Archiv für das Tag 'Ilicevic'

Im Zeichen des Wechsels – der Tag danach

17. Dezember 2014

Man ist schnell geneigt, Peter Knäbels Worte als „Schönreden“ zu interpretieren. So falsch das auch ist. Denn die stets unbeeindruckt gleichbleibende Tonlage, wohl gewählte Formulierungen und der Verzicht auf direkte Kritik lassen den Verdacht zwar zu. Aber er ist zweifellos falsch. Denn zwischen den Zeilen lässt Peter Knäbel mehr als deutlich erkennen, wie maßlos enttäuscht er ist. Er sagt nett, dass es so nicht weitergehen kann, darf und vor allem auch so nicht weitergehen wird. Er kündigt personelle Konsequenzen an und wirkt entspannt, nett – einfach alles andere als aufgeregt oder böse. „Peter ist ein herausragender Analyst, der immer den Überblick behält“, hatte Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer bei dessen Inthronisierung gesagt – und damit den Nagel auf den Kopf getroffen.

Der Direktor Sport stand uns heute 30 Minuten Rede und Antwort. Und er sagte trotz aller Zurückhaltung sehr viel. Nach dem Videointerview sogar noch etwas mehr. „Es war zweifellos das hässliche Gesicht zu Hause, das wir gegen Stuttgart gezeigt haben“, so Knäbel auf Nachfrage offen. Dennoch hoffe er jetzt auf eine Reaktion: „Die Wut über die eigene Leistung muss so viel Energie freisetzen, die wir auf Schalke hoffentlich in Leistung umsetzen können.“

Wütend, oder zumindest enttäuscht war zuletzt auch Tolgay Arslan. Und nach seinem Kurzeinsatz gegen Stuttgart dürfte sich seine Aussicht, in Hamburg zu bleiben, nicht verbessert haben. Im Gegenteil. Großen Tönen (Mopo-Interview) folgten minimalistische Taten. Seine Aktionen wurden am Spielende sogar mit Pfiffen bedacht. Und das berechtigt, wie insgesamt die Pfiffe für die Gesamtleistung der Mannschaft. Ob Arslan ebenso wie Marcell Jansen im Winter gehen dürfe bei einem passenden Angebot? „Ich bin mit beiden Spielern wie auch mit allen anderen, die Anfragen haben, in Kontakt. Konkretisiert hat sich bislang gar nichts. Aber wenn wir Anfragen reinkommen, sprechen wir und sehen, was am Ende in der Realität auch umgesetzt wird“, sagt Knäbel. Soll heißen: Ja, beide dürften gehen und das Geld würde für Verstärkungen ausgegeben. Und danach sieht es tatsächlich aus.

Wobei es damit noch lange nicht getan ist. Denn Knäbel stellt alle auf den Prüfstand. Und neben Arslan und Jansen sollen nach Möglichkeit auch Ivo Ilicevic, Slobodan Rajkovic und Gojko Kacar einen Abnehmer finden. „Es ist überdeutlich, dass der HSV nach vorn in der Breite noch Bedarf hat“, hat Thomas von Heesen bei Matz ab live gesagt. Und der Aufsichtsrats-Vize hat Recht damit. Denn der auch von mir so lange erhoffte Zweiersturm funktioniert nicht. Nicht mal im Ansatz. „Man hat nicht das Gefühl, dass sie zusammen spielen“, so von Heesen vorsichtig, während aus der Mannschaft zu hören ist, dass die beiden mehr gegen- als miteinander spielen.

Dass sich Lasogga zudem mit Trainer Joe Zinnbauer überworfen haben soll, wollte Knäbel heute nicht bestätigen. Und ehrlich gesagt glaube ich das auch nicht. Obwohl Zinnbauer und Lasogga im Abschlusstraining vor Stuttgart ein verbales Scharmützel hatte, nachdem sich Lasogga Zinnbauers Kritik bei der Abschlussübung nicht widerspruchslos gefallen lassen wollte. „Wenn es da Gesprächsbedarf gibt, werden es die beiden schon lösen“, so Knäbel darauf angesprochen. „Das ist Trainersache.“

Lasogga ist bereits in der Winterpause. Der Angreifer fällt mit einer Oberschenkelzerrung verletzt aus. Er könnte jetzt resümieren, obgleich das nicht wirklich positiv ausfiele. Denn Lasogga muss sich selbst hinterfragen. Er kann lediglich auf eine Hinrunde zurückblicken, die für ihn persönlich wie für alle im Verein sehr enttäuschend verlaufen ist. Für 8,5 Millionen Euro diskutabel teuer aus Berlin verpflichtet wurde der Rechstfuß und stieg in Hamburg zu den Topverdienern auf. Er verpasste Großteile der Vorbereitung und kam trotz riesigen Vertrauensvorschusses von Zinnbauer, der immer weiter an ihm festhielt, bis zum Schluss seiner Hinrunde nicht so ins Spiel wie in der Vorsaison. „Wenn man den körperlichen Nachteil nicht mit mentaler Stärke wettmachen kann, dann sieht es so aus“, sagt Knäbel und nimmt seinen Angreifer teilweise auch in Schutz: „Torschusskrisen gehören bei einem Stürmer dazu – ohne, dass ich sagen will, dass er eine hat. Er hat auch das Problem, dass wir nicht so gut nach vorn spielen, wie wir es müssten. Dann kann es bei einem Stürmer auch mal so aussehen.“

Ich habe heute viele Gespräche geführt und mal wieder bemerkt, dass Tage nach derartig üblen Niederlagen oft dazu dienen, allen Frust rauszulassen. Es wird ehrlich gepöbelt. Von Funktionärsseite, aber auch von Spielerseite. Und klar ist mir spätestens seit heute, dass wir nicht noch mal einen Winter erleben werden, indem der HSV keinen Spieler los wird und deshalb nicht handeln kann. Trotz der überbordenden Schulden lege ich mich einfach mal fest: Arslan, der gleich von mehreren Klubs umworben sein soll, wird gehen. Jansen (Benfica will ihn) und Rajkovic (erneutes Angebot aus Russland) auch. Für Ilicevic wird es schwerlich einen Abnehmer geben. Ebenso wenig für Kacar, während René Adler einem Wechsel nicht zustimmen wird und sich hier durchbeißen will.

Viel Arbeit für den Vorstand – und für Knäbel. „Für mich beginnt nach dem letzten Spiel die Analyse. Und dann werden die entsprechenden Entscheidungen auf dem Transfermarkt getroffen. Wir müssen sehen, dass wir uns im Winter verbessern können. Ich gehe davon aus, dass wir alles, was wir reinholen auch wieder ausgeben können. Und selbst wenn man nicht viel einnimmt, gibt es immer einen Weg, Lücken zu schließen.“ Personeller Art, sagt Knäbel.

Wer am Sonnabend van der Vaarts Lücke schließen wird, der sich mit einer Dummheit zuerst die fünfte Gelbe abholte, um anschließend völlig berechtigte Fragen des Sky-Reporters mit „hast Du schlecht geschlafen“ dümmlich (aber auch nicht dramatisch, wie ich finde!) zu beantworten, scheint klar: Petr Jiracek rückt in die Startelf. Und sollte Valon Behrami tatsächlich ausfallen, wie ich heute gehört habe, rücken entweder Mohamed Gouaida (für mich der beste Hamburger gegen Stuttgart) oder Tolgay Arslan ins Team. Für den Letztgenannten könnte es zum Abschiedsspiel werden, oder? „Nein“, sagt Arslan, „es ist ausschließlich ein wichtiges Spiel für uns auf Schalke. Wir wollen die Punkte holen, die wir zu Hause liegengelassen haben. Was danach passiert, spielt bis dahin keine Rolle.“ Dass er das Fass seines möglichen Wechsels selbst aufgemacht hat, lässt er unkommentiert. Aber man spürt, dass der Frust bei dem Deutsch-Türken sogar tiefer sitzt als die Erkältung, wegen der er heute im Training fehlte. „Aber noch mal“, versichert Arslan, „am Sonnabend geht es um drei Punkte, die wir uns mit allen Mitteln holen wollen. Und ich würde dazu zu gern meinen Anteil beitragen. Punkt.“

Erst am vergangenen Wochenende haben sich Knäbel und Arslan ausführlich über dessen Zukunft unterhalten. Und dabei wurde dem Eigengewächs deutlich gemacht, dass er gehen kann, wenn sich ein Abnehmer findet, mit dem sich der HSV auf eine Ablösesumme einigen kann. Von dem einstigen „Wir sind von unserem Kader restlos überzeugt“ ist bei Knäbel nicht mehr allzu viel übrig. Wie auch…? Vor seiner ersten Transferphase als HSV-Direktor Sport schränkte er heute deutlich ein: „Ich glaube, dass wir genug Qualität haben, um unter diesen zehn Mannschaften, die sich alle im Existenzkampf befinden, zu bestehen.“

Daher ist ein neuerlicher, personeller Umbruch gewollt, weil nötig. Mit Abgängen – und neuerlichen Geldquellen, die noch niemand genauer benennen will – oder kann? Knäbel formuliert es so: „Es ist auch klar, dass man versucht, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, indem man im Winter was tut. Wie viel man tun kann, hängt auf der einen Seite davon ab, wer geht. Und auf der anderen Seite ist es so, was hat man für Rahmenbedingungen, um zusätzlich was zu tun.“ Ein Investor? Knäbel weicht aus: „Es wird sich in den nächsten Wochen erweisen, was man zusätzlich tun kann und was man für Rahmenbedingungen hat. Es ist ein sehr komplexer, ein sehr schwieriger Fall. Aber es gibt auch einige da draußen, die uns helfen können.“ Klar, die Messlatte dafür wurde gestern ja sogar noch mal gesenkt.

Eigentlich wollte ich heute auch noch auf Ronny Marcos eingehen, den Zinnbauer meiner Meinung nach momentan überfordert. Ebenso wie auf die genau so fleißigen wie harmlosen Holtby und Müller. Aber das würde heute den Rahmen sprengen. Und für alle, die fachlich viel Input suchen, sei zum einen Thomas von Heesens herausragende Analyse im Matz-ab-live-Video empfohlen, zum anderen natürlich auch das Video-Interview mit Peter Knäbel.

Ich melde mich morgen nach dem Training (10 Uhr an der Arena) und der Pressekonferenz (12.30 Uhr) wieder bei Euch. Dann hoffentlich mit besseren Nachrichten von Valon Behrami.

Scholle

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