war ernüchternd . . .“ Ja, und das war es nicht nur, das ist es immer noch. Und trotz der harten Vorbereitungsphase, die der HSV bislang absolviert hat (für mich eigentlich nur im letzten Trainingslager): Ich würde diese Mannschaft auch morgen, am heiligen Sonntag, zum Üben in den Volkspark bitten. Dieser HSV, zuletzt bekanntlich nur der Tabellensechzehnte der Bundesliga, hat jede Minute zu nutzen, um besser zu werden, um endlich wieder einmal besser zu werden, damit die Vorstellungen des HSV dann doch mal wieder nach Fußball aussehen.

 

Etwas um die 70 Fans waren heute, an diesem zunächst verregneten Sonnabend, an das Stadion gepilgert, um ihre „Lieblinge“ hautnah zu erleben. Sie sahen einen Lauf durch den Volkspark (30 Minuten), an dem nahmen (nur) neun Spieler teil – und vorne weg lief Mirko Slomka. Nichts gegen den Trainer, aber er ist ein paar Tage älter als seine Burschen, lief aber als Erster „durchs Ziel“. Ein gutes Zeichen? Ganz gewiss für Slomka, er macht auf mich einen fitten Eindruck – Glückwunsch. Um dort gleich einzuhaken: Fit sind die HSV-Profis auch, keine Frage, nur mit dem Fußballspielen hapert es noch gewaltig. Und das kann, könnte und sollte man üben. Jede Ballberührung macht den Spieler besser – jede.

 

Bei der Gelegenheit: Gojko Kacar wird in den nächsten Wochen kaum Gelegenheit haben, mit einem Ball zu spielen. Er zog sich gegen Lazio einen Innenband- und Kapsel-Anriss zu, als er Mitte der zweiten Halbzeit zu halbherzig in einen Pressschlag ging. Der Römer zog im Gegensatz zu Kacar voll durch, das rechte Bein des HSV-Profis wurde nach hinten geschleudert – und dann lag der Innenverteidiger verletzt am Boden. Er spielte aber nach kurzer Behandlungspause bis zum Schlusspfiff tapfer durch. „Vier bis sechs Wochen Pause – leider. Es ist so, das hat die Untersuchung ergeben – aber es muss ja weitergehen“, sagt ein total geknickter Gojko Kacar, der erst in dieser Vorbereitungszeit wieder Anschluss an das Team gefunden hatte. Wobei, da muss ich trotz meines Mitgefühls schon fair sein, auch ganz klar gesagt werden muss, dass Kacar gegen Lazio nur eine sehr schwache Vorstellung geboten hatte.

Ob jetzt noch etwas in Sachen neuer Innenverteidiger passiert? Oder erhält doch Heiko Westermann eine erneute Chance der Bewährung? Abwarten.

 

HSV-Chef Dietmar Beiersdorfer zur Lage: „Wir haben auf dieser Position ja ohnehin immer den Markt sondiert. Da lassen wir uns jetzt auch nicht unter Druck setzen. Wir gucken, und wenn etwas Sinn macht, dann machen wir es, und wenn es keinen Sinn macht, dann machen wir nichts.“ Zur Niederlage in Lübeck befand Beiersdorfer: „Das war ein Vorbereitungsspiel, wichtig ist, dass wir die Mannschaft so auf den Punkt vorbereiten, wenn es um die Pflichtspiele geht. Man hat natürlich auch gesehen, dass den Spielern die Vorbereitung ein bisschen in den Köpfen und in den Knochen steckte, aber das haben wir vorher gewusst.“

 

Mit Verlaub, auch Lazio Rom steckt derzeit in der Vorbereitung, diese Mannschaft aber trumpfte an der Lohmühle so auf, als könne sie morgen bereits um Punkte spielen . . .

 

Zu den HSV-Personalien zurück. Aufwärts scheint es mit Zugang Nicolai Müller zu gehen, der heute mit Reha-Coach Markus Günther eine Stunde durch den Volkspark lief. „Am Montag bin ich dabei“, sagte Müller (litt an Adduktorenschmerzen) danach, soll heißen, dass er dann mit der Mannschaft trainieren wird. Als einziger Spieler auf dem Rasen war an diesem Tag Jonathan Tah, der Innenverteidiger soll ebenfalls am Montag ins Mannschaftstraining einsteigen – an diesem Montag.

 

Ungewiss ist dagegen die Zukunft von Pierre-Michel Lasogga. Die Knöchelverletzung lässt weiterhin kein Training mit den Kollegen zu. Dabei hieß es doch vor Beginn des Trainingslagers in Österreich, dass diese Verletzung „nichts Großes“ ist, und „dass erwartet wird, dass Lasogga schon am ersten Tag im Burgenland wieder ins Mannschaftstraining einsteigen“ würde. Denkste. Und wie dringend der Stürmer benötigt wird, das war ganz deutlich, mehr als deutlich, am Freitag in Lübeck zu sehen. Da vorne passiert ohne ihn ja nichts. Bitter, aber es ist (eine bekannte) Tatsache. Jacques Zoua kann es nicht, Artjoms Rudnevs ist zwar blonder, aber nicht besser in Hannover geworden. Er bewegt sich durchaus gut und auch viel, aber sein Spiel mit dem Ball ist teilweise erschreckend. Als der Lette beim Stande von 0:1 (78.) sieben Meter vor dem Lazio-Tor zum Kopfball ansetzte, flog ihm der Ball auf den Oberschenkel. Total verschätzt, leider. Chance dahin.

 

Und dann noch eine etwas andere Personalie: Rafael van der Vaart bleibt HSV-Mannschaftskapitän, das hat Mirko Slomka entschieden. Und damit ist wohl auch entschieden, dass der „kleine Engel“ beim HSV bleiben wird. Obwohl, so etwas hat es ja schon einmal in der HSV-Geschichte gegeben: Trainer Klaus Toppmöller macht Tomas Ujfalusi zum HSV-Spielführer und ein paar Tage danach war der Abwehrspieler weg. Und dann wurde es Neuzugang Daniel van Buyten, eine faustdicke Überraschung. Dietmar Beiersdorfer sagte heute zum neuen und alten Kapitän: „Das ist ein Vertrauensbeweis von der Mannschaft und dem Club für Rafael. Ich glaube auch immer noch, dass es etwas Großes ist, beim Hamburger Sport-Verein Kapitän zu sein. Raffa reiht sich da in Namen ein wie Uwe Seeler, Felix Magath und auch Ditmar Jakobs.“ Und dann gab es ja auch einstmals ihn: „Didi, der Kapitän“.

 

Ja, meine Herren, das waren noch HSV-Zeiten. Seeler, Magath, Jakobs. Es wird noch Jahre dauern, ehe ein HSV wieder daran anknüpfen kann – und wird. Denn es langt ja nicht, im Trainingslager hart und noch härter zu arbeiten, um zu wissen, dass man laufen kann – man muss es dann auch in einem Spiel umsetzen. Auch oder erst recht gegen Lazio Rom. Sinnvolles Laufen und sinnvolles Spiel, das wäre es, doch das wird noch dauern. Ich war leider viel zu früh euphorisch, habe mich vielleicht auch durch das große Zuschauer-Interesse ins Bockshorn jagen lassen. Es ist zwar nur ein Testspiel verlorengegangen, also ist im Grunde noch nicht viel passiert, aber das „wie“, das sollte dann doch allen Beteiligten etwas zu denken geben. Und warum Lazio Rom schon so gut spielte – und nicht der HSV, auf den das erste Pflichtspiel schon am 18. August wartet. Fazit: Noch immer gibt es sehr, sehr viele Baustellen in diesem neuen HSV, nach wie vor gibt es hammermäßig zu tun, nicht nur für den Trainer. Und das ist in der Tat ernüchternd.

 

Am Dienstag spielt der HSV noch seine Generalprobe bei Rot-Weiß Erfurt. Dieser Drittliga-Club hat heute beim HSV-Pokal-Gegner Energie Cottbus um Drittliga-Punkte gekämpft – und ein 0:0 erreicht. Quervergleiche hinken ja, aber vielleicht ist es ja doch eine gewisse Standort-Bestimmung, wenn der HSV am Dienstag sein Spiel gegen den Drittligisten hinter sich hat. Ein Spaziergang, so viel scheint bereits jetzt sicher, wird das nicht.

 

PS: An diesem Sonntag wird im Volkspark nicht geübt.

18.20 Uhr

“Der HSV muss wieder hanseatisch werden”

5. Juni 2014

„In den letzten fünf Jahren ist es drunter und drüber gegangen.“ Das hat der neue Aufsichtsrats-Boss der HSV-Fußball-AG, Karl Gernandt, in einem Interview mit der Bild zugegeben. Wieso fünf Jahre, habe ich mich gefragt, wie kommt der Gernandt gerade auf diese Zahl? Geht es nicht schon viel länger im HSV drunter und drüber? Gefühlt zehn Jahre? Aber egal, wichtig ist, dass solche Aussagen jetzt kommen, denn solche und genau dieser Art hat es beim HSV zuvor nie gegeben. Da wurde immer alles mit dem Mantel der Nächstenliebe zugedeckt. Obwohl jeder – oder fast jeder – wusste, auf welche gefährliche Art der HSV in Sachen Abgrund geführt wurde. Gernandt sagt auch drastisch: „Wenn man das Tohuwabohu sieht, da kriegt man Hautausschlag.“ Stimmt.


 

Und deswegen wird es Zeit, dass beim HSV die Aufräumarbeiten beginnen. Leider, leider ist bei der Mitgliederversammlung am 25. Mai keiner aus der HSV-Führung aufgestanden und hat mal offen und ehrlich Ross und Reiter genannt, warum es so gekommen ist mit dem Club. Ein Mann hatte es mir Wochen vorher versprochen, dass er Tacheles sprechen wird, dass es mal Butter bei die Fische geben wird – aber die Traute dazu ist ihm dann wohl doch „unterwegs“ auf der Strecke geblieben. Irgendwann, so hoffe ich weiter, wird es aber mal so kommen, dass die Mitglieder über alle die schlimmen Dinge, die da gelaufen sind, aufgeklärt werden. Hoffentlich. Ich kenne nur hartnäckige Gerüchte, aber es gibt ganz sicher Leute, die dazu auch die passenden Unterlagen hätten . . .

 

Seit dem bewussten 25. Mai sind neue Strukturen im HSV beschlossene Sache. 86,9 Prozent der anwesenden Mitglieder haben dafür gestimmt. Bis zum 1. Juli, also in 26 Tagen, darf die „alte“ Club-Führung noch „machen“, dann kommen die neuen Herren. Bis dahin sollte es Hand in Hand gehen, aber geht es das wirklich? Neue Strukturen soll es geben, aber davon ist bislang nichts zu sehen und zu spüren. Im Gegenteil. Es wird genau so weitergemacht, wie bisher. Es wird gewurschtelt. Stefan Schnoor, der ehemalige HSV-Spieler, hat zu diesem Thema ein großartiges Interview im heutigen Hamburger Abendblatt (Seite 26) stehen, das ist die Wahrheit, der „harte Hund“ von einst legt knallhart die Finger in (fast) alle HSV-Wunden. Wer es nicht gelesen hat – es ist wirklich sehr empfehlenswert.

 

Er spricht darin – unter anderem – auch über den AG-Vorstandsvorsitzenden Dietmar Beiersdorfer. Schnoor hätte an dessen Stelle lieber Holger Hieronymus gesehen – und Beiersdorfer als Sportchef. Geht mir ähnlich, sehe ich ähnlich. Ich hätte vor allem sehr gerne gehabt, dass Thomas von Heesen kein Aufsichtsrats-Mitglied ist, sondern im operativen Geschäft mitmischen kann und darf. Sind von Heesen die Hände gebunden, so verschenkt der HSV in meinen Augen ein unglaublich großes sportliches Potenzial. Und ich wiederhole mich gerne: ein unglaublich großes fußballerisches Potenzial.

 

Wobei ich bei einem Lieblingsthema von mir bin: Wo sind Hieronymus, Ditmar Jakobs und Horst Hrubesch, die sich einst für die Initiative „HSVPlus“ engagiert und stark gemacht hatten, denn jetzt eigentlich hin? Ich hatte mir erhofft und vorgestellt, dass mindestens alle drei Herren – möglichst noch mehr aus dieser Kategorie – in einem sportlichen Aufsichtsrat sitzen werden und den Trainer und den Sportchef bestimmen, mit ihnen Hand in Hand arbeiten. Aber so wie es jetzt aussieht, wird daraus ja wohl nichts (mehr). Was ich für äußerst schade halte, denn solche Experten, die zudem nicht auf irgendwelche Pöstchen – vielleicht auch HSV-Gelder – aus sind, stünden dem „Dino“ gerade jetzt sehr gut zu Gesicht. Diese „Ehemaligen“ hätten nicht ihre Eitelkeiten im Volkspark pflegen lassen, sondern sie hätten sich nur zum Wohle des HSV eingesetzt. Schade, schade.

 

Ich habe darüber mit Ditmar Jakobs gesprochen, obwohl er zuerst nicht so recht wollte: „Alles das, was es über den HSV momentan zu sagen gibt, das hat Stefan Schnoor heute im Abendblatt bereits getan – das war sehr, sehr gut, das waren viele sehr richtige Dinge dabei. Er hat es auf den Punkt gebracht. Mehr muss man gar nicht sagen.“ Ich habe trotz allem mal nachgebohrt. Zum Beispiel habe ich gefragt, warum es um ihn so still geworden ist, warum er beim neuen HSV nicht mitmacht? Der ehemalige HSV-Kapitän: „Es war klar, dass ich keine Rolle spielen werde. Klar war auch, dass ich HSVPlus unterstützen würde, weil es für mich die einzige Möglichkeit war, innerhalb des HSV etwas zu verändern. Das war die einzige Möglichkeit, und deswegen bin ich als Unterstützer von HSVPlus aufgetreten. Bis zur Mitgliederversammlung, so war es abgesprochen, so hatte ich es mir vorgenommen.“

 

Ich hatte diese Jakobs-Rolle etwas anders interpretiert, nämlich dass er dem HSV, seinem HSV, auch danach noch helfen würde. „Diesen Weg sind wir bis zum Schluss gegangen, Horst Hrubesch und auch Holger Hieronymus. Damit haben wir das gehalten, was wir vorher versprochen hatten, und wir schießen jetzt auch nicht quer.“ Jetzt soll der HSV und seine neue Führung mal machen . . .

 

Was bislang – wenn überhaupt – nur eingeschränkt funktioniert. Es wird mit Thomas Westphal einen neuen Teammanager aus Hannover geben – von Trainer Mirko Slomka geholt. Marinus Bester geht auf seinen alten Posten zurück – fühlt sich allerdings, das ist zugegeben, pudelwohl dabei. Sportchef Oliver Kreuzer hatte das Geschäft mit Zoltan Stieber (kommt aus Fürth) schon vor Monaten eingefädelt – und zog es jetzt durch. Obwohl es durchaus Widerstände gab – aber dieser Transfer war eben schon zu „alten“ HSV-Zeiten angeschoben worden . . . Zudem hat Kreuzer aus seiner Stadt Karlsruhe (und vom Karlsruher SC) den neuen U-23-Trainer (Nachfolger von Rodolfo Cardoso) Josef Zinnbauer geholt – allerdings auch schon vor dem 25. Mai. Damals machte im Prinzip jeder das, was er machen wollte. Hier kommt ein Freund, da der nächste. So holte einst Thorsten Fink aus Basel seinen ehemaligen Spieler Jacques Zoua. Warum? Das weiß in Hamburg bis heute kaum einer. Es sieht alles eher ein wenig nach Klüngel aus, aber nicht nach Profi-Verein.

 

Dabei war und ist meine ganz große Hoffnung doch die, dass man endlich Schluss machen würde mit dem Selbstbedienungsladen HSV. Dass in diesem Verein endlich einmal so richtig gut gearbeitet wird, dass man es als professionell bezeichnen könnte. Noch scheint es weiter drunter und drüber zu gehen, wie es Karl Gernandt nennen würde. Aber wahrscheinlich muss der neue Rat diese Kröte nun noch (bis zum 1. Juli) schlucken, damit es keinen Ärger gibt. Ärger, der dann womöglich in der Öffentlichkeit ausgetragen werden würde.

 

Das sieht wohl auch Ditmar Jakobs so. „Der HSV hat mit dem 25. Mai eine neue Philosophie bekommen, habe ich jedenfalls gedacht, aber diese Philosophie wird bislang nicht umgesetzt. Alles läuft so weiter wie zuvor. Dabei müssten Leute, die zum HSV kommen, sich dieser Philosophie unterstellen, mit diesem Konzept müssten sie konform gehen. Im Moment ist es so, wie es bislang beim HSV schon seit Jahrzehnten war: Sportchef und Trainer bringen ihre Philosophie durch, nicht die des HSV. Und das kann es nicht sein. Nach ein paar Monaten oder Jahren sind diese Leute weg, dann kommen neue Kräfte – und die bringen dann wieder nur ihre Philosophie durch? Und so geht es immer weiter? Dann kommt der HSV doch nie mehr auf einen grünen Zweig. Deswegen wird es Zeit, dass die Philosophie des Vereins umgesetzt wird, deswegen wurden doch jetzt die neuen Strukturen gewählt. Und wenn Sportchef und Trainer damit nicht einverstanden sind, dann müssen sie die Konsequenzen ziehen.“ Jakobs fügt hinzu: „So, wie es zurzeit noch läuft beim HSV, so darf es nicht laufen, das kann es ganz einfach nicht sein, und wie es anders läuft, das zeigt uns Bayern, das zeigt uns Dortmund. Da ordnen sich alle der Philosophie des Vereins unter.“ Mit großem Erfolg. Und selbst bei Mainz 05 ist es so . . .

 

Ditmar Jakobs wirkt leicht desillusioniert: „Ich finde das schade, dass dieses neue Vorhaben, das ja nun gewählt worden ist, ein wenig verwässert. Wirklich schade.“ Und weiter: „Wir wollten, dass die neuen Leute diesem Verein endlich eine Philosophie geben, dass ein neues Konzept mal über drei bis fünf Jahre umgesetzt wird. Und wenn ich jetzt sehe, wer wen da holt, wer einen Platz im HSV erhält, wer sich auch einen Platz innerhalb des HSV sicher will, dann sehe ich das Konzept schon wieder sehr infrage gestellt. Das finde ich schade. Denn da ist bislang nichts passiert, und meiner Meinung nach ist das noch überhaupt nicht richtig gelaufen.“

 

In der letzten Winterpause wurden mit Quasim Bouy und Ola John zwei Spieler vom Trainer geholt, nicht vom Sportchef. So soll es nie wieder laufen – im neuen HSV. Weil Sportchef Oliver Kreuzer bei Trainer Bert van Marwijk keinen Stich landen konnte. Jakobs hat noch ein anderes Beispiel parat: „Diese vier Aussortierten, was wurden die niedergetrampelt innerhalb des HSV. Wer hat damals nicht alles gesagt: ‚Unter meiner Führung spielen die nie mehr, sonst gehe ich . . .’ Und dann? Plötzlich spielten sie alle wieder. Und? Ist deswegen einer von seinem Posten zurückgetreten? Ich habe keinen gesehen. Aber ich weiß nur, dass der HSV ohne diese vier Aussortierten abgestiegen wäre. Das kann doch so nicht gehen. Diese vier Spieler wurden total verdammt, und niemand ist dagegen eingeschritten.“ Auch von „ganz oben“ niemand.

 

Stichwort Philosophie. Ditmar Jakobs sagt: „Das beinhaltet, wie ich mich als Verein in der Öffentlichkeit gebe, wie ich mich innerhalb des Clubs gebe, welches spielerisches Konzept ich habe, welche Spieler möchte ich haben, um dieses Konzept auch umsetzen zu können, wie die Nachwuchsarbeit laufen soll, ob ich vorzugsweise Leute aus der norddeutschen Region haben möchte – all das muss nach außen gekehrt werden. Der HSV muss wieder hanseatisch werden. Und Sportchef und Trainer müssen sich diesem Konzept voll unterordnen.“

 

Ob das alles so gehen wird, wie es sich die neuen Führungs-Herren vorstellen, oder vorgestellt haben? Weil ja doch Männer wie Mirko Slomka und Oliver Kreuzer zu anderen HSV-Zeiten geholt worden sind. Zu Zeiten, in denen der HSV wie ein Kaninchenzüchter-Verein geführt wurde.

 

So, zum Schluss noch etwas Aktuelles vom Tage:

 

Zhi Gin Lam hat heute einen Drei-Jahres-Vertrag mit dem Zweitliga-Club (!) Greuther Fürth unterschrieben – für ungefähr 200 000 Euro Ablöse.

 

Der designierte AG-Vorsitzende Dietmar Beiersdorfer weilte (weilt) heute in St. Petersburg, um seine Freigabe von Zenit zu erreichen. Bislang war nichts aus Russland zu vernehmen, ob diese Visite erfolgreich gewesen ist. Im HSV allerdings geht niemand mehr davon aus, dass dieser Deal noch platzen wird – Beiersdorfer kehrt zurück, ohne wenn und aber. Ich gehe, sonst bin ich da ja ein wenig vorsichtiger geworden, mal ganz mutig von 100 Prozent aus.

 

Dann stand in der „Bild“ eine Meldung, die aufhorchen ließ. Danach steht Hakan Calhanoglu an 13. Stelle der besten Fußball-Talente der Welt. Und dafür will Bayer Leverkusen nur zwölf Millionen Euro zahlen? Ein Witz! Zumal „Hackis“ Vertrag doch noch bis 2018 läuft. Wie es zu gehen hat, das hat Stefan Schnoor (auf Seite 26) heute ebenfalls schon erklärt. Nur so und nicht anders. Denn Leverkusen hat heute gerade seinen Spieler Can an Liverpool verkauft – für zwölf Millionen Euro. Da stimmt doch die Relation nicht, oder liege ich da falsch?

 

Das war es dann für heute in groben Zügen. Wir sind gleich, ich tippe mal auf 18.10 Uhr (auf jeden Fall in der Gegend), mit „Matz-ab-live“ auf Sendung. Unsere Gäste sind „Matz-abber“, mit denen ich über die abgelaufene Saison sprechen werde, über die abgelaufene Mitgliederversammlung, die neuen Strukturen und die neue Saison. Wäre toll, wenn Ihr wieder so zahlreich zusehen könntet.

 

Einen schönen Feierabend wünscht Euch Dieter.

 

17.22 Uhr

Aktualisiert: Tesche-Wechsel geplatzt! Und: Horst Heese: “Die verstecken sich alle!”

31. Januar 2014

******ACHTUNG, WICHTIG!*****
Manchmal muss man sich ehrlich schämen. Da erreicht mich heute Vormittag die Nachricht, dass Eva mit fiesen, beleidigenden Mails bombardiert wird. Von dem einen war das zu erwarten. Aber dass es da mehrere gibt, kann ich nicht fassen. HSV-Fans beleidigen sich untereinander? Weil Eva sich mit fremden Federn schmückt?

BITTE?!?! GEHTS DENN NOCH??

Es steht in diesem Blog für alle nachlesbar, dass Eva mich bat, den Brief, den sie ebenso wie ich für eine sehr gute Sache halten, zu veröffentlichen. Für diesen Tipp war ich Ihr dankbar, daher habe ich sie im Blog nur zu gern erwähnt. Mit keinem einzigen Wort aber haben weder Eva noch ich jemals behauptet, der Brief sei von ihr verfasst. Also, bitte: Erst lesen, kurz drüber nachdenken – und dann kommentieren. Danke. Und entschuldige bitte, Eva!

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Es war in dieser Saison 1989/90, als der HSV am 29. Spieltag auf dem vorletzten Platz der Bundesliga rangierte. Damals trugen Spieler wie Richard Golz, Carsten Kober, Hans-Werner Moser, Dietmar Beiersdorfer, Ditmar Jakobs (neun Spiele lang), Holger Ballwanz, Thomas von Heesen, Armin Eck, Harald Spörl, Michael Schröder, Detlev Dammeier, John Jensen, Jan Furtok, Andreas Merkle, Nando und Oliver Bierhoff die Raute auf ihrer (Trikot-)Brust. Trainer waren Willi Reimann, der nach 21 Spielen von Gerd-Volker Schock abgelöst wurde. Und es gab einen HSV-Spieler namens Sascha Jusufi. Der kam eines Tages nach dem Training in Ochsenzoll laut fluchend und schimpfend aus der Kabine. „Was ist los, Sascha?“ Der Mittelfeldspieler: „Das ist mir alles zu lasch hier, es krempeln nicht alle die Ärmel auf. Das habe ich mal etwas lauter gesagt, denn ich habe keine Lust, auf jener Spieler-Liste zu stehen, die den HSV erstmals in seiner Bundesliga-Geschichte haben absteigen lassen. Ich erwarte von jedem, dass er nun einen Schlag mehr reinhaut, wir müssen endlich kämpfen, kämpfen, kämpfen. Wir müssen uns mit allen Mitteln gegen den Abstieg wehren. Mit allen Mitteln.“

Matz_ab_ankuendigung_1730_Uhr

Der HSV hielt bekanntlich doch noch die Klasse, lief noch auf Rang elf ein, fünf Punkte Vorsprung auf den vorletzten Tabellenplatz. Das war knapp. Und glücklich. So wie in der Saison 1972/73. Da taumelte der HSV monatelang auf dem letzten und vorletzten Platz herum, dann durfte doch noch gefeiert werden (den Nicht-Abstieg), denn dank „Retter“ Horst Heese lief der HSV noch auf Platz 14 ein. Drei Punkte vor einem Abstiegsplatz!

Mit Horst Heese sprach ich heute über den heutigen HSV, den er – in Ost-Belgien wohnend – immer noch sehr genau verfolgt. Drei Spiele seines Ex-Clubs hat er live im Stadion gesehen, die anderen im Bezahl-Fernsehen. Horst Heese (70) über seine derzeitige Stimmungslage: „Ich habe enorme Angst vor dem Abstieg des HSV, muss man doch. Weil keiner Verantwortung übernimmt, da schwimmen alle nur im seichten Gewässer mit, keiner geht nach vorne und reißt die anderen mit – Motto: ‚Jetzt geht es rund!’ So einen Mann sehe ich weit und breit nicht beim HSV – leider. Die verstecken sich alle. Alle.“

Können aber diese HSV-Profis, die nun den Karren aus dem Dreck ziehen sollen, noch das Kämpfen lernen? Heese: „Aber natürlich. Es geht doch innerhalb des Clubs um viele Arbeitsplätze dafür muss doch gekämpft und geackert werden. Obwohl die Spieler heutzutage ja gar keine Existenzängste haben müssen, die steigen ab und haben innerhalb von wenigen Tagen einen neuen Verein. Selbst die schlechtesten Spieler finden wieder einen neuen Arbeitgeber – das macht mich oft fassungslos.“

Woran aber liegt es seiner Meinung nach, dass der HSV so abgestürzt ist? Horst Heese: „Das liegt einzig und allein an der Zusammenstellung des Kaders. Da ist arglos gehandelt worden, da wurden sich von irgendwelchen Spielervermittlern Leute aufs Auge gedrückt worden, die gar nicht zusammenpassen. Diese Jungs arbeiten doch nicht zusammen, da ist jeder froh, wenn der Ball, weg ist. Jeder verdrückt sich so schnell er nur kann – furchtbar.“ Heese weiter: „Es gibt in diesem Team ja auch keine Hierarchie. Wenn ich da an den Kapitän Rafael van der Vaart denke, der hat mehr mit seinen Frauen als mit Fußball zu tun. Dabei hat der die Marschrichtung vorzugeben. Passiert aber nicht.“

Heese ging damals als Zugang gleich voran. Mit Leistungen, und auch verbaler Natur. Er sagt: „Da musste erst einmal in der Mannschaft aufgeräumt werden. Wir hatten Klasse-Spieler, aber es gab keine Spannung. Da habe ich dann einigen Jungs mal die Köpfe gewaschen – und dann ging es. Da ging es auch im Training zur Sache, da haben dann einige gespürt, wie es ist, wenn man zur Sache kommt. Und so sprang der Funke dann über.“

Auch taktisch ist der HSV schlecht aufgestellt. Heese: „Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen sind viel zu groß, die Viererkette steht zu weit auseinander, der Abstand zwischen der Viererkette und den anderen Mannschaftsteilen ist zu groß – da kann jeder Gegner schön bequem aufspielen, da wird kaum einer gestört. Das sind elementare taktische Fehler, und ich kann mir auch gut vorstellen, dass daran gar nicht gearbeitet wird . . .“ Einmal Training am Tag. Wissenschaftlich erwiesen, dass das reicht – so der Trainer Bert van Marwijk. Und lieber mal nur einmal am Tag, dafür aber intensiver – so der Sportchef. Wobei „intensiver“ ja dehnbar ist. Horst Heese: „Ich habe gelesen, dass die Spieler einen zu großen Druck verspüren, jetzt muss man mir nur noch was vom Bio-Rhythmus erzählen, dann falle ich tot um. Die Spieler sollten sich mal andere Sportler ansehen, was die für einen Druck haben, dann wissen sie, woran sie noch zu arbeiten haben.“

Sportchef Kreuzer hatte zu Jahresbeginn darüber philosophiert, dass der Trainer seine Spieler künftig „härter anfassen“ wird. Aber denkste! Es wird weiter gepudert und mit Pampers gearbeitet. Heese: „Ich will gar nicht von früher sprechen, darüber lachen die Jungs ja heute nur, obwohl wir auch Fußball gespielt haben. Wir haben aber einst sieben Mal die Woche trainiert. Da ging dienstags die Post so etwas von ab, da waren die Zehnkämpfer Wanzen dagegen. Mensch, was will man in zwei, drei Einheiten trainieren? Da vergeht allein durch das Aufwärmen schon eine halbe Stunde. – Wahnsinn alles.“

Horst Heese über dieses Übel: „Diese Laschheit ist tödlich. Und das sieht man ja auch, diese HSV-Mannschaft hat ja nichts drauf. Die Spieler können gar kein Pressing spielen, die pumpen doch gleich . . . Man kann doch nicht immer nur die weiche Welle fahren. Die müssten Kilometer machen, die müssten rennen bis die Hacken brennen.“

Denkt Horst Heese an das morgige Spiel, dann wird ihm schlecht. Er glaubt an nichts Gutes mehr. „Wenn da morgen keine richtige Ansprache kommt, dann ist dieser Club zum Tode verurteilt. Da kann man den HSV lieben, da kann man HSV-Fans sein, da kann man dem HSV die Daumen drücken – wenn da keine vernünftige Absprache kommt, dann wird sich nichts ändern. Schluss, aus. Entweder ändert sich der Trainer, aber der verdrückt sich hinterher nach Holland und hat nichts mehr mit dem HSV zu tun. Dann ist das Thema für ihn erledigt. Er nimmt das Geld, und weg. Nach mir die Sintflut.“ Heese weiter: „Da hat auch die Führung des HSV versagt, denn da wurden und werden Trainer genommen, die einfach nicht passten. Wie zuletzt Thorsten Fink, der kommt zu einem Verein wie den HSV und hat keine Erfahrung. Schlimm.“

Zum Thema Umbruch hat Horst Heese auch noch seine persönliche Meinung: „Der HSV hat, durch den ganzen Chelsea-Mist, zwei Jahre an Aufbau-Arbeit verloren. Die Spieler aus London haben Plätze besetzt, die der HSV mit Amateuren hätte besetzen können. Das wäre besser gewesen. Zwei Jahre Aufbau-Arbeit sind verloren, dank Frank Arnesen. Dabei gibt es doch Spieler, die es könnten, die muss man nur suchen. Bei HSV aber wurde die bequeme Tour gefahren. Ein Toni Kroos oder ein Bastian Schweinsteiger sind doch auch nicht vom Himmel gefallen. Man muss aber schon suchen, in den Schoß fallen einem solche Talente nicht. Aber beim HSV denken sie schon seit Jahren so, das zieht sich durch den Club wie ein roter Faden. Da müsste meiner Meinung nach mal zusammengefegt werden – und dann müssten Köpfe rollen. Wobei ich nicht vom Vorstand spreche, da gibt es genügend andere Leute, die nichts machen oder nichts können.“

Wie wahr. Und genau deswegen zittern wir nun alle – wieder einmal um den HSV.

Ich gebe aber heute zu, dass ich seinerzeit, als es wieder einmal eine Minute vor Zwölf war, und zwar am 31. Januar 2007, so fest mit dem Abstieg des HSV gerechnet habe, wie vielleicht noch nie. Das erste Spiel des Jahres endete 1:1 in Bielefeld, dann gab es ebenfalls ein 1:1 zu Hause gegen Cottbus. Das war für mich das Ende – Abstieg. Thomas Doll wurde entlassen, es kam Huub Stevens. Der Retter. Der ließ die Null stehen – und gewann dann auch häufig. Ich habe es oft genug geschrieben: Stevens ist nicht mein Freund, wird es auch nie – aber für diese Leistung hätte man ihm eigentlich ein Denkmal setzen müssen. Neben dem Uwe-Seeler-Fuß. Und wer wird in diesem Jahr der Retter des HSV? Ich sehe noch keinen einzigen. Weit und breit nicht. Ich habe nur Angst. Und die ist längst so groß, wie im Januar 2007 – oder sogar noch größer. Ich gehe vom Schlimmsten aus, denn diese Mannschaft mag ja gute Fußballer in ihren Reihen haben, aber kämpfen kann sie nicht. Und da keiner von außen mit bestem Beispiel voran geht, wird sie es auch nicht mehr lernen.

Ich habe heute auch mit Bundesliga-Profi Nummer eins gesprochen. Harry Bähre, der war als Typ „Terrier“ ein echter und harter Kämpfer, will sich jedoch aus dem aktuellen Geschehen strikt heraushalten. Er sagte aber immerhin: „Ich mache mir, wie alle HSVer die ich kenne, ganz, ganz große Sorgen um den Club, denn so schlimm war es noch nie – obwohl es einige Male schon echt sehr schlecht um den HSV bestellt war.“ Ansonsten aber schweigt Harry Bähre. Es ist wohl die Angst, die ihn lähmt.

Was mich an der heutigen so prekären Lage des HSV stört: Wo gibt es denn noch einen Sascha Jusufi? Einen Profi, der sich wehren will, der dafür auch mal unbequem den eigenen Kollegen gegenüber wird? Der Tacheles spricht, der auf dem Rasen zur Sache geht, der Gras frisst? Solche Typen gibt es heutige nicht mehr. Auf jeden Fall nicht mehr beim HSV. Ich sehe ein solches Vorbild schon seit Jahren nicht mehr in diesem HSV. Und das ist das Gefährliche. Zumal sich der Club (wahrscheinlich wohl aus finanziellen Gründen? Ein Scherz!) nicht erlauben konnte, einen Typen wie Horst Heese zu verpflichten. Leider, Leider. Es wäre so schön gewesen, und es wäre gewiss auch ein kleiner Strohhalm gewesen. Wäre.

So wird sich der HSV an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen müssen. Ob ausgerechnet gegen Hoffenheim die Wende eingeläutet wird? Beim letzten Aufeinandertreffen in Sinsheim gab es einen 4:1-Erfolg des HSV. Das macht schon mal Mut. Am 11. Mai 2013 schossen Heung Min Son, Dennis Aogo, Petr Jiracek und Artjoms Rudnevs den Sieg heraus – drei Spieler davon spielen zurzeit nicht mehr für den HSV, einer (Jiracek) spielt, obwohl ihm eigentlich mal kämpferische Qualitäten nachgesagt wurden, nur eine Nebenrolle in Hamburg. In den bisherigen fünf Spielen zwischen Hoffenheim und dem HSV gab es drei Heimsiege und ein Unentschieden. Diesmal prallen die beiden Schießbuden der Liga aufeinander, denn die TSG hat bereits 42 Gegentreffer, der HSV bringt es „nur“ auf 41. Schlechtere Vereine gibt es in dieser Statistik nicht. Die Null muss stehen? Das wäre wohl ein kleines Fußball-Wunder, oder sogar ein größeres, wenn das morgen klappen sollte – oder überhaupt noch einmal in dieser Spielzeit.

Beim HSV gibt es personell noch einige Wackelkandidaten. Fest steht: Johan Djourou blieb in Hamburg zurück, wird also ein weiteres Mal fehlen. Beim heutigen Vormittags-Training war in Sachen Aufstellung nichts zu erkennen, im Abschlussspielchen standen sich zwei bunt durcheinander gewürfelte Mannschaften gegenüber. Pech für den HSV, dass Marcell Jansen mit einer Knie-Prellung auszufallen droht. Für ihn gäbe es zwei Kandidaten, die einspringen könnten: Slobodan Rajkovic und Zhin Gin Lam. Letzterer hat heute erstmalig in dieser Woche mit der Mannschaft trainiert, Rajkovic wäre plötzlich und unerwartet mittendrin statt nur dabei.

Und das erinnert mich dann an die erste kostenlose Vorführung des HSV gegen Hoffenheim – und zwar am 26. Oktober 2008 in Mannheim. Trainer Martin Jol hatte – im Übermut (?) – Joris Mathijsen als Linksverteidiger aufgeboten, Innenverteidiger waren Alex Silva und Bastian Reinhardt. Alle drei Herren wurden schwindelig gespielt, und nicht nur die. Nach 35 Minuten hieß es bereits 3:0 – es war ein Desaster. Auch deshalb, weil Mathijsen von innen nach außen gedrückt worden war. Das konnte er nun ganz und gar nicht. Und Rajkovic? Ich habe nichts gegen „Slobo“, aber Linksverteidiger? Da habe ich aber meine ganz großen Zweifel.

Auf der Sechs wird es diesmal wohl das Duo Bouy/Badelj geben – Tolgay Arslan bleibt draußen. Ich bin gespannt, ob Quasim Bouy die Sechs kann, aber er soll es ja offenbar können. Grundsätzlich ist mir die HSV-Sechs aber stets zu offensiv besetzt, nur wer erkennt das, wer hat es in den letzten Jahren erkannt? Keiner! Ja, und dann gibt es noch die linke Offensiv-Position: Hakan Calhanoglu oder Ivo Ilicevic? Das Rennen ist völlig offen. Ich würde mich (anstelle des Trainers) für Calhanoglu entscheiden, aus dem Bauch heraus. Und vorne Jacques Zoua. Oder Zoua raus, „Calle“ vorne und Ilicevic links. Wobei rechts Ola John wirbeln soll. Hoffentlich tut er es, hoffentlich hat er sich vom HSV-Virus noch nicht packen lassen.

Übrigens hat ein „Matz-abber“ heute beim Training einen interessanten Vorschlag gemacht: „Rafael van der Vaart sollte eine Verletzung bekommen oder kriegen, damit er mal eine schöpferische Pause einlegen kann. Weil er zuletzt ohnehin nicht viel gebracht hat . . .“ Es darf diskutiert werden.

So, dann hat heute Patrick Owomoyela noch einen Vertrag beim HSV unterschrieben: für die Zweite. Der Kontrakt läuft bis zum Sommer 2014.

Dann gibt es noch in eigener Sache zu berichten:

Der „Matz-ab“-Schreiber Lars Pegelow sitzt am Sonntag beim Doppelpass auf „Sport1“, die Sendung beginnt elf Uhr Und der „Matz-ab“-Schreiber Dieter Matz ist am Sonntag zu Gast bei „0800 – Du bist dr@uf!“, von 21.30 Uhr bis 23 Uhr auf Sky Sport News HD. Die HSV Fans können bei der Sendung von Maik Nöcker live mitdiskutieren, via Telefon, kostenfrei unter 08000 366466. Oder Twitter mit #ssnhd oder direkt an @Sky_MaikN.

Und wer immer mehr HSV braucht und will: Sportchef Oliver Kreuzer sitzt am Sonntag von 18 Uhr an vor dem Mikrofon von NDR 90,3, die Sendung „Sportplatz Hamburg“ wird von Britta Kehrhahn moderiert.

Bereits am Sonnabend, nach dem Schlusspfiff in Sinsheim, werden wir mit „Matz ab live“ über das Spiel sprechen, unsere Gäste sind Lotto King Karl (der zurzeit allerdings ein wenig schwächelt – ich drücke ihm und uns die Daumen, dass er rechtzeitig gesund wird!) und der frühere Volleyball-Bundestrainer (und heutige „Matz-abber“) Olaf Kortmann. Wir würden uns freuen, wenn Ihr einschalten würdet. Vielen Dank dafür.

Und dann noch ein Hinweis: „Scholle“ wird diesen Text noch ein wenig ergänzen – hat er gesagt. Das sollte zeitnah geschehen. Also immer noch einmal hier hineinschauen. Danke. Bis morgen.

***Ergänzung***
Robert Tesche steht – mal wieder – dem Vernehmen nach kurz vor einem Wechsel ins Ausland. Noch ist der Transfer aber nicht beschlossen. Sollte sich hier noch etwas tun, melde ich mich noch mal.

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Aktualisiert

Laut Tesches Berater Roland Kopp hat sich der Wechsel des HSV-Mittelfeldspielers zerschlagen. Die Engländer – es war von Wigan Athletic die Rede – hätten ihr Interesse zurückgezogen.

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Und dann bat mich Eva noch, einen offenen Brief hier reinzustellen. Oder besser gesagt, den Text und einen wichtigen Link dazu. Und das mache ich gern, weil es eine gute Sache ist. Und weil ich mir sicher bin, dass diese Mannschaft Hilfestellung von außen unbedingt braucht, da sie sich selbst momentan nicht helfen kann. Daher, hier der Text:

Verschwört Euch gegen die Umstände, die sich gegen Euch verschworen haben! Überwindet gemeinsam alle Widerstände!
Liebe Mannschaft!
Lieber Bert, Rafael, René, Jaroslav, Sven, Florian, Michael, Heiko, Johan, Lasse, Jonathan, Slobodan, Marcell, Dennis, Zhi Gin, Tomás, Milan, Matti, Gojko, Ouasim, Tolgay, Kerem, Robert, Petr, Hakan, Ivo, Ola, Pierre-Michel, Maxi, Jacques, Valmir
seit dem Wochenende wissen alle HSVer, was die Stunde geschlagen hat. Die Lage ist ernst, sehr ernst.
Gemeinsam können wir, Ihr Spieler und wir Fans, das Ruder herumreißen.
Ihr seid die Mannschaft des HSV. Wir sind die leidenschaftlichen Fans. Gemeinsam sind wir ein TEAM!!!
Lasst es uns gemeinsam anpacken.
Der Verein befindet sich im Umbruch.
Lasst uns daraus eine positive Aufbruchstimmung machen.
Teilt uns mit, wie wir Fans Euch unterstützen, Euch helfen können.
Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.

Kurz – aber präzise. Wer diesen Brief an die Mannschaft unterschreiben will, kann das hier tun:

wir-sind-ein-team@gmx.de

Und ich bin auf die Reaktion der Mannschaft gespannt. Schon in Hoffenheim werden wir sehen können, ob diese Mannschaft noch ein Team ist. Denn wenn stimmt, was mir heute in einem langen Telefonat erzählt wurde, steht diese Mannschaft ziemlich hilflos da. Aufgeteilt in Grüppchen. Mit einem Kapitän, der intern Gift und Galle spucken soll. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Frust ausschließlich dazu führt, dass Rafael van der Vaart vorwegmarschiert…

In diesem Sinne, auch von mir noch mal: Euch allen einen schönen Freitagabend und hoffentlich bis morgen, wo wir nach dem ersten, kleinen schritt in die richtige Richtung bei Matz ab live darüber diskutieren, wie gut van der Vaart doch noch sein kann.

Oder so ähnlich zumindest.

Scholle

Van der Vaart outet sich als Bremen-Fan – aber will beim HSV bleiben

21. Januar 2014

Oha, wenn die hiesige Stimmung repräsentativ ist, dann verlieren die Supporters gerade eine Menge Mitglieder. Zumindest auf unserer Facebook-Seite und im Blog brüsten sich etliche damit, dass sie aus der SC-Abteilung zu den Förderern Amateursport wechseln oder schon gewechselt sind. Ein Protest, der legitim ist. Und bitter für den SC, der sich, ebenso wie der Verein, in einer Umbruchphase befindet. Nicht zuletzt die beachtliche Rede vom ehemaligen Aufsichtsrat und führenden Supporter Axel Formeseyn hat die Stimmungslage in der eigenen Abteilung verdeutlicht.

Es wurde im Vorwege der Mitgliederversammlung immer von drohenden Gräben gesprochen – und fleißig dementiert. Dabei wussten und wissen alle, dass eine derartige Glaubensfrage wie die aktuelle Strukturdebatte für einige zum unüberwindbaren Endpunkt würde. Viele sind und wären nicht in der Lage, das Ergebnis im Sommer zu akzeptieren. Auf beiden Seiten. Wobei „beide Seiten“ falsch ist, immerhin sind die absoluten Mehrheiten Supporters-Mitglieder und längst nicht alle Gegner von HSVPlus. Zumal keine fanatischen, wie Jojo Liebnau in seiner sehr ausgewogenen Rede („Das ist Demokratie, und dann akzeptiere ich das“) bewies.


Egal wie, am Ende verliert der SC Mitglieder. Schade, da die Abteilung vom Grundsatz her sehr gut ist und in den letzten zehn Jahren aus dem HSV-Publikum des Volksparkstadion ein Stimmungsfeuerwerk in der Imtech-Arena gemacht hat. Der SC hat dem HSV eine Fankultur gebracht, wie sie vorher nie da war.

Den Mitgliedern war es dennoch zu viel. In einigen Bereichen ist der SC bei allen guten Gedanken zu weit vorgedrungen. Das Ergebnis war die Wahl am Sonntag. Wobei hinter allen Konzepten immernoch das große Fragezeichen steht, wer es umsetzen soll. Und die Frage nach Personen im HSVPlus-Konzept wurde bislang – außer von Rieckhoff selbst, der im Matz-ab-Interview noch mal deutlich macht, dass er partout kein Amt übernehmen will – immer ein wenig ausweichend beantwortet. Klar ist, dass sowohl Thomas von Heesen als auch Holger Hieronymus bereit sind, dem HSV aktiv zu helfen. Hinzu sollen sich etliche Ehemalige gesellen (nicht nur 83er!), die flankiert von Wirtschaftsgrößen den verein wieder zu alter Stärke zurückführen sollen. Ditmar Jakobs wird vorerst nicht dabei sein, da er als Versicherungsmakler Geschäfte mit dem HSV macht und sich nicht einem Interessenkonflikt aussetzen und somit leicht angreifbar machen will. Leider auch (noch) nicht dabei ist Horst Hrubesch, vielleicht der Sympathiefaktor schlechthin.

Ich sage leider, weil ich Horst Hrubesch genau so kennengelernt habe, wie er nach außen wirkt. Unkompliziert, gerade heraus und ehrlich. Ein richtig guter Typ. Fast wäre er am Sonntag sogar sitzen geblieben, als er nebst oben genannten Leuten aufstehen sollte und von der ganzen Halle im CCH gefeiert wurde. Warum? Weil er noch nicht aktiv helfen kann und sich nicht mit fremden federn schmücken wollte. Denn wie in der letzten Woche geschrieben, hat Hrubesch noch das große Ziel, mit der U21-Nationalmannschaft, für die er bis 2016 unter Vertrag steht, eben 2016 in Rio olympisches Gold zu gewinnen. „Danach“, fragte mich Hrubesch, der dann 65 wäre und in Pension gehen wird, „danach ist es eine neue Situation. Mal schauen…“

Zum Glück weiß ich, dass Hrubeschs Qualitäten bei den HSVPlus-Initiatoren sehr hoch geschätzt werden. Holger Hieronymus und von Heesen sind zudem eng mit „dem Langen“ befreundet und bearbeiten ihren ehemaligen Mannschaftskollegen nach dem Prinzip „der stete Stein…“, wissend, dass Hrubesch vor 2016 nicht zu haben ist. Dann aber soll der Mann, der im Nachwuchs mit den DFB-Nationalteams etliche Titel gewinnen konnte, zum HSV kommen. „Nach Hause“, wie Hieronymus gestern sagte – obgleich Hrubesch in Hamm geboren wurde und seit nunmehr 14 Jahren in Frankfurt beim DFB arbeitet.

Und ich kann gar nicht oft genug sagen, wie gut ich diese Idee finde. Horts Hrubesch könnte hier der Hermann Gerland des Nordens werden. Ein typ, der in seiner Karriere fast alles erreicht hat, bodenständig geblieben ist und inzwischen 14 (dann sogar 16) Jahre lang mit den größten Talenten Deutschlands gearbeitet hat. Hrubesch hat die Erfahrung, den Identifikationsfaktor, das Wissen und vor allem das Netzwerk, um die weiterhin stagnierende Jugend des HSV wieder bundesweit konkurrenzfähig zu machen. Und nur für die, die das jetzt als Kritik an Michael Schröder, dem aktuellen Nachwuchsleiter sehen – das meine ich mitnichten. Schröder hat in den wenigen Monaten im Amt bereits etliche Neuerungen eingefordert und umgesetzt. Allerdings wäre es vermessen, von ihm das zu erwarten, was von Hrubesch zu erwarten wäre.

Noch keine allzu großen Erwartungen hegt Ola John. Der Niederländer wusste zwar im Test gegen Basel mit Einzelaktionen zu überzeugen – als Stammplatzgarantie sieht er das aber nicht. Im Gegenteil, John weiß, dass er sich über das Training anbieten muss. „Ich bin neu und habe Ziele, auch das, auf dem Platz zu stehen. Aber dafür muss ich jeden Tag aufs Neue zeigen, was ich kann.“ Obgleich der Trainer ihn kennt. „Er hat mich in die Nationalelf berufen, er kennt mich. Er muss mir auch nicht mehr sagen, wie er mich findet“, so John, für den van Marwijk ein ganz wesentlicher Faktor beim Wechsel nach Hamburg war. „Der andere Grund ist die Bundesliga, die für mich sehr anziehend ist. Hier, vor allem auch mit dem HSV, haben viele meiner Freunde sehr gute Erfahrungen gesammelt. Und das will ich auch.“

Das größte Ziel hinter allem bleibt für John die WM in Brasilien im Sommer. „Ich würde lügen, würde ich etwas anderes sagen“, so der sympathische Rechtsfuß, „so ein Turnier will doch jeder Fußballer mal spielen, das ist menschlich.“ Dass er dafür in Hamburg fast übermenschliches Leisten müsste – John glaubt das nicht. Den Vergleich zwischen seinem Exklub, dem Champions-League-Teilnehmer Benfica Lissabon und dem HSV gibt John nicht komplett verloren. „Die Bundesliga ist anders als Portugal, hier ist alles deutlich physischer, deshalb ist der Vergleich schwer. Leverkusen hat uns auch das Leben schwer gemacht.“ Schade nur, dass der HSV (noch) weit hinter Leverkusen einzuordnen ist. Aber sicherlich nett gemeint von John, der in Hamburg auf seine Glücksnummer 15 (trägt Rene Adler) verzichten muss, dafür die 25 („Immerhin die Fünf ist drin“) trägt und wenigstens seine Freundin aus Portugal mitbringen konnte. Noch wohnen beide zusammen im Hotel und John hat nichts von der Stadt gesehen – „aber dafür nur Gutes gehört. Ich hole alles nach, wenn wir gut spielen und in der Liga besser werden. Bis dahin konzentriere ich mich auf den Fußballplatz“, sagt John, den van der Vaart schon mit Eljero Elia vergleicht.

Apropos van der Vaart, der Niederländer war heute zusammen mit Pierre Michel Lasogga in der Raute bei den HSV-Fans in der Talkrunde. Dabei lobten sich die beiden Protagonisten und offenbarten schwere Sünden: Lasogga ist seit Kindesalter Schalke- und van der Vaart war vor einiger Zeit mal Werder-Fan, ehe er nach Hamburg kam. Glücklicherweise löste van der Vaart seine Aussage später auf – es war ein Scherz… Und obgleich van der Vaart anprangerte, der Mannschaft fehle der Leitwolf – sollte er das nicht sein – war die Veranstaltung, auf der wir als Pressevertreter unerwünscht waren (Vielen dank an dieser Stelle noch mal an Mister X, der mir per Whatsapp fleißig tickerte…!!), dem Vernehmen nach ein Erfolg. Beide Spieler präsentierten sich gewohnt Fan-nah und appellierten an die anwesenden Fans, weiter positiv zu bleiben, auch wenn es mal den einen oder anderen Fehlpass gibt. Und spätestens als van der Vaart offenbarte, dass es sein größter Wunsch wäre, nach seiner aktiven Karriere in Hamburg zu bleiben und für den HSV zu arbeiten, kannte die Begeisterung der Anwesenden kaum mehr Grenzen.

Klingt ja auch gut. Im Gegensatz zum verletzten- und Krankenstand beim HSV. Rene Adler (Sprunggelenk und Bänderriss) fällt gegen Schalke ebenso sicher aus wie Maxi Beister (wurde am Montag in Augsburg erfolgreich operiert) und Tomas Rincon. Der Venezolaner leidet an einer bakteriellen Entzündung im Arm und muss eine Woche pausieren – wäre aber eh gesperrt. Hoffnung hat dagegen weiterhin Marcell Jansen, der heute ob eines grippalen Infektes aussetzte, aber ebenso wie Tolgay Arslan möglichst am Donnerstag wieder ins Mannschaftstraining einsteigen soll.

Ach ja, und um diesen Blog zu klammern (thematisch am Anfang und am Ende gleich), noch einmal zurück zum Thema Strukturreform. Bislang ist noch unklar, ob es zwei Mitgliederversammlungen geben wird. Also einmal die geplante im Mai und dann noch eine außerordentliche, um das Thema Strukturreform zum Ende zu bringen. Wobei ich mir sicher bin, dass die Initiatoren um Vorstand Oliver Scheel nicht den Fehler machen werden, kurz nacheinander zwei Veranstaltungen abzuhalten, auf denen es um existenzielle Abstimmungen geht. Denn das wäre den von weit her anreisenden Fans schlichtweg nicht zuzumuten.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird wieder um 15.30 Uhr trainiert.

Scholle

Rieckhoff und HSVplus sind die Gewinner

19. Januar 2014

Es ist vollbracht! Die Schlacht ist geschlagen. Die Weichen sind gestellt, es wird Struktur-Änderungen im HSV geben, die “Rothosen” öffnen sich für Investoren und das Modell „HSVplus“ von Ernst-Otto Rieckhoff ist der große Gewinner dieser legendären HSV-Mitglieder-Versammlung. Um 17.53 Uhr brandete riesiger Jubel im CCH auf, als das Abstimmungs-Ergebnis für „HSVplus“ auf der Anzeigentafel veröffentlicht wurde: 5023 Mitglieder votierten für den Antrag, 1303 stimmten dagegen, es gab 54 Enthaltungen. Es gab langanhaltenden Applaus für Rieckhoff und seine Helfer, von denen Horst Hrubesch, Holger Hieronymus, Ditmar Jakobs, Thomas von Heesen und Dr. Wolfgang Klein an dieser Versammlung teilgenommen haben.


Der HSV, sportlich und wirtschaftlich schwer angeschlagen, kann jetzt von einer besseren Zukunft träumen – auch wenn die sportliche Seite der Medaille mit Platz 14 und nur 16 Punkten natürlich immer noch höchst prekär ist. Daran muss jetzt verstärkt gearbeitet werden. Trotz aller heißen Debatten und hart geführten Reden ist der HSV meiner Meinung nach mit einem halbwegs heilem Fell aus „der Sache“ herausgekommen. Auch wenn es gelegentlich hoch, sehr, sehr hoch herging. Das war nicht anders zu erwarten. Ich bin allerdings sehr froh, dass es doch nicht so schlimm geworden ist, wie von einigen befürchtet – auch von mir. Kompliment an alle Mitglieder, die trotz unterschiedlicher Auffassungen doch relativ fair geblieben sind. Großartig. Dass es trotz allem gelegentlich laut, einige Male heiter und humorvoll, gelegentlich sogar auch etwas unfair war, das liegt in der Natur der Sache – ich hatte insgesamt Schlimmeres erwartet. Auch wenn es im Saal eins zu gewissen Turbulenzen, fast auch zu Handgreiflichkeiten gekommen ist. Und auch als um 17.28 Uhr aus einer bestimmten Ecke „Presse-raus“-Rufe gab, blieb alles im Rahmen. Auch darüber wurde natürlich abgestimmt, aber die Presse durfte dann doch bleiben. Hervorragend!

Dann vorerst einmal, ich muss es loswerden, ein dickes, ein ganz, ganz dickes Kompliment an die beiden Kollegen, die heute von Beginn an live per Ticker aus dem CCH berichtet haben. Marcus „Scholle“ Scholz und Florian Heil haben in meinen Augen fast „Unmenschliches“ geleistet, sie haben ununterbrochen getippt – bravo! Ich weiß, diese Arbeit wurde im Blog auch schon vielfach gewürdigt, aber ich musste das doch noch einmal loswerden, denn das war einfach nur klasse!

Die Versammlung begann mit einer viertelstündigen Verspätung – der Andrang war zu groß. Um 10.45 Uhr, also eine Viertelstunde vor dem offiziellen Beginn, wurde die große Halle H im CCH geschlossen, nach 5300 Mitgliedern wurden alle anderen HSVer in jenen Saal eins geführt, in dem sonst fast alle HSV-Jahreshauptversammlungen durchgeführt wurden. 5974 waren bereits um 11.17 Uhr gekommen, so Vorstandsmitglied Oliver Scheel. Diese Zahl bedeuteten schon mal neuen HSV-Rekord. Um 12.02 Uhr, als sich die Mannschaft nach einer Dreiviertelstunde zwecks Vorbereitung auf das Schalke-Spiel verabschiedete, waren insgesamt 6334 Menschen anwesend, davon waren 6195 Mitglieder stimmberechtigt. Die vorläufige „Endzahl“, die gab Veranstaltungs-Leiter Dr. Andreas Peters um 21.30 Uhr bekannt: In der Spitze waren 7165 Mitglieder bei dieser HSV-Jahreshauptversammlung dabei.

Ernst-Otto Rieckhoff sprach vor ihnen an erster Stelle, und zwar in Sachen Struktur-Reform – natürlich über sein Modell „HSVplus“. Da wurden die Mehrheits-Verhältnisse in der großen Halle schon einmal vorab akustisch geklärt. Denn EOR wurde von Beginn an stürmisch gefeiert und sagte vorab: „Warum macht das HSVplus-Konzept ausgerechnet dieser Rieckhoff? Der doch acht Jahre lang im Aufsichtsrat mit dazu beigetragen hat, dass die Situation so ist, wie sie heute ist. Ja, der Rieckhoff macht das, weil er zu seinen Fehlern steht, weil er sich im Gegensatz zu anderen nicht versteckt und sich nicht rausredet.“ Donnernder Applaus. Der frühere Aufsichtsrats-Chef weiter: „Die Zeit war reif, eine neue Struktur vorzuschlagen, weil ich weiß, wie es nicht geht – und vor allem, wie es jetzt gehen muss.“ Und er fügte auf Nachfrage hinzu: „Ich strebe kein Amt mehr in diesem HSV an.“

Jürgen Hunke brachte, auch um sich selbst zu disziplinieren, eine Schach-Uhr (in Berlin gekauft) mit und drückte sie dem Versammlungsleiter Dr. Andreas Peters in die Hand. Dafür erntete Hunke (Modell: „Zukunft mit Tradition“) einige Pfiffe. Das ehemalige Vorstands-Mitglied Christian Reichert sprach für „HSV-Reform“ und erhielt nach Rieckhoff wohl den meisten Beifall. Für das Model „Rautenherz“ sprach – sehr engagiert – Rainer Ferslev, für das Modell „HSV 21“ trat Professor Wolfgang Müller-Michaelis ans Pult – vom Applaus her gab es für beide Redner zwar Beifall, aber sie kamen nicht annähernd in Rieckhoffsche Dimensionen.

Hoch her, in der Tat, ging es dann bei den zahlreichen Rednern, die ans Pult traten. So hoch und so emotional und so lang, dass irgendwann eine Rednerzeit-Regulierung in Kraft trat – nur noch zwei Minuten. Das traf dann gleich zu Beginn den ehemaligen Präsidenten Dr. Peter Krohn, der sich demokratisch beugte und sich sehr zurückhielt. Krohn, der viel Beifall erhielt, sagte in seinem Beitrag: „Es geht nicht um Strukturen, es geht um die handelnden Personen. So ist es übrigens auch bei Bayern München.“

Vom ehemaligen Aufsichtsrats-Mitglied Gerhard Hein (HSV-Fußball-Frauen) mit einigen Fragen geschickt „ins Spiel“ gebracht wurde der Vorstand – eine Art „Doppelpass“. Joachim Hilke, der so lange, über Monate, hatte schweigen musste, weil sich Vorstand und Aufsichtsrat ein Schweige-Gelübde gegeben oder verordnet hatten, nahm an diesem historischen Tag dann aber so etwas von Stellung, dass fast alle von ihren Sitzen purzelten. Offener und schonungsloser ging es nicht, das hatte Gewicht, das war Super-Klasse, das war schon endlich und lange mal fällig. Sensationell, Joachim Hilke! Auch wenn es natürlich auch einige böse Reaktionen darauf gab, aber das war natürlich zu erwarten. Hilke kann damit leben, wird damit leben – und von seinen „Vorgesetzten“, den Herren Aufsichtsräten, wird er auch keinen Schuss vor den Bug erhalten, denn alle haben es in dem CCH erlebt, wie sehr Hilke gefeiert wurde. Horst Hrubesch hob den Daumen, Professor Jörg Debatin stand spontan auf und applaudierte. Viele schlossen sich ihm an.

Für viel Aufsehen sorgte das ehemalige Aufsichtsrats-Mitglied Axel Formeseyn, der in seiner Rede allen seinen Emotionen freien Lauf ließ – überragend! „Es wäre wohl besser gewesen, wenn dieser Aufsichtsrat, der sich schon etliche Verfehlungen geleistet hat, vorher zurückgetreten wäre . . .“ Und, auch das sagte Formeseyn: „Wir brauchen eine deutliche Reform, und zwar an allen Ecken und Kanten.“

Überraschend trat auch Karl Gernandt, Generalbevollmächtigter von Klaus-Michael Kühne, an das Mikrofon, er stellte klar, dass sein Chef die ersten Millionen, die er dem HSV zur Verfügung gestellt hatte, komplett geschenkt hat. Und zweitens sagte er, dass sie alle fünf Anträge zur Struktur-Reform geprüft hätten und zu dem Schluss gekommen sind, HSVplus zu unterstützen. Das gab zweimal viel Applaus.

Fünf Stunden und länger wurde danach heiß und heißer diskutiert. Am Ende stand die Entscheidung, die Entscheidung über die Struktur-Änderungen zu vertagen. Diesen Antrag hatte Aufsichtsrats-Mitglied Eckart Westphalen gestellt – und wurde abgeschmettert. 5146 Mitglieder stimmten dagegen (82,1 Prozent), 1122 stimmten dafür, es gab 93 Enthaltungen.

Dann die Entscheidung des Tages – mit dem Sieger „HSVplus“. Danach stand das Modell „Rautenherz“ auf dem Prüfstand und fiel durch, es waren nämlich 78,2 Prozent der Mitglieder dagegen. „HSV 21“ von Professor Müller-Michaelis erhielt noch weniger Zustimmung, es gab 85,7 Prozent Ablehnung. Und Jürgen Hunke sagte unmittelbar vor der Abstimmung über sein Modell: „Einmal an diesem Tag möchte ich auch mal Beifall haben: ich ziehe meinen Antrag zurück.“
Da brandete großer Jubel in der Halle – Hunke hatte es (fast) erwartet. Und der frühere HSV-Präsident sagte – und zwar lächelnd und keineswegs schlecht gelaunt: „Es war eine tolle Versammlung.“ Da gab es dann gleich noch einmal Beifall. Hunke wollte gewiss nicht verlieren, aber er zeigte sich in der Niederlage äußerst fair.

Das Modell „HSV-Reform“, abschließend vorgetragen – und zwar sehr emotional vorgetragen – von Christian Reichert, wurde zuletzt abgestimmt – und zwar in sieben Etappen. Es hätte bei jeder Abstimmung eine Dreiviertel-Mehrheit (75 Prozent)) geben müssen, aber die gab es in keinem Fall. Alles abgelehnt.

Ein unwahrscheinlich emotionaler Tag geht zu Ende. Es war heiß, aber, um es mit Jürgen Hunke zu sagen: „Es war eine tolle Veranstaltung.“ Mit einem Sieger, der mir gefällt, denn eines ist doch klar: Sieger-Typen und echte HSVer wie Hrubesch, Jakobs, von Heesen und Hieronymus, dazu ein Willi Schulz, ein Peter Nogly, die hätten sich allein (und nur für sich) nie für ein Pöstchen Verantwortung zur Verfügung gestellt, weil die Angst vor einem „Durchgefallen“ viel zu groß war. Jetzt aber könnte diese geballte Experten-Runde dabei helfen, dass der HSV endlich auf vernünftige Beine gestellt wird. Jetzt, so hoffe ich, reden endlich (nur) Experten mit. Und keine Leute, die früher nicht mit dem Ball an der Außenlinie auf und ab gelaufen sind, und danach eine halbhohe Flanke zur Mitte geschlagen haben.
Es ist vollbracht. Wenn auch erst einmal nur ein (erster und kleiner) Schritt; der nächste Schritt muss dann im Sommer erfolgen. Und wie hat es Sieger Otto Rieckhoff sofort nach dem Ergebnis gesagt: „Ich bin überwältigt. Aber ab morgen, oder spätestens ab übermorgen, müssen wir uns alle damit befassen, dass unsere Mannschaft in diesem Jahr die Klasse hält, das ist nun das oberste Gebot.“
Wieder – oder noch – ein Volltreffer, Otto!

So, die Versammlung ging aber noch weiter, obwohl viele, viele gingen. Ein ganz wichtiger Punkt wurde aber noch zur Abstimmung gebracht – es ging um die Fernwahl. Da gab es natürlich wieder Für und Wider – nicht zu knapp. „Wenn es zur Briefwahl kommt, dann käme keiner mehr zur Mitgliederversammlung“, sagte Dr. Krohn, gab sich aber selbst eine ironische Antwort: „Aber Sie haben jetzt ja ein Modell gewählt, wenn das im Sommer dann durchkommt, dann brauchen wir ja auch fast keine Wahl mehr . . .“ Einen anderen Vorschlag machte Christian Reichert: „Wir sollten an mehreren Orten eine Mitgliederversammlung durchführen, mal hier, mal dort – und ich bin bereit, als HSV-Offizieller dabei mitzuhelfen. Teurer als die heutige Versammlung dürfte das dann auch nicht werden – wir haben heute ja schon eine Fernwahl, nämlich im Saal eins.“

Die Abstimmung ging dann wie folgt aus: 3057 Stimmen waren für die Brief-/Fern-Wahl, das waren „nur“ 72,3 Prozent. Da eine Dreiviertel-Mehrheit erforderlich, wurde der erste Antrag (von Bernd Thoenneßen) abgelehnt – riesiger Jubel der Gegner, die nur denkbar knapp siegten. Beim zweiten Antrag (einiger Mitglieder) waren 73,7 Prozent dafür, das waren 3110 Stimmen, 1111 Stimmen waren dagegen, das waren zwar nur 26,3 Prozent – aber der „Sieg“ für die Ablehner. Der Erfolg wurde lautstark gefeiert und euphorisch besungen. Obwohl es von denen, die „verloren“ hatten, nicht als Freude quittiert und zur Kenntnis genommen wurde, sondern als Häme. Aber, die “Verlierer“ trösteten sich dann doch damit: „Es war letztlich der einzige Sieg, den diese Gruppe feiern konnte.“

Es folgten die Berichte des Aufsichtsrates und des Vorstandes – und die Aussprache dazu. Zu diesem Zeitpunkt waren die „Ehemaligen“ um Otto Rieckhoff aber schon längst bei einer kleinen, schnell improvisierten Sieges-Feier. Bei der dann doch das eine oder andere Bierchen gezischt wurde. Jedenfalls kündigten so etwas die „83er“ an. Prost! Und gute Nacht dazu. Bei den Punkten „Entlastungen“ waren noch cirka 400 Mitglieder dabei, drei Gegenstimmen gab es in Richtung Rechnungsprüfer, bei der Vorstands-Entlastung gab es 27 Gegenstimmen – Entlastung erteilt. Beim Aufsichtsrat gab es dann allerdings keine Entlastung mehr. 132 Mitglieder stimmten dafür, das waren 42,3 Prozent, mit „nein“ stimmten 180, das sind 57,7 Prozent. Das war doch noch einmal eine kleine (oder doch eher große?) Überraschung. Und die hatte es erst per Abstimmung mit dem Wahl-Gerät gegeben.

Ende der Versammlung um 22.10 Uhr

22.18 Uhr

Van Marwijks Kampf gegen Windmühlen

13. Dezember 2013

Ganz schön viel Rauch heute, der abziehen musste über dem Volkspark. Es war zwar nur eine kleine „Wutrede“ gestern von Trainer Bert van Marwijk, aber doch immerhin viel größer als erwartet. Als generell von ihm erwartet, als zu diesem Zeitpunkt erwartet. Gestern hat Dieter hier schon im Wortlaut alles wieder gegeben, was der niederländische Trainer loswerden musste. Auch die Zeitungen waren voll. Kritik an der Mannschaft, an der Mentalität, Disziplin soll Einzug halten, seine erste Abrechnung und so weiter.

Klar, dass van Marwijks Worte in erster Linie auf die Mannschaft treffen. Sie setzen ja auch um, bzw. setzen eben gerade nicht um, was vorgegeben ist. Auf dem Platz ist allwöchentlich sichtbar, in Toren messbar, wie gut und schlecht sie arbeiten. Schon seit Jahren, habe ich heute wiederholt gehört, stecke ja solch eine Sch…-Mentalität in der HSV-Mannschaft, die wir dann alle vergangenen Sonnabend beim 0:1 gegen Augsburg bewundern konnten. Wohlfühlgesellschaft, Gucci hier, Gucci da. Mag sein.
Matz_ab_ankuendigung_1730_Uhr
Ich habe jetzt aber nicht schon wieder Lust, mich mit dieser oder jener Schwäche eines Spieler oder einen Trainers zu beschäftigen. Wie viele Trainer will der HSV noch verschleißen, wie viele Spieler kaufen, weil gedacht wird, hier kommt der richtige für eine goldene Zukunft, um sie dann irgendwann wieder zu verscherbeln und einen nächsten Umbruch zu starten? Ich behaupte: die Trainer und Spieler, die der HSV in den vergangenen Jahren durchgeschleust hat, sind und waren im Schnitt nicht schlechter als bei vergleichbaren Bundesliga-Vereinen. Sportlich nicht, aber auch nicht von der Einstellung und Bereitschaft, sich für den Beruf und den Verein zu opfern.


Aber: das Ganze funktioniert nicht einseitig. Nie und nimmer. Es muss immer auch eine Instanz geben, die darüber steht und entsprechende Leistung einfordert. Diese Führung muss vorhanden sein, es muss eine Leitlinie geben, einen Gedanken, für den der Verein steht. Identifikation muss geschaffen werden. Es genügt nicht, nach desaströsen Leistungen auf die Gehaltsabrechnung zu verweisen und zu meinen, mit ihren Millionen-Gagen sei den Profis Motivation genug an die Hand gegeben. Das Problem ist: fehlt die Führung, dann treten die Schwächen in den Menschen, in diesem Fall den Profis, hervor. Dann werden aus Musterprofis beim FC XY bequeme Profis beim HSV. Automatisch.

Die großen Gagen gibt es nämlich anderswo auch. Es muss mehr dazu kommen. Zumindest ein bisschen von dem, was die Fans und Anhänger des Vereins mit ins Stadion tragen, wenn sie ein Spiel des HSV sehen. Eine HSV-Identität muss mit dabei sein, ein Ziel – jenseits vom schnöden Mammon – für das sich der Einsatz lohnt. Ein Bundesligaspieler ist nicht dann besser als sein Gegenspieler, wenn er statt 1,2 nun 1,3 Millionen Euro verdient. Begeisterung, Motivation, Identifikation – das muss da sein.

Die Erfolgsgeschichte eines jeden Clubs, der gerade obenauf ist, besitzt Puzzleteile dieses Phänomens. In Freiburg war es so (auf andere Art, weil der Verein kleiner ist), in Dortmund ist es so im großen Rahmen, bei Werder war es so jahrelang, und bei den Bayern klappt es in Blockbuster-Manier.

Es ist ein jahrelanges Missverständnis beim HSV, dass immer der jeweilige Trainer verantwortlich gemacht wird, wenn die Vermittlung dieser Werte nicht gelingt. In diesen Tagen habe ich von hohen Herren auch wieder gehört, van Marwijk habe keine große Zukunft beim HSV, wenn er sich abkanzelt und im Hotel wohnt. Wenn er die Mannschaft, den Verein kritisiert wie gestern, und dadurch Distanz zeigt. Dieser Gedanke, denke ich, greift zu kurz. Auch der Trainer muss als Teil begriffen werden, in den Begeisterung von oben, von Führungsseite, vom Verein eingepflanzt wird. Pathetisch gesagt ein Ideal, für das es sich zu kämpfen lohnt, und das alle beim HSV haben müssen.

Wann hat der HSV in den letzten Jahren mal richtige Begeisterung entfacht? Mir fällt da die Zeit ein von 2004 bis 2005, als Thomas Doll das Traineramt übernommen hat. Hier war plötzlich eine Figur, die den HSV gelebt hat. Er hat den Club, die Stadt mitgerissen. Emotional war das die heißeste Phase des Clubs in den letzten 20 Jahren. Natürlich – es gab Herzkasper-Spiele zu anderen Zeiten. Es gab ein 4:4 gegen Juventus, es gab europäische Halbfinals. Aber die große Aufbruch-Stimmung, die Freude am HSV, die gab es durch begeisterte und dadurch begeisternde Figuren oben. Doll war als Trainer solch eine Figur (abgesehen davon auch noch ein sehr guter Coach), und hat damit im Prinzip eine Aufgabe übernommen, die eine Etage über ihm noch stärker hätte gelebt werden müssen. Aber: er ist auch von einer anderen HSV-Figur, Dietmar Beiersdorfer, eingesetzt worden. Mit anderen Worten: hier war die Vereins-Verbundenheit durchlässig und hat sich schließlich auf die Mannschaft übertragen.

Bert van Marwijk hat nun erkannt, dass dieser Verein eine bestimmte Krankheit hat. Er nannte es Zufriedenheit, man könnte es auch eine Schlafkrankheit nennen. Das „Erfolglos-Syndrom“. Es kommt nicht vom Trainer, und ich fürchte, auch van Marwijk könnte sich daran überheben – so wie sich Fink, Veh und andere überhoben haben. Ja aber, werden jetzt viele sagen, der Fink hat dies und das falsch gemacht. Der Veh hat doch gar kein Feuer gehabt. Der Labbadia sich nicht mit der Mannschaft verstanden.

Ich habe mit Armin Veh einmal, es war kurz vor seinem freiwilligen-unfreiwilligen Ende beim HSV, über die Situation des Clubs gesprochen. Wir sind alles durchgegangen, von oben bis unten. Vor allem oben natürlich, denn da setzen die Schwächen an. „Es ist ein Wahnsinn“, hat der Veh immer wieder gesagt, wenn es zum Aufsichtsrat kam. Unter diesen Bedingungen hat er Fehler gemacht, die Mannschaft ist ihm aus der Hand geglitten. So hat auch Thorsten Fink sein Feuer mitgebracht nach Hamburg – und als es erloschen war, sind ihm ebenfalls Fehler unterlaufen. Der HSV hat sie alle geschafft.

Zurück zu Veh. Als er dann entlassen wurde, habe ich damaligen Amtsinhabern empfohlen, einmal das Gespräch mit Veh zu suchen. Es bestand ja nun kein Anstellungsverhältnis mehr, vielleicht hätte ein unabhängiger Austausch ja mal geholfen, die Augen zu öffnen. Das Interesse von HSV-Seite war gering, denn Veh wurden immer nur und immer wieder seine Unzulänglichkeiten vorgeworfen.

Alle nicht gut genug für den HSV. Der Veh zu faul. Der Fink nur auf dem Weg zur Familie nach München. Der Jol hatte immer seine holländischen Freunde in der Kabine, und der Oenning war ja nur ein Nachwuchs-Trainer. Ich kann das alles nicht mehr hören und sehen.


Vor ein paar Monaten, es war ausgerechnet nach dem 2:9 bei den Bayern, habe ich einmal einen Kommentar zur Lage des HSV gemacht. Ein Vorschlag für eine bessere Spitze war: Beiersdorfer zum Präsident, Hoogma ins Management, Rost und Barbarez dazu, Uli Stein als Torwarttrainer – und guckt doch mal, was der Beinlich macht und wie man den Hrubesch doch noch mal endlich kriegen kann. Der Text wurde damals auch bei einer Veranstaltung der HSV-Senioren vorgelesen. Mir wurde von höhnischem Gelächter berichtet.

Klar, kann man drüber lachen – wie soll das auch gehen? Und überhaupt: dieses ewig-gestrige mit den 83ern, oder wie? Mir ging es und geht es jetzt um den Gedanken, der dahinter steckt. Um den HSV. Um Figuren, die diesen Verein verkörpern und nach außen tragen und die eine emotionale Bindung mitgeben, die – richtig vorgelebt – dann auch irgendwann mal auf dem Rasen ankommt.

Jeder kann sich selbst überlegen, ob im aktuellen Vorstand und Aufsichtsrat diese Figuren sind, und ob sie kommen würden bei den aktuellen Strukturen. Oder ob von Heesen, Hieronymus, Jakobs und andere mit ihren Verbindungen mehr davon bieten. Oder Hunke. Oder ob Ertel, Liebnau und Co. für den richtigen Weg stehen. Die Frage, ob ein strategischer Partner am 20. Januar, am Tag nach der Mitgliederversammlung, unter „HSV-PLUS“-Voraussetzungen da steht und mit einem Scheck wedelt, ist da erstmal zweitrangig. Es braucht ein Modell, in dem Leistungsfußball mit HSV-Identität gefördert wird. Mit all seinen Gesichtern und Geschichten. Alles in eine Richtung. In eine Richtung!!!

Damit nämlich Calhanoglu, Beister und Tah ihre erfolgreiche Zukunft in Hamburg haben werden, und nicht anderswo. Auch und gerade diese Jungs brauchen etwas, woran sie sich halten können – das Verbindende des HSV. Wenn sie merken, dass der Trainer – im Moment van Marwijk – wie sie selbst in dem wackeligen Boot sitzt und nach Orientierung sucht, dann sind sie so schnell verschwunden wie einige andere vor ihnen.

Zum Training heute. Personell hat sich nicht viel getan. Der Kader ist wie erwartet, so dass van Marwijk morgen in München folgende Elf aufbieten könnte:
Drobny – Rincon, Tah, Djourou, Jansen – Badelj, Arslan – Zoua, van der Vaart, Calhanoglu – Lasogga.

Jacques Zoua steht also mal wieder in der Startelf und vertritt den Gelb-gesperrten Maxi Beister. In der heutigen, kurzen Presserunde hat Zoua verraten, dass er schon zwei Mal gegen den FC Bayern gespielt hat. In der Champions-League-Saison 2011/2012 wurde er jeweils eingewechselt – beim Hinspiel in Basel (1:0) und beim Rückspiel in München (0:7). Heute sagte der Kameruner: „Ich versuche, das Spiel gegen die Bayern wie jedes andere Bundesliga-Spiel zu sehen. Natürlich wird es schwer, aber wir versuchen alles.“

Die Bayern müssen auf Boateng (fünfte Gelbe Karte) verzichten, und nach wie vor auf Robben und Schweinsteiger. Alaba, so heißt es aus München, könnte auf der linken Verteidiger-Position durch Contento ersetzt werden. Das wäre dann der Gegenspieler von Jacques Zoua.

Hoffnung für den HSV: Claudio Pizarro kommt wohl zunächst von der Ersatzbank. Im März schoss er vier Tore gegen den HSV. Insgesamt hat er in 21 Spielen gegen Hamburg 18 Tore erzielt. Eine unfassbare Quote.

Für den HSV geht es darum, sich anständig aus der Affäre zu ziehen. Das wäre völlig okay. An den Bayern haben sich dieses Jahr auch Barca und andere die Zähne ausgebissen. Dieser Fußball-Sonnabend, denke ich, bietet unabhängig vom Ausgang des Spiels keinen Anlass für Hohn und Spott.

Bei Oliver Scheel sind inzwischen die ersten Anträge eingegangen für die Mitgliederversammlung. „HSV-PLUS“ von Otto Rieckhoff, „Tradition mit Zukunft“ von Jürgen Hunke, „Rautenherz“ liegen vor. Außerdem viele Einzelanträge, unter anderem die Idee, eine Stiftung zu gründen. Die Anträge der „HSV-Reform“ werden bis zum Fristende am Sonntagabend auf der Geschäftsstelle des HSV erwartet.

Dieter und Scholle erwarten Euch nach dem Abpfiff des Bayern-Spiels zu „Matz ab live“. Ein Gast wird der Niendorfer Ex-HSV-Profi Alexander Laas sein.
Bis dahin
Lars

P.S.: Das DFB-Pokalspiel gegen Bayern München steigt am Mittwoch, 12. Februar 2014, um 20.30 Uhr und wird sowohl in der ARD als auch auf Sky gezeigt. Und: In der Vorbereitung auf die Fußball-WM in Brasilien spielt die deutsche Nationalmannschaft am 13. Mai in der imtech-Arena gegen Polen.

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