Fink outet sich: “Mein Ziel ist die Europa League”
30. April 2013
Der Typ ist witzig, da lege ich mich fest. Und das sage ich gern auch gegen den Widerstand meiner Kollegen, nachdem Jaroslav Drobny noch immer aus nur ihm bekannten Gründen Gespräche mit der Presse boykottiert. Was aber noch viel wichtiger als sein Sympathiefaktor ist, ist seine Leistungsstärke. Und die hat der Tscheche zuletzt beim 1:0-Erfolg gegen Mönchengladbach unter Beweis gestellt. „Er ist da, wenn man ihn braucht“, hatte der damals noch als Kapitän fungierende Heiko Westermann gesagt – und er hat echt. Hoffentlich. Denn auch am Sonntag beim Spiel gegen den wieder erstarkten VfL Wolfsburg steht Drobny zwischen den Pfosten. Was er dazu sagt? Uns natürlich weiterhin nichts…
Muss er aber auch nicht. Besser ist eh, er lässt Taten sprechen. Und davon gehen beim HSV alle aus. Allen voran Trainer Thorsten Fink.“ Drobo ist ein richtig guter Keeper, dass wir dem voll vertrauen, muss ich gar nicht sagen. Wir haben mit ihm eine zweite Nummer eins, der sich als Teamplayer hervorgetan hat und der für genau diese Momente arbeitet.“ Für die Spiele. Wobei es fast widersprüchlich klingt, immerhin scheint sich Drobny mit der Rolle des Ersatzmannes abgefunden zu haben. Sagt ebenfalls Fink. „Drobo ist die Nummer zwei, ohne, dass er Ansprüche stellt. Er ist für diesen Fall da.“ Eben als Ersatz für den am Sonntag gelbgesperrten René Adler. „Wenn der Verein es finanziell schafft, soll er Drobo behalten. Ganz klar.“ Und Fink verrät auch gleich, warum er dem Verein dazu geraten hat, den Vertrag mit dem 33-Jährigen zu verlängern: „Drobo ist ein Keeper, der auch die Nummer eins sein könnte. Und ich habe mit ihm gesprochen – er hat auch Bock zu bleiben. Obwohl er weiß, dass wir mit René eine andere Eins vor ihm haben.“
Warum sich aber ein Keeper, der zumindest noch immer zum erweiterten Kader der tschechischen Nationalmannschaft gehört, mit dieser Rolle zufrieden gibt? Dafür gibt es nach meinen Informationen mehrere Gründe: Erstens, weil er hier sehr gut bezahlt wird. Zweitens, weil sich seine Familie und er in Hamburg sehr wohl fühlen. Drittens, weil er mit 33 Jahren nirgendwo mehr einen langfristigen Vertrag bekommt und sich für ein Jahr nicht mehr den ganz großen Umzugsstress antun will. Und viertens, weil seine alles andere als jugendlichen Knie und Knorpel ihm sehr dankbar sind, wenn sie nicht wöchentlich der Wettkampfbelastung ausgesetzt sind. Wobei viertens auch der Grund ist, weswegen er (drittens!) nirgendwo mehr langfristige Verträge bekommt.
Egal wie, am Sonntag steht Drobny im Tor und wird versuchen, seinen Teil dazu beizutragen, das heute – man höre und staune – von Trainer Thorsten Fink erstmals offiziell und öffentlich ausgegebene Ziel Europa League zu schaffen (siehe auch im Video: www.facebook.com/groups/matzab). Es sei in der Summe immer noch eine Überraschung, dennoch sei drei Spieltage vor Schluss bei einem Punkt (plus ein nicht mehr aufzuholendes Torverhältnis) Rückstand nichts anderes mehr auszugeben. „Den Gedanken hatte ich schon lange. Aber es hat keinen Sinn gemacht, ihn öffentlich zu formulieren. Weder nach den drei Niederlagen in Folge, noch nach den zwei Siegen. Und klar ist auch: unser Ziel hat sich im Laufe der Saison verändert. Daher gilt ab jetzt: offenes Visier und los!“
Klingt doch gut. Wie so oft. Die Frage ist nur, inwieweit die Mannschaft diesem Druck gewachsen ist. Bislang war sie s nicht. Sie unterlag regelmäßig in den so genannten Big-Point-Spielen. Das letzte Mal deutlich am vergangenen Sonntag mit 1:4 in Gelsenkirchen. Das wiederum war Anlass genug für Fink, auch mal laut die Qualitätsfrage zu stellen. Denn, das ist unverkennbar, dieser Mannschaft fehlt es an Qualität. Fußballerisch – und mental. Und während sich der junge Fußballprofi, wie er beim HSV aktuell vielfach vorzufinden ist, eine gewisse Reife dank der vielen Erfahrungen im Laufe der Zeit aneignen kann, lernt von den aktuellen HSV-Profis wohl keiner mehr den Fußball neu. Soll heißen: Es muss nachgebessert werden, wenn man seinem Ziel entsprechend auch fußballerisch international-tauglich aufgestellt sein will. Auch deshalb hat Fink dies jetzt – noch – leise formuliert. „Ich habe keine 20 neuen Profis gefordert“, relativierte er heute, „aber wir müssen punktuell nachbessern. Zuletzt Schalke hat gezeigt, dass uns noch etwas fehlt. Für ganz oben reicht es nicht.“
Wobei hier eines nicht missverstanden werden darf: Mit ganz oben meint Fink einen der Champions-League-Ränge, die paradoxerweise bis zum 1:4 tatsächlich aus eigener Kraft machbar waren für den HSV.
Nein, Fink spricht offen an, was alle wussten: diesem HSV fehlt fußballerische Qualität. Da dem Klub gleichzeitig auch das nötige Kapital fehlt, um noch mal nachzubessern, hat Fink sich gedacht, mache ich doch eine Win-Win-Situation daraus. Also formulierte er seine Forderungen, entzog sich selbst ein wenig der Verantwortung („Es fehlt Qualität für oben“) und vermittelte seinen Kickern eine Portion Zusatzmotivation, indem er sie so unter den Druck setzte, sich zeigen zu müssen. Denn, und das halte ich für absolut legitim und auch notwendig, Fink will sich bis Saisonende alle Spieler genau ansehen und dann entscheiden, wer bleiben soll und wer gehen kann. Dass der Klub etliche Akteure verkaufen muss, wissen alle. Wer also bleiben will, muss Gas geben.
Zumindest im Optimalfall. Denn, dass Druck auch negative Auswirkungen haben kann, zeigt das Beispiel Heung Min Son. Der Südkoreaner steht seit Wochen im Mittelpunkt diverser Transfergerüchte und Vertragsverhandlungen mit dem HSV. „Das ist Stress und sicher nicht optimal für mein Spiel“, sagte der Angreifer in der vergangenen Woche und fügte optimistisch hinzu: „Aber ich versuche es nicht an mich heranzulassen.“ Auf Schalke schien dieser Versuch bei ihm wie bei fast allen Mitspielern – Jansen, Adler und mit Abstrichen Westermann nehme ich mal raus – gescheitert. Und für das Wolfsburg-Spiel könnte das auch bedeuten, dass Son aus der Sturmmitte rausrückt. „Es ist sehr gut möglich, dass ich Artjoms Rudnevs wieder beginnen lasse“, sagt Fink. Das würde allerdings nicht zwangsläufig eine Rotation Sons auf die Bank nach sich ziehen. Immerhin könne der auch auf der Außenbahn spielen. Zudem werden Dennis Diekmeier nach abgesessener Gelbsperre und Milan Badelj wieder ins Team rücken. Sofern der Kroate fit bleibt. „In der Abwehr werde ich ansonsten nichts verändern. Wer für Milan weichen muss, ist noch nicht klar.“ Allerdings deutet vieles darauf hin, dass es Dennis Aogo treffen wird, nachdem Fink zuletzt Arslan immer wieder positiv hervorgehoben hatte.
Abwarten. Es sind noch vier Trainingseinheiten bis zum Spiel eins nach Finks Outing. „Drei Spiele, die schwierig sind“, so der Coach heute, „aber eben auch absolut machbar. Wir haben allen Grund, optimistisch nach vorn zu schauen. Zumal wir meistens nach einem schlechten Spiel ein sehr gutes haben folgen lassen. Deshalb noch mal deutlich: wir wollen unsere letzten Spiele gewinnen und unser Ziel erreichen: die Europa League.“
Wir auch. Ich auch.
Also, dreimal noch Augen zu und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durch. Und am Ende rechnen wir ab. Denn, bei allem Verständnis für die Kritiker unter uns, sollte es die Europa League werden, hätte es die Mannschaft trotz aller Mängel verdient. Weil die Konkurrenz nicht besser ist.
In diesem Sinne, bis morgen, da wird übrigens um zehn Uhr an der Arena trainiert. Mit Dieter als Beobachter. Euch allen einen schönen Tanz in den Mai garniert mit einem Fußballfest aus Madrid.
Scholle
P.S.: Manfred Ertels unüberlegter Post auf seiner Facebook-Seite hat inzwischen auch die Münchner erreicht. Wie mir mein Münchener Kollege heute aus Barcelona mitteilte, ist die Geschäftsführung der Bayern AG ziemlich verstimmt über den schlechten Scherz des HSV-Aufsichtsratsvorsitzenden. Im Moment soll das Champions-League-Halbfinale nicht gestört werden – allerdings soll es nach der Partie in Barcelona am Mittwoch einen Brief an den HSV geschickt werden, in dem Ertel, den ich heute nicht erreichen konnte, aufgefordert wird, sein Handeln zu erklären. Sofern er dies bis dahin nicht bereits gemacht hat. Fortsetzung folgt…