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Westermann: “Mein emotionalster Moment”

5. April 2014

Auch am Tag danach waren noch alle begeistert. Wohin man auch hörte, dieser 2:1-Sieg über Leverkusen wurde von den HSV-Fans gebührend und ausgiebig gefeiert: „Das war Fußball vom Feinsten, das war endlich einmal wieder Fußball, auf den wir hier so lange verzichten mussten.“ Das war überall zu hören. Obwohl jeder, das muss betont werden, jeder auch immer gleich sagte: „Noch ist nichts gewonnen, das ist auch klar, noch ist die Abstiegsgefahr nicht gebannt, es wird bis zum Ende kritisch bleiben.“ Auch das stimmt. Natürlich. Trotz allem darf sich jeder HSV-Sympathisant ein paar Tage freuen, weil die Situation mit nun 27 Punkten nicht mehr ganz so hoffnungslos aussieht. Pech hatte Leverkusens Trainer Sami Hyypiä, der nach diesem Fußball-Fest entlassen wurde. Nach einem solchen (guten) Auftritt seiner Mannschaft vor die Tür gesetzt zu werden, auch wenn es natürlich wieder eine weitere Niederlage war, das ist schon sehr, sehr hart, mir tut der Finne leid, das muss ich gestehen. Nach einem 0:4 oder 0:5 gegen den HSV hätte ich Verständnis dafür gehabt, aber so? Doch wie sagte HSV-Sportchef Oliver Kreuzer dazu: „Jeder ist sich selbst der Nächste, so hart ist dieses Geschäft, für uns sind diese drei Punkte lebensnotwendig.“ Wie wahr.

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Und, um das schnell mal einzufügen, so liefen die Spiele vom heutigen Nachmittag:

VfB Stuttgart gegen den SC Freiburg 2:0
1. FC Nürnberg gegen Borussia Mönchengladbach 0:2
Eintracht Frankfurt gegen Mainz 05 2:0
Werder Bremen gegen Schalke 1:1
FC Augsburg gegen Bayern München 1:0

Abgesehen vom Knüller in Augsburg (der vor der Champions League aber nicht ganz so überraschend kommt!) ist es bis jetzt doch ganz gut für den HSV gelaufen – oder was meint Ihr? Ich bin trotz der Tatsache, dass der VfB am HSV (jetzt auf dem Relegationsplatz) wieder vorbeigezogen ist, zufrieden. Alles ist noch drin. Es ist ja doch kein Wunschkonzert. Morgen geht es mit Braunschweig gegen Hannover weiter, das wird vielleicht schon vorentscheidend. Daumen drücken!

Nun wieder zur Leverkusen-Partie:
Es waren bei diesem gestrigen Klasse-Spiel in Hamburg 49 575 Zuschauer im Stadion, sie alle werden nicht nur begeistert nach Hause gegangen sein, sie werden auch wiederkommen. Ganz sicher. Wer bei diesem Event dabei war, der hat so richtig Bock auf Fußball bekommen – wenn er es nicht vorher schon gehabt hat. Alle lagen sich nach diesen dramatischen 94 Minuten lange Zeit in den Armen, das war Jubel ohne Grenzen, aus dem Volkspark ist mit diesem HSV-Auftritt ein Tollhaus gemacht worden, das war Jubel, Trubel, Heiterkeit. Nur einer blieb beim Schlusspfiff von Schiedsrichter Dankert (Rostock) ganz ruhig: Rene Adler. Der HSV-Keeper blickte einige Sekunden lang gen Himmel und schickte (wohl) ein Dankesgebet in Richtung Fußball-Gott. Und das war angebracht. Beim 1:1 des jungen Bayer-Talentes Brandt (58.) hatte der Nationaltorwart, der zuvor viele Weltklasse-Paraden gezeigt hatte, grausam gepatzt. Er ließ einen an sich völlig harmlosen Ball durch die Hände ins Netz rutschen.

«Einen solchen Flatterball hält Rene natürlich sonst sicher», urteilte HSV-Trainer Mirko Slomka und lobte seinen Torwart zugleich: „Mit welcher irren Qualität und welcher Ruhe er danach wieder ins Spiel zurückkam, das spricht für ihn.“ Adler wollte nach dem Spiel nicht groß reden, beim Gang in die Kabine sagte er nur kurz: „Wir müssen jetzt fokussiert bleiben.“ Und auch an diesem Mittag ließ sich der Keeper nichts entlocken. Das große Schweigen. Adler braucht seine Ruhe, und ein Blick zurück könnte sich da nur störend auswirken. Dabei muss festgehalten werden, dass der HSV-Schlussmann nach seinem Patzer noch mehrere Großtaten verrichtete, und damit seinem Team die drei Punkte rettete. Sekunden vor dem Schlusspfiff hielt Adler mit einer Fußabwehr gegen Leverkusens Can den Sieg fest – auch das war eine Super-Aktion.

Der HSV hat nun elf Punkte aus den letzten fünf Heimspielen eingefahren, zu Hause ist Trainer Mirko Slomka mit drei Siegen (Dortmund, Nürnberg, Leverkusen) und zwei Unentschieden (Frankfurt, Freiburg) immer noch ungeschlagen. So kann es ruhig weitergehen. Und von mir aus auch mit noch vielen, vielen solchen Klasse-Tore, wie diese beiden HSV-Treffer gegen die Werks-Elf. Ich habe Heiko Westermann heute nach seinem Traumtor zum 2:1 gefragt, ob es sein wichtigstes und sein schönstes Tor gewesen sei. Und er antwortete gaaaaanz cool, still und zurückhaltend – nur nicht ausflippen und abheben: „Darüber werden wir nach dem 34. Spieltag reden . . .“ Jawollo. Das werden wir. Aber was wir gestern gesehen haben, das hatte schon was. Wobei ich ihn auch fragte, was er kurz vor Schluss als linker Verteidiger auf dem Elfmeterpunkt des Gegners zu suchen hatte. Westermann: „Ich wollte gewinnen.“ Eine etwas andere Formulierung fand Sportchef Oliver Kreuzer: „So etwas passiert im Fußball eben manchmal. Normalerweise sagt man ja, wenn der rechte Verteidiger offensiv ist, dann sollte der linke Verteidiger hinten bleiben, in dem Fall hat der Heiko also alles falsch gemacht – und dennoch richtig.“ Rechtsverteidiger Dennis Diekmeier hatte in dieser 83. Minute geflankt, Linksverteidiger Westermann aus elf Metern volley eingeschossen. Besser geht es nicht.

Dass diese Geschichte eingeübt war, auch am Tag vor dem Spiel, das verriet der Nationalspieler mit einem kleinen Lächeln im Gesicht: „Solche Situationen haben wir schon oft geprobt, nicht nur in dieser Woche, wir haben auch noch vor dem Spiel darüber gesprochen. Und eigentlich, das muss ich zugeben, sollte Dennis woanders hinflanken – aber insgesamt hat er den Ball schon ganz gut getroffen.“ Und Heiko Westermann ja nicht minder gut. Über sein Tor befand er: „Wir brauchten diesen Dreier unbedingt, und ich war vorne, weil wir zuvor eine Standardsituation hatten. Und bei Standards und bei hohen Bällen bin ich schon immer gefährlich gewesen, deswegen habe ich meine Chance da vorne auch gesucht. Wir mussten und wollten alles versuchen, wir brauchten den Sieg – alle hatten einen Puls von 180. Dieses Tor war dann erleichternd, es waren ja auch viele Emotionen im Spiel. Und wenn man dann das Siegtor schießt, ist das natürlich ein schönes Gefühl “ Und dazu, dass dieser Ball ja nicht unbedingt leicht zu nehmen gewesen ist, sagte Westermann: „Der Wille war da, und es hat geklappt.“ Mit diesem Volleyschuss, mit dem Traumtreffer. Dass sich Rene Adler bei ihm später bedankte, das war keine Einmaligkeit, denn Westermann sagt: „Ich habe mich auch bei Rene bedankt, dass er uns mit der Klasse-Parade zum Schluss gegen Can den Sieg gerettet hat. Und er hatte uns auch zuvor schon durch seine großartigen Paraden im Spiel gehalten.“ So waren sie dann am Ende alle restlos zufrieden. „Wir sind zu Hause sehr stark geworden, das ist auch enorm wichtig in den nächsten Wochen, und dann sollten wir jetzt auch mal auswärts punkten – und dann, so glaube ich, müssen wir nicht mehr bis zum letzten Spieltag zittern.“ Hoffentlich.

Kurz-Kommentar von HSV-Trainer Slomka: „Dieser Sieg tut nicht nur uns gut, sondern auch der ganzen Stadt, allen Fans. Und für den Heiko freut es mich ganz besonders.“ Stimmt auch. Nach dem Spiel hörte ich im Nord-Osten einige Fans singen: „Westermann ist unser bester Mann.“ Das klang in meinen Ohren wie eine Art Versöhnung. Heiko Westermann jedenfalls hat es wohl so empfunden, denn er sagte heute: „Das war einer der emotionalsten Momente, nein, es war wohl sogar mein emotionalster Moment bisher in Hamburg, den ich bisher hatte. Ich denke, die Erleichterung war riesig, nicht nur bei mir, sondern auch bei allen anderen.“

Folgt nun aber auch Westermanns beste Hamburger Zeit, wird das Verhältnis zu den oft überkritischen Fans nun besser – wird nun alles gut? Er sagt nach kurzer Überlegung: „Das ist doch im normalen Leben auch so. Wenn man daran arbeitet, bekommt man auch immer etwas zurück. Unabhängig von mir und meiner Situation. Ich habe mich hier in den letzten Jahren nie versteckt, habe immer meinen Mann gestanden – ich denke deshalb, dass sich das irgendwann auch auszahlen wird.“ Ich drücke dabei die Daumen. Und ziehe auch noch ganz kurz den Hut davor, wie profihaft Heiko Westermann die letzten Jahre hier in Hamburg gemeistert hat – ich hätte wohl schon lange Schlappohren bekommen, hätte sich eingerollt und mich getrollt. Er aber blieb eisern. Kompliment.

Lob gab es für ihn auch vom Sportchef. „Heiko ist ein sehr, sehr wichtiger Spieler für diese Mannschaft. Es ist schon so, dass er gelegentlich belächelt wird, oder auch sehr kritisch gesehen, aber wir sind froh, dass wir ihn haben. Er ist vielseitig einsetzbar, er kann hinten rechts und hinten links spielen, und er kann auch in der Mitte spielen – man tut ihm da oft Unrecht. Und gerade wenn ihm dann ein solches Tor gelingt, dann ist es natürlich perfekt“, sagte Oliver Kreuzer. Perfekt für ihn und den HSV – und für die Fans.

Was noch für Westermann spricht, das verriet Mirko Slomka: „Heiko hatte zur Halbzeit schon Probleme, er war angeschlagen, wir haben auch schon über einen Wechsel nachgedacht, aber er hat sich dann durchgebissen – und es hat sich gelohnt.“ Angeschlagen waren gleich mehrere. Neben anderen auch Rafael van der Vaart, der sich in Halbzeit eins einen dreifachen Pferdekuss eingefangen hatte. Dass der Kapitän doch noch einmal zum zweiten Durchgang auf den Rasen lief, das überraschte mich – und das spricht auch für seinen Einsatzwillen. Als er in der 67. Minute ausgewechselt werden musste, humpelte er in Richtung Kabine, sodass so mancher Sorgenfalten auf die Stirn bekam: „Was wir mit van der Vaart bis zum Spiel am Sonnabend in Hannover?“ Er selbst gab heute schon mal eine kleine Teil-Entwarnung: „Ich glaube, dass ist nicht so schlimm, ich werde wohl spielen können.“ Das klingt doch gut. Im Gegensatz zu Milan Badelj, denn der hatte sich bei einem Schlenz-Versuch eine muskuläre Sache im Oberschenkel zugezogen. Sportchef Oliver Kreuzer: „Das könnte durchaus ein Muskelfaserriss sein.“ Und das dürfte dann dauern. Besser sah es da heute schon mit Jacques Zoua aus, der ohne zu humpeln in sein Auto stieg. Der Kameruner wird wohl auch in Hannover dabei sein können. Wobei ja auch eventuell schon wieder mit Pierre-Michel Lasogga zu rechnen sein könnte. Der Torjäger lief heute gemeinsam mit Ivo Ilicevic und Reha-Coach Markus Günter durch den Volkspark (begleitet von Petr Jiraceck) – und das sah schon wieder recht kräftig aus. Ich jedenfalls habe keine Einschränkung bei seinem Lauf gesehen.

Zum Schluss, gegen Ende der packenden Partie am Freitag, waren etliche HSV-Spieler mit ihren Kräften kurz vor dem Ende, da wurde schon kräftig nach Luft geschnappt – und die lädierten Muskeln und Glieder massiert und wieder gerichtet. So hatte sich Heiko Westermann bei einem „mörderischen“ Pressschlag einen dicken Fuß geholt. Tags darauf konnte er schon wieder lächeln – und scherzen: „Zum Glück habe ich noch robuste Fußballstiefel an, die haben einiges abgefangen, wenn ich solche dünnen Schühchen wie Hakan Calhanoglu tragen würde, die nichts abfangen, dann wäre mein Fuß jetzt wohl ab.“ So ist der Fuß zurzeit nur schillernd blau-gelb-schwarz. Mein Rat: „Immer schön hart auftreten, unten wohnt keiner . . .“ Soll helfen. Übrigens hatte sich kurz vor Spielende auch noch Petr Jiracek an die Wade gefasst, dabei zur Trainerbank blickend, eigentlich wäre auch er wohl ausgewechselt worden, aber dieses Kontingent war da bereits erschöpft.

„Jetzt müssen wir uns bestens auf unser Auswärtsspiel gegen Hannover 96 vorbereiten. Und irgendwann wird auch auswärts bei uns der Knoten platzen“, sagt Oliver Kreuzer und ergänzt mit einem kleinen Scherz: „Für Mirko Slomka ist es ja ein Heimspiel. Und einige meinen ja, dass Mirko nur Heimspiele kann, jetzt hat er eines – das passt schon.“

So denkt offenbar auch Hakan Calhanoglu, der für die meisten Beobachter in der Arena wieder der beste Spieler des HSV gewesen ist. „Wir freuen uns auf das Spiel in Hannover, wir haben jetzt sehr viel und neues Selbstvertrauen getankt, wir können da mit breiter Brust dorthin fahren.“ Das gilt vor allem auch für ihn selbst. Er schoss nun schon sein neuntes Saisontor – sein Saisonziel hatte er hoch gesteckt, es sollten zehn werden. Er hat es fast schon erreicht. Weil es läuft. Er über sich: „Ich freue mich, dass es sportlich jetzt so gut für mich läuft, ich hoffe, dass es auch so weitergeht. Ich bin noch sehr jung, ich will noch mehr zeigen, das ist für meine Zukunft wichtig – ich will noch mehr erreichen.“

Mit dem HSV? Das hoffen wir mal ganz stark. Beim HSV will er in der nächsten Saison auf jeden Fall die Rückennummer zehn tragen. Das ist sein großer Wunsch. Und erklärt auch, warum das so ist: „Schon als kleiner Junge wollte ich stets die Zehn, wenn ich die auf dem Rücken trage, dann ist das ein geiles Gefühl, und es vermittelt mir auch das Gefühl, dass ich dann ein großer Spieler bin. Mich würde die Zehn auf jeden Fall beflügeln.“ Er kennt einen Wechsel der Rückennummer nämlich schon. Vom KSC. In Karlsruhe begann er einst mit der 32 auf dem Trikot – und der KSC stieg ab. Dann bekam er die Zehn – und schoss nicht nur 17 Tore (!), sondern legte auch noch für 15 Treffer auf. Deswegen sagt Oliver Kreuzer auch: „Von mir aus kann er die Zehn haben, ich habe nichts dagegen.“ Gebongt. Der HSV müsste bei einer solchen Traum-Bilanz doch mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn er „Hacki“, wie ihn meinen Kollegen nennen, nicht die Zehn geben würde. Nur in dieser Saison wird das noch nichts. Leider.

PS: Morgen findet kein HSV-Training statt, um 13 Uhr kämpft aber die A-Jugend-Bundesliga im Spiel gegen Osnabrück gegen den Abstieg – mit Jonathan Tah im Team. Gespielt wird auf der Anlage Wolfgang-Meyer-Platz.

PSPS: . . . und Felix Magath kann doch noch gewinnen! Mit Fulham gab es einen 2:1-Auswärtssieg bei Aston Villa. Glückwunsch.

17.39 Uhr

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