Archiv für das Tag 'Hoffenheim'

Macht es wie Bert – dann klappt’s auch mit Hoffenheim…

30. Januar 2014

Nach außen cool, nach innen heißblütig. So oder so ähnlich hatte sich Bert van Marwijk bei uns zu Amtsantritt vorgestellt. Und das mit dem „cool“ kann ich bestätigen. Van Marwijk fährt eigentlich nie aus der Haut. Weder im Jubel noch in der Krise. Die Kritik an seiner Person in den letzten Tagen prallt an van Marwijk scheinbar ab. „Druck gehört zu unserem Beruf dazu. Wenn man vier Spiele nacheinander verliert, zu Hause gegen Augsburg, Mainz und Schalke verliert, dann würde ja auch etwas nicht stimmen, sollte dann keine Kritik aufkommen. Es ist vielleicht auch ganz gut, wenn das jetzt passiert.“ Worte, die besser kaum gewählt sein könnten. Weil sie stimmen und negative in positive Energie umkehren. Nicht, dass ich in irgendeiner Form esoterisch veranlagt wäre, wirklich nicht! Aber auch ich war mir nicht ganz sicher, wie sich van Marwijk samt Mannschaft aus dem aktuellen Dilemma herauslösen kann, ohne großartig Schaden genommen zu haben.

Jetzt weiß ich’s.

Van Marwijk kontert. Smart sogar. Er macht das taktisch besser als seine Mannschaft auf dem Platz. Der Niederländer setzt auf Ruhe, er will keine Hektik aufkommen lassen. Immer wieder betont er, dass er fest davon überzeugt ist, dass kein Spieler nicht top motiviert ins Spiel gehen würde. Zweisamkeit? Mitnichten. Auch Verunsicherung in der Mannschaft lässt van Marwijk als Grund für die sportliche Talfahrt nicht gelten. Sogar ganz deutlich nicht: „Wenn das bei irgendeinem so ist, dann gehört der nicht auf dieses Niveau.“ Stimmt. Und deshalb schoss der Trainer dem einen oder anderen heute schon einmal mächtig vor den Bug.


Heiko Westermann zum Beispiel. Beim Abschlussspiel im Training ließ van Marwijk den gerade erst wieder genesenen Johan Djourou neben Jonathan Tah in der Innenverteidigung des A-Teams spielen. Und ohne jetzt hier eine Diskussion anfangen zu wollen, ob andere die Degradierung mehr verdient hätten als Westermann – es ist zumindest ein klares Zeichen. Ein deutliches Zeichen an alle, dass es so nicht weitergehen kann und hier niemand verschont wird. Zumal es nicht bei diesem einen Zeichen blieb. Auch Tolgay Arslan muss offenbar seinen Platz räumen. Für ihn agierte der bissige Zugang Ouasim Bouy (trainierte voll mit, obwohl ihm gerade ein Zehnagel aufgebohrt worden war) auf der Sechs neben Milan Badelj. Und van Marwijk scheint tatsächlich viel von Bouy zu halten. Auf die Frage nach Tomas Rincon, dem Inbegriff von Kampf in dieser HSV-Mannschaft, antwortete van Marwijk: „Ouasim Bouy ist auch so ein Typ.“ Punkt.

Und der wird benötigt. Das weiß auch Milan Badelj, der maßgeblich verantwortlich ist im zentral-defensiven Mittelfeld. „Wir können nicht immer erwarten, schön zu spielen und zu gewinnen. Wir brauchen auch das rustikale (er benutzte ein anderes Wort, aber sinngemäß stimmt das so…) Spiel. Gerade in unserer jetzigen Situation ist schöner Fußball nicht wichtig – jetzt zählen Zweikämpfe. Wir müssen bei unseren Fans das Vertrauen zurückgewinnen.“ Ob er das harte Spiel beherrscht? „Klar. Das kann ich.“

Na dann, es wird gebraucht in Hoffenheim am Sonnabend. Auch deshalb probierte van Marwijk im heutigen Trainingsspiel auf der linken Verteidigerposition was Neues aus. Den gegen Schalke schwachen Marcell Jansen degradierte er in die B-Elf und berief den rustikalen Innenverteidiger Slobodan Rajkovic ins A-Team auf die linke Viererkettenseite. Eben jenen Serben, der auf seine Chance brennt wie kein zweiter, wie ich Euch versichern kann. Denn im Gegensatz zu dem einen oder anderen, der der Meinung ist, ich hätte Boban mit dem harten Interview geschadet, sieht er das anders. Ich auch. Deshalb kann ich auch – aber längst nicht nur – aus Sympathiegründen sagen, dass ich mich über eine neue Chance für Rajkovic freuen würde. Denn eines ist mal klar: Slobodan Rajkovic gibt immer Vollgas. Bei dem Linksfuß weiß jeder, was er nie erwarten kann – aber man weiß auch, dass er alles gibt. Und allein das ist in der aktuellen Situation schon sehr wichtig.

Wobei es tatsächlich bitter für Jansen wäre, sollte es so kommen. Denn Marcell hatte gegen Schalke sicherlich einen rabenschwarzen Tag, galt für mich bis dato aber als einer der wenigen, der konstant brauchbare Leistungen abrufen konnte. Und ich bin mir sicher, dass van Marwijk ob seiner ausgeprägten Gelassenheit im Umgang mit dieser Krise das ähnlich sieht. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass van Marwijk einen „Führungsspieler“ abstraft, nur um hart zu wirken. Das hat er auch nicht nötig.

Nein, van Marwijk ist und bleibt sich treu. Er macht, was er für richtig hält und lässt sich nicht reinreden. Ärger nimmt er in Kauf, gehört ja auch dazu, wie er immer wieder sagt. Zumal er kein Sympathieträger sein muss, um ein guter Trainer zu sein. Er will auch gar nicht von allen gemocht werden. Er braucht Gegendruck. Er ist irgendwie wie dieser Winfried aus dem Dschungelcamp – allerdings die intelligente Variante davon. Und moderat als Fachmann auf seinem Gebiet in einer unromantischen Mission. Kurz gesagt: ein desillusionierter Realist. Van Marwijk hat erkannt, was die Uhr in Hamburg schlägt und redet nichts schön. Er weiß, dass er aus der Mannschaft etwas herausholen muss, was kaum mehr da zu sein scheint: Charakter und Selbstvertrauen. Wie er das schaffen will? „Ich weiß es nicht, dafür gibt es kein Mittel, das kann ich nicht trainieren. Denn es wird immer dasselbe sein: von jetzt auf gleich kann alles anders sein.“

Soll heißen, von jetzt auf gleich spielt die in den letzten Spielen tiefst verunsicherte Mannschaft wieder erfolgreichen Fußball. Plötzlich klappt alles. Schwankungen gehören heutzutage dazu, weil die Typen auszusterben drohen. Die heutige Fußballergeneration funktioniert nicht mehr so logisch und klar strukturiert wie früher, wo Niederlagen an der Ehre kratzten bis sie wiedergutgemacht wurden. Das sagt van Marwijk – und er hat Recht, wie ich finde. Dieter wäre jetzt in seinem Element. Dieter würde wahrscheinlich weit ausholen und locker 100 Spielertypen nennen, die es hier mal gab und die dieser HSV von heute bestens gebrauchen könnte.

Und auch ich kann sagen, dass die Spieler zu Beginn meiner Ligazeit andere Typen waren als die, die zum Ende meiner aktiven Zeit kamen. Es wurde immer unpersönlicher, die Spieler immer austauschbarer. Und dieser Zustand scheint sich bis in die höchsten Fußballerebenen durchgesetzt zu haben. Die Typen, die mit richtig Herzblut zu Werke gehen, gibt es kaum noch. Der moderne Fußballer spielt gut, solange es läuft. Und er wechselt (am besten noch höher), wenn es nicht mehr läuft. „Das hat auch mit Charakter zu tun“, klagt van Marwijk an, „heute gibt es doch gar keine Effenbergs oder Matthäus’ mehr. Die heutige Generation guckt sich doch gar nicht mehr in die Augen. Die gucken alle nur noch auf ihre Computer. Und die wenigen Typen, die es gibt, die sind unbezahlbar.“

Deshalb wolle er sich auch gar nicht erst großartig Gedanken machen, ob er einen solchen Spieler jetzt unbedingt braucht oder nicht. Auch nicht über den Stürmertypen, der er zu gern in der Mannschaft hätte – eine Mischung aus Calhanoglu und Lasogga. „Wenn es nicht möglich ist, denke ich auch gar nicht erst drüber nach. Ansonsten bekäme ich nur schlechte Laune.“

Wobei er diese Laune – ob der Tabellensituation und der öffentlichen Kritik nachvollziehbar – hat. Das merkt man, so sehr sich van Marwijk auch bemüht. Der Trainer hat bemerkt, dass hier in Hamburg mit dieser Mannschaft nicht viel zu holen ist. Er hat auch bemerkt, dass der Sportchef Kritik an ihm geäußert hat. Und das sind Dinge, die ihm nicht gefallen. Van Marwijk lässt so nicht mit sich umspringen. Er hat schließlich die längste, erfolgreichste Vita vorzuweisen – und das demonstriert er, indem er intern seine Hierarchie lebt, losgelöst von Ämtern. Kreuzer muss sich demnach erst bei ihm beweisen, nicht er sich bei Kreuzer. Ein Indiz dafür: Heute ruderte der HSV-Sportchef heute mit aller Kraft zurück. Kreuzer versuchte mit aller Macht, seinem Trainer verbal den Rücken zu stärken, nachdem er ihn dafür kritisiert hatte, den Spielern zu viel frei zu geben. „Ich verstehe die Leute, die das in einer solchen Situation komisch finden“, so Kreuzer, ehe er heute sagte: „Es liegt nicht in meiner Absicht, dem Trainer seinen Trainingsplan vorzuschreiben. Ich vertraue Bert da zu 1000 Prozent. Weil ich voll von Bert als Trainer überzeugt bin, er hat einen Plan.“

Na dann. Klingt nach Wiedergutmachungsversuch. Kommt zumindest so rüber und offenbart, dass eben doch nicht alle eine solche Krise unbeschadet überstehen.

Gelöst hat der HSV sein Problem, also das ursprüngliche, damit jedoch lange nicht. Nur zu gern würde ich van Marwijks wahren Gedanken über diese Mannschaft und diesen Verein hören. Der Niederländer hätte sicher eine ganze Menge zu erzählen. So, wie zuvor schon Frank Arnesen als Sportchef (Glückwunsch auch noch mal von dieser Stelle zum neuen Vertrag bei Metalist Charkow!) ist auch van Marwijk schnell aus der ihm geschilderten Welt beim HSV in der harten Realität gelandet. Auch der HSV-Trainer weiß, dass dieser HSV komplett umgekrempelt werden muss, sollte er irgendwann einmal bessere Zeiten erleben wollen. Van Marwijk ist allerdings schlichtweg zu sehr Profi, um sich das anmerken zu lassen…

In diesem Sinne, sollte die Mannschaft das Spiel am Sonnabend nur halb so professionell angehen wie van Marwijk seiner ersten Krise begegnet ist – es würde wohl ein ähnlich klarer Sieg wie in der Vorsaison. Und dennoch ist klar, es wäre nur ein zarter Anfang auf einem mühsamen und noch langen Weg zurück in sichere Gefilde. Denn eines weiß van Marwijk, egal aus welchen Gründen er hier die Spiele nicht gewinnt und tabellarisch abgerutscht ist – gehen muss er als erster. „So ist Fußball eben“, sagt van Marwijk. Und ich will es eigentlich nicht glauben. Aber es stimmt. Leider. Fußball ist eben doch nicht nur schön.

Scholle

P.S.: Morgen wird um 11 Uhr trainiert. Mit Tomas Rincon, der entgegen ersten Gerüchten nicht zu Cardiff wechseln wird.

P.P.S.: Das Video mit Oliver Kreuzer versuche ich seit Stunden hochzuladen – bislang erfolglos. Sollte mir das dennoch irgendwann gelingen, stelle ich es hier und auf unserer Facebookseite (www.facebook.com/groups/matzab) für Euch rein.

P.P.P.S: Michael Mancienne hat sich den Finger gebrochen und muss operiert werden. Der Engländer fällt vier Wochen aus.

Nächste Einträge »