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Und jetzt: Feuer frei…!

22. Oktober 2014

Oha, das ist mal eine Aufgabe. Einen Heiko-Westermann-Blog schreiben. „Da wirst Du mächtig auf die Ohren kriegen“, hat mich mein netter Kollege heute nach dem Gespräch mit dem Innenverteidiger gewarnt. Und wisst Ihr was?

Er wird Recht haben. Aber: Na und…?

Der/die eine hier mag ihn mehr, der/die andere weniger. Sachliche Kritik ist auch gewünscht, zweifelsohne. Aber wer den HSV unterstützt, der sollte auch Westermann zunächst einmal grundsätzlich unterstützen. Denn er ist noch immer genauso ein Bestandteil des HSV wie alle anderen Spieler. Und solange er nichts stiehlt oder sich zufällig gerade mit einem anderen Klub über einen Wechsel vor Vertragsende und gegen den Willen des HSV einig ist, hat auch er es verdient. Wobei bei Westermann erschwerend für all seine Kritiker dazukommt: Der 31-Jährige hat in seiner Zeit beim HSV seit 2010 zweifelsfrei niemals nicht alles gegeben. Dass er kein David Luiz oder Sergio Ramos war, ist und auch sicher nicht mehr wird – kein Thema. Aber Westermann hat sich beim HSV seit 2010 unter neun verschiedenen Trainern gegen alle Konkurrenz immer wieder durchgesetzt. Und das ist sicher nicht passiert, weil er dem jeweiligen Trainer einfach nur sympathisch war/ist…

 

Für Abendblatt-Blogs



 

 

Nein, Westermann ist definitiv ein ehrlicher Arbeiter. Ich schreibe das, obwohl es mir zum Halse rauskommt, immer wieder diese Floskeln von wegen „er ist Vorbild in Sachen Einsatz“, „er marschiert vorneweg“, „er stellt sich“ usw. anzuführen. Aber leider gibt es noch immer Leute, die das nicht sehen, die Westermann lieber jetzt als gleich weg haben wollen. Und denen sei gesagt: Bezahlt dem HSV einen Innenverteidiger, der Westermann verdrängt. Damit hätte nicht einmal Westermann selbst Probleme: „Wenn ich hier einen Verteidiger vor mir habe, der besser ist als ich, der der Mannschaft mehr helfen kann – dann ist das so. Dann respektiere ich das und gebe weiter Gas. Bis ich wieder spiele.“

Noch Fragen?

Ich nicht. Dabei weiß ich sehr wohl, dass es bessere Verteidiger auf diesem Planeten gibt – aber offenbar sind die momentan für den HSV nicht zu holen, geschweige denn einsetzbar. „Heiko ist für uns hinten ein ganz wesentlicher Faktor“, sagt beispielsweise Johan Djourou, der neben Westermann in der Innenverteidigung der Abwehr neue Stabilität verleiht. Und wie Djourou sehen das auch immer mehr Fans. Nach zuletzt guten Leistungen hatte Westermann gegen Hoffenheim einige Kinken in seinem Spiel („Das kann ich besser, das muss ich besser lösen“). Kinken, die ihm irgendwie häufiger als anderen unterkommen. Aber im Gegensatz zu denen hat er auch gleich jeden zweiten Fehler selbst ausgebügelt. Weil er nie aufgibt.

Nein, Westermann bleibt nicht lange liegen – er steht auf. Immer wieder. Und er blickt auch nicht lange zurück, was ich ihm auch nicht empfehlen kann. Denn Pfiffe im eigenen Stadion bekommen nur HSVer – und ihn traf es immer wieder mal. Persönlich. Für mich ist das bei aller teilweise auch angebrachten Kritik unglaublich, da er eben nichts gestohlen hat und eben nicht gerade mit einem anderen Klub über einen Wechsel vor Vertragsende einig ist – aber das hatten wir ja schon. „Ich bin froh, dass ich hier bin“, sagt Westermann stattdessen. Denn trotz aller Pfiffe in den vergangenen Jahren und Monaten hat er sehr wohl registriert, dass sich die Stimmung ihm gegenüber langsam zum Positiven dreht. Die Leute erkennen an, dass er einer ist, der mit dem HSV durch dick und dünn gegangen ist und auch weiterhin gehen. Westermann ist glaubwürdig. Irgendwie pur. „Weglaufen würde ich nie. Obwohl ich vor viereinhalb Jahren hergekommen bin mit der Aussicht darauf, dass der HSV sein zweifellos riesiges Potenzial ausschöpft, war ein Wechsel für mich nie ein Thema. Ich hätte hier vor zwei Jahren auch weglaufen und sagen können: ‚Leckt mich doch alle am Arsch’. Aber das bin ich nicht. Ich bin HSVer und das sehr gern. Mir ist jetzt auch egal, was vor einer Woche war. Für mich zählt nur das Hier und Jetzt. Und das stimmt uns alle optimistisch.“

Der Frieden mit seinen Kritikern?

Mitnichten. Und das muss auch nicht so sein. Dennoch beweist Westermann Größe, indem er gar nicht darauf eingeht. So wie ich auf die Häme, die mir dieser Blog wahrscheinlich einbringen wird. Vielmehr stellt Westermann sich hintenan – und die Mannschaft (wie immer) in den Vordergrund. „Ich habe schon oft gesagt, dass in einer funktionierenden Mannschaft mal ein Spieler sein kann, der ein paar Böcke schießt. Aber in einer funktionierenden Mannschaft wird keiner mehr komplett abfallen. Weil da einer den Fehler des anderen wieder ausbügelt. So wie zum Beispiel Johan Djourou am Wochenende für mich. Und genau diese Phase der Entwicklung haben wir jetzt erreicht: Wir sind ein richtiges Team auf dem Platz. Wir treten geschlossen auf.“

Stimmt. Seit dieser Saison gibt es im Verein wieder eine Stringenz von oben bis unten. Die U23 trainiert zusammen mit den Profis, der Kontakt vom Jugendspieler über die Geschäftsstellenmitarbeiter bis hin zum Profi scheint hergestellt. Und der Verein hat endlich wieder eine starke Führung. „Es ist das erste Mal seit ich hier bin tatsächlich so, dass wir alle eine Sprache zu sprechen scheinen“, sagt Westermann, „und auch wenn das alles noch weiter wachsen muss, ist es das erste Mal wirklich so, dass man wieder auf bessere Zeiten hoffen kann. Und deshalb wird es auch für uns Zeit, unsere guten Spiele effektiver in Punkte umzusetzen. Denn bei allem was gelobt wird, muss man festhalten, dass sechs Punkte absolut unbefriedigend sind.“

Mindestens 14 sollen bis zur Winterpause noch dazukommen, sagt Djourou heute der „Mopo“. Und ich halte das für realistisch. Zumal jetzt mit Hertha ein durchaus schlagbarer Gegner bevorsteht. „Ohne Johan das widersprechen zu wollen, ist es vermessen, jetzt irgendwelche Ziele auszugeben“, warnt Westermann, „wir müssen uns weiter von einem Spiel zum nächsten hangeln. Immer mit 100 Prozent – dann werden wir automatisch Punkte holen.“ Das Schönste sei doch, wenn sie als Mannschaft mit ihrem Auftreten bei den Fans Hoffnungen wecken, die nicht von den Spielern selbst formuliert werden. „Im Verein stimmt es im Moment von oben bis unten. Jetzt ist noch wichtig, dass wir als Mannschaft den Funken zu den Fans überspringen lassen. Und das Gefühl hatte ich zuletzt.“

Ich auch. Ich habe sogar das Gefühl, dass der HSVPlus- zusammen mit dem Beiersdorfer- und dem Zinnbauer- sowie dem Was-weiß-ich-noch-Effekt einfach guttut. Es herrscht eine reelle Selbsteinschätzung bei den Spielern. Der Verein gibt keine übermäßigen Ziele vor und warnt, wenn gewarnt werden muss. Dennoch bleiben die Fans nicht nur ruhig – sie sind sogar optimistisch. Oder habt Ihr in Eurem Freundes- und Bekanntenkreis noch annähernd so viele Bedenkenträger wie vor einem oder zwei Jahren? Zur Erinnerung: Da hatte der HSV letzte Serie zum gleichen Zeitpunkt acht Punkte und schon 17 Tore geschossen – nicht wie jetzt sechs Punkte bei drei Treffern. „Aber es heißt nicht umsonst, dass die Defensive Meisterschaften gewinnt“, sagt Matthias Ostrzolek, der Linksverteidiger der Abwehr, die mit erst neun Gegentreffern die sechstbeste Abwehr der Liga stellt. „Dass wir so wenige Chancen zulassen ist tatsächlich der Tatsache geschuldet, dass wir als Team auftreten. Hier macht nicht mehr jeder sein Ding und vielleicht noch was für das Ganze. Hier arbeiten wirklich alle für das große Ganze“, sagt Westermann und bezieht damit auch die Leute mit ein, die gerade nicht spielen. Klingt gut.

Ich habe heute wirklich zweimal Mein band abgehört und geschaut, ob ich irgendeine Aussage Westermanns finde, die zu kritisieren ist. Und ganz ehrlich: Da war nichts. Oder habt ihr irgendwas an dem gesagten auszusetzen?

Nein, bei Westermann hat sich der fatale Trend eingesetzt, dass er zu einer Streitperson wurde, die man nicht mehr neutral sehen darf. Entweder man unterstützt ihn – oder man fordert seine Demission. Wer sich dazwischen bewegt wie meinesgleichen, der bekommt sein Fett weg. Von links oder rechts. Je nachdem. Aber das stört mich nicht.

Und das, obwohl ich selbst nicht frei von Kritik am ehemaligen Kapitän bin. Im Gegenteil. Und so klar für mich ist, dass es für einen Heiko Westermann mit zunehmendem Alter und einem sich qualitativ entwickelnden HSV alles andere als leichter wird (Vertrag läuft aus, Cléber sitzt ihm im Nacken und Jonathan Tah gilt als der Mann der Zukunft), so hoffe ich, dass nach der Mitgliedschaft (Beschluss der Strukturveränderung), dem Vorstand (endlich eine einheitliche Sprache), dem Aufsichtsrat (endlich weniger Sprachmeldungen) sowie der Mannschaft (endlich ein Team) auch die Fans Veränderungen bei sich eine Chance geben. Zumindest in Sachen Meinungsbild/Westermann.

In diesem Sinne, morgen wird um 15 Uhr trainiert. Und dann wird auch Ivo Ilicevic wieder dabei sein, der heute Morgen schon voll mittrainierte und nachmittags plötzlich fehlte. „Das war so abgesprochen, um nichts zu riskieren“, so der Kroate, der sich nach eigener Aussage hervorragend fühlt und unbedingt wieder auf dem Platz stehen will. Ob das schon für eine Kadernominierung gegen Hertha reicht erscheint fraglich. Zumal es wichtig sein könnte, dass Trainer Joe Zinnbauer in der englischen Woche mit dem Pokalspiel gegen Bayern München am kommenden Mittwoch und dem darauf folgenden, spannenden Heimspiel gegen Bayer Leverkusen wieder möglichst viele Spieler fit bekommt. „Ich werde sicher nichts zu früh riskieren“, sagt Ilicevic. Gut so.

Und jetzt: Feuer frei!

Bis morgen.

Scholle

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