Archiv für das Tag 'Hoffmann'

Es geht los: Die Woche der Wahrheit

12. Januar 2014

Mann oh Mann, so ein schönes Wetter und dann doch wieder nicht besonders viel Gutes zu schreiben. Wie auch? Geht ja um den aktuellen HSV. Und der hat gerade den GAU im Angriff erlebt. Rudnevs verliehen und keine Kohle für einen Ersatz. Sagte zumindest der Vorstand der auf eine schwarze Null in der Bilanz aus ist. Zuletzt hatte man Transfers für den Winter ohne vorausgehende Verkäufe ausgeschlossen. Das bestätigte Kreuzer heute gegenüber „Sky News“ noch mal: „Eigentlich ist das so, dass wir normalerweise keine Transfers angestrebt haben in der Winterpause.“

Das dürfte sich aber spätestens durch die schlimme Verletzung von Maxi Beister (Maxi, auch auf diesem Wege noch mal Gute Besserung!!!) geändert haben. Denn nachdem auch Lasogga mit Knieproblemen ausgefallen war, stand Trainer Bert van Marwijk schon im Test gegen Vitesse Arnheim (0:0) plötzlich nur noch Jacques Zoua zur Verfügung. Das wiederum ist ein GAU – und es sind nur noch zwei Wochen bis zum Liga-Rückrundenauftakt gegen Schalke. „Wir tun gut daran, da in der Offensive noch mal zu handeln“, sagt Kreuzer und erhält moralisch Unterstützung von Hamburgs Sturmlegende Uwe Seeler: „Natürlich ist der erste Gedanke der, dass man einen Neuen holen muss“, so Seeler, „aber ich werde meinem verein nie dazu raten, jetzt einfach einen zu holen, um einen Neuen zu haben. Aktionismus bringt da nichts. Im Gegenteil. Sollte nichts gehen, muss der Verein auch mal das Vertrauen haben und in seinen Nachwuchs zu setzen. Wozu spielen denn unsere Regionalligaspieler bei uns? Die sind doch alle mal geholt worden, weil man ihnen den Schritt nach oben zutraut.“ Seeler weiß um die bedrohliche Lage und ist bemüht, sich nicht zu sehr in die Diskussion um Strukturen einzubringen. Dafür sagt er aber im Hinblick auf einen Neueinkauf klar: „Der Neue muss besser sein, als das, was hier ist.“

Nur wie soll das gehen? Ohne Geld? Der erste Impuls in so einem Moment ist (für mich auf jeden Fall) mal wieder: HSVPlus muss kommen. Und ich glaube, auch Oliver Kreuzer sieht das inzwischen so. Obgleich er es nicht so klar formulieren darf, deutet er es gegenüber „Sky Sport News HD“ an: „Die Mitgliederversammlung ist momentan das große Thema in Hamburg, die Strukturreform. Ich will mich hier gar nicht groß äußern eine Woche vor der Veranstaltung“, so Kreuzer, um dann doch preiszugeben, dass neben Hilke und Jarchow auch er zu den Befürwortern von HSVPlus gehört: „Natürlich, Kapital tut einem Verein immer gut und alle wissen, dass wir in einer schwierigen Situation sind. Warten wir mal ab, was nächste Woche herauskommt. Dann schauen wir weiter.“ Soll heißen, es geht nur mit neuem Geld weiter. Und mit dem Konzept, das bei diesem hochverschuldeten Traditionsklub ob finanziell hochpotenter Unterstützer schnell neues Geld einbringen kann. So viel, dass der HSV die nötigen Soforthilfen holen kann, wobei die Betonung auf „SOFORT“ liegt. Denn Zeit bleibt nicht mehr viel. Am 31. Januar muss alles über die Bühne gebracht sein. Und dem HSV fehlt es an Qualität. Hinten wie vorne.

Denn obwohl Lasogga am Montag wieder ins Training einsteigen soll, droht auch Arslan weiter auszufallen. Der Mittelfeldspieler leidet an Adduktoren- und Leistenproblemen, muss weiter kürzertreten. Trainer Bert van Marwijk hat die Situation erkannt (wie im Foto zu erkennen…) und schlägt Alarm: „Nun kann es auch noch sein, dass Arslans Verletzung länger dauert. Wenn man alles zusammen sieht, dann haben wir schon ganz große Probleme im Moment.“ Größere als fast alle Bundesligisten – Braunschweig mal ausgenommen. Denn die haben zwar die richtige Einstellung zur Liga gefunden – aber schlichtweg noch weniger Qualität im Kader.

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Mehr Qualität haben zweifellos Frankfurt und Schalke. Van Marwijk hatte sich am Sonnabend das Testspiel des nächsten Bundesligagegners gegen die Hessen angesehen – und er war erstaunt. „Ich habe gesehen, dass Frankfurt gleich zwei Bundesligamannschaften aufbieten könnte, wir dagegen nicht mal eine. Das ist die Realität.“ Bittere Worte. Zumal bei Frankfurt der ehemalige HSV-Trainer Armin Veh als Verantwortlicher selbst jetzt nicht müde wird, nach noch mehr Qualität zu rufen. Das zeigt nur, wie weit hinten dieser HSV im Moment zu sein scheint.

Abstiegskampf heißt das Zauberwort, mal wieder. Und van Marwijk sowie seine Führungsspieler van der Vaart und Adler zuletzt werden nicht müde, die Situation schonungslos anzusprechen. Beim Trainer hört man inzwischen schon eine Art Frust heraus. „Wenn es hier einer nicht begriffen haben sollte, dass es hier gegen den Abstieg geht, dann gehört der nicht in die Bundesliga. Aber ich gehe davon aus, dass es jeder begriffen hat.“

Kleine Brote backen statt unrealistische Träume pflegen. Es ist zumindest der erste kleine Schritt in die richtige Richtung. „Wir müssen jetzt so schnell wie möglich so viele Punkte holen, dass wir wieder ruhig atmen können“, sagt van Marwijk der allerdings erneut betonte, dass das mit dem aktuellen Kader schwer wird und er unbedingt einen neuen Angreifer braucht. „Ich habe in dieser Woche ja schon sehr deutlich gesagt, was ich will. Es ist eigentlich deutlich für jeden. Und selbst die, die es vorher noch nicht verstanden haben, für die ist es jetzt deutlich.“ Wen er damit meint, lasse ich jeden selbst interpretieren.

Klar ist dagegen, dass der MV am 19. Januar eine immer größere Bedeutung zuteil wird. Morgen und am Dienstag sitzen die drei Konzeptträger Rieckhoff, Ertel und Hunke jeweils auf großen Bühnen und diskutieren das Thema. Quasi als Warmup für die Woche der Wahrheit. Und Matz ab ist jeweils mittendrin. Zunächst bei „rasant“ auf HH1 am Montag (s. dazu auch Textende). Dort stellen ab 20.15 Uhr Blogvater Dieter Matz und Moderator Uli Pingel die Fragen, ehe am Dienstag ab 17 Uhr (ausgestrahlt wird um 20 Uhr auf NDR 90,3) im NDR-Funkhaus in der Rothenbaumchaussee unser Lars (als NDR-Reporter) und Abendblatt-Vizesportchef Alexander Laux den drei Protagonisten im Rahmen des 11. Sportforums (Kooperation von NDR 90,3 sowie dem Abendblatt und Matz ab) auf die Zähne fühlen und die finale Phase einläuten.

Es steht uns tatsächlich eine Woche bevor, die diesen Verein verändern wird. So oder so. Und ganz ehrlich – ich hoffe „so“. Ihr könnt mir glauben, ich bin grundsätzlich eher ein Spießer und mag Tradition, gerade im Fußball. Aber eben nur so lang, wie es nicht Existenz bedrohend wird. Und die Existenz des HSV ist in der jetzigen Form stark gefährdet, das weiß nun auch der letzte Träumer. Der Abstiegskampf ist eingeläutet. Und sollte am 19. Januar tatsächlich HSVPlus scheitern, wäre es das dann wohl auch mit den Helfern. So, wie einst mit Eugen Block, als die Mitglieder den honorigen Hamburger Geschäftsmann 1997 bei der Wahl für den Aufsichtsrat am Supporter und späteren Vorstand Christian Reichert scheitern ließen. „Das war damals eines der ersten Zeichen dafür, was auf den Verein zukommt“, hatte mir 2007 Udo Bandow in einem sehr netten, sehr ausführlichen Gespräch unmittelbar nach seinem freiwilligen Rücktritt gesagt. Der Aufsichtsratsvorsitzende aus besseren Zeiten machte sich damals schon Sorgen um die Struktur. Wie berechtigt die waren, bewahrheitet sich gerade. Umso ärgerlicher, dass er das Gremium nicht noch etwas länger angeführt hat. Zumal ich mir sicher bin, dass er mit seiner sachlichen, diplomatischen Art das Erfolgsduo Hoffmann/Beiersdorfer 2009 dazu bewogen hätte, zusammen weiter zu machen…

Aber okay, es ist ja noch alles drin.

Jeweils 20 Minuten Redezeit bekommen die Konzepte auf der Mitgliederversammlung am Sonntag, von der wir mit Live-Schalten hier im Blog berichten werden. Dieter und ich werden versuchen, Euch per Liveticker und eben jenen Video-Liveschalten immer so nah wie möglich am Geschehen zu halten – wenn Ihr nicht eh vor Ort seid, was ich natürlich noch viel mehr hoffe. Und, wie angekündigt noch ein Nachklapp zu „rasant“-Sendung am Montagabend: Wer im Publikum sitzen will, die/der sollte sich möglichst schnell bei Sport@Hamburg1.de bewerben. Einige wenige Plätze gibt es noch. Viel Erfolg!

In diesem Sinne, Euch und uns allen noch einen schönen Restsonntag. Bis morgen,
Scholle

99,58 Millionen Euro Schulden – und die Folgen

30. Dezember 2013

„Der HSV hat kein Schuldenproblem. Wir haben, wenn überhaupt, ein Liquiditätsproblem.“
HSV-Aufsichtsratschef Manfred Ertel am 11. November auf Hamburg 1

„Unsere Liquidität ist gesichert.“

HSV-Vorsitzender Carl Jarchow am 14. November im Hamburger Abendblatt

„In der bestehenden Struktur können die hohen Schulden den HSV ins Verberben reißen.“

HSV-PLUS-Homepage

Es gibt diese und eine Reihe weiterer Aussagen rund um den HSV, die sich mit der wirtschaftlichen Lage des Vereins beschäftigen. Drei Mal in Folge tiefrote Zahlen, daran hat der Verein zu knabbern. Für diese Saison arbeiten die Verantwortlichen daran, eine schwarze Null hinzuzaubern. Wird es ihnen gelingen? Ist das nur ein Zwischentief? Oder steckt der HSV viel tiefer in der Tinte, als die Offiziellen es zugeben wollen?

Die gerade veröffentliche Bilanz des Geschäftsjahres 2012/13 gibt allen Kritikern und Skeptikern recht. Genau genommen sind die Zahlen verheerend. Wir sind hier bereits ausführlich auf die Zahl unter dem Strich eingegangen. 9,8 Millionen Minus erwirtschaftete der HSV in der vergangenen Saison. Der Betrag wäre auf 22,2 Millionen Euro gestiegen, wenn nicht noch ein neuer Vertrag mit dem Vermarkter „Sportfive“ geschlossen worden wäre.

Absolut legitim, dieser Vermarktervertrag. Genauso legitim wie das Erzielen einer Ablösesumme für einen Spieler oder das Geld, das ein potenter Sponsor gibt. Aber es bleibt dabei: aus seinem laufenden Geschäft hat der Verein 22,2 Millionen Euro zu wenig erwirtschaftet, um die Kosten zu decken. Ein Alarmsignal. Als im Frühjahr einmal darüber berichtet wurde, dass der HSV mit einem entsprechenden Minus von etwa 24 Millionen kalkuliert, wurde diese Berichterstattung vom HSV-Vorstand kritisiert. Nun haben wir schwarz auf weiß, dass die Zahl so ziemlich den Tatsachen entsprach.

Aber kommen wir zu den einzelnen Zahlen oberhalb des Strichs. Auffällig in der Aufstellung von Erträgen und Aufwendungen ist, dass der HSV unverändert hohe Einnahmen hat. Spielerträge, Werbeerträge, TV-Rechte – hier gab es überall leichte Steigerungen, so dass der HSV 145,4 Millionen Euro eingenommen hat – gegenüber 141,1 Millionen in der Saison zuvor.

Doch dagegen stehen die erheblichen Aufwendungen, die nicht zu decken waren, nun schon zum dritten Mal in Folge. Im Vorstandsbericht werden dafür Gründe genannt. Die Transfersummen, die Ende August 2012 aufgewendet werden mussten (van der Vaart und Jiracek), bilden demnach den größten Teil.
Die Besorgnis erregende Zahl schlechthin verbirgt sich in der HSV-Konzernbilanz bei den „Passiva“. Unter Punkt D. Verbindlichkeiten wird ein Betrag von 99,58 Millionen Euro ausgewiesen. Der HSV hat fast 100 Millionen Euro Schulden! Aus dem ursprünglichen Stadionvertrag sind dabei nur noch 31 Millionen abzutragen. Der Rest setzt sich aus weiteren Schulden zusammen, und es ist schwer abzusehen, wie die abzutragen sein sollen. Als Bert van Marwijk vor einigen Jahren das erste Mal in der Bundesliga war, bei der verschuldeten Borussia aus Dortmund, äußerte er einmal seinen Unglauben darüber, dass der Club 100 Millionen Euro Schulden haben soll. Nun ist er in Hamburg – neuer Verein, altes Spiel.

Die Verbindlichkeiten des HSV sind im Einzelnen genannt. Gegenüber Kreditinstituten sind es 42,1 Millionen (Stadionkredit zuzüglich eines weiteren Kredits für Umbauten), 24,1 Millionen aus Lieferungen und Leistungen (Transfers), sonstigen Verbindlichkeiten von 15 Millionen (hierin ist auch der Acht-Millionen-Kredit von Unternehmer Kühne für Rafael van der Vaart enthalten) sowie der Campus-Anleihe mit 18,2 Millionen.

In diesem Zusammenhang ein kurzer Exkurs zum Campus. Die Planungen für dieses Nachwuchszentrum laufen weiter, auch wenn der Spatenstich noch auf sich warten lässt. Bis Mitte Januar läuft zunächst noch die Ausschreibungsfrist für die Bau-Unternehmen. Ende März, so die aktuelle Planung des HSV, sind dann entsprechende Verhandlungen abgeschlossen, die Verträge mit dem General-Unternehmer werden unterzeichnet. Geht alles glatt, dann wird ab Mitte des Jahres gebaut.

Parallel laufen die Verhandlungen mit der Stadt, es geht um den Erbbaurechtsvertrag für das Grundstück. „In den Verhandlungen mit der Stadt Hamburg und den betroffenen Behörden und Ämtern besteht Einigkeit in wesentlichen Detailfragen”, teilte der HSV seinen Anleihen-Zeichnern mit.

Hier sind nun ein paar neue Zeichnungen, zur Verfügung gestellt von der ECE, die die Planungen für den HSV gemacht hat (bitte draufklicken, dann werden die Bilder größer). Auf einer Info-Veranstaltung für HSV-Mitglieder vor einigen Wochen war die Beteiligung unverhältnismäßig kläglich. Daher die Idee, hier zumindest ein bisschen von dem Projekt darzustellen. Immerhin handelt es sich (nach dem Stadion) um das zweitgrößte Bauprojekt in der Vereinsgeschichte.

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Im Jahr 2015, so der momentane Stand, soll der „Campus” mit Leben gefüllt werden. Klar, solange dort keine Steine und Bagger zu sehen sind, muss sich der HSV auch dem Vorwurf ausgesetzt sehen, dieses Projekt zur Liquiditätssicherung zu benutzen. Am Ende aber bleibt es dabei: der Verein ist verpflichtet, jeden Cent, den er durch die Anleihe eingenommen hat, auch für den „Campus” zu verwenden.

Parallel soll dann der gesamte Volkspark vom Erlebniswert aufgewertet werden. Denn es gibt ja den Einwand, dass in dem HSV-Internat zwar junge Fußballer bestens betreut werden können, ihnen drumherum aber wegen fehlender Infrastruktur aber nichts geboten wird. Keine Geschäfte, schlechte Anbindung ans öffentliche Bahn- und Busnetz – (fast) nur der Park. Immerhin haben sich Stadt und HSV dieses Thema auf die Fahnen geschrieben.

Wie viel der HSV am Ende zurückzahlen muss für seine Anleihe, ist offen. Es ist realistisch vorherzusagen, dass eine große Gruppe der Anteils-Zeichner auf Rückzahlung verzichten wird – und lieber die Schmuck-Urkunde daheim an der Wohnzimmerwand hängen lassen wird. Für genaue Zahlen ist es aber noch zu früh.

Jedenfalls, um auf die Verbindlichkeiten zurückzukommen, ist es die Zahl von knapp 100 Millionen Euro, auf die Otto Rieckhoff und seine Partner von „HSV-PLUS“ hinweisen, wenn sie die Entschuldung des Vereins ansprechen. Ein oder mehrere strategische Partner, so die Theorie, sollen auf einen Schlag zur Entschuldung beitragen und damit wieder Handlungsspielraum schaffen.

Denn gerade dieser Handlungsspielraum ist extrem eingeschränkt. Wir hören es immer wieder – zuletzt durch Trainer van Marwijk oder Sportchef Oliver Kreuzer. Beide weisen mit Blick auf die aktuelle Finanzlage jeden Gedanken, im Winter sportlich nachzurüsten, von sich. Dabei wäre es sportlich durchaus geboten.

In einer Finanzanalyse hat Marco Mesirca ( www.offensivgeist.de ) sich die Zahlen des HSV aus den vergangenen Jahren zur Brust genommen. Er spricht in seiner umfassenden Untersuchung von einer „erheblichen finanziellen Instabilität“ des HSV. Und dabei hat er die Zahlen von 2012/13 noch nicht einmal eingerechnet.

Höhere Einnahmen wären zum Beispiel zu generieren aus dem internationalen Fußball. So ist es dem Verein zwischen 2000 und 2010 immer wieder gelungen. Auch in diesem Zeitraum war der HSV wirtschaftlich nicht auf Rosen gebettet, konnte seine hohen Kosten aber fast jedes Jahr decken und eine positive Bilanz aufweisen. „Der sportliche Stellenwert des Traditionsclubs ist weit gesunken“, sagt nun Marco Mesirca. „Der Club spielt nur noch national eine Rolle, die allerdings zunehmend an Bedeutung verliert.“ Zu dieser Einschätzung ist kein weiterer Kommentar notwendig.

Auch in den Jahren unter Bernd Hoffmann hatte der HSV häufig einen „nicht durch Eigenkapital gedeckten Fehlbetrag“ in der Bilanz. Dies ist eine weitere Schlüsselstelle der aktuellen HSV-Zahlen. Unterschied zwischen Gegenwart und Vergangenheit: früher konnte dieses Defizit durch Transfereinnahmen und Europapokal geschlossen werden. Das ist im Moment kaum möglich. Der HSV bleibt in den Miesen. Bei 17,1 Millionen Euro steht der Fehlbetrag am Stichtag 30. Juni 2012 – etwa doppelt so hoch wie im Vorjahr.

Neben dem vereinseigenen Stadion hat der HSV vor allem Spielerwerte auf der „Aktiva“-Seite. 37 Millionen waren es laut Bilanz in der Vorsaison. Wenn wir den Schritt in die aktuelle Serie wagen, dann ist dieser Wert um Son zu reduzieren und um Calhanoglu und Tah zu erhöhen. Somit landen wir vielleicht bei 40 Millionen – gut geschätzt. Wobei Spieler wie Rene Adler oder Rafael van der Vaart, fürchte ich, derzeit keinen hohen Marktwert besitzen. Mit anderen Worten: Was seine Rücklagen und Werte angeht, kann der HSV keinesfalls aus dem Vollen schöpfen.

Man könnte das Spiel jetzt weitertreiben und noch mehr Zahlen heraussuchen, die exemplarisch zeigen, wie der HSV kämpfen muss. Entscheidend ist nun aber auch, den Blick nach vorn zu richten. Kann sich der HSV aus der aktuellen Umklammerung befreien? Was ist dazu notwendig?

In der laufenden Saison kann der Verein zumindest mit noch höheren Einnahmen aus den Fernsehgeldern rechnen (mehr als zehn Millionen Euro), außerdem schlägt der Verkauf von Heung Min Son nach Leverkusen (davon erhielt der HSV knapp acht Millionen Euro) dick zu Buche. Das bedeutet, dass die Bilanz 2013/14 von Haus aus nicht annähernd so schlecht ausfallen wird die die vorige. Zubrote wie das Erreichen des Viertelfinales im DFB-Pokal inklusive.

Bleibt die hohe Kostenseite, die Abfindungen für Thorsten Fink und Frank Arnesen, die nach wie vor hohen Personalkosten, die im Winter durch die Abgabe hier schon so häufig genannter Spieler verringert werden sollen. Dummerweise reduziert das die Schulden noch nicht nennenswert. Wie gesagt: die Erfahrung hat gezeigt, dass dies insbesondere durch die Teilnahme am internationalen Geschäft gelingen kann. Leider, leider ist das nur Wunschdenken.

Der HSV befindet sich mit seiner finanziellen Lage in großer Nähe zu Werder Bremen. Auch in Bremen blieben die Kosten noch lange auf Europapokal-Niveau, während sich die Mannschaft davon schon einige Zeit verabschiedet hatte – allerdings nur was den sportlichen Erfolg, nicht aber das Gehalt anging. Ein schwacher Trost ist dies allerdings für den HSV.

Für den 19. Januar gibt es aus diesen Zahlen zwei Möglichkeiten. Entweder dem HSV in seinen Strukturen trauen, auf langen Atem und die Jugend setzen. Und darauf vertrauen, dass es dieses Jahr gutgeht mit dem Klassenerhalt. So wie vor zwei Jahren. Denn klar ist nach dieser Hinrunde: vor Sommer 2015 wird es garantiert keinen internationalen Fußball mit entsprechenden Mehr-Einnahmen geben. Bei der aufklaffenden Lücke zwischen den Spitzenvereinen der Bundesliga und dem Dino aus Hamburg ist sogar mit einer noch längeren Durststrecke zu rechnen. Alles andere ist Augenwischerei. Durchhalten, HSV?

Oder der HSV wagt die Veränderung und die Ausgliederung. Wobei: was ist das größere Wagnis? Sich aufmachen zu neuen Ufern, noch nicht genau abschätzend, wie weit es bis dahin ist – oder einfach abwarten und auf die Selbstheilungskräfte bauen?

Aus welchem Holz sind die HSV-Mitglieder mehrheitlich geschnitzt?

Zum Tagesaktuellen: Ricardo Moniz, 2010 für einige Spiele Trainer des HSV, ist ein heißer Kandidat auf die Nachfolge von Mirko Slomka als Coach von Hannover 96. Sportdirektor Dirk Dufner bestätigte Kontakte mit dem 49 Jahre alten Niederländer.

Und der “kicker” hat seine Halbjahres-Bewertungen vorgenommen. Bei Torhütern, Innen- und Außenverteidigern taucht nur ein Name auf vom HSV: Marcell Jansen auf Platz fünf der Außenverteidiger. Torwart Rene Adler schaffte es nicht unter die ersten elf, die ordentlich bewertet wurden. Bei den Innenverteidigern hätte, so meine ich, Jonathan Tah es verdient gehabt, zumindest “Im weiteren Kreis” Erwähnung zu finden. Hat er aber nicht.

Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins neue Jahre. Ich hoffe, wir schreiben hier am Jahresende 2014 über einen anderen, einen besseren Hamburger Sport Verein.
Lars

Marcell Jansen will die „Pflicht-Bescherung“

20. Dezember 2013

Der letzte Spieltag vor Weihnachten bietet traditionell den Anlass für Wortspiele. So wollen sich die Mannschaften selbst den größten Wunsch erfüllen, mit einem Sieg ins Fest zu gehen. Eine schöne Bescherung soll es geben, und was den HSV speziell angeht, eine Versöhnung mit den Fans. Ich weiß nicht, ob es hier eine Entzweiung gibt, aber eine Entschädigung für die vielen schlechten Spiele im eigenen Haus hätten die Anhänger allemal verdient.

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Am Ende nimmt man das Gefühl eines Sieges (wie einer Niederlage) mit in die Weihnachtspause – und dieses Gefühl soll doch bitte positiv sein. Abgesehen davon, dass die Hamburger auf einen Dreier angewiesen sind, um 2014 nicht in Abstiegsnöten zu beginnen. Nationalspieler Marcell Jansen sprach deswegen von einer „Pflicht-Bescherung“ gegen Mainz. Noch so ein Wortspiel.

Überhaupt gehört Jansen ja zu den recht wenigen positiven Erscheinungen des HSV in diesem Jahr. Er steht für Zuverlässigkeit und hohe Qualität. Positiv besetzt sind im Team sicher auch die Nachwuchsspieler Hakan Calhanoglu, Jonathan Tah und auch Stürmer Pierre Michel Lasogga. Bei einigen anderen gibt es positive Ansätze, Badelj, Arslan, Beister, aber die Konstanz fehlt noch. Wohin das führt in dieser Saison? Marcell Jansen dazu: „Wir sollten jetzt den Ball flach halten und erst mal Mainz schlagen. Das ist eine ganz harte Aufgabe. Und dann müssen wir uns auf die Vorbereitung konzentrieren und vielleicht in der letzten Phase der Saison dann definieren, was unsere Ziele sind. Aber das Spiel gegen Mainz ist jetzt erstmal ganz, ganz wichtig.“

In der Weihnachtspause wird sich für Jansen vermutlich zum letzten Mal für einige Zeit die Gelegenheit bieten, sich zu erholen. Im Sommer steht ja die WM auf seinem Plan. „Bei mir ist es die ersten Tage über Weihnachten so, dass ich versuche, runterzukommen. Vom Kopf her auch mal andere Dinge zu sehen, um dann im Januar voll anzugreifen.“

Trainer Bert van Marwijk hat sich heute beim Abschlusstraining nicht in die Karten schauen lassen. Es gab kein Spielchen elf gegen elf, so dass es mutmaßlich bei den Eindrücken von gestern bleibt. Petr Jiracek steht vor einem Comeback in der Startelf, auch weil Tolgay Arslan in dieser Woche leicht angeschlagen nicht alles voll mitmachen konnte. Ansonsten kommt wohl Maximilian Beister wieder für Jacques Zoua ins Team, wenngleich sich die beiden gestern beim Trainingsspielchen in der A-Elf abwechselten.

„Ich hoffe, dass wir unseren Fans einen schönen Jahresabschluss bieten können“, sagte Torjäger Pierre Michel Lasogga vor der Partie gegen die Rheinhessen. „Mit einem Sieg im Rücken kann man noch lieber zur Familie fahren. Bei uns kommt die ganze Familie zusammen, das ist immer sehr schön. Und ich sehe zu, dass ich ein paar Sonnenstrahlen bekomme.“ Da kann man wenig hinzufügen – und es bleibt die Hoffnung, dass die Partie gegen Mainz sich anders gestaltet als die jüngste Heim-Katastrophe gegen den FC Augsburg vor zwei Wochen.

Die voraussichtliche Aufstellung für die Partie gegen Mainz: Drobny (nicht Adler) – Rincon, Tah, Djourou, Jansen – Badelj, Jiracek – Beister, van der Vaart, Calhanoglu – Lasogga.

Ich habe heute einen ziemlichen Schrecken bekommen. Der HSV hat seine Tagesordnung, sowie die Berichte und Bilanzen für die Mitgliederversammlung am 19. Januar veröffentlicht und auch alle Anträge und Begründungen herumgeschickt. Was für ein Batzen Papier! Auf 120 Seiten DIN-A-4 stehen alle möglichen Anträge, Begründungen zu Anträgen, Strukturmodelle des HSV. Dazu die Bilanzen und Berichte von Vorstand und Aufsichtsrat. Wie soll das alles am 19. Januar auf einer Versammlung besprochen werden? Okay, das ist vor allem ein organisatorisches Problem, es soll ja vielmehr um Inhalte gehen.

Wobei, wenn Antrag Nummer eins durchkommt, kann es ein kurzer HSV-Versammlungstag werden. Aufsichtsrat Eckart Westphalen hat nämlich beantragt, dass alle Entscheidungen um Umstrukturierungen des HSV in die zweite Jahreshälfte 2014 verschoben werden sollen. Bis dahin soll eine Kommission Kompromiss-Lösungen erarbeiten. Die Teilnehmer dieser Kommission setzen sich zusammen aus Vertretern der verschiedenen Veränderungs-Lager sowie Gremienvertretern des HSV. Westphalen sieht die Zeit noch nicht reif für einen neuen HSV.

Ich denke, dieser Vorschlag wird es allerdings schwer haben. Der gesamte HSV ist auf Erneuerung gepolt. Die Debatte um Ausgliederung ja oder nein und alles, was da dranhängt, beschäftigt den HSV landauf, landab seit Monaten. Eine Verschiebung wäre ein Rückschritt. Zumal Otto Rieckhoff ja für sein Modell „HSV-PLUS“ bereits einen Runden Tisch abgelehnt hat.

Antrag b) ist der von Wolfgang Müller-Michaelis. Er möchte aus dem HSV eine Stiftung machen. Dieses Konzept richtet sich vor allem an den Universalsportverein HSV, an seine Rolle in der Stadt. Das Konzept ist explizit weniger als ein Veränderungs-Modell für die Profi-Fußball-Abteilung des HSV angelegt.

Nächster Punkt ist das Strukturmodell „Tradition mit Zukunft“ von Jürgen Hunke. Er möchte im Rahmen der bestehenden Satzung größere Eigenständigkeit der Profi-Fußballer schaffen. Dafür hat er eine neue, schlankere Satzung entworfen. Sein Konzept mit den vielen Änderungsvorschlägen wird als Ganzes abgestimmt. Unter dem Slogan „Rote Karte für den Verkauf des HSV“ wendet sich Hunke ganz klar gegen eine Ausgliederung.

Das Modell „HSV-Reform“ von Johannes Liebnau, Christian Reichert, Jan Bartels und Marten Oetjens will ebenfalls Veränderungen innerhalb der bestehenden Satzung. Im Gegensatz zu Hunke aber nicht als Ganzes, sondern hier liegen sieben einzelne Anträge vor, über die einzeln abgestimmt werden soll.
Danach sind wir bei Punkt k) und dem Modell „HSV-PLUS“, das Wolfgang Klein, Thomas Krüger und Otto Rieckhoff eingebracht haben. Im Gegensatz zu den vorgenannten Satzungsänderungen, die eine Dreiviertelmehrheit benötigen, brauchen die zwei Anträge von „HSV-PLUS“ zunächst nur eine einfache Mehrheit. Antrag eins sieht vor, den Vorstand des HSV mit der Umsetzung und der Schaffung rechtlicher Voraussetzungen für „HSV-PLUS“ zu beauftragen. Im gleichen Atemzug beantragen die Vertreter dieses Modells, dass bis zum 30. Juni eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen werden soll, auf der dann endgültig – und mit einer nötigen Dreiviertelmehrheit- über „HSV-PLUS“ abgestimmt werden soll. Gleichzeitig liegt hier eine neue HSV-Satzung für den e.V. vor, der ja erhalten bleiben soll.

Unter den Punkten l) und m) kommen die Vertreter von „Rautenherz“ zu Wort. Auch sie wollen eine Ausgliederung der Profi- und Leistungsfußballer im HSV, allerdings nicht als AG, sondern als KG auf Aktien. Martin Rüssel, Rainer Ferslev und Dirk Wechsel stehen für „Rautenherz“. In ihrem zweiten, recht beachtlichen Antrag bauen sie vor: sollte weder „HSV-PLUS“ noch „Rautenherz“ die einfache Mehrheit zur Weiterverfolgung erhalten, dann möchten sie doch zumindest den Gedanken der Ausgliederung generell am Leben erhalten. Sie stellen deswegen einen „konzeptneutralen Ausgliederungsantrag“ – das heißt, der Vorstand soll unabhängig von den vorliegenden Modellen eine Ausgliederung vorantreiben.

Soweit zu den Struktur-Konzepten in aller Kürze.

Was den Bericht des Vorstands angeht, ist es nun offiziell. Der HSV hat in der abgelaufenen Saison ein Minus von 9,81 Millionen Euro erwirtschaftet. Ein schlechtes Ergebnis, das nur deswegen nicht noch schlechter geworden ist, weil der Verein kurz vor Toreschluss den Vertrag mit Vermarkter Sportfive verlängert hat. Die Aufwendungen für den Spielerkader sind trotz Sparvorgabe auf 44 Millionen Euro gestiegen, das Eigenkapital des Vereins nimmt deutlich ab. Alles in allem wahrlich ein schwaches Resultat des HSV unter seinem Vorsitzenden Carl Jarchow.

Darüber hinaus gibt es erneut kritische Kommentare der Rechnungsprüfer, die – das hat schon fast Tradition – nicht alle Unterlagen bekommen haben, die sie angefordert haben. Interessant ist eine Einlassung, die sich auf die gescheiterte Ausgliederung, die Bernd Hoffmann 2005 nicht durchsetzen konnte, bezieht. Danach hatten sich nämlich Vorstand und Aufsichtsrat darauf verständigt, etwaige erneute Ausgliederungs-Bestrebungen auf jeden Fall erst mit den Mitgliedern abzustimmen. Insofern ist auch nachvollziehbar, dass der aktuelle Vorstand – entgegen einer ersten Ankündigung – gar nicht rechtliche Voraussetzungen des „HSV-PLUS“-Modells prüfen durfte, insbesondere wenn damit finanzielle Aufwendungen verbunden gewesen wären.

Schließlich gibt es noch Anträge zu Brief- und Fernwahl und einige Bemerkungen zum Protokoll der Mitgliederversammlung vom Sommer. Hier tauchen kritische Kommentare Richtung Aufsichtsrat wieder auf – dieses Thema ist ja hier bei „Matz ab“ heißdiskutiert worden. Jedenfalls haben Jörg Debatin, Konstantin Rogalla, Reinhard Hupfer und Bernd Günther ihre Wortbeiträge nachträglich angemeldet.

Vorhin kam diese Meldung rein, sie betrifft einen ehemaligen HSV-Profi:

Der frühere Bundesliga-Torschützenkönig Ailton beendet seine Fußball-Karriere. Laut bild.de verkündete der 40 Jahre alte Brasilianer seinen Entschluss am Freitag. Ailton spielte zuletzt bei Hassia Bingen in der Landesliga Südwest. Er kam auf 219 Bundesliga-Partien, in denen er 106 Treffer erzielte.

Seine erfolgreichste Zeit erlebte Ailton von 1998 bis 2004 bei Werder Bremen. Mit den Hanseaten wurde er 2004 deutsche Meister und zweimal DFB-Pokalsieger (1999, 2004). Im Meisterschafts-Jahr wurde der Südamerikaner auch Bundesliga-Torschützenkönig und Fußballer des Jahres in Deutschland. Beim FC Schalke 04 blieb er nur die Saison 2004/2005. In der Rückrunde 2006 war Ailton ohne großen Erfolg beim Hamburger SV noch aktiv.

Anschließend blieb er nie mehr sehr lange bei einem Club. Er spielte unter anderem in der Türkei, Serbien, der Schweiz und China. Für Hassia Bingen war Ailton seit 2012 auf Torejagd. In der Bundesliga war er neben seinen Toren immer auch für seine Sprüche bekannt, die er in gebrochenem Deutsch abließ. In den vergangenen Jahren trat er auch im Fernsehen auf. Unter anderem machte er im Januar 2012 im RTL-Dschungelcamp mit.

Außerdem zwei Daten für alle Reisewütigen: der HSV hat die Anstoßzeiten seiner Testspiele im Trainingslager in Abu Dhabi bekannt gegeben. Die erste Partie findet am Freitag, den 10. Januar, um 21.30 Uhr Ortszeit (18.30 Uhr deutsche Zeit) gegen Vitesse Arnheim aus den Niederlanden statt. Am Dienstag, den 14. Januar, trifft der HSV um 19.30 Uhr Ortszeit auf Quairat Almaty aus Kasachstan.

Und die DFL hat die Bundesliga-Spieltage 22 bis 28 genau terminiert:
Sbd., 22.2., 18.30 Uhr: HSV-Dortmund
Sbd., 1.3., 15.30 Uhr: Bremen-HSV
Sbd., 8.3., 15.30 Uhr: HSV-Frankfurt
So., 16.3., 15.30 Uhr: HSV-Nürnberg
Sbd., 22.3.,15.30 Uhr: Stuttgart-HSV
Mi., 26.3., 20 Uhr: HSV-Freiburg
So., 30.3., 15.30 Uhr: Mönchengladbach-HSV

Morgen geht es hier nach dem Spiel direkt weiter mit „Matz ab live“. Dieter und Scholle begrüßen den früheren HSV-Kapitän Peter „Eiche“ Nogly. Einer der ganz Großen des HSV.

Einen schönen Abend für Euch
Lars

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Korrektur Aufstellung: Natürlich Drobny im Tor, nicht Adler. Sorry!
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Manfred Ertel: “Ich sehe mit Sorge, wie die Debatte den HSV spaltet.”

16. November 2013

Er ist eine der großen HSV-Figuren der jüngeren Geschichte – und heute feiert er einen runden Geburtstag. Alles Gute, Dietmar Beiersdorfer! Der Sportchef des russischen Vereins Zenit St. Petersburg wird heute 50 Jahre alt und feiert diesen Tag hier in Hamburg. Viele sagen, mit seinem Ende als HSV-Manager im Sommer 2009 hat der Abstieg des Vereins bis hin zur heutigen Lage begonnen. Und genau so ist es. „Didi“ war die letzte HSV-Figur, der nicht nur Fachkompetenz hatte, sondern diesen Club auch verkörperte. Ich finde, er tut es heute auch noch. Beiersdorfer ist HSVer. Ein Jammer, dass er damals gehen musste und der Aufsichtsrat seine Position lange un- und dann schlecht besetzt ließ.

Und damit sind wir auch schon zügig beim Thema. Scholle und ich haben Manfred Ertel, den Vorsitzendes des Aufsichtsrates, einen Fragenkatalog geschickt, den Ertel beantwortet hat. Es ist ein so ausführliches, schriftliches Interview geworden, dass wir es über zwei Tage strecken.

Bevor es losgeht, zwei Anmerkungen zum Blog von gestern und Euren Kommentaren. Erstens: Wer glaubt, ich würde Manfred Ertels Position auch nur annähernd vertreten wollen, der irrt. Ich hätte die Problematik nicht anders geschildert, wäre es um Rieckhoff, Hunke, Jarchow, Kühne, Magath, Beiersdorfer oder Matz gegangen. Alle, die diskutieren, müssen fair bleiben und Regeln beachten. Das gilt auch für Ertel, gerade für ihn, der eine hervorgehobene Position im HSV hat. Zweitens: Geärgert habe ich mich über die Kritik, ich wolle „Westphale“ gegenüber oberlehrerhaft oder schulmeisterlich auftreten. Er soll, wie alle anderen, hier bitte weiter schreiben und bloggen und sich nicht unterkriegen lassen.

Genug davon. Jetzt zum Interview, das bestimmt wieder Reizpunkte setzt.

Matz ab: Herr Ertel, welches Bild gibt der HSV derzeit ab?

Manfred Ertel: Der HSV hat immer noch einen erstklassigen Ruf, bundesweit und auch international. Wir sind der Dino der Liga, der Traditionsverein des deutschen Fußballs, die Raute ist ein Symbol. Das erlebt man unter anderem auch bei jedem Auswärtsspiel, wenn man sieht, woher die riesige Zahl von Fans so anreist, um ihren HSV zu unterstützen. Jetzt muss nur noch die sportliche Entsprechung folgen.

Matz ab: Was ist anders geworden, seit Bert van Marwijk hier ist?

Ertel: Die Hoffnung ist zurück, und auch die Ordnung. Und damit ein “mehr” an spielerischer Qualität. Bei allem Respekt und bei aller Sympathie für Thorsten Fink und seine Arbeit: Bert van Marwijk mit seiner fast schon hanseatischen Art und der HSV – das passt! Mein Eindruck ist: Die Spieler, gerade auch unsere sehr jungen, haben den Spaß und die Selbstsicherheit wiedergefunden, auch nach unglücklichen Niederlagen. Ihr Respekt vor dem Trainer ist sehr groß, die Akzeptanz auch. Und das Spiel der Mannschaft wirkt auf mich klarer, kreativer, zielstrebiger. Jetzt fehlt vor allem noch die Konstanz. Aber allen, die einen Neuanfang wollten, einen Aufbruch mit jungen, talentierten Spielern, all denen muss auch klar sein: Es wird mit so einer jungen Mannschaft auch immer wieder mal Rückschläge geben. Wichtig ist nur, jedes Mal wieder aufzustehen.

Matz ab: Oliver Kreuzer ist seit Juni beim HSV. Ihre Bilanz nach fünf Monaten…

Ertel: Sehr gut. Er hat ein klares Konzept, ist in seiner Arbeit klar und geradeaus, das verleiht ihm hohe Authentizität und Glaubwürdigkeit, gerade auch gegenüber Spielern. Er identifiziert sich total mit dem HSV. Er schnürt angesichts unserer derzeit nicht so glänzenden wirtschaftlichen Lage intelligente Vertragspakete mit leistungsabhängigen Komponenten, und er hat eine klare sportliche Führungshandschrift, wir sind sehr zufrieden. Ich hoffe, er liest das jetzt nicht, sonst möchte er womöglich noch eine Gehaltserhöhung haben (lacht).

Matz ab: Wie beurteilen Sie im Moment den Wahlkampf um die Strukturreform?

Ertel: Ich sehe mit Sorge, wie die Debatte um die Zukunft unseres Vereins – von Wahlkampf mag ich nicht reden – den HSV emotional spaltet. Aus unterschiedlichen Meinungen und Vorstellungen droht ein tiefer Graben zu werden. Vor allem der Vorschlag einer Ausgliederung mit Anteilsverkauf an Investoren befördert diese Spaltung massiv. Die Sehnsucht nach Erfolg, die auch ich teile, hat vielfach Stimmungen frei gesetzt, in denen es nur noch darum geht, jeden argumentativen Widerspruch als feindlich oder schädlich zu verstehen. Das führt dazu, dass wir viel zu oft nicht um den besten Weg für unseren HSV streiten, sondern vor allem den Feind im eigenen Lager bekämpfen und besiegen wollen. Dabei ist vielfach scheinbar jedes Mittel recht, vor allem in den Foren und sozialen Netzwerken. Da wird unter dem Deckmantel der Anonymität beleidigt, verunglimpft, diskreditiert, nicht einmal vor der persönlichen oder beruflichen Integrität des „Gegners“ wird manchmal halt gemacht. So erweist man dem HSV einen Bärendienst, wenn wir da alle zusammen nicht ganz schnell die Kurve kriegen, wird dieser Verein niemals wieder so sein, wie er mal war und wie wir alle ihn doch gern hätten. Statt jeder für sich in der Debatte um eine Strukturreform gleich den Weg an die Öffentlichkeit und in die Medien zu suchen, hätten sich alle lieber gemeinsam an den Tisch setzen und gemeinsam nach dem besten Weg suchen sollen. Noch ist es dazu nicht zu spät. Niemand hat den Stein der Weisen erfunden, schon gar nicht die, die am lautesten schreien.

Matz ab: Unterschiedliche Konzepte prallen aufeinander – droht dem HSV die komplette Spaltung?

Ertel: Ich hoffe nicht, und ich vertraue auf unserer aller Weisheit und Klugheit. Ich kann mir gut vorstellen, über einen Kompromiss zum Wohle des HSV zu verhandeln, wenn zwei Grundsätze gewahrt bleiben: Kein Verschachern von Vereinsanteilen an Investoren, und weitestgehende Wahrung von Mitgliederrechten. Wenn es uns allen wirklich nur um eine schlankere, effektivere, erfolgreichere und schlagkräftigere Struktur geht, sollte es vor diesem Hintergrund genug Spielraum für eine Verständigung geben.

Matz ab: Wie sehen Sie die Chancen für die HSV-Reform, die Sie unterstützen?

Ertel: Wenn wir nicht zu einer übergreifenden Einigung kommen, sehe ich zumindest die Chancen für unsere HSV-Reform sehr, sehr gut. Wir sind einen anderen Weg gegangen. Keine Top-Down-Konzepte im Alleingang oder durch Kleingruppen, die zum Teil noch nicht einmal aus ihrer Anonymität heraustreten. Wir haben mit einer Gruppe von HSVern aus ganz unterschiedlichen Teilen des Vereins – Supporters, große Fanklubs, Aufsichtsrat, aber auch kluge unabhängige Mitglieder und Ultras – zunächst Defizite unserer Strukturen und in der HSV-Arbeit identifiziert. Wir haben dann versucht, konkrete Lösungsansätze zu finden und zu formulieren, haben die dann in den Verein zurückgespiegelt, in breite Mitgliederkreise und an einstige HSV-Größen, und haben daraus unsere Reformvorschläge entwickelt. Das ist vielleicht noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber es ist der Versuch eines breit gestützten Kompromisses, der von immer mehr Mitgliedern offen und öffentlich mitgetragen wird. Und bei dem jeder auch Abstriche von seinen Idealvorstellungen machen musste. Auch ich, übrigens.

Matz ab: Haben Sie schon jemandem glaubhaft vermitteln können, warum Sie sich als Vereinsmitglied äußern dürfen – nicht aber als Aufsichtsrat? Und wo besteht der Unterschied in der Wahrnehmung?

Ertel: Ja, massenhaft. Und wenn man nicht böswillig an die Sache herangeht ist es eigentlich auch ganz einfach: Die auf unserer Satzung beruhende Geschäftsordnung für den Aufsichtsrat sagt ganz eindeutig, dass Aufsichtsräte frei sind, sich als “einfache Mitglieder” zu allen vereinspolitischen Fragen zu äußern. Anders übrigens als bezahlte Vorstandsmitglieder, deren Mitgliedsrechte während der Vertragslaufzeit ruhen. Von diesem Recht macht übrigens auch die große Mehrzahl der Räte auf unterschiedlichen Veranstaltungen im Verein oder auf Zusammenkünften von Mitgliedern Gebrauch. Natürlich wird man immer auch ein Stück weit als Aufsichtsrat identifiziert. Deswegen hatte ich auch vorgeschlagen, dass sich Vorstand und Aufsichtsrat völlig aus der Strukturdebatte heraushalten sollten, auch wenn mir persönlich das durchaus schwer gefallen wäre. Damit war ich leider nicht mehrheitsfähig. Und am Ende ist es doch auch egal. Am Ende zählt doch nur, dass wir die beste Lösung für den Verein finden, egal durch wen. Ich kann allerdings nicht akzeptieren, wechselseitig mal als Mitglied, mal als Aufsichtsrat, als Journalist, als Ehemann einer Grünen oder als verhasster Supporter kritisiert zu werden, wie es jedem Kritiker gerade so in den Kram passt. Das geht zu weit. Und noch eines: Es ist für mich schon interessant, dass wir diese Diskussion über eine Rollentrennung nicht geführt haben, als der Aufsichtsrat Jürgen Hunke sein Konzept vorgelegt hat. Wir haben sie auch nicht geführt, als der Aufsichtsrats-Vorsitzende Ernst-Otto Rieckhoff gemeinsam mit Aufsichtsrat Horst Becker voriges Jahr im Sommer auf der Mitgliederversammlung durch Satzungsänderung den Aufsichtsrat verkleinern wollte und Rieckhoff den Aufsichtsrat sogar zum Rücktritt aufforderte. Und wir haben die Diskussion auch nicht geführt, als der vorn mir geschätzte Aufsichtsrats-Vize Alexander Otto und Aufsichtsrat Jörg Debatin auf der Mitgliederversammlung durch Satzungsänderung eine Brief- und/oder Fernwahl einführen wollten und dafür zuvor sogar mit einem persönlichen Namensartikel im Hamburger Abendblatt geworben hatten. Wir führen die Debatte jetzt, auf einmal. Messen wir uns selbst eigentlich noch an den gleichen Kriterien?

Matz ab: Warum ist die Ausgliederung aus Ihrer Sicht der falsche Weg?

Ertel: Weil unser HSV mit seiner Tradition, mit seiner sozialen Verantwortung als Universalsportverein für die Stadt und die Region und mit seiner einmaligen Geschichte zu wertvoll ist, als dass man Anteile an diesem Klub verkaufen darf. Nennen Sie mir einen ausgegliederten deutschen Bundesligaverein, der sich noch den „Luxus“ von über 30 Breiten- und Amateursportabteilungen leistet, den gibt es nämlich nicht. Mit jedem Anteilsverkauf geben wir ein Stück HSV aus der Hand, das wir niemals wieder zurückbekommen werden. Weg ist weg, da helfen auch keine beruhigenden Worte über angebliche Rückkaufoptionen, die niemand einlösen kann. Und die Verkaufserlöse sind ein Einmaleffekt, der schnell verpuffen kann. Es gibt außerdem keinen Verein im deutschen Fußball, der dauerhaft und spürbar durch Anteilsverkauf erfolgreicher geworden ist. Das Gegenteil lässt sich allerdings in Deutschland und Europa Jahr für Jahr beobachten.

Wann und wofür würden Sie einen Investor nicht mehr ablehnen?

Ertel: Ich persönlich lehne Investoren als Anteilseigner immer ab. Ich habe nichts gegen Geldgeber, Sponsoren oder Mäzene, die zum Beispiel den Stadionnamen zurück kaufen oder finanzieren wollen, oder sich als Namensgeber für den neuen Campus engagieren wollen. Da kann sich jeder finanzstarke HSV-Sympathisant ein Denkmal setzen, auch bei unseren Fans.

Soweit Manfred Ertel für heute. Scholle begleitet morgen Teil zwei, in dem es dann insbesondere um Ertel selbst und seine Position geht.

Einen schönen Abend
Lars

“Zoua hat die Bundesligatauglichkeit – absolut”

18. Juni 2013

Die Strukturveränderung wird vorangetrieben – hier wie da. Hier der eine, da der andere. Und da hinten noch ein paar Vereinzelte mehr. Letztlich aber entscheiden im Januar natürlich die Mitglieder, ob und vor allem in welcher Form der HSV künftig die Profigeschäfte vorantreibt. Und so wie Dieter es ja auch schon geschrieben hatte, gibt es momentan einen hohen Motivationsgrad bei altgedienten HSVern, sich an dieser Reform zu beteiligen. Manchmal macht es zwar den Anschein, als wolle jeder einzelne der Erste sein, um als DER Reformierer in die Vereinschronik einzugehen. Allerdings ist mir das letztlich egal, solange der HSV sich zu einer Veränderung der veralteten Vereinsstruktur durchringt. Fähig sind die Leute, ob wie einst Bernd Hoffmann oder wie heute Jürgen Hunke, Ernst-Otto Rieckhoff, Dr. Klein und wer auch sonst noch momentan mitmischt, alle. Und die Mitglieder werden es zu entscheiden wissen. Hoffentlich.

Entschieden hat sich noch nichts Weiteres in Sachen Kaderplanung. Weder bei den Abzugebenden (Kacar, und zwei aus Rajkovic, Scharner, Mancienne) noch bei möglichen Neuen. Der erste richtig Neue ist noch immer nicht da. Sportchef Oliver Kreuzer sowie die Youngster Hakan Calhanoglu und Kerem Demirbay mal ausgenommen.

Allerdings warten Kreuzer und Trainer Thorsten Fink inzwischen täglich auf den ersten Coup. Namen sind bereits genug im Spiel. Diesmal nicht von Frank Arnesens Ex-Klub FC Chelsea sondern von Finks und Kreuzers ehemaligem Arbeitgeber FC Basel. Der Innenverteidiger Aleksandar Dragovic und der Linksverteidiger Joo-Ho Park sollen interessant sein. Heißt es. Allerdings wird Park vom HSV ebenso wie vom FC Basel dementiert. Und Dragovic ist mit einer realistischen Ablösesumme von rund 8 Millionen Euro schlichtweg außer Reichweite des HSV. Einziger realistischer Kandidat bei den Schweizern ist weiterhin Jaques Zoua.

Und der 21-jährige Angreifer ist sich mit dem FC Basel über einen Vereinswechsel ebenso wie mit dem HSV weitgehend einig. Einzig die beiden Clubs haben noch letzte Details zu klären. „Die Gespräche laufen, und das sehr gut“, sagt Basels Sportdirektor Georg Heitz, der im Gegensatz zum ersten Werben des HSV um Granit Xhaka im vergangenen Winter dieses Mal nicht sauer ist auf seinen ehemaligen Cheftrainer Thorsten Fink. „Nein, diesmal ist alles hochkorrekt gelaufen“, so Heitz, „der Thorsten hatte sich schon vor einigen Wochen bei uns gemeldet und nach Zoua erkundigt. Seither haben wir intensiven Kontakt, auch jetzt zu Oliver Kreuzer.“

Dass Fink bei der Spielersuche immer wieder auch bei seinem Ex-Klub landet, dem er einst bei seinem vorzeitigen Wechsel nach Hamburg versprach, nicht in dessen Kader zu wildern, stört Heitz nicht. Nicht mehr. „Das muss man relativieren. Es ist ja nicht immer so, dass es hinter dem Rücken passiert. Im Gegenteil, diesmal war alles korrekt. Und letztlich versucht jeder für seine Mannschaft nur das Beste. Fink für den HSV, wir für den FC. Da darf man nicht sensibel sein.“

Stimmt. Aber ein Geschmäckle bleibt dann doch immer. Das ist bei Amateurtrainern, die gehen und plötzlich Ihre alten Spieler mitziehen, nicht anders als in der Bundesliga. Jeder ist sich selbst eben der Nächste. Und das gilt auch jetzt bei Zoua. Obwohl Zoua bei den Schweizern keine Chance hatte, soll er für den HSV gut genug sein. Klingt für mich zunächst komisch. Es ist eben jene Ausgangssituation, wie sie mir noch bestens bekannt ist von den Chelsea-Spielern, die Arnesen einst holte. Aber, und das ist der entscheidende Unterschied, ich bin mir sicher, dass sowohl Kreuzer als auch Fink absolut mit den Anforderungen eines Bundesligaspielers vertraut sind. Das war bei Arnesen („Ich habe die Qualität der Bundesliga am Anfang unterschätzt“) damals noch anders.

Warum Zoua sich in Basel nicht durchsetzen konnte und ob er dann wirklich gut genug ist für die Bundesliga? „Zoua ist ein Nationalspieler, der den berechtigten Anspruch hat, Stammspieler zu sein. Bei uns hatte er aber seit der Winterpause mit Raul Bobadilla und Kapitän Marco Streller gleich zwei Größen vor sich für nur eine Position. Und in der Schweiz haben wir das Problem der Ausländerregel. Es dürfen bei uns nicht mehr als fünf Ausländer zugleich auf dem, Platz stehen. Und leider haben wir in der Abwehr schon einige unverzichtbare ausländische Mitspieler.“ Stichwort Park und Dragovic… „Genau. Deshalb verstehe ich den Spieler, wenn er wechseln will“, sagt Basels Sportdirektor Georg Heitz. Und was ist mit der Bundesliga-Tauglichkeit? Für Heitz keine Frage. „Die hat er. Absolut“, sagt der gelernte Journalist. Aber was soll er auch sonst sagen, wenn er den Kameruner nicht zum Ladenhüter machen will?

Klar ist, dass der Deal in den nächsten Tagen über die Bühne gehen soll. Einen direkten Zusammenhang zum möglichen Transfer von Roque Santa Cruz besteht dem Vernehmen nach nicht. Hier werden die Chancen auf eine Verpflichtung mit 50:50 beziffert. Und ich selbst kann mich noch nicht dazu durchringen, mich für einen Wechsel des Paraguayers komplett zu begeistern. Irgendwas sträubt sich in mir. Ich halte Santa Cruz für technisch hervorragend, für einen Torjäger mit eingebauter Acht- bis Zwölf-Toregarantie in der Bundesliga. Und ich halte ihn für fußballerisch besser als alles, was der HSV in der abgelaufenen Saison vorne reingestellt hat. Aber wenn ich höre, dass der im August 32 Jahre alt werdende Angreifer rund vier Millionen Euro verdienen und mindestens so viel Ablösesumme (Handgeld für ihn und seinen Berater kommt noch obendrauf) kosten soll – ich würde zumindest noch ein zweites, drittes und auch viertes und fünftes Mal ganz genau schauen, ob ich für das Geld nicht einen Stürmer mit der gleichen Qualität aber dafür mit sechs bis zehn Lenzen weniger auf der Uhr finden kann. Zumindest aber gilt es als wahrscheinlich, dass die HSV-Verantwortlichen abwarten, was der Königstransfer kostet, um zu sehen, was letztlich für Zoua oder eben ein anderes Offensivtalent übrigbleibt.

Das soll heute jedoch noch nicht geklärt werden, dafür aber in den nächsten Tagen. Auf jeden Fall aber bis zum Trainingsauftakt am 1. Juli. Bis dahin wird auch die Zukunft von Chefscout Lee Congerton geklärt sein. Der Attaché vom suspendierten Sportchef Frank Arnesen ist dem Vernehmen nach schon jetzt weitgehend aus den Kaderplanungen genommen worden und soll demnächst sein Engagement komplett aufgeben, geht es nach Kreuzer. Das allerdings gegen eine noch zu verhandelnde Abfindung, die bei rund 600000 Euro Jahressalär nicht unerheblich sein dürfte. Geklärt ist indes, dass Ronny Teuber weiter den Torwarttrainer macht.

Der ehemalige DFB-Torwarttrainer hatte lange warten müssen. Erst vor dem letzten Saisonspiel hatte ihn Frank Arnesen angesprochen, in zwei Wochen liefe der Vertrag aus. „Ich weiß nicht, warum das so lange gedauert hatte“, sagt Teuber, der sich gerade im Urlaub aufhält. „Aber das ist jetzt auch egal. Ich hatte ein sehr gutes Gespräch mit dem neuen Sportchef Oliver Kreuzer und bin mir sicher, dass wir die letzten Kleinigkeiten nach meiner Rückkehr in der kommenden Woche klären.“ Teuber gilt als einer der besten Torwarttrainer Deutschlands. Zuletzt hatten Jaroslav Drobny und vor allem Rene Adler den Verbleib Teubers gefordert.

Apropos Torhüter: Zum Abschluss des Blogs eine kleine Exkursion zum Handball. Dort wird morgen um 14 Uhr Ex-HSV-Keeper Frank Rost als neuer Geschäftsführer vorgestellt. Von mir aus herzlichen Glückwunsch an Rost und den HSV Handball. Ich bin mir sicher, dass Rost dort einige Veränderungen herbeiführen wird. Ich bin gespannt…

So und bevor ich den Blog beende noch eine kleine Info am Rande. Wie mir Herr Heitz nebenbei mitteilte, absolviert der HSV am 18. Januar in der Imtech-Arena ein Freundschaftsspiel gegen den FC Basel. Das Spiel und deren Einnahmen sind Bestandteil des einstigen Wechsels von Fink zum HSV.

In diesem Sinne, genießt die Sonne.

Bis morgen.
Scholle

P.S.: Dem Vernehmen nach sollen Jacpo Sala (Fink hält viel von dem Allrounder) und Tomas Rincon nun doch gehalten werden, was mich für Rincon sehr freut.

Arnesen will “erst einmal nichts Neues” machen

14. Juni 2013

Jetzt geht es in die Vollen. Fast täglich gibt es neue Namen. Selten sind es die, die auch wirklich kommen. Aber fast immer sind es Namen, mit denen sich der HSV tatsächlich beschäftigt. Und das sind natürlich deutlich mehr als am Ende verpflichtet werden können. Roque Santa Cruz war da sicherlich der vom Namen her bislang dickste Fisch – allerdings mit einem geschätzt sieben Millionen Euro teuren Jahreseinkommen auch mindestens drei Stufen über dem hiesigen Gehaltsgefüge. Insofern ist der Wunsch des HSV verständlich – aber eben eher unrealistisch, dass es am Ende auch zu einer Verpflichtung kommt.

Dennoch, und das ist das Gute an solchen Geschichten, der HSV macht auf sich aufmerksam, weil man eben nicht immer nur kleine Namen angeht. Täte man das und paart es mit der leidigen Darstellung der schlechten Finanzsituation – der HSV wäre schnell einer der unattraktivsten Klubs der Liga. Insofern: Ganz nach oben greifen, um am Ende vielleicht eine oder zwei Stufen drunter liegend zugreifen zu können ist immer noch besser, als von Beginn an klein zu denken. „Ich werde nicht klein denken, das verspreche ich“, hatte mir der neue Sportchef Oliver Kreuzer vor einer Woche gesagt. Und er scheint Wort zu halten.

So eine Art Mittelding ist der heute in der Morgenpost genannte Basel-Stürmer Jaques Zoua. Positionell, nominell und finanziell. Denn der gebürtige Kameruner hat alle Veranlagungen, er kann auch überall spielen (auf den Außen und im Angriff), aber er ist weder der gesuchte Sturmtank noch ein reines Talent. Finanziell liegt der bis 2015 in Basel vertraglich gebundene 21-Jährige mit rund zwei Millionen Euro Ablösesumme über dem, was Kreuzer („Am liebsten vertragslose, ablösefreie Verstärkungen“) sich vorgenommen hat.

Aber es ist ein Spieler, der in Hamburg bekannt ist. Sowohl Kreuzer als auch – und vor allem – Thorsten Fink kennen den Spieler gut. Fink hatte den Offensivmann 2009 zum Profi gemacht, las ich heute in der Mopo. Er wird wissen, was Zoua kann. Ich habe ein paar Videos gesehen und will mir hier kein Urteil erlauben. Aber ich würde behaupten wollen, dass der HSV eher die Sofortverstärkung mit einer anderen Position besetzen wird und Zoua trotzdem Sinn machen kann. Zumindest für den Fall, dass man Dennis Aogo abgibt.

Reiner Humbug?

Nein. Dennis Aogo zählt beim HSV schon seit längerer Zeit zu der Kategorie Spieler, die man abgeben würde. Und das hat nichts mit seinen sportlichen Leistungen zu tun. Im Gegenteil, Fink hält große Stücke auf Aogo. „Dennis hat sich in den letzten Jahren beim HSV zum Stamm- und Führungsspieler hochgearbeitet“, hatte zudem Klubboss Carl Jarchow am Saisonende gesagt, als ich ihn fragte, wie die Personalie Aogo perspektivisch zu sehen sei. Und Jarchow ließ keinen Zweifel daran, dass er ebenso wie die sportliche Leitung viel von Aogo hält. Allerdings weiß Jarchow mehr als jeder andere, dass der HSV sparen muss und dafür muss der Kader reduziert werden. Und dabei wird bei den Topverdienern angesetzt. Dort wird abgewogen, inwieweit der sportliche Nutzen den preislichen Aufwand rechtfertigt. Eine Rechnung, die für Aogo schwer wird, immerhin verdient der Linksfuß rund drei Millionen Euro per annum und zählt damit eindeutig zu den Topverdienern.

Das allein kann man ihm aber definitiv nicht vorwerfen. Absolut nicht. Wie im Fall Berg mache ich das auch hier nicht. Denn zu (finanziell) besseren HSV-Zeiten hat der Profi halt gut verhandelt. Oder besser: verhandeln lassen, damals, unmittelbar vor der Jahreshauptversammlung im Januar 2011, auf welcher der damalige Klubboss Bernd Hoffmann die Vertragsverlängerung verkündete und dafür Jubel erntete. Eine gelungene Abwechslung für den damals in der Kritik stehenden HSV-Boss.

Egal wie, dieser Vertrag macht Aogo zu einem reichen Mann – und eben zu einem Spieler, der zu teuer sein könnte für diesen jetzigen HSV. Wobei ich klarstellen möchte, dass ich Dennis Aogo als vorbildlichen Profi empfinde. Sobald der Linksfuß den Platz betritt, egal ob zum Training oder Spiel, dann gibt er Vollgas. Man weiß bei Aogo, was man bekommt nd was man nicht erwarten darf – aber das hat ihn zum Nationalspieler gemacht, was allein ein gutes Zeugnis ist. Zudem paart Aogo seine guten Leistungen mit einem vorbildlich sympathischen Auftreten den Fans gegenüber. Aber wie in jedem anderen Unternehmen, das sparen muss, kann sich keiner mehr seines Arbeitsplatzes sicher sein. Und für Dennis Aogo, da bin ich mir sicher, bieten sich neben dem HSV noch viele andere Top-Möglichkeiten hierzulande wie auch im Ausland. Obgleich ich weiß, wie gern Aogo beim HSV spielt…

Gern geblieben wäre auch Frank Arnesen. Allerdings genießt der geschasste Sportchef seine unerwartete Frei(z)heit auch. „Ich konnte zu dieser Jahreszeit seit knapp 20 Jahren keinen Urlaub mehr machen. Ich habe ständig die Geburtstage meiner Enkelkinder verpasst, das ist jetzt anders“, sagt der Däne, der sich in den kommenden zwei Wochen mit dem HSV zusammensetzt und über seine Vertragsauflösung spricht. Wobei diese eher nicht zu erwarten ist. Wie ich aus dem Aufsichtsrat schon gehört und hier auch geschrieben hatte, rechnen alle Verantwortlichen damit, dass Arnesen seinen Vertrag aussitzt. „Ich werde die nächsten zwei, drei Monate ganz sicher nichts machen. Ich habe auch alle Gespräche diesbezüglich mit neuen Vereinen bislang abgelehnt. Ich mache das Beste aus der Situation und nutze sie für meine Familie.“ Mit der soll es auch in zwei Wochen in das familieneigene Haus nach Spanien (Malaga) gehen. „Ich werde mit meiner Frau viel reisen, natürlich auch sehr viel Fußball schauen. Aber ich habe dem Aufsichtsrat in Person von Jens Meier auch klar gesagt, dass ich nichts neues habe und in den nächsten Monaten auch nichts Neues machen werde. Das habe ich mir und das hat vor allem meine Familie verdient.“ Soll heißen, Arnesen hat ab jetzt bezahlten Urlaub. Es gibt sicherlich schlimmere Schicksale derzeit…

Aber das alles gilt selbstredend nur so lange, wie Arnesen nichts Neues machen will. „Sollte irgendwann ein Angebot kommen, das mich reizt, werde ich auf den HSV zugehen. Ganz klar. So sind wir verblieben.“ Dann wohl auch mit Lee Congerton, der noch immer für den HSV arbeitet. “Lee hat noch ein jahr Vertrag und erfüllt den. Aber wenn ich irgendwo was Neues mache, hätte ich ihn gern dabei. Das wissen alle. Wir arbeiten ja schon seit acht Jahren zusammen und Er ist meine linke und meine rechte Hand”, sagt Arnesen.

Gesprochen hat Arnesen mit Oliver Kreuzer – noch nicht. „Er hat mir eine Nachricht auf Band gesprochen, ich habe ihn vorgestern zurückgerufen und er mich gestern – irgendwie verpassen wir uns aber immer. Aber wir werden reden. Sehr gern. Ich würde mich freuen, wenn ich ihm und dem HSV noch irgendwie helfen kann“, sagt Arnesen, der darauf hofft, dass der HSV dieses Jahr den internationalen Wettbewerb schafft. „Darauf hatten wir alles abgestimmt, das war unser und ist sicher noch immer das Ziel des HSV.“

Und bevor ich den heutigen Blog mit dem Hinweis schließe, Euch gegen Mitternacht noch ein kleines, wirklich sehr lesenwertes Bonbon hier in diesen Blog reinzustellen, noch der Hinweis auf morgen. Denn da findet in der ARD-Sportschau ab 18 Uhr statt. Und der HSV hat wie in den letzten Jahren immer, eine Teilnahme am Wettbewerb bis hin zum Achtelfinale eingeplant. Eigentlich wollte ich zum bevorstehenden Wettbewerb noch Stimmen einholen. Die aber wären ebenso wie Zielvorgabe dieselben wie jedes Jahr. „Der Pokal ist der kürzeste Weg nach Europa“, „Wir wollen mal wieder nach Berlin und ein Finale mit HSV-Beteiligung sehen“ und so weiter – sucht Euch die Antwort einfach aus. Sie ist auch wahlweise auf alle HSV-Beteiligten verteilbar. Logisch irgendwie.

In diesem Sinne, ich hoffe an diesem ruhigen Freitag darauf, dass der HSV am morgigen Sonnabend einen Gegner bekommt, der hier auf der Ecke spielt. Den SC Victoria zum Beispiel. Das wäre der nächste Gegner. Dann würde man als HSV dem Hamburger Regionalligisten mit einem vollen Stadion (im Volkspark) die leeren Kassen füllen. Und es wäre eine Art Ablösespiel für den in der kommenden Woche vom SCV zum HSV wechselnden Cotrainer Roger Stilz. Es gibt „noch letzte vertragliche Details zu klären“ heißt es vom HSV.

Bis später. Da bekommt Ihr eine kleine Zugabe zum heutigen Blog. Nichts Exklusives – also bitte erwartet nicht zu viel. Aber doch was sehr Nettes.

Scholle

P.S.: Huub Stevens wird neuer Trainer des griechischen Erstligaklub PAOK Saloniki. Nächste Woche soll der 59-jährige Coach seinen vertrag unterschrieben und beim Tabellenzweiten der abgelaufenen Saison offiziell vorgestellt werden. Mit so einem Wechsel hätte ich bei dem grundsoliden, konservativen Niederländer tatsächlich niemals gerechnet…

P.P.S.: Anbei das eigentlich schon zu Mitternacht versprochene Bonbon. Ein sehr schönes Interview von einen Kollegen Kai Schiller und Alexander Laux. Aber lest selbst:

Obwohl Oliver Kreuzer erst seit Montagabend in Hamburg ist, weiß sich der neue Sportchef des HSV im Stadion schon zurechtzufinden. Fünf Minuten vor dem verabredeten Zeitpunkt erscheint er in einer Loge im VIP-Bereich. In der Stadt, gibt der gebürtige Badener dagegen zu, könne er sich noch nicht so gut zurechtfinden: „Bislang kenne ich eigentlich nur den Weg vom Hotel ins Stadion und zurück“, sagt er, „meine einzige Abwechslung war ein Termin bei der Bank, um mir ein neues Konto zu eröffnen.“

Hamburger Abendblatt: Herr Kreuzer, zum Start des Gesprächs haben wir uns, wenn Sie erlauben, ein kleines Hamburg-Quiz überlegt.

Oliver Kreuzer: Oha. Dann mal los.

Was oder wer ist denn der Michel?

Kreuzer: Ich weiß, dass der Michel ein Hamburger Wahrzeichen ist. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich aber nicht, was genau der Michel ist.

Wir geben Ihnen einen halben Punkt. Der Michel ist Hamburgs bedeutendste Kirche. Kennen Sie Hagenbeck?

Kreuzer: Ich kenne nur Häagen-Dasz (lacht). Das ist ein Eis aus den USA. Hagenbeck? Klingt nach Gebäck.

Nicht ganz. Hagenbeck ist Hamburgs bekannter Tierpark. Letzte Chance: Was ist die Herbertstraße – und wann waren Sie das letzte Mal dort?

Kreuzer: Jetzt werden Sie sagen: typisch, der Fußballer. Natürlich habe ich schon mal von der Herbertstraße auf St.Pauli gehört, und mit Sicherheit war der eine oder andere frühere Mannschaftskollege von mir auch schon mal dort. Ich muss allerdings gestehen, dass ich noch nie auf der Reeperbahn war.

Sie waren nach Ihrer aktiven Karriere als Sportchef fast so etwas wie ein Wandervogel, waren in Basel, Salzburg, Graz und Karlsruhe. Warum wollten Sie nun unbedingt nach Hamburg?

Kreuzer: Rein sportlich gesehen ist der HSV meine bedeutendste Station als Manager. Mir war von Anfang an klar, dass ich diese Chance ergreifen und nutzen will. Aber natürlich hat mich auch die Stadt Hamburg gereizt. Noch wohne ich ja im Hotel, aber ich will hier möglichst schnell heimisch werden.

Anders als zuvor suchen Sie jetzt auch gemeinsam mit Ihrer österreichischen Lebensgefährtin Doris, die noch in Graz lebt, eine gemeinsame Wohnung. Warum haben Sie sich entschlossen, die Fernbeziehung nach vier Jahren zu beenden?

Kreuzer: Ehrlich gesagt wäre Doris vielleicht auch in diesem Jahr nach Karlsruhe gezogen, wenn ich dort meinen Vertrag verlängert hätte. Zuvor hat es leider irgendwie nie gepasst. Sie hat zwei Kinder und studiert auch noch. Aber in Hamburg gibt es ja eine große Universität, und nach vier Jahren Fernbeziehung wollten wir nun endlich auch mal einen gemeinsamen Lebensmittelpunkt haben.

Ist es schwer, Beziehung und Beruf unter einen Hut zu bekommen?

Kreuzer: Sehr schwer. Im Profifußball führt man ja ein anderes Leben als beispielsweise ein Bankangestellter. Wenn ein Filialleiter aus Karlsruhe zu einer Bank nach Hamburg wechseln soll, dann hat er zumindest die Möglichkeit, Freitagabend mit dem Flieger zu seiner Familie zurückzufliegen und bis Montagmorgen zu bleiben. Diese Regelmäßigkeit ist im Fußball nicht möglich. Man hat kein freies Wochenende. Eine Fernbeziehung ist deswegen verdammt viel Arbeit für alle Beteiligten. Das muss auch unser Trainer Thorsten Fink wissen. Er und seine Frau haben sich ja entschlossen, dass das gemeinsame Haus in München der Lebensmittelpunkt der Familie sein soll. Ich kann das gut verstehen, allerdings ist das auch schwierig. Aber wahrscheinlich kann ihm niemand bessere Tipps über Fernbeziehungen geben als ich (lacht).

Ist das der Preis, den man für den Traumberuf im Profifußball zahlen muss?

Kreuzer: Ja, und es ist ein hoher Preis. Ich habe zwei Söhne aus meiner ersten Ehe, die beide noch mit meiner Ex-Frau in Basel wohnen. Als ich noch Spieler war, habe ich die beiden natürlich viel gesehen. Aber seit ich Manager bin, ist das leider nicht mehr so möglich. Auch Geburtstage habe ich häufig verpasst. Im letzten Jahr habe ich die Firmung meines Kleinen verpasst, weil der KSC gerade ein Auswärtsspiel hatte. Ich kann da ja kaum sagen: Spielt mal heute ohne mich, ich bin dann mal weg bei einer Familienfeier.

Haben Ihre Kinder Ihnen irgendwann mal einen Vorwurf gemacht?

Kreuzer: Nein, meine Söhne sind mittlerweile alt genug und verstehen, dass Papa einen etwas anderen Job hat. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Kindern, aber natürlich würde ich sie schon gerne häufiger sehen. Manchmal gibt es so viel Stress, dass ich mal zwei Tage nicht dazu komme, mit ihnen zu telefonieren. Da bekomme ich natürlich sofort ein ganz schlechtes Gewissen.

Sie kennen die schönen, aber eben auch die anstrengenden Seiten des Geschäfts. Sind Sie trotzdem stolz darauf, dass Ihr Sohn Niklas in Ihre Fußstapfen tritt?

Kreuzer: Ich freue mich für ihn, auch wenn ich ihn nie aktiv dazu gedrängt habe. Aber natürlich haben die Jungs mit mir früher immer im Garten gekickt und waren oft beim Training oder bei Spielen dabei. Da hat es mich dann nicht gewundert, dass beide gute Fußballer werden. Tim ist 16 und spielt in Basels U16, Niklas ist 20 und hat auch in Basel gespielt, will jetzt in die Bundesliga nach Deutschland wechseln.

Vor einigen Monaten war er ja auch im Probetraining beim HSV. Wäre das für Sie schwierig, wenn Ihr Sohn in Ihrer Mannschaft spielen würde?

Kreuzer: Tatsächlich soll Niklas im Probetraining einen ganz guten Eindruck hinterlassen haben. Das haben mir zumindest Thorsten Fink und Rodolfo Cardoso berichtet. Aber nach meinem Jobwechsel nach Hamburg würde ich das in der Tat unglücklich finden, wenn auch Niklas hier spielen würde. Ich glaube nicht, dass man dem Jungen so einen Gefallen tut.

Auch Sie haben Ihre Managerkarriere in Basel begonnen. Wie kam es dazu?

Kreuzer: Ich bin da so reingeschlittert, nach dem Learning-by-doing-Prinzip. Mit 36 Jahren hatte ich in Basel meine aktive Karriere beendet und wurde dann vom damaligen Präsidenten René C. Jäggi gefragt, ob ich mir die Rolle des Managers, zunächst des Teammanagers, vorstellen kann.

Und Sie haben sofort zugesagt?

Kreuzer: Ja, mir war schon als Spieler immer klar gewesen, dass mich der Job des Sportchefs reizen könnte. Ich habe zwar auch meinen Trainer-A-Schein gemacht, aber mein Fokus lag eigentlich immer im Sportmanagement. Vor meiner aktiven Karriere habe ich auch in Ketsch eine Ausbildung zum Bankkaufmann abgeschlossen. Da habe ich schon gemerkt, dass ich ganz gut mit Bilanzen und Geld umgehen kann.

Wie ist Ihr Verhältnis heute zu Geld?

Kreuzer: Ich denke schon, dass ich ein sehr entspanntes Verhältnis zu Geld habe. Natürlich kann ich das so sagen, weil ich auch gut verdiene.

Wird im Fußball zu sehr aufs Geld geschaut?

Kreuzer: Das mag so sein. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass die Spieler sich nicht immer vom schnellen Geld verführen lassen würden.

Zuletzt wurde über ein mögliches HSV-Interesse an Nürnbergs Timm Klose berichtet, an dem auch Wolfsburg interessiert ist. Hätte der HSV überhaupt eine Chance, finanziell mit dem solventen VfL auf Augenhöhe mitzubieten?

Kreuzer: Natürlich kann man in Wolfsburg gutes Geld verdienen, aber auch beim HSV wird niemand arm. Letztendlich muss der Spieler entscheiden, was ihm wichtig ist. Vor nicht allzu langer Zeit gab es mal eine Phase, da sind viele dem Lockruf des Geldes nach Wolfsburg gefolgt, aber nur wenige wurden glücklich. Das mag sich geändert haben, aber ein Spieler sollte generell nicht den Faktor Geld überbewerten.

Sie sind Manager und müssen Verträge aushandeln. Ist es da kein Problem, dass Sie gerade Ihren eigenen Vertrag in Karlsruhe unbedingt auflösen wollten, genauso wie Thorsten Fink seinen laufenden Vertrag zuvor in Basel zugunsten des HSV beenden wollte?

Kreuzer: Das empfinde ich nicht als Problem. So brutal das auch klingen mag, aber so ist nun mal das Geschäft.

Was würden Sie denn jetzt einem René Adler sagen, wenn er plötzlich zu Arsenal London gehen wollen würde? Das Argument, dass er einen laufenden Vertrag hat, zieht ja nicht mehr.

Kreuzer: Ich bin mir sicher, dass dieser Fall nicht eintreten wird. Aber mal ganz allgemein gesprochen gilt bei mir das Motto: Reisende soll man nicht aufhalten. Wenn ein Spieler mit laufendem Vertrag unbedingt wegwill, dann soll er eben gehen. Voraussetzung ist allerdings, dass am Ende des Tages alle Parteien zufrieden sein müssen. Das heißt also, dass ich natürlich auf eine entsprechende Ablöse bestehen müsste.

Können Sie also die Verantwortlichen des BVB nicht verstehen, die Robert Lewandowski nicht nach München wechseln lassen wollen?

Kreuzer: Das kann ich aus der Ferne nur sehr schwer beurteilen. Aber dieser Fall scheint mir speziell zu sein. Für Dortmund ist es natürlich ein großes Problem, wenn nach Mario Götze auch ein zweiter Leistungsträger zum direkten Konkurrenten geht. Am Ende des Tages müssen sich alle Parteien aber einigen.

Nach langen Verhandlungen haben sich ja auch der HSV und Karlsruhe über ihren Wechsel geeinigt. Die Einigung war aber nur möglich, weil Sie persönlich auf insgesamt 100.000 Euro verzichtet haben sollen.

Kreuzer: Ich habe ja schon gesagt, dass Geld bei mir nicht an erster Stelle steht, deswegen war es auch kein Opfer, für meinen Traumjob hier beim HSV auf eine Summe X zu verzichten. Ich gebe nicht übermäßig viel Geld für Luxusartikel aus, trage ganz normale Klamotten, fahre nur ein Auto und suche mir auch eine normale Wohnung. Als Spieler ist man da wahrscheinlich anfälliger, aber man wird ja auch älter und reifer.

Als Spieler sollen Sie auch sehr aktiv den Börsenhandel verfolgt haben.

Kreuzer: Wie viele andere habe auch ich mich damals von dem Hype um den neuen Markt und Bio-Tech anstecken lassen. Ich habe an der Börse ein paar Euro gewonnen und ein paar Euro verloren. Großen Schaden habe ich nicht verursacht. Mir hat das damals als Spieler einfach Spaß gemacht, die Fachzeitungen zu lesen und dann zu handeln. Aber nach meiner aktiven Karriere hatte ich ganz einfach keine Zeit mehr für Aktien und die Börse.

Wenn der HSV eine Aktie wäre, wie müsste man diese dann einordnen?

Kreuzer: Spekulativ mit Potenzial nach oben. Die Fachzeitungen würden für risikobewusste Anleger wohl eine Kaufempfehlung aussprechen.

Tag sechs ohne Sportchef: Kreuzer-Verhandlungen auf Sonnabend vertagt

28. Mai 2013

Die Sportchefsuche zieht sich. Nicht, weil täglich neue Kandidaten verhandelt werden, sondern vielmehr, weil sich der Karlsruher SC noch schwer tut, seinen Sportchef Oliver Kreuzer ziehen zu lassen. Noch immer steht das HSV-Angebot: 100000 Euro Ablösesumme, ein Freundschaftsspiel zuzüglich etwaiger Erfolgsprämien. Wobei mich allein letzteres schon ein wenig schmunzeln lässt. Aber egal, das Angebot hat auch beim KSC gleichbleibendes Interesse hervorgerufen: nämlich gar keins. Und deshalb ruhen die Verhandlungen.

Ein Grund, weshalb ich mich heute aus Prinzip der Berichterstattung in der Causa Kreuzer entziehen wollte. Aber irgendwie geht das nicht. Dafür ist die Position dann doch zu wichtig. Selbst die HSV-Nationalspieler in den USA beschäftigt das Thema, sie üben Kritik an der Sportchefsuche in ihrem Verein. Verteidiger Dennis Aogo sagte NDR Info: „Die wichtige Phase ist ein halbes Jahr vor der Transferperiode. Jetzt sind alle Vereine aktiv. Man muss das schon wesentlich früher machen. Das haben wir nun verpennt.“ Sein Teamkollege Marcel Jansen reagierte auf das Hin und Her in Sachen Sportchefsuche mit Sarkasmus: „Das kann mich nicht mehr frustrieren. Ich bin das schon gewohnt.“ Nationaltorwart René Adler hofft auf eine schnelle Lösung: „Das ist natürlich blöd für die Spieler. Gerade der Transfer oder Verbleib von Son steht jetzt noch an. Das ist für alle nicht optimal.“

Stimmt. Und die Aufsichtsräte merken, dass ihnen steife Brisen entgegenwehen. Für Sonntag sind schon etliche Aufrufe gestartet. Insbesondere Manfred Ertel soll auf der Mitgliederversammlung am Sonntag mit Kritik an seiner Arbeit und der Hoeneß/JVA-Entgleisung nicht verschont werden. Im Gegenteil. Es bahnt sich mal wieder eine Versammlung an, die deutlich machen wird, wie wenig momentan in diesem Verein stimmt. Zumindest strukturell kann man das sagen – denn dazu ist auch die Besetzung des Sportchefpostens zu zählen.

Dieser Verein ist aufgebläht in allen Bereichen. Angefangen bei den Aufsichtsräten, die eine zu gewichtige Rolle einnehmen. „Bei uns hören sie ein, vielleicht zwei- und maximal dreimal im Jahr etwas vom Aufsichtsrat“, hatte mir Uli Hoeneß vor einem Jahr in einem Interview gesagt, „und das ist, wenn Verträge abgesegnet und Budgetplanungen abgenommen werden. Ansonsten überlässt man uns das operative Geschäft, weil man uns vertraut.“ Und der Erfolg gibt den Bayern seit Jahrzehnten Recht. Wobei erschwerend hinzukommt, dass der FC Bayern München den Luxus genießen kann, im Aufsichtsrat honorige Vorstände größter deutscher Unternehmen wie adidas, VW, Telekom, Burda und Audi sitzen zu haben, die parallel dafür sorgen, das Geld durch ihre Unternehmen dem Verein zufließen. In München hilft der Aufsichtsrat mit seinem Einfluß auf die deutsche Wirtschaft – in Hamburg nimmt die Wirtschaft Einfluss auf den HSV. Und das ist wenig hilfreich.

Aber das ist alles nicht neu. Auch nicht die Problematik, im Sommer, in der finalen Phase der Kaderplanung, plötzlich führungslos zu sein. Ok, besser formuliert: an entscheidender Stelle unbesetzt. Und das wird auch noch dauern. Da KSC-Präsident Ingo Wellenreuther weiterhin im Türkei-Urlaub weilt übernahm sein Vize Günter Pilarsky die Geschäfte und teilte dem HSV mit, am Rande des DFB-Pokalendspiels ein Treffen arrangieren zu wollen. Bis dahin solle sich – was auch totaler Quatsch ist, weil unrealistisch – KSC-Manager Kreuzer einzig um die Badener kümmern. Ein sicher nicht ernst gemeinter Vorschlag sondern vielmehr der Versuch, dem HSV seine Macht zu verdeutlichen. Und unmittelbar bevor ich diesen Blog online stellen konnte, kam dazu folgende „SportBild“-Agentur:

„Herr Jarchow ist zwar formal nicht zuständig, hatte aber trotzdem das Bedürfnis mal mit mir zu sprechen“, sagt Wellenreuther, der zuvor stets mit dem eigentlich zuständigen HSV-Aufsichtsrat gesprochen hatte. „Herr Jarchow befürwortet Verhandlungen am Verhandlungstisch. Ein Treffen dafür ist nun für kommenden Samstag an einem neutralen Ort avisiert. Eine Bestätigung durch den Aufsichtsrat des HSV habe ich dafür aber noch nicht.“

Ob Jarchow dafür von seinen direkten Vorgesetzten ein Mandat erhalten hatte? Jarchow selbst war nicht zu erreichen. Und obgleich der erste Impuls fast natürlich war, dass sich dort neuer Ärger zwischen dem Vorstandsboss und dem AR anbahnt, scheint eine andere Variante logischer: Jarchow selbst ist momentan der sportlich entscheidende Verhandlungspartner. Sollte als Ablösesumme für Kreuzer auch ein Leihspieler vorgeschlagen werden, wäre es seine Entscheidung, zu sagen, wer das ist. Und ob es gemacht wird.

Und ein wenig später gab es dann auch Entwarnung. Der Vorgang war abgestimmt. Denn auch der Aufsichtsrat ist sich einig, dass alles andere als eine schnelle Einigung noch viel schlimmer wäre als Missachtungen interner Protokolle. Denn schon jetzt verlieren beide Klubs. Besser gesagt: Sie haben schon verloren. Kreuzer ist beim KSC nicht mehr tragbar. Und der HSV kann die verloren gegangene Zeit für wichtige Transfers nicht mehr zurückholen. Und das in der Saison, für die sowohl Trainer Thorsten Fink als auch Klubboss Carl Jarchow zuletzt einen internationalen Tabellenplatz als realistisches Ziel ausgegeben hatten. Sollte dieses Ziel verpasst werden, hätten alle Beteiligten schon wieder ein dankbares, definitiv auch gültiges Alibi: den Aufsichtsrat. Allein das würde mich als Kontrolleur schon ankotzen. Schon wieder steht uns ein Jahr bevor, in dem keiner der Verantwortlichen, weder das Trainerteam und noch weniger der Sportchef, wirklich an einem Ziel gemessen werden kann.

Am Sonntag bei der Jahreshauptversammlung sollten sich die Mitglieder dennoch erst einmal Gedanken darüber machen, inwieweit ein reines Aufsichtsrats-Bashing weiterhilft. Denn, und das habe ich schon häufiger gesagt, das Problem ist, dass die Mitglieder einen solchen Aufsichtsrat quasi selbst ins Leben gerufen haben. Die einen mit Stimmzettel, die anderen, weil sie nicht zu den Wahlen erschienen sind. Aber vor allem, indem sie Satzungsänderungen zu Strukturveränderungen immer wieder ablehnen. Schon Bernd Hoffmann wurde einst übel angezählt, als er davon sprach, die Profiabteilung auszugliedern. Warum? Weil damals die Zeit schlichtweg noch nicht reif war und über das Beispiel Abramowitsch/Chelsea schnell Ängste geschürt werden konnten. Es fehlte damals an Aufklärung. Es fehlte an einer Verdeutlichung der Folgen und Auswirkungen einer Ausgliederung, wie sie passenderweise die immer wieder als Vorbild für den aktuellen Umbruch genannte Borussia Dortmund vollzogen hat. Dort ist die Profiabteilung eigenständig – ohne Scheich und mit unbeschadetem Erhalt der jahrelangen Klubtradition. Oder habt ihr mal irgendwann irgendwas gehört oder gelesen, dass dort die Fans demonstrieren? Nein, weil es funktioniert. Sehr gut sogar.

Das allein ist sicherlich kein Persilschein für Hamburg – aber zumindest ein positives Beispiel. Und so wenig die Zeit unter Hoffmann reif war, so ist sie es jetzt. Wenn sich die Vereinsoberen die Mühe machen, ihre Mitglieder ausreichend über Kosten, Chancen und Risiken aufzuklären. Schade, dass die Zeit am Sonntag nicht dafür genutzt wird, sondern höchstwahrscheinlich dazu, den verantwortlichen ihre Fehler vorzuführen und die Kritisierten selbst vorzuführen. Denn egal wie verdient die Kritik an der HSV-Führung auch ist, nach vorn orientierte Lösungsansätze zu diskutieren würde diesem angeschlagenen HSV jetzt deutlich mehr helfen.

In diesem Sinne,
Scholle

P.S.: Interviews und weitere Meldungen findet Ihr wie immer auf unserer neuen Facebook-Seite www.facebook.com/groups/matzab. Unter anderem ist dort noch einmal die Rasant-Sendung vom Montag zum Thema Kreuzer zu sehen. Ebenso wie ein Interview mit Aufsichtsrat Ronny Wulff.

P.P.S.: Janek Sternberg verlässt den HSV – und wechselt zu Werder Bremen. Das allerdings nicht, ohne seinem Noch-Klub einen mitzugeben. Auf seiner facebookseite schreibt er:

Hey Leute,
gestern war mein letztes Training für den HSV.
Nach 6 wundervollen Jahren ist es nun Zeit für einen Tapetenwechsel. Es fällt mir schwer, denn mein Herz hat schon als kleiner Junge nur für den HSV geschlagen.
Ich finde es schade, dass Spieler aus dem eigenen Nachwuchs beim HSV nur „sehr selten“ eine Chance bekommen sich zu beweisen. Ein Geheimnis ist das ja nicht

Ich hoffe ihr unterstützt mich auch in Zukunft weiterhin. Egal wo es hingeht.
Aber ich bin mir sicher, ich kann mich da auf euch verlassen.
Ich danke euch!

Auch Heinemann weg – Aufsichtsrat will Sportchef bis 2. Juni finden

23. Mai 2013

***Der HSV hat sein letztes Testspiel in Neuruppin mit 9:0 gewonnen. Bruma (2.), Ilicevic (5.), Rudnevs (34., 49., 51.), Beister (40., 61.), Jiracek (79.) und Nafiu (89.) trafen vor 2700 Zuschauern. Das für Freitag angesetzte Abschlusstraining wurde abgesagt. Feierabend!****

Die Entlassung Frank Arnesens kam für viele zwar nicht überraschend, sorgt aber für kontroverse Diskussionen. Und das, obwohl man sich vereinsintern erstaunlich einig ist bei der Entscheidung. Dafür aber bei den Anhängern. Schuld an allem hat der Aufsichtsrat – und natürlich die Presse. Aber dazu im Anhang an diesen Blog mehr und das auch gern nur für die, die diese sinnfreie Diskussion noch nicht Leid sind.

Dabei gibt es deutlich interessanter Ansätze. Einige davon werden auf unserer neuen Facebook-Seite (www.facebook.com/groups/matzab) diskutiert. Und das häufig auch sehr ergiebig. Zum Beispiel: Wer ist der beste Nachfolger? Felix Magath? Jörg Schmadtke? Oliver Kreuzer? Oder doch Dietmar Beiersdorfer? Fragen, die auch im Aufsichtsrat diskutiert werden. Natürlich. Denn die Kontrolleure sind bemüht, die Nachfolge möglichst schnell abzuklären. Manfred Ertel verweist darauf, sich einzig dem Thema widmen zu wollen, nicht aber darüber zu sprechen. Schon gar nicht öffentlich. Und der Rest des Rates wartet die Gespräche des Personalausschusses ab. Es herrscht angespannte Ruhe – und das ist auch mal ganz gut.

Zumal wir nicht lange warten müssen. Für Sonntagnachmittag ist die nächste Aufsichtsratssitzung anberaumt. Ob bis dahin ein Nachfolger gefunden ist? Eher unwahrscheinlich. Und das, obwohl der Aufsichtsrat – zumindest ein Teil davon – sehr bemüht ist, die Thematik noch vor der ordentlichen Mitgliederversammlung am 2. Juni zu klären. „Klar ist aber auch, dass wir uns nicht nur des Termines wegen schnell entscheiden sondern alles im Sinne des Vereins machen“, sagt ein Aufsichtsrat, „und wenn das bedeutet, am 2. Juni auf den Deckel zu bekommen, dann ist das so. Wer das nicht abkann, hätte sich nie wählen lassen dürfen.“

Stimmt. Wobei ich mir auch ohne neuen Sportchef ziemlich sicher bin, dass es verbale Haue geben wird…

Aber zurück zur Gegenwart. Es sind keine schönen Tage, diese beim HSV. Heute musste das Trainerteam einen Abgang verzeichnen: Frank Heinemann zieht es nach Bochum zu seinem Kumpel Peter Neururer. „Wir hätten gern mit ihm weiter gearbeitet“, sagt HSV-Vorstandschef Carl Jarchow, bevor er dem ehemaligen Co-Trainer viel Glück wünscht. Und der wiederum wäre gern geblieben. “Ich hatte hier zwei überragende Jahre, aber es lag kein Angebot vor.” Hintergrund: Heinemanns Vertrag wäre Ende Juni ausgelaufen. Gespräche über eine Vertragsverlängerung hatten bislang nicht stattgefunden. Heinemann weiter: “Deshalb habe ich mich umgehört und von meinem guten Freund Peter Neururer vom VfL ein Angebort bekommen und zugesagt.” Wer neuer Assistent von Fink wird ist unklar. Gut möglich, dass der HSV die Position, die mit Patrick Rahmen bereits einfach besetzt ist und bleibt – nicht neu besetzt. Kosten einsparen ist das Zauberwort…

Egal wie, weshalb man nicht schon einige Monate vorher gesprochen hat? Ich weiß es nicht. Ich weiß allerdings auch nicht, weshalb ein Heinemann nicht zu dem seinerzeit noch verantwortlichen Sportchef, Frank Arnesen, gegangen ist und ihn einfach darauf angesprochen/gefragt hat. Die beiden haben sich so oft gesehen und gesprochen – ein Satz in die Richtung hätte wahrscheinlich dieses Versäumnis verhindert. Es sei denn, die Trennung war erwünscht.

Aber irgendwie passt so ein Fall zur gegenwärtigen Situation. Auch, dass sich die mal wieder arg gescholtenen Aufsichtsräte jetzt schweigen. Bis ein Ergebnis vorliegt, wollten sich alle nur auf die Suche und die Kandidaten konzentrieren. Einer der Namen: Jörg Schmadtke. Der Düsseldorfer Ex-Profi und ehemalige Hannover-Sportchef gilt neben anderen als heißester Anwärter, soll aber auch vom 1. FC Köln umworben werden. Pikant hierbei: Anfang 2013 hatte sich Schmadtke nach anhaltenden Querelen in Hannover freistellen lassen und dies mit „privaten Problemen“ begründet. Über die genauen Gründe wurde seinerzeit und wird aktuell im Aufsichtsrat des HSV diskutiert. Klar ist aber, dass Schmadtke, der auch vom 1. FC Köln umworben wird, kein Selbstgänger wird.

Zumal, das möchte ich hier anführen, eine noch bessere Idee kam aus der Schweiz. Telefonisch. Von einem absoluten Insider, wie der sympathisch klingende Herr Sch. mir versicherte. Er sei ein enger Freund von Herrn Kühne und wisse von dem Milliardär und HSV-Fan: „Herr Magath wird’s. Er bekommt von Herrn Kühne 30 Millionen Euro an die Hand und übernimmt den Laden.“ Nachfrage: Ob Kühne das Geld einfach so zahle? „Nein, er hat einen besonderen Sponsor an der Hand: einen Scheich.“ Oha, klingt wie bei 1001 Nacht. Wobei ein Märchen auch eine gelungene Abwechslung zum aktuellen Alptraum sein könnte. Aber weiter im Text. Denn es bleibt nicht allein bei Magath und 30 Millionen, denn der HSV hat noch Größeres vor: „Jupp kommt auch. Zumindest will das Herr Kühne und einige Aufsichtsräte auch.“ Welcher Jupp? „Der Heynckes natürlich. Erste Gespräche gab es bereits“, weiß Herr Sch. Auf die Nachfrage, in welcher Funktion Jupp Heynckes kommen soll und was mit HSV-Trainer Thorsten Fink passiere, kam die schlüssige Antwort: „Beide machen es zusammen. Der Fink soll ja bleiben. Den wollen die nicht loswerden.“ Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: angesichts der gerade frei gewordenen Co-Trainerstelle würde das ganze auch wieder Sinn ergeben. Thorsten Fink rückt einfach eine Position zurück und arbeitet ab sofort als Assistent von und mit Don Jupp. Das hätte was…

Aber mal wieder, zurück zur Realität. Und die stellt mir eine Frage: wer leitet aktuell und bis zur Findung des neuen Sportchefs die sportlichen Geschicke leitet, wenn Arnesen nicht mehr im Amt ist? Wer führt die Verhandlungen beispielsweise mit Heung Min Son weiter? Die Antwort: Carl Jarchow. Der Vorstandsvorsitzende soll sich heute mit Frank Arnesen treffen und eine ordentliche Übergabe vollziehen. Dabei soll Jarchow von Arnesen in allen Verhandlungssachen auf den neuesten Stand gebracht werden.

Der Vorstandsvorsitzende als Sportchef: Eine Situation, die ich noch aus dem Juni 2009 erinnere. Damals musste Arnesens Vorgänger Dietmar Beiersdorfer gehen und Klubboss Bernd Hoffmann übernahm auch den sportlichen Part. Mit mäßigem Erfolg versuchte sich der Marketingexperte als Sportchef und musste dies länger machen, als ihm selbst lieb war, da kein neuer Sportchef gefunden wurde. Bis im Mai 2010 Interimslösung Bastian Reinhardt präsentiert wurde, dem wiederum mit Armin Veh ein erfahrener Trainer zur Seite gestellt wurde. Aber auch dieses Konstrukt hielt nicht einmal ein Jahr – bis Arnesen kam.

Der ist allerdings schon wieder weg. Nach zwei Jahren soll der Vertrag jetzt aufgelöst werden. Die Gespräche darüber laufen derzeit noch, es deutet aber vieles darauf hin, das der Däne einen Großteil seines ausstehenden Jahresgehaltes von zwei Millionen Euro bis Juni 2014 als Abfindung bekommt. Denkbar ist auch, dass der Vertrag einfach weiterläuft. Denn dann müsste sich Arnesen beim HSV melden, sollte er einen neuen Job antreten wollen.

Gemeldet haben sich auch verschiedene Aufsichtsräte bei Felix Magath und Dietmar Beiersdorfer. Offensichtlich gibt es im Kontrollgremium eine nicht gerade kleine Fraktion, die sich einen alten Bekannten nach Hamburg zurückwünscht – und das würde auf beide Kandidaten zutreffen. Gemeldet hat sich auch Dietmar Beiersdorfer, den ich in Russland erreicht habe. Allerdings wollte sich der Sportchef von Zenit St. Petersburg nicht zum Thema HSV-Sportchef äußern, da er in Russland unter Vertrag steht. Mehr als ein „Grundsätzlich interessiert mich immer alles, was beim HSV passiert“, war Beiersdorfer nicht zu entlocken.

Und obwohl ich glaube, dass Beiersdorfer absolut interessiert ist, nach Hamburg zu seiner hier lebenden Familie und zum HSV zurückzukehren, bin ich mir auch sicher, dass er nichts riskieren wird. Ähnlich wie der einstige Topkandidat Andreas Rettig, der plötzlich seinem Arbeitgeber DFL erklären musste, ob er tatsächlich mit dem HSV verhandele und deshalb dem HSV absagte, bevor er seinen Job bei der DFL riskierte. Beiersdorfer gilt als absolut loyaler Typ, der zu seinem Wort steht. Auch bei St. Petersburg, dessen Saison im Juni endet.

Ich weiß aber inzwischen auch, dass Beiersdorfer innerhalb des Aufsichtsrates ein sehr hohes Ansehen genießt. Gut möglich, dass sich der Personalausschuss der Kontrolleure in den nächsten Tagen auch offiziell und mit Aufsichtsratsmandat um den ehemaligen Sportchef des HSV bemüht.

Abschließen möchte ich diesen Blog – zumal im Nachklapp noch mal etwas kontrovers – mit versöhnlichen Worten von Frank Arnesen, der sich via hsv.de zu Wort meldete:

Liebe Fans, Partner, Sponsoren und Freunde des HSV!

Ich möchte mich an dieser Stelle bei Ihnen allen für zwei sehr interessante und intensive Jahre bedanken.

Natürlich bin ich enttäuscht darüber, dass ich meinen Vertrag nicht bis zum Ende erfüllen werde. Aber ich kann die Entscheidung des Vereins respektieren und akzeptiere sie auch.

Da klar war, dass mein Vertrag kommenden Sommer nicht verlängert worden wäre, kann ich auch nachvollziehen, dass die Entscheidung jetzt so getroffen wurde. Ansonsten hätte es ständig Unruhe und Spekulationen gegeben.

Wir hatten schwere Momente zu überstehen und haben auch schöne Momente gemeinsam erlebt. Alles in allem war die Zeit beim HSV eine sehr gute Erfahrung für mich.

Der Verein ist aus meiner Sicht auf einem guten Weg. Mit dem siebten Platz haben wir das vor der Saison gesteckte Ziel erreicht. Ich hoffe, dass mein Nachfolger die Dinge in Ruhe weiterentwickeln kann. Dann wird der HSV schon bald wieder dauerhaft im internationalen Geschäft dabei sein, was mich sehr freuen würde.

Ich hatte am Mittwochabend ein freundschaftliches Gespräch mit dem Personalausschuss des Aufsichtsrates, in dem wir die Trennung professionell besprochen haben. So können wir vernünftig auseinander gehen.

Nochmals vielen Dank an alle. Auch an meine Vorstandskollegen, Mannschaft, Trainer und Mitarbeiter des HSV.

Viel Erfolg für die Zukunft.

Frank Arnesen

In diesem Sinne, Dir auch alles Gute, Frank! Und Euch sage ich: bis morgen. Da meldet sich dann Dieter wieder bei Euch.

Scholle

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Wer die Diskussion um Dieters und meine Rolle im HSV-Geschehen ebenso Leid ist wie ich, der/die kann sich an dieser Stelle ausklinken. Wer noch nicht weiß, dass wir nicht als Fans oder HSV-Offizielle bloggen und sich über unsere Kritik am Klub, an einzelnen und der Darstellung der Indiskretionen ärgert, kann gern weiterlesen. Für mich ist das Thema mit dem Punkt am Ende des letzten Satzes beendet.

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Aber: Einige Unbelehrbare wie „Ostermann“ („Mann, Scholle, ist das armselig.
Gestern noch den Sportchef denunziert, quasi verbal bespuckt und getreten und heute die öffentliche Demission als Posse anderer bezeichnen.
Würg!) schaffen es einfach nicht, den Beruf des Journalisten einzustufen. Ich bin einer und sicher nicht dafür verantwortlich, dass es dem HSV schlecht geht. Das machen die Verantwortlichen höchstselbst. Ich bin auf der anderen Seite auch nicht dafür verantwortlich, dass es dem Klub gut geht. So viel Einfluss habe ich nicht, will ich nicht und bekomme ich auch nicht. Ich bin ein Berichterstatter, der sich über HSV-Siege freut. Oder bedarf es einer noch genaueren Erklärung?

Vor allem aber: Wo bitte habe ich Arnesen denunziert, „Ostermann“? Ihr verlangt von mir, alles zigfach zu überdenken, ehe ich es poste. Und macht das selbst dann nicht. Vor allem: Wer bist Du, mir sowas vorzuwerfen? Kennen wir uns? Habe ich Dir gegenüber jemals etwas schlechtes über Frank Arnesen – zudem noch hinter seinem Rücken gesagt? Weißt Du vielleicht sogar mehr als ich über mich? Nein! Definitiv nicht. Im Gegenteil: Ich schreibe meine Gedanken in einem als personalisiert gekennzeichneten Blog auf. Für alle sicht- und lesbar. Auch für Arnesen. Und vor allem: Ich spreche sogar ehrlich und persönlich mit Frank Arnesen darüber. Und der mag nicht gern kritisiert werden, wer mag das schon?! Aber er mag es, wenn man ehrlich mit ihm umgeht. Und genau deshalb haben wir selbst jetzt noch ein sehr gutes und professionelles Verhältnis zueinander. Da fließt kein böses Blut, da ist nichts zu sehen von „absägen“ oder gar „denunzieren“.

Im Gegenteil. Nur ein Beispiel von vielen: Ich habe Arnesen im Trainingslager im Januar 2012 gefragt, ob er die Bundesliga unterschätzt hat. Weil ich das Gefühl hatte, dass dem so war. Die Frage an sich ist schon ein harter Kritikpunkt. Aber Arnesen war nicht sauer und hat ehrlich geantwortet: ja. Und obwohl es ein wunderbar offenes und ehrliches Gespräch war, habe ich selbstverständlich geschrieben, dass das ein großer Fehler des Sportchefs war und dass das einige Einkäufe nachträglich erklärt. Und wisst Ihr was? Selbst damit kam Arnesen klar. Er sprach weiterhin offen und ehrlich mit mir. So, wie mit fast allen anderen Journalisten auch. Er war nicht immer meiner Meinung, sah einiges anders – aber das war klar und absolut okay. Darüber wurde dann kurz diskutiert, ohne sich jemals zu verunglimpfen. Weil es normal ist. Weil es auch richtig so ist. Und genau so komme ich damit wunderbar klar. Nicht anders.

Danke.

Hrubesch und Jahn: In der HSV-Nachwuchsarbeit fehlt es an Ehrlichkeit und Kompetenz

22. März 2013

Nichts. Kein Spieler, kein Funktionär, kein Training – beim HSV passiert aktuell nichts. 15 Akteure schnüren ihre Fußballschuhe für ihr jeweiliges Land – der Rest macht frei. Michael Schröder nicht. Der muss arbeiten. Und das nicht zu knapp. Der neue Nachwuchsleiter tritt ein hartes Erbe an. Und dafür bedarf es eigentlich Tage, die 25 Stunden haben. Und er braucht Hilfe von außen, von Leuten, die in diesem Bereich lange arbeiten und die Hamburg kennen. So einer wäre Horst Hrubesch. Das HSV-Idol der Achtzigerjahre war am Montag zu Gast in Hamburg. Einige Blogger waren beim Oddset-Talk mit dem Hamburger Fußballverband und Dieter Matz auch dabei. Und die meisten haben sich immer wieder gefragt: Warum hat er HSV nie versucht, Horst Hrubesch zum HSV zu lotsen? Zumindest habe ich mir und den HSV-Verantwortlichen genau diese Frage schon des Öfteren gestellt.

Immerhin verfügt Hrubesch, der von 1978 bis 1983 beim HSV spielte und Torschützenkönig („Banane Manni – ich Kopf – Tor“) der Saison 1981/1982 wurde, arbeitet mit einer Unterbrechung seit 1998 für den Juniorenbereich des DFB. Die kurze Ära als Co-Trainer von Erich Ribbeck bei der EM 2000 lasse ich mal unerwähnt… Egal wie, auf jeden Fall aber ist Hrubesch seit nunmehr fast 15 Jahren als Angestellter des DFB für den bundesdeutschen Nachwuchs zuständig. Hrubesch war dabei, als der DFB zusammen mit der DFL 2000 das neue Jugendkonzept (Verpflichtung der Bundesligisten zur Errichtung von Leistungszentren sowie Gründung der bundesweiten DFB-Stützpunkte) verabschiedete. Und er ist beim HSV noch immer sehr nah. Obgleich es ihm nicht leicht gemacht wird.

Was im ersten Moment parteiisch aufgeschrieben wirkt, ist tatsächlich meine Überzeugung. Und die habe ich in nunmehr dutzenden Gesprächen mit den verschiedenen Verantwortlichen, von dem viel zu früh verstorbenen Werner Hackmann, Holger Hieronymus, über Bernd Hoffmann und Dietmar Beiersdorfer bis zum heutigen Klubboss Carl Jarchow samt Frank Arnesen gewonnen. Alle wie sie da waren und noch immer sind, haben die Sinnhaftigkeit erkannt, mit ehemaligen Größen den Nachwuchsbereich qualitativ anzuheben. Nur erkennbar gemacht hat bislang keiner was. Oder besser: es wurde zu wenig gemacht. Horst Hrubesch beispielsweise wurde nur einmal um Rat gebeten. „Dietmar Beiersdorfer hat mich mal gefragt, ob ich dem HSV helfen würde. Ich habe natürlich ja gesagt und wir haben gesprochen.“ Allerdings genau einmal. Ansonsten gab es nur losen Kontakt. Ausgenommen diesen einen Anruf von Hoffmann vor den Halbfinals in der Europa League, über den Hrubesch heute lieber nicht mehr sprechen will…

Nein, als Übergangslösung ist Hrubesch nicht zu haben. Im Gegenteil. Das einstige Kopfballungeheuer setzt auf Konstanz, hofft genau darauf auch bei seinem HSV. „Es ist nicht wichtig, ob ich da bin oder jemand anders“, sagt Hrubesch, „es zählt nur, dass der Verein eine einheitliche Philosophie vertritt. So, wie es am Anfang der Saison 2011/2012 wirkte. Von Oenning bis hin zu Fink setzte der Verein auf junge Trainer und junge Spieler.“ Ein Umstand, der ebenso aus der Not heraus geboren war, wie er Hrubesch gefiel. „Es wirkte einheitlich und klar. Aber diesen Weg muss man klarer gehen, der muss deutlicher erkennbar werden.“ Rafael van der Vaart, Milan Badelj und Petr Jiracek passten da nicht sofort ins Bild, das sich weiter verziehen könnte. Hrubesch: „Jetzt muss der HSV zu Bayern und hat danach auch noch einige unangenehme Aufgaben vor sich. Welchen Weg geht der HSV, wenn er sich nicht international qualifiziert?“

Horst Hrubesch macht sich Sorgen. Das bundesweit kolportierte Bild vom HSV („Ich beurteile das natürlich nur als Außenstehender“) gefällt ihm nicht. Gerade das Thema Nachwuchsarbeit, sein Steckenpferd, bereitet ihm Kopfzerbrechen. „Ich frage mich oft: Was passt da überhaupt?“ Insbesondere der Fall Levin Öztunali habe ihn wieder aus allen Wolken gerissen. „Dass der Junge ein richtig Guter ist, war lange vorher bekannt. Trotzdem hat sich der HSV erst spät bemüht. Dass der Spieler dann aber, wo sein Vertrag am Saisonende ausläuft, für einen anderen Club entscheidet, halte ich für völlig legitim. Nicht aber, ihn fortan vom Spielbetrieb auszuschließen. Da verstehe ich Uwe, dass er sauer wird. Mit dieser Art habe ich auch ein Problem. Welches Elternteil vertraut diesem Verein – bei der heutzutage so großen Konkurrenz – denn seinen Jungen an, wenn so etwas passiert? Da herrscht einfach kein Vertrauen. Da fehlt mir Ehrlichkeit.“

Die Vertrauensbasis zerstört ist auch zwischen dem HSV und dem Hamburger Fußballverband. Vor knapp zwei Jahren hatte sich der HSV von der Abstellung seiner Spieler für das Verbandstraining losgesagt – und war damit auf Konfrontationskurs mit Verbandstrainer Uwe Jahn gegangen. „Ich habe viel unternommen, Gespräche gesucht und geführt – alles erfolglos. Jetzt führe ich keine Gespräche mehr, sofern der HSV kein Interesse daran annonciert.“ Einzig mit einigen Trainern aus dem HSV-Nachwuchsbereich habe sich das Verhältnis normalisiert, dort würden Spieler das Verbandstraining besuchen dürfen. „Aber ansonsten verhält sich der HSV äußerst ungeschickt“, so Jahn, der vor allem mangelnde Kompetenz beim HSV ausgemacht hat. „Mir fehlt bei den handelnden Personen die Kompetenz und vor allem die Kenntnis, bei den Jugendlichen Prognosen zu stellen.“ Umso bitterer sei es, dass sich der HSV durch sein Abkanzeln auch die Hilfe der Verbandstrainer nimmt. „Die Ausbildung ist lückenhaft. Mentale Ausbildung kaum gegeben“, kritisiert Jahn Dinge, die inzwischen allseits bekannt sind. Dabei sieht sich der HSV doch korrekterweise als Wirtschaftsunternehmen. Er handelt nur nicht danach. Denn in jedem größeren Unternehmen würde eine Analyse der Schwachstellen vorgenommen und dort investiert, wo die Prognose am besten ist.“ Insofern wundere es ihn nicht, dass der HSV seinen Nachwuchsetat weiter zusammenkürzt. „Und das in einer finanziell derart angespannten Phase, wo der HSV quasi verpflichtet ist, insbesondere diesen Bereich zu stärken.“

Von Außenstehenden ist tatsächlich nur sehr wenig Gutes zu hören über den HSV-Nachwuchs. Und auch ehemalige Mitarbeiter sprechen von eher wachsenden Problemen. Die Hoffnung, dass Michael Schröder diesen Problemberg beheben kann, ist bei vielen nur gering. Und das weniger, weil man es dem Ex-Profi nicht zutraut. Jahn: „Nein, beim HSV fehlt eine klare Philosophie, die vom Präsidenten oder in diesem Fall vom Vorstandsvorsitzenden mitgeteilt und ausgegeben wird. Und vor allem muss der Club zu dieser Philosophie stehen. Und das ist nicht der Fall. Wie sonst ist es zu erklären, dass seit Jahren aus Hamburg kaum mehr was kommt? Aktuell haben wir noch Jonathan Tah in der U17, der beim HSV spielt. Anschließend wird es in den Nationalmannschaften aber schon sehr dünn.“ Dass dies zu Zeiten Beiersdorfer/Hoffmann anders war, will Hrubesch nicht gelten lassen. „Damals hat man sich die Talente aus Berlin geholt, eingekauft. Aber ausgebildet wurden die nie in Hamburg. Der HSV hat es nicht geschafft, Spieler wie Sam, Beister, Ben-Hatira, Torun und Schahin auszubilden. Das mussten sich die Spieler alle woanders holen.“ Wenn er eine Frage frei hätte, was er die HSV-Verantwortlichen fragen würde: „Ganz einfach, ich würde fragen, was der HSV vorhat und wie er das erreichen will…“

Eigentlich wollte ich heute Michael Schröder zu all diesen Punkten befragen. Immerhin hat er eine faire Chance absolut verdient. Und wer weiß, vielleicht hat der sympathische Ex-HSV-Profi ja genau diese Baustellen auf dem Zettel und sucht nach Lösungen. Zuzutrauen ist es ihm allemal. Leider konnte ich ihn nicht erreichen. Aber das werde ich nachholen. Ganz klar. Zum einen, um die Berichterstattung zu einem derart wichtigen Thema wie der Nachwuchsarbeit nicht einseitig werden zu lassen. Zum anderen aber, weil ich die Hoffnung (so naiv das sein mag) einfach nicht aufgeben will, dass die seit etlichen Jahren bekannten Probleme irgendwann auch beim HSV angegangen werden. Ob mit oder ohne Hrubesch, das ist mir dabei fast egal. Es geht um die Sache. Ich habe es nur satt, dass alle immer alle Probleme erkennen – aber niemand etwas dagegen unternimmt. Der HSV muss endlich einen starken Mann in den Vorstand holen, der die Nachwuchsarbeit zur Chefsache erklärt und der die Nachwuchsphilosophie vorgibt und vorlebt. Einen, der den Weg konsequent durchsetzt und dabei die nötige Zeit und vor allem die nötige Rückendeckung im Vorstand hat. Es wäre ein Anfang – auch, wenn das nur der erste Schritt von vielen wäre…

So, damit schließe ich den ‚Dreiteiler Nachwuchsarbeit’ und übergebe an Dieter, der morgen wieder für Euch da ist. Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende und hoffe, dass wir in den Spielen der deutschen Nationalmannschaft gezeigt bekommen, wie schön es aussehen kann, wenn Talente optimal gefördert werden…

In diesem Sinne, schönes Wochenende,
Scholle

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