Archiv für das Tag 'HSV'

Alle hoffen – und Gernandt spricht Klartext

29. März 2015

Das war doch mal wieder ein schöner Tag, den die über 32 000 Zuschauer da im Volkspark erlebt haben. Freude pur – und zwar überall. Und ich habe so viele Fans und Autogrammjäger nach dem Spiel gesehen, wie schon seit Jahren nicht mehr. Die „alten Herren“ ziehen eben immer noch. Und die „guten, alten Zeiten“ waren an diesem Nachmittag allgegenwärtig. Auf den Tribünen und auch in den Kabinen. Gemeinsam mit meinen Kollegen haben wir festgestellt, dass es nicht nur schöne Zeiten waren, die wir mit diesen „Jungs“ erlebt haben, sondern dass diese Herren auch fast alle das Herz an der rechten Stellen haben, dass sie immer noch voll in diese Welt passen, dass fast ein jeder absolut in Ordnung ist, geblieben ist. Und dass die ehemaligen HSV-Profis nicht nur über ihre tollen Zeiten in Hamburg sprechen, sondern dass sich ein jeder auch große Sorgen um den Ex-Club macht. Dass der HSV mit 5:7 gegen die tschechische Auswahl verlor, war an diesem Tag total nebensächlich, es war rundherum ein gelungenes Fest, in deren Mittelpunkt David Jarolim stand, der zur Recht lautstark und lange gefeiert wurde – er hat es sich verdient.

 

Nach dem Abschiedsspiel befand „Jaro“ zur aktuellen Situation seines HSV: „Die Jungs werden, davon bin ich absolut überzeugt, alles geben. Das sind alles Profis, sie werden es schaffen – und ich werde in den letzten Spielen dabei sein und ihnen die Daumen drücken.“

 

Das sagt Jarolim. Ihn haben die Fans sofort wiedererkannt, natürlich. Bei einem ehemaligen Kollegen hatten sie aber allergrößte Schwierigkeiten – wie ich gestern bereits schrieb. Tomas Ujfalusi, einst schlank und mit langen Harren, trat absolut gegenteilig auf. Und er gab zu: „95 Prozent der Leute hier haben mich nicht wiedererkannt. Ich habe mir vor zwei Tagen eine Glatze schneiden lassen. Ich wollte das schon lange Zeit. Ich habe nun Jahrzehnte lange Haare gehabt, jetzt wollte ich mal etwas anderes machen. Aber ich werden mir nun wohl einen neuen Pass machen lassen müssen, sonst werde ich es schwer haben, in andere Länder zu reisen.“

 

Über die schwere Lage seines ehemaligen Vereins befand der Tscheche: „Die Jungs schaffen das. Ansonsten wäre es sehr schade. Auch für mich. Für alle. Der HSV ist doch als einziger Club von Anfang an dabei und noch nie abgestiegen. Die müssen etwas ändern, so darf es nicht weitergehen. Der HSV ist doch ein Club, der eigentlich immer unter den besten fünf Vereinen der Bundesliga stehen müsste. Aber das braucht jetzt sicher einige Zeit. Nur absteigen darf der HSV nicht. Obwohl der HSV heute auch verloren hat . . .“

 

Mit ihm. Er hatte doch eine Halbzeit für den HSV, eine Halbzeit für das Dream-Team ge-spielt: „Ich habe einen Punkt geholt, denn zur Pause stand es immerhin 3:3“, sagt Ujfa-lusi scherzend. Er war einst Kapitän des HSV, daran erinnert er sich. Trainer Klaus Toppmöller hatte ihn dazu gemacht. Und der frühere tschechische Nationalspieler erinnert sich: „Ich war 14 Tage Kapitän, das stimmt, aber ohne gespielt zu haben, weil ich verletzt war.“ Und als er wieder fit war, wechselte er nach Italien . . . Und Daniel van Buyten wurde sein Nachfolger als HSV-Spielführer.

 

Erstaunlich, wie gut Ujfalusi immer noch Deutsch spricht. Wie geht das? Er erklärt: „Ich lese viele deutsche Zeitungen und Illustrierten. Ich will diese Sprache weiter beherrschen, sonst waren die dreieinhalb Jahre in Hamburg doch umsonst.“

 

Er lebt jetzt in Prag und wird dem Fußball nun als Spielerberater erhalten bleiben: „Ich will meine Kontakte nutzen, die ich zu vielen Ligen habe.“ Das wird er sicherlich auch so großartig tun, wie er einst als Profi auf dem Platz gewirkt hat. Ihn wiederzutreffen, war ein echtes Erlebnis, absolutes ein Highlight.

 

Das galt auch für Mladen Petric. Der Schweizer zur Lage des HSV und wie die Spieler nun reagieren sollten: „Nicht verzweifeln, trotz allem selbstbewusst auftreten und an sich selbst glauben.“ Petric wurde hier ebenfalls lautstark gefeiert, und er sagte über sich und Hamburg: „Ich hatte hier eine überragende Zeit, die Zeit beim HSV gehört zu den schönsten in meiner Karriere. Dass die Fans mich gefeiert haben, war ein sehr schönes und emotionales Gefühl, ich habe das sehr genossen. Das war ganz einfach fantastisch. Unwahrscheinlich schön, so etwas zu erleben, dass zu spüren, dass die Fans mich so sehr ins Herz geschlossen haben. Und es freut mich auch, dass die Zuschauer heute ihren Spaß hatten.“

 

Dann fügte er noch hinzu: „Ich habe das letzte Spiel gegen Hertha gesehen, das war schwierig, da hätte der HSV wenigstens einen Punkt holen müssen. Das Gute aber an der jetzigen Situation ist, dass sie es noch selbst in der Hand haben.“ Woran liegt es seiner Meinung nach, dass der HSV solche Schwierigkeiten hat? Petric: „Es liegt nicht daran, dass die Stürmer in jedem Spiel drei, vier Hundertprozentige versieben. So weit kommt der HSV ja meistens gar nicht.“

 

Dennoch ist er optimistisch: „Ich hoffe, dass der HSV, der ja schon die letzten beiden Jahre immer im Abstiegskampf war, so viel Erfahrung dabei gesammelt hat, dass er davon nun profitieren kann. Die Situation ist sicher nicht leicht, ich glaube noch an ein gutes Ende.“

 

Dass in seinem Herzen noch immer eine kleine Raute steckt, dass verriet er dann, als er sagte: „Ich verfolge den HSV aus der Ferne ausführlich, sehe mir fast alle Spiele an. Die Lage mit dem neuen Trainer kann ich nicht beurteilen, aber Didi Beiersdorfer wird schon das Richtige machen, davon bin ich überzeugt, obwohl es schwierig für ihn ist. Er hat ja aber schon so viele gute Dinge für den HSV gemacht – und ich hoffe, dass noch alles gut wird.“
 

Mladen Petric machte an diesem Sonnabend einen rundherum zufriedenen Eindruck. Ihm geht es in Athen sehr gut, er hat mit Panathinaikos viel Erfolg, steht mit dem Traditions-Club zurzeit an zweiter Stelle: „Ich fühle mich dort super, ich bin glücklich, es läuft wunderbar – es stimmt alles, wahrscheinlich werde ich noch ein Jahr verlängern.“ Er stürmt gemeinsam mit Marcus Berg, den der HSV einst für zwölf Millionen (und mehr) gekauft hatte, dann nach Athen verschenkte! Petric: „Ich spiele hinter Marcus Berg, ich setze ihn mit meinen Vorlagen ein – wir verstehen uns prächtig. Er hat mittlerweile neues Selbstvertrauen, schießt viele Tore, es funktioniert gut mit uns.“

 

Zu Mladen Petric sagte mir der frühere HSV-Torwart Horst Schnoor (Meister-Keeper von 1960) nach dem Spiel etwas ganz Interessantes: „So einen, wie den Mladen Petric, den haben wir heute nicht in der Mannschaft. Wenn ich könnte, würde ich den sofort zurückholen. Und dazu den langen Jan Koller, der hat ja auch unfassbar gut gespielt – mit seinen mittlerweile 42 Jahren. Unfassbar.“

 

In diese Kategorie fiel wohl auch der Einsatz von Martin Groth, der auf der Rückreise von Sylt nach Hannover (mit seiner Familie) nur mal vorbeigucken wollte, und dann mitspielen durfte, musste: „Ich hatte dann schon Vorfreude gehabt, und es war nett, alte Gesichter wieder zu sehen. Obwohl ich nur gegen David Jarolim gespielt habe damals, nie miteinander.“ Natürlich verfolgt Groth den HSV noch aus der Ferne, und er sagt: „Ich verfolge den Club natürlich noch mit dem größten Interesse, ich hatte ja eine tolle Zeit hier. Und ich hoffe, dass das nicht eintritt, dass jetzt schon viele Leute wieder befürchten . . .“
Wir hoffen mit.

 

Der Rostocker Stefan „Paule“ Beinlich befand nach dem Spiel: „Es war wie ein Klassentreffen, das ist wunderschön, macht einfach nur Spaß. Nicht nur miteinander zu spielen, sondern auch zu klönen – wir waren ja, logisch, die Besten, das ist doch klar.“

 

Das dachte wohl auch Thomas Doll, der von den Fans großartig aufgenommen und begrüßt worden war. Der Trainer von Ferencvaros Bu-dapest sagte: „Es ist immer wieder großartig, in dieses tolle Stadion einzulaufen, das ist schon beeindruckend, einfach nur großartig. Super, die Spieler von früher zu treffen – und man trifft sich natürlich immer wieder gerne.“ Und wie denkt er über den HSV 2015? Das wurde er von unserem Matz-ab-Kollegen Lars Pegelow, der heute einen sehr guten Eindruck im „Doppelpass“ von Sport1 hinterließ, gefragt. Und Doll tat sich zunächst schwer: „Jetzt gebe ich meinen Senf auch noch dazu, okay: Sie werden in der HSV-Führung schon wissen, was sie machen. Peter Knäbel war ja eng an der Mannschaft dran, bekommt mit Peter Hermann eine sehr guten, einen absoluten Top-Mann an seine Seite. Trotz allem wird es schwierig, in den letzten acht Spielen noch etwas zu bewegen – aber sie werden schon wissen was sie machen.“

 

Dass an diesem Wochenende vier Spieler, nämlich Rafael van der Vaart, Marcell Jansen, Ivo Ilicevic und Gojko Kacar erfuhren, dass sie am Saisonende den HSV verlassen müssen, rückte Doll ins rechte Licht: „Für die Jungs ist es bitter, natürlich, aber sie werden alles geben, werden sich reinhauen, sie wollen auch nicht als die Spieler in die HSV-Geschichte eingehen, die als erste mit dem Club abgestiegen sind. Das ist der größte Ansporn für sie, ganz sicher.“

 

Zur Trennung von den vier „Altinternationalen“ äußerte sich auch Club-Chef Dietmar Beiersdorfer: „Wir haben mit Rafael und Marcell gesprochen, die Situation ist bei beiden fast identisch, sie können sich vorstellen, noch einmal ins Ausland zu gehen. Und es gibt im Fußball ja immer mal einen Zyklus, wo es gut zusammenpasst . . . Wir haben hier nun aber viele neue Dinge angestoßen, da gehört es für uns dazu, der Mannschaft ein neues Gesicht zu geben. Das wird nun geschehen, und wir glauben, dass wir das richtig gemacht haben.“

 

Mit Slobodan Rajkovic und Heiko Westermann sprachen Beiersdorfer und Peter Knäbel ebenfalls. Beiersdorfer: „Wir haben uns vertagt, weil es bei ihnen fehlende Planungssicherheit gibt. Erste Liga, zweite Liga? Das ist ja nicht geklärt. Deswegen können wir jetzt keine Entscheidungen treffen, das haben wir ihnen erklärt. Natürlich wir nehmen wir damit in Kauf, dass sie wechseln, sollten sie andere Angebote von anderen Vereinen haben. Dass sie dann auch wechseln, das ist dann ihre Sache, und ansonsten werden wir uns am Ende der Saison wieder zusammensetzen. Anders geht es für uns im Moment nicht.“

 

Dann gab „Didi“ Beiersdorfer auch noch zu: „Nach Hertha waren wir down, das ist doch klar, ist nicht einfach, einen Trainer freizustellen – bei dieser prekären Situation. Wir sind aber überzeugt, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Peter Knäbel ist sehr klar in seiner Ansprache, er vereinfacht einige Situationen, denn am Schluss ist Fußball doch nicht so kompliziert, wie er oft dargestellt wird.“
Hoffen wir das Beste.

 

Zu diesem Thema hat sich an diesem Wochenende dann auch Aufsichtsrats-Chef Karl Gernandt geäußert. Im NDR-Sportclub live sagte die „rechte Hand“ von HSV-Investor Klaus-Michael Kühne einige Dinge, die in der Freizügigkeit doch etwas überraschten. Zum Beispiel dies: „Wir wussten, dass es ein schwieriger Weg wird. Aber dass wir jetzt in einer wirklichen Existenzfrage stecken, haben wir uns überhaupt nicht vorstellen können. Das ist worst case, was wir hier zurzeit erleben.” Mit dem Trainerwechsel von Joe Zinnbauer zu Peter Knäbel soll nun der Abstieg verhindert werden. Gelingt dies, hat der HSV bereits die große Lösung parat: Die Option mit Thomas Tuchel als neuer Coach sei „sehr, sehr intensiv und detailliert durchdekliniert”, sagte Gernandt.

 

Der frühere Mainzer Trainer Thomas Tuchel steht beim HSV also tatsächlich hoch im Kurs. Karl Gernandt spricht im exklusiven Sportclub-Interview über die aktuellen Sorgen und Wünsche beim Bundesliga-Drittletzte: „Wir versuchen einen Trainer zu finden, der für einen langfristigen und sehr soliden Aufschwung steht. Wir wollen den HSV da hinbringen, dass sich Menschen innerhalb des HSV weiterentwickeln und nicht von außen kommen.” Der HSV sei bereit, „ein Konzept mit Tuchel zu gehen” – und hat mit den angekündigten Trennungen von Rafael van der Vaart, Marcell Jansen, Ivo Ilicevic uns Gojko Kacar bereits erste Weichen für die Zukunft gestellt. „Am Ende entscheidet Herr Tuchel, was er macht”, erklärte der 54-Jährige. Der Wunschcoach würde den HSV allerdings wohl nur in der Bundesliga betreuen. „Zweite Liga? Das ist schwer vorstellbar”, sagte Tuchel in der „Zeit”.
 

Dass Tuchel viel Geld kosten würde, ist der HSV-Führung klar. Doch die Mittel und die Bereitschaft, dieses Geld auch auszugeben, scheint beim HSV vorhanden zu sein. „Thomas Tuchel kostet viel Geld. Ob er teuer ist, muss man rausarbeiten. Wenn er es wert ist, ist er nicht teuer”, sagte Gernandt. Im Gegensatz zur sportlichen Misere fühlen sich die Verantwortlichen wirtschaftlich gut aufgestellt: „Die Sponsoren zeichne eine große Vereinstreue aus“, betonte Gernandt. Klaus-Michael Kühne, Alexander Otto und ein dritter Investor, der nicht genannt werden will, seien bereit, „ordentliche Beträge” auf den Tisch zu legen – und das, ohne Gegenleistungen dafür zu verlangen. „Von der finanziellen Seite her bin ich zufrieden mit dem, was wir in den vergangenen neun Monaten hinbekommen haben”, erklärte Gernandt: „Das passt alles. Das einzige, was nicht passt, ist unser Tabellenplatz.”
 

Acht Spiele hat Interimstrainer Knäbel nun noch Zeit, den ersten Bundesliga-Abstieg der Vereinsgeschichte zu verhindern, darunter die schweren Partien in Leverkusen, gegen Wolfsburg und das Nordderby in Bremen. „Wenn Peter Knäbel derjenige ist, der die Uhr im Stadion abstellt, wird sein Gesicht mit einer solchen Niederlage zusammengebracht. Es wird dann schwer, wieder positive Strahlkraft rauszuholen”, weiß Gernandt um das Risiko: „Auf der anderen Seite weiß jeder, dass er den Job für acht Spiele hat und er jemand ist, der vom ersten Tag an funktioniert. Wir haben kein Problem, was das Trainingskonzept angeht, wir müssen die Mannschaft erreichen.” Der Aufsichtsratschef hofft inständig, dass alle Spieler mitziehen. „Es ist 30 Sekunden vor zwölf. Wir müssen mit Sicherheit noch mehr als sechs Punkte holen, ansonsten weiß ich nicht, wie wir uns retten sollen. Wir haben schwierige Spiele vor uns.” Und wenn der Tag X am Ende doch kommt? „Dann muss man in die Hände spucken und verdammt hart weiterarbeiten”, so Gernandt.
 

Bei NDR-Moderator Alexander Bommes ist am heutigen Sonntag auch noch Dietmar Beiersdorfer zu Gast, die Sendung im Dritten beginnt um 22.30 Uhr.

 

PS: Heute war trainingsfrei, morgen ist ebenfalls kein Training im Volkspark angesetzt.

 

PSPS: Ich danke Lars Pegelow für die tolle Zusammenarbeit, das hat ganz fein gepasst – trotz des Doppelpasses.

 

18.37 Uhr

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