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Slomka: Der Trend spricht für uns

8. April 2014

Heute geht es um die Mannschaft. So, wie ich es versprochen hatte. Auch um ein Gerücht, das sich seit einigen Tagen hält und jetzt Futter bekommen hat. Frank de Boer, Trainer von Rafael van der Vaarts Heimatklub Ajax Amsterdam, hat offen sein Interesse an einer Verpflichtung des HSV-Kapitäns erklärt. „Er wäre eine hervorragende Verstärkung für uns“, so de Boer in den niederländischen Medien, „er ist ein hervorragender Fußballer.“ Und obgleich hier in Hamburg alle Offiziellen bemüht sind, das Interesse einer Abgabe des Kapitäns glaubwürdig zu dementieren, hält es sich. Denn sportlich wird die Kritik an dem Mittelfeldspieler zwar zunehmend leiser. Allerdings, sollte sich Ajax letztlich auch finanziell weit vorwagen, dürfte der HSV sicher gesprächsbereit sein.

Aber bis dahin ist es noch ein ganzes Stück und van der Vaart wird in Hamburg gebraucht. Zumindest in der Verfassung der letzten beiden Partien. In Gladbach war der Niederländer wieder an torgefährlichen Szenen beteiligt – gegen Leverkusen legte er das 1:0 im Doppelpass seinem designierten Nachfolger Hakan Calhanoglu auf und agierte auch sonst bis zu seiner Verletzung kurz vor der Halbzeit sehr engagiert. „Ich bin ein Straßenfußballer“, hatte mir van der Vaart im Trainingslager in Österreich im Sommer 2013 gesagt, als ich ihn fragte, ob er sich mit seinen 31 Jahren auch für derlei stressige Phasen wie Trainingslager hochfahren könne. Das gehöre natürlich dazu und sei für die gesamte Saison wichtig, sagte van der Vaart damals. Ein paar Sonderbehandlungen habe er sich verdient, sagte uns Trainer Thorsten Fink damals parallel und berief sich auf die Erfahrung van der Vaarts. „Rafael kennt seinen Körper selbst am besten und weiß, was er braucht und was er sich erlauben kann.“ Das Ergebnis ist bekannt.

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Umso erfreulicher ist, dass Mirko Slomka seinen Kapitän langsam wieder in Form zu bekommen scheint. Tage-, nein: -wochenlang hat der HSV-Trainer keine Gelegenheit ausgelassen, seinem Kapitän den Rücken zu stärken. Eben so, wie zuvor auch Fink und Bert van Marwijk. Der einzige Unterschied: Slomka ließ van der Vaart parallel zu all seinen Komplimenten hart trainieren. Ohne Ausnahme. Sonderrechte gab es für den Niederländer zwar hier und da – allerdings nur solange die sportliche Fitness dadurch nicht beeinflusst werden kann. Auch heute musste van der Vaart ackern. Da absolvierten alle zusammen Steigerungsläufe. Auch van der Vaart, der nachmittags im stadioneigenen Gym mit den Kollegen Krafttraining absolvierte, während die zuletzt verletzten Pierre Michel Lasogga, Ivo Ilicevic, Kerem Demirbay und U23-Nacheücker Mattia Maggio auf dem Platz eine Sonderschicht einlegten.

Slomka passt einfach zu dieser HSV-Mannschaft, behaupte ich. Weil er fleißig ist. Slomka lebt vor, er spricht mit den Spielern, er kümmert sich intensiv um den Einzelnen und er versucht, sie zu verstehen. Und während er die gesamte Mannschaft (Ola John zwischendurch mal ausgenommen) öffentlich schützt und starkredet, sagt er ihnen intern klar, woran sie unbedingt arbeiten müssen. „Wobei ich auch sehr aufpassen muss, dass ich mir in all den Einzelgesprächen, die ich mit den Jungs so führe, nie widerspreche. Die Spieler merken sich jedes Wort, was man ihnen sagt“, sagt Slomka im Interview mit dem Hamburger Abendblatt, das ich mit meinen geschätzten Kollegen Alexander Laux und Kai Schiller heute geführt habe. Auszüge davon werde ich in diesem Blog verarbeiten, das komplette Interview allerdings stelle ich Euch morgen früh erst rein. Somit ist gewährleistet, dass der morgen früh erscheinenden Printversion des Interviews nicht alles vorweggenommen wird.

Auffällig ist, dass unter Slomka neben van der Vaart auch andere zuvor schwächelnde Akteure wie Johan Djourou und vor allem auch Jacques Zoua wieder stärker geworden sind. Es sei auch das Ergebnis von Einzelgesprächen, so Slomka, der selbiges vor Kurzem auch mit Jonathan Tah führte, der inzwischen ausschließlich für die U19 des HSV auflaufen und dort helfen soll, die Klasse zu halten: „Mit Jonathan Tah war ich letzte Woche länger im Wald laufen, habe mich intensiv mit ihm ausgetauscht“, erzählt Slomka im Interview, „und ich habe ihn gefragt, wie das mit der Veröffentlichung seines Vertrages in seiner Schule angekommen ist. Er ist ja auch gerade erst aus dem Internat in seine erste eigene Wohnung gezogen. Da will ich als Trainer dann auch so ganz profane Dinge wissen, wie er sich zum Beispiel jetzt ernährt, ob er kocht oder ob er immer nur essen geht. Ich will niemanden kontrollieren, will nicht wissen, wer wann auf der Piste war oder Ähnliches. Denn wenn sich ein Spieler hängen lässt, dann ist er der erste, der darunter leidet, weil er nicht mehr spielt. Aber als Trainer ist man eben nicht nur für das Geschehen auf dem Rasen verantwortlich.“

Ohne dabei die nötige Distanz zu gefährden, ginge es Slomka auch um private Dinge. „Ich erlaube mir schon, einem jungen Nachwuchsspieler auch mal zu sagen, dass er sich vielleicht nicht nach seinem ersten Bundesligaspiel gleich einen Luxuswagen zulegen sollte“, so der studierte Pädagoge Slomka, ehe er fortführt: „Mir geht es eher um die Dinge, die einen Spieler im Herzen treffen. Wenn sich beispielsweise ein Spieler absondert, sich zurückzieht, dann frage ich schon nach, ob er irgendwas hat, ob es ihm gut geht, ob es seiner Frau und seinen Kindern gut geht. Ich bemühe mich, empathisch zu sein.“

Und wenn das mal nicht wie gewünscht hinhaut, gibt es immer noch die Möglichkeit, sich bei einem professionellen Psychologen Tipps zu holen. „Ich spreche auch mal mit einem Psychologen, hole mir Ratschläge.“ Dass die Distanz zwischen Trainer und Mannschaft die Autorität des Coaches gefährdet, ist nicht der Fall. „Absolut nicht. Der Trainer kuschelt ganz sicher nicht mit uns“, so Heiko Westermann, „im Gegenteil: er schont niemanden und spricht alles direkt an.“ Und genau diese Mischung scheint anzukommen. Auch vor dem erneuten „Überholspiel“, wie Slomka jene Partien nennt, bei denen der HSV im direkten Duell einen Tabellenplatz gutmachen kann.

Fehlen wird dabei weiter Maxi Beister, der sein Reha-Training derzeit in Düsseldorf absolviert. Mitte April soll eine Untersuchung bei Dr. Bönisch in Augsburg darüber entscheiden, ob und wann der 23-Jährige wieder mit dem Lauftraining beginnen kann. Hoffnungsvolle Comebacks gaben heute bereits Ivo Ilicevic und Pierre Michel Lasogga. Beide konnten die Übungseinheiten mit der Mannschaft problemlos absolvieren. „Stand jetzt gehen wir davon aus, dass beide am Sonnabend in Hannover zur Verfügung stehen“, hofft Trainer Mirko Slomka, der seine emotionale Bindung an seinen Heimatklub für das eine Spiel sehr gut ausschalten kann. „Es ist ganz sicher kein freundschaftliches Treffen, wo man sich auf ein Bierchen oder ein Gläschen Rotwein zusammensetzt. Ob das nächste Spiel jetzt Hannover ist oder irgendein anderer Verein ist jetzt auch egal. Es geht um drei Punkte – und die brauchen wir.“ Dass es ein Auswärtsspiel ist, macht Slomka nichts. „Jede Serie hat irgendwann ein Ende, auch unsere.“ Wäre gut. Nein, das wäre nötig!

Und ich bin überzeugt, dass der HSV psychologisch eindeutig im Vorteil ist. Immerhin hat man sich hier bereits seit Monaten auf den Abstiegskampf einstellen können und ist dort – das lassen zumindest die letzten Auftritte vermuten – auch endlich angekommen. Hannover hingegen muss sich trotz bereits 29 Punkten und zwischenzeitlich sieben Zählern Vorsprung auf einen Abstiegsplatz mit zu dieser späten Saisonphase erstmals mit einer neuen Situation auseinandersetzen. Im Verein ist es unruhig, das Spiel gegen den HSV gilt sogar als „Schicksalsspiel“ für Trainer Tayfun Korkuts, den Slomka zu seiner Zeit bereits nach Hannover als Cotrainer holen wollte und dessen Weiterbeschäftigung schon nach der Niederlage am vergangenen Wochenende in Braunschweig auf der Kippe stand. Auch Slomka glaubt, dass die neue Situation für Hannover zum Problem werden könnte. „Hannovers Mannschaft gerät jetzt plötzlich wieder in einen Strudel, der schwer zu regulieren ist. Das kennen wir von hier. Insofern ist der Trend sicher nicht ideal für Hannover“, sagt Slomka, der das Niedersachsenderby am vergangenen Sonntag gesehen und analysiert hat.

Wie gegen den Freundschaftsklub der HSV-Fans die Taktik aussehen wird, verrät Slomka natürlich nicht. Das wird die Mannschaft erst zwei Tage vor dem Spiel in einer Besprechung erfahren. Einige von ihnen zudem in Einzelgesprächen. Klar sei aber, dass sich die Mannschaft am Auftritt gegen Leverkusen messen muss. „Es geht um Kratzen, beißen, kämpfen – und darum, mehr zu machen als der Gegner. So, wie am Freitag gegen Leverkusen, wo wir mehr als 120 Kilometer gelaufen sind.“

Das klingt doch alles sehr gut. Übrigens grundsätzlich ebenso wie die Idee, Dietmar Beiersdorfer nach Hamburg zurückzuholen. Einzig der Zeitpunkt ist (wie gestern ausführlich im Blog erläutert) unglücklich, das öffentlich zu machen. Zumal schon seit Wochen – nein, sogar schon seit Monaten der Name des ehemaligen Sportchefs im Zusammenhang mit „HSVPlus“ durch den HSV geistert. Selbst die Initiative „HSV-Reform“ hatte sich darum bemüht, den in Hamburg einst ebenso beliebten wie erfolgreichen HSV-Sportchef für ihre Idee zu gewinnen. Selbstredend ebenso wie HSVPlus mit der Prämisse, den noch bis 2015 bei Zenit St. Petersburg unter Vertrag stehenden 50-Jährigen wieder in eine führende Position zu bringen. Wo, das liegt natürlich extrem nah – und bietet definitiv keine schönen Aussichten für Oliver Kreuzer. Beiersdorfer selbst will sich zu diesem Thema selbstredend (noch) nicht äußern, um nicht illoyal seinem Arbeitgeber gegenüber zu sein. Verständlich.

In diesem Sinne, zurück zum Wesentlicheren, zum aktuellen HSV: Ich hoffe, dass Slomkas Mischung aus Psychologie und hartem Training auch in Hannover zum Erfolg führt. Aber wer hier hofft das nicht…? Morgen wird übrigens wieder um zehn Uhr am Minimalziel Klassenerhalt trainiert.

Bis morgen!

Scholle

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