Archiv für das Tag 'Hoffenheim'

Kein Grund für Euphorie – aber ein guter Weg

27. Juli 2015

Peter Knaebel (Direktor Profifussball HSV)

Peter Knaebel (Direktor Profifussball HSV)

Ich bin schon wieder da. Und ich freue mich darauf, obgleich eine Woche Pause eigentlich nicht ausreicht, um mal so richtig auszuspannen und abzuschalten. Im Gegenteil, in diesen sieben Tagen habe ich jeden Tag via Facebook, Twitter, in Telefonaten und allgemein im Internet verfolgen können, was so rund um den HSV passiert. Und immerhin gab es mit Gregoritsch endlich den lange erwarteten Vollzug sowie mit Schipplock einen weiteren neuen Angreifer zu vermelden. Dennoch fehlt noch etwas. Oder besser gesagt: sogar etwas mehr als nur ein bisschen. Den ganzen Beitrag lesen »

Lasogga schießt den HSV zum 1:1

19. Oktober 2014

Beifall nach dem Schlusspfiff – obwohl der HSV wieder den zweiten Sieg in Folge nicht geschafft hat. Trotzdem, es war ein gutes Spiel, das der „neue“ HSV mit einem 1:1 gegen den bisherigen Tabellenzweiten aus Hoffenheim beendete. Es sah in der Anfangsphase nicht gut aus, als Hoffenheim mit 1:0 führte und vor dem 2:0 stand, aber der HSV kam noch einmal zurück. Auf der Tribüne freute sich „Dittsche“-Darsteller Olli Dittrich: „Es ist schön zu sehen, wie dieser HSV kämpft, sich wehrt, nicht aufgibt, es ist deutlich zu sehen, dass dieser HSV einen neuen Geist unter der Regie von Joe Zinnbauer entwickelt hat. Früher hätten viele Spieler die Köpfe hängen lassen und auch aufgegeben.“ Genau so ist es! Der HSV hat ein neues Gesicht, und es wird nicht immer ein Gegner des Kalibers Hoffenheim kommen. An diesem Sonntag war schön zu sehen, dass dieser angeschlagene HSV, der mit einem Sieg sogar vor Borussia Dortmund gestanden hätte, sich schon mit einem so guten und starken Gegner auf Augenhöhe messen kann – das schien vor Wochen noch undenkbar. Jetzt geht es zur Hertha nach Berlin, gewiss nicht leicht, aber dennoch machbar. Erst einmal aber sollte die Freude über den Punktgewinn gegen Hoffenheim vorherrschen – und ausgelebt werden!

Für Abendblatt-Blogs



 

Das war schon ein zäher Beginn vor dem Beginn. Die S-Bahn streikte, und die Polizei offenbar auch. Auf allen Zufahrtsstraßen riesige Staus, an den Zufahrten (und Ampeln) null Polizei. Die hatte wohl auf die S-Bahn gehofft, dass die rechtzeitig fährt . . . Nee, nee, das war schon so, wie es eigentlich nicht sein sollte. Aber kommt leider immer wieder mal vor. Und wenn man bedenkt, dass der HSV in Zukunft noch einige Sonntagsspiele hat, dann graut es einem. Aber gut, so geht Politik.

 

Vor dem Anpfiff gab ein alter und guter Bekannter ein Interview für die VIP’s, das war Mehdi Mahdavikia. Lange nicht gesehen, aber schön ihn wieder mal im Volkspark zu haben, den „Flanken-Gott“. Am Tag vor dem Spiel hatte ein alter Bekannter, inzwischen aber kein guter Bekannter mehr, noch einmal zu einem Rundschlag gegen den HSV und den damaligen Sportchef Oliver Kreuzer ausgeholt – Hakan Calhanoglu. Er macht sich damit natürlich keine neuen Freunde mehr, im Gegenteil, aber ihn scheint es nicht groß zu jucken. Oder er ist ganz einfach nur schlecht beraten. Bin gespannt, ob er bis zum nächsten Heimspiel des HSV lernen wird – das findet am 1. November im Volkspark statt, gegen Leverkusen. Da wird er eventuell auch mal ein etwas anderes Echo hören. Wie schön wäre es doch, wenn die bayern-Verantwortlichen wenigstens jetzt eingreifen und ein Sprech-Verbot erteilen würden. Mal abwarten.

 

Im Stadion dann zum Anpfiff viele, viele Plätz frei. Nicht nur in der Gäste-Ecke, aber dort natürlich auch. 256 Hoffenheimer Fans waren an diesem Sonntag (!), danke DFL, dabei, somit war das ganze Dorf mit in Hamburg. Die anderen Plätze, die frei blieben, dürften auch mit dem Verkehrs-Chaos zusammenhängen Einige hatten wohl den Hals voll von Stau und Co und sind umgedreht. Was sicher auch besser war, aber nun ist auch genug, die Polizei ist ja ansonsten auch dein Freund und Helfer – in anderen Situationen.

 

Das Spiel begann dann genau so, wie man es erwartet hatte. Hoffenheim stand kompakt und lauerte auf Fehler des HSV, und die kamen und luden ein zum Kontern. Mehr als genug. Es war eine seltsame Hektik im Spiel des HSV, und die TSG-Truppe spielte auch, das muss man zugeben, einen guten Ball. Das, was dann auf die Schnelle nach vorne lief, das ist schon erste Sahne. Und jeder Hamburger konnte mal sehen, wie es ist, wenn man nach vorne Qualität fast ohne Ende hat. Da saß fast jeder Pass, da wurde raumgreifend gedribbelt und dann mustergültig nach vorne gespielt – herrlich anzusehen. Dahin muss der HSV erst noch eines Tages kommen, das geht nicht von heute auf morgen, das wird noch dauern.

 

So dann auch das 0:1 in der 15. Minute. Ballverlust von Lewis Holtby in der gegnerischen Hälfte, der HSV zu weit aufgerückt, Modeste lief sich im Rücken von Heiko Westermann frei, Johan Djourou kam zu spät – und Jarolsav Drobny ein wenig überflüssig aus seinem Tor. Als der Tscheche dann getunnelt wurde, führte Hoffenheim – und das nicht mal unverdient. Die Mannschaft hat eindeutig in dieser Saison an Klasse hinzugewonnen.

 

Sechs Minuten danach hätte es 0:2 stehen können, fast schon müssen. Freistoß von Rudy (von rechts), am langen Pfosten lauerte der lange Süle und köpfte wuchtig aus sechs Metern auf das Tor. Mit einem Super-Reflex meisterte Drobny diesen fast unhaltbaren Ball. Und erntete dafür riesigen Beifall.
Auch sein Gegenüber zeichnete sich danach zweimal aus. Baumann, der dem HSV zuletzt dreimal (als Freiburger Keeper) mit Toren half, hielt erst super gegen Rafael van der Vaart, dann auch noch den Nachschuss von Nicolai Müller – statt 1:1 nur Eckstoß (22.).

 

Der Ausgleich fiel dann aber doch. Ohne dass er sich angedeutet hatte, ohne dass er zwingend gewesen wäre. Wieder, wie zuletzt in Dortmund, war Müller der Vorbereiter. Er eroberte am Mittelkreis durch energischen Einsatz den Ball gegen Firminho, Tolgay Arslan kam an die Kugel und schickte Pierre-Michel Lasogga steil. Und der Torjäger nahm diesen Auftrag an – er lief noch einige Schritte und schoss dann an Baumann vorbei ins Netz – die Erlösung (34.).

 

Drei Szenen noch in der ersten Halbzeit, die zu erwähnen wären. In der 42. Minute Eckstoß für den HSV von rechts. Ein Balljunge warf einen zweiten Ball in den Strafraum, Baumann nahm die Kugel auf und warf ihn weiter in Richtung Elferpunkt. Klar, er wollte auf Zeit spielen. Schiedsrichter Peter Sippel sah es – und ermahnte den Keeper nur. Gelb wäre in meinen Augen besser gewesen, schade drum. Und Sekunden danach, bei einem Eckstoß von links (van der Vaart), stieg Heiko Westermann so super in die Luft und köpfte das 2:1 – hatten viele, auch ich, gedacht, aber der ball flog um Zentimeter am Tor vorbei. Bitter. Und in der Nachspielzeit leistete sich „Papa“ Tolgay Arslan noch einen dicken Klops. Ballverlust, Konter – und dann steht plötzlich Elyounoussi frei vor dem HSV-Tor. Das 1:2 schien unvermeidlich, doch Jaroslav Drobny erwies sich auch in dieser Szene als Teufelskerl. Er hielt diesen fast und eigentlich „Unhaltbaren“ – und wurde dafür enthusiastisch gefeiert, vor allem im Norden: „Drobny, Drobny, Drobny.“ Völlig berechtigt, das war eine sensationelle Tat.

 

Auch im zweiten Durchgang zuerst Hoffenheim. Firminho „nagelte“ den Ball aus 22 Metern – völlig unerwartet – an den langen Pfosten, Drobny flog, wäre aber wohl vergeblich geflogen (55.). Glück für den HSV. Neun Minuten später die Zinnbauer-Truppe vorne: Lasogga schießt aus zwölf Metern, Baumann wehrt ab, Müller stochert im Nachschuss, aber wieder ist Baumann zur Stelle. Er macht heute leider nicht einen Fehler. In der 66. Minute gab es Freistoß für den HSV, linke Strafraumecke, 18 Meter – Lasogga an den Außenpfosten, ganz leicht noch an den Außenpfosten. Pech. Es ging danach hin und her, hin und her – beide wollten das Ding hier gewinnen. Pierre-Michel Lasogga traf noch einmal aus 22 Metern die Querlatte (79.), es blieb aufregend und nass (der große Regen setzte ein) – aber es blieb auch beim 1:1. Mit diesem Punkt kann ich gut leben, beim HSV sollten sie ebenfalls so denken. Das war okay so. Danke.

 

Der HSV spielte mit: Drobny; Diekmeier (30. Götz), Djourou, Westermann, Ostrzolek; Arslan (79. Stieber), Behrami; Müller, van der Vaart (ab 66. Jansen), Holtby; Lasogga.

 

Die Einzelkritik:

 

Jaroslav Drobny war wieder in Klasse-Form, das ist Note eins, ein Glück, dass ihn der HSV da hinten drin hat. Auch wenn er beim 0:1 etwas unglücklich aussah.

 

Dennis Diekmeier verletzte sich bereits in der zweiten Minute – und humpelte bis zur 27. Minute durch das Spiel. Er hätte früher rausgemusst, aber auf der Bank haben sie wahrscheinlich auf eine „Wunderheilung“ gehofft. Nur war Diekmeier bis dahin nicht mal bei 50 Prozent. Er dürfte sich wohl etwas schwerer verletzt haben, schade, schade, denn er war gerade in großartiger Verfassung.

 

Johan Djourou spielte ganz okay, gelegentlich ging er sehr, sehr großes Risiko ein – aber es ging immer alles gut. Note drei.

 

Heiko Westermann kämpfte, ackerte und lief und rannte wie immer, leistete sich aber auch einige haarsträubende Abspielfehler, von denen er nur jeden zweiten (unter Beifall der Fans) ausbügeln konnte. Ohne diese Abspielfehler hätte er e
Ine großartige Leistung gezeigt, schade.

 

Matthias Ostrzolek war heute nicht in jener Verfassung der letzten Spiele, stand einige Male falsch und brachte kaum etwas nach vorne.

 

Tolgay Arslan mit Licht und Schatten – er wirkte mir im Training viel agiler, schneller, williger und mutiger, das konnte er diesmal nicht zeigen, obwohl er durchaus gute Szenen hatte – aber eben auch einige Schwächen (siehe Nachspielzeit Halbzeit eins).

 

Valon Behrami kniete sich voll rein, holte viele Bälle, brachte sie aber anschließend nicht an den eigenen Mann. Dennoch, er ist ein hervorragender Kämpfer und nicht aus dieser Mannschaft wegzudenken.

 

Nicolai Müller kommt – immer besser. Er nimmt sein Herz in die Hand und marschiert, wenn es angebrahct ist, er und kein anderer macht es so. Auf einen wie ihn hat das Hamburger Publikum seit Jahren gewartet.

 

Rafael van der Vaart durfte mal wieder von Anfang an, brauchte eine lange Zeit, um in dieses Spiel zu finden – als er seine besten Szenen hatte, musste er raus. Da muss noch mehr kommen.

 

Lewis Holtby fand auch erst unter großen Schwierigkeiten zu seinem Spiel, zuerst einige Abspielfehler und auch einige Schwächen im Zweikampf – siehe 0:1. Er kann es deutlich besser, aber vielleicht lag es an der Umstellung auf links (aus der Zentrale).

 

Pierre-Michel Lasogga hängte sich voll rein, auch wenn er einige Zeit benötigte, um „voll“ da zu sein. Er schoss dann „sein“ Tor und es lief besser für ihn. Traf in der 79. Minute noch die Torlatte des TSG-Gehäuses. Note drei.

 

Ashton Götz (ab 30. Min. für Diekmeier) war auf Anhieb gut drin, aber mit Beginn des zweiten Durchgangs schien er das „große Denken“ zu bekommen, und dann unterliefen ihm Fehler, die er im Training so nie machen würde. Note drei.

 

Marcell Jansen (ab 66. Min. für van der Vaart) blieb unauffällig und ohne große Szene.

 

Zoltan Stieber (ab 79. Min. für Arslan) sollte noch einmal für Schwung nach vorne sorgen, hatte auch die große Möglichkeit zum 2:1 – aber Baumann hielt seinen 14-Meter-Schuss.

 

PS: Die Zweite hat heute etwas fast Unmögliches, auf jeden Fall aber Großartiges geschafft. Sie lag beim VfR Neumünster nach zehn Minuten 0:1 zurück und kassierte in der 30. Minute die Rote Karte für Abwehrspieler Dongsu Kim. Ein Doppelschlag von Matti Steinmann und Said Benkarit (79./80.) drehte dann aber das Spiel zum 2:1-Sieg für den Tabellenführer. Nach 13 Spielen 37 Punkte und 30 Plus-Tore. Super. Und Herzlichen Glückwunsch!

 

PSPS: Wir sind gleich wieder mit „Matz ab live“ auf Sendung, wir sprechen dann natürlich über das Spiel gegen Hoffenheim. „Scholle“ und ich haben wieder zwei Gäste eingeladen, es sind bastian Reinhardt und Fabio Morena aus der Zweiten. Wäre toll, wenn Ihr wieder so zahlreich einschalten würdet wie zuletzt.
17.31 Uhr

Van der Vaart – Chance oder Risiko?

14. Oktober 2014

Oha, welche Dimensionen diese eine Personalie doch ziehen kann: Marcell Jansen. Der Linksverteidiger, der zuletzt im linken Mittelfeld vor seinem designierten Nachfolger Matthias Ostrzolek auflief, spaltet die Meinungen der Zaungäste. Ebenso wie im Kollegenkreis. Die einen wollen ihn links hinten wieder sehen. Auch einige Mannschaftskollegen des Nationalspielers sehen in ihm die beste Lösung als Linksverteidiger. Wobei ich hier sagen muss, dass im letzten Satz definitiv ein „noch“ fehlt. Denn für mich steht fest, dass Matthias Ostrzolek sich nach einem schwierigen Beginn immer besser eingefügt hat. Und seine Entwicklung ist zum einen sehr positiv, zum anderen noch lange nicht abgeschlossen. Schon allein deshalb würde ich diese zweifellos positive Entwicklung jetzt nicht mit einer Herausnahme unterbrechen. Und ich bin mir auch sicher, dass Zinnbauer das nicht machen wird.

Nein, vielmehr wird es darum gehen, ob Trainer Josef „Joe“ Zinnbauer am Sonntag gegen Hoffenheim wieder auf Jansen links offensiv und Holtby zentral setzt – oder eben auf Rafael van der Vaart hinter Lasogga. Letztgenannter agierte heute in der ersten Einheit zunächst als zentraler Mann in der vermeintlichen A-Elf (im Vergleich zum BVB-Spiel ersetzte Kacar den fehlenden Djourou, Jiracek den fehlenden Behrami) und wurde zur Halbzeit gegen Jansen gewechselt. Am Nachmittag durfte er dann durchgehend im A-Team spielen. Die Anzeichen, dass van der Vaart nach seiner Verletzungspause am Sonntag wieder in die Startelf rückt, verdichten sich somit.

Rafael van der Vaart muss derzeit um seinen Platz in der Startelf kämpfen.

Rafael van der Vaart muss derzeit um seinen Platz in der Startelf kämpfen.

Und das ist auch zu argumentieren, denn von van der Vaart kann noch immer der geniale Pass kommen. Wenn er in Szene gesetzt wird, ist er zudem auch fraglos torgefährlich, was er im Training immer wieder unter Beweis stellt. Allerdings ist die Frage, die sich mir dabei stellt die, ob sich der HSV zum jetzigen Zeitpunkt des gefühlten Aufschwungs damit nicht einer ganz massiven Stärke beraubt. Zumindest dann, wenn dafür ein Jansen rausrotiert, um dem gesetzten Holtby einen Platz auf der Außenbahn zu geben. Denn gerade Holtby hat durch seine unfassbare Laufstärke und sein aggressives Pressing dem HSV-Spiel eine Dynamik verliehen, die beim Gegner für Probleme und Respekt gesorgt hat. Dieses Pressing wird ein van der Vaart trotz seiner insgesamt noch beeindruckenden Laufleistung in Hinsicht auf die Distanz nicht mitgehen können. Dafür fehlt das Tempo in seinen Läufen.

Soll heißen: Zinnbauer steht vor einer schwierigen Entscheidung. Riskiert er einen Bruch im Spiel, wenn er van der Vaart bringt? Oder gibt er dem immer stabiler wirkenden Spiel seiner Mannschaft damit sogar noch einen Schuss Kreativität? Fragt man Pierre Michel Lasogga, ist die Antwort klar. Die einzige Spitze des HSV hofft auf die Rückkehr des Mitspielers, „den ich gesucht und hier gefunden habe“, wie er selbst es formulierte. Und ich glaube, dass neben dem aktuell-sportlichen in dieser Entscheidung auch die Perspektive eine Rolle spielt. Denn van der Vaart, dessen Vertrag 2015 ausläuft und den man im Sommer noch zu Geld hätte machen können, im Sommer zu behalten würde schnell ein teures Missverständnis, wenn man sich jetzt eingesteht, dass andere besser sind. Zumal er im kommenden Sommer ablösefrei ist.

Ebenso wie Marcell Jansen, den man dem Vernehmen nach nicht mehr so recht auf dem Zettel hat. Zumindest war zuletzt zu hören, dass der auslaufende Vertrag des Linksfußes nicht verlängert werden soll. Stattdessen wolle man auf Ostrzolek als Linksverteidiger setzen. Und ohne mich jetzt hier zum Verteidiger von Jansen zu machen – ich kann diese Entscheidung nur damit begründen, dass Jansen zu teuer ist. Sportlich jedoch hat Jansen aktuell unter den Außenverteidigern in der Bundesliga mit 60 Prozent gewonnener Zweikämpfe sogar noch immer den Topwert in einer Kategorie, die ich nicht mal als seine Kernkompetenz erachte. Denn die liegt vielmehr in der Offensive. Jansen ist für mich bislang der einzige Außenverteidiger beim HSV, der (schon allein ob seiner Schussgewalt) ein wenig Torgefahr ausstrahlt. Und er ist für mich auch noch der einzige beim HSV, der es immer wieder mal bis zur Grundlinie schafft und von dort mit scharfen Hereingaben für Gefahr sorgt. Zudem würde ich es unglücklich finden, einen Holtby plötzlich auf die Außenbahn zu schicken, nur um in der Mitte Platz zu machen für van der Vaart.

Zusammengefasst bedeutet das: Ich würde Jansen nicht rausnehmen und Holtby im Zentrum belassen. Da das Sechserduo Arslan/Behrami gegen Dortmund gut funktionierte und Hoffenheim mit Sicherheit nicht weniger Tempo im Spiel hat als Dortmund, muss ich mich trotz meines Wunsches nach van der Vaart der Realität beugen und eingestehen, dass der Kapitän aktuell (noch) keinen Platz hat in dieser neu formierten Mannschaft hat. Und so gespannt ich auch darauf bin, ob van der Vaart seinen Ankündigungen aus dem Sommer auch Taten folgen lassen kann und seinen dritten Frühling beim HSV einläutet, die Risiken mit seiner Hereinnahme sind derzeit in meinen Augen größer als die Chancen.

„Aber es ist eine gute Situation, wenn wir es uns erlauben können, so eine Diskussion überhaupt einmal zu führen. Ein van der Vaart oder ein Marcell Jansen – das ist doch mal eine Frage, die davon zeugt, dass wir Qualität haben“, sagte Dennis Diekmeier heute – und er hat natürlich Recht. Denn erst dann kann der HSV endlich mal wieder ein Spiel von der Bank aus gewinnen. Dann sind die Tage vorbei, in denen ich gedacht, gesagt und geschrieben habe, dass auch von der Bank keine Verbesserung zu erwarten war.

Auch Zinnbauer ist wenig überraschend ein Freund der großen Auswahl. Wie alle Trainer. Sagt er zumindest selbst. Und er ist ein Freund der Motivation. Heute bedeutete das, dass immer wieder kleine Spielchen in die Trainingseinheit eingebaut wurden, um das Ganze etwas aufzulockern. Allerdings scheint die Mannschaft aus sich heraus heiß genug zu sein, dem Sieg in Dortmund den ersten Heimsieg folgen zu lassen. Auch gegen ein aktuelles Spitzenteam wie Hoffenheim. „Die stehen schon zurecht da oben“, sagt Diekmeier, „wer die in den letzten Wochen hat spielen sehen, der weiß, dass das ein richtig guter Gegner ist.“ Einer, der zwar noch nicht so recht zieht (bislang sind knapp 43000 Tickets abgesetzt), der aber momentan in der Bundesliga von allen hoch gelobt wird. Der „Kaiser“ himself, Franz Beckenbauer, hatte die Sinsheimer nach deren Sieg gegen Schalke sogar zum klaren Aspiranten auf einen Champions-League-Platz erhoben.

Das gilt zwar nicht für den HSV, dennoch hoffe ich, nach dem Sieg in Dortmund auch die Serie der sieglosen Heimpartien beendet werden kann. Und damit auch die der in dieser Saison noch unbesiegten Hoffenheimer. Gute Nachrichten gibt es auf dem Weg dahin. „Die verletzten Spieler kommen alle wieder zurück. Rafa ist ein wichtiger Mann für uns, Cello hat in Dortmund ein starkes Spiel gemacht“, freut sich Diekmeier, der den verbesserten Konkurrenzkampf als einen „ganz wichtigen Baustein“ für die verbesserte Spielweise ausgemacht hat. „Wir brauchten am Anfang noch Zeit, um die späten Zugänge einzubauen und um uns zu finden. Jetzt sind wir auf einem guten Weg. Und den wollen wir gegen Hoffenheim nicht verlassen.“ Egal ob mit oder ohne van der Vaart.

In diesem Sinne, bis morgen. Dann mit Dieter. Trainiert wird um 15 Uhr an der Imtech-Arena. Ich melde mich für ein paar Tage ab und bin am Sonntag nach dem Heimsieg da.

Bis dahin,
Scholle

P.S.: Artjoms Rudnevs stieg heute Nachmittag wieder ins Mannschaftstraining ein. Für ihn rückte Brüning wieder zurück zur U23.

Macht es wie Bert – dann klappt’s auch mit Hoffenheim…

30. Januar 2014

Nach außen cool, nach innen heißblütig. So oder so ähnlich hatte sich Bert van Marwijk bei uns zu Amtsantritt vorgestellt. Und das mit dem „cool“ kann ich bestätigen. Van Marwijk fährt eigentlich nie aus der Haut. Weder im Jubel noch in der Krise. Die Kritik an seiner Person in den letzten Tagen prallt an van Marwijk scheinbar ab. „Druck gehört zu unserem Beruf dazu. Wenn man vier Spiele nacheinander verliert, zu Hause gegen Augsburg, Mainz und Schalke verliert, dann würde ja auch etwas nicht stimmen, sollte dann keine Kritik aufkommen. Es ist vielleicht auch ganz gut, wenn das jetzt passiert.“ Worte, die besser kaum gewählt sein könnten. Weil sie stimmen und negative in positive Energie umkehren. Nicht, dass ich in irgendeiner Form esoterisch veranlagt wäre, wirklich nicht! Aber auch ich war mir nicht ganz sicher, wie sich van Marwijk samt Mannschaft aus dem aktuellen Dilemma herauslösen kann, ohne großartig Schaden genommen zu haben.

Jetzt weiß ich’s.

Van Marwijk kontert. Smart sogar. Er macht das taktisch besser als seine Mannschaft auf dem Platz. Der Niederländer setzt auf Ruhe, er will keine Hektik aufkommen lassen. Immer wieder betont er, dass er fest davon überzeugt ist, dass kein Spieler nicht top motiviert ins Spiel gehen würde. Zweisamkeit? Mitnichten. Auch Verunsicherung in der Mannschaft lässt van Marwijk als Grund für die sportliche Talfahrt nicht gelten. Sogar ganz deutlich nicht: „Wenn das bei irgendeinem so ist, dann gehört der nicht auf dieses Niveau.“ Stimmt. Und deshalb schoss der Trainer dem einen oder anderen heute schon einmal mächtig vor den Bug.


Heiko Westermann zum Beispiel. Beim Abschlussspiel im Training ließ van Marwijk den gerade erst wieder genesenen Johan Djourou neben Jonathan Tah in der Innenverteidigung des A-Teams spielen. Und ohne jetzt hier eine Diskussion anfangen zu wollen, ob andere die Degradierung mehr verdient hätten als Westermann – es ist zumindest ein klares Zeichen. Ein deutliches Zeichen an alle, dass es so nicht weitergehen kann und hier niemand verschont wird. Zumal es nicht bei diesem einen Zeichen blieb. Auch Tolgay Arslan muss offenbar seinen Platz räumen. Für ihn agierte der bissige Zugang Ouasim Bouy (trainierte voll mit, obwohl ihm gerade ein Zehnagel aufgebohrt worden war) auf der Sechs neben Milan Badelj. Und van Marwijk scheint tatsächlich viel von Bouy zu halten. Auf die Frage nach Tomas Rincon, dem Inbegriff von Kampf in dieser HSV-Mannschaft, antwortete van Marwijk: „Ouasim Bouy ist auch so ein Typ.“ Punkt.

Und der wird benötigt. Das weiß auch Milan Badelj, der maßgeblich verantwortlich ist im zentral-defensiven Mittelfeld. „Wir können nicht immer erwarten, schön zu spielen und zu gewinnen. Wir brauchen auch das rustikale (er benutzte ein anderes Wort, aber sinngemäß stimmt das so…) Spiel. Gerade in unserer jetzigen Situation ist schöner Fußball nicht wichtig – jetzt zählen Zweikämpfe. Wir müssen bei unseren Fans das Vertrauen zurückgewinnen.“ Ob er das harte Spiel beherrscht? „Klar. Das kann ich.“

Na dann, es wird gebraucht in Hoffenheim am Sonnabend. Auch deshalb probierte van Marwijk im heutigen Trainingsspiel auf der linken Verteidigerposition was Neues aus. Den gegen Schalke schwachen Marcell Jansen degradierte er in die B-Elf und berief den rustikalen Innenverteidiger Slobodan Rajkovic ins A-Team auf die linke Viererkettenseite. Eben jenen Serben, der auf seine Chance brennt wie kein zweiter, wie ich Euch versichern kann. Denn im Gegensatz zu dem einen oder anderen, der der Meinung ist, ich hätte Boban mit dem harten Interview geschadet, sieht er das anders. Ich auch. Deshalb kann ich auch – aber längst nicht nur – aus Sympathiegründen sagen, dass ich mich über eine neue Chance für Rajkovic freuen würde. Denn eines ist mal klar: Slobodan Rajkovic gibt immer Vollgas. Bei dem Linksfuß weiß jeder, was er nie erwarten kann – aber man weiß auch, dass er alles gibt. Und allein das ist in der aktuellen Situation schon sehr wichtig.

Wobei es tatsächlich bitter für Jansen wäre, sollte es so kommen. Denn Marcell hatte gegen Schalke sicherlich einen rabenschwarzen Tag, galt für mich bis dato aber als einer der wenigen, der konstant brauchbare Leistungen abrufen konnte. Und ich bin mir sicher, dass van Marwijk ob seiner ausgeprägten Gelassenheit im Umgang mit dieser Krise das ähnlich sieht. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass van Marwijk einen „Führungsspieler“ abstraft, nur um hart zu wirken. Das hat er auch nicht nötig.

Nein, van Marwijk ist und bleibt sich treu. Er macht, was er für richtig hält und lässt sich nicht reinreden. Ärger nimmt er in Kauf, gehört ja auch dazu, wie er immer wieder sagt. Zumal er kein Sympathieträger sein muss, um ein guter Trainer zu sein. Er will auch gar nicht von allen gemocht werden. Er braucht Gegendruck. Er ist irgendwie wie dieser Winfried aus dem Dschungelcamp – allerdings die intelligente Variante davon. Und moderat als Fachmann auf seinem Gebiet in einer unromantischen Mission. Kurz gesagt: ein desillusionierter Realist. Van Marwijk hat erkannt, was die Uhr in Hamburg schlägt und redet nichts schön. Er weiß, dass er aus der Mannschaft etwas herausholen muss, was kaum mehr da zu sein scheint: Charakter und Selbstvertrauen. Wie er das schaffen will? „Ich weiß es nicht, dafür gibt es kein Mittel, das kann ich nicht trainieren. Denn es wird immer dasselbe sein: von jetzt auf gleich kann alles anders sein.“

Soll heißen, von jetzt auf gleich spielt die in den letzten Spielen tiefst verunsicherte Mannschaft wieder erfolgreichen Fußball. Plötzlich klappt alles. Schwankungen gehören heutzutage dazu, weil die Typen auszusterben drohen. Die heutige Fußballergeneration funktioniert nicht mehr so logisch und klar strukturiert wie früher, wo Niederlagen an der Ehre kratzten bis sie wiedergutgemacht wurden. Das sagt van Marwijk – und er hat Recht, wie ich finde. Dieter wäre jetzt in seinem Element. Dieter würde wahrscheinlich weit ausholen und locker 100 Spielertypen nennen, die es hier mal gab und die dieser HSV von heute bestens gebrauchen könnte.

Und auch ich kann sagen, dass die Spieler zu Beginn meiner Ligazeit andere Typen waren als die, die zum Ende meiner aktiven Zeit kamen. Es wurde immer unpersönlicher, die Spieler immer austauschbarer. Und dieser Zustand scheint sich bis in die höchsten Fußballerebenen durchgesetzt zu haben. Die Typen, die mit richtig Herzblut zu Werke gehen, gibt es kaum noch. Der moderne Fußballer spielt gut, solange es läuft. Und er wechselt (am besten noch höher), wenn es nicht mehr läuft. „Das hat auch mit Charakter zu tun“, klagt van Marwijk an, „heute gibt es doch gar keine Effenbergs oder Matthäus’ mehr. Die heutige Generation guckt sich doch gar nicht mehr in die Augen. Die gucken alle nur noch auf ihre Computer. Und die wenigen Typen, die es gibt, die sind unbezahlbar.“

Deshalb wolle er sich auch gar nicht erst großartig Gedanken machen, ob er einen solchen Spieler jetzt unbedingt braucht oder nicht. Auch nicht über den Stürmertypen, der er zu gern in der Mannschaft hätte – eine Mischung aus Calhanoglu und Lasogga. „Wenn es nicht möglich ist, denke ich auch gar nicht erst drüber nach. Ansonsten bekäme ich nur schlechte Laune.“

Wobei er diese Laune – ob der Tabellensituation und der öffentlichen Kritik nachvollziehbar – hat. Das merkt man, so sehr sich van Marwijk auch bemüht. Der Trainer hat bemerkt, dass hier in Hamburg mit dieser Mannschaft nicht viel zu holen ist. Er hat auch bemerkt, dass der Sportchef Kritik an ihm geäußert hat. Und das sind Dinge, die ihm nicht gefallen. Van Marwijk lässt so nicht mit sich umspringen. Er hat schließlich die längste, erfolgreichste Vita vorzuweisen – und das demonstriert er, indem er intern seine Hierarchie lebt, losgelöst von Ämtern. Kreuzer muss sich demnach erst bei ihm beweisen, nicht er sich bei Kreuzer. Ein Indiz dafür: Heute ruderte der HSV-Sportchef heute mit aller Kraft zurück. Kreuzer versuchte mit aller Macht, seinem Trainer verbal den Rücken zu stärken, nachdem er ihn dafür kritisiert hatte, den Spielern zu viel frei zu geben. „Ich verstehe die Leute, die das in einer solchen Situation komisch finden“, so Kreuzer, ehe er heute sagte: „Es liegt nicht in meiner Absicht, dem Trainer seinen Trainingsplan vorzuschreiben. Ich vertraue Bert da zu 1000 Prozent. Weil ich voll von Bert als Trainer überzeugt bin, er hat einen Plan.“

Na dann. Klingt nach Wiedergutmachungsversuch. Kommt zumindest so rüber und offenbart, dass eben doch nicht alle eine solche Krise unbeschadet überstehen.

Gelöst hat der HSV sein Problem, also das ursprüngliche, damit jedoch lange nicht. Nur zu gern würde ich van Marwijks wahren Gedanken über diese Mannschaft und diesen Verein hören. Der Niederländer hätte sicher eine ganze Menge zu erzählen. So, wie zuvor schon Frank Arnesen als Sportchef (Glückwunsch auch noch mal von dieser Stelle zum neuen Vertrag bei Metalist Charkow!) ist auch van Marwijk schnell aus der ihm geschilderten Welt beim HSV in der harten Realität gelandet. Auch der HSV-Trainer weiß, dass dieser HSV komplett umgekrempelt werden muss, sollte er irgendwann einmal bessere Zeiten erleben wollen. Van Marwijk ist allerdings schlichtweg zu sehr Profi, um sich das anmerken zu lassen…

In diesem Sinne, sollte die Mannschaft das Spiel am Sonnabend nur halb so professionell angehen wie van Marwijk seiner ersten Krise begegnet ist – es würde wohl ein ähnlich klarer Sieg wie in der Vorsaison. Und dennoch ist klar, es wäre nur ein zarter Anfang auf einem mühsamen und noch langen Weg zurück in sichere Gefilde. Denn eines weiß van Marwijk, egal aus welchen Gründen er hier die Spiele nicht gewinnt und tabellarisch abgerutscht ist – gehen muss er als erster. „So ist Fußball eben“, sagt van Marwijk. Und ich will es eigentlich nicht glauben. Aber es stimmt. Leider. Fußball ist eben doch nicht nur schön.

Scholle

P.S.: Morgen wird um 11 Uhr trainiert. Mit Tomas Rincon, der entgegen ersten Gerüchten nicht zu Cardiff wechseln wird.

P.P.S.: Das Video mit Oliver Kreuzer versuche ich seit Stunden hochzuladen – bislang erfolglos. Sollte mir das dennoch irgendwann gelingen, stelle ich es hier und auf unserer Facebookseite (www.facebook.com/groups/matzab) für Euch rein.

P.P.P.S: Michael Mancienne hat sich den Finger gebrochen und muss operiert werden. Der Engländer fällt vier Wochen aus.

“Es bringt nichts, in Panik zu verfallen”

18. August 2013

Nach einem 1:5 gibt es zwei Tage frei. Nach einem 1:6 hätte es wahrscheinlich drei Tage frei gegeben, nach einem 1:7 dann vier – oder die ganze Woche. Letzteres ist nur ein Gerücht, aber die zwei Tage sind Tatsache. Die waren schon vor dem Anpfiff vereinbart, ein 1:5 kann da den Bock auch nicht mehr umschmeißen. Wat mutt, dat mutt – sagt der Hamburger, besondere Spiele erfordern eben auch mal besondere Maßnahmen. Und vielleicht ist diese Auspann-Entscheidung ja auch genau die richtige. Aus zweierlei Gründen. Erstens wirkten die HSV-Spieler – allein durch die Reisen zur Nationalmannschaften – etwas überspielt, und zweitens erinnern wir uns doch noch an die 2:9-Niederlage von München. Danach wurde uns allen eine knallharte Analyse zum Saisonende und Aufräumarbeiten versprochen. Und was ist gekommen? So gut wie nichts. Deswegen sind diese zwei freien Tage doch viel ehrlicher. Jeder weiß genau, dass er sich von dem 1:5-Debakel erholen kann – ob nun Spieler, Verantwortliche oder auch die Fans.

Ich wünsche an dieser Stelle allen Beteiligten beste Erholung. Mir auch. Zumal ich wirklich nur schlecht und herzlich wenig geschlafen habe, nach dieser Vorführung für den HSV. 0:30 Uhr total aufgekratzt ins Bett, um 04.23 Uhr wieder wach geworden – und nur an dieses 1:5-Desaster gedacht. Wo führt das hin?

„Mir tun die Zuschauer leid, dass die für eine solche Scheiße noch Geld bezahlen müssen. Das wird eine Kackwoche und eine ganz harte Saison“, sprach Nationaltorhüter Rene Adler – das war das Erfreulichste an diesem Nachmittag – Klartext. Dabei spielt der HSV doch eigentlich wie die deutsche Nationalmannschaft. Ohne Defensive. Jedes Spiel ein Tag der offenen Tür. Schießbuden-Fußball vom Allerfeinsten. Wer nur auf Tore steht, egal für welchen Verein, der ist im Volkspark bestens aufgehoben. Da steht ein Nationaltorwart zwischen den Pfosten, und dennoch gibt es mal so locker acht Gegentreffer in nur zwei Spielen. Mit einem Dreisatz (?) könnte man sicherlich ausrechnen, wo der HSV in Sachen Gegentreffern am Ende der Saison stehen könnte. Tasmania lässt grüßen.

Dazu passend schrieb mir am 15. August der „Matz-abber“ Jörn T. aus Hamburg einen Brief (ja, auch das gibt es noch!), der mich heute (Sonntag) erreichte. Er beklagte sich darin über den HSV generell und schloss mit den Sätzen: „Ich könnte hier noch Seitenweise die Fehler und Probleme auflisten, doch ich erspar mir das, denn es würde ja doch nichts ändern. Allerdings eine Frage hätte ich noch, und wenn Sie diese für sich selbst ehrlich beantworten, dann können Sie vielleicht meine Unzufriedenheit nachvollziehen. Wann hat der HSV zuletzt ein Spiel souverän ohne Gegentor gewonnen – und ohne dass bis zum Schluss gezittert werden musste? Ich kann mich an kein solches Spiel in den letzten Jahren erinnern. Sie etwa?“

Nee, nee, wenn es nicht alles so traurig wäre, dann könnte man lachen . . .

Zumal es ja nicht nur die Defensive ist, die nicht funktioniert. Der HSV hatte diesmal fast keine Torchance. Mal abgesehen von einem Fallrückzieher und einem Weitschuss von Hakan Calhanoglu. Das ist doch auch sensationell. Weil es doch nicht gegen Bayern München, Borussia Dortmund oder Leverkusen ging, sondern „nur“ gegen Hoffenheim. Die drei Punkte von diesem Spiel waren bei vielen HSV-Fans vorher schon fest eingeplant, die drei Punkte vom kommenden Wochenende gegen Hertha BSC ebenfalls, und die drei Zähler gegen Eintracht Braunschweig selbstverständlich auch. Der HSV sollte nach vier Spieltagen ungeschlagen und mit zehn Punkten auf den Spuren der Spitzenclubs sein. War alles schon beschlossen und verkündet. Und nun das.

Der HSV steht an einem ganz gefährlichen Punkt. HSV-Fan Thomas B. schrieb mir heute, und ich stelle nur einen Ausschnitt davon rein:

. . . das klingt jetzt bestimmt komisch. Bitte entschuldigen Sie. Ich stehe noch unter Schock. Ich komme jetzt auch zum Punkt. Ich verliere meine Leidenschaft zu unserem HSV.
Ich bin ein ganz normaler Fan (auch wenn meine Frau jetzt etwas anderes behaupten würde). Ich bin verheiratet habe zwei Töchter (4-7 Jahre) und bin in einem Hamburger Unternehmen HH Leiter vom Controlling. Ich besitze seit Jahren einen Dauerkarte und verfolge das ein eine oder andere Auswärtsspiel live im Stadion. Aber ich bin an einem Punkt angelangt bzw. stehe kurz davor, dass mich das Ergebnis und somit unser HSV nicht mehr interessiert. Früher habe ich gelitten mich gefreut. Was für tolle Spiele haben wir in unserem Stadion gesehen.

Ich habe meine beiden Töchter am Tage ihrer Geburt beim HSV angemeldet. Meine Frau fragte mich ob ich verrückt sei. Ich sagte nur – Wir sind alle HSVer. Leider schwindet dieses Gefühl. Ich bin Fan von diesem Verein. Mittlerweile glaube ich aber, dass ich Fan von der Vergangenheit bin. Aber diese ist leider vorbei. Ich kann es einfach nicht verstehen warum sich eine Mannschaft 20 Minuten vor Schluss aufgibt. In dieser Zeit hätte man noch etwas drehen können. Wie kann ein Kapitän sich auswechseln lassen. Ich war selber mal Kapitän… Ich wäre nie vom Platz gegangen selbst wenn mir ein Bein gefehlt hätte. Was muss noch alles passieren?

Ich finde es beeindruckend, dass immer noch knapp 50 000 Zuschauer zu unseren Heimspielen kommen. Aber es werden immer weniger. Warum erkennt keiner das Potenzial von diesem Verein?
Ich könnte Ihnen noch soviel schreiben. Der Höhepunkt gestern war gar nicht das Spiel, sondern Hr. Ertel beim Stimmenfang zu beobachten. Mein Kumpel und ich dachten nur – der Gute hat es aber nötig – 15 bis 18 J. Jungen von sich zu überzeugen . . .

HCS schrieb:

698 km An- und 698 km Rückreise per PKW. Hundert Euro für die Karten bezahlt. Sechs Treffer bei herrlichem Fußballwetter erlebt. Warum kann ich mich eigentlich nicht freuen? Ach ja, weil ich HSV Mitglied bin und weil meine “Lieblinge” pomadig, arrogant, ohne Laufbereitschaft aufgetreten sind. Quer, zurück, einen Meter vor und wieder von vorne. Nur gut das die TSG nicht alle Fehler genutzt hat. Und trotzdem hatte das ganze einen Sinn. Seit heute verstehe ich die Motzer an dieser Stelle denn das heute, das war grausam unterirdisch. Einer Bundesligamannschaft einfach nur unwürdig. Jeder Arbeitnehmer würde nach so einem Auftritt Konsequenzen bekommen.

Hamburg-rulez schrieb:

Ganz ehrlich… ich bin jetzt richtig HSV Müde… dieser Verein hat es geschafft meine Liebe zu zerstören….
unser Bild nach außen und unsere Führung sind einfach nur noch das letzte. und ganz ehrlich ich kann diesen Fink nicht mehr sehen und hören…. Wie der aufstellt und wechselt kann kein Mensch nach vollziehen…. wir
brauchen einen Vollbluttrainer… Ich werde jetzt am we meine Zeit besser nutzen…. Solange Spieler wie Westermann, Zoua, vdV, Jansen, Dickmeier und Arslan spielen dürfen, werden wir nichts reißen…. Dieter hat gefragt, warum die Leute die Lust an diesem Verein verlieren, schau einfach mal ohne HSV-Brille die Spiele, Dieter!

Die Ruhrpottraute schrieb:

Was genau wurde in der Vorbereitung eigentlich trainiert? Wo genau lagen nochmal die Probleme in der Vorsaison? Ach genau wir haben 1. viel Ballbesitz und wissen damit nichts anzufangen und 2. kriegen wir ständige Gegentore durch Konter und Standards.

Was davon ist besser geworden? Moment… nichts!!!!

Das muss Fink doch auch erkannt haben, dass wir uns immer gegen die gleichen Mannschaften zu Hause so schwer tun. Ich glaube alle lieben es nach HH zu fahren Auswärts. Schön kompakt stehen und ein wenig Druck auf die IV und den 6er der sich fallen lässt. Dann wartet man auf den Fehlpass oder eine Standartsituation und nimmt die 3 Punkte mit. Ich könnte echt ausrasten. Jeder Zweitligist stellt uns so vor Probleme. Klar sah das auf Schalke gut aus aber warum? Weil die genauso schlecht sind (siehe 4:0) und weil wir da Auswärts spielen und ein wenig mehr Raum bekommen als zu Hause. Vielleicht sollte man jetzt mal anderen Spielern die Chance geben. Jiracek, Rincon, Skjelbred etc. Wenn nicht jetzt, wann dann? Und bitte bitte endlich diese Scheiß-Ballbesitzstrategie aufgeben. Wir sind nicht FC Barcelona und Arslan ist kein Schweini.

Ach und so nebenbei bemerkt warum genau sollen wir dieses Jahr besser sein als letztes? Son weg und das einzige was Sobiech besser kann als Slobo oder Michael ist die Sprache. Mit dieser Taktik wird es einfach nichts werden.

Das war nur ein kleiner Querschnitt aus den Beiträgen der „Matz-abber“. Und ich kann diese Aufgeregtheiten schon verstehen. So darf sich eine Mannschaft einfach nicht präsentieren – so nicht! Ich weiß ja nicht, wie es nach dem Spiel in der Kabine war, aber der Sportchef sagte, es war total ruhig. Im Gegenteil dazu wurde es in den Presserunden lauter. Ich bekomme das ja nicht mehr mit, weil ich dann auf den Weg zu „Matz-ab-live“ bin, aber die DPA schreibt:

. . . Thorsten Fink rastete nach unbequemen Reporterfragen komplett aus. Der 1:5-Offenbarungseid gegen den vorjährigen Fast-Absteiger 1899 Hoffenheim und insgesamt acht Gegentore in zwei Partien zum Saisonstart trieben dem Trainer des Hamburger SV die Zornesröte ins Gesicht: „Das war Scheiße, aber ich kann nicht aufgeben.“ Er fühlt sich von seinen Profis im Stich gelassen. „Nein, es lag nicht an der taktischen Ausrichtung, der Gegner war technisch besser und schneller“, stellte Fink fest und brüllte los: „Ich bin nicht genervt, ich bin kampfeslustig“. Auch der Niederländer van der Vaart bekam sein Fett weg: „Ich habe gehofft, dass Rafael das noch mit Erfolg rumreißen kann . . .“

Aber der Kapitän blieb diesmal blass, wurde auch noch in der 80. Minute ausgewechselt (als dritter Wechsel) und dabei von vielen Fans gnadenlos ausgepfiffen. Vielleicht aus deswegen, weil Rafael van der Vaart bei seiner Auswechslung stinksauer die Spielführerbinde einfach und lustlos aufs Spielfeld geworfen hatte. „Da kann man mal drüber weg sehen, es gibt Schlimmeres“, sagte Sportdirektor Oliver Kreuzer, der eher alle HSV-Routiniers kritisierte. Allerdings scheint Kreuzers Kabinenpredigt nach der 0:4-Blamage im Benefizspiel bei Dynamo Dresden (vor zweieinhalb Wochen) schon wieder und vor allen Dingen auch recht schnell verpufft.

Quo vadis, HSV?

Aus Angst vor dem Abstieg wurden im Vorjahr zu dieser Zeit schnell noch zwei Spieler verpflichtet und ein Berg Schulden angehäuft, van der Vaart und Jiracek kamen als Soforthilfe. Und diesmal? Die Kasse ist, wir schreiben es hier Woche für Woche, beinahe Tag für Tag, wer will das noch lesen und hören? Die Kasse ist so etwas restlos leer, restloser geht es gar nicht. Restlos! Restlos leer! „Verstärkung kann man nur holen, wenn man Geld hat“, sagte auch Thorsten Fink am Sonnabend. Und Oliver Kreuzer gab zu: „Es bringt jetzt nichts, in Panik zu verfallen und fünf neue Spieler zu holen – zumal wir das Geld dazu gar nicht haben.“ Dem ZDF (und dem Kollegen Nils Kaben) hatte Kreuzer am Tag zuvor noch gesagt: „Die Mannschaft von heute braucht Verstärkung, die Mannschaft, die 3:3 auf Schalke spielte, braucht keine Verstärkung.“ Na denn, suchen wir es uns aus, welche Mannschaft wir bevorzugen . . .

Thorsten Fink resümierte nach dem Debakel: „Die Mannschaft lässt mich seit eindreiviertel Jahren nicht einmal zwei bis drei Spieltage durchatmen.“ Und weiter: „Unser Defensiv-Verhalten war sehr, sehr, sehr schlecht. Das war ein Lehrbeispiel, wie man es nicht macht. Wir brauchen nichts zu beschönigen, ganz klar, müssen aber trotzdem nach vorne schauen und uns den Kredit bei den Fans zurückholen.“ Dann sagte Fink auch: „Die Saisonziele werden nicht revidiert.“ Oliver Kreuzer sagte zu diesem nicht ganz unwichtigen Punkt: „Mit dieser Leistung von gestern, das ist ganz klar, haben wir da oben nichts zu suchen. Mit der Leistung von gestern reicht es sicherlich nicht. Aber wenn die Mannschaft in der Lage ist, die Leistung, die sie eine Woche vorher gebracht hat, in 30 oder 25 Spielen zu bringen, dann haben wir berechtigte Chancen auf Platz sechs.“

Kreuzer zeigte aber, das muss auch festgehalten werden, für die desaströse Leistung vom Sonnabend kein Verständnis und nahm sich am Tag nach dem Debakel auch seine Führungsspieler vor: „Wenn diese Spieler binnen einer Woche einen solchen Leistungsabfall haben, können das die anderen nicht auffangen. Man sieht dazu, dass die erfahrenen Spieler in solchen Phasen auch Probleme mit sich selbst haben und überfordert sind, Stabilität in unser Spiel zu bringen.“ Kreuzer weiter: „Wir müssen und werden dieses Spiel knallhart analysieren. Sicher kann man mal ein Spiel verlieren, aber es geht um die Art und Weise.“

Zu den zwei freien Tagen sagte Oliver Kreuzer: „Das ist eine Sache des Trainers, er wird seine Gründe haben. Thorsten ist heute in Nürnberg und schaut sich den kommenden Gegner an. Das ist seine Entscheidung.“ Teilen Sie die Entscheidung? Kreuzer: „Thorsten hat so entschieden, weil letzte Woche viele Nationalspieler unterwegs waren und es keinen freien Tag gegeben hatte. Dieser Entschluss stand schon vor dem Spiel fest. Er wollte nicht unbedingt nur aufgrund dieses Spiels seine Entscheidung zurücknehmen.“ Nach diversen Nachfragen zu diesem brisanten Thema sagte Kreuzer auch noch: „Ich habe vor dem Spiel gewusst, dass der Trainer zwei freie Tagen geben wird, das ist richtig. Dass er trotz dieses schwachen Spiels gegen Hoffenheim trotzdem frei gibt, das wusste ich auch, das haben wir nach dem Spiel besprochen. Diese Entscheidung trage ich mit.“ Und: „Alle anderen Fragen dazu müssen Sie dem Trainer stellen. Ich stelle mich jetzt nicht hier hin und stelle Entscheidungen des Trainers in Frage. Sie können den Trainer fragen, warum er so entschieden hat, welchen Sinn er darin sieht. Was mit der Mannschaft passiert, das entscheidet der Trainer.“

Ich glaube ja auch, dass eine Woche wie die vergangene, in der der HSV von vorne bis hinten gelobt und schon als neuer Meister gefeiert wird, absolut schädlich ist. Zu viel Lob (nach einem 3:3 auf Schalke) verkraften die „Stars“ nicht, das ist schon seit Jahrzehnten ein Hamburger Phänomen. Diese „Stars“ glauben dann auch tatsächlich, dass sie „Stars“ sind. Und so spielen sie dann auch. Wobei mir dann – das ist die logische Konsequenz – das Herz und die Leidenschaft völlig fehlen. Man bewegt sich wie ein „Star“, lässt die anderen laufen. In fast allen Bundesliga-Mannschaften, die ich an diesem Wochenende gesehen habe, liefen und rannten sich die Spieler die Lunge aus dem Leib. Da wird „gerötelt“ bis zum Umfallen. Nur beim HSV gibt es dann solche Spiele wie die vom Sonnabend, wo vornehm hanseatisch zu Werke gegangen wird. Gegangen im wahrsten Sinne des Wortes. Statt sich zu zerreißen und alles für die Raute zu geben, wird getrabt und oft nur zugesehen. Erschütternd.

Schlimm am Rande waren auch die Prügeleien während des Spiels und nach dem Spiel. Die machen nichts besser, eher ist das Gegenteil der Fall.

Und noch eines am Rande. Mir tränen die Augen, wenn ich vor dem Fernseher sitze und den Neu-Mönchengladbacher Max Kruse sehe. Als der noch beim FC St. Pauli spielte, wollten viele HSVer ihn in den Volkspark holen. Aber wir wissen von einem maßgeblichen Herrn des und beim HSV, der über Kruse damals befand: „Der ist zu langsam . . .“

Es klingt wie Hohn, wenn man dazu diesen langsamen HSV sieht – wie Hohn.

PS: Morgen (Montag) ist frei.

PSPS: In der Regionalliga hat die Zweite des HSV beim VfR Neumünster mit 3:1 gewonnen. Kerem Demirbay erzielte dabei das 1:0, Robert Tesche das Tor zum Endstand. Es geht doch! Glückwunsch.

17.44 Uhr

1:5 – der HSV wie ein Absteiger!

17. August 2013

Achterbahn, da bist du wieder – ein herzliches Willkommen!

Der HSV blamierte sich zum Bundesliga-Auftakt in Hamburg mit einem brutalen 1:5-Debakel gegen die TSG 1899 Hoffenheim bis auf die Knochen. Das war eine der schlimmsten Vorstellungen, die sich der Hamburger Sport-Verein im Volkspark seit Jahren eingefangen hat. So spielt, ich muss immer an Franz Beckenbauer denken, ein Absteiger. Tatsächlich, so spielt ein Absteiger. Nichts mehr vom 3:3 auf Schalke zu sehen, null Selbstbewusstsein, null mannschaftliche Geschlossenheit, null Ideen – null neuer Geist, der vorher noch angekündigt war. Alles wie gehabt. Hoffenheim war diesem HSV in allen, wirklich in allen Punkten so etwas von überlegen, das war ein Klassenunterschied. Unfassbar, aber wahr, der HSV ist in der Realität angekommen. Und was das 3:3 auf Schalke wert war, das zeigte heute das 4:0 von Wolfsburg gegen die Mannen aus Gelsenkirchen. Nein, nein, das war ein Rückfall in alte Zeiten, die eigentlich längst vorbei und vergessen sein sollten, aber in dieser Verfassung wird der HSV aufpassen müssen, dass er nicht gleich nach unten durchgereicht wird. Das war ein absolut gebrauchter Tag, der den Hamburgern – und nicht nur der Mannschaft – da angedreht worden ist. Es darf sich gesorgt werden!

Stell Dir vor, der HSV spielt – und das erste Heimspiel der neuen Saison ist nicht ausverkauft! Ist unvorstellbar? Nein, ist jetzt geschehen. Nun ist Hoffenheim ja auch nicht unbedingt ein Gegner, der zugkräftig ist, aber es war ja nicht nur die TSG-Kurve, die fast leer war. Es ist schon bedenklich, wenn der Westen und der Süd-Westen solche großen Lücken aufweist – wie diesmal. Erstes Spiel, ich wiederhole es gerne, das erste Spiel des HSV – und dann nach einem 3:3 auf Schalke . . . Nun gut, der HSV wird sich sputen müssen, um diese Lücken zu füllen. Diesmal waren noch 47 483 Zuschauer da . . . Viele davon gingen schon weit vor dem Schlusspfiff.

Im Norden sahen sie dem Spiel erstmals nach Jahren wieder ohne Zaun zu. Bravo. Dass es zur Pause da Auseinandersetzungen gegeben hat, dass die Polizei und der Ordnungsdienst erscheinen musste, ist natürlich weniger gut. Schade, schade. Vor dem Spiel traf ich HSV-Fan Jo Brauner, den ehemaligen Tagesschau-Chefsprecher. Er ist bei jedem Spiel im Volkspark, und er war, wie wohl jeder HSV-Fan, sehr optimistisch: „Ich habe auf einen 3:1-Sieg des HSV getippt.“ Mutig, mutig – noch einmal drei HSV-Tore? Oha!

Der HSV hatte Glück, dass er nicht bereits dezimiert wurde. Tolgay Arslan war letzter Mann und foulte, hart an der Strafraumgrenze (oder drauf?), den Hoffenheimer Firminho. Elfmeter? Schiedsrichter Günter Perl (Pullach) pfiff, entschied aber zum Entsetzen der Hoffenheimer nur auf Freistoß an der Strafraumkannte – und zeigte Arslan keine (!) Karte. Gelb wäre Pflicht gewesen, Rot wäre möglich gewesen. Nichts war – sehr, sehr HSV-freundlich. Aber warum nicht? Perl ist in meinen Augen noch nie ein HSV-Sympathisant gewesen – obwohl er das natürlich und selbstverständlich auch niemals sein darf. Trotzdem . . .

Ja, und trotzdem hieß es nach fünf Minuten schon 0:1. Linksflanke von Johnson, Kopfball aus fünf Metern von Firminho, der sich gegen Heiko Westermann durchsetzt – das Führungstor. Das nicht unverdiente Führungstor, denn Hoffenheim spielte besser, war beweglicher, ideenreicher, stand auch besser, trat als ein Team auf. Von Beginn an. Fast hätte es in der 12. Minute schon 0:2 gestanden, doch Rene Adler verhinderte mit einer Glanzparade das TSG-Tor. Es gab nur Eckstoß. Und die TSG 1899 spielte fortan locker weiter. Das 1:0 hatte der Mannschaft von Trainer Gisdol voll in die Karten gespielt. Clever wurde der Ball gehalten, um dann, wenn sich einer in Stellung gelaufen hatte – steil nach vorne zu spielen. Dann war beim HSV hinten Holland in Not.

Der HSV tat sich, wie in der Vorsaison, schon wieder schwer beim Spielaufbau. Zu langsam, zu behäbig, zu umständlich, zu quer, zu zurück. Hoffenheim stand, wenn sich auch Volland noch fallen ließ, mit einer Fünfer-Kette hinten, und jeder offensive Hamburger war genau markiert. So sieht Fußball aus. Wenn man dann nicht wagt (als HSV), mal einen „besetzten“ Mann anzuspielen, dann spielt man quer und zurück. Nur kann man damit keinen Blumentopf gewinnen. „Hoffenheim wird tief stehen“, hatten sie vorher beim HSV gemutmaßt, aber das Gegenteil war der Fall, Hoffenheim stand zehn Meter hinter der Mittellinie. Und außer vor Marcell Jansen musste die TSG auch vor keinem spurtstarken Hamburger Angst haben – es gibt ja keinen.

Und wenn dann auch noch so einfallslos gespielt wird, wie es Jacques Zoua machte, als er einmal auf Gegenspieler Beck zu rannte – aber nur geradeaus lief, ohne Finte, ohne Trick, ohne auch nur irgendetwas zu machen, dann darf man sich nicht wundern. Ball weg, Torgefahr gleich null – Konter läuft. Links war Jansen, das zeigte die Anfangsphase, deutlich schneller als Volland, der ihn bewachen sollte, nur wurde Jansen außer in der Anfangsphase kaum eingesetzt. Chance vertan.

In der 28. Minute eine bemerkenswerte Szene am Rande: Hoffenheim ließ sich bei der Ausführung eines Eckstoßes recht viel Zeit, diese Pause nutzte Schiedsrichter Perl, um ein Vier-Augen-Gespräch zu führen – mit Arslan. Ob es um die Szene in der ersten Minute ging? Ich glaube sehr wohl, Arslan gab dem Unparteiischen zum Schluss noch einen Klaps auf den Rücken . . .

In der 36. Minute ein kurzes Lebenszeichen von Hakan Calhanoglu, der aus 25 Metern schoss, allerdings um einen Meter vorbei. Vier Minuten später die ersten Rudnevs-Rufe aus dem Norden . . . Die sich zum Jubel entwickelten, als es plötzlich 1:1 stand. Handelfmeter, den Elyounoussi verursacht hatte – und der tatsächlich einer war. Rafael van der Vaart verwandelte eiskalt (43.). Und Halbzeit.

Und dann begann der Untergang. Erst schoss Firminho noch knapp vorbei (41.), aber dann fielen die Treffer wie reife Früchte. Arslan ließ Volland ziehen – 1:2 (50.). Danach wechselte Thorsten Fink nicht etwa Arslan aus, sondern Milan Badelj – auch sehr, sehr mutig. Zum 1:3 leistete Lasse Sobiech die „Vorarbeit“, Modeste trifft aus fünf Metern (67.). Beim 1:4, wieder von Modeste erzielt, lief Arslan noch eine Zeitlang hinterher, gab dann aber auf – eine solche Szene habe ich schon seit Jahrzehnte noch nie so eklatant gesehen – wenn überhaupt (74.). Zum 1:5 durfte wieder Firminho zulangen, der HSV hatte längst aufgegeben. Von wegen neuer Geist in der Truppe . . .

Die Einzelkritik:

Rene Adler war schuldlos – wo ist er hier nur hineingeraten?

Dennis Diekmeier vorne schwach, hinten schwach.

Lasse Sobiech begann gut, wurde nach 25 Minuten stetig mehr zu einem Unsicherheitsfaktor.

Heiko Westermann war, bei aller Liebe, diesmal schlecht – wenn auch meistens bemüht.

Marcell Jansen begann gut, ließ aber schnell nach und ging später verletzt raus.

Tolgay Arslan ein Schatten, und schon gar nicht wie Schweini. Das war eine glatte Sechs.

Milan Badelj war lange um Struktur und Spielkultur bemüht, ging dann mit unter. Aber ihn auszuwechseln? Nein, nein, das musste nicht sein.

Maximilian Beister rannte, kämpfte, aber er erhielt null Unterstützung und gab auf.

Rafael van der Vaart wollte, aber nichts gelang – und was soll er dann noch machen? In dieser Mannschaft stößt er auf zu wenig Gegenliebe.

Hakan Calhanoglu war nur einmal, in der 36. Minute zu sehen, ansonsten absolut unscheinbar.

Jacques Zoua ein Totalausfall.

Artjoms Rudnevs (ab 62. Min. für Badelj) spielte mit, war aber in dieser versagenden Truppe überfordert.

Dennis Aogo (ab 76. Min. für Jansen) spielte mit, was beim Spielstand von 1:4 absolut undankbar war.

Petr Jiracek (ab 80. Min. für van der Vaart) durfte noch einmal, aber was sollte er noch ausrichten? Nichts. So geschah es.

So, wir sind dann gleich mit „Matz-ab-live“ auf Sendung, unsere heutigen Gäste sind der ehemalige HSV-Stürmer Vahid Hashemian und unser Journalisten-Kollege Jan-Christian Müller (Frankfurter Rundschau), bekannt aus unzähligen Doppelpässen (Sport 1) und der Talkrunde auf Sky.

17.32 Uhr

Muskelfaserriss – macht Son jetzt den Beister?

3. Dezember 2012

Es gibt viele verschiedene Trainertypen. Und das ist auch gut so, da es auch sehr viele verschiedene Mannschaftskonstellationen gibt. Felix Magath beispielsweise ist ein absoluter Verfechter von Konditionstraining. Fußball spielen könnten sie alle, deshalb seien sie in einer der besten Ligen der Welt. Aber sie müssten obendrein fit sein. Am besten fitter als der Gegner, pflegt Magath zu sagen. Und wenn man sich gestern Wolfsburg angesehen hat ist man geneigt, dem ehemaligen Europapokalhelden des HSV Recht zu geben. Denn der VfL drückte ab der 60. Minute kontinuierlich. Dass es am Ende nur zu einem irregulären Tor gereicht hat – umso bitterer für den HSV.

Rene Adler, dessen Worte höchstselten bis nie undurchdacht sind, hatte sich darüber ebenso aufgeregt, wie er zuvor die Trainingseinheiten gelobt hatte. „Sensationell“ habe die Mannschaft trainiert, sagte er uns in der Runde – und erstaunte mich. Denn das, was die Mannschaft auf dem Platz machte, war sicher oft nett anzusehen – es hatte aber mit Anstrengung nur selten (bei intensiveren Spielen auf verkürztem Feld beispielsweise) zu tun. Die normalen Krafteinheiten fanden nicht öffentlich statt. Beim 1:0 gegen Mainz saß ich neben Dieter und Linne (Matthias Linnenbrügger, inzwischen Mopo), die sich darüber ärgerten, dass der HSV Mitte der zweiten Hälfte einzubrechen schien. Ein Zustand, der sich seitdem in allen Spielen hielt. „Ich habe gemerkt, dass bei mir zum Ende die Kräfte gefehlt haben“, sate Dennis Aogo nach dem 1:1 in Wolfsburg und fügte kritisch hinzu: „Unser Spiel ist sehr laufintensiv, wir versuchen alles in allerhöchstem Tempo. In der zweiten Hälfte waren wir leider oft einen Schritt zu spät.“ Und das, obwohl sich der HSV seit dem frühen Pokal-Aus in Karlsruhe nur in einem Wettbewerb befindet. Mehrfachbelastung? Fehlanzeige. Ob in letzter Zeit zu wenig Krafteinheiten absolviert werden? „Wir arbeiten viel drinnen“, entgegnet Trainer Thorsten Fink, der seither immer die erste Einheit der Woche im Kraftraum absolviert. Und eigentlich müsste Champions-League-Sieger Fink die richtige Balance zwischen Kraft- und Technikeinheiten noch aus eigener Erfahrung abschätzen können.

Insofern bleibt es Spekulation, woran es liegt, dass die Mannschaft immer ab der 60. Minute einen Gang zurückschalten muss. Ebenso spekulativ ist, wo die vermehrt vorkommenden Muskelverletzungen herrühren. Denn: Nach Rafael van der Vaart und Heung Min Son hat es binnen drei Wochen mit Maxi Beister den dritten Spieler im Spiel erwischt. Der Torschütze aus den letzten beiden Spielen zog sich in Wolfsburg einen Muskelfaserriss im hinteren linken Oberschenkel zu. Der Linksfuß fällt somit sicher gegen Hoffenheim am Freitag aus. Zudem ist sein Einsatz gegen Leverkusen im letzten Hinrundenspiel am 15. Dezember mehr als fraglich.

Bitter.

Und das große Glück für Heung Min Son, der seine Rolle als gesetzter Angreifer verloren zu haben schien. Artjoms Rudnevs und Beister hatten mit zwei Toren und einem Assist ein effektives Doppelpack im Angriff abgegeben und ihre Chance somit genutzte. Ganz im Gegensatz zum Südkoreaner, der gegen Wolfsburg nach seiner Einwechslung wie ein Fremdkörper wirkte. 13 Ballkontakte hatte Son, führte gerade mal 3 Zweikämpfe binnen 40 Minuten. Wert am unteren Limit. Dass selbst Adler als Torwart in 90 Minuten mehr lief (5,39 Km) als Son (4,66) in 40 Minuten als Feldspieler – bezeichnend. Zumal Son in einer Phase mitwirkte, in der die Mannschaft vermehrt Läufe insbesondere der gerade erst frisch eingewechselten Spieler gebraucht hätte.

Dennoch, trotz der schlechten Daten wird Son am Freitag voraussichtlich im Angriff beginnen. Zumindest deutete Fink an, sein System beibehalten zu wollen. Und nach Beisters Ausfall bliebe die Wahl zwischen Marcus Berg und Son. Und da hat Son dann nachweislich noch die Nase vorn. Der Südkoreaner, der zuletzt dem öffentlichen und aus meiner Sicht stark übertriebenen Hype um seine Person ein wenig erlegen schien, ist und bleibt ein großes Talent. Wobei ich hier gern die Worte von Frank Mackerodt aus dem „Matz-ab-Live“ vom Sonntag aufgreifen will, der da sagte, dass die Entwicklung beim HSV nicht ausreichend zu erkennen sei. Denn eines der besten Beispiele dafür ist in meinen Augen Son. Trotz der Tore.

Denn Son versteht sich noch immer nicht auf Defensivarbeit. Der Südkoreaner führt Zweikämpfe, die er so nicht mal gegen Landesligisten gewinnen würde. Offensiv lässt sich Son mit kleinen Remplern aus dem Tritt (oder zum Fallen) bringen. Und defensiv ist das kaum besser. Immer wieder zieht Son das Tempo an, als sei er festen Willens, den Ball zu erobern. Er läuft seinem Gegenspieler hinterher, holt ihn dank seiner zweifellosen Sprintstärke oft – aber er stoppt unmittelbar bevor er ihn erreichen würde. Son scheint Defensiv-Zweikämpfen regelrecht aus dem Weg zu gehen.

Weil er es nicht kann?

Es sei nicht unbedingt die Mentalität des Südkoreaners, defensiv zu arbeiten hatte uns Frank Arnesen mal erklärt und im selben Atemzug betont, dass Son das dennoch schnellstmöglich lernen müsse. Immerhin ist diese Schwäche Sons Achillesferse. Bei seiner Schussstärke links wie rechts, seiner außergewöhnlich hohen Ballfertigkeit und seiner Schnelligkeit hat Son beste Voraussetzungen als Angreifer.

Nur um eines klarzustellen: Ich halte Son mit seinen gerade mal 20 Lenzen für ein riesengroßes Talent. Allerdings ist das HSV-Spiel derzeit eher auf Lauffreudigkeit der zwei Spitzen ausgelegt. Und daran muss sich auch Son halten. Also komplett anders, als er es in Wolfsburg versucht hat. „Wir wollen früh Druck machen“, sagt Fink, „und das beginnt defensiv schon ganz vorn.“ Soll heißen: Wenn der Gegner den Ball hat, sind die beiden Angreifer sind die ersten Verteidiger. Eine Disziplin, die nur die allerwenigsten Angreifer mögen…

Allerdings ist diese Taktik, wenn sie denn auf dem Platz so umgesetzt wird, äußerst effektiv. Insbesondere gegen verunsicherte Mannschaften wie den VfL – und ziemlich sicher auch die TSG aus Hoffenheim, die gerade heute (leider!) ihren Trainer Markus Babbel entlassen hat (ich würde wetten, dass Felix Magath sehr bald in Hoffenheim Thema wird…) Sollte der HSV die ersten Minuten wieder ähnlich stark beginnen wie gegen Schalke und Wolfsburg und dazu noch die sich jeweils gebotene Chance zum 2:0 nutzen dürfte es den nächsten Dreier in der Imtech-Arena zu feiern geben. Wenn Son den Beister macht.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 15 Uhr an der Arena trainiert.

Scholle

So geht der HSV in die Zweite Liga!

11. April 2012

Es geht weiter bergab. Und zwar ganz steil! Der HSV konnte nicht nur die drei Vorlagen des Vortages, die es von Köln, Hertha und Augsburg gegeben hatte, nicht nutzen, im Gegenteil. In Sinsheim gab es gegen Hoffenheim eine ganz bittere 0:4-Klatsche, die sicher jedem Hamburger aufs Gemüt schlagen wird. Diese Pleite wird Spuren hinterlassen, ganz klar. Auch bei den Spielern, natürlich auch bei den Verantwortlichen – und bei den Fans. So spielt ein Absteiger! Ganz klar, ganz deutlich, ganz schonungslos.

Dieser HSV muss im Jahr seines 125. Geburtstages das Schlimmste befürchten, denn die Art und Weise, wie sich dieses Debakel eingefangen wurde, das spricht Bände. In dieser Truppe wurtschtelt einer still neben dem anderen her, da gibt es keinen, der die Mannschaft auffordert, sich zusammenzureißen, da gibt es keinen Mann, der lautstark motiviert und mitreißt – da gehen alle brav miteinander unter. So geht Abstiegskampf jedenfalls nicht! So geht es sehenden Auges in die Zweite Liga. Das war grausam, HSV, das war erschütternd und unterstes Niveau. In der Schlussphase erinnerte dieser miese Kick an ein Testspiel auf dem Dorf. So kann sich jeder schon mal dran gewöhnen . . .

Diese Überraschung, das gebe ich zu, hatte ich nicht drauf. Die Variante mit Tolgay Arslan und Marcus Berg hätte ich nicht gewagt zu veröffentlichen – aber manchmal spielt das Leben eben so. Trainer Thorsten Fink verzichtete auf Malden Petric – sehr, sehr mutig. Hatte der Kroate doch gerade erst seine Ladehemmungen beendet, indem er einen Elfmeter gegen Leverkusen verwandelt hatte. Und Berg war nach dem 1:1 gegen Bayer leicht angeschlagen, war er doch während des Spiels umgeknickt. Für Arslan natürlich eine tolle Geschichte, denn er feierte nach seinem Freiburg-Fauxpas nun in Sinsheim quasi seine „Wiederauferstehung“. Personell gab es dazu noch eine (erwartete) Änderung im HSV-Team, für den gesperrten Dennis Aogo kam Jacopo Sala neu in die Mannschaft – Marcell Jansen rückte zurück auf die Linksverteidiger-Position. Sala für Töre also. Weil Sala defensiv besser kann, da neigt der Deutsch-Türke doch eher mal zu Nachlässigkeiten. Und das kann sich im Abstiegskampf kein Team erlauben

Mladen Petric, so hat es Fink noch vor dem Abflug in den Süden angekündigt, wird dann auf jeden Fall am Sonnabend, im Heimspiel gegen Hannover 96, wieder in der Startelf stehen. Und noch eines muss erwähnt werden: Thorsten Fink war noch einmal mutig: Spielt Tomas Rincon auf der Sechs, dann ist das die defensivere Variante, spielt Gojko Kacar auf der Sechs (neben David Jarolim), dann ist das die offensivere Variante. Also: gegen Hoffenheim wurde offensiver gespielt. Schon mutig.

Und in den ersten zehn Minuten sah das auch noch ganz gut aus. Der HSV spielte wie eine Heimmannschaft, presste, machte Druck, ging auf jeden Ball, egal wo er war. Zehn Minuten, da schien der HSV heiß wie Frittenfett. Und er hätte sogar 1:0 führen können, denn nach Sekunden hatte Sala das Führungstor auf dem Fuß, scheiterte aber am früheren HSV-Torhüter Starke.

Danach ließ aber nicht etwa der HSV nach, dann hatte sich Hoffenheim auf die aggressive Spielweise der Hamburger eingestellt – und fightete mit, fightete zurück. Und das schien dem HSV so gar nicht zu behagen. Der Druck ließ nach, das Nachrücken ließ nach, es gab keine Ideen mehr, auch keine Einzelaktionen.

Und dann kam es, wie es kommen musste – das 0:1. Eckstoß für Hoffenheim, den bekam Sala zwar auf den Kopf, aber er beförderte ihn lediglich als Aufsetzer nach „vorne“. Hoffenheim setzte nach, David Jarolim kam gegen TSG-Abwehrspieler Vestergaard zu spät, ein wuchtiger Drehschuss aus 14 Metern, der noch mit dem Kopf von Jeffrey Bruma abgefälscht wurde – Jaroslav Drobny war chancenlos (17.). Der Anfang vom Ende. Von diesem Zeitpunkt ging es bergab. Irgendwie wirkte das alles total unsortiert, das war wie ein Hühnerhaufen. Und dau passte das 0:2. Heiko Westermann verstolperte den Ball im eigenen Strafraum, Schipplock lief hinzu – und stürzte bereitwillig über den ausgestreckten Fuß des HSV-Kapitäns. Dankbar angenommen, nennt man so etwas – in meinen Augen war das, das sage ich deutlich, kein Elfmeter. Aber der Schiedsrichter Markus Wingenbach, der dem HSV schon einmal unangenehm aufgefallen war, legte sich fest – Strafstoß. Salihovic nutzte diese Chance eiskalt und gekonnt (25.).

In der Halbzeitpause ging Drobny auf den Unparteiischen zu – und erklärte ihm einmal ganz kurz den Elfmeter – es gab Gelb für den schimpfenden Keeper, der auf dem Weg in die Kabine war.

Zu Beginn des zweiten Durchgangs kamen Petric und Gökhan Töre (für Arslan, der angeschlagen war, und für Sala, der sich einige Fehlpässe zu viel leistete). Und fast wäre dem HSV das sofortige Anschlusstor geglückt: Freistoß Töre, Kacar köpfte den Ball an die Torlatte, den Abpraller wollte Westermann einköpfen – aber es kam das lange und hohe Bein von Firmino. Das war ein Elfmeter, auf jeden Fall eher als der auf der Gegenseite zuvor. Aber die Pfeife schwieg . . . Bitter, wenn in einem so wichtigen Spiel für den HSV ausgerechnet einer der schwächsten Unparteiischen der Liga angesetzt werden.

Aber, um das klar zu sagen: Der HSV war absolut genau so schlecht wie Wingenbach. Oder noch schlechter. Vor dem 0:3 rutschte Bruma hinten rechts weg, dann umkurvte der Torschütze Johnson mit Kacar und Mancienne zwei Hamburger Fahnenstangen im Strafraum – Tor (51.). Hoffenheim ist eben nicht nur ein unangenehmes Pflaster für den HSV, die TSG ist irgendwie auch ein Angstgegner. Obwohl man sich einen solchen im Abstiegskampf eigentlich gar nicht leisten darf . . . Spätestens mit diesem dritten Tor war die Partie gelaufen.

Die Einzelkritik erspare ich mir diesmal. Wenn ich einen nennen müsste, der mir positiv aufgefallen ist, dann wäre es noch Michael Mancienne, der wenigstens zu Beginn hellwach war. Und ein Tscheche hat auch wieder einige Bälle mehr als andere Kollegen geholt – obwohl es auch nichts gebracht hat. Aber das war es dann auch schon mit positiven Aspekten. Es gab und gibt in diesem Team einfach zu viele Versager. Und irgendwie trat die gesamte Truppe im zweiten Durchgang wie eine Schüler-Mannschaft auf. Da ist nicht mehr viel drin, der HSV ist auf. Wo soll das noch enden? Dazu passend das 4:0. Kacar (wurde in der 70. Minute „erlöst“, für ihn kam Rincon) verdaddelte die Kugel am eigenen Strafraum, Schipplock nutzte das verspätete Ostergeschenk mit einem Linksschuss in die kurze Ecke (59.). Nicht ganz unhaltbar für meine Begriffe, aber was soll es? An diesem Tor hat es schon nicht mehr gelegen. „Wir sind die Schießbude der Nation“, hatte am Vortag noch Kölns Torwart Rensing geklagt – der HSV bietet sich in dieser Beziehung jetzt auch an. Mal sehen, wie das gegen Hannover 96 ausgeht

Ganz Hamburg muss sich jetzt warm anziehen, es kommen harte, schwere Zeiten auf die Raute zu.

Jetzt hilft nur noch beten.

Fangt schon am Sonnabend damit an, wenn Hannover 96 in den Volkspark kommt. Und dann geht es nach Nürnberg (die Schalke verhauen haben!), dann kommt Mainz 05 (haben die die Kölner nicht gerade vorgeführt?) – dann geht es nach Augsburg.

Gute Nacht.

PS: In wenigen Minuten beginnt “Matz ab live”, diesmal mit den Gästen Bastian Reinhardt (ehemals HSV-Profi) und mit Manfred Lorenz, Trainer des FC Sylt.

21.48 Uhr

Die Startelf für den Hoffenheim-Dreier steht

17. November 2011

Das sieht doch richtig gut aus. Das Aufwärmprogramm konnten beide voll mitmachen. Alle Sprints und Zweikampfübungen absolvierten die zuletzt verletzten Jeffrey Bruma und Ivo Ilicevic komplett mit. Und während der Innenverteidiger Bruma von Fink schon seit ein paar Tagen als Innenverteidiger gegen Hoffenheim eingeplant wird, wird sich Ilicevic zunächst „nur“ mit der Rolle des Reservisten zufrieden geben müssen. „Er hat sehr, sehr gut trainiert und ist schon wieder sehr spritzig. Aber wenn alle gesund sind, wird er zunächst auf der Bank sein. Und wenn wir offensiv noch was brauchen, kann er immer noch 20, 30 Minuten Druck machen.“

Und das mit einer Menge Rückenwind. Gerade mit Kroatien höchst souverän durch die EM-Playoffs marschiert, kam Ilicevic aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. „Die Stimmung bei uns ist unglaublich. Das war schon ne super Sache“, so der Kroate, der trotzdem er angeschlagen war, von Kroatiens Nationaltrainer Slaven Bilic eingeladen worden war. Eine Woche lang konnte der offensive Außenspieler schmerzfrei trainieren. „Es fehlt noch was, aber das hole ich mir in den nächsten tagen und Wochen.“

Abgewartet hat er zudem bei Gökhan Töre, der auf Seiten der türkischen Nationalmannschaft ausschied. „Direkt nach den Spielen habe ich natürlich nichts gesagt. Aber heute geht das schon. Er weiß auf jeden fall schon, dass er sich bei mir melden kann, wenn er Karten für die Euro braucht…“, flachst Ilicevic und ich will nicht wissen, was der bullige Töre mit dem 64-Kilo-Flo Ilicevic am liebsten anstellen würde. Wie es Töre geht? Fink: „Er macht einen guten Eindruck, ist gefasst.“

Obwohl, das ist Sport. Mal gewinnt man, mal verliert man. Das kann sogar so sein, dass man monatelang nicht gewinnt – wie der HSV zuhause. Und geht es nach Ilicevic, reißt diese Serie garantiert schon am Sonntag gegen Hoffenheim. „Ich sehe Hoffenheim nicht so stabil, die standen zuletzt auch zuhause gegen Kaiserlautern mächtig unter Druck. Wir schaffen es immer besser, die Philosophie des Trainers umzusetzen, also viel Ballbesitz zu haben und durch Kombinationen Torchancen zu kreieren. Ich sehe uns als die klar bessere Mannschaft – und deswegen gewinnen wir auch.“

Klingt (mal wieder) sehr gut. Zumal auch Fink sich nach den eigentlich sehr überschaubaren Trainingswochen während der Länderspielpause hoch zufrieden zeigt, seine Mannschaft wieder einen Schritt weiter wähnt. Schon allein wegen der letzten, guten Eindrücke aus dem 2:2 bei Bayer Leverkusen. „Wir haben aus dem letzten Bundesligaspiel sehr viel Vertrauen ziehen können, hatten sehr viel Ballbesitz. Und das, obwohl wir schlecht angefangen haben gegen Leverkusen, gegen die man in solchen schwierigen Momenten auch gern mal untergehen kann. Das haben wir gut gemacht.“ Zudem habe er in den zwei Testspielen gegen den Oberligisten Oststeinbek (6:1) und den Landesligisten TSV Winsen/Luhe (3:1) einige Automatismen erkennen können, die funktionierten. „Dabei“, so Fink, „ging es ums Timing. Wie beim Zusammenspiel von Zhi Gin Lam und Dennis Diekmeier, der im richtigen Moment gestartet ist.“ Auch deshalb vermeldete der HSV heute, dass die Vertragsverlängerung des kleinen Lam perfekt ist. Der rechte Mittelfeldspieler verlängerte seinen Vertrag bis 2015, wird gegen Hoffenheim allerdings zunächst nur auf der Bank sitzen.

Insgesamt gibt es hinter der Startelf gegen die TSG kaum Fragezeichen, sollten alle Spieler gesund von ihren Länderspielreisen zurückkehren. Und danach sieht es aus. Womit Fink am Sonntag lediglich eine Veränderung gegenüber der Startelf aus dem Bayer-Spiel vornehmen wird: „Wir müssen schauen, wenn Jeffrey durchhält, dann spielt er.“ Und das dann für Michael Mancienne, der auf die Bank müsste.

Das würde bedeuten, dass Fink seiner gewünschten Konstanz in der Startelf langsam näherkommt. Insbesondere die Abwehr-Viererkette bräuchte viele Spiele, um sich einzuspielen, hatte der Coach immer wieder gesagt. „Traumhaft wäre es, wenn man ein paar Spiele in Folge die gleiche Mannschaft aufbieten kann. Auch dadurch eignet sich eine Mannschaft Automatismen an und die Mannschaft ist eingespielter.“

Wie die Deutsche Nationalelf. Denn auch heute, zwei Tage nach der Gala in der Imtech-Arena, spielt das Spiel gegen die Niederländer eine Rolle. Fink zeigte seinen Spielern sogar einzelne Szenen vom 3:0. In Dreier- oder maximal Vierergruppen finden Videostudien statt. Eben auch mit dem deutschen Elitefußball. „Ich habe zwei Aktionen aus dem Spiel genommen“, so Fink, „jedes Spiel liefert Ähnlichkeiten.“ Und im Spiel der Deutschen sei so einiges gewesen, was Fink nur zu gern beim HSV sehen würde.

Klar. Wer hätte das nicht gern. Ich könnte mir mein Leben lang diese Automatismen vom Dienstag antun…

Aber okay, zurück in die Realität. Und da stehen 10 Punkte auf dem Haben-Konto. Deutlich zu wenig. Es wäre sehr wichtig, dass wir unser Heimspiel mal wieder gewinnen“, sagt Ilicevic, während Fink weiterhin große Hoffnungen in Marcus Berg setzt. „Marcus hatte sich schon vor dem Lautern-Spiel aufgedrängt, musste aber taktisch bedingt raus“, so Fink, „und er hat weiter sehr gut trainiert, sich mit Leistung empfohlen.“ So auch in den Testspielen, in denen er vier von neun Treffern erzielte. „Am Wochenende wird er spielen, weil er gut ist“, so Fink, der seine Vorschusslorbeeren erklärt: „Er wird das am Sonntag ganz sicher auch umsetzen.“

Zumal Mladen Petric entgegen erster Hoffnungen gegen Hoffenheim noch nicht dabei sein wird. Fraglich ist zudem David Jarolim, der heute noch nicht mit der Mannschaft trainieren konnte. „Ich kann noch nicht genau sagen, ob es bis Hoffenheim reicht“, sagt Jarolim, „aber ich gehe davon aus. Noch bin ich etwas schlapp – aber das wird schon.“ Dabei machte er wie immer gute Miene zum bösen Spiel. Spekulationen, er sei am Dienstag nach Prag gereist, um sich dort schon mit einem neuen Verein zu unterhalten, dementierte er auf jeden Fall: „Totaler Quatsch. Ich gehe nicht zurück nach Prag.“ Zumindest nicht zum Fußballspielen. Denn er ist noch zu fit, um jetzt schon in eine eher unterklassige erste Liga zu wechseln.

Ebenfalls fit ist Paolo Guerrero, der in Peru im Anschluss an ein Länderspiel einen Auffahrunfall produzierte. „Wir haben mit ihm gesprochen“, so Mediendirektor Jörn Wolf heute, „er ist gut versichert, die Versicherung zahlt – und er kommt heil zurück.“

Na, dann passt doch alles. Fehlen nur noch die drei Punkte. Und, ganz ehrlich: so schön mir die DFB-Elf die 14 Tage Bundesligapause auch versüßt hat, so langsam werde ich echt ungeduldig. Ich will endlich den ersten Heimdreier. Oder besser: überhaupt den ersten Dreier unter Fink. Damit die starken Worte nicht nur starke Worte sind, sondern endlich auch tabellarisch belegt werden. In diesem Sinne, alles wird gut. Zumindest besser. Hoffentlich.

Bis morgen,
Scholle (18.15 Uhr)

Kurz notiert:
Am Freitag wird um zehn Uhr an der Imtech-Arena trainiert. Ohne Mladen Petric, dafür mit Bruma, Ilicevic und höchstwahrscheinlich auch Jarolim.

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