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Aogo fällt aus – und Arnesen ist wieder da

8. März 2012

Oha, das ging schneller als ich dachte. Eigentlich sollt sich der Einsatz von Dennis Aogo erst in den letzten Trainingseinheiten entscheiden. Aber als ich heute zur Pressekonferenz über den Parkplatz vor der Imtech-Arena schlenderte, kam mir Dennis Aogo in seinem Wagen entgegen. Er hielt kurz an und ich fragte, wie es mit seiner Wade aussehen würde. „Gar nicht gut“, so die niedergeschlagene Antwort des Linksfußes, „ich werde am Wochenende wohl nicht dabei sein.“ Eine Einschätzung, die HSV-Trainer Thorsten Fink nur wenig später konkretisierte. „Tomas Rincon hat mit Wadenproblemen gefehlt, soll aber morgen wieder dabei sein. Das wird bei Dennis leider nicht gehen. Dennis wird am Sonntag nicht dabei sein.“

Es drohen nach den Sperren für Jarolim (5. Gelbe) und Paolo Guerrero (acht Wochen) zwei weitere Ausfälle, die dem HSV sehr weh tun würden. Immerhin hatte Fink zuletzt den Versuch mit Marcell Jansen als Linksverteidiger als gescheitert bezeichnet. Heute revidierte er seine Worte: „Marcell ist ein gelernter Linksverteidiger. Das am Sonnabend war nicht gut. Ich glaube aber, dass er es am besten kann.“ Soll heißen: Gegen Schalke spielt Jansen links. Ob auch sonst die gegen den VfB so löchrige Viererkette bleibt?

Es sieht so aus.

Allerdings weniger, weil Fink davon überzeugt ist, als weil sich aus der zweiten (und teilweise dritten) Reihe wirklich niemand aufdrängt. Gestern beim Spiel gegen Victoria hatte ich jedenfalls den Eindruck, als wolle Jeffrey Bruma sich nicht wirklich empfehlen. Als einziger mit dieser neumodernen Schal-Halskrause (tragen zumeist die Keeper) auf dem Platz unterwegs, wirkte der Niederländer nicht wirklich motiviert. Er hielt sich bei Zweikämpfen zurück und ließ im Verbund mit Michael Mancienne in der Innenverteidigung dem Oberligisten eine Fülle von Chancen zu. Wobei man bei Mancienne, der am Ball unsicher wirkte, noch sagen kann, dass er zumindest alles versucht hat. Auch wenn es nicht gut war. „Das Spiel war sehr gut für mich“, gab sich Fink zunächst geheimnisvoll, „es hat mir einige wichtige Aufschlüsse geliefert.“

Welche genau? Na klar, zum einen den, dass Heiko Westermann auf der linken Seite in der Viererkette nichts zu suchen hat. Nicht, dass Westermann („Das habe ich bei Schalke 40- oder 50-mal spielen müssen“) das nicht könnte – er spielt das sicher solide. Nein, Fink musste erkennen, dass die Innenverteidigung nicht auf ihren Abwehrchef verzichten kann. Zu schlecht waren die Darbietungen des niederländisch/englischen Duos. „Ich wollte ja eh nicht allzu viel verändern“, versuchte Fink heute die Entscheidung nicht als gegen Bruma/Mancienne sondern für Westermann/Rajkovic zu umschreiben, „und ich musste erkennen, dass Heiko im Zentrum zu wichtig ist, als dass ich ihn außen spielen lasse. Das wird definitiv nicht passieren.“

Obwohl es sicher noch nicht komplett sicher ist, dass Rajkovic nach seinem Blackout-Spiel gegen Stuttgart wieder in die Innenverteidigung rückt. Fink hatte angekündigt, den Serben im Training ganz genau beobachten zu wollen. Er wollte zunächst abwarten, wie Slobodan Rajkovic das Katastrophenspiel verkraftet. „Slobodan hat gut trainiert. Nach seiner Roten Karte damals war er schlechter drauf.“ Fink stellt auf – nach dem Ausschlussverfahren…

Na gut, das muss noch lange nichts bedeuten. Im Gegenteil. Manchmal entwicklet sich aus der Notsituation etwas Positives. Allerdings ist es sicher alles andere als optimal vor einem schweren Auswärtsspiel wie dem beim FC Schalke. Wobei ich mir fast genauso große Sorgen um unser Mittelfeld mache. Ohne Jarolim und jetzt auch noch ohne Rincon? Dass Kacar kommt, war klar. Aber wer ersetzt im Falle seines Ausfalles Rincon? Robert Tesche? Das wäre ein wirklich hohes Risiko. Ein zu hohes, wie ich glaube. Allerdings gilt das auch für die Alternativen. Denn die beinhalten entweder eine Umstellung oder eine Premiere. So könnte Fink auch Jacopo Sala auf die Sechs ziehen. Dann hätte er zwar einen laufstarken, technisch guten Spieler mehr in der Zentrale – allerdings ohne diesen bislang in der Bundesliga dort spielen gesehen zu haben. Nur gut, dass Fink selbst heute noch sehr optimistisch formulierte: „Bei Tomas ist es eher nicht so ernst.“

Ernst hätte es in London werden können. Dort weilte Sportchef Frank Arnesen, um sich einen Überblick über personelle Möglichkeiten bei seinem Ex-Klub FC Chelsea zu machen. Er sprach mit dem FC-Präsidenten und dem Sportdirektor – auch über die Zukunft von Jeffrey Bruma. Ich habe Arnesen eben im Auto auf dem Weg zum Flughafen erreicht. Und er schien zufrieden mit den Gesprächen zu sein. „Wir haben über Jeffs Entwicklung bei uns gesprochen und Chelsea ist sehr zufrieden mit dem, was wir machen. Sie finden es gut, konnten aber natürlich noch keine konkrete Entscheidung treffen.“ Natürlich deshalb, weil der Abramowitsch-Klub seinen Trainer Andre Villas-Boas (für angeblich rund 14 Millionen Euro Abfindung!!) entlassen hat und bislang noch keinen neuen Trainer präsentieren konnte. „Von dieser Entscheidung hängt natürlich auch einiges ab“, erklärt Arnesen, „er muss sich entscheiden, mit wem er arbeiten will.“ Allerdings dürfte Jeffreys aktuelle Form dem HSV in die Karten spielen…

Zudem nutzte Arnesen den Trip, um mögliche interessante Leihgeschäfte auszuloten. So sprach er auch über Romelu Lukaku, der beim HSV seit Jahren auf dem Wunschzettel steht, bei Chelsea bislang nicht über Einwechslungen hinauskam, aber trotzdem über einen Marktwert von 15 Millionen Euro verfügt. „Wir haben über ihn gesprochen“, gibt sich Arnesen betont vorsichtig, „aber bei ihm wird es ganz sicher keine Entscheidung über seine Zukunft geben, bevor nicht der neue Trainer da ist.“ Und auch der zweite Name, den wir hier im Blog zuerst ins Gespräch gebracht hatten, wurde von Arnesen bestätigt. Tomas Kalas, der tschechische Innenverteidiger, der momentan vom FC Chelsea an Vitesse Arnheim verliehen ist, gilt als einer der Lieblingsspieler vom HSV-Sportchef. „Wir haben damals sehr viel Potenzial in ihm gesehen“, erzählt Arnesen, dessen Sohn Sebastian den heute 18-Jährigen einst für Chelsea gescoutet hatte. „Tomas steht auf unserer Liste, ist aber auch erst 18 Jahre alt. Wir verfolgen seinen Weg. Er hat viel Talent und ist ein Spieler mit einer sehr guten Zukunft. Aber im Moment haben wir vier gute Verteidiger.“

Heute Abend kehrt Arnesen aus London zurück. Etliche Gespräche im Rücken und einige neue Eindrücke im Gepäck. Und obwohl er (zumindest offiziell) noch nichts zu vermelden hat, so ist er „sehr, sehr positiv“, wie er selbst sagt. Und das gelte auch für das Spiel auf Schalke. Arnesen glaubt an eine Reaktion der Mannschaft. Ebenso wie es der heute ungewohnt wortkarge Heiko Westermann sieht: „Wir haben das Debakel gegen Stuttgart abgearbeitet. Jetzt müssen wir eine Reaktion zeigen. Wir haben uns die Suppe selbst eingebrockt – jetzt müssen wir auch wieder aufstehen.“

Punkt. Mehr wollte Westermann eigentlich gar nicht erzählen. „Nach einem 0:4 zu Hause gibt es auch nicht mehr viel zu erzählen. Stattdessen würde ich lieber jetzt als gleich das 0:4 wieder gutmachen.“ Ausgerechnet bei dem Klub, von dem Westermann zum HSV wechselte. „Es ist schon ein anderes Spiel als sonst“, erzählt Westermann, der noch immer Freunde beim FC hat. „Ich habe noch guten Kontakt zu Benedikt Höwedes“, sagt Westermann, „ich hatte dort eine schöne Zeit.“ Als Linksverteidiger? „Auch. Auf links, auf rechts, in der Mitte – und im Mittelfeld“, scherzt Westermann leicht gequält. Dem HSV-Kapitän war anzumerken, dass ihm noch lange nicht nach Scherzen zumute ist.

Und das ist auch gut so. Denn in den nächsten Wochen, mit Schalke, danach dem Heimspiel gegen den SC Freiburg sowie den beiden Auswärtsspielen in Folge gegen Wolfsburg und Kaiserslautern stehen schwere, richtungweisende Spiele an. In den vier Partien kann sich der HSV ebenso nach unten hin komplett absichern wie wieder mitten in den Abstiegskampf geraten.

Schon deshalb verstehe ich, dass Heiko Westermann nicht nach Scherzen zumute ist. In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 15 Uhr an der Arena trainiert.

Scholle

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